Claudia am 02. Juni 2026 — 12 Kommentare

Das KI-Dillemma: Google startet Rattenrennen um die Finanzierung

Gestern bekam ich die Meldung aufs Handy, dass meine fünf Google-Aktien verkauft wurden („ausgestoppt“). Die hatte ich vor ein paar Wochen gekauft, während meines kurzen Ausflugs ins Börsengeschehen, an dem ich mit ein wenig Rücklage seit letzten Herbst teilgenommen hatte. Angesichts des Irankriegs und all der damit verbundenen Unsicherheiten hab ich das wieder auf fast nichts zurückgefahren und neben einem ETF waren nur diese Google-Aktien übrig. Immerhin bin ich mit 75,- Euro plus raus (7,75 % in knapp 5 Wochen), also kein Verlust!

Warum ich das erzähle? (Über Geld bloggt man doch nicht!) Weil der Grund des Abverkaufs auf die grundsätzliche Problematik der KI-Blase hinweist: Google hat angekündigt, neue Aktien herauszugeben, um Geld für die immensen Aufwendungen für den Aufbau der KI-Rechenzentren einzusammeln. Das entwertet natürlich die einzelne (Alphabet-)Aktie, der Kurs ging runter und mein Stopp wurde ausgelöst. Bei florierenden Unternehmen, zu denen Google zweifellos gehört, ist nämlich eher der Aktienrückkauf zur „Kurspflege“ üblich, der den Wert der einzelnen Aktien steigert – und nicht das Verwässern mittels Kapitalerhöhung.

Warum macht Google das
, obwohl sie doch mit ihrem Imperium gut Geld verdienen? Tja, am Anfang haben sie die Rechenzentren aus eigener Tasche („Cashflow“) finanziert, aber der Geldbedarf steigert sich nach und nach ins schier Unermessliche. Schließlich steigt die KI-Nutzung, je mehr Menschen den Umgang damit lernen und immer häufiger KI im Alltag einsetzen, beruflich wie privat. Und mit jedem Update können die KIs mehr, brauchen dafür aber auch immer mehr Rechenkapazität. Also müssen die KI-Firmen aufbauen, ausbauen, höher, schneller, weiter = teurer!

Das eigene Geld hat also nicht mehr gereicht, woraufhin Google erstmal den privaten Kreditmarkt bemüht und große Anleihen herausgegeben hat. Nun ist auch diese Quelle wegen der mittlerweise recht hohen Kreditzinsen nicht mehr weiter anzapfbar, also sind jetzt die Aktionäre dran, die die neuen Aktien kaufen sollen. Kein Wunder, denn allein in 2026 investiert Google stolze 190 MILLIARDEN Dollar in Rechenzentren, um die eigenen KI- und Cloud-Dienste aufrechterhalten zu können. Und es wird nicht weniger werden, denn schon 2027 soll es Google Rechenzentren im Orbit geben.

Was, wenn KI unentbehrlich, aber zu teuer für alle ist?

Wo bleibt der „Return on Invest“? Wer wird wann mit (welcher?) KI so viel Geld verdienen, um diese irrsinnigen Investitionen zu rechtfertigen? Zunehmend wird berichtet, dass die Anleger immer nervöser werden, weil eine konkrete Antwort auf diese Frage noch immer fehlt. Mein Problem ist das zum Glück nicht! Momentan wenigstens nicht, aber wer weiß schon, was sein wird, wenn KI bis in den letzten Winkel vorgedrungen ist, sich allüberall unentbehrlich gemacht hat – und dann das Ganze zusammenzubrechen droht, weil das Kapital zum weiteren Ausbau und womöglich auch zur „Pflege“ nicht mehr aufgebracht werden kann? Ganz abgeshen von der Machbarkeit: Man könnte ja nicht mal enteignen / vergesellschaften, denn die Staaten sind selbst extrem verschuldet und können ihre Haushalte schon jetzt nicht mehr aus dem Steueraufkommen finanzieren, geschweige denn extrem teure KI-Betriebe erhalten.

