Claudia am 12. Dezember 2015 — 5 Kommentare

Wieviel Persönliches und Privates kommt ins Blog?

Maria Al-Mana bloggt erst seit zwei Monaten und seitdem treibt sie die Frage um: „Wie nackig, wie privat will ich mich mit meinem Unruhewerk machen? Wie machen andere das?“ Um das zu erfahren, hat sie eine Blogparade gestartet – und hier ist mein Beitrag dazu.

Schreiben was mich bewegt

Ins Netz schreibe ich seit 1996, doch hab‘ ich erst 1999 damit angefangen, unter eigenem Namen zu bloggen. Durch verschiedene Vorläufer-Projekte hatte ich gemerkt, dass meine Interessen sich ändern und ich immer neu „Bekanntmachungsarbeit“ leisten muss, wenn ich etwas Neues starte. Durch die Tagebuch-artige Dokumentation eines Versuchs, mit dem Rauchen aufzuhören, hatte ich außerdem Geschmack am „chronologischen“ Bloggen gefunden: einfach schreiben, was mich bewegt – künftig ohne festgelegtes Thema.

Über alles schreiben?

Eine Strategie in Sachen persönlicher Offenheit hatte ich nie, doch leitete mich die Haltung, eigentlich „über alles“ schreiben zu wollen, was mich bewegt. Ich berichtete also frisch von der Leber weg aus meinem täglichen Leben, online und offline. Dabei ging es allerdings meist nicht um das Erzählen konkreter Erlebnisse in allen Details, sondern mehr ums abstrahierte Reflektieren meiner Erfahrungen – einen Hang zum Philosophieren in der ersten Person hatte ich schon immer. Schreibend kann ich mir selbst meine Haltung zu diesem oder jenem Lebensereignis oder Weltgeschehen klar machen. Dass das auch Andere mitlesen, ist mehr so ein Nebeneffekt, ein Ansporn, möglichst verständlich zu schreiben, verbunden mit der Freude über die Resonanzen, das „gesehen werden“ – aber im Augenblick des Schreibens sind diese Anderen für mich nicht wichtig.

Spektakuläre Selbstentblößungen sind hier dennoch kaum je zu besichtigen. Das mag daran liegen, dass ich das Digital Diary bereits im vorgerückten Alter von 45 gelebten Jahren startete und im Großen und Ganzen mit mir und meinem Leben im Reinen war. Allerdings thematisierte ich auch die Vergangenheit und ihre schlimmsten Tiefpunkte, ich teilte meine Sorgen in einem heftigen Finanztief und bekam dadurch Hilfe, die ohne diese „Offenheit“ nicht möglich gewesen wäre. Wer mal die Seite „alle Artikeln seit 1999“ sichtet, wird merken, dass ich kein wichtiges Lebensthema ausspare: Liebe, Geschlecht, Erotik, Beziehung, Altern, Krankheit, Sterben, Arbeit, Freude, Schmerz und Zärtlichkeit. Erst in letzter Zeit dominiert das „Weltgeschehen“ – ein Trend, der mir nicht nur gut tut.

Über alles, aber nicht über Andere!

Es gibt bei all diesen Themen ein unausgesprochenes Tabu, das mir immer schon selbstverständlich war: Ich schreibe über mich, berichte Erlebnisse aus persönlicher Sicht, schreibe aber nicht über Andere. Das mag schwierig erscheinen, denn niemand lebt sein Leben als abgeschottete Monade, stets alleine und nur mit sich selbst zu gange. Das eigene Erleben ist allermeist ein interaktives Geschehen: Partner, Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Auftraggeber und Nehmer spielen wichtige Rollen, die mein Leben mitbestimmen. Dennoch kommen sie in meinem Artikeln niemals als konkrete Personen vor, denn damit würde ich ihr Recht, selbst zu bestimmen, was sie von sich öffentlich machen wollen, drastisch verletzen.

Wenn es unvermeidlich erscheint, bestimmte Mitmenschen zu erwähnen, belasse ich es bei abstrakten Formulierungen wie „ein lieber Freund“ – und manches berichte ich auch nur in der Rückschau, viele Jahre später. In einigen sehr autobiografischen Texten kommen meine Eltern ganz gelegentlich mal vor, doch immer so, dass ich auch ihnen gegenüber heute nicht anders sprechen würde, wären sie noch am Leben. An der Stelle übe ich auch deshalb besondere Zurückhaltung, weil es ja nicht nur meine Eltern waren – und meine Schwestern leben zum Glück noch!

