Claudia am 15. Dezember 2011 — 18 Kommentare

Nurmehr Heilige in die Politik? Woher nehmen?

Da hat unser heutiger Bundespräsident also einen Kredit nicht angegeben, den er von einer Unternehmergattin dereinst bekommen hat. Obwohl er offiziell nach Geschäftsbeziehungen zum Unternehmer gefragt worden war.

Den neuen Berliner Justiz- und Vebraucherschutzsenator Michael Braun hielt es nur 11 Tage im Amt, dann musste er zurück treten, weil er sich – so die Behauptung – als Notar bei der Beurkundung von Immobiliengeschäften unkorrekt verhalten habe.

Kaum ist der neue FDP-Generalsekrätär nominiert, titelt das Hamburger Abendblatt „Fahrerflucht? Ermittlungen gegen Patrick Döring“. Ja, er habe einen Rückspiegel angekratzt, versehentlich und ohne es zu bemerken, sagt der so Beschuldigte.

Wer nun glaubt, es träfe nur die Frontmänner und Frauen etablierter Parteien, irrt. Zwar schreibt die Presse Martina Weisband grade wg. hübsch, jung und weiblich hoch (die das durchaus kritisch sieht). Dafür trifft es Daniela Scherler, Fraktionsgeschäftsführerin der Piraten-Fraktion in Berlin, die nicht nur Politikwissenschaftlerin, sondern auch Heilpraktikerin ist – eine FUNDGRUBE für Anwürfe wegen „Esoterik, Positiv-Denken-Geschwurbel und Nonsense“ aller Art.

Ich sympathisiere mit keiner der genannten Personen und nur mit einer der beteiligten Parteien. Bezüglich der inkriminierten Sachverhalte mag ich jetzt auch nicht inhaltlich urteilen, denn es geht mir um etwas anderes: Das „Nieder-Schreiben“ von Personen des öffentlichen Lebens scheint zum Volkssport geworden zu sein. Jeder, der auffällt, wird intensivst gescannt, ob sich nicht irgend etwas findet, mit dem man jetzt einen hübschen Shitstorm entfachen kann – in hochmoralischem Impetus, versteht sich.

Die Prominenz der jeweils Verurteilten bzw. Angegriffenen verspricht soviel mehr Aufmerksamkeit als jede ernsthafte Diskussion politischer Inhalte, dass es eines Aufgebots wahrer Heiliger bedürfte, um diese Skandalisierungs-Maschine leer laufen zu lassen. (Ach was, auch das würde nichts nützen – eine Unterstellung reicht ja fürs tägliche „Klick-Wunder“).

Aber woher nehmen? Wieviele Menschen gibt es wohl, die niemals niemals niemals einen kleinen oder großen Fehltritt begangen haben? Und wieviele davon haben gleichzeitig auch Lust, Politik zu machen, gar ein Amt zu bekleiden?

Das ficht natürlich niemanden an. Ein Skandal ist ein Skandal und als solcher richtig was wert. Wir dürfen uns also zurück lehnen und auf die Sünden gespannt sein, die als nächstes enthüllt werden – und dann nach Lust und Laune entscheiden, ob wir uns „viral“ beteiligen.

Wenn zwischenzeitlich nichts los ist, kann man ja mal wieder über Politikverdrossenheit schreiben.

Diskussion

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18 Kommentare zu „Nurmehr Heilige in die Politik? Woher nehmen?“.

  1. Du sagst es:

    „Einen hübschen Shitstorm entfachen“ genau darum geht es!

    Denn – Shit happens, Shit sells.

