Claudia am 04. April 2011 — 21 Kommentare

Tatort: Unser krankes Gesundheitssystem

Am Ende des Quartals geht nichts mehr in deutschen Arztpraxen: was das „gedeckelte Budget“ für schwer kranke Menschen bedeutet, hat der gestrige Tatort „Edel sei der Mensch, hilfreich und gesund“ in Form einer berührenden Krimi-Handlung den Fernsehzuschauern präsentiert.

Ein Mädchen mit Mukoviszidose bekommt das einzig helfende Inhalationsmittel nicht, weil es zu teuer ist: 800 Euro im Monat plus nochmal 900 für das Inhalationsgerät. Statt dessen stirbt es fast an der allergischen Reaktion auf ein billiges Antibiotikum. Eine alte Frau kann die Hand nicht mehr bewegen und leidet große Schmerzen, doch sie soll drei Wochen warten, denn erst im nächsten Quartal kann ihr das wirksame Medikament wieder verschrieben werden.

Ein GUTER Arzt muss das System betrügen

Der mitfühlende alte Arzt unterläuft das System per Abrechnungsbetrug: den Privatpatienten berechnet er mehr als sie bekommen haben, um so die NOT-wendigen Mittel für die Kranken zu finanzieren, die von der Kasse nicht bezahlt werden. Denn nur das billigste Medikament darf verschrieben werden, auch wenn das lange nicht so gut hilft wie neuere, die jedoch schweineteuer sind.

Opfer dieses soviel Not ignorierenden Systems und der menschenfreundlichen Versuche, es auszutricksen, ist dann ein Morbus Crohn-Patient, der erste Tote in diesem Tatort. „Unter der Hand“ hatte er vom alten Arzt die teure, aber wirksame Infusion erhalten (Kosten: 8000 Euro!). Dazu dann aber auch noch das Billig-Mittel von der neuen, geschäftstüchtigen und systemkonformen Ärztin, die die Praxis übernehmen will und davon nichts wusste. Pech, dass die Medikamente in Kombination tödlich wirken!

Dass die Karriere-geile Ärztin dann ebenfalls zu Tode kommt, wird kaum ein Zuschauer bedauert haben. Am Ende stellt sich heraus, dass die Mutter des Mukoviszidose-kranken Kindes sie erschlagen hat, weil sie dabei war, den Patienten-freundlichen Betrug in der Praxis aufzudecken und zu beenden. Und nicht mal die Kommissare haben richtig Lust auf die anstehende Verhaftung…

Ist dieses Elend änderbar?

Ich finde es toll, dass der Tatort immer wieder solche brisanten Themen aufgreift: Gute Unterhaltung plus optimale Wahrnehmung des öffentlich rechtlichen „Bildungsauftrags“. Viele Noch-Gesunde haben ja keine Ahnung, was mittlerweile in Sachen Krankheit hierzulange abgeht! Viele denken, nur das billigste Mittel zu verschreiben, bedeute lediglich eine Wahl unter gleich wirksamen Medikamenten – also etwa ein preiswertes, wirkstoffgleiches Generikum anstatt des teuren Markenprodukts. Dass dem NICHT so ist, hat der Film drastisch klar gemacht!

Was ich vermisst habe, war die Kritik an der Pharma-Industrie. Lediglich die Preise einiger Medikamente wurden genannt und gaben zum Staunen Anlass. Dass wir hierzulande deutlich mehr für Medikamente bezahlen als in anderen EU-Ländern üblich, kam leider nicht zur Sprache. Aber das hätte den Krimi dann wohl doch zu sehr überfrachtet.

Die Deutschen gehen zu oft zum Arzt, heißt es. Ich vermeide das soweit möglich, doch der TATORT hat mir gezeigt: man müsste eigentlich einmal pro Quartal möglichst viele Ärzte aufsuchen, gerade als Gesunder. Dann würde nur ein einmaliges Patientengespräch das Budget belasten, der Rest könnte für wirklich Not-leidende Patienten verbraucht werden. 65 Euro pro Patient und Quartal sind das übrigens nur – ich nehme an, die im Krimi genannten Zahlen stimmen.

