Claudia am 24. September 2012 — 6 Kommentare

Vom Aufräumen und der Entwöhnung von der Welt des Materiellen

Mit der materiellen Welt, die uns im richtigen Leben umgibt, hat es eine Bewandnis, die sie von den virtuellen Welten, die ich per Computer und Bildschirm betrete, drastisch unterscheidet. Gestalte ich eine Webseite oder bearbeite ein Bild, geschieht nichts, was ich nicht will. Zwar kann ich etwas falsch machen und sehe dann ein falsches Ergebnis, doch nichts passiert ohne mich.

Auch Webseiten und die Ströme der Nachrichten in sozialen Medien sind weitgehend auf mein steuerndes Maus-klicken und neuerdings „drüber wischen“ angewiesen: Was ich nicht anschauen will, ignoriere ich, was ich auswähle, zeigt sich brav in voller Schönheit – und verschwindet wieder, wenn ich weiter surfe. Alles ist zu jeder Zeit „da“ – und zwar prinzipiell unverändert, es sei denn, die jeweiligen Administratoren oder ihre willfährigen Algorithmen haben etwas hinzugefügt oder weggenommen.

Ganz anders die Gegenstände und Lebewesen der physischen Welt: da herrscht eine natürliche Eigendynamik, die Menschen immer schon zur Weißglut treiben konnte. Unwetter verhagelt die Ernte, Materialien werden brüchig und zerfallen, unser eigener Körper schwächelt und wird krank, Essen verschimmelt, die Milch wird sauer. Und die Räume, in denen ich lebe, verdrecken ebenfalls, ganz ohne dass ich etwas dazu tue. Zwar laufe ich zuhause in Strümpfen herum, um keinen Straßendreck zu verteilen, trotzdem ist irgendwann Putzen unvermeidlich. Ätzend!

Wachsen und Werden, Sterben und Zerfall

In der Kleingartenanlage, in der ich einen Garten habe, erleben es wohl manche Neumitglieder als Schock: Der Garten ist nicht nur ein schöner Ort, der nach Belieben zu Erholungszwecken zur Verfügung steht, sondern vor allem ein sehr dynamisches Biotop, dass sich ganz ohne menschliches Zutun entwickelt – ziemlich schnell sogar und meist nicht in die Richtung, die man gerne sieht.

Im richtigen Leben herrscht Wachsen und Werden, Sterben und Zerfall. Seit Menschengedenken arbeiten wir dagegen an, obwohl wir selbst demselben Gesetz unterworfen sind. Die medialen Welten, mit denen wir immer häufiger umgehen, lassen weitgehend vergessen, was der Fall ist. Das Bild des T-Shirts im Online-Shop ist auch nach einem Jahr noch immer sauber und die Passform super, wogegen das erworbene Exemplar nach ein paar Wäschen die Farbe verliert, ausleihert oder einläuft.

Wie wunderbar dagegen die virtuellen „Gegenstände“: Digital gespeicherte Musik bekommt keine Kratzer (Platte) oder Aussetzer und Hängeschleifen (CD). Digitale Texte vergilben nicht und müssen nicht abgestaubt werden. Daten kann ich in der Wolke speichern und von wechselnden Geräten aus abrufen – wow, das ist doch mal was Anderes! Ein echter Sieg gegen den Zerfall… :-)

So stand ich also gestern vor dem Regal neben meinem Bett, in dem die in den letzten Jahren angesammelten CDs, DVDs, etliche Bücher und mehrere Stapel Zeitschriften vor sich hin verstauben. Die Mini-Anlage funktioniert schon lange nicht mehr, den DVD-Player nutze ich vielleicht einmal im Jahr. Musik höre ich, wenn überhaupt mal, online – und die Magazine lese ich meist gar nicht, hab‘ sie nur aus Sympathie abonniert. Das meiste, was drin steht, ist auch online zu erkunden, wenn ich es brauche – warum also weiter diese Stapel anwachsen lassen?

Besitz belastet – weg mit dem Zeugs!

