Claudia am 22. August 2005 —

Durch die Wüste zu den Sternen?

Meldungen aus dem persönlichen Finanztief

Als ich kürzlich in einem Forum erwähnte, dass mein Konto derzeit zwischen plus und minus 500 schwankt, hat mir ein eifriger Moderator den Satz wegzensiert: „Hey, denk noch mal drüber nach, ob du das wirklich schreiben willst!“ Diese ungebetene Sorge um meine finanzielle Privatsphäre hat mich seltsam berührt, handelte es sich doch um ein erotisches Forum, dessen Teilnehmer ein weitgehend „tabuloses“ Selbstverständnis in Bezug auf die verhandelten Themen pflegen. Wie man sich fühlt, wenn man komplett in Aldi-Klarsichtfolie verpackt ist, darf berichtet werden, aber beim Geld ist Schluss mit lustig!

Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ist bei „abhängig Beschäftigten“ aus bekannten Gründen zur allgemein üblichen Geste geworden, doch von Selbständigen wird nach wie vor erwartet, dass sie eine Aura des Erfolgs um ihre berufliche Sphäre erzeugen. Wer hat, dem wird gegeben, deshalb tun wir lieber so, als hätten wir genug, zumindest aber keine echten Probleme! Allenfalls die allernächsten Freunde erfahren, wie es wirklich steht – und manche trauen sich nicht einmal das, fressen ihre Sorgen in sich hinein, pflegen eiserne Selbstdisziplin und verdoppeln ihre Anstrengungen, um „irgendwie“ die Fassade des Funktionierens aufrecht zu erhalten: Bloß nicht schwächeln! Bis sie vielleicht eines Tages durch Krankheit oder Unfall gewaltsam aus der Bahn geworfen werden, deren freiwilliges Verlassen gänzlich undenkbar schien. Das zumindest wird mir nicht passieren!

Hartz 4?

Als ich vor ein paar Tagen darüber nachdachte, ob ich demnächst „Hartz4“ beantragen soll, um meine übernächste Miete zu sichern, war ich an einem Tiefpunkt angelangt: Ein langjähriger Kunde ist quasi insolvent und zahlt ausstehende Honorare nicht, mit denen ich fest gerechnet hatte. Den Schreibimpulse-Kurs zum Thema „Altern“ musste ich verschieben, da mir Teilnehmer abgesprungen waren – und mehr braucht es gar nicht, um mich in echte existenzielle Nöte zu versetzen, denn über Rücklagen verfüge ich nicht. Als sich dann noch der Gerichtsvollzieher wegen einer uralten Inkasso-Sache aus wilden Jugendjahren ankündigte, erschien mir der Punkt erreicht, meine Selbständigkeit an den Nagel zu hängen und mich ins Meer der Arbeitslosen einzureihen. Zumindest hätte ich dann wieder mehr Zeit und Muße zum Schreiben: wer vermittelt schon eine 50plus, die fast ein Jahrzehnt selbstständig war und alles Andere als einen marktkompatiblen Lebenslauf vorzuweisen hat!

Die Schachspielerin, die ich früher einmal war, meldete sich im Hinterkopf zu Wort: WAS DROHT? Die schlimmste aller denkbaren Möglichkeiten ins Auge fassen und schauen, ob ich damit leben kann – so hatte ich Schach gespielt, so begegne ich noch immer Schwierigkeiten, wenn sie sich zeigen. Nun defilierten also die zu erwartenden Härten vor meinem inneren Auge vorbei: Statusverluste? Kein Problem, an so etwas hatte ich nie gehangen. Armut? Ich lebe sowieso sehr bescheiden, was soll’s! Umzug in eine kleinere Wohnung? HALT! Das will ich nicht! Meine zwei großen Altbauzimmer mit viel Licht und genug Raum über dem Kopf, mit Ausblick auf mehr als nur eine Hauswand gegenüber – daran hänge ich! Da ich zuhause lebe und arbeite, brauche ich eine Umgebung, die mich nicht mit Enge und Dunkelheit bedrückt. In irgend ein Hartz4-verträgliches Loch will ich nicht ziehen – was für ein übertriebener Aufwand auch, wenn man bedenkt, dass schon bald alles wieder viel besser aussehen könnte!