Weitere Ideen? Wozu brauchen wir hundertundweißnichtwieviel Krankenkassen? Die Leistungen sind doch sowieso gsetzlich bis an die Kante reglementiert. Nur EINE Kasse für alle würde eine Menge Verwaltung einsparen!

Ja, es gäbe viel zu reformieren… aber irgendwie scheint das Thema „Gesundheitssystem“ die Massen nicht oft nachhaltig zu bewegen. Vielleicht, weil wir Krankheit so lange es geht lieber verdrängen?

Diskussion

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21 Kommentare zu „Tatort: Unser krankes Gesundheitssystem“.

  1. Vergiss Reformen. Probleme wie dieses – ähnlich Energiewirtschaft etc. – lassen sich nicht isoliert lösen.
    In einer profitorientierten Gesellschaft ist es systemisch, dass möglichst viele möglichst viel Profit aus z.B. dem Gesundheitswesen herausholen wollen. „Gesundheit“ ist dabei nur ein Mittel zum Zweck.
    Es ist ja nicht so, dass die medizinische Versorgung nicht vorhanden ist. Du kannst entsprechende Zusatzversicherungen abschließen usw. Ja, du sollst das sogar! Wenn du denn kannst. Wenn nicht, bist du kein interessanter Kunde und liegst der sog. „Solidargemeinschaft“ womöglich noch auf der Tasche. Und das mögen die „Massen“ überhaupt nicht.

    Der Fisch stinkt schon von allen Seiten.

  2. Das Gesundheitssystem birgt viele Hindernisse. Informationsungleichgewichte, technische Entwicklung, psychologische Faktoren – dabei ist die demographische Entwicklung sogar noch zu vernachlässigen. Auf die Spitze getrieben lässt sich sogar behaupten, dass bei dem derzeitigen Wachstum der Gesundheitsausgaben pro Kopf (2 Prozent jährlich), das Wirtschaftswachstum für die nächsten 40 Jahre immer über 1 Prozent liegen muss, um die Finanzierung noch halbswegs zu gewährleisten. Der technische Fortschritt wird den Anteil der Kosten für das GS auf 40 Prozent am BSP steigern, heute sind es nur 10 und in den USA zerbrechen sie gerade an 13 Prozent. Es ist verrückt und die Widersprüche sind mit den derzeitigen Mitteln nicht mehr aufzulösen. Schon gar nicht mit politischen, da allein in Berlin den 20 000 Lobbyisten nur ein paar Dutzend Beamte gegenüber stehen. Jeder einzelne ist also Schuld an der Misere.
    Das Schlimmste aber ist für mich, dass nicht einmal ein Grundeinkommen und eine Kopfpauschale (massive Einsparung von Bürokratie, offener Umgang mit Information, -langfristiger- Abbau von Ungleichheiten und Ungleichbehandlung, Lohnanstieg, Abkehr von der Arbeitsbesteuerung) das Dilemma auflösen können. Die dadurch ermöglichte Abkehr vom Wachstumszwang (der ja die Pharmabranche überhaupt erst in ihre mächtige Position bringt – „Arbeitsplätze“), die bessere Kontrolle der Chefetagen bringt nichts, denn wie geschrieben, die technische Entwicklung wird den Anteil der Gesundheitssystemkosten langfristig so weit erhöhen, dass alle anderen Investitionen ersticken. Viele Menschen machen es sich in ihrer Bewertung von Gut und Böse zu einfach. Und neue Wege gehen will auch keiner.

  3. @Frank: WIESO soll eigentlich der technische Fortschritt das Haupt-Kostenproblem sein? Kennen wir es nicht aus anderen Bereichen, dass „der Fortschritt“ die Gerätschaften immer billiger werden lässt?

  4. „Auf die Spitze getrieben lässt sich sogar behaupten, dass bei dem derzeitigen Wachstum der Gesundheitsausgaben pro Kopf (2 Prozent jährlich), das Wirtschaftswachstum für die nächsten 40 Jahre immer über 1 Prozent liegen muss, um die Finanzierung noch halbswegs zu gewährleisten. Der technische Fortschritt wird den Anteil der Kosten für das GS auf 40 Prozent am BSP steigern, heute sind es nur 10 und in den USA zerbrechen sie gerade an 13 Prozent.“

    Diese ‚wissenschaftliche‘ Argumentation reduziert sich auf einen Aussagetyp wie:

    Wir fallen aus einem Fenster im 10.Stock, und zwar mit einer Schwerebeschleunigung von ca. 10m/sec². Dann erreichen wir bei unserem freien Fall in etwa 1,5 Millionen km Entfernung jenseits des Erdmittelpunktes die halbe Lichtgeschwindigkeit. Boah! (Eine recht lustige Folgerung hier wäre, daß, wenn wir annehmen, ein Körper könne gar nicht die halbe Lichtgeschwindigkeit erreichen, wir mit dieser Argumentation gar nicht erst aus dem Fenster heraus fallen könnten.)

