Claudia am 16. Mai 2026 —

Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre…

Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, wäre laut FORSA, INSA und YOUGOV die AFD mit zweimal 28 und einmal 27 Prozent der Stimmen stärkste Partei, die CDU nurmehr zweitstärkste mit mickrigen 22 bzw. 23 Prozent. Derweil kommt die AFD in Sachsen-Anhalt laut Infratest Dimap schon auf 41 Prozent. Wie kommt es dazu und was folgt daraus?

Es erzähle mir doch bitte niemand, ALLE diese „Stimmen“ kämen von rechtsradikalen Menschenfeinden, die seltsamerweise auch noch jeden Monat mehr werden! Wer das – wie ich – auch nicht glauben kann, müsste allerdings einsehen, dass man diesem Phänomen nicht beikommt, indem man sie alle wie klassische Nazis beschimpft, ausgrenzt und bekämpft, wie unsere Vorfahren es hätten tun sollen (anstatt so krass zu versagen und diese Verbrecher an die Macht zu bringen und dort bis zum Untergang zu halten!)

Wie komme ich zu diesem vergleichsweise heftigen Intro? Weil ich mit diesem Blogpost und einem etwas anderen Fokus das tief schürfende Kommentargespräch fortsetzen will, das sich unter dem „letzten Eintrag zu Höcke ungescripted“ ergeben hat: Kontrovers, aber durchweg zivilisiert, wofür ich wirklich dankbar bin! Heute ist es ja oft so, dass kaum noch zugehört/gelesen, geschweige denn ausführlich auf Argumente eingegangen wird, wogegen ein Gespräch wie dieses wirklich zum Nachdenken anregt und Aspekte berührt, die nicht gleich jede/r auf dem Schirm hat. (Weil es wirklich lang ist: ab hier mal reinlesen, das gibt einen Eindruck!)

Zu ‚Ungescripted‘ sind nun alle Argumente ausgetauscht, ohne dass sich die Standpunkte einander angenähert hätten: Die einen halten das Format für eine legitime Bühne offener Debatte und vertrauen darauf, dass mündige Zuschauer Inhalte selbst einordnen können. Die anderen sehen darin eine gefährliche Bühne, auf der rechte Positionen ohne ausreichenden Widerspruch normalisiert werden. Im Kern prallen damit zwei Positionen aufeinander: hier der Vorrang möglichst offener Meinungsfreiheit, dort das Prinzip der wehrhaften Demokratie, die rechtsextreme Ideologien aktiv begrenzen will.

Das Verrückte: Ich finde mich in beiden Positionen wieder und könnte sogar – je nach Anlass und Meinungsumfeld – sowohl die eine als auch die andere Position leidenschaftlich vertreten. Das macht es nicht gerade einfach, aber ich vermute, mit dieser „Verrücktheit“ bin ich nicht allein. Rein rational denke ich: beides ist wahr und hat seine Berechtigung – aber die Frage ist: Was folgt daraus? Im Fall von „Ungescripted“ gab es immerhin insofern Einigkeit, dass das Format nicht verboten werden sollte. Ob es aber noch unter „Meinungsfreiheit“ fällt, wenn ein prominentes Mitglied einer regierenden Partei dazu auffordert, dort nicht mehr zu werben, das blieb strittig!

Aber…

Damit können wir leben, sogar gerne immer mal wieder weiter diskutieren – aber was ist mit dem Wählen, dem Regieren, das uns ja alle trifft? Nach nur einem Jahr wirkt die CDU-SPD-Koalition so zerstritten wie die Ampel kurz vor Ende. Die AFD freut sich über die 28% potenziellen Wähler  (ob die es wirklich tun, steht dahin!),ist zum Glück aber selbst gespalten, wie man von Höcke weiß: Es soll tatsächlich Leute geben, die gerne mit der CDU koalieren und Politik machen würden („machtgeil“ nennt er sie), anstatt konsequent Systemopposition zu sein und auf die absolute Mehrheit zu warten. (Irgendwoher kenn ich das…).

Und die anderen 72%? ich bin nahezu sicher, dass es abseits jeglichen AFD-Sympatisantentums SEHR VIELE Menschen gibt, die es kaum mehr über sich bringen, die aktuell (CDU/SPD) oder potenziell (=Grüne, Linke) regierenden Parteien zu wählen. Und es dann doch tun, damit wenigstens irgendwas ohne die AFD zustande kommt!

Kann das so weitergehen? So werden Parteien mit nahezu unvereinbaren Positionen zwangsverheiratet, zu Lasten realer Politik, denn die Probleme des Landes spitzen sich weiter zu, während die Regierenden es einfach nicht schaffen, sich auf strukturelle Reformen zu einigen. Lieber pflegt man Schuldzuweisungen: An allem Übel sind die Anderen schuld, ich erspare uns den Versuch einer Aufzählung und schließe für heute mit dem Kommentar, den ich unter Horsts Artikel setzte:

„Weder die SPD noch Merz sind an allem schuld, sondern die Umstände, die Basis unseres im Weltvergleich sehr hohen Wohlstands hat sich drastisch verändert. Dieser Tatsacher gegenüber befindet sich die hiesige Bevölkerung in all ihren Gruppierungen und Facetten noch im Zustand der Verdrängung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Da sucht man dann gerne Schuldige, zuvorderst die Regierenden, je nach eigener politischer Voreinstellung die eine oder andere Partei. Oder überhaupt alle… außer der sog. Alternative, die noch nirgends Gelegenheit hatte, zu zeigen, dass sie auch nichts gegen die Umstände tun kann, außer die entstehenden Emotionen auf die Schwachen zu lenken, auf dass der Hass ein Ziel hat und sie schön radikal und repressiv herrschen und sich selbst bereichern könnnen. Hoffen wir, dass es hier nicht soweit kommt!“

Und sonst:

NIUS & CDU aus einem Parlamentstrick eine Brandmauer-Lüge basteln – zeigt drastisch, in was für einem parlamentarich-medialen Absurdistan wir leben!

Dazu Horst Schulte: Brandmauer: Die ungewollte Unterstützung

Sowie:

„Bis zu 200 Stellen realistisch“: AfD in Sachsen-Anhalt will Behörden bei Regierungsübernahme massiv umbauen

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
44 Kommentare zu „Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre…“.

  1. Ich lach mich schlapp. Die Grünen und ihr Herz für Schlachthöfe. Dazu fällt mir als erstes das Zitat von Leo Tolstoi ein: „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben.“

    Dann noch eines meiner Lieblingszitate (weil provozierend) im Sinne des Aphorismus Nr. 68 aus Minima Moralia von Adorno: „Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthof steht und sagt, es sind ja nur Tiere.“

    Nachdem meine Enkeltöchter (19 und 24) dieses Viedeo gesehen haben, sind sie beide von heute auf morgen Veganerinnen geworden.
    https://www.youtube.com/watch?v=V7DrljVAaYk&t=4304s
    Würde ich allen Carnivoren dringend empfehlen.

    Bezüglich der Brandmauer warte ich erst einmal die Kommentare hier ab, weil sie mich als Nichtwähler eigentlich nicht interessiert, solange alle im Wahlangebot vorhandenen Parteien der Wachstumsideologie aufsitzen und die Endlichkeit der Ressourcen ignorieren. Nach meiner großen Lebenslüge, die dem Engagement bei den Grünen entsprang fühle ich mich aktuell durch den offensichtlich machtmotivierten Widerspruch der Linken zwischen ihren Worten und ihren Taten erneut regelrecht verar….t. Ihr Liebäugeln und anbiedern in Richtung CDU ist schlicht Verrat an den WählerInnen. Ich bin sicher, sie würden mit dieser christlichen Partei auch die Trümmer der Brandmauer überschreiten und „gute“ Gründe dafür präsentieren.

  2. „„Weder die SPD noch Merz sind an allem schuld, sondern die Umstände, die Basis unseres im Weltvergleich sehr hohen Wohlstands hat sich drastisch verändert.“

    Dieser Wohlstand basiert aber nicht auf Entscheidungen von Koalitionen oder absoluten parlamentarischen Mehrheiten. Sie schaffen nur die Rahmenbedingungen für Ausbeutung und Unterdrückung zugunsten der Steigerung oder des Erhalts der Profitmargen. Kapitalismus läßt sich nicht abwählen.

  3. @Gerhard: schön, dass du wieder hergefunden hast! Allerdings hab ich den Link nicht gepostet wegen des Antragsthemas (Verbesserung der Situation kleiner Schlachthöfe), sondern wegen der Absurditäten, wie hier das Thema „Brandmauer“ ausgebeutet wird.
    Dass du als Nichtwähler dich nicht mit den Themen gewählter Parlamentarier befassen willst, ist verständlich, trägt halt zur Frage „Kann das so weitergehen?“ nichts bei. (Das Thema Tierleid/Vegan hab‘ ich blog- und buchtechnisch ab 2010 hier behandelt).

  4. @Gerhard: oh, wir haben ziemlich zeitgleich geschrieben, hab das erst nach Absenden bemerkt! Kapitalismus lässt sich auch nicht abwählen, weil als einziges „System“ naturwüchsig, sondern nur phasen- und stellenweise einhegen, wie es per „sozialer Marktwirtschaft“ geschieht (In Deutschland werden jedes Jahr mehrere hundert Milliarden Euro über das Steuer- und Sozialsystem umverteilt. ). Und lange Zeit ging es sehr vielen damit recht gut.

