Claudia am 21. Januar 2026 — 6 Kommentare

Frankly Fukuyama (USA): Europe: Don’t Back Down!

„Frankly Fukuyama“ ist der Name des Podcasts von Francis Fukuyama: ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler, Politökonom und Experte für internationale Beziehungen. Sein aktueller Rat für Europa in einem kurzen Video hat mich beeindruckt, deshalb veröffentliche ich hier den Text in deutscher Übersetzung:

Am Wochenende kündigte Donald Trump an, dass er ab dem 1. Februar einen Zoll von 10 % auf acht europäische Länder erheben würde, die sich bereit erklärt hatten, Truppen nach Grönland zu entsenden, und dass die Zölle bis zum 1. Juni auf 25 % erhöht würden, wenn sie sich nicht bereit erklärten, den Verkauf der Insel an die Vereinigten Staaten zu unterstützen. In den letzten paar Monaten gab es eine Debatte darüber, ob Trump es ernst meinte, Grönland für sich zu beanspruchen, oder ob er nur die Europäer trollte.

Es scheint, dass er es tatsächlich todernst meint!

Als Amerikaner möchte ich meinen vielen europäischen Freunden eines sagen: Gebt in dieser Auseinandersetzung nicht nach.

Bisher haben sowohl die EU als auch die großen europäischen Mächte versucht, Trump zu beschwichtigen, indem sie ihm Zugeständnisse, Schmeicheleien, persönliche Geschenke und andere Formen von Tribut anboten. Diese Strategie hat nicht funktioniert und sollte sofort aufgegeben werden.

Donald Trump ist im Grunde ein Tyrann, der jeden um sich herum beherrschen will. Ihn mit Zugeständnissen besänftigen zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen. Er verachtet Schwäche und diejenigen, die sie zeigen. Im vergangenen Frühjahr schloss die EU ein Handelsabkommen mit ihm, das einen Zoll von 15 % auf alle europäischen Waren ohne Vergeltung gegen amerikanische Produkte akzeptierte. Das war eine schlechte Entscheidung. Die EU, die in Bezug auf Bevölkerung und Wohlstand auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten ist, hätte eine gemeinsame Position einnehmen und Vergeltung üben sollen.

Was lässt irgendeinen Europäer glauben, dass die Konzession von Grönland Trump beschwichtigen wird? Er wird einfach später für mehr zurückkommen!

Die Argumente, die die Europäer für eine konzessionäre Politik angeführt haben, sind, dass sie immer noch von den Vereinigten Staaten für ihre Sicherheit abhängig sind und Hilfe bei der Bewältigung Russlands benötigen. Sie argumentieren auch, dass sie keinen gegenseitig zerstörerischen Handelskrieg provozieren wollen. Aber zu diesem Zeitpunkt hat Trumps Amerika hinreichend bewiesen, dass es kein verlässlicher Verbündeter sein wird, wenn es hart auf hart kommt. Es hat die Ukraine bereits im Stich gelassen und in seinem nationalen Sicherheitsstrategiepapier erklärt, dass Europa in Bezug auf die amerikanischen Prioritäten hinter die westliche Hemisphäre zurückgefallen ist.

Sie sollten bedenken, dass diejenigen Länder, die sich Trumps Drohungen im Jahr 2025 widersetzt haben, zu denen Brasilien, Indien und China gehören, sich tatsächlich gut entwickelt haben. Sie haben die Unterstützung im Inland erhöht, und im Fall von China haben sie Amerika zum Rückzug gezwungen.

Meine europäischen Freunde sollten bedenken, dass Donald Trump nicht die Vereinigten Staaten sind. Eine Mehrheit der Amerikaner ist bestürzt und empört über seine Politik, und sie werden bei den kommenden Wahlen im November wahrscheinlich gegen ihn und die Republikanische Partei stimmen. Es kann sein, dass die Welt eine globale Rezession erleiden muss, wenn sich mehr Länder gegen Trump stellen und seine Politik mit Vergeltungsmaßnahmen belegen. Aber ein US-Politiker, der den Handel als Waffe einsetzen und ihn als Instrument für territoriale Bereicherung nutzen will, muss wirklich gestoppt werden.