    Die Nachrichtenlage in den letzten Wochen erinnert mich zunehmend an eine sehr schlecht gemachte Veryvery-Low-Budget-Soap. Es ist äußerst selten, dass ich über die headline hinaus lese. Halt ich einfach nich mehr aus…

  2. http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/605033/

    take the money and run..
    herr braun hat seine partei gebeten ihn vorzeitig zu entlassen.

    diese bitte hat für ihn den vorteil, dass er
    ca 44.000 € „!überbrückungsgeld“ erhält (erhalten hat)
    die ihm ansonsten (bei einem rausschmiss) flöten gegangen wären.

    kein schlechter schnitt für 11 tage beinharter parlamentsarbeit, hm?

    so gesehen ist mir persönlich ALLES was dieses gesindel angeht
    völlig aav.

    jedes volk hat das re_gier_ungsvolk (mit den dazu passenden
    gesetzen und rechten) die es verdient. wohlan denn, auf zur nächsten meldung..:)

  3. Hallo Claudia,

    es gibt sie schon noch – die Aufrechten, aber sie haben keine Lust
    auf Politik. Warum wohl? Weil sie Aufrechte bleiben wollen.

    Gruß Hanskarl

  4. Es geht doch wirklich schon lange nicht mehr darum, ob heilig oder nicht. Meine Aufregung in der Sammelmappe z. B. ging um die Form der Abweisung des Unrechtsgedanken: ihr habt mir nicht die richtige Frage gestellt, also habt ihr auch kein Anrecht auf die richtige Schlussfolgerung bzw. Deswegen bin ich aus dem Schneider.
    Was ist das denn für ein Blödsinn? Und was hat das mit heilig oder nicht zu tun?

    Ich kann wirklich verstehen, dass es einem ab und an auf die Nerven geht, wie immer ein Hype nach dem anderen behandelt wird, deshalb halte ich mich da in meinem Blog oft zurück. Aber mal ehrlich: mir wird z.B. Immer schlecht, wenn ich daran denke, dass es Menschen gibt, die unter einem Herrn Sauerland arbeiten müssen. Die ihn gemäß Arbeitsvertrag so behandeln müssen, wie es sich für einen Arbeitgeber gehört. Mit Wertschätzung behandeln – ein unmöglicher Gedanke für mich.

  5. … kaum gewaehlt, machen wir sie wieder kaputt. Und es spielt keine Rolle, ob in den USA oder Deutschland … wie oben erwaehnt ist es ein Volkssport geworden, Leute ins Visier zu nehmen. So wer ist denn noch ueberrascht, dass wir als Kandidaten Leute wie Gingrich, Palin & Co. als Kandidaten des hoechsten Amtes finden? Und mit Cameron & Co scheint dieser Virus nun auch auf Europa uebergreifen zu wollen …

  6. ..Aber woher nehmen? Wieviele Menschen gibt es wohl,
    ..die niemals niemals niemals einen kleinen oder
    ..großen Fehltritt begangen haben? Und wieviele
    ..davon haben gleichzeitig auch Lust, Politik
    ..zu machen, gar ein Amt zu bekleiden?

    ..Das ficht natürlich niemanden an. Ein Skandal ist
    ..ein Skandal und als solcher richtig was wert.
    ..Wir dürfen uns also zurück lehnen und auf die
    ..Sünden gespannt sein, die als nächstes enthüllt
    ..werden – und dann nach Lust und Laune entscheiden,
    ..ob wir uns “viral” beteiligen.

    nun ja, wer was tut (arbeit oder nicht:) macht Fehler,
    das ist normal und gehört einfach dazu. Nur Leute die NIX
    tun, leben nicht mit dem Risiko einen Fehler machen zu können.

    es sind ja im grunde auch nicht die Fehler der Einzelnen,
    die die Medien so gern aufs Korn nehmen, sondern das
    „aussergewöhnliche“, sensationelle daran. und aus welchem grund?
    Medien brauchen Aufmerksamkeit mehr noch als die tägliche
    Luft zum atmen. (alter hut, weiss ich wohl).

    damit befriedigen sie nur die Nachfrage.
    es liegt also eher am Interesse der allgemeinheit
    denn am tun der Medien warum solche Jagden veranstaltet werden.
    hört sich eventuell unangenehm an, aber ich sehe das so
    dass die Ursache manchmal die wirkung bedingt..:)

    mir persoenlich ist es völlig egal ob ein Senator in Berlin
    nach nur 11 tagen im amt hinwirft und was andres macht.
    was mir nicht egal ist: die geltenden Regeln ermöglichen
    es diesem Mitglied reichlich Kasse zu machen mit Tricks
    die ihm (ihr) keinerlei Gegenleistung abverlangen.

