Claudia am 05. Mai 2026 — 27 Kommentare

Lesetipp: Höcke ungescripted – inkl. Reaktionen spitzenmäßig zerlegt vom Betonflüsterer

Was ich seit Tagen nicht zustande bringe, hat der Betonflüsterer geschafft: Im Blogpost „Hi Ha Höcke“ zerlegt er in gewohnt ungeschönter Direktheit die gesamte Debatte um lange „Gespräch“ mit Björn Höcke, das seit Tagen die Gemüter erregt:

„Das Gespräch, das konzeptgemäß zu einem erdrückenden Anteil vom eingeladenen Gast getragen wird, hat inzwischen knapp drei Millionen Aufrufe, dauert fette 4 Stunden, 36 Minuten und 30 Sekunden, hat natürlich für die üblichen routinierten Reflexe gesorgt und ist mithin schwer zu ignorieren. Ich habe es komplett gesehen und damit endlich mal erfahren, was dieser Mann will, wo der herkommt und was den antreibt, ohne dass dauernd ein zuschauerbetreuender Sprecher drüberlabert, wie hitler der Typ ist oder ihn eine sehr eifrige Moderatorin alle fünf Sekunden unterbricht, um verkrampft zum Ausdruck zu bringen, wie sehr sie den Typen nicht leiden kann.“

Ich hätte es wohl freundlicher ausgedrückt, aber ungefähr so war auch meine Reaktion nach Sichtung der ersten Stunde, danach bin ich wohl eingedöst, denn ich hab den Podcast aus der Reihe „Ungescripted“ spät Nachts laufen lassen. Darauf aufmerksam gemacht hat mich ein lieber Stammkommentierer, der von den vielen Likes und positiven Kommentaren zum Video recht entsetzt war. Die hab‘ ich dann auch gesichtet (mittlerweile gibts über 70.000 Kommentare!) und wie vermutet,  handelten diese nicht etwa von den Höckeschen Positionen, sondern feiern den Macher Ben Bernd für das „unvoreingenommene Gespräch“, in dem Höcke nicht unterbrochen, nicht vorverurteilt, nicht ständig „kritisch hinterfragt“ wird, sondern sich einfach mal ausführlich erklären darf. Ganz im Gegenteil zum gängigen Journalismus, von dem man (aus guten Gründen!) erwartet, AFD-ler und erst recht Höcke „zu grillen“, „inhaltlich zu stellen“ – und im übrigen dafür zu sorgen, dass auch alles „richtig eingeordnet“ wird.

Es gab im übrigen auch Kommentare wie „Auch 4,5 Stunden Höcke bringen mich nicht dazu, AFD zu wählen“ – ja wie denn auch? Die rechtsradikalen Positionen von Höcke sind schließlich lange bekannt, ich glaube nicht, dass allein durch „ungescripted“ jemand sein Wahlverhalten ändert. Falls DAS überhaupt die Befürchung ist. Wer auf Youtube nach „Höcke Interview“ sucht, findet Reaktionen von allen Seiten, sowie Reaktionen auf die Reaktionen – ein vielfältiger Chor in allen Tonlagen, ich hab bisher nur die Headlines gesichtet und finde das alles recht krass! Andrerseits aber auch gut, dass geredet wird, nur das Zuhören scheint wirklich schwer zu fallen.

Die überwältigend positiven Reaktionen auf den Stil des Gesprächs, in dem Höcke ungebremst und ohne kritische Rückfragen Gelegenheit gegeben wird, sich auszubreiten, sind ein Aufreger, weil sie auf ein Defizit hinweisen, das klassische bzw. vor allem öffentlich-rechtliche Medien aus Gründen nicht ausgleichen können. Warum? Weil sie – anders als Youtuber, Podcaster und andere Alternative – immer noch als staatsnahe Autoritäten gelten, denen mehr Definitionsmacht über das, was wahr, gut und richtig ist, zugeschrieben wird, ja sogar von ihnen erwartet wird, siehe Bildungsauftrag! Möchte man da wirklich vier Stunden Höcke deutschtümeln sehen, vielleicht zur besten Sendezeit? Toll, wie ihn der Betonflüsterer beschreibt:

„Da sitzt ein hängengebliebener Oberstudienrat, in seiner ganzen provinziellen Muffigkeit, mit seinem Reformhausnationalismus und klebrigem Wandertagspathos, mit dem Typen wie er sonst Gruppen von Pubertätsbolzen, die sich nicht wehren können, durch die Eifel führen.
Was er sagt, ist nicht wirklich originell, sogar vergleichsweise piefig, und wäre im Bundestag von 1995 an den rechten Fransen der damaligen CDU nicht mal groß aufgefallen. Diese viereinhalb Stunden Quasimonolog sind über weite Teile quälend wie eine Hodenabtastung beim Urologen, rochen durch das Glas des Fernsehers hindurch nach 60er-Jahre-Blümchentapeten, Hemd unter Pullunder, Falschparkeraufschreiben und Schützenfest und ich kann mit dem fahneneidrigen Patriotismus, der ihm und seinem Gefolge als künftiges Ideal vorschwebt, nach wie vor nichts anfangen.

Wow, ich bin immer wieder begeistert von des Betonflüsterers kreativen Wortschöpfungen, auf die ich nie kommen würde: „Reformhausnationalismus“, „klebriges Wandertagspathos“, und wenn ihr dort weiterlest, finden sich noch viel mehr. Er hat einen ureigenen, originellen, oft bild- und wortgewaltigen Stil entwickelt. Ein wenig erinnert er mich an Charles Bukowsky, der einst den „amerikanischen Traum“ schonungslos in die Tonne trat.