Bücher haben noch eine kurze Schonfrist: ich sortiere wieder mal alle aus, die ich vermutlich nicht noch einmal lesen werde und gebe sie weg. Der kleine Rest kann bleiben, bis ich mich an einen E-Reader gewöhnt habe. Die Zeitschriften werde ich verschenken und entsorgen, die Anlage fliegt raus genauso wie die paar ungenutzten Filme, die mal „irgendwie“ zu mir gekommen sind. Das Sortieren der CDs ergab ganze 15 Stück, deren Musik ich nicht missen will: die werde ich „rippen“, sie digitalisieren, auf dass ich sie künftig auf PC oder mit dem kleinen Tablet abspielen kann, wenn ich denn möchte. Zum Nexus 7 hab‘ ich mir extra einen Mini-aktiv-Lautsprecher gekauft, der macht für so ein kleines, ca. fünf Zentimeter hohes Teil einen verdammt guten Sound. Und für mehr gibts ja Kopfhörer. Was für ein ungeheurer Gewinn an Platz und Übersichtlichkeit!

Wenn ich dann fortfahre mit dem Aufräumen, dann wird von allem, was zur Zeit noch drei weitere Regale und zwei Schreibtisch-Unterschränke in meinem Wohn-Arbeitszimmer füllt, nicht mehr allzu viel übrig bleiben. Vielleicht 3 x 80 cm Bücher, ebenso soviele Aktenordner und ein paar Büro-Materialien. Ich freu‘ mich schon drauf! Die Zeit der physischen Medien neigt sich in meinem Wohnbereich dem Ende zu. Nurmehr die Geräte werden bleiben, die mir sowieso Zugang zu viel mehr ermöglichen, als ich je in meinen Zimmern hätte unterbringen wollen.

So entlastet wird dann auch das Putzen sehr viel schneller und leichter, denn wo nichts ist, kann auch nichts verstauben. Statt verfallender Medien mag ich lieber lebendige Pflanzen, gemütliche Teppiche und bequeme, nicht allzu raumgreifende Möbel jenseits vergänglicher Moden. Der große Rest steht in der „digitalen Ewigkeit“ ohne Raumansprüche und gänzlich zerfallsfrei zur Nutzung bereit.

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Diskussion

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6 Kommentare zu „Vom Aufräumen und der Entwöhnung von der Welt des Materiellen“.

  1. hm…Dein Vertrauen in die unendliche Funktionstüchtigkeit der virtuellen Welt und in das ebenso endlose und unbeschränkte Fliessen der dafür erforderlichen Energiequelle(n)muss wohl grenzenlos sein? ;-)

  2. @Myrna: wenn der Strom nicht kommt, nützen mir auch CDs und DVDs nichts! Und Zeit zum Bücher lesen wird dann wohl kaum noch jemand haben. Immerhin hab ich einen im Ernstfall noch funktionierenden Kachelofen, etwas Holz und Kohlen, einen Garten und eine Handkaffeemühle – sowie Vorräte für ca. 2 – 3 Wochen. :-)

  3. @Claudia: nachdem ich heute morgen den Artikel gelesen hatte und meiner Hausarbeit nachging, hatten wir einen lokalen ca. einstündigen Stromausfall. Telefon und Heizung fielen selbstverständlich auch aus und es herrschte (bei bewölktem und regnerischem Wetter) eine mir fremde Dunkelheit im ganzen Haus. Die Taschenlampen, die wir haben, aber nie brauchen, habe ich erst wieder entdeckt nachdem der Strom schon lange wieder da war. In Schränken hinter Dingen, die ich mindestens genauso lange nicht vermisst, weil nicht gebraucht, habe.

    In dem Artikel wird leider nicht deutlich (nur für mich?), ob es um eine grundsätzliche Entrümpelung und die damit einhergehende, sehr befreiende ENTSORGUNG geht, oder nur um die Umwandlung des Vorhandenen in eine digitale Form, die dann keinen Raum mehr einnimmt, zumindest nicht physisch.

    Aufräumen ist natürlich nicht immer gleich mit entrümpeln verbunden sondern kann auch im Zurückstellen liegen gelassener Gegenstände an ihren Platz bestehen.

    Ein Mensch, der sich jeden Tag bewusst auf das wesentliche zu beschränken versteht, wird weder in seinem physischen noch in seinem digitalen Haushalt Dinge haben, die er nicht wenigstens einmal im Monat benutzt. Weil es von dieser Spezies aber nicht allzuviele Exemplare gibt, brummt die Wirtschaft weiter wie gehabt (jeden Tag ein bischen digitaler vielleicht) und eines Tages wird dann auch er das Licht der Welt erblicken: der Diggi-Messie. Oder weilt er gar schon unter uns, ist nur noch nicht ins Rampenlicht getreten?

