Claudia am 16. Dezember 2015 — 7 Kommentare

Anders surfen: Blogs statt News

Dass es mich runter zieht, den Tag mit der Sichtung von „News & Infos“ plus Kommentarstrecken voller Hass zu beginnen, hab‘ ich neulich schon geschrieben – und nicht zum ersten Mal. Anders als sonst versuche ich dieser Tage, konsequent zu sein und es anders zu machen. Dass exzessiver News-Konsum tatsächlich physisch schädigt, indem die ganzen Aufreger zu vermehrter und anhaltender Ausschüttung von Stresshormonen führen, ist eine „Info“, die mich dabei unterstützt.

Aber was stattdessen? Einfach gleich mit der Arbeit zu beginnen, ist nicht wirklich eine Option. Schließlich bin ich kein bloßer Geldverdien-Prozess und möchte mich erstmal als Mensch in Beziehung zur Welt erleben. Welche „Welt“ ich dann per Internet aufsuche, ist allerdings meine Entscheidung, auch wenn mich – potenziell – „alle Welt“ betrifft, weil letztlich alles mit allem verbunden ist.

Illustration "Bloggen"
Blogs statt News, das ist momentan meine Alternative. Allgemein scheint die Bedeutung von Blogs zu sinken, weil Facebook, Twitter & Co. immer mehr Online-Aktivitäten bei sich konzentrieren. Es wird auch deutlich weniger kommentiert, was nicht wundert angesichts der Einfachheit & Bequemlichkeit, die in den „gated Communities“ üblich ist. Verglichen damit legen Blogs oft jede Menge Stolpersteine in den Weg:

  • Anmeldezwang,
  • komplexe Captchas,
  • Kommentare verschluckende Anti-SPAM-Plugins,
  • keine Rückmeldungen nach dem Absenden,
  • Unklarheit über Art und Dauer einer Moderation,
  • gelegentlich katastrophale Kommentarfenster, in die man nur schlecht schreiben kann.

Trotz alledem scheint es mehr Blogs zu geben als je zuvor. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn ich mal mehr drauf achte, den diversen (Namens-)Links in Kommentaren folge, dort die gelegentlich noch vorhandenen Blogrolls sichte oder das Netzwerken aktiver Bloggerinnen beobachte. Die Freude am persönlichen Ausdruck scheint ungebrochen und „Blogs mit Seele“ werden gerne gelesen (das sagen z.B. die ersten Teilnehmenden an Marias Blogparade ).

Persönliche Blogs zu lesen tut gut, wobei es natürlich auf die Auwahl ankommt. Jemand, der ausschließlich (!) seine Wut in die Welt schreit, zieht nur Andere mit in den je eigenen Sumpf. Womit ich nicht sagen will, dass schmerzhafte Gefühle niemals gebloggt werden sollten – auch da gilt: die Dosis macht das Gift. Heute hat mich z.B. der Eintrag „Manchmal frisst mich der Neid auf“ von Katrin sehr berührt, die als – vergleichsweise junge – MS-Betroffene in einem Altenheim leben muss. Und einen der vielen verständnisvollen Kommentare finde ich so gut, dass ich ihn hier zitiere:

„Schrecklich; besonders zur Adventszeit schmücken viele Menschen ihr Leben und hängen es in die Fenster – das tut dann besonders weh – denen, die sich gerade nicht so toll fühlen.“

Startpunkt morgendlichen Surfens ist also derzeit meine Blogbibliothek. Heute gab‘ es – seit langem mal wieder, wie schön! – ein neues Posting von Menachem, der beschreibt, wie und warum er doch zum Bloggen und Blogs lesen zurück fand. Sein Fazit:

„Vielleicht ist das geben und das zurückgeben das Wichtige. Besonders und gerade dann, wenn man vom Leben in manchen Bereichen nicht so reichhaltig beschenkt wurde wie Andere.“

Über die erwähnte Blogparade fand ich Cecila, eine Schwedin in Berlin – und ihr aktueller Eintrag hat mich fast vom Hocker gehauen. Sie war bereits im Schlafanzug und schaute nochmal aus dem Fenster:

„Dort unten in der stillen Dunkelheit tapst ein alter Mann, mit Einkaufsrolli und Gehstock ganz, ganz langsam und wackelig entlang. Sieht aus als ob er gleich umfällt. Schleppt sich zu einer Parkbank und sinkt dort zusammen. Es ist dunkel und kalt. Friede herrscht auf Erden. Ich schmeiße mir den Mantel über und gehe runter und frage ihn, ob ich ihm helfen kann.“

Und ich schäme mich, weil mir dieses spontane Helfen so außergewöhnlich vorkommt!