    kann auch sein, dass ich etwas neidisch bin auf den Strauss
    bunter Möglichkeiten die andere Arbeitsfelder als Handwerk/
    herstellung etc bieten, vor allem wenn ich mir meine
    konkreten Einnahmen und ausgaben ansehe. Sollte ich darum
    aber nun meinem Erwerbszweig abschwören und auch
    versuchen an diese Form der Fleischtöpfe zu kommen?

    eine illusion, wie alles andere.

    im konkreten fall würde mich mal die andere seite der Medaillie
    interessieren: wieviel mehrumsatz kreiren die verbreiter solcherart
    Meldungen durch ihre angezettelten Schlammschlachten?
    also konkret: wieviel Aufmerksamkeit (und dadurch werbeeinnahmen,usw.usw)
    wird durch eine angezettelte Rufmordaktion generiert und wieviel genau ist
    das in Euro wert?

    wer verdient mehr an der Handlung „44.000 Euro kassieren und abhauen“
    vs „(der /die hat für 11 Tage „Arbeit“ 44.000 Euro kassiert)
    der Ex-Senator oder der Schlamm-aus-schlachter?

    am besten ist es wohl ich verkriech mich in eine höhle
    und verstopfe alle sonnenlichtdurchlässigen löcher mit
    feuchtem lehm.

    nur mal so zwischendurch
    gruss vom hobler

  7. … es gibt welche Leute! Clinton, Mitterand, Strauss-Kahn … und sicher jede Menge mehr, denen es egal ist, was die Presse spricht. Und so denke ich, dass auch der deutsche Praesident das einzig Richtige macht, indem er versucht, sich aus diesen Strudel der Beschuldigungen herauszuhalten. Am Schlusse kommst du dann vielleicht doch dort rein, dann gibt es hoffe ich, dass er die Hosen runter zieht und Presse und Agitatoren seinen Wertesten zeigt. Irgendwann hat alles mal seine Grenze. Je schneller du diese Hecke aufziehst, desto eher kapieren die Kuehe wo inder Wiese sie fressen duerfen. So gib ihnen die Weide!

  8. Ich finde diesen Volkssport des „Abschießens“ gut. Hoffentlich vergeht dabei JEDEM die Lust darauf, Politik zu machen und ein Amt zu „bekleiden“. Dann sehen wir weiter.

  9. … oder man nehme sich Erich Kaestners Komoedie „Die Schule der Dikatoren“ http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schule_der_Diktatoren
    zu Herzen und appliziere diese auf deutsche Politiker.

  10. Hi alle,

    danke Euch für die vielfältigen Resonanzen! Als ich das schrieb, war der „Präsidenten-Skandal“ noch in den Anfängen – jetzt, nur ein paar Tage später „überragt“ er natürlich alles andere. (@Sammelmappe: heute hätt ich den nicht mit aufgezählt, um nicht in die Einzeldebatte zu geraten, um die es mir hier gar nicht ging) Schließlich ist „Bundespräsident nieder schreiben“ ja auch ganz besonders spannend – wird er noch die Weihnachtsansprache halten oder isser dann schon weg? Etc. usw.

    @Uwe: wenn sich niemand mehr wählen lassen will, dann gibts eine Diktatur, ist doch ganz einfach. Wie man sich das wünschen kann, ist mir ein Rätsel!

    @Ingo: es kotzt mich an, dass die Presse fast nie „Aufreger“ dran nimmt, die jede Menge Bürger einzeln oder kollektiv nerven – und zwar auch mal so lange und so intensiv, bis sich was ändert. Das Ding mit den 44.000 für 11 Tage Amt ist durchaus sowas, orientiert sich aber noch am „prominenten Amtsträger nieder machen“, als gäbe es sonst nix zu bemeckern.