    Was ich mit den geänderten Umständen / Rahmenbedingungen meine: die Südstaaten, früher „Entwicklungsländer“ haben aufgeholt und sind zu mächtigen Konkurrenten geworden – sie wollen und bekommen ihr Stück vom Kuchen. Die Brics-Staaten entwickeln sich zu einem eigenen Machtblock, zu Teilen schon abseits des SWIFT/Dollar-Systems, China überholt die USA als Weltmacht – kurz: die Dominanz des „Westens“ ist gebrochen, einfaches Ausbeuten ist nicht mehr – und somit schwindet auch unser darauf basierender Wohlstand, den hiesige Unternehmen früher als „Exportweltmeister“ erwirtschaftet haben. Seit Jahre stagniert die Wirtschaft, der ständig wachsende Bedarf auf allen Ebenen ist mit dem Steueraufkommen nicht mehr zu bedienen, man hangelt sich mit Schulden / Sondervermögen weiter, die wiederum die Zinslast mehren – alles eine echte Bredouille, mit der die jeweils Regierenden umgehen müssen.

  5. Die Brandmauer ist reines Wunschdenken und hat nichts mit der Realität zu tun. In Sachsen haben AFD, Grüne und BSW gerade zusammen abgestimmt und der SPD/CDU Regierung damit eine Niederlage zugefügt. Es ging dabei um die Entlastung kleiner Schlachtbetriebe, was rot/schwarz ablehnt. So ist halt die Demokratie. Immer in Bewegung und jetzt schlägt das Pendel mal nach rechts aus. Frankreich und GB sind auch bald rechts regiert. Und Italiens Meloni ist nicht der neue Mussolini, obwohl das ja prognostiziert wurde. Deutschlands Demokratie und Verfassung werden nicht kollabieren, wenn die AFD bald den ersten Ministerpräsidenten stellt. Die kochen auch nur mit Wasser und ich sehe da keine Gefahr von einem dritten Reich 2.0.

  6. @Worf In Sachsen haben die Rechtsextremen mal wieder ein Lehrstück in Sachen Propaganda abgeliefert und alle konservativen Medien von Bild über Welt, Focus, NZZ, Cicero und natürlich Nius posaunen das Märchen von der Zusammenarbeit der Grünen mit den Faschisten in die Welt hinaus.

    Dabei haben die AfD und BSW inhaltlich Positionen der Grünen übernommen und bis kurz vor Abstimmung gegen die Grünen argumentiert. Die inhaltliche Annäherung der Konservativen und Teilen der Sozialdemokraten an die Braunen ist der eigentliche Grund, weshalb das Gerede von der Brandmauer nur inhaltsleeres Geschwätz ist.

  7. Zu der Frage: Wer sind die Wähler der AFD?

    Das kann dir die KI deines Vertrauens recht schnell zusammenfassen, weil dazu gibt es tatsächlich eine Menge an Daten / Untersuchungen. Natürlich muss man dabei bedenken, dass das gesellschaftliche Klima angespannt ist und nicht immer jeder wahrheitsgemäß anworten wird, wenn er sich bei der AFD verortet.

    Bei der Bundestagswahl haben sie nach der Linken die meisten jungen Wähler für sich gewinnen können.
    Ihre Wählerschaft hat einen großen Anteil (10% oder so) von Arbeitslosen und sie befinden sich eher in den unteren und mittleren Einkommensschichten. Der Bildungsstand ist zudem mit der niedrigste von allen Parteien.
    Man könnte das also in etwa so runterbrechen: Es ist primär die Arbeiterschaft, also das Klientel, was eigentlich SPD und Linke mal angesprochen haben. Genau das Klientel kann aber wahrscheinlich nicht viel mit Genderpolitik und Speckgürtelthemen der Linken anfangen, besonders grün sind sie wahrscheinlich auch nicht. Sie dürften zudem oft in den Vierteln leben, wo die Migration besonders negativ wahrgenommen wird und zudem auch noch zu einem Konkurrenzkampf um Wohnraum führt.

    Daher würde ich eigentlich sagen, dass das alles recht trivial ist und es nicht viel Mühe bedarf zu ermitteln, was die anderen Parteien genau falsch machen. Und ich bin mir sicher, dass sie das auch wissen.
    Die spannendere Frage ist für mich daher eher: Warum wollen die anderen Parteien die Themen dieser Wählerschicht nicht mehr ansprechen und bearbeiten?

    Und ob das alles Rechtsextreme sind? Das hat sich dieser Laden mal angeschaut: Else Frenkel Brunswik Institut
    Ich denke man darf unterstellen, dass das Institut ein wenig links lastig ist, sie in ihren Erhebungen daher sicherlich keinen BIAS zugunsten der AFD haben.
    Die kommen bei ihrer Analyse der Wählerschaft der AFD zu einen Ergebnis, wo sie ca. jeden sechsten Wähler ins rechtsradikale Lager einordnen. Das würde bei aktuell ca. 28% Umfragewerte ca 4-5% davon Nazis bedeuten.

    Ist für mich jetzt keine so große Überraschung, denn die Partei spricht diese Klientel ja nun auch wirklich offen an.

    Ich persönlich kenne übrigens zwei ehemalige Grünen Wähler, die mittlerweile ihr Kreuzchen bei der AFD machen. Ein entscheidender Grund dafür ist, dass sie den Umfang der Migration, speziell aus dem muslimischen Raum, so nicht wollen. Und man muss anerkennen, dass das hier in meiner Stadt auch wirklich öffentlich krass sichtbar ist. Wenn du im Sommer in einigen Parks bist, dann ist das wie ein orientalischer „Basar“ und diese Veränderung erfolgte halt in wenigen Jahren / knapp einem Jahrzehnt. Auch das Publikum in der Altstadt hat sich dadurch deutlich sichtbar verändert.
    Mich persönlich triggert das eher weniger, aber ich kann verstehen, dass es Menschen in einem solchen Tempo und Umfang Angst macht.

  8. Obwohl wir hier in unserer Leipziger „Platte“ ( mit signifikanten Seniorenanteil) kaum Brennpunte haben die an einen „orientalischen Basar“ erinnern, wurden dennoch die meisten Kreuzschen an die AFD vergeben.

    Zur Brandmauer, und damit nochmal zurück zu dem sehr engagierten und informativen vorherigen Chat von Brandan und Yossarain: Was die AFD jatzt in Sachsen abgeliefert hat, ist ja nicht illegal, genauso wenig wie das, was Bernd B. oder Saskia Esken gemacht haben. „Aber so was macht man nicht“, war oft ein Zusatz bei meiner Mutter, wenn Dinge erlaubt/nicht verboten sind, die nicht dem „Geist der Sache“ entsprechen. Und was habe ich dann auch immer wieder sehen müssen: Es gibt immer wieder einen, der es dann doch macht.

  9. Die Hans Böckler Stiftung hat als Wahlmotivation für die AfD herausgefunden:

    Wähler und Sympathisanten berichten deutlich häufiger von problematischen Arbeitsbedingungen, mangelnder Anerkennung im Job, einem hohen Maß an Misstrauen gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen sowie überdurchschnittlich häufig von großen Belastungen und Sorgen.

    Großartig Kontakt mit (muslimischen) Migranten im Alltag oder ein von Ausländern geprägtes Straßenbild zählen eher weniger zur Motivation das Kreuz bei der AfD zu machen. Eine grundsätzlich ausländerfeindliche Einstellung hingegen schon – nur ist die im Normalfall nicht auf konkrete eigene Alltagserfahrung zurückzuführen. Ist in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt auch kaum möglich.

    Die These „zu viele Migranten im Alltag gleich AfD“ ist auch empirisch kaum haltbar. Sie dreht die Kausalität eher um: Wenig Kontakt plus medial-diskursive Aufladung plus sozioökonomische Unzufriedenheit plus Institutionenvertrauen-Verlust führt zur Wahl der AfD.

    Hamburg bspw. mit seinem hohen Ausländeranteil (über 20%, fast 50% mit Migrationshintergrund insgesamt) wählt weit weniger AfD als Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt mit seinem niedrigen.

  10. @Brendan:
    „Hamburg bspw. mit seinem hohen Ausländeranteil (über 20%, fast 50% mit Migrationshintergrund insgesamt) wählt weit weniger AfD als Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt mit seinem niedrigen.“

    Da wäre jetzt halt die Frage: Wie ist der Ausländeranteil zusammengesetzt? Hier im Ruhrpott gibt es Städte mit hohem Migrantenanteil und da ist die AFD dann sogar in der Stichwahl, Beispiel Gelsenkirchen.

    @Menachem Welcland:
    „Obwohl wir hier in unserer Leipziger „Platte“ ( mit signifikanten Seniorenanteil) kaum Brennpunte haben die an einen „orientalischen Basar“ erinnern, wurden dennoch die meisten Kreuzschen an die AFD vergeben. “

    Hast du da für dich eine Erklärung dazu? Soweit ich das gelesen haben sind Rentner/Senioren nicht so wirklich die große Wählerschaft der AFD.

  11. Danke für deine Nachfrage, Yossarian und deine Annahme scheint zu stimmen, was die Grünauer Wähler betrifft. Zwei Dinge sind mir im Rahmen deiner Frage aufgefallen (unangenehm): 1. Wie schnell ich Dinge für eine mir geneigte Interpretation zusammen bringe, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben. 2. Manchmal tut man doch gut daran, einen Klick weiter in die Tiefe des Thema`s zu gehen.

    1. Richtig ist, das Grünau einen hohen Seniorenanteil hat. 2. Richtig ist auch, dass in Grünau die AFD ( 35,3 %) das mit deutlichem Abstand beste Wahlergebnis vor der zweitplazierten LINKE ( 22,5 %) hatte. 3. Das eine ist nicht zwangsläufig eine Schlussfolgerung auf das Andere.

    Eine Altersgruppen-Analyse habe ich für Leipzig-Grünau nicht gefunden bin aber nach Rückblick und Erfahrung schon der Meinung, dass ein Großteil der AFD tatsächlich dem Arbeitermileu entspringt, der hier ebenfalls sehr stark vertreten ist und dessen politische Gesinnung auch sehr offen kommuniziert wird.