Sollte es doch im seltenen Fall einmal nötig sein, etwas über eine Person zu berichten, weil der Artikel sonst nicht sinnvoll schreibbar wäre, frage ich die- bzw. denjenigen vorher an, ob ich das so schreiben darf.

Fragen und Antworten

Maria Al-Mana stellt im Rahmen ihrer Blogparade Fragen, auf die ich nun direkt eingehe, anstatt lange drumrum zu schreiben:

Lasst ihr euch von Emotionen leiten?

Emotionen sind immer beteiligt, doch schreibe ich fast nie spontan aus einer „Gemütswallung“ heraus. Wenn es um persönlich sehr berührende Themen geht, ist das Schreiben für mich ja der Weg, selber Klarheit zu gewinnen – also gerade kein Ventil, um Gefühle auszuagieren. Im Kontext meiner derzeit dominierenden Artikel über das „Weltgeschehen“ kommt es aber schon mal vor, dass ich eine Art „Wutrede“ verfasse über das, was mich gerade aufregt.

Gab es Situationen, in denen ihr persönliche Dinge gepostet habt, die euch unerwartet Bauchschmerzen gemacht haben? Oder die dumme Situationen und/oder Reaktionen hervorriefen?

Nein, da fällt mir tatsächlich nichts ein. „Dumme Reaktionen“ kommen allenfalls bei den Themen zum Weltgeschehen, indem sich etwa mal genau jene Leute einfinden und „vom Leder ziehen“, denen ich mit dem Artikel auf die Füße trete. Das ist allerdings erwartbar und ich kann damit umgehen. (Wenns mal besonders ätzend wird, schalten sich auch liebe Stammleser/innen ein, wofür ich sehr dankbar bin!)

Wünscht ihr euch, mutiger/offener im Netz zu sein, traut euch aber (noch) nicht?

Nicht bezüglich der persönlichen Themen, da kann ich – auf meine Art – alles schreiben, was mich bewegt. Anders bei gesellschaftlichen Themen: da bemerke ich in letzter Zeit eine Art „Schere im Kopf“, die mich davon abhält, in so manches gefühlte Wespennest zu stechen. Die Debattenkultur im Netz hat sich derart unterirdisch entwickelt, dass mich die Vorstellung, welche wüst schimpfenden, sachlichen Diskussionen völlig abgeneigten Horden hier einfallen könnten, schon mal abschreckt. Auch ganz abgesehen von jenen, die sich übel aufführen, bemerke ich ein schlimmes Schubladendenken mit klaren Freund/Feind-Bildern im Stil von: Wenn sie dieses oder jenes auch nur anspricht, ist sie unten durch! Dieses Wissen belastet mein Schreiben durchaus, denn ich will eigentlich nicht streiten, sondern nach sinnvollen Lösungen für Konflikte suchen. Es deprimiert mich also, dass manche nicht mal mehr bereit sind, über bestimmte Themen auch nur zu sprechen.

Habt ihr eure Sichtbarkeits-Strategien jemals bewusst geändert, von „Da halt ich mich mal lieber bedeckt“ zu „mehr Offenheit“ – oder umgekehrt?

Zur Zeit denke ich darüber nach, ob und wie ich manche Themen trotz der damit verbundenen „gefühlten Brisanz“ angehen könnte. Wer weiß, vielleicht komm‘ ich auf die alten Tage sogar noch zu einem pseudonymen Blog, obwohl das eine Möglichkeit ist, die mir nicht wirklich gefällt.

Oder haltet ihr solche Strategien ganz grundsätzlich für völligen Blödsinn? Wenn ja: warum?

Solche Überlegungen entstehen entlang an konkreten Schreibvorhaben oder Erlebnissen mit bereits veröffentlichten Artikeln – lass es auf dich zukommen und denke DANN drüber nach! :-)

Gibt es so etwas wie ein Idealbild eurer Präsentation im Netz? Wie viel Offenheit enthält das? Und wie erreicht ihr dieses Idealbild?