    Unzählig sind dagegen die strukturellen (!) Sauereien, die täglich die Bürger treffen. Da werden Kranken notwendige Medikamente und Behandlungen verweigert/nicht bezahlt, während die Kassen sogar Überschüsse erwirtschaften, da leiden Bürger unter irren Honorarsätzen (und völlig überzogenen „Streitwerten“) für Anwälte, Notare, Insolvenzverwalter, etc.
    Ein laut Gutachten Grundrechte verletzendes Abkommen wie ACTA ist nur der TAZ und ein paar Blogs einen Beitrag wert – von den kritikwürdigen Aktivitäten der Banken und Versicherungen will ich gar nicht erst anfangen. Man könnte Seiten füllen mit Themen, die es wirklich wert wären, in aller Breite die Gazetten und Talkshows zu füllen.

    Personalisierung in der Politik ist ganz allgemein Entpolitisierung – wenn es nurmehr darum geht, wer grade (oder in irgend einer Vergangenheit) welchen Fehltritt gemacht hat, dann interessiert im Grunde nicht mehr, WAS GEMACHT wird. Die Inhalte verschwinden aus der öffentlichen Debatte – finden aber trotzdem statt!

    P.S. Gerade Debatten rund um den Bundespräsidenten sind das inhalsleerste und irrelevanteste, womit man ein Volk beschäftigen kann – schließlich hat der sowieso keinerlei Macht und ist ein reiner „Grüß-August“. Man stelle sich vor, es müsste bald ein neuer gewählt werden – das wär doch über Wochen / Monate eine Spitzen-Ablenkung von allem, was in Sachen Finanzen/Europa etc. grade abgeht.

    @Mohnblume: in den USA ist das alles noch viel schlimmer, ich weiß – und es schwappt langsam zu uns rüber…

  11. @Claudia: Wenn niemand mehr „ein Amt bekleidet“, dann gibts weder Demokratur noch Diktatur, ist doch ganz einfach. So wünsche ich mir das!

  12. @Claudia

    Damit („Gerade Debatten rund um den Bundespräsidenten sind das inhalsleerste und irrelevanteste, womit man ein Volk beschäftigen kann – schließlich hat der sowieso keinerlei Macht und ist ein reiner “Grüß-August”. Man stelle sich vor, es müsste bald ein neuer gewählt werden – das wär doch über Wochen / Monate eine Spitzen-Ablenkung von allem, was in Sachen Finanzen/Europa etc. grade abgeht.“) hast Du, wie ich finde, absolut Recht.

    Mehr noch: bereits die bloße Debatte über des Bundespräsidenten spendierfreudige Freunde mit den dicken Börsen und seine anrührende Kleineleute-Freude beim Urlauben für lau reicht offenbar aus, sowohl den Herrn Wulff als öffentliche Gestalt auf Dauer zu kastrieren (was nicht das Amt, sondern nur den, der sich damit ‚bekleidet‘, schädigen kann und vermutlich das eigentliche Ziel der ganzen Affäre ist) als auch andere, brisantere Themen (die ’schöne neue Ökonomie‘ einer ums Vielfache beschleunigten Umverteilung mittels Staatsschulden-Kampagnen usw.) vorübergehend in den Hintergrund zu drängen (was ein anderes Ziel sein dürfte).

    Ein Zeitgewinn von ein paar Wochen, vielleicht sogar nur von ein paar Tagen, scheint mir für solche Manöver das wichtigste Motiv jener zu sein, die Affären wie diese ‚Affäre Wulff‘ lostreten. Vielleicht diesmal, um sich medial verschont und still vergnügt die Hände reibend über die Feiertage hinweg schleichen zu können, während es knüppeldick auf den armen Herrn Wulff nieder prasselt.

    (Was mich übrigens allein schon deswegen ärgert, weil der Herr Wulff einer der wenigen Politiker ist, die in meinen Augen richtig gut aussehen, ob nun im Frack oder im Hemd, und dessen lausbubenhaftes Lächeln ich deutlich lieber auf Bildern und in den Medien sehen möchte als all die anderen bindegewebsschwachen Gierschlundvisagen der Kriegsveteranen vom kalten Buffet, die ihm vermutlich genau das neiden, nämlich deutlich mehr hübsch zusammen gehaltene, physische Ausstrahlung zu besitzen als der Inhalt einer defekten Waschmaschine nach dem letzten Schleudergang! So!)

