Claudia am 22. April 2010 — 26 Kommentare

Stadt, Land, Netz? Verändert das Internet unser Wohnen?

Das Kommentargespräch zum Artikel Privatheit ade: verschwindet die Anonymität des Stadtlebens? hat alles in den Schatten gestellt, was ich dazu erwartet hätte! Es entspann sich eine intensive Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteile des Lebens auf dem Land bzw. in der Stadt – ein Thema, mit dem ich mich erlebend und experimentierend lange schon befasse. Nach zwei recht ernst gemeinten Versuchen der „Auswanderung“ (einmal „Pendeln in die Toskana“, später zwei Jahre Umzug in ein kleines Dorf in Mecklenburg) hab‘ ich meinen Frieden in der Stadt gefunden. Allerdings erst so richtig, seit ich einen Kleingarten in nicht allzu weiter Ferne betreibe: 20 Minuten mit dem Fahrrad, wenn ich mich beeile, auch schneller – da ist das „Cardio-Training“ gleich inbegriffen – gut so!

Und das „Leben in den Netzen“?

Im Gespräch Stadt- versus Landleben spielte das Netz kaum eine Rolle. Zwar schrieb Iris dazu:

„Ein wesentlicher Vorteil des Internets ist ja gerade, dass ich keinen radikalen Ortswechsel mehr vornehmen muss, um meine Weltsicht zu erweitern. Ich bin nicht mehr auf die Auswahl an Gesprächspartnern in meiner unmittelbaren Umgebung angewiesen. Und vielen anderen geht’s doch mittlerweile genauso. Sie werden ebenfalls durch ihre Teilnahme ‘am großen Gespräch’ mit Ansichten aus vielen Regionen konfrontiert. So kann ich z.B. hier mit Claudia diskutieren, ohne nach Berlin fahren zu müssen. Ist das nicht toll? ;o)“

Ist aber damit die Wirkung der Vernetzung auf die Art, wie wir wohnen, bzw. wo wir uns „zuhause“ fühlen, schon erschöpfend beschrieben? Immerhin sagt das Statement aus, dass es für Landbewohner leichter geworden ist, auf dem Land zu bleiben, denn zumindest geistig steht die große weite Netzwelt für vielerlei Aktivitäten offen. Und wie ist es andersrum? Bringt das Netz auch den Stadtmenschen einen leichteren Zugang zum Land?

Würde ich meine Brötchen nicht mit Arbeiten „im Internet“ verdienen, wäre ich nicht nach Mecklenburg gezogen – ganz sicher nicht! Und dort hat es mich nicht groß gestört, von mecklenburger Rentnern umgeben zu sein, die in ihren kleinen Häuschen den Lebensabend zubringen, dabei recht abweisend und wenig kommunikativ alls Fremde und Neue beeäugend. Dann gab es noch die „neuen Siedler“: billige Einfamilienhäuser mit wenig freiem Platz drumrum, bewohnt von frisch verschuldeten Pendler-Familien, die ihre Kinder in einer natürlicheren Umwelt aufwachsen lassen wollen. Was sich aber als sehr mühsam darstellte, denn außer dem Schulbus gab es keinerlei öffentliche Verkehrsmittel – vielleicht zweimal am Tag ein Bus, das erinnere ich nicht so genau. Man muss die Kids also überall hinfahren, wenn sie außer-schulische Aktivitäten unternehmen, was ja heute nicht selten ist. Anders als ich geglaubt hatte, konnten diese Kinder mit ihrer ländlichen Umgebung wenig anfangen, ja, sie verließen kaum die Häuser und Wohnungen! Dem Nachbarsohn brachte ich das Webwerken bei – davon war er weit begeisterter als von allem, was die Natur rundum so bot.

Im Artikel zur vielleicht schwindenden Anonymität der Stadt sah ich die Folgen vornehmlich negativ: Wie würde es sein, ständig von allen möglichen Fremden, die ich bisher ignorieren (Iris: Stadt-neurotisch durch sie hindurch sehen) kann, womöglich „erkannt“, gar angesprochen zu werden? Droht eine „Verdörflichung“ der Stadt – bzw. ist das vielleicht gar nicht schlecht?

Da sitze ich auf der Bank in der Sonne, goggle mit dem Smarthandy ein wenig die Umgebung – mit vielleicht irgendwann frei geschalteter Gesichtserkennung, oder mittels der Daten, die die Leute freiweillig über ihre in die Klamotten integrierten RFID-Chips in die Welt senden. Eine junge Mutter nicht weit von mir beaufsichtigt ihre Kinder, die da im Sand spielen – aha, sie sucht gerade einen gebrauchten Fernsehen oder gar eine „Oma on Demand“. Jetzt kann ich mir überlegen, ob ich nicht eines ihrer Bedürfnisse befriedigen kann und will – das wär doch was, oder?

Und all die Zusammenkünfte Fremder zu diversen Events: oft fühlen Einzelnde sich da unwohl, weil es nicht jedem leicht fällt, mal eben so in einen Smalltalk zu kommen. In meiner hier ausgesponnenen voll vernetzten Zukunft würde ein kurzer Scan der Anwesenden jede Menge Themen ergeben, über die sich sinnvoll Kontakt aufnehmen ließe.