Intelligent, gebildet, rechtsextrem – ???

Immerhin: Man kennt Höcke jetzt besser als vor dem Interview, bzw. kann Facetten erkennen, die in den bisherigen Selbst- und Fremddarstellungen nicht so deutlich wurden. Die erste Stunde, die ich in voller Wachheit mitbekam, hatte zum Inhalt, wie aus Björn Höcke eigentlich AFD-Höcke wurde – „da muss doch was geschehen sein“, wie Bernd immerhin anmerkte.

Nun, er erzählte von seinen Leiden als Lehrer, gänzlich überfordert von „Multi-Kulti-Schulklassen“, die keine gemeinsame Sprache hatten, was das Unterrichten in der üblichen Form verunmöglicht habe. Und keine Hilfe im Kollegium, nur ideologisierte Streitereien. Für Höcke folgte daraus: „Die müssen alle wieder weg! Remigration!“  Ich staune: Wie kann einer, der sich ansonsten als Bildungsbürger alter Schule gibt, ernsthaft glauben, eine großflächige Vertreibung aller migrantischen Familien wäre machbar oder auch nur wünschenswert? Warum kommt er nicht darauf, politische Konzepte zu erdenken, die z.B. den Spracherwerb im Vorschulalter zum Normalfall machen würden und wird statt dessen rechtsradikal?

Ich hab immer schon darüber gerätselt, wie es möglich ist, dass ein gebildeter, intelligenter Mensch rechtsradikal wird. Die meisten sind ja Gefolge und ziemlich dumm, können keiner Debatte stand halten und polemisieren nur ‚rum. Von Höcke weiß ich jetzt zumindest EINEN Grund mehr, wie er persönlich zu seinen Ansichten (Remigration etc.) gekommen ist – nämlich z.B. über seine Erlebnisse als Lehrer in Klassen ohne gemeinsame Sprache.
Das rechtfertigt seine absurden, menschenverachtenden Positionen wahrlich NICHT, aber es erklärt mir eben ein Stück weit, wieso er so denkt.

Dass Intelligenz und Bildung nicht vor politischen Abgründen und beispiellosen Verbrechen schützen, hat die Geschichte unsere Landes uns Nachgeborenen und der ganzen Welt ja überdeutlich gezeigt. Im 3.Reich hat sich der Geist unsterblich blamiert.  Immerhin waren wir mal das „Land der Dichter und Denker“!

Aber das passt jetzt nicht mehr in diesen sowieso viel zu langen „Lesetipp“ :-)

***

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Diskussion

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27 Kommentare zu „Lesetipp: Höcke ungescripted – inkl. Reaktionen spitzenmäßig zerlegt vom Betonflüsterer“.

  1. Ich hab immer schon darüber gerätselt, wie es möglich ist, dass ein gebildeter, intelligenter Mensch rechtsradikal wird.

    Das ist eigentlich ganz einfach.

    „Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi.“
    G. Bronner

  2. Dass Intelligenz und Bildung nicht vor politischen Abgründen und beispiellosen Verbrechen schützen, hat die Geschichte unsere Landes uns Nachgeborenen und der ganzen Welt ja überdeutlich gezeigt.

    Wesentliche Aspekte fehlen bei dieser Darstellung, denn Intelligenz und Bildung (vertieftes Wissen in Einzelbereichen) allein sind unzureichend:
    Da fehlen Phantasie, Weitsicht, die Fähigkeit zu Generalisieren und sich nicht im ‚klein-klein‘ zu verlieren. Diese fachübergreifende Betrachtung der Verhältnisse wird – zugegeben – immer schwieriger, weil die Komplexität einzelner Wissensbereiche exponentiell wächst.
    Nur eine Übersichtsbetrachtung kann zu möglichen Lösungsansätzen führen.

    Diese Tatsache plagt zunehmend die Politik, die dieser Komplexität nicht Herr wird – auch nicht werden kann, wenn man die Egoismen und mangelnden Fertigkeiten selbst im anvertrauten Fachgebiet in Erwägung zieht.

    Sonderbar, daß hier nicht mittels KI der Versuch unternommen wird die (früheren) Generalisten nachzuahmen bzw. zu ersetzen. Oder bin ich da einfach nur nicht tief genug informiert?

  3. Mir reichen schon 10 Minuten von dem Geseier, um den Herrn zu analysieren. Ein muffiger und rassistischer Beamten Deutscher, der in den 50er Jahren hängen geblieben ist. Die pure Stagnation, ohne jeglichen innovativen Ansatz. Der bringt Deutschland garantiert nicht nach vorne.

  4. Die Frage, wo und wann Höcke rechts abgebogen ist, kann ich nicht beantworten. Sie ist aber in diesem Diskurs irrelevant. Auch andere Promis haben im Laufe ihrerer Biografie die Seite von links nach rechts gewechselt. Jürgen Elsässer, Winfried Kretschmann, Dieter Nuhr, Dieter Bohlen. In dem Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ berichten 14 Autoren von ihrer linken Vergangenheit – und der Wandlung ihres Denkens.

    Der verstorbene Satiriker Wiglaf Droste hat es gut auf den Punkt gebracht; „Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw., geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die (Undeutschen) bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarrenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder ob sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hinein. “

    Um links zu werden, muss ich nicht das Kapital von Marx gelesen haben. Ich muss mir nur die gesellschaftspolitischen Widersprüche, die jenseits der bürgerlich parlamentarischen Demokratie etablierten Machtverhältnisse und die deutsche Geschichte von 1930 bis 1970 ansehen. Das müßte doch eigentlich ausreichen, um gegen rechte Ideologien immun zu sein.