Einige Zeit kreiste ich in deprimierenden Zukunftsvorstellungen, kritisierte mich selbst für das „Anhaften“ am Luxus (Wohnung!), das eine leidvolle Beschränkung meiner Flexibilität bedeutet. Wer an nichts hängt, braucht keinerlei Verluste fürchten – ich sehnte mich nach der Freiheit der Asketen und Stoiker und imaginierte mir Zilles zugige Dachkammer als künftiges Rufugium: ob ich mich daran gewöhnen könnte?

Mein innerer Problemlösungsautomat schlug mir vor, mir im Fall des Falles lieber eine Bürogemeinschaft zu suchen, wo ich z.B. gegen Web- oder auch Putzdienstleistungen in Höhe der Miete meinen gewohnten Tag am „Cockpit der Macht“ verbringen könnte – und an dieser Stelle erkannte ich endlich, dass ich auf dem falschen Dampfer war! Egal, wie materiell beschränkt und schwierig meine Zukunft werden würde, ich sah mich darin nie und nimmer als das, worauf ich mich gerade behördentechnisch versuchsweise einlassen wollte: als ARBEITSLOS.

Die Liebe zur Arbeit

„Venus im sechsten Haus: Sie haben eine Begabung, die vielen Menschen abgeht: Sie lieben Ihre tägliche Arbeit!“. Zwar glaube ich nicht an Astrologie, doch dieser „Aspekt“, den mir ein lieber Freund neben anderen horoskopischen Bemerkungen zuschickte, trifft den roten Faden, der sich durch mein gesamtes Arbeitsleben zieht. Es ist eine Wahrheit mit einer hellen und einer dunklen Seite: Was ich tue, tue ich mit Begeisterung und Herzblut – wenn ich mich aber nicht begeistern kann, bringe ich auch nichts zustande. „Irgend etwas“ tun, egal was, nur um Geld oder noch mehr Geld zu verdienen, war mir immer vollkommen fremd. Abstraktes Marketing, das von der eigenen Person absieht und ausgewählten Zielgruppen Dienste anbietet, die so auch jeder Andere im gleichen Metier anbieten könnte, war nie meine „Methode“, um an Aufträge und Jobs zu kommen. Ich war überhaupt nie methodisch, sondern lebte ein aktives Leben, mischte mich ein, wo mich ein Thema interessierte, leistete Beiträge im Rahmen meiner Fähigkeiten, entwickelte Ideen und Projekte, oft jenseits jedes kommerziellen Gedankens. Dies aber nicht aufgrund einer wie immer gearteten moralischen Verurteilung des Geld Verdienens, nicht aus Ressentiment gegen „Kommerzialisierung“, sondern einfach, weil ich andere Prioritäten lebe, die mir so selbstverständlich erscheinen wie ein bestimmter Geschmack in der Wahl der Klamotten. Ich verwirkliche mich arbeitend, drücke mich dadurch aus – und der Aspekt des Gelderwerbs ist mir inhaltlich ungefähr so wichtig wie der unvermeidbare Papierkram, der mit fast allem einhergeht, was man in dieser Welt unternehmen kann.

Die Liebe zur Arbeit – ein Luxus, den man sich leisten können muss? Eine Krise wie die jetzige stellt in aller Schärfe aufs Neue die Frage: Soll, kann, muss ich mich ändern? Ist diese Einstellung, die ich eher wie eine Veranlagung empfinde, das Problem? Sie hat mich zwar nie reich gemacht, doch ging es mir auch nie wirklich schlecht. Immer gab es Menschen, die genau das nachfragten, was ich gerade anbot – sei es, dass sie mich im Rahmen meiner frei gewählten Arbeiten kennen lernten und unbekannten Dienstleistern vorzogen, sei es, dass sie direkt an dem Gefallen fanden, was ich inszenierte (z.B. die Schreibimpulse-Kurse). Manche mögen die Art, wie ich Webseiten gestalte und empfehlen mich weiter, andere schätzen meine „Schreibe“ – Aufträge kamen allermeist wie von selbst, was mich gar nicht in die Lage kommen ließ, mich irgendwie „anpreisen“ zu müssen.