Wo ist zu hause?

Und das Land? Was ist es, das uns ein Gefühl des „zuhause seins“ vermittelt, auch wenn wir nicht am konkreten Ort geboren sind? Sind es nicht unsere sozialen Netze, die auch unabhängig vom Ort Bestand haben? Etwa so, wie früher und heute noch spezialisierte Wissenschaftler mit Kollegen in aller Welt verbunden sind: egal, wo sie wohnen, in ihrer Profession und den entsprechenden sozialen Bezügen sind sie beheimatet, ein Ortswechsel ist nur begrenzt relevant.

Die geistige „Heimat per Netz“ könnte zu einer verstärkten Wieder-Besiedlung ländlicher Regionen führen, die in den letzten Jahrzehnten viele Einwohner an die Städte verloren haben.

Der Wandel der Städte im Bereich Wirtschaft und Konsum ist schon derzeit weit fortgeschritten: Wenn man fast alles übers Internet kaufen kann, braucht es immer weniger Fachgeschäfte vor Ort. Die Produktion ist lange schon weitgehend ausgewandert und globalisiert so vor sich hin. Dafür steigt die Nachfrage nach Lebensmitteln aus der Region: immer mehr Menschen wollen hier „global denken und lokal handeln“, aber auch mehr Genuss und Gesundheit einkaufen und den industriellen Massenprodukten etwas entgegen setzen. Würde man verstärkt „in der Region“ wohnen, wäre das einfacher.

Gut 15 Jahre Internet haben das Leben schon sehr verändert – auch für die, die nicht selbst aktive Nutzer sind. Noch weit großformatigere Veränderungen könnten uns bevor stehen, bzw. sind virtuell, also „der Möglichkeit und Kraft nach“ schon vorhanden. Susanne schrieb:

„Stadt scheint mir ein lokales, vorübergehendes Phänomen zu sein. Weil Stadt nur bleibt, wenn ihre Physik gesichert ist. Ohne Strom, ohne Markt, ohne Technik wird sie schnell wieder Land. Land aber kann warten. Stadt eben nicht. „

Strom, Markt und Technik gestalten auch heute schon das Land, wie wir es kennen. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich Stadt und Land mit Hilfe der Vernetzung in Zukunft mehr durchdringen: Mehr Dörflichkeit in der Stadt, mehr Anschluss an die Gegenwart auf dem Land.

Und ich freu mich über weitere Resonanzen zum Thema!

Diskussion

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26 Kommentare zu „Stadt, Land, Netz? Verändert das Internet unser Wohnen?“.

  1. @Claudia:

    Ich möchte aber noch was auf Deinen letzten Kommentar zum anderen Artikel erwidern (selbst Schuld, wenn Du die Diskussion auseinanderreißt ;o):

    Ich verbinde Land mit Erde, Himmel, unabhängiger Natur und gewaltigem Spiel der Elemente – und von alledem bin ich ein Teil, was man in der Stadt leichter vergisst.

    Eben. Und dieses Gefühl lässt sich m.E. nicht mal annähernd in Worten oder Bildern transportieren. Es stellt sich erst ein, wenn Du da bist. Doch es ist imo ein elementares Lebensgefühl, das jedes Wesen kennen und verinnerlichen sollte, das auf diesem Planeten lebt. Denn es verbindet sie mit der Welt und miteinander.

  2. Hallo Claudia, hallo Iris!
    Ich greife auch einen verwaisten Faden auf, nämlich Iris‘ Bemerkung zum Ins-Gesicht-Schauen: Iris, damit hast Du recht – ich hatte hier etwas dargeboten, was keine rechte Substanz hatte.

    Nun zur Fortsetzung des Artikels durch Claudia:

    ich hatte mich dem angeschnittenen Thema ursprünglich garnicht widmen wollen. Jetzt, wo es sich stärker zuzuspitzen scheint, spüre ich vermehrt Lust, einzusteigen.
    Ich wohne etwa 40 km von einer grösseren Stadt entfernt, auf dem sog. „Land“.
    Und dieses Land scheint sich von Jahr zu Jahr mehr „der Stadt“ zu nähern: Es gibt mittlerweile unzählige Märkte in der Nähe, sogar ein Arthouse-Kino gibt es nicht sehr weit entfernt von hier – ein solches muß man in „meiner Stadt“ erst mal suchen, denn dort gibt es seit kurzem keines mehr.
    Wenn ich beim Türken sitze und meinen Döner esse, dann notiere ich manchmal, daß sich diese Straße auch in einer Großstadt befinden könnte, etwa in Frankfurt-Bornheim. Nichts unterscheidet diese Strasse in ihrer Geschäftigkeit und im Auf und Ab von Leuten. Auch hier ist das Grün am Straßenrand (Bäume) eingesetzt, um zu trennen von anderen Strassen und einen geschlossenen Raum zu schaffen.
    Und mittlerweile verschwimmt der Gegensatz Stadt und Land immer mehr für mich: Etwa 1 bis 2 mal bin ich pro Woche in der Stadt, fühle mich manchmal so, als wohnte ich hier. Meinen Wohn-Ort verwalte ich im Grunde nur noch: Ich sorge für gutes Wohnen dort, habe mich eingerichtet. Tagsüber bin ich eh nicht dort und abends passiert meist nicht viel mehr als Einkäufe, Rasenmähen und Mülltonne vor die Türe stellen.
    Letzte Woche hatte ich allerdings nach langer Zeit wieder das späte Spazierengehen aufgenommen, so um 21:30 rum. Das fühlt sich gut an, die Luft ist meist belebend und der ausschreitende, kraftvolle Körper hierbei ein Genuß. Dies ist etwas, was es hier gratis gibt und vollkommen problemlos ist. Es verbindet auch mit einer Zeit, in der „an der Natur“ sein ganz natürlich war und als innere Kraftquelle diente.