    Wenn es dabei einen Skandal gibt, dann ist es in meinen Augen nicht die Tollpatschigkeit des Herrn Wulff und seiner Amigos. (Wo steht geschrieben, daß Reichtum oder Macht einen Menschen intelligent oder anständig machen müssen, wo es ja Armut und Ohnmacht offenbar auch nicht tun?) Sondern die geistfreie Dämlichkeit jener, die beim Aufdecken, Anklagen und Verurteilen eines ihnen hingeworfenen Opfers so übereifrig mitmischen, ohne zu merken oder wenigstens einmal kurz zu mutmaßen, wessen Karren sie damit noch ein weiteres, wenn auch nur winzig kleines Stückchen durch den Dreck zerren und letztendlich eine Politik der Konkursverschleppung, die in der Tat nur noch das Tagesgeschäft und dieses sogar im wahrsten Sinne des Wortes (von einem Tag auf den anderen) kennt, stabilisieren helfen.

    Der einen Skandal witternde, moralisch echauffierte Blick, etwa hoch in die höchsten Höhen der hehren Werte rund um das ehrenhaftestes, höchste Amt der Republik, ist, so denke ich, ein an daran interessierter Stelle stets höchst willkommener Blick, weil er dem niedrigen, schmutzigen, aber höchst lukrativen Handwerk der in einem ganz anderen Sinne ‚ehrenwerten‘ Gesellschaft tief unten niemals peinlich genau auf die ihr dreckiges Geld zählenden Finger schauen wird.

    Vielleicht sollte man zumindest angehenden Journalisten mit Studienschwerpunkt ‚investigativer Journalismus‘ als Grundkurs einen 3-wöchigen Aufenthalt beim Windhundrennen abverlangen, damit sie wenigstens ein zartes Gespür dafür bekommen, wie leicht man die Meute hinter dem falschen Hasen her rennen lassen kann und wie bequem es sich dabei um echtes Geld wetten und gut verdienen läßt. Aber vermutlich glauben sie dann trotzdem immer noch, daß derjenige, der am lautesten hechelt und die Beine am flinkesten wirft, am Ende tatsächlich den Preis kriegt, weil sie den eigentlichen Totalisator in der Hast ihrer Kreisbahnen hinter dem so herrlich gut riechenden Köder nie zu Gesicht bekommen haben.

  13. Da geht ja richtig die Post ab und sehr überraschend für mich, hat es Stimmen und Argumente die den armen Wulf in Schutz. Überwiegend erlebe ich doch, dass sich Erfolgsgestalten die nicht zu den armen Poeten gehören, immer als Kritikziel für die Blogger Community eignen.
    Jetzt wollte ich den Wulff verteidigen, aber wenn dies hier schon die Mehrheit tut, dann muss ich ihn angreifen. Lach.

    Ehrlich gesagt, ich tue mich schwer mich ganz eindeutig festzulegen. Noch vor zwei Tagen, hätte ich Wulff ordentlich in Schutz genommen, wenn ich einen Kommentar verfasst hätte. Auf meiner Moralwaage habe ich zuerst den erhaltenen Kredit als vernachlässigbares Verschulden empfunden. Da hat mich etwas Anderes mehr gestört, wofür ich @Susanne zitiere.

    […] …(Was mich übrigens allein schon deswegen ärgert, weil der Herr Wulff einer der wenigen Politiker ist, die in meinen Augen richtig gut aussehen, ob nun im Frack oder im Hemd, und dessen lausbubenhaftes Lächeln ich deutlich lieber auf Bildern und in den Medien sehen möchte als all die anderen bindegewebsschwachen Gierschlundvisagen der Kriegsveteranen vom kalten Buffet, […]

    Wulff sieht vermutlich auch ohne jedes Hemd ganz gut aus ….. und daher gibt es eine neue Familie. Die Gesellschaft und die Politiker betrachten dies heute als völlig normalen Vorgang, wie es halt auch mal passieren kann, dass man versehentlich in der Schlange vor dem Buffet bereits einen Furz aus Freude ablässt.