  5. Ich mag auch die oftmals den brillanten Schreibstil des Betonflüsterers.
    Die Begeisterung über seinen Blogtext teile ich nicht, denn für viel gefährlicher halte ich den Podcaster Ben Berndt, der seit Jahren bemüht ist, den gesellschaftlichen Diskurs nach rechts zu verschieben. Denn bei ihm gibt sich bei rd. 90 % der Gäste das „Who is who“ der rechten Szene die Klinke in die Hand. Daneben eingefleischte Hardcoremaskulisten, Geschichtsrevisionisten, Klimaleugner, Ufonauten, Wahrsagerinnen, Heilsversprecher und andere verbal Inkontinente Schwurbler.

    Vor einem Jahr hat B. Berndt sogar einen Vergewaltiger in seinen Podcast eingeladen, der darüber schwadronierte, dass er unter Vortäuschung einer falschen Identität (K.O.-Tropfen waren nicht nötig) als prominenter Popstar in einem Jahr 55 junge Frauen ins Bett bekommen habe.
    https://www.youtube.com/watch?v=WUOpY71LN6c

    Wenn B. ungescripted auch Jan van Aken, Gregor Gysi und Wolfgang M. Schmitt einlädt, so hat dies lediglich Alibifunktion.

    Die seit Jahren härteste Währung ist nicht der Dollar, der Euro oder der Jen. Nein. Es ist die mediale öffentliche Aufmerksamkeit. Narzistisch geprägte Gäst dürfen „in den öffentl.-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Illner und Maischberger ihre Sprechblasen entleeren.“ (Georg Schramm) https://www.youtube.com/watch?v=QsSJz6UtqzQ

    Besonders perfide ist sein Format, weil er auch noch davon schwärmt, nicht einzugreifen, nicht zu polarisieren und nicht einzuordnen. So befreit er sich von jeglicher Verantwortung.

    Fazit:
    Was Ben B. und Höcke unter Meinungsfreiheit verstehen, ist nichts anderes, als die langfristige Etablierung einer hegemonialen Deutungsherrschaft und Definitionsmacht:
    »Die politische Korrektheit liegt wie Mehltau auf unserem Land. Die historische Mission der AfD besteht darin, der Meinungsfreiheit in diesem Land wieder zum Durchbruch zu verhelfen und die politische Korrektheit in die Schranken zu verweisen.« (Höcke 2014 b)

    Gemeint ist im Sinne rechter Ideologie; “ Hier zeigt sich ein angebliches Vakuum, das von der AfD mit größerer Berechtigung besetzt werden sollte. Hier zeigt sich ihre historische Aufgabe und Chance. Denn zu den gravierendsten Konfliktfeldern dieser Republik gehört die Frage nach tatsächlicher Meinungsfreiheit. Es geht bei der zu verteidigenden Zitadelle ›Meinungsfreiheit‹ schließlich um ein Zentrum, das alles andere beeinflusst. Sie zurückzuerobern, scheint mir daher noch wichtiger als diese oder jene Sachlösung.“

    .B. B. ist übrigens ein Gegner der Brandmauer.
    https://www.youtube.com/watch?v=VAr7ZlU8FjYc

  6. Gerhard Keller. Ich kannte den Podcast nicht, aber mir ist natürlich sofort klar, was den Erfolg dieses Formats ausmacht. Er lässt die Leute einfach labern und der Zuschauer soll/muss sich hinterher eine eigene Meinung bilden. Ich brauche keinen Moderator aka Missionar, der mich permanent nervt, weil er mir vorschreiben will, wie ich irgendwas einzuordnen habe. Und btw. Hätte Frau Merkel die CDU nicht sozialdemokratisiert, dann würde die AFD irgendwo bei 5% dümpeln.

  7. „Wir verlieren die Leute“, sagte Peter Hahne in einem anderen Interview mit diesem Podcaster. Leider ist dem wenig entgegenzubringen. Dass so viele glauben, die AfD wäre die Lösung, ist verstörend und legt einfach nahe, dass diejenigen, die denen zuneigen, nicht ganz töfte sind.

  8. Worf: Wenn Höcke sagt, dass es bei ihm für illegale Flüchtlinge nur noch Bett, Brot und Seife gibt und der Podcaster ihn nicht darauf aufmerksam macht, dass dies gegen Artikel 25 der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen von 1948 verstößt, dann ist das „stumme Manipulation“ . Wenn also dieser Ben B. seinen Gast nicht einmal mit anderslautenden Fakten konfrontiert, sondern zu den grotesken Aussagen von Höcke nur zustimmend nicht oder lächelt, dann ist er überflüssig und könnte nach Deiner Auffassung eigentlich auch einen Teddybären auf seinen Stuhl setzen.

  9. @alle: Zusammenfassend kann man doch sagen, dass es in all den Reaktionen und auch hier um die Frage geht:

    • Darf es solche Gespräche geben, in denen die jeweils umstrittene Person sich und ihre Positionen ausführlich darstellen kann, ohne durch kritisches Nachfragen in eine Verteidigungshaltung gedrängt zu werden?
    • Oder muss der / die Einladende bzw. Moderierende dafür sorgen, dass dem Publikum immer gleich auch deutlich gemacht wird, was über den Jeweiligen von anständigen Menschen zu denken ist?

    Beide Positionen werden massenhaft vertreten, quer durch alle Blasen, Freundeskreise (und Kommentariate) wie wohl mittlerweile deutlich geworden ist. Mir scheint (rein subj. Eindruck), dass es auch eine Alterskomponente gibt: Deutlich Ältere empfinden so ein „ungerahmtes“ Gespräch eher als absolutes NoGo als Jüngere, die eher genervt vom „betreuten Denken“ sind (wie man es in der DDR nannte, so hab ichs gerade gelesen).