    Zum Internet und der damit postulierten Verquickung von Stadt und Land: Dem Land nutzt es sicherlich zum Anschluß an das Städtische, an die Vielfalt und dem Reichtum am Kreativen, das sich in der Stadt mehr zu entfalten scheint. Wie es dem Städter nutzen kann, sich mit dem Dörflichen anzufreunden, das weiß ich nicht. Sicher ist es so, daß die Kontakte, die man fast tagtäglich im Netz an bestimmter Stelle haben kann, so etwas sind wie das zufällige Gespräch am Zaun, vor der Haustür oder beim Spazierengehen.

    Andererseits, so merke ich gerade, ist m.E. die Anonymität auf dem Land im Wachsen begriffen. Viel findet nicht mehr auf der Straße statt – man sitzt scheinbar nicht mehr so oft draussen, etwa auf der Gartenmauer oder trollt draussen herum. Man begegnet sich nicht mehr allenthalben, auch Straßenfeste, an mancher Stelle im Dorf üblich gewesen, gibt es die noch? Alles scheint sich in die Häuser zu verziehen. Und das sog. Vereinsleben, das das Dörfliche früher ausmachte, ist augenscheinlich stark im Rückgang begriffen. So gesehen bleibt vom Dörflichen „nur“ noch die Natur, die hier allerdings unverstellt ist – man muß nicht anfahren und sich einen knappen Parkplatz suchen, um sich dann mit hunderten das Grün im Park zu teilen.

    Gruß
    Gerhard

  3. @Iris: ich hab einen Vermerk unter die lange Diskussion gemacht, dass man gerne „Fäden aufnehmen“ kann!
    Ansonsten stimme ich dir voll zu, man sollte alle Kinder oder Jugendliche mal zeitweise aufs Land schicken, damit sie einen Draht zur Natur bekommen! Allerdings sollten das interessante Ferien sein, wo man mit und in der Umgebung etwas anfängt. Ich erinner mich mit Grauen, wie öd ich so manchen Familienausflug fand! :-)

    @Gerhard: 40 km/h Entfernung ist nicht mehr wirklich Land, sondern „Speckgürtel“. Klar gibts da kaum mehr einen Unterschied.
    Das Land ist in den letzten Jahrzehnten sowieso ausgeblutet durch den Wegzug vieler jüngerer und aktiver Menschen, die da keine Perspektive sahen. Eine Bewegung in die umgekehrte Richtung gab es in den 70gern und 80gern, getragen von Städtern, die auf dem Land naturnäher leben und arbeiten wollten – es entstand eine große Land-WG und Gemeinschaftsprojekte-Landschaft. Die ersten Bio-Höfe sind so entstanden, andere machten in Seminare & Tourismus.

    Nach der Wende hat sich da so manches wiederholt, indem aktive Ökos in verwaiste Dörfer der neuen Bundesländer zogen: Wulkow ist ein bekanntes Beispiel, doch gibt es da noch mehr, etwa Brodowin, von wo aus ein umtriebiger Biohof & Laden 1400 Berliner einmal wöchentlich mit Produkten beliefert.

    In solchen Gemeinden geht es nicht so anonym zu, weil sie alle WIEDER etwas miteinander zu tun haben. Das entfällt ja, wenn nicht mehr gemeinsam gewirtschaftet, sondern nur noch nebeneinander her gelebt wird. Wie mittlerweile in vielen Dörfern…

  4. Hallo Claudia,
    40 km sind in ihrem Maß abhängig davon, ob Schnellstrasse oder Autobahn in die Stadt führt oder Bundesstrasse oder sogar Staatsstrasse.

    Solche Neu-Dörfler, wie Du sie beschreibst, gibt es hier nicht – wenn, dann sind das einzelne „Individuen“.
    Wenn man nur emsig hier in der Gegend herumfährt, stösst man noch auf sehr verwunschene (in Anführungszeichen) Dörfer und Weiler. Ein Kumpel, mit dem ich früher öfters mal zu Clubs und Discos der nächsten Großstadt fuhr, den „fröstelte“ es manchmal, wenn er an bestimmten Örtlichkeiten vorbeifuhr.

    Gruß
    Gerhard

  5. @Claudia, Toskana pendeln, nö! Dort wohnen: JA!! Für immer: Hhm?