    Montag – Donnerstag Beziehungen sind für Politiker und Politikerinnen an der Tagesordnung. Seehofer lässt grüssen.
    Das ist noch Alltag. Gehen aber Journalistinnen mit Politiker auf Reisen, geht es um Grosstierwildjagd. Ohne googeln kommen mir Brand, Schröder und Wulff in den Sinn, die dem Charme ihrer PR-Dienerinnen erlegen sind. Und wie lange betrachten Wagenknecht und Lafontaine schon Märchenbücher unter der Bettdecke!! Obwohl doch beide noch (?) verheiratet sind.

    Ich bewege mich weg vom Thema? Nein, mich stören die Moralnormen die von der gewählten politischen Elite nach Lust und Laune missachtet oder zur Messlatte gemacht werden. Deshalb ist diese Feststellung wichtig.

    Wären die Einkommens- und Vermögensverhältnisse so gläsern, wie man den Bankkunden bereits hat, dann würden eine sehr grosse Zahl von Verstössen von Vorzeigebürgern ans Tageslicht kommen, beim Entgegennehmen von Gefälligkeiten, die mit einer geldwerten oder anderen materiellen Leistung gleichgesetzt werden müssen und deshalb ein Preisschild erfordern würden. Da mache ich Pharisäerhaftes Verhalten aus und das stört mich gewaltig.

    Gut @Susanne, weil Wulff ein Sympathieträger ist und weil es das Geld von einer Quelle bekommen hat, die seit vielen Jahren zum Freundeskreis gehört, könnte man den Kredit durchwinken. Das Parlament nicht genügend informiert…. Als passionierter Krimi-Gucker kenn ich doch die Floskel der Verdächtigen, die sich in die Enge getrieben damit wehren: ich wurde nicht danach gefragt.

    Die Ferien in Feriendomizilen vom väterlichen Freund muss man auch noch als Teil einer jahrelangen zwischenmenschlichen Beziehung tolerieren. Dann hat es aber weitere Luxusferien, z. B. bei Maschmeyer, wo man sagen muss, das ist schlechter Stil, das ist Dummheit. Dummheit, die sich nur so erklären lässt, dass es vermutlich viele solche Nutzniesser in der Politik gibt.

    Tendiere dazu, dass es in Deutschland wichtigere Probleme gibt und angesichts der Millionenkosten die eine Neuwahl auslöst, sollte Wulff im Amt bleiben. Aber er sollte solche Ferien machen, die er sich leisten kann und das ist mehr als Zelten auf dem Campingplatz.

    Der Bundespräsident hat keine politische Macht. Das ist richtig, aber als sehr wertvoller Lobbyist kann er trotzdem auftreten und zum Vorteil seiner reichen Freunde wirken. Der Bundespräsident ist per se eine Figur die zur Meinungsmacherelite gehört. Wulff ist diesbezüglich jedoch ab sofort angeschlagen und zu einer zweiten Amtszeit kommt es in keinem Fall.

    Übrigens denke ich dass die Moral der Journalisten so gut und so anfällig ist, wie jene der Menschen die sie aufs Korn nehmen um ihren Broterwerb hin zu bringen.

  14. Ein weiterer Aspekt dieser Angelegenheit: die allgemeine „Amigo-Wirtschaft“ ranghoher Politiker ist vermutlich insofern „systemisch“, als sie in aller Regel kein Leben NEBEN der Politik mehr haben. Wer über Jahre im Politikbetrieb steht, trifft keine armen Poeten mehr und befreundet sich nicht mit dem kleinen Angestellten von nebenan, sondern mit jenen, die er/sie im eigenen Alltag vorfindet. Und das sind ab einem bestimmten Level dann eben hauptsächlich erfolgreiche Unternehmer und hohe Funktionäre aller Art, evtl. noch Journalisten und PR-Leute.

    Selbst ehemalige Gegner können sympathisch (und damit nicht mehr so effektiv bekämpfbar) werden, wenn man nur oft genug mit ihnen verhandelt. Das hab ich selbst in meinen politisch aktiven Jahren (80ger) als Hausbesetzerin und Mieter-Funktionärin (auch 1 Jahr als Fraktions-Assistentin bei der Vorläuferpartei der GRÜNEN war dabei) erfahren.