    @gerhard: Warum jemand „rechts abgebogen“ ist, interessiert dich nicht. Ist dein gutes Recht. Ich sehe das allerdings völlig anders, denn seit einigen Jahren haben wir die AFD, die wachsende Zustimmung findet – und nein, ich finde nicht, dass alle „Nazis“ sind, die aus verschiedensten Gründen der AFD zuneigen. Die AFD ist mittlerweile fester Bestandteil der Parteienlandschaft und wird gebietsweise stärker. Ein Prozess, den ich für gefährlich halte und der nicht durch schlichte Feindseligkeiten und Ausgrenzungen zu stoppen ist. Zu wissen, warum ihre Gallionsfiguren so drauf sind wie sie drauf sind, finde ich für die Auseinandersetzung mit ihnen sehr hilfreich und sinnvoll.

    Der Podcaster Ben Berndt, dessen Format ich vor dem Höcke-Teil nicht besonders wahrgenommen habe, mag ja mittlerweile so sein, wie Du ihn beschreibst – mit AFD-freundlichen und anderen rechten Meinungen ist er dann aber nur einer unter vielen, die auf Youtube ihre Denke zum besten geben. Er hat halt eine inhaltliche Lücke gefunden mit seinem Gesprächsformat, die gut ankommt und Aufmerksamkeit auf sich zieht – so ist nun mal die Medienwelt seit es das Internet gibt: keine Gatekeeper mehr, jeder darf senden – und solange nicht gegen Gesetze verstoßen wird, ist das von der Meinungsfreiheit gedeckt.

  10. Wie kann man sich 2026 darüber lustig machen, dass normale Menschen den Hass und die Lügen der Nazis „einordnen“?

    Was glaubt ihr, warum Trump zwei Mal gewählt wurde? Weil ein beträchtlicher Teil der dummen Menschen dort draußen ihn für einen Patrioten, einen gewieften Geschäftsmann, einen Christen und ein Opfer der „Medien“ halten.

    Nichts davon ist wahr, aber Washington Post und NYT haben ihn schon vor ihrer Übernahme durch Trumps Handlanger 10+ Jahre lang sanewashed.

    Und hier in deutschen Blogs regen sich Claudia und der Betonflüsterer darüber auf, dass man den Nazi „einordnen“ und „unterbrechen“ würde. Völlig weltfremd.

  11. @Regina: du irrst, ich „rege mich nicht darüber auf“, sondern ich stelle fest, dass es vielen Menschen stinkt, wenn ihnen nicht zugetraut wird, sich selbst eine Meinung zu bilden – ganz ohne Anleitung, Rahmung, Einordnung. Und: „Auch nach 4,5 Stunden Höcke werde ich nicht zum
    AFD-Wähler!
    „, ist ein Kommentar unter dem Video, dem sich gewiss viele anschließen können.

    Wie man so ein Format beurteilt, hängt also wesentlich damit zusammen, welche Vorstellung man vom Publikum hat:

    • sind das alles Nullchecker, die sich von einem deutschtümelnden Höcke im 40ger-Jahre Stil vereinnahmen lassen, wenn man den einfach mal reden lässt,
    • oder glaubt man an die Mehrheit mündiger Bürger/innen, die sich bereits aus vielen Quellen eine Meinung gebildet haben und durchaus auch mal selbst „einordnen“ können?

    Leider ist das Publikum in der Realität wohl meist eine Mischung aus beiden Typen – und beide finden in diesem Fall den nicht-konfrontativen Stil von ungescripted gut, formulieren das evtl. sogar wortgleich, haben aber unterschiedliche Motive und Hintergründe.

    Es wird m.E. in diesem Streit auch zu wenig beachtet, inwiefern man eigentlich an einen Youtuber Ansprüche stellen kann wie an alle, die sich dem jounalistischen Kodex verpflichtet sehen. Warum der ÖRR einen Höcke nicht so lange unkritisiert reden lassen kann, hab ich oben angesprochen (und finde es richtig!). So jemand wie Ben Berndt ist kein Journalist, zwar ein erfolgreicher Youtuber, aber ansonsten nicht mehr und nicht weniger autorisiert, sein Medium nach eigenen Vorstellungen zu gestalten wie ich hier im Digital Diary. Die Zeit der Gatekeeper ist lange vorbei – und das tut halt allen Seiten immer mal wieder gewaltig weh – von autokratischen Herrschern und Diktatoren bis hin zu aufrechten Antifaschisten, eigentlich allen, die sehen und hören müssen, wie andere erfolgreich DAS FALSCHE verbreiten.

    Gerhard schreibt oben:

    “ zu den gravierendsten Konfliktfeldern dieser Republik gehört die Frage nach tatsächlicher Meinungsfreiheit. Es geht bei der zu verteidigenden Zitadelle ›Meinungsfreiheit‹ schließlich um ein Zentrum, das alles andere beeinflusst. Sie zurückzuerobern, scheint mir daher noch wichtiger als diese oder jene Sachlösung.“


    Haben wir sie denn nicht?
    Ist es denn nicht genau die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit, dass jede/r alles sagen/verbreiten kann, solange die Rede nicht gegen geltendes Recht verstößt? Wir haben in Deutschland aus guten Gründen da ein paar mehr Einschränkungen als andere Länder, aber um diese wenigen verbotenen Aussagen geht es ja in dieser aktuellen Auseinandersetzung NICHT.
    WER bitte muss denn momentan dieses Recht „zurück erobern“? Wo wird Meinung denn VERBOTEN?