    Zu deiner Ursprungsfrage „Anonymität ade“: ist es hierbei nicht wie so oft, das nur das genommen werden kann, was man auch zu geben bereit ist?

    Ich kann mir im Moment nur schwer vorstellen, dass einzig die kommunikativen Möglichkeiten des Internets nun der ausschlaggebene Grund sein sollte, endlich auf`s Land ziehen zu wollen? Für mich wäre dieses Kriterium heutzutage gleich Null, da es überall gleich möglich ist.

    Der unterschiedlichen Argumente zu Stadt oder Land sind unzählig viele austauschbar, wobei die eigenen Präferenzen meist im stärkeren Fokus sein werden/müssen, allein auch, weil sie die eigene Entscheidung zu Stadt oder Land damit bekräftigt. Hin- und wieder habe ich somit aus den Kommentaren den Eindruck, dass ich in meiner Entscheidung zu einem 3/4 Städter wider der natürlichen Lebensform gehandeln habe, so mit dem Fingerzeig auf mich nach R.Mey: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.

    In allem urteilen oder verurteilen sollte man vielleicht auch die Möglichkeit einfliessen lassen, dass morgen schon als anders sein kann, la vita passa. Für mich war es überlebenswichtig in die Stadt zu ziehen, als ich vor 10 Jahren in meine midlife crisis kam. Mit Sicherheit ein eigenes Thema, jedoch brauchte ich 24 Stunden volles Leben um mich, alles, alles das, was die Stadt mir geben konnte, nur um eins: Nicht nachdenken zu wollen, müssen, können.

    In Berlin wäre ich unter die Räder gekommen, auf dem Dorf wäre ich vielleicht zu einem Internetjunkie mutiert, und Leipzig, war gerade richtig für mich. Ich will damit sagen, das die Wahl von jedem vielleicht auch mit viel unbewussten Fingerspitzengefühl getroffen wird, jede Zeit ihre eigene und andere Lebensform haben kann und es gut ist, das wir immer noch die Möglichkeit haben, diese zu wählen. Es ist gut, das es beides gibt.

    Eine kleine Landanekdote: Als ich vor 40 Jahren, anno 1969, das erste mal in dem Heimatdorf meiner zukünftigen Frau war, wo wir später mal in den 1. Stock des Elternhauses ziehen wollten, gingen wir durch die kleine Hauptstrasse spazieren. Ein Mann kam uns entgegen, erkannte meine Verlobte, und wechselte die Strassenseite. Es war ihr Bruder. Ich war Jude. Das ist Dorf.
    10 Jahre später wollte er mich zum ersten mal unbedingt seh`n. Er lag seit einen halben Jahr auf der Intensivstation, von einer unbekannten Virusinfektion vollkommen gelähmt und sagte zu mir: Menachem, wenn ich jemals wieder hier lebendig rauskomme, geh`n wir zwei einen trinken. Auch das ist Dorf.

  6. @ Iris:
    Ein wesentlicher Vorteil des Internets ist ja gerade,
    dass ich keinen radikalen Ortswechsel mehr vornehmen
    muss, um meine Weltsicht zu erweitern. Ich bin nicht
    mehr auf die Auswahl an Gesprächspartnern in meiner
    unmittelbaren Umgebung angewiesen …

    Sorry, hatte keine Zeit zum Antworten. Der obigen Feststellung stimme ich voll zu. Allerdings hat es auf dem Thread „Privatheit ade..“ einen @ Iris Kommentar, welcher klar und deutlich verfasst ist, auf den ersten Blick schlüssig erscheint und mich dennoch zum Widerspruch anregt. Wir haben alle nicht nur Ansprüche sondern alle auch unsere Macken. Nobody is perfect! Jetzt ist klar, dass unsere Wertung bei einem persönlichen Treffen von 100 Kriterien abhängen kann. Zuvorderst hängt es von unserer eigenen Tagesform, unserer eigenen Stimmungswolke ab. UND es hängt von unseren eigenen – vermutlich überhöhten – Erwartungen ab.

    Ich für mich, finde jedoch, dass virtuelle Beobachtungen über einige Zeit hinweg erlauben, gewisse Rasterkriterien von Unbekannten zu erstellen. Geradlinigkeit, Sprunghaftigkeit, Humor, Interessen, Flexibilität etc. etc. Wenn ich jetzt so eine Person real treffe, bin ich auf jeden Fall mit mehr Geduld und Flexibilität ausgestattet, wenn das Frauenbild quer zu meinen (Wunsch-)Vorstellungen steht, weil die abgespeicherten guten Werte ja immer noch da sind. Begegnet man sich jedoch Unbekannterweise – wo auch immer – geben sich Menschen gegenseitig keine Chance, wenn die äusserliche Wahrnehmung im Weg steht.

    Mehrmals (3 x) habe ich in letzter Zeit gelesen, wie sich Bloggerinnen enttäuscht über reale Treffen geäussert haben. Sicher, wenn Männer schmatzen und rülpsen oder bald nur noch ein Thema kennen etc., ist die Stimmung schnell futsch. Doch Vorkommnisse oder nicht sofort eindeutig erkennbare Kriterien sollten aber einfach mit Geduld über mehr als ein Treffen geprüft / beobachtet werden. Gute Kontakte und Freundschaften gibt es zum Glück nicht ab Shop Regal. Zum Glück, weil dies den Wert von Freundschaften entwerten würde. Das Wort Freundschaft wird inflationär benützt und auf Facebook etc. ist es ein Nonvaleur.