  12. @Menachem Welcland:

    „Eine Altersgruppen-Analyse habe ich für Leipzig-Grünau nicht gefunden bin aber nach Rückblick und Erfahrung schon der Meinung, dass ein Großteil der AFD tatsächlich dem Arbeitermileu entspringt, der hier ebenfalls sehr stark vertreten ist und dessen politische Gesinnung auch sehr offen kommuniziert wird.“

    Das passt dann ja schlussendlich doch zu dem was ich recherchieren konnte. Steht also weiterhin die Frage im Raum: Wieso wollen die anderen Parteien diese Menschen nicht mehr? Ich habe da ja meine eigene These, die in etwa dahin geht, dass wenn sie deren Interessen wieder vertreten würden, dass sie dann mit ihren ganzen Karrierenetzwerken in Konflikt geraten würden, die sie auch nach der Politik mit guten Posten und Einkommen in der Wirtschaft versorgen. Bin halt leidenschaftlicher Schwurbler! ;P

  13. So absurd das klingt, aber die AFD scheint im Moment echt die einzige Partei zu sein, bei der man sicher sein kann, dass es nicht in drei Jahren gegen den Ivan geht. Die Anderen haben bereits ihre Pläne dafür gemacht und posten die überall. Das ist so wild, das man das Land abfackeln will, damit es die anderen nicht vorher tun.
    Das darf doch nicht wahr sein.
    Dafür muss natürlich etwas mehr gespart werden. Natürlich bei den Richtigen. Wäre ja auch doof, wenn Omas Häusken dem armen Schlucker weiterhilft.

  14. Hallo Claudia,
    danke für Deinen Beitrag: Viele gerade auch in unserem Alter sind extrem besorgt angesichts der Umfragewerte und verzweifeln fast daran, wie sich die etablierten Parteien „anstellen“. Einen wirklichen Zukunftsentwurf höre und sehe ich leider nicht. Und den bräuchten wir so dringend, denn überall sind die Extremisten und Antidemokraten auf dem Vormarsch. Vernunft zählt nicht mehr, nur noch Emotion und Schuldzuweisung. Leider.

  15. @Stefan Pfeiffer:

    zu deinem verlinkten Text: „Was nicht aufgebraucht ist: die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Parolen klingen einfach. Schwarz-Weiß-Bilder klingen einfach. Und dass jemand anderes schuld ist, klingt am einfachsten von allem. Genau das bedient die AfD.“

    Ist das umgekehrt denn bitte anders? Die AFD wird genauso eindimensional in der Kritik gesehen wie die AFD umgekehrt alles auf Migration runterbricht.

    Und man kann es verstehen, wenn man denn wollte. Das alles ist nicht vom Himmel gefallen. Die Probleme, die wir haben, sind Jahrzehnte alt, die Mehrheit der Bevölkerung hat sich aber offenkundig für eine „weiter so“ entschieden und da stecken wir nun halt drin.

  16. […] Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre… […]

  17. @Claudia Die 28% sind kein Naturereignis, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses – an dem nicht zuletzt auch die etablierten Parteien in unterschiedlichem Ausmaß selbst mitgewirkt haben.

    Normalisierung funktioniert nicht durch einen großen Tabubruch, sondern durch viele kleine, die folgenlos bleiben. Hubert Aiwanger und das antisemitische Flugblatt: kurze Empörung, Söder hält schützend die Hand drüber – weiter. Die Botschaft: Es kostet nichts. Der nächste Schritt wird leichter.

    Friedrich Merz und die ukrainischen Flüchtlinge, die Zahnarzt-Termine blockieren: nachweislich falsch, nachweislich Kremlnarrativ. Keine Korrektur, keine Konsequenz – die Umfragewerte stiegen. Auch das ist ein Lehrmoment, der verinnerlicht wurde.

    In diesem Kontext ist Höckes Auftritt bei ungescripted zu lesen: nicht als Ausnahme, sondern als vorläufiger Endpunkt einer Kette von Mausrutschern, Vogelschissen und wohltemperierten Grausamkeiten. Sich vor diesem Hintergrund über Esken aufzuregen, ist u.a. genau das, was Höcke provoziert und bezweckt hat. Mission accomplished.

    Und die viel beschworene Brandmauer? Die ist längst gefallen – nicht weil es eine offene Koalition gäbe, sondern weil aus machttaktischem Kalkül inhaltlich längst übernommen wird, was die AfD salonfähig gemacht hat. Eine Mauer, hinter der man dieselben Positionen vertritt, ist keine mehr.

    Natürlich sind die 28% nicht alles Nazis. Aber das ist ja gerade die eigentlich beunruhigende Frage: Warum wählen so viele Menschen offen gegen ihre eigenen Interessen, fallen augenscheinlich auf klare Lügen und Hetze herein oder wischen diese bei ihrer Entscheidung als irrelevant beiseite? Reine Interessenpolitik erklärt das nicht.

    Was es erklärt: Kontrollverlust, Statusangst, die Sehnsucht nach starker Führung – und die Bereitschaft, Aggression nach unten weiterzugeben an die, die noch schwächer sind. Das sind doch keine neuen Phänomene. Sie brechen sich immer in Krisenzeiten mit besonderer Wucht Bahn und wirken wie eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale.

    Dazu kommt ein Denkmuster, das sich immer dann aufdrängt, wenn Probleme komplex und Lösungen unbequem sind: die Überzeugung, dass es eigentlich ganz einfach wäre, wenn nur „die da oben“ es nicht verhindern würden.

    Goldman Sachs, Rockefeller, Gates, die Globalisten, die Rüstungsindustrie, die WHO, die internationale Finanzelite – das Personal wechselt je nach Milieu, die Erzählstruktur bleibt dieselbe: Das System ist unterjocht oder unterjochend, der wahre Volkswille in jedem Fall unterdrückt, und sobald man die richtigen Drahtzieher beseitigt, wird alles gut.

    Dass hinter dieser Erzählstruktur uralte antisemitische Verschwörungsmythen stecken – ja, das auszusprechen gilt heute in erstaunlich vielen Kreisen bereits als Zumutung. Darin, übrigens, sind sich große Teile der Linken und der Rechten bemerkenswert einig.

    Ein weiterer Teil spielt sich auf dem Terrain von Identität und Körper ab. Der überproportionale Rechtsruck bei jungen Männern ist kein Zufall: Rechtsaußen bietet verunsicherten männlichen Identitäten ein Angebot – klare Hierarchien, starke Männlichkeit, ein Feindbild.

    Die behauptete Frühsexualisierung in Schulen, der Kulturkampf ums Transgender-Thema, die von den Faschisten in Sachsen-Anhalt angekündigte Abschaffung der Inklusion behinderter Menschen, die durch eine rechtsextreme und fundamentalistische Kampagne verhinderte Neubesetzung des Verfassungsgerichts und die wieder geöffnete Abtreibungsfrage – all das das sind keine zufälligen Einzelthemen. Es ist Körperpolitik als Strategie: Wer darf definieren, was normaler Körper, normale Sexualität, normale Familie ist?

    Zu Deiner Frage, ob das so weitergehen kann – mit Parteien, die mit unvereinbaren Positionen zwangsverheiratet werden: Ja, das kann so weitergehen. Das muss so weitergehen!

    Denn das ist keine Ausnahme, das ist Demokratie. Der Kompromiss ist ihr Normalzustand, nicht das Durchregieren. Wer auf das große, allumfassende Durchregieren wartet, auf die Partei, die Bewegung, die endlich seine Ideen zu 100% umsetzt, der wartet nicht auf Demokratie oder „große Strukturreformen“, sondern auf etwas ganz anderes.

    Das ist der eigentliche Kern: Die Ablehnung des mühsamen, unbefriedigenden, oft halbgaren Kompromisses (wo Reiche in ihrer Back-to -Fossil-Politik Kompromisse macht, konnte mir übrigens noch keiner erklären) – von links wie von rechts – ist keine Systemkritik. Sie ist Demokratiemüdigkeit gespeist aus Bequemlichkeit und Narzissmus.

    Der Verschwörungsglaube, dass der Kompromiss nicht an der Komplexität der Realität liegt, sondern an der Korruption des Establishments, macht aus dieser Müdigkeit eine Falle: Man wählt eine Partei, deren Wesen Rassismus ist, völkischer Nationalismus, Veruntreuung, Postengeschacher (bevor man überhaupt ein Regierungsamt inne hat), Nepotismus – und der Verkauf an einen Schlächter, der europäische Städte bombardieren lässt, den Nachkommen von Holocaustüberlebenden als Führer eines Naziregimes diffamiert und 1000e Kinder entführen lässt, um sie zu russifizieren. Weil die anderen ja auch nicht besser sind!

    Oder man macht sich einen schlanken Fuß, verweigert sich der Teilhabe und sei sie noch so klein, weil man vermeintlich über den Dingen steht.

    An diesem Punkt hört die rationale Diskussion auf. Nicht weil die Argumente ausgehen, sondern weil das Gegenüber in einem Weltbild wohnt, das für Argumente nicht mehr durchlässig ist. Das ist das eigentlich Beunruhigende – und der Grund, warum 28% kein Diskursproblem sind, sondern ein Demokratieproblem.

  18. @Brendan

    +1

  19. Claudia: „Kapitalismus lässt sich auch nicht abwählen, weil als einziges „System“ naturwüchsig, ………..“ Oyoyoyoyoy! Ich sag mal: Entweder hast Du vergessen, auch das Wort naturwüchsig in Anführungsstriche zu setzen oder vergessen, in Klammern „Achtung Satire“ dranzuschreiben. Richtig wäre die Ansage, dass sozialistische Gesellschaftsprojekte bisher aus unterschiedlichen Gründen (DDR = Staatskapitalismus) gescheitert sind. Der Kapitalismus ist nicht naturgegeben, sondern nur übrig geblieben.