  12. Claudia: „WER bitte muss denn momentan dieses Recht „zurück erobern“? Wo wird Meinung denn VERBOTEN?“ Es gibt keine Verbote, wie Du richtig beschreibst. Das sehen die Rechten allerdings anders, obwohl sie in Talkshows sitzen und sich für „Sommerinterviews“ zur Verfügung stellen. Höcke wußte schon vorher, was ihn bei „ungescripted“ erwartet: Er konnte sicher sein, nicht mit Widersprüchen, Zitaten, Einspielern oder absurden Aussagen konfrontiert zu werden. Ein ZDF-Interview hat Höcke einst abgebrochen, als er mit dem Pseudonym Landolf Ladig konfrontiert wurde.

    Es hat mir bisher noch niemand erklären können, worin das Neue dieses Propagandageschwätzes bzw. der Erleuchtungseffekt beim Gastgeber bestanden hat. Das war ganz großes Theater, leicht zu durchschauen angesichts der hohen Zahl der Kommentare und Aufrufe angsteinflößend.

    Selbst, wenn man mich zum Nachdenken zwei Stunden lang auf einem Stuhl fesseln würde, käme ich nicht darauf, welchen erkenntnistheoretischen Mehrwert dieser Höcke-Monolog gebracht haben soll.

  13. @gerhard: „erkenntnistheoretisch“ bringt kaum ein Youtube-Format irgend einen Mehrwert! :-)
    Was das Gespräch (bzw. Stunde 1) MIR an Wissenszugewinn gebracht hat und warum ich das durchaus wichtig finde, habe ich oben im Abschnitt @gerhard erläutert.

    Update: interessant fand ich auch seine Darstellung der Vertriebenengeschichte seiner Familie (Ostpreusen), die ihn wohl sehr geprägt hat. Da weiß ich nämlich zufällig aus eigenem Erleben, dass Mensch die Wahl hat, daraus eine lebenslange Opferstory zu machen oder eben NICHT: auch ich bin „Vertriebenenkind“, allerdings „sudentendeutsch“ und nur väterlicherseits (= Prager Deutscher, seine Mutter wurde bei den Pogromen 1945 erschlagen). In unserer Family spielte das keine Rolle, es gab „Lastenausglich“, aber ansonsten blieb mein Vater sämtlichen Vertriebenen-Umtrieben fern).

  14. 1. Dieser Podcast war kein herrschaftsfreier Diskurs im Sinne von Habermas. Da helfen auch keine Begrifflichkeiten wie Einordnung, betreutes Denken, reden ohne Unterbrechung usw. B en. B. hat in diesem ausschließlich von Höcke dominierten Geplauder mit „heimeliger“Atmosphäre wie gedimmter Beleuchtung, bunkerähnlichem Raum und unterbrechungsfrei nicht nur das Podium für rechte Propaganda bereitet, sondern auch auf Nachfragen, Widersprüchlichkeiten in den Erzählungen seines Gastes, Konfrontation mit Zitaten und Filmeinspielern verzichtet.

    Anstatt sich mit einem Tabubruch zu („Ich habe mich getraut“!) zu brüsten hätte er sein Video stattdessen mit „Wollt Ihr den totalen Höcke?“ betiteln können.

    2. Gegen Höcke könnte also nur jemand bestehen, der das unhaltbare Bestehende (das kapitalistische Unterdrückungssystem und seine momentaner Krise) ebenfalls ablehnt. Und drittens stehen diese AfD-kritischen Politiker, Journalisten und Podcaster des Establishments darum gegen Höcke auf verlorenem Posten, weil ihr ganzer Geist auf die Verteidigung des Bestehenden gerichtet ist, dieses Bestehende aber nicht mehr zu halten ist, nicht mehr verteidigt werden kann. Die Gefahr ist, dass viele den menschelnden Höcke als Führer akzeptieren, auch und gerade weil er von denjenigen politischen Versagerinnen und Versagern angegriffen wird, die nicht mehr als legitime Führer akzeptiert werden. Die Angriffe auf ihn führen zu einem Solidaritätseffekt, weil man in ihren Angriffen die eigenen Angriffe der Establishment-Politik auf das eigene Leben wiederkennt: von Kürzungen bei Rente, Pflege- und Krankenversicherung, der Verearsche bei der Senkung der Spritpreise bis zu Erhöhung der Wochen- und Lebensarbeitszeit usw.

  15. „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!“ posaunte es dereinst aus Stotter-Ede raus. Geredet hat aber selbst der mit allen, auch wenn ihm das nicht schmeckte.
    1986 bis 96 hat die halbe Republik nach Professor Brinkmann im Schwarzwald gesucht und heute kaufen sie halt Holy, weil es die angesagten Influenzer präsentieren. Das sind die, die den Unterschied bei jeder Wahl ausmachen.
    Juristische Ansprüche bei einem Podcaster anzumelden ist in etwa, wie sein Auto beim Klempner reparieren zu lassen und sich dann zu wundern, dass der Topf so groß ist.
    Die Auschließeritis wird einen nicht weiterbringen. Ein entschiedenes „Nein!“ zur rechten Zeit schon.
    Ich wohne z. B. in einer Ecke, wo ich nicht mal 5 Brötchen kaufen kann, ohne evtl. mit einem Rechten sprechen zu müssen.
    Die lustigen Slogans bezüglich des Umgangs mit Rechten, entsprechen alle längst vergangenen Zeiten, in denen die Verhältnisse anders waren.
    Der Zeitgeist von rechts wie von links ist jedoch seit Dekaden US-amerikanisch
    geprägt. Ob nun Woke oder KKK. Da liegt ein Schlüssel.