Nun, noch läuft der Laden und Google hat mit seiner Kapitalerhöhung das „Rattenrennen um die weitere Finanzierung“ eröffnet. (Ausführlich und unterhaltsam erzählt das Fugmann in „Bringt Google die KI-Blase zum Platzen? Videoausblick„)

Schließlich ist Google nicht die einzige KI-Firma mit immensem Investitionsbedarf: Microsoft, Meta und Amazon sind ebenfalls mit 600 Milliarden dabei und angeblich sollen die Investitionen der Big Player im Jahr 2027 insgesamt die 1 Billion Dollar knacken – alles für Rechenzentren und ihren Betrieb! (5,5 Google-Milliarden tröpfeln immerhin auch nach Deutschland)

Fugmann meint, dass Google mit seiner Aktienvervielfältigung die anderen zwingt, ebenfalls diesen Schritt zu machen, sofern sie können. Und zwar im vollen Bewusstsein, selbst die besten Karten zu haben, um dieses „Rattenrennen“ zu überleben. Denn die Einnahmen der KI-Giganten stehen noch in keinem Verhältnis zu den extremen Kosten: Weltweit zahlen nur etwa 2 % bis 5 % der KI-Nutzer für ein Premium-Abo, in Deutschland sollen es mittlerweile immerhin 13% sein.

Wer wird also gewinnen bzw. übrig bleiben? Google hat definitiv die allermeisten Gelegenheiten, seinen User/innen die eigene KI Gemini an jeder Ecke des eigenen Tool-Imperiums anzubieten. Die Wettbewerber verfügen bei weitem nicht über eine vergleichbare Reichweite, jedoch ist das nicht alles, worauf es ankommt. Die anderen (Anthropic/Claude, OpenAI/ChatGPT) sind ebenfalls Spitze und bekommen finanzielle und technische Unterstützung, wo die eigene Kraft nicht reicht. Und dann gibts ja noch die chinesischen KIs (z.B. Deep Seek u.a.), die sozusagen in Systemkonkurrenz antreten, nicht nur kostengünstiger, sondern teilweise auch als Opensource zum kostenlosen Download.

Als in den 90gern das Internet das Licht der Welt erblickte, entwickelte sich auch zügig eine „Blase“, allerdings bestand diese mehrheitlich aus überbewerteten Unternehmen ohne echte Substanz. Die Dotcom-Blase platzte, das Netz ist geblieben – aber nur wenige, darunter Google und Amazon, haben überlebt. An mir ging damals das ganze Getöse um den „neuen Markt“ vorbei, ich bewegte mich in der Szene der „Netzliteraten“ und Homepage-Bastler (Projekt-Beispiel im Archiv)und was die Kommerziellen da trieben, war uns herzlich egal, bzw. eher ein Grund zum Ablästern.

Heute ist das anders: Was da rund um KI abgeht, finde ich hoch spannend, einerseits faszinierend, andrerseits fürchterlich. Zum „fürchterlich“ gehört unter anderem, dass KI uns eher vereinzelt, nicht zusammenführt wie einst das junge Web.

***

Und sonst:

 

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
12 Kommentare zu „Das KI-Dillemma: Google startet Rattenrennen um die Finanzierung“.

  1. „…..dass KI uns eher vereinzelt“. Tendenziell meine ich, das auch bei mir in sehr schwacher Form festzustellen, wobei ich nicht einordnen kann, ob das a) an der KI bzw. b) auch an meinen veränderten Ansprüchen oder c) an meinem fortschreitendem Alter liegt. Darüber hinaus wäre die Frage, ob wir wirklich vereinzeln oder ob der Kontakte in den letzten Jahren nicht zu viele wurden, im Sinne von „gesundschrumpfen“.

  2. Habe das jetzt drei Mal „überflogen“.
    Zunächst rümpfte ich die Nase ob des immensen Energieverbrauchs!!
    Jetzt (etwa) denke ich mir: Wer nutzt KI im entscheidenden Maße, womit ist Geld zu verdienen?
    Wenn ich mir den Musiksektor (aaaltes Thema, brrr) ansehe, dann verdient man eh wohl nur noch durch Auftritte.
    Tonnen an neuen Longplayern kommen fast jeden Tag auf den Markt (ich merke das in meinem Email-account). Als Visitenkarte nur?!
    Hast Du,@ Claudia, nicht mal jemanden vorgestellt, der trotz diversen KI-Generierungen von Musik doch noch einen Unterschied macht?!
    Also: Offenbar wird NOCH Musik produziert, das Business ist noch nicht tot.
    Wie wird es mit bildender Kunst sein?
    Wenn das jetzt „Thema verfehlt“ ist so mag das sein.