    Solche ‚Statistik‘ betet scheinbar nach wie vor das Lineal als das ultimative Vorhersagemodell an und hält kompliziertere Kausalmodell als mono-kausale und linear formulierte (i.e je mehr Störche, desto mehr Babies) für Teufelswerk. Was in den meisten Wissenschaften allmählich einsickerte, nämlich daß lineare Prognosen nur eine äußerst grobe Annäherung an den Gegenstand bilden (welche man getrost auch als systematisches Verfehlen bezeichnen kann), ist in den sog. Wirtschaftswissenschaften wohl immer noch zu exotisch.

    Eine Veränderung, die nicht auf ewig so weiter geht, wie wir das bisher so prima kennen? Och nööö, dat kennemer nich, dat wollemer nich, dat machemer nich..

    Immerhin sollte man sich mittlerweile überall an die ‚krummen‘ Kurven von Grenzerträgen, Grenznutzen, exponentiellem oder logarithmischem Wachstum usw. gewöhnt haben. Aber es wirkt vermutlich unheimlich, daß man mit Veränderungen von Veränderungen rechnen sollte, wenn man den Blick in eine veränderliche Zukunft zu richten wagt. Mit womöglich dem Ziel, an dieser Zukunft mit zu drehen.

    Meine persönliche Vermutung ist, daß solche ‚Wissenschaft‘ das Vorhandene eben nicht als veränderlich sehen oder vielleicht auch nicht zu genau hinschauen kann, will oder darf.

    Honi soit qui mal y pense.

  5. Naja, selbst wenns weniger dicke und gar nicht „linear steigend“ kommt, besser wirds wohl kaum werden!

    Man hat das aber auch strukturell so angelegt. Ich kann mir auch ein Gesundheitssystem mit Polykliniken/Ärztehäusern vorstellen, in denen nicht jeder seins machen muss, sondern die Ärzte angestellt sind und die Verwaltung gemeinsam gemacht wird. Was da alles gespart werden könnte!

  6. Ich glaube, angelegt ist auch hier (Gesundheit) bereits ein System mit internen Bremsen, wie sie schon ins Rentensystem eingebaut wurden.

    Kostendämpfung gechieht darin sehr einfach durch zeitlich und sozial gestaffelte Minder-, Schlecht- und endlich Nicht-Leistung. Und wird legitimiert, indem die vormals integrierten Leistungs- und Finanzierungssysteme (Solidargemeinschaft wie z.B. Arbeitnehmer/geber-Anteile) entlang des jeweils noch vorhandenen, zahlungsfähigen Nachfrageprofils (wie klingt es doch oft: was können ‚wir‘ uns ’noch‘ an Gesundheit leisten?) aufgebrochen und immer bedeutsamere Teile des Leitungsspektrums vom herkömmlichen Solidar- und Umlagesystem (geseztliche Krankenversicherung) entkoppelt werden (hin zur Privat- und Zusatzversicherung).

    Genau das zeigte doch der Tatort: Das System wird sich selbst (kostendämpfend) regeln, indem der Transfer von Leistungsfähigen zu Leistungsbedürftigen (hier durch den Arzt und seine überhöhte Privatliquidation dargestellt) gesetzlich aufgegeben und sogar unterbunden wird (was er tat, war Betrug am Kunden und damit strafbar!) und in der Folge immer wesentlicher auf private Tauschakte (der Mutter des Mädchens mit Mukoviszidose war es natürlich keinesfalls verboten, die besseren Medikamente aus eigener Tasche zu bezahlen) gegründet wird.

