Was ich seit Tagen nicht zustande bringe, hat der Betonflüsterer geschafft: Im Blogpost „Hi Ha Höcke“ zerlegt er in gewohnt ungeschönter Direktheit die gesamte Debatte um lange „Gespräch“ mit Björn Höcke, das seit Tagen die Gemüter erregt:
„Das Gespräch, das konzeptgemäß zu einem erdrückenden Anteil vom eingeladenen Gast getragen wird, hat inzwischen knapp drei Millionen Aufrufe, dauert fette 4 Stunden, 36 Minuten und 30 Sekunden, hat natürlich für die üblichen routinierten Reflexe gesorgt und ist mithin schwer zu ignorieren. Ich habe es komplett gesehen und damit endlich mal erfahren, was dieser Mann will, wo der herkommt und was den antreibt, ohne dass dauernd ein zuschauerbetreuender Sprecher drüberlabert, wie hitler der Typ ist oder ihn eine sehr eifrige Moderatorin alle fünf Sekunden unterbricht, um verkrampft zum Ausdruck zu bringen, wie sehr sie den Typen nicht leiden kann.“
Ich hätte es wohl freundlicher ausgedrückt, aber ungefähr so war auch meine Reaktion nach Sichtung der ersten Stunde, danach bin ich wohl eingedöst, denn ich hab den Podcast aus der Reihe „Ungescripted“ spät Nachts laufen lassen. Darauf aufmerksam gemacht hat mich ein lieber Stammkommentierer, der von den vielen Likes und positiven Kommentaren zum Video recht entsetzt war. Die hab‘ ich dann auch gesichtet (mittlerweile gibts über 70.000 Kommentare!) und wie vermutet, handelten diese nicht etwa von den Höckeschen Positionen, sondern feiern den Macher Ben Bernd für das „unvoreingenommene Gespräch“, in dem Höcke nicht unterbrochen, nicht vorverurteilt, nicht ständig „kritisch hinterfragt“ wird, sondern sich einfach mal ausführlich erklären darf. Ganz im Gegenteil zum gängigen Journalismus, von dem man (aus guten Gründen!) erwartet, AFD-ler und erst recht Höcke „zu grillen“, „inhaltlich zu stellen“ – und im übrigen dafür zu sorgen, dass auch alles „richtig eingeordnet“ wird.
Es gab im übrigen auch Kommentare wie „Auch 4,5 Stunden Höcke bringen mich nicht dazu, AFD zu wählen“ – ja wie denn auch? Die rechtsradikalen Positionen von Höcke sind schließlich lange bekannt, ich glaube nicht, dass allein durch „ungescripted“ jemand sein Wahlverhalten ändert. Falls DAS überhaupt die Befürchung ist. Wer auf Youtube nach „Höcke Interview“ sucht, findet Reaktionen von allen Seiten, sowie Reaktionen auf die Reaktionen – ein vielfältiger Chor in allen Tonlagen, ich hab bisher nur die Headlines gesichtet und finde das alles recht krass! Andrerseits aber auch gut, dass geredet wird, nur das Zuhören scheint wirklich schwer zu fallen.
Die überwältigend positiven Reaktionen auf den Stil des Gesprächs, in dem Höcke ungebremst und ohne kritische Rückfragen Gelegenheit gegeben wird, sich auszubreiten, sind ein Aufreger, weil sie auf ein Defizit hinweisen, das klassische bzw. vor allem öffentlich-rechtliche Medien aus Gründen nicht ausgleichen können. Warum? Weil sie – anders als Youtuber, Podcaster und andere Alternative – immer noch als staatsnahe Autoritäten gelten, denen mehr Definitionsmacht über das, was wahr, gut und richtig ist, zugeschrieben wird, ja sogar von ihnen erwartet wird, siehe Bildungsauftrag! Möchte man da wirklich vier Stunden Höcke deutschtümeln sehen, vielleicht zur besten Sendezeit? Toll, wie ihn der Betonflüsterer beschreibt:
„Da sitzt ein hängengebliebener Oberstudienrat, in seiner ganzen provinziellen Muffigkeit, mit seinem Reformhausnationalismus und klebrigem Wandertagspathos, mit dem Typen wie er sonst Gruppen von Pubertätsbolzen, die sich nicht wehren können, durch die Eifel führen.