  16. zu: „Ich staune: Wie kann einer, der sich ansonsten als Bildungsbürger alter Schule gibt, ernsthaft glauben, eine großflächige Vertreibung aller migrantischen Familien wäre machbar oder auch nur wünschenswert? “

    Falls du das Gespräch mittlerweile zu Ende gehört hast, dann wirst du das vielleicht korrigieren müssen. Er sagt explizit, dass das nicht sein Ziel ist. Eingebürgerte bleiben was sie sind: Deutsche und somit im Land. Er würde allerdings die Gesetzgebung zur Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit wieder ändern. Das ist ein legitimes politisches Ziel.

    Und generell was den Podcast betrifft: Ich verfolge ungeskriptet fast seit Anfang an, also noch zu Zeiten wo er mit ein paar Tausend Abos gestartet ist. Wenn ihm hier einige unterstellen, dass er quasi eine Art Vorfeld für Rechte sein möchte (was im übrigen legitim wäre), so passt das nicht zu dem, was ich beobachtet habe. In den ersten Jahren seines Formats war er praktisch komplett unpolitisch. Politisch wurde er eigentlich erst so richtig im letzten Jahr als er Politiker vor der Wahl eingeladen hat. Vorher hat man ganz im Gegenteil recht oft merken können, dass er bei politischen Fragen / Themen ziemlich blank war.
    Ich würde daher sogar eher sagen: Seine Gäste haben ihn schrittweise politisch werden lassen und DAS kann ich widerum sehr gut nachvollziehen.

    Und ganz generell: Diese und eigentlich jede Demokratie hat ein Axiom als Basis und zwar den mündigen Bürger. Ohne mündige Bürger braucht man Demokratie erst gar nicht zu denken. Nur wenn wir davon ausgehen, dass wir alle dazu in der Lage sind selbst zu werten / einzuordnen, macht Demokratie überhaupt Sinn. Wie sollte es auch anders gehen? Eine Demokratie, wo man Diskurs unterbindet, Inhalte zensiert, Menschen meint führen zu müssen, ist eine Autokratie auf Level einer DDR. Auch dort konnte man wählen, aber Einfluss hatte es nicht.

    In sofern: Ihr müsstet euch eigentlich über den Podcast freuen. Er ist ein Beitrag zur Debatte und das zeigt sich wunderbar auch in den Reaktionen und zwar aus allen politischen Lagern. Jemanden eine Bühne bieten, damit wir alle dann über Inhalte diskutieren und streiten können, perfekt, danke Ben!

  17. Yossarian: Debatte und Dialog würde bedeuten, dass Ben B. die Rolle der Zuschauenden übernimmt und fragwürdigen, zweifelhaften und abstrusen Aussagen seiner Gäste auf den Grund geht. Da reinzugrätschen, ist mir als Konsument derartigen Kanzelpredigtmonologe nicht möglich. Sowohl der Gastgeber, als auch der jeweilige Gast entziehen sich so auf eine perfide Art jeglicher Rechtfertigung/Konfrontation mit Bullshit. Diese kommunikative Einbahnstraße ist auch in vielen anderen Medien journalistischer Standard. Ich kann in den Kommentarspalten zwar meine abweichende Meinung äußern, bekomme -falls mein Kommentar nicht sogar gelöscht wird – nie eine Antwort. Kommunikationstechnisch eine raffinierte Methode, denn so dient sie den Wutbürgerinnen und Wutbürgern zur Entlastung und dem Höckepack als Bestätigung. Ein autoritäres Herrschaftsinstrument. Insofern beleidigt dieses Podcastformat meinen Intellekt.
    Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=zzbz3I2iniE&t=529s (österreichische Ärztin verbreitet gefährliche Praktiken.)

    https://www.youtube.com/watch?v=iyu3YV9tbiM (der kritische Mediziner Dr. Janos Hegedüs grillt sie so richtig und führt viele Beauptung ad absurdum)

    (Frag Dich doch mal im Sinne der Kommunikationswissenschaft, warum es seither zig weiterer Videos bedarf, um sich mit diesem Video und diesem Format auseinanderzusetzen. )

    Noch eine Bemerkung zu Demokratie, die es in der DDR richtigerweise nicht gab:
    In der BRD darf der „mündige“ Bürger alle 4 Jahre zwei kleine Striche zu einem Kreuzchen vereinen und hat danach ebenfalls nichts mehr zu sagen (Günter Anders: „Die Transformation der Demokratie!“) . Den Rest erledigen die rd. 600 Lobbyvertreter in Berlin, die nicht selten ihren Buddies die Gesetze vorformulieren (Abgasnormen). Ein plurales Einparteiensystem simuliert den Vollzug des Wählerwillens. Momentan leben wir in einem parlamentarischen System, in dem die gewählten Volksvertreter keine Mehrheit im Parlament haben. Deine Demokratie ist, wenn 9 Wölfe und 1 Lamm darüber abstimmen, was es zum Frühstück gibt.

    Petitionen? Formlos, fristlos folgenlos. Außerparlamentarische Bewegungen (von Antifa, XY gegen Rechts, XY stellt sich quer, bis VVNBdA, Frauenbewegung und Bürgerinitiativen) werden kriminalisiert. Die Institutionalisierung von Bürgerräten ist ein reines Placebo.

    Es gilt der Fraktionszwang und nicht die Gewissenentscheidung des einzelnen Parlamentariers (Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG). In der Verfassung steht nichts darüber, dass ansonsten eine Koalition nicht funktionieren würde. Das zeigt sich immer dann, wenn aus ethischen Gründen bei bestimmten Entscheidungen der Fraktionszwang ausdrücklich aufgehoben wird.