***

Ob die Midterms wirklich eine Wende bringen, erscheint mir keinesfalls sicher, selbst wenn eine Mehrheit gerne gegen Trump stimmen würde. Er hat ja schon (angeblich als Scherz) verlautbart, man brauche keine Wahlen mehr. Zudem gibt es eine Menge Tricks, die Menschen am Wählen zu hindern.

Dass das EU-Parlament das Merkusor-Abkommen heute nicht beschlossen hat, finde ich im aktuellen Kontext beschissen!

***

Und sonst:

Und ein tolles Video:

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
6 Kommentare zu „Frankly Fukuyama (USA): Europe: Don’t Back Down!“.

  1. Danke für die Verlinkung, Claudia.

    Nach Trumps Rede urteilte ein Prof. bei Phoenix: Trumps Mäandern in seiner (wie gewöhnlich) unstrukturierten Rede wäre schon fast peinlich gewesen.

    Wenn man einen roten Faden erkennen wolle, wäre dieser die Selbstbeweihräucherung Trumps von Anfang bis Ende. Der Mann kann nicht gesund sein. Das wäre mein Eindruck in kurzen Worten.

  2. Für einen Politikwissenschaftler ist das in der Tat eine bemerkenswerte Vereinfachung, um nicht zu sagen Unkenntnis, europäischer Entscheidungsprozesse. Fukuyama argumentiert so, als gäbe es ein politisches Subjekt „Europa“, das mit einem Machtwort eine einheitliche Linie gegen Trump durchsetzen könnte. Dieses Subjekt existiert schlicht nicht.

    Es gibt niemanden, der „für Europa“ sprechen kann, weder rechtlich noch politisch: Kommission, Rat, Parlament und die Mitgliedstaaten haben jeweils eigene Logiken, Mehrheiten und Agenden.

    Ein geschlossenes „Gegenhalten“ ist mit Regierungen wie Orbán in Ungarn oder Meloni in Italien nicht zu machen. Beide sitzen mit Vetorechten im Rat und haben innenpolitisch wenig Anreiz, sich in eine harte Anti‑Trump‑Front einzureihen.

    Staaten wie Polen oder die baltischen Länder werden – aus sehr nachvollziehbaren historischen und geostrategischen Gründen – immer anders auf einen US‑Präsidenten reagieren als etwa Frankreich. Warschau und Vilnius gewichten Sicherheitsgarantien gegen Russland fundamental anders als Paris, das sich viel stärker auf „strategische Autonomie“ fokussiert.

    Gerade vor diesem Hintergrund sind die vorhandenen Reaktionen alles andere als trivial:
    Die schnellen und klaren Solidaritätsbekundungen mit Dänemark in der Grönland‑Frage zeigen, dass die EU politisch zusammenrücken kann, wenn ein Mitglied eindeutig unter Druck gesetzt wird.

    Dass das Europäische Parlament den bereits mühsam verhandelten Zolldeal aussetzt bzw. blockiert, ist institutionell und innenpolitisch ein ziemlich starkes Signal; zumal gegen den vereinten Druck von Mitgliedstaaten, Lobbyverbänden und Kommission.

    Fukuyamas Wunsch nach einer kohärenten, scharf konturierten europäischen Machtpolitik ist nachvollziehbar, aber er abstrahiert von den realen institutionellen und politischen Bruchlinien in der EU. Wenn man diese Realität ernst nimmt, ist das, was Europa aktuell an Geschlossenheit zustande bringt, eher bemerkenswert als beschämend.