    Mit der ’schönen‘ Legitimation, die finanzielle Diskriminierung der Armen ließe sich nun einmal nicht (weil nicht bezahlbar und auch nicht sozial gerecht) dadurch beheben, daß man die Armen durch Transferleistungen zu Reichen machte!

    Andere Kriterien (als betriebs- und volkswirtschaftliche) als mögliche Ziele des Gesundheitssystems zu akzeptieren, würde natürlich erfordern, sämtliche Merkmale des System zur Disposition zu stellen.

    Polikliniken und Ärztehäuser wären sicherlich ein Bestandteil, aber ob sie (bei den Ärzten und den Lieferanten ihrer Waren und Werkzeuge) beliebt sind?
    Grundsätzlich alle medizinische Leistungen privat abzurechnen (jeder Patient sein eigener Kontrolleur!) wäre eine einfache (deswegen vermutlich unbeliebte) Idee.
    Neutral überprüfte Positiv-Kriterien für die Zulassung (andere, neuere, bessere Wirksamkeit) von Therapien und Therapiemitteln (mit Subventionierung evtl. schon bei erwartbarem Erfolg) vielleicht ebenso.

    Ich denke, an guten Ideen mangelt es da nicht!

    Solange aber lauter ‚heilige Kühe‘ auf der Weide grasen, kann niemand auf ihr sein Festzelt errichten.

  7. @Claudia: medizinischer Fortschritt hat nichts mit Rationalisierung zu tun. Es wird ja nicht „mehr“ noch effizienter hergestellt, sondern es werden neue Techniken angeboten. In SH gibt es wieviele MRT? Hab mal eine Diskussion mitverfolgt, da wurde dem UKSH eine neue Radiologie eingerichtet – „viel zu viel“ hieß es da.

    @Susanne: Klar sind lineare Prognosen Schwachsinn. Wer wusste vor 22 Jahren, das heute eine EU die stärkste Wirtschaftsmacht aber ein politischer Zwerg ist, die USA am Abgrund usw? Solche Prognosen sind lächerlich und dienen nur der Durchsetzung politischer Interessen. Dennoch dienen sie der Durchsetzung der Deutungshoheit, weil die Leute darauf abfahren – ich kann nicht in Deinen Kopf reinschauen, deshalb muss ich irgendwo ansetzen. Polikliniken find ich übrigens super :) ich fänd es auch ganz einfach, die Abrechnungen dem Kunden transparent offen zu legen, oder die Pharmabranche an die Leine zu legen. Aber rede da mal mit nem Politiker drüber. Kriegste Haarausfall.
    Außerdem funktioniert private Absicherung nach meinen bisherigen Erkenntnissen nicht. Schau Dir die glorreichen Vereinigten Staaten an. Die negativen Trends würden nur beschleunigt. Vor allem wegen der Informationsgleichgewichte. Es braucht wie überall einfach eine Entschleunigung, eine moralische Entwertung des Geldes, eine Kontrolle von unten nach oben. Ist im Übrigen einer der Gründe, warum ich dann doch wieder für ein BGE bin.
    Finde übrigens Deine Problemzusammenfassung kopierenswert :)

  8. […] mit dem Thema ist im Netz offenbar sehr breit. Claudia Klinger beschäftigt sich z.B. mit unserem kranken Gesundheitswesen (sehr lesenswert!, auch die Diskussion) genau so wie es Thema in den Betroffenenforen von Morbus […]

  9. […] Mehr hier… Link zu claudia-klingler.de […]

  10. […] Tatort: Unser krankes Gesundheitssystem […]

  11. Der Tatort war nicht gut recherchiert und gab durch die Nennung eines Medikaments vor eine Dokumentationsqualität zu besitzen. Das ist ein Versagen der zuständigen Redaktion. Die „Fakten“ stimmten so nicht: wer dieses Medikament benötigt (nach Maßgabe eines Nachweises) bekommt es auch von der Gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt. Aber: viele Ärzte sind zu arbeitsscheu und unwissend um die erforderlichen Dokumentationen zu erarbeiten. Und so schaffen sie sich selbst das Dilemma, aus dem heraus sie dann Betrug zu rechtfertigen suchen.

    Dein Schluss möglichst oft zum Arzt gehen zu sollen um notleidenden Patienten damit zu helfen ist nichts anderes als Unterstützung von ärztlichem Betrug an der Solidargemeinschaft.