  4. @Syringa: es geht doch aus dem Beitrag hervor, dass es eine „Entrümpelung“ ist – wie gesagt bleiben momentan nur 15 CDs übrig und drei Regalbretter „zeitlose Bücher“, maximal.

    „Ein Mensch, der sich jeden Tag bewusst auf das wesentliche zu beschränken versteht, wird weder in seinem physischen noch in seinem digitalen Haushalt Dinge haben, die er nicht wenigstens einmal im Monat benutzt. „

    Im Physischen strebe ich das seit Jahren durch wiederholtes Ballast abwerfen und geringen Konsum an. Freue mich regelmäßig über die zunehmende Übersichtlichkeit.

    Als Webworkerin und Bloggerin wäre es aber totaler Unsinn bzw. eine Vernichtung wichtiger Ressourcen, würde ich meine Festplatten-Daten auf das reduzieren, was ich „einmal im Monat benutze“. Doch bin ich auch da keine Sammlerin, hab keine Musik auf Platte und auch keine Filme. Wohl aber Emails, Design-Material, Blog-Templates, eigene Fotos und Texte, Kunden- und eigene Webseiten etc.

    Ob ich die Idee wahr mache, die letzten 15 CDs zu digitalisieren, ist nicht wirklich sicher – hab ich bisher ja auch nicht gemacht. Vermutlich reicht mir die Möglichkeit, die Titel bei Bedarf über Youtube oder Dienste wie Spotify anzuhören. Ein ganzer verstaubter Verhau rund um eine teilkaputte Anlage ENTFÄLLT dafür.

    Es braucht eben gar kein „digitales Messi-Tum“, denn tendenziell ist alles jederzeit im Netz/in der Wolke vorhanden und nutzbar – nicht immer umsonst, aber das waren physische Gegenstände ja auch nicht.

    Stromausfall: das Internet ist dann für alle weg, doch braucht man in einer solchen Situatione wohl am wenigsten die auf Festplatten lagernden Alt-Daten. :-)

    Mein Festnetz-Telefon ist extra ein einfaches OHNE Netzteil, das direkt an der Telefonbuchse funktioniert. Fällt der Strom aus, stecke ich es aus dem Router in die Buchse. Für das Telefonnetz hat die Telekom eine Notversorgung – es dürfte also klappen.

    Dank dir werde ich schauen, wo meine Taschenlampen sind – eine Kiste mit Kerzen gibt es immerhin! :-)

  5. Vor Jahren habe ich meine VHS-Kasetten-Sammlung in den Müll gegeben. Bis etwa 1997 habe ich so an die 350 Kasetten angesammelt, voll mit zumeist Dokumentationen, die ich in ARTE und den dritten Programmen sowie 3SAT fand. Durch eine Renovierung musste ich einen neuen Ort für die Kasetten finden und entschloß mich, etwa 10 % der Inhalte auf Festplatte zu speichern. Das war erheblicher Aufwand und es war nicht leicht, eine Essenz der Aufzeichnungen auszuwählen.
    Nun gibt es die sorgsam gehüteten VHS-Schätze nicht nehr und die „geretteten“ Inhalte auf Platte interessieren auch nicht mehr…ich hätte mir das sparen können.
    So kann man wohl die meisten Ansammlungen von Büchern, Musik, Videos ect betrachten. Sie spiegeln ein gutes Stück Lebensgeschichte wieder, sind aber im Grunde JETZT nicht mehr bedeutend. In der Musik etwa schaue ich immer nach Neuem Ausschau und greife selten zu den gut – bis excellenten – Stücken der Vergangenheit.
    Das Sammeln gehört zum Menschen und ist irgendwo nicht fundiert. Aus einer Art Unbehagen macht man sich nur selten ans Entrümpeln, weil man da merkt, daß das Festhalten irgendwo absurd ist.

  6. @Gerhard: genauso geht es mir auch mit sämtlichen angefallenen und über Jahre gehorteten Medien. Ob sortiert oder nicht ist recht egal, ich schaue mir das alles sowieso nie mehr an. Wenn ich etwas wissen, hören, sehen will, schaue ich im Netz, was es da gibt – in verstaubenden Stapeln von Zeitschriften zu suchen, wäre geradezu anachronistisch!

    Also weg mit dem Kram, das gibt Platz und Klarheit!

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