    Wer nicht schlichter Wutbürger bleibt, sondern sich konkret einlässt, um die Zustände im Detail zu verändern, trifft allüberall Menschen, die ihren Nimbus als feindliche Charaktermaske verlieren. Man beginnt, deren Zwänge zu verstehen und ins Urteilen einzubeziehen. Im Lauf vieler Verhandlungen über dies und das gibt es dann auch die entspannten Momente, viele zeigen im kleinen Kreis ihre menschliche Seite und manche werden sogar sympathisch. Und wer in der jeweiligen Sache nicht Gegner, sondern gar Verbündeter ist, hat noch viel größere Chancen, zum „Freund“ zu werden.

    Und Freunde helfen sich gegenseitig, bedanken sich u.U. auch (unaufgefordert) für Unterstützungen, die zwar einen politischen Grund hatten, aber eben auch persönliche Auswirkungen.

    So hatte ich während dieser wilden Zeiten wesentlichen Anteil daran, dass erstmalig ein bekannter Mietervertreter / Stadtteilaktivist zum Kreuzberger Baustadtrat gewählt wurde. Die (mit dem Wind der Bewegung in die Parlamente gekommene) alternative Partei hatte da „Bauchschmerzen“, man konnte ja nicht wissen, was so ein Stadtrat dann alles für Schweinereien vertreten müsse. In die entscheidende Sitzung bin ich mit meiner „Basis“ von ca. 25 Hausbesetzer/innen rein gebrettert, um heftigst die Wahl des alternativen Stadtrats zu fordern – mit Erfolg.

    Jahre später bekam ich als späte Folge von Befriedungsverhandlungen dann den Vertrag über eine Kneipe, die wir als Ersatz für ein besetztes Kiez-Café gefordert hatten. Alle „Bewegten“ hatten sich lange zerstreut, nur mein Freund/Politgenosse und ich waren noch greifbar und immer noch als Mietervertreter aktiv.

    Die Wohnungsbaugesellschaft hielt trotzdem Wort und der mittlerweile erfolgreiche Stadtrat genehmigte eine nicht kleine Summe für die Grundsanierung der Kneipe – aus Sanierungsverwaltungsmitteln. War alles rechtens und niemand hat das kritisiert – wer aber ansonsten im Kiez eine Kneipe haben wollte, musste sie teuer kaufen und bekam in aller Regel auch keine finanzielle Hilfe für deren Inbetriebnahme.

    Ich hatte durchaus den Eindruck, dass sich hier jemand bei uns „bedankt“. Was mich aber nicht hinderte, die Kneipe zu übernehmen und zu eröffnen. Moralische Skrupel empfand ich nicht, hatte ich doch Jahre aktiver Stadtteilarbeit „für alle“ geleistet und fühlte mich durchaus zu Recht ein bisschen belohnt.

    Das mal zum Hintergrund meiner Milde in diesen Dingen.

  15. … mit anderen Worten, wir waehlen Menschen in solche Positionen. Und Menschen haften Fehler an. Und aus Fehlern kann man lernen und verbessern. Fehlerfrei gibt’s nicht. Nicht mal in der Physik!

  16. Hier mal ein Beitrag der Nachdenkseiten zum Thema

    * Wulff als Watschenmann auf dem Rummelplatz der Medien
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=11660

  17. Jeder !Mensch! hat seine Macken und Fehler! man kann den kleinen Mann mittlerweile so schnell aufbringen, da haben es die Meien leicht! Eine Woche einen Politiker intesiv scannen und schon findet man was! Bissl verzieren und fertig ist die Hetze. Dass man als Leser gleich unvollkommen ist, das will man nicht sehen, da die Politik ja eh nur Mist baut und alles schlecht und ungerrecht ist, in diesem Land, wo der leser vier gedämmte Wände, Wasser, Essen und Geld für Kultur- und Luxusbedürfnisse hat!

  18. […] Nurmehr Heilige in die Politik? Woher nehmen? […]

Was sagst Du dazu?

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