    KI wird sooo viel zugeschrieben, sie soll sogar wissenschaftliche Entdeckungen machen. Immerhin hat KI mit Alphazero eine „Schachmaschine“ entwickelt, die unschlagbar ist. Und Schach sowie Go ist nichts Unkomplexes.
    Was also ist von KI zu erwarten, das diesen exponentiellen Aufwand rechtfertigt? Kinderfrage (entlehnt von einem Podcast, den ich unlängst hörte).
    Mich stört „diese Hitze, diese Hetze“. Es sind doch genug ungelöste Probleme auf diesem Planeten.

  3. @Menachem,
    sicher ist das so. Ältere Menschen ziehen sich i.d.R. zurück. Es gibt aber in meinem Bekanntenkreis ganz Einzelne, die dagegenhalten trotz Alter, weil sie darin ein schlechtes Zeichen sehen.

  4. @Menachem: ja klar, im vorgerückten Alter ist man nicht mehr so viel unterwegs und ist auch mehr alleine, ohne das als „einsam“ zu empfinden. Ich meine den Fakt, dass viele heute im Alltag wesentlich mehr mit einer KI sprechen als mit einem Menschen – und je nachdem, wie informiert und kompetent die Leute im Umgang damit sind, hat das vermutlich Folgen. Wobei das nicht nur eine Wissensfrage ist: es gibt sogar eine Szene von Leuten, die Beziehungen mit verschiedenen KIs führen, obwohl sie durchaus wissen, was eine KI ist – ich verstehe es nicht,

    @Gerhard: ja, der Stromverbrauch ist immens und wird immer weiter steigen, in den USA sind es schon jetzt 4,4% des landesweite Stromverbrauchs, wobei es bezüglich des Ausbaus auch Hindernisse gibt – ein Plan ist halt noch keine Wirklichkeit und das Stromnetz in den USA ist schwach! (Gemini zu alledem)
    In Sachen Musik könntest du Henning Uhle fragen, der auch selbst Musik kreiert. Ich selbst lebe in Stille und hab‘ keine Ahnung, nehme aber an, Musik wird immer gemacht – und die soz. Medien geben ja durchaus Chancen.
    Was die bildende Kunst angeht, weiß ich nur, dass Künstler (zu Recht) protestieren, dass KI ihre Werke ohne Gegenleistung verwendet und gelegentlich auch die Ergebnisse der User erkennen lassen, wessen Stil hier Vorbild war.

    Was die Heze angeht, hier ein Lesetipp aus #dranbleiben:

    📰 Charlie Warzel: “Too Much Is Happening Too Fast” (The Atlantic)

    „Warzel beschreibt das Grundgefühl, das viele von uns gerade begleitet: eine diffuse Überforderung durch die schiere Geschwindigkeit, mit der sich der KI-Diskurs dreht. Jede Woche ein neues Modell, jede Woche ein neues Versprechen, jede Woche die Ansage, dass ab jetzt alles anders wird. Sein Argument ist, dass wir nicht mehr mitkommen, sei kein Versagen unsererseits. Es sei Kalkül. “That you can’t begin to wrap your mind around the AI boom or orient yourself in it is a feature, not a bug, for those building the technology.” Pflichtlektüre für alle, die sich fragen, ob sie die einzigen sind, die das Tempo für wahnsinnig halten.“

  5. Liebe Claudia, danke fürs Verlinken und für diesen klaren Blick auf den Finanzunterbau des KI-Booms. Beim Lesen ist mir der Gedanke gekommen, dass deine beiden Stränge dichter beieinanderliegen, als sie vielleicht auf den ersten Blick scheinen. Die 190 Milliarden erzeugen einen enormen Verwertungsdruck, und eben dieser Druck ist der Grund, warum Gemini und Co. nun in jede Ecke unseres Alltags gedrückt werden. Genau diese Allgegenwart treibt dann die Vereinzelung, die du am Schluss beschreibst. Denn die gesellschaftlichen Folgen sind diesen Unternehmen völlig egal.
    Geld und Gesellschaft sind hier dieselbe Geschichte. Wer so viel investiert hat, kann es sich gar nicht leisten, dass wir die Maschine nur ab und zu und überlegt nutzen. Er braucht uns im Dauergespräch mit ihr, weniger im Gespräch miteinander. Das ist der Teil am Rattenrennen, der mich umtreibt, mehr noch als die Frage, wer die Blase am Ende überlebt.