Dass die Zeiten schlechter wurden, merkte ich gleichwohl. Immer öfter musste ich den Dispo in Anspruch nehmen, die vierteljährliche Umsatzsteuer klappte „gerade so“ – und jetzt hat sich die Lage in einer Weise zugespitzt, dass Veränderungen unvermeidlich scheinen. Aber welche? „Hartz 4“ ist keine Lösung, allenfalls ein Weg, der gegangen werden muss, wenn sonst nichts mehr geht. Was aber ist in meinem Fall dieses „sonst“? Soll ich versuchen, was ich noch nie beherrschte: Marketing auf Teufel komm raus? Mich in alle möglichen Dienstleister-Datenbanken eintragen, Zielgruppen anschreiben, Business-Netzwerken beitreten, kommunizieren allein um des kommerziellen Effektes willen?

Ich käme mir dabei ähnlich vor, wie wenn ich versuchte, auf einmal sehr weibliche Rüschchenkleider zu tragen: so authentisch wie ein Karnevals-Transvestit ohne echte Neigung! Gleichzeitig würde ich mit denen konkurrieren, denen diese Art Selbstvermarktung selbstverständlich ist und oft sogar Freude macht – keine wirklich erfolgversprechende Aussicht. Die Dachkammer liegt mir da glatt näher!

Energie!

So grübelte ich also in etlichen düsteren Stunden über die Lage, empfing zwischendurch den Gerichtsvollzieher, der sich nicht mal groß umsah, sondern gleich sagte: „Ich taxiere ihre Wohnung mit einem Blick: Sie sind vermögenslos im Sinne des Gesetzes!“. Wo er Recht hat, hat er Recht – aber was mach‘ ich jetzt?

Keine Stimmung, kein Gefühl hält sich über längere Zeit, wenn man es einfach betrachtet. Überrascht merkte ich, wie sich meine Laune wieder besserte. Ja, auf einmal spürte ich die brisant-abenteuerlichen Aspekte meiner Situation: Etwas NEUES beginnen, alle Trägheit hinter mir lassen, wieder aktiv werden und Ideen umsetzen, anstatt im Gewohnten zu verharren – wer nichts hat, hat nicht viel zu verlieren, und wer zuwenig Aufträge hat, hat Zeit!
Warum nicht Dinge tun, die mir lange schon durch den Kopf geistern, denen ich bloß nicht näher trat, weil sie zu entlegen oder gar „zuwenig kommerziell“ erschienen? Wer aktiv ist, dem tun sich neue Möglichkeiten auf, die dem grübelnden Verstand per direkter Suche weder auf- noch einfallen. Und Fakt ist, dass ich weit besser „im Geschäft“ war, als ich noch keinen Gedanken daran verschwendete, ob das, was ich gerade tue, auch einen „Return on Invest“ haben wird. Vielleicht ist ja meine „Veranlagung“, diese Liebe zur Arbeit mit Herzblut, nicht etwa das Problem, sondern die Lösung? Und ich bin nur vom Wege abgewichen, hab‘ mich einlullen lassen vom Mainstream, mir ein schläfriges „business as usual“ mit Stolz aufs freie Wochenende angewöhnt, das kaum mehr die Highlights vermittelt, die lange Zeit „Claudia Klingers Webwork“ ausmachten?

Ein Kribbeln im Bauch, im Wind ein lang vergessener Blütenduft – Veränderung geschieht, ich werde sie zur Begrüßung umarmen!

, Geld

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