    Ob das letztlich ausreicht, steht freilich auf einem anderen Blatt

  3. @Brendan: Hey, das weiß er doch, der ist doch nicht blöd, sondern ein bekannter Autor, Politikwissenschaftler, zudem Direktor des Zentrums für Demokratie, Entwicklung und Rechtsstaatlichkeit am Freeman Spogli Institute for International Studies der Stanford University.

    Seine Rede ist als Apell an alle EÚ-Staaten zu verstehen, sich hier mal zusammenzureissen und nicht spalten zu lassen.
    Und es hat ja ganz gut funktioniert:

    • wenige Stunden zuvor (vor dem Gespräch mit Rutte = „Wende“) hatte das EU-Parlament im Gegenzug zu Trumps Zollandrohung die Ratifizierung des Handelsdeals mit den USA gestoppt
      Und: „Obwohl Trump am 21. Januar seine unmittelbaren Zollandrohungen nach einem Gespräch mit dem NATO-Generalsekretär vorerst zurückzog, bleibt die Arbeit des EU-Parlaments am Deal bis auf Weiteres eingefroren. Die EU-Abgeordneten fordern eine Rückkehr zur kooperativen Handelspolitik, bevor der Ratifizierungsprozess fortgesetzt wird“
    • Die EU drohte auch mit dem Einsatz ihres Anti-Coercion Instruments (ACI), der sogenannten „Handels-Bazooka“. Dieses Werkzeug ermöglicht es der EU, ohne langwierige WTO-Verfahren rasche und umfassende Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen. (hier: automatische Inkraftsetzung von Zöllen in Höhe von 93 Milliarden vor, die am 7. Februar 2026 fällig geworden wären, sogar Ausschluss vom Binnenmarkt wäre damit möglich gewesen, wenn auch unwahrscheinlich)
    • In Finanz- und politischen Kreisen kursierte die Drohung, dass europäische Zentralbanken und Investoren als Reaktion auf die Grönland-Zölle massiv US-Staatsanleihen verkaufen könnten. Das hätte die Stabilität des US-Dollars gefährdet und die Kreditkosten für die USA in die Höhe getrieben.
      Dänische und schwedische Pensionsfonds haben das bereits getan bzw. angekündigt. Europäische Länder halten mehr als 10 Billionen US-Dollar an US-Anleihen und -Aktien. Das ist fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen – Europa ist de facto der größte Kreditgeber der Vereinigten Staaten.

    Es kommt nicht immer darauf an, dass sich alle EU-Staaten offiziell und meist langwierig auf etwas Konkretes einigen. Es reicht manchmal schon, dass jede Menge Akteure hierzulande und in den USA darüber sprechen, was die EU alles tun KÖNNTE! (Siehe dazu auch diesen Kurzbericht aus Davos, kurz nach dem Gespräch mit Rutte, es geht um die endlich einsetzende Erkenntnis, dass USA kein Freund mehr ist, im Gegeteil!)

  4. Es können nur noch folgende Leitlinien gelten:

    – haltet Euch von den USA fern – ALLE!
    – Europa, werde souverän! Sei Dir Deiner Stärke bewusst!
    – Hört endlich auf, an die transatlantische Partnerschaft zu glauben – es gibt sie nicht mehr!

  5. @Claudia

    Vermutlich beziehst Du Dich auf Brendans Beitrag. An Allem bin ich auch nicht schuld;-)

    Viele Grüße
    Thomas

  6. Sorry, ich habs korrigiert! Weiß auch nicht, wie ich zu diesem Irrtum gekommen bin….

Was sagst Du dazu?

*) Ein Name muss angegeben werden. Wenn du keine Mailadresse angeben willst, lass das Feld frei. Wenn du aber weitere Kommentare abonnieren willst, musst du natürlich auch eine Adresse angeben! Auch wäre es NETT, eine anzugeben, weil ich gelegentlich mal nicht öffentlich antworte. IP-Adressen werden nicht gespeichert. Was mit Daten auf diesem Blog passiert, erfährst du in der Datenschutzerklärung.