    Brendan: Kompromisse sind in der Regel nur die sozialverträgliche Variante der Herrschaft. Daneben gibt es jede Menge fauler Kompromisse:
    1. Im Wahlkampf 2005 kündigte die CDU in ihrem Wahlproramm eine Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 18 % an, die die SPD als „Merkelsteuer“ und wachstumsschädlich denunzierte. In der GroKo einigte man sich dann auf 19 % und nannte dies einen Kompromiss.

    2. Das zunächst vorbehaltlos gewährte Asylrecht wurde 1993 (Grundgesetzänderung Art. 16a Abs. 1 GG) und 2015 in wesentlichen Punkten überarbeitet und faktisch abgeschafft (Drittstaatenregelung). Diese Regelung wurde seinerzeit als Asylkompromiss tituliert. Ich sehe in einem Kompromiss allerdings die Einigung auf eine Lösungsmöglichkeit zwischen zwei Extremen, die aber in diesem Fall vermisste.

    Einen wesentlichen Beitrag zur Normalisierung der AfD-Politik haben auch die Talkshows geleistet, in denen man gemütlich mit den Eliten dieser Partei parlierte. In diesen Sendeformaten des ÖR gab es nie eine Brandmauer. (Die Gäste aus der AfD vorzuführen ist nicht nur nicht gelungen, sondern hat sie gestärkt. )

    Eine Zäsur gab es in meinen Augen nach der Bundestagswahl 2017, als es zu einer Neuauflage der GroKo kam. Nach dem Wahlergebnis gab es durch die Bank öffentliche Statements von SPD-Granden, auf keinen Fall und nie niemals wieder mit der CDU zu koalieren, sondern als größte Oppositionspartei ab jetzt klare Kante zu zeigen (Andreas Nahles: „ab morgen kriegen sie in die Fresse“ – gemeint war nicht die AfD, sondern die CDU) . Bis Hundespräsident Steini seine Genossen an die Verantwortung für das Vaterland erinnerte und schon war anstelle der SPD die AfD die größte Oppositionspartei mit all den daraus resultierenden parlamentarischen Rechten (Ausschussvorsitze usw.).

    Was die WählerInnen in das Lager der AfD treibt, sind für mich insbesondere die Lügen und die nicht eingehaltenen Versprechen der „demokratischen“ Parteifürsten. Merz ist da eine Gallionsfigur und bei der SPD heißt es erfahrungsgemäß: „Halten“ ist das Gegenteil von „Versprechen“. Daraus folgt die Abkehr von der Vertretungs- und Zuschauerdemokratie, gepaart mit der Sehnsucht nach einer starken Führungspersönlichkeit. Protestwählerinnen und Protestwähler gibt es in meinen Augen nicht, weil es ja Alternativen gibt (z. B. „Die Partei“). Man hat ihnen schließlich auch noch erfolgreich eingeredet, dass die Migration die Mutter aller Probleme ist.

  20. @gerhard: Den Talkshow-Punkt sehe ich differenzierter. Es ist Aufgabe und Pflicht des ÖRR, über relevante politische Kräfte zu berichten und sie mit Gegenargumenten zu konfrontieren. Auch wenn das unbequem ist. Der Vorwurf, die AfD werde totgeschwiegen, ist ja nicht vom Himmel gefallen: Er wird laut, sobald man sie nicht einlädt, und er verfängt, weil er an ein reales Misstrauen gegenüber „Systemmedien“ andockt.

    Der ÖRR steckt strukturell in einer Doppelbindung: Lädt er ein und stellt sie in Diskussionen – bietet er den Rechtsextremen eine Bühne. Verweigert er jede Plattform – bestätigt er das Narrativ vom Meinungskartell.

    Genau deshalb wird ungeskripted von so vielen gefeiert: nicht weil Ben Berndt besser war, sondern weil er vier Stunden lang Höcke reden ließ, ohne zu widersprechen. Das empfanden viele als „endlich ungefilterter Zugang“ aber was es tatsächlich war: ungefilterter Propaganda-Monolog.

    Zu Deinen Kompromiss-Beispielen: Du hast Recht, dass es faule Kompromisse gibt – die Mehrwertsteuererhöhung auf 19% nach einem Wahlkampf gegen 18% ist ein schönes Lehrstück darin. Aber das belegt nicht, dass der Kompromiss als Prinzip gescheitert ist, sondern nur, dass schlechte Kompromisse möglich sind. Wie gute Kompromisse übrigens auch. Nur: was ein guter und was ein schlechter Kompromiss ist, liegt im Auge des Betrachters.

    Das eigentliche Problem ist ein anderes: Die Demokratiemüdigkeit speist sich nicht primär aus schlechten Kompromissen, sondern aus der Erwartung, dass es gar keine Kompromisse geben dürfte. Und aus dem Glauben, dass nur eine Partei oder Bewegung die Wahrheit kennt und sie nur durchsetzen müsste, wenn nicht „die da oben“ es verhinderten. Diese Erwartung ist nicht links oder rechts. Sie ist autoritär und sie macht jeden tatsächlich erzielten Kompromiss, auch einen guten, zum Beweis für Verrat.

    Eine Randnotiz, die ich aber für nicht unwichtig halte: Du schreibst von „Vertretungs- und Zuschauerdemokratie“ und setzt „demokratisch“ bei den Parteivorsitzenden in Anführungszeichen. Ich verstehe den Impuls: Enttäuschung über gebrochene Versprechen und selbstbedienerische Eliten ist berechtigt. Aber diese Sprache ist nicht neutral.

    „Vertretungsdemokratie“ abwertend zu rahmen und demokratischen Parteien die Demokratie in Anführungszeichen wegzuschreiben – das ist exakt das Vokabular, mit dem die AfD arbeitet. Nicht weil Du ihre Positionen teilst, sondern weil diese Rahmung dasselbe Fundament unterhöhlt, auf das wir uns alle berufen, wenn es darauf ankommt, halte ich das für problematisch.

    Die AfD erzielt ihre Propagandaerfolge zu erheblichen Teilen nicht durch eigene Stärke, sondern genau dadurch, dass ihr dieses Misstrauen gegenüber demokratischen Prozessen als Vorarbeit geliefert wird – von links wie von rechts, vielleicht gut gemeint aber trotzdem folgenreich.

  21. Brendan: „„Vertretungsdemokratie“ abwertend zu rahmen und demokratischen Parteien die Demokratie in Anführungszeichen wegzuschreiben – das ist exakt das Vokabular, mit dem die AfD arbeitet.“

    Da gehe ich nicht mit. Es etwas anderes, ob ich für den Erhalt der Wälder bin, weil es eine ökologische Forderung gegen die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen ist, oder ob ich von rechts für Laubbäume kämpfe, um später mal die politischen Gegner daran aufzuhängen. Das ist jetzt überspitzt polemisch, zeigt aber, dass eine Sache mit gegensätzlichen bzw. differenten Intentionen von links und rechts kritisiert werden kann.

    Zu der in aller Munde gebräuchlichen Formel: „Die demokratischen Parteien!“:
    Die Barbarei ist kein zu verhindernder Zustand, wir stecken längst mittendrin. Dies ist keine neue Erkenntnis, doch haben wir das Bewusstsein darüber ebenso ausgesperrt wie die Geflüchteten.

    So kann die „demokratische“ Friedensnobelpreisträgerin EU weiter von Demokratie und Menschenrechten reden, während sie Kinder ertrinken und erfrieren lässt, Menschen, die nach Hilfe schreien, mit Tränengas auseinander- und in den Tod treibt. Die Gewalt, auf der unsere Ordnung aufbaut, wird uns gerade schonungslos vor Augen geführt. Im Jahr 2024 ertranken durch strukturelle Gewalt unter politischer Mitverantwortung der BRD 10.400 Menschen auf der Flucht in Booten im Mittelmeer, darunter 20 % Kinder.

    Das wollen auch viele Linke nicht hören, sie haben sich auf die Logik des kleineren Übels eingelassen, und damit auf die Logik der bürgerlichen Herrschaft. Sie reden sich ein, hierzulande würden Rechtsstaat und Demokratie herrschen, und ignorieren, dass das nur für uns gilt, die Folterlager bloß exterritorialisiert wurden. All die Gewalt an den Grenzen, die Abschiebungen und Asylrechtsverschärfungen, die Lagerzentren und push backs sind das Werk von Demokratinnen und Demokraten an der Macht. Natürlich wäre alles noch viel schlimmer, würden sich die neuen Rechten und ihre noch autoritäreren Krisenlösungen durchsetzen. Aber der Normalzustand, den wir gegen noch beschissenere Verhältnisse verteidigen, ist längst die Katastrophe

    Vor Friedrich Merz hat Olaf Scholz bereits 2023 »Abschiebungen im großen Stil« angekündigt, nannte Annalena Baerbock die in der EU beschlossene Einrichtung von (irgendwann auch für innere Feinde verwendbaren) Lagern für Asylsuchende die Verwirklichung von »Humanität und Ordnung«. Das ist rechts von der AfD. Aktuell versucht die CDU in der Regierung, die AfD zu kopieren, in der falschen Erwartung, auf diese Art die „Protestwähler“ zurück holen zu können (die sich aber für das Original entscheiden).

    Wer erst bei AfD-Wahlerfolgen bemängelt, dass Arbeitende sich gegen ihre Interessen entscheiden, macht sich angesichts der übrigen parlamentarischen Realität nur noch lächerlich. Wer Nationalismus erst bei der AfD als gefährliche Denkweise entdeckt, verschleiert den ganz normalen Nationalismus fast der ganzen Gesellschaft (eigenes komplexes Thema – leider).

  22. @gerhard: Dein Vergleich hinkt: Es geht nicht um die Sache (Kritik an Demokratie), sondern um die Wirkung. Wenn Du „Vertretungsdemokratie“ abwertest und „demokratisch“ in Anführungszeichen setzt, bestärkst Du genau das Narrativ, das die AfD nutzt, um das System als solches zu diskreditieren – völlig unabhängig von Deiner Intention. Die AfD profitiert davon, dass ihre Gegner die gleichen Begriffe untergraben, die sie selbst angreifen.