Mittlerweile ruft die Arbeit, doch möcht ich noch ein paar Postings erwähnen, die ich „erbaulich“ fand – auf die eine oder andere Art:

  • Ben erinnert auf Anmut und Demut an die Jedi-Weisheit im Umgang mit der dunklen Macht;
  • Angelika Wende schreibt einfühlsam und tief schürfend über Sinn und Selbstwert in „Du hast das Gute verdient“.
  • Juna hat ihre Doktorarbeit fertig: das „Logbuch“ über „Literarische Massenkommunikation im Social Web“ stellt sie unter CC Lizenz zur Verfügung – toll, danke dafür! Und Glückwunsch!
  • Nadja (erzaehlmirnix) liefert auf ihrem Blog „Fettlogik überwinden“ neue Studien und Beiträge rund um Übergewicht und den Umgang damit – immer wieder ermunternd und lesenwert.
  • Regelrecht festgelesen hab‘ ich mich auf dem Blog „Frau Papa“: Hier erzählt Nina von ihren Erfahrungen als Transmensch. Berührend, informativ und inspirierend – ganz gewiss werde ich das Thema demnächst einmal aufnehmen. Insbesondere möchte ich der Frage nachspüren, warum Transmenschen soviel Unverständnis und Aggressionen erleben. Schließlich zwingen sie niemandem etwas auf!

 

Zeigt Eure Blogperlen!

Zum Schluss: Wer vielleicht grade nach dem nächsten Blogthema sucht, aber nicht fündig wird, könnte ja mal die eigenen „Leseperlen“ der letzten Tage aufzählen und verlinken. Einige der Mitlesenden finden das bestimmt interessant und die Bloggenden freut es auf jeden Fall! Stichwort „zurück geben“.

Wer nicht selber bloggt, kann hier auch gerne Empfehlungen in die Kommentare posten. Einzige Bedingung: es müssen persönliche Blogs sein, keine solchen, die nur etwas anbieten, beraten oder informieren.

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Diskussion

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7 Kommentare zu „Anders surfen: Blogs statt News“.

  1. @Claudia: Ums Internet machst Du also doch keinen Bogen ;-)
    Das Blogsurfen kostet natürlich auch seine Zeit, vor allem wenn man den Anspruch hat, konzentriert lesen und dann auch kommentieren zu wollen und auch (!), weil man neugefundene Blogs meiner Meinung nach zumindest eine Weile verfolgen sollte, bevor man sich entscheidet, den jeweiligen Blog „zu abonnieren“ oder nicht. Sonst kann man es ja auch gleich ganz sein lassen!
    Bei mir gibt es kaum neue Blogs, die man auch „persönlich“ nennen könnte.
    Einer ist definitiv denkzeiten.com. Diesem Blog bin ich schon lange treu. Es lohnt sich!

  2. Schon gesichtet, Gerhard. Guter Tip!

  3. @Gerhard: danke für den Tipp, hab mir erlaubt, einen aktiven Link draus zu machen! (Geht doch jetzt ganz einfach mit dem Editor, da oben der Reiter „link“).

    Es ist schon seltsam: Links sind definitiv nützlich, um Leser/innen aufs eigene Blog zu bringen. Aber obwohl ich diesen Post teils mit expliziter Einladung zur Verlinkung von Empfehlungen weiträumig verbreitet habe, nimmst grade mal DU (ein Stammleser 10 Jahre plus) die Einladung an.

  4. Gerade hatte ich einen Artikel vervollständigt, als ich noch mal auf diesen, Deinen kam – und mit den „Perlen“ – das ist schon so eine schwierige Sache. Zumal Einige noch zu einer gewissen Bescheidenheit erzogen worden sind. Trotzdem:
    Die Sache mit dem „Weihnachtspilz“ geht schon in diese Richtung…

  5. Mehr Blogs als News zu lesen finde ich eine gute Idee.
    Gerade in den Online-Tageszeitungen überwiegen oft negative Kommentare oder sehr einseitige Weltanschauungen. Blogs sind da irgendwie „differenzierter“. Oft melden sich in den Blogs leisere Menschen, die sich ansonsten nicht so in den Vordergrund trauen. Aber gibt es eine gute Methode, neue Blogs zu bestimmten Themen zu finden? Ich hab immer das Problem, dass ich nichts passendes finde und das fängt meistens mit der Suchmaschine an. Google z.B. spuckt nämlich fast nur noch News und Online-Tageszeitungen aus, auch wenn man explizit auf „News und Blogs“ klickt. Und viele Blogs sind so durchkommerzialisiert, das ich nicht weiterlesen mag.

    Deine Linksammlung ist auf jeden Fall sehr gut und bestimmt ein guter Ausgangspunkt.

  6. […] Teil 2 schau ich da morgens immer drüber bevor ich in die News-Welten absteige. Wobei die Devise „Blogs statt News“ nicht zwangsläufig weniger Aufreger bedeutet – aber die Mischung machts dann doch […]

  7. […] hinterlasse, so ist das doch mit einer „richtigen Aktivität“ nicht zu vergleichen! Blogs statt News zu lesen ist zwar schon die halbe Miete, insbesondere, wenn tiefer schürfende Gespräche […]

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