    Selbst im realen Leben, ist es selbst bei einem guten Kontakt, korrekter von befreundet zu sprechen anstatt von Freundschaft. Zwischen diesen zwei Wertungen liegen Welten.

  7. @Relax:

    Wir haben alle nicht nur Ansprüche sondern alle auch unsere Macken. Nobody is perfect!

    Das ist wahr. Und wenn jeder sich gegenüber seinen Mitmenschen in Toleranz übt, könnten alle (im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Regeln) nach ihrer Façon glücklich werden. Doch Toleranz heißt Duldung nicht Eintracht. Ich kann durchaus gut damit leben, dass andere Menschen andere Gewohnheiten, Vorlieben, und Wertvorstellungen haben als ich. Aber deswegen muss ich sie ja nicht alle in meinen Freundes- oder näheren Bekanntenkreis aufnehmen. Und ich habe auch nicht mehr das Bedürfnis, jeden, mit dem ich mich online gut verstehe, auch offline kennenzulernen (und dann eben bei den Teilen, die man nur face to face wahrnehmen kann, doch wieder bei Null anzufangen – egal wie nahe man sich zuvor auf geistiger Ebene schon war). Ich bin auch offline nicht einsam. Mein Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen ist gedeckt. Für deren Aufbau brauche ich das Internet schlicht nicht, und es ist für mich (aus den zuvor bereits beschriebenen Gründen) auch nicht der ideale Platz dafür.

  8. Da es (dem Thema nach) doch darum geht, welche Bedeutung das Internet für uns hat, je nachdem, ob wir eher urban oder eher ländlich wohnen, hier ein paar Eindrücke.

    Ich habe das Internet überhaupt erst entdeckt, als ich auf dem Lande (damals noch ohne Arbeit in der Stadt, sondern mit viel Freizeit quasi in einer Pause meines Lebens) wohnte. Ich hatte Probleme, in einer Stadt zu sein, außerhalb des Hauses und des engeren Umkreises, und Internet (Infosites, Chats und Blogs) waren eine Art Ersatz echten Lebens für mich, wenn ich mich nicht aus dem Hause traute. Aber das hat nur funktioniert, weil ich angefangen hatte, mich (ganz allein nur mich) in Relation zum Land wahrzunehmen und mich so selbst sehen zu können.

    Zuvor hatte ich Land (Gegend, Natur, Pflanzen, Ausblicke usw.) eher als nette Details meines davon eher unabhängigen Amüsements wahrgenommen. Vor allem aber als Accessoires, die meinem Fühlen und Handeln den Teppich boten, auf dem ich mich zu gerne bettete.

    Erst durch langes Hinsehen ging mir mehr auf. In mir, sicherlich, nur als Einbildung, als blumige Interpretation. Wie wir – als Ego – ja immer nur Selbsterfundenes sind, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls spielt seither Land (das, was ohne den Menschen da zu sein ich mir einbilden kann) für mich eine große Rolle. Wasser, das dem Gefälle folgt, Steine, die der Schwerkraft sich beugen, Felder, die dem Wühlen der Wurzeln und Triebe unterliegen. Boden, auf dem ich stehe und der nicht jederzeit mir wieder entzogen werden kann. Da fühle ich mich gerne hinein und bilde mir dabei ein, etwas Solides zu spüren. Nicht das eifrige Gewimmele einer Stadt, wo stolze Menschen einander sich präsentieren, wo Leistung Sein ersetzt und Schillern Farbe. Und die echten Tränen heimlich fließen.

    Ich habe Jahre in Städten gelebt und bin alles andere als frei davon, das Urbane hemmungslos zu bewundern. Ich nehme gerne für den Moment das Eloquente als Substanz und das Flinke als Fluchtlinie in ein besseres Sein. Frei von der Sehnsucht nach Highlife bin ich sicher nicht, auch wenn ich lange schweigend einem Fluß dabei zusehen kann, wie er sich Richtung Meer durch den Boden hindurch wälzt. Ich stehe dem Dörflichen (oder Kleinstädtischen) durchaus reserviert gegenüber, wie dieses mir auch.

    Aber!

    Die aufregende, anziehende, vielversprechende Buntheit der Stadt ist mir letztlich nur Schein. Näher besehen gesellt sich dort ebenso Gleich mit Gleich wie überall, und vielleicht – wegen der größeren Auswahl – sogar noch heftiger diskriminierend als auf dem Lande, wo dir alle Menschen wegen allgemeinem Mangel an dir gefallenden Menschen immer schon mehr bedeuten als da, wo du sie an fast jeder Ecke zu finden glaubst. Hier (auf dem Lande) habe ich oft mit Menschen zu tun (rede mit ihnen, höre mir ihre Geschichten an und erzähle dann irgendwann auch von mir), die ich in der Stadt schlichtweg ignorierte oder nur am Rande wahr nähme. Und als Freundeskreis (Menschen, die ich bewußt zu mir nach Hause einlade und zu denen ich gezielt in ihre Heime gehe) habe ich Menschen aus sehr verschiedenen Schichten, was ich in der Stadt nie so hatte. Das mag an mir liegen, einer gewissen Trägheit im Umgang mit Menschen. Aber ich kenne das auch von anderen Menschen, die in Städten leben.