    Deine Analyse der EU und der deutschen Asylpolitik ist nicht unbedingt falsch – aber sie ist einseitig und unvollständig. Ja, es gibt strukturelle Gewalt, und ja, die etablierten Parteien tragen Mitverantwortung. Doch Dein Schluss, dass „der Normalzustand längst die Katastrophe“ sei, führt in eine Sackgasse – und ist überdies falsch, denn wozu sich dann noch über die AfD echauffieren? Macht doch eh keinen Unterschied.

    Churchill sagte bekanntermaßen:„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von allen anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden.“

    Und genau das ist der Punkt: Die Alternative zur unvollkommenen Demokratie ist nicht deren Abschaffung, sondern ihr ständiger Kampf um Verbesserung.

    Dass die CDU die AfD kopiert, ist kein Argument für die AfD, sondern ein Beweis dafür, wie sehr die etablierten Parteien (und nicht nur die) versagt haben.

    Aber die Lösung ist nun mal nicht, sich in Zynismus zu flüchten und darauf zu beharren, sowieso alles besser zu wissen, alles durchschaut und DIE eine Patentlösung zu haben (die gibt es nämlich nicht), die nur dummerweise niemand hören will, sondern die politischen Kämpfe dort zu führen, wo sie wirksam sind: in den Parteien, auf der Straße, im Ehrenamt, in der Öffentlichkeit – oder wenn es nur durch ein Kreuz bei Wahlen ist.

    Wer hingegen die Demokratie nur noch als Farce sieht, überlässt sie denen, die sie abschaffen wollen.

  23. Brendan: Was ich da lese, ist SPD-Rhetorik in Reinkultur. Seit ich das Buch „Rechte Genossen“ von Peter Kraatz (vollständig online: http://www.bifff-berlin.de/SPD0.htm) gelesen habe, ist diese Partei für mich als Ansprechpartnerin völlig indiskutabel.

    Auszug:
    Der linke Düsseldorfer SPD-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Hansen erfuhr in den 70er Jahren, als mit Willy Brandt ein prominter Antifaschist Bundeskanzler war, was dies in seiner Partei konkret bedeutete. Er hatte von der Bundesregierung verlangt, sich bei den USA dafür einzusetzen, daß das Berliner US-Document-Center mit Millionen Daten über Nazi-Aktivisten aus der Verwaltung der Alliierten in deutsche Hände überführt werde, damit auch deutsche Antifaschisten freien Zugang zu den Dokumenten bekämen, was bis dahin fast nur für Bürger der Kriegssiegerstaaten möglich war. Doch Willy Brandt lehnte ab; es befanden sich zuviele Hinweise auf Personen im US-Document-Center, die inzwischen die Seite gewechselt hatten und sich nach jahrelanger Treue zu den Nazis während des „Dritten Reiches“ nun jahrelang als stramme Sozialdemokraten bewährt hatten. Brandt: „Wir wären von allen guten Geistern verlassen, wenn wir … jetzt anfangen würden, nochmal das, was vor 35 Jahren ein gewisses Ende gehabt hat, aufrollen zu wollen. Das bringt uns innenpolitisch auch nicht einen Millimeter voran.“

    Und tschüss.

  24. @gerhard: Interessant!
    Ich habe in meinem Kommentar die SPD kein einziges Mal erwähnt. Dass Du ihn trotzdem als „SPD-Rhetorik in Reinkultur“ liest, sagt mehr über Deine Brille als über den Text.

    Aber gut, zum Prinzip dahinter: Die SPD hat in den 70ern ehemalige Nazis geduldet, also ist jedes Argument für demokratische Kompromissfindung diskreditiert. Das ist eine Logik, die ich kenne und die mich mehr beunruhigt als die SPD-Geschichte es je könnte.

    Denn was bleibt, wenn jede real existierende demokratische Kraft an ihrer Unvollkommenheit gescheitert ist? Die reine Idee. Das unbefleckte Prinzip, das man lieber hütet als die schmutzige Realität zu gestalten. Nun gut, dann tun Letzteres eben die anderen.

    Wer auf die Verwirklichung der absoluten Wahrheit wartet und bis dahin lieber nicht wählt, nicht mitmacht, nicht kompromittiert oder sich nicht kompromittieren lässt, der überlässt das Feld denen, die keine Skrupel haben.

    Das nennt man dann Haltung. Ich nenne es Luxus; einen, den sich die Schwächsten in dieser Gesellschaft nicht leisten können, wenn die Falschen anfangen, Stellen umzubesetzen, Inklusion abzuschaffen und Abschiebelisten zu schreiben.

    Die reine Idee bleibt sauber. Die Konsequenzen tragen andere.

  25. Du liebe Güte, hier gehts ja wieder ab… ! Dass ich gleich VIEL schreiben müsste/wollte, um alledem gerecht zu werden, was Ihr hier beigetragen habt, hat mich abgehalten, denn ich komm grade zu nix (wg. offline ToDos).

    Wozu ich aber komme: kurz zu sagen, dass mich der Vorwurf von Gerhard an Brendan, er fabriziere „SPD-Sprech“ schon auch erschreckt hat! Genau wie diese in irgendwelche Vergangenheiten zurückschauende Argumentation: Weil Partei X anno dunnemal Scheiße gebaut hat, hat sie ein für allemal verschissen – tja, das gilt für alle Parteien, aber wir leben nun mal in einem Parteienstaat – und jetzt? Sollen sich die jetzigen Politiker/innen für sämtliches Fehlverhalten ihrer Vorgänger/innen verantwortlich fühlen? Was für ein Quatsch, sorry! Die Welt hat sich verändert und tut das immer schneller! Wenn heutige Aktive es schaffen, auf heutige Problematiken und Krisen zu reagieren, dann sind sie schon gut dabei und ich möchte ihr Wirken dann auch angesichts aktueller Kriterien und Zielvorstellungen diskutiert sehen. Was denn sonst? Immer nur rumschimpfen und sich raushalten?
    Insofern stimme ich Brendan zu: Wenn allzu viele sich so verhalten, freuen sich jene, die keine Skrupel haben, dass ihnen das Feld überlassen bleibt!

    Wo ich Brendan nicht zustimme: Dass „das“ so weiter gehen muss. Ich meinte damit eine Situation nach einer Wahl, bei der die AFD so viele Sitze bekommen hat, dass eine Regierung ohne sie nur durch Zusammenschluss aller anderen Parteien (CDU, SPD, GRÜNE, LINKE) möglich ist. Das ist nämlich NICHT der Standard in unserer durchaus auf Koalitionan angelegten parlamentarischen Demokratie und würde massiv den Vorwurf bestätigen, dass das Wählen ja doch keinen Unterschied mache, weil eh alle gleich übel seien, quasi eine „Einheitspartei“ – die am Ende nur durch eine absolute Mehrheit der AFD systemkonform abgewählt werden könne.

    DAS ist unser drohendes Demokratieproblem!

    Wie ich sehe, hat heute abend die Phoenix-Runde das Thema „Umgang mit der AfD – Abschotten oder einbinden?“ Erster Vorschlag: Einleitung eines Verbotsverfahrens zwecks „disziplinarischer Wirkung“. Das Weitere guck ich mir jetzt vom Bett aus noch an….

  26. Wenn mit paternalistischem Gestus auf einen meiner Kommentare die Empfehlung gegeben wird, politischen Kämpfe dort zu führen, wo sie wirksam sind: in den Parteien, auf der Straße, im Ehrenamt, in der Öffentlichkeit – oder wenn es nur durch ein Kreuz bei Wahlen ist, dann ist das für mich ein Beleg, dass trotz meiner Bemühungen, argumentativ, analytisch und an Beispielen Widersprüche aufzuzeigen, zum großen Teil auf Ignoranz stößt. Meine Positionen zur bürgerlich parlamentarischen Demokratie sind das Ergebnis meiner jahrzehntelangen politischen Biografie, begleitet mit t Lektüre kritischer Publikationen.

    Die Grünen waren mal eine wirklich alternative Partei. ca. 7 Jahre war ich dort aktiv, habe Jutta Ditfurth, Rainer Trampert und Thomas Ebermann persönlich kennengelernt und mit ihnen diskutiert. Auch auf der Strasse habe ich protestiert, wie z.B. 1983 im Bonner Hofgarten, bis ich feststellen musste, dass Latschdemos nicht verändern. Zweimal Wackersdorf, davon ein Mal auf dem Wahnsinnskonzert, ein Mal Zaunkämpfe im Chaoten-Eck, dazu aktivistische Sonntagsspaziergänge am THTR-Reaktor in Hamm-Üntrop.
    Mein Antifa-Aktivitäten (Schülerzeitung, Störung von NPD- und REP-Versammlungen, Nachtwachen vor Asylunterkünften jeweils am 9.11. eines jeden Jahres, landesweite Vernetzung mit anderen Gruppen) hatten zur Folge, dass ich von meinem SPD-dominierten Arbeitgeber (Kommunalverwaltung) mit arbeitsrechtlichen Mittel politisch verfolgt wurde. Erst Versetzung in die Ausländerbehörde mit dem Sachgebiet „Abschiebungen und Ausweisungen“, dann später ein Jahr lang Isolation in einem Büro ohne jeglichen Kontakt zu einer Organisationseinheit.

    Die hartnäckige Verteidigung von Saskia Esken durch Brendan erscheint mir nun in einem anderen Licht. Erschreckend ist das Verständnis für Willy Brandt, der ja allgemein auch über die Parteigrenzen hinaus als sakrosant gilt. Für mich ein Beweis für die personelle Kontinuität der NS-Diktatur auch in dieser Partei.