Ich möchte authentisch rüber kommen und denke, das gelingt mir auch. Eine wie auch immer gelebte „Spaltung“ zwischen meiner Netzidentität und meiner realen Wirklichkeit wäre mir viel zu anstrengend. Beim Thema „Ideal“ fallen mir allenfalls Wünsche ein, wie ich gerne mehr, besser, intensiver, tiefer schürfend bloggen könnte. Auch bräuchten diverse andere Blogs und Seiten von mir ein Update, mehr Pflege und Erneuerung – oder eben die konsequente Schließung. Wie ich das erreiche? Das frag‘ ich mich auch immer wieder! :-)

Gibt es unter euch Blogger, die über diese Frage noch nie nachgedacht haben? Oder habt ihr euer Blogthema von Anfang an schon bewusst so gewählt, dass ihr euch solche Fragen erst gar nicht stellen müsst? Wenn ja: Wie geht es euch damit? Fehlt euch da manchmal die „persönliche Note“?

Damit ist das Thema „Gemischtwarenblog“ versus „Themenblog“ angesprochen. Seit Google Themenseiten massiv präferiert, ist die Entscheidung „welches Thema blogge ich wo?“ relevanter geworden, nicht nur bezüglich der Frage nach der „Offenheit“. So hab‘ ich diverse Blogs begonnen, um besser gefunden zu werden, aber auch, um meine Leserinnen und Lesern nicht massiv mit Sonderthemen zu vergraulen, für die sie sich gar nicht so interessieren – etwa zum Thema Ernährung, zum Gartenhobby, zum Dampfen statt Rauchen, aber auch zur „Kunst des Alterns“.

Nun schaffe ich es leider nicht, die alle in gebotener Regelmäßigkeit zu „bespielen“, eine persönliche Note haben sie jedoch alle. Die Ausgliederung bei den Themen Garten, Ernährung und Dampfen sehe ich auch jetzt noch als sinnvoll an, nicht aber bei „Kunst des Alterns“, das hätte gerne hier bleiben können und vermutlich werde ich das Blog schließen. Altern ist sehr persönlich und gehört nicht „ausgegliedert“. Es war wohl auch die Angst damit verbunden, durch entsprechende Beiträge „zum alten Eisen gezählt“ und nicht mehr ernst genommen zu werden – Bedenken, über die ich mittlerweile hinaus gealtert bin. :-)

Wenn ihr andere Blogs anseht: Mögt und folgt ihr eher denen mit „persönlicher Note“ – oder lieber jenen, die (so weit das geht…) „neutral“ daher kommen?

Komplette „Neutralität“ langweilt mich. Das Web steht voll mit magazinigen Info-Blogs zu diesem und jenem. Sofern es nützliche, gut aufbereitete Infos sind, nutze ich sie natürlich, sofern ich per Suchmaschine drauf lande, aber ohne die Persönlichkeit dahinter bleibt es dann auch bei dieser „lexikalischen Nutzung“.

Wie viel Sichtbarkeit im Netz verträgt das berufliche, private und persönliche Selbst-Bild? Wie wägt ihr ab? Was zeigt ihr, wie viel von euch? Und was – warum? – nicht?

Beruflich bin ich in dieser Hinsicht privilegiert, da ich als Freiberuflerin im Homebüro übers Netz arbeite. Das sind also keine Kollegen in einem über Jahre geteilten Büro, die über meine Postings tratschen könnten oder wollten. Über meine Auftraggeber schreibe ich nicht, habe aber keine Bedenken, dass sie meine Artikel lesen könnten. In aller Regel haben sie kein so weit gehendes Interesse an meiner Person – und wenn doch, handelt es sich eher um freundschaftliche Kontakte, die AUCH eine berufliche / professionelle Seite haben. Also auch kein Problem, sondern erwünschtes Mitlesen!

Fast vergessen: ich blogge auch beruflich für kleine und mittlere Unternehmen. Soweit dort ein persönlicher Touch und nicht lediglich Sachinhalte erwünscht sind, spreche ich dort „als das Unternehmen“. Als Person spiele ich dabei keine Rolle, außer eben als Content-produzierende Dienstleisterin – und mir ist das ganz Recht so!