    Was nun ändert das Internet daran?

    Für mich, offen gesagt, wenig. Ich traue keiner Technik die Kraft zu, Menschliches wirklich zu ändern. Sich eher mit seinesgleichen zusammen tun zu wollen, ist so unendlich menschlich, daß nur nicht weg zu Leugnendes dagegen anstinken kann. Das passive Angebot einer Unendlichkeit von Menschen, Vorstellungen, Aussagen und Ideen jedoch auf keinen Fall.

    Und überhaupt diese viel beschworene Buntheit! Ich halte sie für eine Schimäre. Niemand kann beliebig viele Kontakte, Ansichten, Ideen sich einverleiben. Wir alle müssen selektieren, und wir tun das anhand intrinsischer Kriterien. Je doller der Input, desto heftiger die Reaktion. Flüstern zehn Leute mir etwas zu, mag ich noch fünfen zuhören. Schreien aber fünf auf mich ein, höre ich vielleicht keinen mehr zu.

    Das Internet ist mir daher, trotz seiner scheinbaren Vielfalt und Offenheit, nichts wesentlich anderes als das, was ich mir, gesund und tatkräftig, auch ohne Gerät zutrauen würde – der aktive Zugang zu Menschen und Gedanken, die mir gefallen, mich anziehen, die ich selektiere, filtere, akzeptiere und ablehne mittels meiner eigenen Kriterien. Die, so hoffe ich, nicht einbetoniert sind, aber weiß ich’s denn?

    Das Internet macht mich nicht besser und nicht schlechter, als ich eh schon bin. Es drängt mir nicht auf, was ich ablehnte, käme es von einem mich abstoßenden Typen auf der anderen Seite des Tisches, und es flüstert mir nicht ein, was ich nicht auch von dem netten Typen direkt neben mir gerne und mit großen Augen annehmen würde. Es ist ein Weg der Kommunikation, ein neuer, ja, aber keiner, der mir die Welt aus den Angeln hebt.

    Als Informationsmedium (wer weiß über was etwas und wer bietet was wo an) ist es toll. Als Palaverplattform (wenn die Leute, die dein Geschwalle noch ertragen wollen, dir gerade mal ausgegangen sind) auch. Aber es macht dich weder mutiger noch klüger noch wirksamer noch fähiger dazu.

    Meine Prognose für die weitere Zukunft ist: on the long run – business as usual!

    Egal, ob Stadt, Land oder Fluß (oder Orbitalstation um Jupiter, irgendwann..)

  9. @Susanne:

    Erst durch langes Hinsehen ging mir mehr auf.

    Eine einfache, aber für mich zentrale Aussage über Deine Wahrnehmung von Land. Und weil das so ist, weil es Zeit braucht, bis man es so wahrnehmen kann, wie es ist, darum glaube ich nicht, dass es genügt – wie Claudia in ihrem Kommentar weiter oben vorschlug – Kinder oder Jugendliche mal zeitweise aufs Land (zu) schicken, damit sie einen Draht zur Natur bekommen. Menschen, die das turbulente, laute und schrille Großstadtleben gewohnt sind, müssen erst mal runterkommen, entschleunigen, ihre natürlichen Sinne wieder voll aufwecken, um das Land wirklich fühlen zu können. Diesen Draht aufzubauen braucht Zeit (individuell unterschiedlich lange). Dazu reichen Ferien nicht. Und ein Angebot von Abenteuer-Entertainment würde m.E. bei der Entdeckung des Landes eher stören als nützen, weil es vom Wesentlichen ablenkt.

    Die aufregende, anziehende, vielversprechende Buntheit der Stadt ist mir letztlich nur Schein.

    So empfand ich es auch immer. Und nach einer Weile nervt mich diese Buntheit auch mehr und mehr (und all das Elend auf den Straßen, das die Großstadtmenschen ausblenden können/müssen!). Dann will ich nur noch weg – frische Luft, Weite, Himmel, Ruhe.

  10. Noch zum alten Faden:

    @Claudia

    Stadt ist mir nicht absolut lächerlich, sondern nur im Vergleich zum Land. Alles, was Du aufzählst, gefällt mir ebenso wie anderen und Dir. Ich laufe ebenfalls gerne mit staunenden Augen über den Jahrmarkt und werfe mit spitzen Pfeilen auf bunte, laut platzende Ballons. Aber ich dachte, es ginge um Lebensgefühl, nicht den Feiertag oder den Kindergeburtstag.

    Die bunte Farbpalette ist eben noch kein Bild. Erst wenn der Pinsel die Farben auf die Leinwand trägt, entsteht es, und erst wenn Betrachter sich hinein denken, lebt es.