    Ich komme mir vor, wie ein Veganer, der sich hier auf der jahreshauptversammlung der Metzgerinnung verirrt hat. Wenn Fakten nicht mit gegensätzlichen Fakten belegt werden, wird einfach von der Metaebene auf die „ad personam-Diskussion“ heruntergebrochen.. Das trifft immer und ist für mich mal wieder die Erfahrung, dass eine radikale kritische Auseinandersetzung jenseits der an Gratismut grenzenden populären Abarbeitung an der AfD hier nicht willkommen ist. Die Filterblase hält dicht.

    In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.

    PS: Brendan (Zitat) „wenn die Falschen anfangen, Stellen umzubesetzen, Inklusion abzuschaffen und Abschiebelisten zu schreiben.“ Ja – ne – is klar, es müssen nur die Richtigen tun, alles nach Gesetz und Ordnung, Akte auf Akte, Paragraf auf Paragraf und alles legal, demokratisch durch Stimmzettelfolklore legitimierte Abschiebungen in gesicherte Folterstaaten..

  27. Claudia: Auf Deine Frage, wie ein Mensch seine humanitäre Orientierung verliert und rechts wird ein paar Tipps:

    Leipziger Studie
    Adorno, “Studien über den autoritären Charakter”
    Christopher Browning “Ganz normale Männer”
    Daniel Goldhagen “Hitlers willige Vollstrecker”

    Milgram-Experiment 1961
    Stanford-Experiment 1969
    Rhythm 0 von 1974 – Marina Abramovic

    1974 stellte Marina Abramović 72 Utensilien auf einen Tisch und stellte sich darauf, versprach, 6 Stunden lang bewegungslos zu bleiben, und bot den Menschen an, ihn als Stütze und Leinwand für alles zu verwenden, was sie mit diesen Werkzeugen darauf tun wollten.

    Eine Peitsche, Nägel, Zucker, eine Kerze, Ketten, Blumen, Alkohol, ein Revolver, eine Axt, eine Säge, ein Teller … 72 insgesamt.

    Es begann harmlos. Jemand drehte ihre Arme herum. Jemand schob ihre Arme hoch in die Luft. Jemand berührte sie auf eine einigermaßen intime Weise. Die neapolitanische Nacht begann sich zu erhitzen. In der dritten Stunde wurden all ihre Kleider mit Rasierklingen vom Leib geschnitten. In der vierten Stunde sondierten Rasierklingen ihre Haut. Jemand schnitt mit den selben Rasierklingen an ihrer Kehle, um das Blut abzulecken. Verschiedene kleinere sexuelle Übergriffe wurden an ihrem Körper ausgeführt. Sie verhielt sich ihrer Performance gegenüber so verpflichtet, dass sie sich weder einer Vergewaltigung noch einem Mord widersetzt hätte. Angesichts ihrer Willenlosigkeit, mit ihrem implizierten Kollaps der menschlichen Psyche, bildete sich im Publikum eine schützende Gruppe. Als eine geladene Feuerwaffe an ihren Kopf gehalten und ihr Finger auf den Abzug gelegt wurde, brach zwischen den Publikumsgruppen ein Kampf aus.

  28. @gerhard: mit Fundamentalisten (vulgo: Fundis) ist schlecht diskutieren, das merke ich in diesem Leben wahrlich nicht zum ersten Mal!

    Ich hätte weit mehr Grund, mich von dir ignoriert zu fühlen, weil du meinen letzten Kommentar inhaltlich wohl garnicht wahrgenommen hast – sonst hättest du nämlich garnicht SO weiterschreiben können, ohne darauf zu antworten!

    „Meine Positionen zur bürgerlich parlamentarischen Demokratie sind das Ergebnis meiner jahrzehntelangen politischen Biografie, begleitet mit t Lektüre kritischer Publikationen. „

    Und diese in Jahrzehnten gefestigte Identität breitest du hier aus, obwohl der Blockpost doch ein THEMA hatte: Wie kommt es dazu und WAS FOLGT DARAUS? Vermutlich wirst du mir zustimmen, wenn ich es für hoch wahrscheinlich halte: Du wirst nicht mehr umdenken, egal was irgendjemand hier oder anderswo sagt und schreibt und im Rahmen unserer real existierenden parlamentarischen Demokratie so treibt!

    Diese wortgewaltig vorgetragene moralische Empörung, die du hier zum Besten gibst – was folgt daraus? Was soll es bringen, zum zigtausendsten Mal die Vorwürfe an ehemalige Politiker, Parteien und Institutionen vorzutragen? Noch dazu mit falschen Zahlen wie hier bezüglich des Mittelmeerdramas:

    „Im Jahr 2024 ertranken durch strukturelle Gewalt unter politischer Mitverantwortung der BRD 10.400 Menschen auf der Flucht in Booten im Mittelmeer“

    Falsch! Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und des UNHCR starben oder verschwanden im Jahr 2024 auf allen Fluchtrouten über das Mittelmeer insgesamt etwa 2.400 bis rund 3.500 Menschen.
    Und jed/er ist eine/r zuviel! Aber ist es hierjetzt wirklich sinnvoll, diese ganze Debatte, die lang und breit und quer durch alle Bevölkerungsgruppen geführt wurde, nochmal aufzurollen? Das willst du wohl auch nicht, du willst nur zeigen, dass auf der Welt fürchterliche Übel passieren und benennst Schuldige, als würde uns das jetzt in Sachen „demnächst AFD an der Macht?“ weiterbringen!
    Dass die Fundis die Grünen verlassen haben, war unvermeidlich, sonst hätten sie keinen Bestand in den Parlamenten gehabt und hätten auch nie irgendwas mitgestaltet. Wer nur Systemopposition sein will, ist in den Parlamenten falsch – das gilt auch aktuell für die AFD, zumindest für den Höcke-Flügel, jedenfalls für alle, die sich ernsthaft als „Systemalternative“ verstehen.

    Dann auch noch die Kunstperformance! Die war doch genau darauf angelegt, genau SO zu verlaufen, wie sie dann verlaufen ist! Wären die Menschen nur rücksichtsvoll um die Künstlerin herumgestanden, wäre sie vermutlich enttäuscht darüber gewesen, dass ihr provokantes Setting nicht klappt! Schön übrigens, dass sich die Schutzgruppe gebildet hat – immerhin! (Geschossen hätte der Typ mit der Pistole nicht, denn es gab/gibt ja noch das Strafgesetzbuch…)

    Was soll uns das alles sagen? Ja, Menschen sind gut UND böse, können göttlich und teuflisch agieren, zum Mord (zumindest zum Totschlag) sind im Grunde alle fähig – es kommt auf die jeweiligen Umstände an. Dieses Wissen setze ich eigentlich voraus, wenn ich was blogge…

  29. Mal in die Runde gefragt -und die Antwort interessiert mich inhaltlich ehrlich!-: Glaubt ihr tatsächlich, dass die AFD die Demokratie abschaffen möchte? Wenn ja, woran macht ihr das fest?

    Ich höre das so oft und frage mich jedesmal wo das herkommt? Das Parteiprogramm gibt das schon mal nicht her, bleiben also Aussagen und/oder Personen. Wenn ich auf die Bundesebene schaue, dann sehe ich eine Weidel und einen Chrupalla. Bei Weidel sagt mir mein Gefühl, dass die ganz schnell auf Linie ist, wenn es um reale Machtoptionen geht und Chrupalla halte ich für einen eher recht bodenständigen Typen, aber sicherlich keinen Demokratieputschisten… und die sind nun mal von der Partei gewählt, also Ausdruck dessen, was die Parteimitglieder für richtig an der Spitze halten.

  30. @gerhard: Ich verteidige Saskia Esken nicht. Ich habe ein strukturelles Argument über Meinungsfreiheit und staatliche Sanktionsgewalt gemacht. Dass Du das als Esken-Verteidigung liest, ist dein Filter, nicht mein Text.

    Dass Willy Brandt die Öffnung des Document Centers verweigert hat, ist dokumentiert und kritikwürdig. Dass daraus folgt, jedes Argument, das nicht auf vollständige Systemverweigerung hinausläuft, sei „SPD-Rhetorik in Reinkultur“: das ist kein analytischer Schluss, das ist ein Glaubenssatz.

    Du erwähnst Adorno, Browning, Goldhagen, das Milgram-Experiment, Marina Abramović. Ich kenne das alles. Aber beim Milgram-Experiment (und bei den anderen auch) lohnt ein genauerer Blick – entweder auf die neuere Forschungslage oder auf das, was das Experiment tatsächlich gezeigt hat.

    Die Berufung auf bloße Autorität hat in den Versuchsreihen den meisten Widerstand erzeugt. Was hingegen zu Gehorsam geführt hat, war die feste Überzeugung der Versuchspersonen, das Richtige zu tun: der feste Glaube, im Dienst einer höheren Wahrheit zu handeln. Es ist also weniger die blinde Gefolgschaft gegenüber Autorität, die Menschen zu Mittätern macht, als die moralische Selbstgewissheit dessen, der glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen. Das sollte zu denken geben; nicht nur über die anderen.

    Und was folgt aus dem für Dich konkret? Nichtwählen? Die reine Haltung, unbefleckt vom schmutzigen Kompromiss? H.L. Mencken hat es gut formuliert: „Für jedes komplexe Problem gibt es eine Lösung, die einfach, klar und falsch ist.“ Die Verweigerung selbst ist auch eine solche Lösung. Das gute Gewissen des Mannes, der sich die Hände nicht schmutzig macht, während andere die Konsequenzen tragen.

    Du hast jahrzehntelange politische Erfahrung, das ist respektabel. Aber Erfahrung immunisiert nicht gegen Scheuklappen. Sie kann sie sogar verfestigen. Wer nach Jahrzehnten zu dem Schluss kommt, dass alle außer ihm in der Filterblase sitzen, sollte das vielleicht auch als Hypothese über sich selbst in Betracht ziehen.