  18. @gerhard keller:

    Dialog bedeutet für dich, was du von Ben erwartest aha? Sein Format war von Anfang an aber nicht so angelegt. Er hat seine Gäste nie vorgeführt, sondern neugierig gefragt, was sie antreibt und bewegt. Das ist so wie wenn du oder ich jemanden in einer Kneipe treffen und man dann in ein Gespräch kommt. Offenkundig ist das etwas, was sehr viele Menschen positiv finden, denn ich unterstelle mal, dass diese Art des Gesprächs das Kernelement seines Podcasts ist und ihn somit deswegen (sehr schnell) groß gemacht hat.

    Ob du Konsument bist und somit keine große Reichweite mit deinen Kommentaren hast oder doch lieber Akteur werden willst, das liegt bei dir. Du kannst jederzeit ein Video zu seinem Podcast machen und dich entsprechend äußern. Wenn das Anklang findet, dann wirst du auch Reichweite erhalten. Wo ist das Problem? Sich als Konsument über die Konsumentenrolle zu beklagen ist hingegen ziemlich bescheiden.
    Und es ist dir auch ungenommen, wenn dieser Podcast deinen Intellekt beleidigt. Das bleibt aber zum Glück jedem selbst überlassen was er daraus macht. Meinen Intellekt beleidigt es nicht. Er fordert mich allerdings auch nicht sonderlich heraus, denn wenn man wollte, dann konnte man auch schon vorher Höcke ohne Einordnung und Krawall mitbekommen und das hatte ich bereits getan.

    Zur Demokratie: Was du da anführst, da gehe ich durchaus mit. Das ändert aber nichts daran, dass es ohne die Grundannahme, dass wir alle mündig sind, keine echte Demokratie geben kann. Daher: Wenn wir es zumindest ehrlich meinen damit, dass wir Demokratie zumindest theoretisch gerne hätten, dann sind solche Podcasts wie der von Ben ein Teil davon und auch wichtig für die Debatte. Inhaltlich kann man ihn auseinandernehmen, das gehört dazu, aber Forderungen ihn zu zensieren oder ihm sein Einkommen kaputt zu machen, sind im Kern antidemokratische Elemente und dagegen werde ich immer kontra geben.

  19. Yossarian: Ben ist, wenn er will, durchaus in der Lage, eine ernsthafte sachlicakussion in der Tiefe eines Themas zu führen, Gegenargumente zu liefern intensiv nachzufragen. So war es z. B. bei dem Video mit der militanten Veganerin Rafaela Raab, die ihn argumentativ an seine intellektuellen Grenzen geführt hat, weil sie ihn mit Logik, wissenschaftlichen Erkenntnisse und seinen Widersprüchlichkeiten konfrontiert und auseinandergenommen hat. Köstlich!
    https://www.youtube.com/watch?v=1nunKrl1NEg&t=10587s

    Wird Dich aber auch nicht überzeugen.

    Im übrigen ist ein Format, das (als Geschäftsmodell) auf die Affinität seiner Zuschauer zu menschenverachtenden, frauenhassenden, völkischen und radikalem Nationalismus setzt und die entsprechenden Gäste einlädt, ideologisch extremst reaktionär.

  20. Traue ich ihm durchaus zu (bei politischen Themen allerdings auch erst in letzter Zeit). Und dass Rafaela Raab argumentativ stark ist weiß ich. Die steckt nicht nur einen Ben weg. Anfangen kann ich damit allerdings dennoch wenig. Aber das ist eine andere Geschicht…

    „Im übrigen ist ein Format, das (als Geschäftsmodell) auf die Affinität seiner Zuschauer zu menschenverachtenden, frauenhassenden, völkischen und radikalem Nationalismus setzt und die entsprechenden Gäste einlädt, ideologisch extremst reaktionär.“

    Ist für mich ehrlich gesagt kein Argument. Darüber hinaus scheinst du einen stark perspektivischen Blick zu haben, denn in Summe trifft das schlichtweg auf sein Format so nicht zu. Die Themen sind sehr breit gestreut und somit auch die Gäste.

    Aber selbst wenn, warum nicht? Das Interview mit Höcke hat ja exemplarisch gut gezeigt, dass ein Markt dafür da ist. Ich halte es jetzt nicht für illegitim so eine Lücke zu bedienen. Es ist privat finanziert, ohne Gelder aus irgendwelchen Töpfen und es steckt auch kein großes Verlagshaus dahinter.

    Du findest es scheiße ok, ich finde es hingegen gut und sein Podcast hat mir bereits viele Einblicke in Lebenswelten gegeben, die ich so nicht bekommen hätte. Ich finde sowas spannend und das würde tatsächlich auch nicht funktionieren, wenn es als Kravallgespräch angelegt wäre.

    Ob das bei Politikern sinnvoll ist? Wahrscheinlich eher weniger, aber warum nicht, schaden tut es auch nicht. Ich fand eigentlich bisher alle Politikergespräche, die er geführt hat, nicht sonderlich spannend, aber offensichtlich sehen das viele Menschen dann doch etwas anders…. bzw. wahrscheinlich spielt in dem Fall auch einfach mit rein, dass Höcke ständig als der neue Hitler gehandelt wird und die Leute neugierig waren, weil man ihn sonst halt kaum mal frei redend bekommt.

  21. @gerhard keller / yossarian: wow, das nenne ich mal eine kontroverse, aber dennoch sehr zivilisierte Debatte! Danke dafür!