    @Gerhard

    In der Stadt komme ich mir ‚ausgelieferter‘ vor, vielleicht klärt das ein wenig Deine Frage. Wenn ich dort bin und kommuniziere, dann bin ich sichtbarer, weil ich mich deutlicher zuordne. Einer Gruppe, einer Schicht, einer eitlen Bande usw., die sich rund um ihr Prinzip schart. Auf dem Land ist mehr Einzelheit und weniger Besonderung – für mein Empfinden.

    In Texten aber schaut mir niemand ins Gesicht. Texte unterliegen ganz meiner Kontrolle, sind also nie in dem Sinne ‚ehrlich‘ wie ein Gespräch. Sie simulieren das nur, erfolgreich, sind sie gut, etwas langweilig und anmaßend, wenn nicht.

  11. Hallo Iris,
    das Elend auf den Strassen? Im dörflichen Bereich gibt es auch „Elende“, die halt anders aussehen – die Du vielleicht jetzt ausblendest. (Menachem sprach in einem seiner letzten Einträge davon).

    Was Susanne schreibt, ist sicherlich richtig: Langes Hinsehen ist wichtig, aber wieso sollten Kinder nicht nach 3 Wochen Landaufenthalt merken, was sie vorfinden? Wenn sie dann nächstes Jahr wiederkommen, erinnern sie vielleicht das Besondere, festigen den Draht zur Natur. Der Samen zur Naturannahme wäre sozusagen beim 1. Mal gelegt worden.

    Gruß
    Gerhard

  12. Nein, mein Wohnen verändert das Internet nicht.

    Zum Thema Wohnen in der Stadt, hier ein Zitat von Friedensreich Hundertwasser:

    „Bei der Stapelung der Wohnungen nach oben geht zuerst der Mensch zugrunde und dann die Natur. Bei der Stapelung in die Breite läuft es umgekehrt.“

    Zum Potential des Internets gleich noch ein Zitat von ihm:

    „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.“

    Ansonsten hat Susanne das meiste, was ich dazu denken oder hätte sagen können, schon in zwei guten, also unterhaltsam und ehrlich klingenden Texten, zusammengefasst. Danke dafür!

  13. Zu Elend:

    Es gibt da schon einen Unterschied zwischen dem hergezeigten Elend in der Stadt und auf dem Lande. Eine einfache Frage der Häufigkeit.

    Gehe ich an zwei jämmerlichen Gestalten vorbei, zücke ich womöglich meine Börse. Werden es zu viele, zuckt nur mein Gesicht. Angesichts zu viel Elend verschließe ich mich, wie auch angesichts zu viel Triumph. Ich kann nicht glauben, daß wöchentlich (oder, dank sport channel, täglich) wiederholter Sieg diesen zu meinem werden läßt. Wie eben auch Not nicht meine wird, umgibt sie mich allenthalben.

    Es wäre schön, würde ‚ein bisschen‘ Land eine Saat im Betrachter hinterlassen. Das glaube ich jedoch nicht!

    Zumindest mich hat es mehr als ein paar Wochen gekostet, bis das begann. Und soweit ich verstehe, was Menschen mir sagen, die urban leben, müßte es ihnen jemand gewaltsam mit dem Vorschlaghammer einbleuen, wäre die Zeit zu knapp bemessen dafür.

    Der Städter hat immer im Hintergrund dieses ‚Scheiß drauf‘ parat – jene falsche Sicherheit aus Zentralheizung, Notaufnahme, Müllabfuhr und Ampelschaltung, das den Geist zerrüttet, der nicht genau aufpaßt.

    Beobachtet einmal eine Hausgeburt! Auf dem Lande und in der Stadt. Schaut euch an, was ihr dann denkt, empfindet, befürchtet, erhofft. Schaut euch ein Kind an, das neben der Straße hockt und nicht nach Hause weiß. Setzt euch in ein Zimmer, wenn draußen Sturm ist und alles Gewisse so vergeblich scheint.

    In der Stadt konzentriert sich das Denken auf Gesichertes. Das ist ihre Attraktion. Die Befreiung von einigem Notwendigen, der eitle Stolz des Geistes (Bertha, haben Sie noch einen frischen Tee für die Gäste?) und des Bürgers (Verlassen sie jetzt bitte mein Haus!) – während auf dem Land ein Rest jener Ausgeliefertheit überlebt hat, die allen Menschen droht, was auch immer das Fernsehen ihnen vormacht.

    Mich amüsiert das Vertrauen in die Sicherheit ihrer Existenz bei all den Heroen der Moderne. Darin sind sie mir die reinsten Bürgerkinder. Es gibt sie (die Sicherheit) aber nicht material! Millionen Menschen erleben laufend das Gegenteil, aber sie verfügen halt nicht über Breitband-Netze, Netbooks und iPhones. Sie sind nur Masse, und die hat den Bourgeouis noch nie gekümmert.

    Herr Goethe hat es auf den Punkt gebracht: Nichts Schöneres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen…

    Ich befürchte ernsthaft, das Internet könne zu einem gigantischen Circus Maximus für den gebildeten Pöbel werden. Schreie im Netz, damit du auf der Straße und der Arbeit ruhig bleibst! Revolutioniere aufgeregt gewaltige Gedankensystem, während deine Tastendrücke im System der globalen Überwachung sich unbemerkt einfangen lassen! Buy local, obey global, be calm!