    Wenn mit ca. 28 Stunden Praxisöffnung noch immer im Durchschnitt über 110.000 Euro Jahreseinkommen (nach Kosten und vor Steuern und Altersvorsorge) erzielt werden können mag es Fehlsteuerungen geben, von einem wirtschaftlichen Kollaps kann man wirklich nicht sprechen.

    Die ARD ist mit diesem Tatort längst beim Niveau von SAT1 angekommen. Die folgende Sendung mit Anne Will setzt dem doch nur noch ein Krönchen auf.

  12. @Wolf: die Klage über neue Medikamente, die die Kassen nicht mehr zahlen, stammt aber nicht allein aus diesem TATORT!! Ich bin nicht dagegen, so lange es sich um wirkstoffgleiche Alternativen handelt – wenn aber einzig das neue Medikament HILFT, dann sehe ich die Verweigerung nicht ein!

    Seit Jahren liest und hört man auch von einer immer mehr ansteigenden Bürokratie, die nicht nur Ärzte von der eigentlichen Arbeit am Patienten abhält. Da mit „arbeitsscheu“ zu kommen, finde ich falsch. Genau wie bei Lehrern wird sich die Arbeit auch nicht mit der „Sprechstunde“ schon erledigt haben…

  13. Es gibt auch andere Beispiele als Medikamente (bei denen Diskussionen um ihre Wirksamkeit aufgrund mangelnden Wissens und mangelnder Überprüfbarkeit leicht sinnlos werden können).

    Etwa das Abrechnen stationärer Leistungen nach Pauschalen. In den Krankenhäusern ist die Pauschale auf Sach- und Personalleistungen zu beziehen, unter denen die Verweildauer der Patienten der am einfachsten zu variierende Faktor ist.

    Nun können wir uns alle an unseren fünf Fingern ausrechnen, daß ein älterer Mensch die Nachwirkungen einer OP nicht so schnell verarbeitet und so leicht verkraftet wie jüngere Menschen. Dennoch trifft auch in diesem Falle die pauschale Begrenzung der Tage zu, an denen eine Rundumversorgung erfolgt.

    Hat der Patient nun keine Angehörigen oder Freunde, die ihn häuslich pflegen, ist er auf die Dienste eines ambulanten Pflegedienstes oder einen hoffentlich vorübergehenden Aufenthalt in einem Pflegeheim angewiesen. Den zahlt aber die Pflegeversicherung nicht, da die vorübergehende Bedürftigkeit nicht unter ihren Leistungskatalog (weil Folge einer einmaligen Erkrankung oder eines Unfalls) fällt.

    Was also oft einzig bleibt ist, für die Finanzierung einer ambulanten oder Tagespflege eigene Mittel des Patienten oder seiner Angehörigen in Anspruch zu nehmen – oder das bewußte Riskieren einer Folgeerkrankung, die zu einer stationären Behandlung, welche von der Krankenkasse bezahlt würde, berechtigte.

    Auf diese Weise werden sehr unauffällig Kosten der Gesundheit aus dem Rahmen der (in die offiziellen Statistiken eingehenden) Versicherungsleistungen heraus gebrochen, indem zur Heilung und Rehabilitation notwendige pflegerische Tätigkeiten einer privaten Finanzierung (auch da, wo dieses durch private Zusatzversicherungen geschieht) anheim gestellt werden. Oder, wo geldlich nichts zu holen ist, schlichtweg unterbleiben.

    Würden nun Ärzte in einem krassen Fall (arme, allein stehende, ältere Person) ihre Diagnosen oder Verschreibungen aus Fürsorge fälschen, um dem Patienten noch ein paar Tage mehr den ‚Luxus‘ einer Versorgung im Krankenhaus zu gönnen, hätten wir das gleiche Szenario wie im Film!

  14. […] weiter […]

  15. Wenn geklagt wird, dass „neue“ Medikamente nicht gezahlt würden, dann kann keine gesicherte Information vorliegen, dass die neuen (und gar allein oder einzig) helfen. Du schreibst zwar ganz genau was viele Ärzte den Patienten erzählen, aber es wird dadurch nicht logischer.