  6. @Andre: sei gegrüßt und hab Dank für deinen Kommentar! Immerhin können wir noch selbst bestimmen, auch mit Menschen zu reden – und z-B. in Blogs zu kommentieren anstatt in Dialogen mit KI zu versacken!
    An Deinem Blog, das ich hier ausdrücklich empfehle, finde ich so spannend, dass da jemand schreibt, der täglich beruflich mit KI arbeitet, anderen hilft, sie sinnvoll zu nutzen – und sich dennoch der schädlichen Implikationen voll bewusst ist. Wobei es nicht „die KI“ ist, die das alles veranstaltet, sondern Menschen, wie du im Beitrag „#192: Wut auf KI? Über Sündenböcke, Verantwortung und die Frage, wen wir eigentlich kritisieren“ schön heraus arbeitest!
    Nun, derzeit beginnt sich allerlei Sand im Getriebe zu zeigen: Bei weitem nicht alle geplanten und begonnenen Rechenzentren können gebaut bzw. fertig gestellt werden, neue werden von mittlerweile skeptisch gewordenen Gemeinden vielerorts nicht genehmig, das Stromnetz reicht auch nicht aus und es regt sich Widerstand in der Bevölkerung. Nicht zuletzt frage ich mich, ob die drei für dieses Jahr geplanten Börsengänge (SpaceX am 11.Juni, Anthropic, OpenAI später) wirklich problemlos über die Bühne gehen, denn die Summen, die sie einsammeln wollen sind so gigantisch und in der Börsengeschichte beispiellos, dass ich mich frage: woher soll das eigentlich kommen?

    Der finanzielle Druck der KI-Firmen führt jetzt auch dazu, dass sie von den günstien Abo-Modellen auf Verbrauchsabrechnung umsteigen, was viele User schnell verschreckt: Plötzlich wird klar, wieviel Rechenkapazität es benötigt, ständig Denk-Modelle zu nutzen oder gar mehrere Agenten arbeiten zu lassen! Just for fun und aus Neugier wird perspektivisch gewiss nicht mehr so viel KI genutzt wie bisher!

  7. @Claudia: Kann denn ein Unternehmen fremde Anteile einfach so verkaufen, bzw. zurückgeben? Das würde ja dem ganzen Aktienmarkt widersprechen, oder?

  8. @Peter: Welche „fremden“ Anteile? Google (Alphabet) gibt neue eigene Aktien aus, nennt sich „Kapitalerhöhung“.

  9. Gemeint waren die Aktien, d.h. die Anteile die herausgegeben wurden. Die Frage zielte darauf ab, wie ein Unternehmen Anteile verkaufen kann, die bereits verkauft sind? Oder habe ich da was falsch verstanden?

    „Gestern bekam ich die Meldung aufs Handy, dass meine fünf Google-Aktien verkauft wurden („ausgestoppt“).“

  10. @Peter: das waren MEINE Google-Aktien, die ich vor ein paar Wochen gekauft hatte. Diese wurden automatisch verkauft, als ihr Wert auf einen bestimmten, von mir vorgegebenen Betrag gefallen ware (StoppLoss). Das macht man so, um größere Verluste zu vermeiden, wenn der Aktienkurs sinkt.

  11. Ach so. Wir sind ja hier noch ein bisschen oldshool unterwegs. Wenn der Sauerländer Geld anzulegen hat, dann kauft er meist Land. 🙂

  12. „Denn die gesellschaftlichen Folgen sind diesen Unternehmen völlig egal.“ Da bin ich ohne Zweifel ganz bei dir, Andre Cramer, wobei man den Unternehmen zugestehen muss, dass sie für die wachsende KI-Chat Nutzung eine Lücke gefunden haben: Vermeidung/Minimierung der Reibung im Dialog.
    Und da frage ich mich, über wen sagt das mehr aus. Über Mensch oder Maschine?

Was sagst Du dazu?

*) Ein Name muss angegeben werden. Wenn du keine Mailadresse angeben willst, lass das Feld frei. Wenn du aber weitere Kommentare abonnieren willst, musst du natürlich auch eine Adresse angeben! Auch wäre es NETT, eine anzugeben, weil ich gelegentlich mal nicht öffentlich antworte. IP-Adressen werden nicht gespeichert. Was mit Daten auf diesem Blog passiert, erfährst du in der Datenschutzerklärung.