  31. @Brendan:

    „Es ist also weniger die blinde Gefolgschaft gegenüber Autorität, die Menschen zu Mittätern macht, als die moralische Selbstgewissheit dessen, der glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen. Das sollte zu denken geben; nicht nur über die anderen.“

    Da sollte sich übrigens mal jeder fragen in wieweit das auf einen selbst zutrifft.

    Wichtiger als der Umstand, dass Menschen aus eigens erlangter moralischer Selbstgewissheit handeln, ist jedoch, dass man eine solche Selbstgewissheit auch von außen herbeiführen kann. Das wird seit praktisch 100 Jahren in Form der professionellen Propaganda, beginnend mit Bernays, von jeder Werbe- oder PR-Agentur betrieben und ist tägliches Geschäft, besonders anschaulich zu „bewundern“, wenn man mal wieder einen Krieg für das Gute anzettelt.
    Abseits von Kriegen ist es aber natürlich auch gängige Praxis in der politischen Auseinandersetzung.

  32. @Yossarian, Volltreffer: Ob die AFD die Demokratie abschaffen möchte, das ist definitiv die: 1.000,– Dollar Frage.
    Aber mal im Ernst, neben den von dir aufgezählten Namen stehen auch Namen wie Höcke, Krah, Tillschneider, Kalbitz…..

    Und deswegen, wäre „glaube“ nicht das für mich ausreichende Kriterium mein Wählerkreuz der AFD zu geben, sondern wenn, könnte es nur im „wissen“, dass sie das nicht beabsichtigt, geschehen, weil:

    (ich habe mich noch mal mit dem 09. Mai beschäftigt): das für uns „unvorstellbare“ kann immer wieder geschehen, und derzeit geschehen die unvorstellbaren Dinge immer öfter und in immer kürzeren Zeitabständen, aus „autokratischen/bzw. nicht demokratischen“ Entscheidungsprozeßen heraus, ob Ukraine, Gaza, Iran.

    Und wie wir uns dazu im Einzelnen positionieren und Stellung beziehen und uns dabei verteidigen ist u.a. das Ergebniss der bestgemachten Interessen-Propaganda, wobei ich finde, dass der Begriff „Propaganda“, die ich für eine der heimtückichsten Waffe halte, nicht mehr zeitgemäß ist, da sie so vielfältig und von jedem mit minimalsten Aufwand für „Lenkung“ einsetzbar ist. Ich habe mit LLM`s versucht einen für mich passenden und die heutige Zeit stimmigen anderen Begriff für „Propaganda“ zu finden. No results.

  33. @Menachem Welcland:

    Also für mich ist das nicht die 1.000 Dollar Frage, weil ich dafür tatsächlich keine Hinweise sehe.
    Die aufgeführten Namen liefern mir das auch nicht.
    Ich hätte es halt schon etwas konkreter, weil in der Gewissheit wie das oft geäußert wird, sollte da schon eine gewisse Substanz hinter sein.

    Das für uns Unvorstellbare kann man meiner festen Überzeugung nach übrigens durchaus verhindern indem man das System stabil hält. Das bedeutet konkret: Gewaltenteilung stärken, Grundrechte schützen, demokratische Prozesse stärken und nicht abbauen, so wie man es gerade im Zuge der Bekämpfung der AFD macht… und natürlich ganz wichtig: eine freie unabhängige Presse sichern.
    Die Praxis sieht halt leider ganz und gar nicht danach aus…

  34. @Yossarian: Die Frage ist berechtigt, aber zu binär gestellt. Zwischen funktionierender Demokratie und formaler Diktatur gibt es eine ganze Menge Abstufungen. Und genau da liegt das Problem.

    Die Weimarer Republik wurde von den Nationalsozialisten nie formal außer Kraft gesetzt. Die Verfassung existierte weiter, Wahlen fanden statt, Institutionen hatten Namen. Was sich veränderte, war die schrittweise Aushöhlung rechtsstaatlicher Prinzipien – Gewaltenteilung, Unabhängigkeit der Justiz, Pressefreiheit, Minderheitenschutz – bis die Form ohne Inhalt war.

    Das lässt sich gerade live beobachten: bei Trump, der Gerichte unter Druck setzt, Behörden mit Loyalisten besetzt und Wahlergebnisse als legitim oder illegitim nach eigenem Gutdünken klassifiziert. Bei Orbán, der die ungarische Demokratie formal intakt gelassen und inhaltlich entkernt hat – Verfassungsgericht, Medien, Wahlrecht, alles umgebaut, alles legal. Bei Putin, dessen System aus einer Demokratie hervorgegangen ist und sie von innen ausgehöhlt hat.

    Von allen dreien sind AfD-Granden und AfD-Fußvolk erklärte Fans. Das ist keine Unterstellung, das ist dokumentiert.
    Und auf der nationalen Ebene: Dobrindt hält sich bei seinen Grenzkontrollen bereits jetzt nicht an rechtsstaatliche Prinzipien, nicht weil er die Demokratie abschaffen will, sondern weil ihm der Rechtsstaat im Weg steht und er das Kalkül gemacht hat, dass es ihn nichts kostet. Das ist die Logik, die sich verselbständigt.

    Die Frage ist also nicht: Will die AfD die Demokratie abschaffen? Die Frage ist: Welche Demokratie bleibt übrig, wenn die Prinzipien, die sie ausmachen, Stück für Stück von völkischen Nationalisten und Rassisten an der Macht pervertiert werden?

    „wenn man mal wieder einen Krieg für das Gute anzettelt.“

    Du meinst ein Land zu überfallen, weite Teile zu annektieren und heim ins Reich zu holen, Kultur und Sprache ausradieren zu wollen, über Jahre mit tausenden Raketen und Drohnen zu bombardieren und von einem herbeiphantasierten Naziregime zu befreien? Ja, die Propagandaleistung, andere dazu zu bringen, das gut zu finden bzw. schön zu reden, ist in der Tat beachtlich.

  35. Kürzlich hatte ich die Phoenix-Runde zum Thema AFD gesehen, in der eine Menge Gründe für das Erstarken dieser Partei genannt wurden. Ich hab mir das von Gemini auflisten lassen. Einige davon hatten wir hier noch nicht.

    In der Debatte forderte Herbert Prantl (Süddeutsche) die Einleitung eines Verbotsverfahrens: Die Größe einer Partei dürfe bei dieser Beurteilung keine Rolle spielen, entweder sie sei verfassungsfeindlich oder eben nicht. Für die nächsten Wahlen käme das zwar zu spät, hätte aber vielleicht eine „disziplinierende“ Wirkung.

    Andreas Rödder (Prof. f. Geschichte, CDU-Grundwertekommission, u.a.) stimmte ihm zu: Es sei sehr wünschenswert, dass endlich das Bundesverfassungsgericht entscheide – und nicht heute das eine Gericht so und das andere nächstens so. Wenn dann womöglich klargestellt würde, dass die AFD NICHT verfassungsfeindlich ist, dann sei auch Schluss mit der Brandmauer, da es dann keinen Grund dafür mehr gäbe.

    Nun ja, ein bisschen naiv ist das schon. Ist doch klar, dass die AFD z.B. nichts explizit verfassungsfeindliches in ihre PRogramme schreibt – und ein einmaliges Urteil bezieht sich imer auf einen zeitlichen Stand, der sich wieder ändern kann, „wenn die Masken fallen“ gelassen werden. Höcke weiß z.B. genau, dass er „Passdeutsche“ nicht nach „Etnie“ unterschiedlich behandeln darf, denn damit würde die Grenze, die das GG setzt, überschritten.

    Wie Menachem schreibt: Wir haben das lebendige Beispiel Trump und seine Methoden vor Augen. Ihm nacheifernd, hat ein AFD-ler aus Sachsen-Anhalt schon verkündet, wie man im Fall der Regierung unter den Beamten aufräumen würde – was natürlich dem Beamtenrecht widerspricht, aber hilft das im Ernstfall, wenn der „Befehl von oben“ kommt?

    Von den USA hat man auch angenommen, dass „Checks and Balances“ so ein Trump-Regime nie zulassen würden. Stimmt leider nicht, denn jegliches Recht und jede Verfassung muss letztendlich von Menschen gegenüber den Rechtsbrechern vertreten und verteidigt werden – und damit sieht es eben nicht gut aus, wenn es die Mächtigstens sind, die das Recht brechen.

  36. @Claudia:

    Kurz als Einwurf, weil das gerade mal wieder sehr hoch gehängt wird, aber faktisch kein so bemerkenswerter Vorgang ist:

    „Ihm nacheifernd, hat ein AFD-ler aus Sachsen-Anhalt schon verkündet, wie man im Fall der Regierung unter den Beamten aufräumen würde – was natürlich dem Beamtenrecht widerspricht, aber hilft das im Ernstfall, wenn der „Befehl von oben“ kommt?“

    Rot-Rot-Grün in Berlin:
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1140472.rot-rot-gruen-in-der-hauptstadt-kein-fairer-boxkampf.html

    „Wir haben die gesamte Führung fast aller Berliner Sicherheitsbehörden ausgetauscht und dort ziemlich gute Leute reingebracht. Bei der Feuerwehr, der Polizei, der Generalstaatsanwaltschaft und auch beim Verfassungsschutz. Ich hoffe sehr, dass sich das in Zukunft bemerkbar macht.“

  37. Explizit, @Yossarian, auch zu diesem Thema:

    „Was, wenn die AFD regierte?“ – bespricht heute Anne Will in ihrem podcast mit dem ehemaligen Richter Ulf Buermeyer. 1 Std.45 Min.

    Wie wahrscheinlich dieses Szenario ist wie auch die weitreichenden Konsequenzen.