Was er sagt, ist nicht wirklich originell, sogar vergleichsweise piefig, und wäre im Bundestag von 1995 an den rechten Fransen der damaligen CDU nicht mal groß aufgefallen. Diese viereinhalb Stunden Quasimonolog sind über weite Teile quälend wie eine Hodenabtastung beim Urologen, rochen durch das Glas des Fernsehers hindurch nach 60er-Jahre-Blümchentapeten, Hemd unter Pullunder, Falschparkeraufschreiben und Schützenfest und ich kann mit dem fahneneidrigen Patriotismus, der ihm und seinem Gefolge als künftiges Ideal vorschwebt, nach wie vor nichts anfangen.
Wow, ich bin immer wieder begeistert von des Betonflüsterers kreativen Wortschöpfungen, auf die ich nie kommen würde: „Reformhausnationalismus“, „klebriges Wandertagspathos“, und wenn ihr dort weiterlest, finden sich noch viel mehr. Er hat einen ureigenen, originellen, oft bild- und wortgewaltigen Stil entwickelt. Ein wenig erinnert er mich an Charles Bukowsky, der einst den „amerikanischen Traum“ schonungslos in die Tonne trat.
Intelligent, gebildet, rechtsextrem – ???
Immerhin: Man kennt Höcke jetzt besser als vor dem Interview, bzw. kann Facetten erkennen, die in den bisherigen Selbst- und Fremddarstellungen nicht so deutlich wurden. Die erste Stunde, die ich in voller Wachheit mitbekam, hatte zum Inhalt, wie aus Björn Höcke eigentlich AFD-Höcke wurde – „da muss doch was geschehen sein“, wie Bernd immerhin anmerkte.
Nun, er erzählte von seinen Leiden als Lehrer, gänzlich überfordert von „Multi-Kulti-Schulklassen“, die keine gemeinsame Sprache hatten, was das Unterrichten in der üblichen Form verunmöglicht habe. Und keine Hilfe im Kollegium, nur ideologisierte Streitereien. Für Höcke folgte daraus: „Die müssen alle wieder weg! Remigration!“ Ich staune: Wie kann einer, der sich ansonsten als Bildungsbürger alter Schule gibt, ernsthaft glauben, eine großflächige Vertreibung aller migrantischen Familien wäre machbar oder auch nur wünschenswert? Warum kommt er nicht darauf, politische Konzepte zu erdenken, die z.B. den Spracherwerb im Vorschulalter zum Normalfall machen würden und wird statt dessen rechtsradikal?
Ich hab immer schon darüber gerätselt, wie es möglich ist, dass ein gebildeter, intelligenter Mensch rechtsradikal wird. Die meisten sind ja Gefolge und ziemlich dumm, können keiner Debatte stand halten und polemisieren nur ‚rum. Von Höcke weiß ich jetzt zumindest EINEN Grund mehr, wie er persönlich zu seinen Ansichten (Remigration etc.) gekommen ist – nämlich z.B. über seine Erlebnisse als Lehrer in Klassen ohne gemeinsame Sprache.
Das rechtfertigt seine absurden, menschenverachtenden Positionen wahrlich NICHT, aber es erklärt mir eben ein Stück weit, wieso er so denkt.
Dass Intelligenz und Bildung nicht vor politischen Abgründen und beispiellosen Verbrechen schützen, hat die Geschichte unsere Landes uns Nachgeborenen und der ganzen Welt ja überdeutlich gezeigt. Im 3.Reich hat sich der Geist unsterblich blamiert. Immerhin waren wir mal das „Land der Dichter und Denker“!
Aber das passt jetzt nicht mehr in diesen sowieso viel zu langen „Lesetipp“ :-)
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2 Kommentare zu „Lesetipp: Höcke ungescripted – inkl. Reaktionen spitzenmäßig zerlegt vom Betonflüsterer“.