***

Ich bedanke mich herzlich bei Maria Al-Mana für die Inspiration und den Anstoß, mal wieder über das eigene Bloggen nachzudenken! Tut mir gerade gut, denn in letzter Zeit bin ich viel zu sehr auf die „böse Welt“ konzentriert und verliere mich zu sehr in der Resonanz auf die Abgründe, die das Weltgeschehen derzeit bietet.

***

Das Thema ist mir nicht zum ersten Mal begegnet. Ich werde eine Kategorie dafür einrichten:

Vom Schreiben – das innere Selbst ausdrücken,

Was ich nicht schreiben kann,

Postprivacy: Über Krankheiten schreiben?,

Warum Literatur? Kleine Meditation über das eigene Schreiben,

Vom Schreiben und Erkennen,

Schreiben hilft – aber wie?,

Sich veröffentlichen: Vom Schreiben und vom NICHT schreiben,

Von sich schreiben – Reflexionen in der ersten Person.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Wieviel Persönliches und Privates kommt ins Blog?“.

  1. Liebe Claudia, ich hab die Blogparade ja auch darum ins Leben gerufen, weil ich der Ansicht bin: Diese Fragen sollte man nicht auf die „leichte Schulter nehmen“…. Und bin dir jetzt von Herzen dankbar für deine wirklich profunde Auseinandersetzung mit all meinen Fragen! Fühl mich auch ein bisschen gebauchpinselt, dass eine „alte Häsin“ wie du sich so darauf eingelassen hat. DANKE!
    Herzlichen Gruß
    Maria

  2. […] Wirklich stolz bin ich, dass eine so langjährig erfolgreiche Bloggerin wie Claudia Klinger einen halben Vormittag investiert hat, um an meiner Blogparade teilzunehmen…. Ich „kenne“ sie natürlich schon länger, ist sie doch bereits seit 1996 aktiv im Netz. Vermutlich aber ist auch ihr „Hang zum Philosophieren in der ersten Person“ mit daran schuld….  denn diesen Hang teile ich. Ihr Beitrag ist unglaublich profund, spart auch Themen wie die Debattenkultur im Netz und/oder „das Weltgeschehen“ nicht aus…. Natürlich begegnen ihr Fragen nach der Blog-Offenheit nicht zum ersten Mal — und darum hat sie eine eigene Rubrik in ihrem Blog claudia-klinger.de eingerichtet, wo sich noch viel mehr zum Thema finden lässt…. lesen! Und zwar am Ende ihres Beitrags zur Blogparade. Und der steht hier. […]

  3. Liebe Maria, hab Dank für deine Wertschätzung und dein Engagement!
    Die neue Kategorie ist mittlerweile eingerichtet – schon eigenartig, wie viele Beiträge ich zum Thema schreiben & bloggen fand! (dabei bin ich nur die gute Hälfte zurück gegangen…)

    Du hast mir mit deiner Blogparade den Anlass geboten, den ich gerade gut brauchen konnte: Weg vom Kreisen ums Elend der Welt – und mal wieder hin zu Blogpostings, die anders sind als „noch ne Meinung zu XYZ“.

    Nicht, dass ich wirklich ganz vom „Weltgeschehen“ ablassen könnte oder wollte, aber irgendwie bin ich zu sehr abgedriftet in die Peripherie, weg von „mir selbst“: dieses ruhige Auge in der Mitte des Orkans, das alles beobachtet und – als erstmal gleich Gültiges – bedenkt. Grade so, als wäre Innen und Außen, Anderes und Eigenes ganz dasselbe.

  4. […] auch die haben Kunden, denen eine zu große Offenheit unter Umständen sauer aufstoßen könnte. Claudia Klinger sagt: „Beruflich bin ich in dieser Hinsicht privilegiert, da ich als Freiberuflerin im Homebüro […]

  5. […] Claudia Klinger sieht das ähnlich, als sie sich Gedanken über die Zusammenstellung ihrer verschiedenen Blogs macht: „Altern ist sehr persönlich und gehört nicht ‚ausgegliedert‘. Es war wohl auch die Angst damit verbunden, durch entsprechende Beiträge ‚zum alten Eisen gezählt‘ und nicht mehr ernst genommen zu werden – Bedenken, über die ich mittlerweile hinaus gealtert bin. :-)“ […]

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