    Persönlich sympathisiere ich mit beiden Sichtweisen, deshalb sag ich manchmal lieber nichts!
    Was ich aber sagen kann: heftige Kritik, etwas voll beschissen finden – damit sollte niemand ein Problem haben! Dass es das geben darf, zählt zu den Basics in einer Demokratie – im Unterschied zu den autokratischen Systemen, die sich lediglich ein demokratisches Mäntelchen umhängen, indem etwa Wahlen abgehalten werden.

    Was aber garnicht geht: Gewalt und Drohungen mit Gewalt, aber auch Versuche, die wirtschaftliche Existenz des missliebigen ContentCreatores zu vernichten.

    So soll etwa Saskia Esken gesagt haben: „

    „Unternehmen, deren Werbung in einem solchen Podcast ausgespielt wird, sollten mal prüfen, wie sich das abstellen lässt“…Blacklisting hilft.“ Gemeint: Werbekunden sollen ihre bei Streamingportalen wie YouTube automatisch eingespielte Werbung technisch für das Format abschalten, es grundsätzlich blockieren! „

    (Quelle BILD, u.a. denen ich keinen Link schenken mag, man findet es leicht per Google).
    Woraufhin der aktuelle Sponsor Jens Rabe ganz anders reagierte, sondern zu Protokoll gab, dass er schon immer in ungescriptet wirbt und das auch weiter tun wird – weil er, als in der DDR Geborener – Meinungsfreiheit unterstützen will, egal als welcher Ecke sie kommt.

  22. @Claudia:
    Dein erster Absatz bildet komplett meine Position ab. Um mehr geht es mir nicht.
    Zum Ton: Von mir aus darf es auch mal etwas „rumpeliger“ werden, aber schöner ist natürlich wenn es gesittet bleibt.

    Saskia Esken hat das tatsächlich so gesagt und zwar in einem Video, dass sie (und wahrscheinlich ihr Team) aktiv so abgedreht haben. Daher ist das auch nicht ausversehen im Affekt passiert. Das betrachte ich daher schon als aktiven Angriff und das geht gar nicht.
    Sein Sponsor hat sich dazu übrigens mittlerweile widerum in einem eigenen Video dazu geäußert und mitgeteilt, dass er gar nicht daran denken würde sein Sponsoring einzustellen.

  23. Ups sorry, da war ich zu schnell. Du hattest das zum Sponsor ja selbst schon geschrieben.

  24. Hat Esken etwa nicht das Recht zu sagen, dass ihrer Meinung nach den Verbreitern faschistischen und völkischen Gedankengutes die finanziellen Mittel dazu entzogen gehören? Was kommt als nächstes? Ein Spendenaufruf im Namen der Meinungsfreiheit?

  25. @Brendan: Wenn Esken sowas sagt, dann ist das nicht nur eine persönliche Meinungsäußerung, sondern ein politisches Statement. Sowas passiert nicht ausversehen, sondern dient in der Regel dazu real wirksam zu werden. Es ist zudem eine Aufforderung zur Handlung und eben nicht nur die Äußerung einer Meinung. Wenn ich zu Mord aufrufe, dann ist das auch nicht nur eine Meinungsäußerung.

    In der Praxis führt das z.B. schon heute oft zu Kontenkündigungen. Im Extremfall werden sogar Menschen / Journalisten sanktioniert und verlieren dadurch faktisch den Rechtsweg, um sich dagegen wehren zu können. Erinnert sei an die Fälle Jacques Baud und Hüseyin Doğru. Vorher hat es bereits einen Thomas Röper und eine Alina Lipp getroffen. Da beiden letztgenannten halten sich nicht im Rechtsraum der EU auf, daher sind die Folgen eher überschaubar, aber für die beiden erstgenannten ist es praktisch die komplette Stilllegung ihres Lebens und das geht sogar bis hin zur Existenzbedrohung. Zeitweise hat es z.B. auch die Frau von Doğru betroffen und damit auch sehr konkret dessen Kinder.

    Wir sind schon lange in der Aktion und somit im Bereich, wo es Gewaltenteilung, Presse und Meinungsfreiheit aktiv betrifft und bedroht. Da kann man sich berechtigt die Frage stellen von welcher Seite hier eigentlich demokratische Grundwerte bedroht werden? Von Politikern, die aktiv die Zügel in der Hand haben oder von einer Partei, die real noch überhaupt gar nichts verändert haben kann, weil sie bisher nirgends an der Macht war oder ist?

  26. @Yossarian: Der Vergleich mit dem Mordaufruf hinkt gewaltig. Ein Mordaufruf ist ein Mordaufruf – unabhängig davon, ob er von einer Privatperson oder einer Politikerin kommt. Das Strafrecht macht da keinen Unterschied, und das zu Recht.

    Aber darum geht es gar nicht. Die eigentliche Frage ist doch: Darf Esken als Politikerin sagen, dass Sponsoren ihr Sponsoring für rechtsextreme Inhalte überdenken sollten – oder ist das ein Angriff auf die Meinungsfreiheit? Darf ich das sagen?

    Ich halte das schlicht für eine legitime politische Meinungsäußerung. Du offensichtlich nicht.

    Wer Werbekunden und Sponsoren öffentlich auf die Inhalte hinweist, die sie mitfinanzieren, der übt Kritik. Das ist Demokratie, kein Deplatforming.

    Ich bin weder mit rechtsextremer noch Hamaspropaganda einverstanden und froh über jeden, der daran gehindert wird, diese zu betreiben.

  27. @Brendan: Bei Formaten wie „ungescripted“ zur Gänze zum Blacklisting aufzurufen, weil in einer der vielen Folgen Höcke reden durfte, geht m.E, zu weit. Hätte sie das bei einem AFD-eigenen Youtube-Kanal a la „was wir für Deutschland wollen“ gemacht, wäre es etwas anderes. = meine Meinung.

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