  38. Du meinst das hier:

    https://www.youtube.com/watch?v=RwePSuZ_jvk

    Werde mal reinhören. Vieles ist mir aber wahrscheinlich schon bekannt.

  39. @Menachem Welcland:

    Ich bin jetzt bei einer halben Stunde von dem Podcast. Es fällt mir zugegeben nicht ganz leicht, weil ich beide Personen durchaus unsympathisch finde, aber egal…

    Gehen wir mal drauf ein: Lustigerweise wird am Anfang genau das behandelt, was Claudia oben erwähnt hat, die Neubesetzung von Beamtenstellen in Sachsen Anhalt. Die AFD hat hier eine Zahl von 150-200 Stellen genannt. Fairerweise wird das im Originalton eingespielt, so wie es von Ulrich Siegmund geäußert wurde.
    Siegmund formuliert hier aber nichts skandalöses, sondern nur einen üblichen Vorgang bei Regierungswechseln. Sowohl Will als auch der Gast bestätigen das sogar explizit mit eigenen Aussagen noch mal.
    Allein Staatssekretäre und direkt mit der Regierung verbundene Beamte sind für jede Regierung kritisch. Da will man Leute sitzen haben, die nicht gegen einen spielen. Für das gesamte Land 150-200 Beamte wird nicht viel mehr umfassen können als in etwa genau diesen Teil der Beamtenschaft. Das ist eine wirklich kleine Zahl.
    Übrigens wäre ich hier persönlich durchaus für eine deutliche Einschränkung der Möglichkeiten in einigen Bereichen. Allerdings halte ich es beim direkten politischen Personal für absolut legitim. Du kannst von keiner Regierung erwarten, dass sie pauschal mit den Staatssekretären der vorherigen Regierung weiterarbeiten muss.

    Wo ich wirklich schmunzeln musste war übrigens der Hinweis des Gastes, dass man bei der der Ausgestaltung der Landesverfassungen ja nicht im Blick hatte, dass mal eine extremistische Partei an die Macht kommen könnte. Wie bitte? Das ganze Konstrukt der Gewaltenteilung DIENT genau dem, dass man eben nicht darauf setzt, dass jede Regierung es gut mit dem Land und dem Volk meint, es ist praktisch die kodifizierte Form des Misstrauens und der stetigen Annahme, dass genau sowas passieren kann! Das ist auch ein wesentlich prägenderTeil des Grundgesetzes. Die Grundrechte sind praktisch die Grenzziehung für jede Regierung, die dazu dienen solle, dass selbst wenn mal Extremisten regieren, die Übergriffigkeit stark begrenzt bleiben sollte (explizit SOLLTE).

    Ich bin ehrlich gesagt nicht sonderlich motiviert für die restliche Stunde des Podcasts. Vielleicht gibt es da einen konkreten Punkt, den du für besonders aussagekräftig oder wichtig hälst. Wenn du mir die Stelle nennst, dann würde ich mir das noch anhören.

    Ben hat übrigens gerade die ehemalige Chefredakteurin des Spiegels zum Thema seines Höcke Interviews im Gespräch. Der lebt den Diskurs meiner Meinung nach wirklich ehrlich.
    https://www.youtube.com/watch?v=Ec_LvceM65g

  40. @Brendan:

    „Die Frage ist berechtigt, aber zu binär gestellt. Zwischen funktionierender Demokratie und formaler Diktatur gibt es eine ganze Menge Abstufungen. Und genau da liegt das Problem.“

    Da gebe ich dir durchaus recht, aber das betrifft eben nicht nur die AFD. Darf ich hier an die Corona Zeit erinnern? Da ähnelte so einiges bereits totalitären Systemen und das ging ganz entspannt komplett ohne die AFD.

    Daher: Man kann sich auf eine einzelne Partei konzentrieren, die man für gefährlich hält, und um sie herum vermeintliche Schutzmechanismen aufbauen, auch solche die Gewaltenteilung und Demokratie schwächen (da gab es ja schon so einiges: verbotene AFD Kandidaten bei Wahlen, nicht gewährte Parlamentsämter wie Alterspräsident, Anhebung der nötigen Prozentwerte für Untersuchungsausschüsse wie z.B. in Rheinland-Pfalz, etc.), aber damit verbessert man funktional nichts und auf lange Sicht untergräbt es etablierte Mechanismen der Demokratie. Und natürlich bleiben sie dann auch als Mittel erhalten, wenn denn dann mal wirklich die AFD an der Macht ist.

    Und was ist z.B. mit den weisungsgebundenen Staatsanwaltschaften? Das sind Zustände, die bereits vom EuGH behandelt und stark bemängelt wurden, weil die Weisungsgebundenheit das Risiko von politischer Einflussnahme auf europäische Haftbefehle bedeutet. Das ist in Richtung vermeintlicher deutscher Rechtsstaatlichkeit mal mindestens eine fette Ohrfeige.
    Und DAS wäre wirklich etwas, wo man fundamental eine Stärkung herbeiführen könnte, denn welcher Mensch findet es denn ernsthaft positiv, dass Staatsanwaltschaften gegenüber dem Innenministerium weisungsgebunden sind? Nicht ohne Grund hat die aktuell stattfindende Strafverfolgung von Äußerungsdelikten einen heftigen politischen Einschlag. Macht die Dinger unabhängig und ein wirklich wirksamer Hebel für Machtmissbrauch wäre entfernt und könnte somit auch von einer evtl. kommenden AFD Regierung nicht mehr missbraucht werden! Nur überall da, wo man das System funktional stärken könnte, passiert so gut wie nichts.

  41. Ja, Yossarian, das meine ich.

    Die Phoenix-Runde, Claudia, habe ich mir angesehen und stimme besonders auch dem Argument zu, dass liberale Demokratien acht geben müssen, nicht selbst in autoritäte Tendenzen abzugleiten. Gefühlt ,für mich, wird dieser schmale Grad schon manchmal überschritten.

    Dem in dieser Runde angesprochenen Grundgedanken, der Einleitung eines Verbotsantrages der AFD, kann ich gut folgen, wenn daraus eine Klärung zum Status der Partei hervorgehen würde. Allerdings, wenn ich mich damit zu beschäftigen beginne stelle ich schnell fest, das ist ein extrem heißes Eisen mit unkalkulierbaren Folgen, denn eins halte ich für sicher: Egal wie die Entscheidung ausfällt, das wird im Anschluß zu sehr, sehr viel Unruhe führen.

  42. Ich fand die Phoenix-Runde interessant, ebenso Anne Will und auch Annelie Amann, auf deren neuen podcast morgen Teil 2 des Gesprächs mit Ben zu hören sein wird. Alles in allem, a la Markus Lanz: Wieder viel gelernt heute :))

  43. @Yossarian, Menachem: habe mir den Podcast auch angehört (ein Fan werde ich wohl nicht!). Zu dem Punkt mit den „150 bis 200“ Beamten, die der AFD-Kandidat austauschen will: Als Einwohnerin und früher polit. aktiver Bewohnerin eines Stadtstadts bin ich gleich davon ausgegangen, dass der Kandidat nicht nur die politischen Beamten meinen kann, die sehr oft nach Regierungswechsel ausgetauscht werden. Die Zahl erschien mir viel zu hoch! Und ja, wie im Podcast ab Minute 24:44 von Burmeyer berichtet wird, gibt es nach seiner Recherche lediglich etwa 17 politische Beamte gibt (darunter beispielsweise ein Abteilungsleiter im Landesinnenministerium, der de facto Chef des Verfassungsschutzes ist), die bei einem Regierungswechsel sofort ausgetauscht werden könnten.

    Es gibt jedoch noch mehr, was die AFD anrichten könnte – Timestamp ist mit dem Titel verlinkt:

    1. Justiz und Richternachwuchs: Das Justizministerium entscheidet allein über Einstellungen. Eine AfD-Ministerin könnte gezielt rechtsextreme Richter auf Lebenszeit ernennen, die danach unkündbar sind und die Justiz über Jahrzehnte prägen.
    2. Richter-Säuberung nach „Polen-Modell“: : Per Landesgesetz könnte die Altersgrenze für Richter gesenkt werden. Das drängt demokratische Richter vorzeitig in den Ruhestand und macht schlagartig Stellen für eigene Leute frei.
    3. Zugriff auf Verfassungsschutz-Akten: Durch den sofortigen Austausch der Behördenspitze bekäme die AfD vollen Einblick in Geheimdienstakten und die Identitäten von V-Leuten, die die Partei zuvor ausgespäht haben.
    4. Kulturpolitik durch Geldentzug: Statt Verboten reicht das einfache Einstellen von Förderprogrammen, um progressive Theater, Gedenkstätten und Kunstprojekte finanziell auszutrocknen. Dies ist rechtlich kaum angreifbar.
    5. Homeschooling und Druck auf Lehrer: Homeschooling soll Kinder im Elternhaus isolieren und indoktrinieren. Gleichzeitig führt der administrative Druck der neuen Behördenleitung dazu, dass Lehrer kritische Themen aus Angst meiden.

    Tipps: Das Finden der Stellen hab ich Gemini machen lassen, es hat einige Rückfragen erfordert, bis ich übernehmbare stimmige Timestamp-Links (man muss anweisen, die einfache URL zu bekommen!) und eine kompaktere Formulierung bekam. Die Formatierung als Liste mit Verlinkung hab‘ ich dann selbst gemacht und ins Kommentarfeld kopiert.

    Ich setze das Thema jetzt als neuen Beitrag und schließe diesen hier – sind ja schon irre viele Kommentare, das macht es Anderen schwer, noch einzusteigen!

  44. […] hat. Der Hinweis kam von einem lieben Stammleser im Kommentargespräch zum letzten Blogpost „Wenn am ächsten Sonntag Bundestaswahl wäre„, denn ein Fan des Formats bin ich nicht. Hier geht es aber nicht um Sympathien, sondern um […]