    Es bedarf eines „Nutzennachweises“ um von der Solidargemeinschaft die Erstattung der Kosten verlangen zu können. Das ist sinnvoll. Die Pharmafirmen werfen viel Zeug auf den Markt, kurz vor Ablauf eines Patents, das nur „ein wenig anders“ ist, begleiten das mit viel Werbegetrommel, bei den Ärzten verfängt es mangels pharmazeutischer oder auch nur chemischer Kenntnisse, und dann geht das Klagen los.

    In den Pauschalen werden grundsätzlich Durchschnitte gezahlt, bei Umsatzrenditen von bis zu 20% in privaten Krankenhäusern muss das irgendwie doch ganz auskömmlich sein. Und wenn es nicht reicht bieten die Rechnungen nach Aussage des Statistischen Bundesamts wohl eine Menge Möglichkeiten die Solidargemeinschaft zu schädigen zu eigenem Nutzen. Ob der Nutzen bei Patienten oder Mitarbeitern ankommt ist fraglich.

  16. Budgets eines Landarztes (Niedersachsen, 2010):

    Für die Verordnung von „Heilmitteln“ (das sind Krankengymnastik, physikalische Therapie, Sprachtherapie z.B. bei Schlaganfallpatienten, Ergotherapie, z.B. bei verhaltensgestörten Kindern usw.) = 2,42 € pro Patient und Monat.

    Für die Verordnung von Medikamenten und Verbandsstoffen: 14,15 € pro Patient und Monat.

    Für eigene ärztliche Leistungen: 12,10 € pro Patient und Monat.

    Das vorhandene Geld geht statt in die Behandlung von Patienten immer mehr in die Verwaltung. So wird die Einführung der Gesundheitskarte Milliarden verschlingen. Das Verschreiben von Teststreifen zur Selbstkontrolle des Blutzuckers dagegen wird für die Diabetiker, die kein Insulin spritzen, in wenigen Monaten nicht mehr möglich sein.

    Noch schlimmer ist die Entwicklung im pflegerischen Bereich. Für die Versorgung von Kranken gibt es Zeittaktvorgaben; wie bei der Montage eines Automotors. Zuwendung und Mitgefühl sind nicht vorgesehen.

    Ich bin seit über 20 Jahren Landarzt und es dreht mir das Herz um, wenn ich miterleben muss, mit welchem Zynismus die Alten und Kranken abgefertigt werden.

  17. Es hat den Anschein als ob die Wählerstimmen, die mit Kernkraft „nein danke“ zu gewinnen sind mehr zählen
    als die die durch eine umkehr in der Gesundheitspolitik
    gewonnen werden „könten“- sehe ich mir die Geschwindigkeit
    der Meinungsumschwungsmöglichkeiten an-

    in Deutschland sind Medikamente EU-weit wahrscheinlich
    am teuersten (profitabelsten) dank einer gut funktionierenden Lobbyarbeit.

  18. „Das vorhandene Geld geht statt in die Behandlung von Patienten immer mehr in die Verwaltung.“

    Es fließt an den Kranken vorbei, in die Geschäfte der NOCH NICHT Kranken. ;)

  19. Es stimmt schon, wenn man mal die Medikamentenpreise in Deutschland und im Ausland vergleicht, sind die gleichen Medikamente in Deutschland viel teurer als im benachbarten Ausland. Wohne an der tschechischen Grenze, identische Arzneimittel kosten im benachbarten Tschechien bedeutend weniger als bei uns in der Apotheke (oft das Vierfache weniger). Gleiche Schachtel, gleiche Inhaltsstoffe – aber du zahlst nur einen Bruchteil als bei uns. Kein Wunder, wenn das Quartals-Budget der Ärzte vorne und hinten nicht reicht. Die Pharmaindustrie verdient sich an den Deutschen doch eine goldene Nase…

  20. Am 3. Apr. 2011 zeigte die ARD im Tatort Folgen der Budgetierung von Kassenärzten ……

    Anfangs ein Todesfall durch heimliche Medikamentierung bestmöglicher Art für den Patienten. Der Arzt meinte es gut auch im Sinne des Hippokratischen Eides. Ein Haufen Politiker, die nicht als Meineidbande zu bezeichnen sind, hatte aber gegen des Mensch…

  21. […] Weiterlesen auf www.claudia-klinger.de […]

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