    Naja, etwas wild, all das, aber – ist es tatsächlich so verkehrt?

  14. @Gerhard:

    das Elend auf den Strassen? Im dörflichen Bereich gibt es auch “Elende”, die halt anders aussehen – die Du vielleicht jetzt ausblendest.

    Mit Elend meinte ich ganz konkret z.B. Obdachlose, Alkoholiker, Drogenabhängige. Klar gibt’s die auch auf’m Land. Aber eben nicht so viele auf einmal. Und wenn man jeden als Person bewusst wahrnimmt, kann einen das ziemlich runter ziehen.

    wieso sollten Kinder nicht nach 3 Wochen Landaufenthalt merken, was sie vorfinden?

    Erstens weil sie Stadtkinder sind, von denen ich glaube, dass sie länger als 3 Wochen brauchen, um Land zu sehen (wo kein geplantes Entertainment-Programm auf sie wartet); zweitens weil Kinder i.d.R. eine hohe Erwartungshaltung haben, wenn sie in den Ferien irgendwohin verreisen. Nach zwei Tagen Langeweile finden sie alles doof und bocken (das sind wohlgemerkt meine persönlichen Erfahrungen mit und Einschätzungen von Kindern).

  15. @Iris: Auch hier hast Du wieder „recht“. Ich denke an eigene Erfahrungen auf einem Bauernhof way back in the early seventies. JETZT sind meine Erfahrungen „verklärt“: Ich denke gerne an diese Zeit zurück. ZU Anfang war die Umstellung hart, aber dann entfaltete sich die Magie.
    Sicher war ich ein Dorfkind – aber der Bauernhof war absolut isoliert und da gab es nichts ausser Tiere und die Bauern selbst. Also schon so eine Art „Kulturschock“.

    Mit Elend meinte ich anderes als die Abgestürzten in der Stadt. Aber das denke ich, hast Du verstanden.

    Gruß
    Gerhard

  16. Natürlich haben „wir“ auf dem Land weniger Probleme als in der Stadt. Gott sei Dank, wenn ich an die Aufwachsphase unserer Kinder denke. Aber es ist kein Grund, um uns auf dem Land selbstgefällig auf die Schulter zu klopfen.

    Die Betroffenen Sozialfälle suchen von sich aus die Anonymität der Grossstadt und weitere Vorteile. Auf dem Land wohnen nicht einfach die besseren Menschen.

  17. @Relax:

    Die Betroffenen Sozialfälle suchen von sich aus die Anonymität der Grossstadt

    Woher weißt Du das? Ich vermute, viele suchen dort eher Menschen mit ähnlichen Schicksalen, Gesellschaft (neben den dort mehr vorhandenen Übernachtungs- und Versorgungsangeboten natürlich). Anlässe zu dieser Vermutung gaben mir Obdachlose in der Großstadt, mit denen ich mich eine Weile unterhalten habe. Dabei hatte ich den Eindruck, dass es ihnen einfach gut tat, als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht nur entweder als bemitleidens- oder als verachtenswerter Sozialfall (je nach Einstellung des Betrachters).

    Auf dem Land wohnen nicht einfach die besseren Menschen.

    Hier geht’s nicht um Stadt- vs. Landmenschen, sondern um Stadt- vs. Landleben. Die Lebensqualität in diesen beiden Kulturräumen und die evtl. Einflüsse des Internets darauf sind hier aus meiner Sicht Thema.

  18. @Iris

    So ganz trennbar ist das („Hier geht’s nicht um Stadt- vs. Landmenschen, sondern um Stadt- vs. Landleben“) aber nicht.

    Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Stadt- und Landmenschen, nur zwischen meinem, also auch jedermanns persönlichem Erleben von Stadt und Land. Daß ein guter Teil unserer Selbstdarlegung (auch Ego genannt) stets medial, technisch vermittelt wird, durch das Halo angeblicher oder sogar verwendeter Möglichkeiten, nähert alle Menschen einander an, macht sie aber nicht gleich. Mag sein, ein Thema für sich, wie Menschen sich einander erklären.

    Land (nicht das physische, sondern immer das eingebildete) scheint mir da Vielen, mir auf jeden Fall, eine Verteidigungslinie gegen nicht nur Stadt, sondern immer schon viel mehr zu sein. Sich hinzustellen oder zu setzen und Land (Gegend) anzuschauen, hat eine sehr eigene und trutzige Bedeutung. Dem Städter ist es Sensation, vielen auf dem Lande auch. Aber was, wenn ich genauer hinschaue?

    In der Stadt wird mir Gesellschaft zum Leviathan. Zum qua menschlichem Handeln und Organisieren mich Definierendem. Das kann ich vielleicht abschütteln, wenn ich mich in einen Anblick von Land verliebe und Bienenzüchter auf eigene Rechnung werde. Warum aber will ich das überhaupt? Was verwirrt, verängstigt mich an Mauern, Häusern, Nachtleben, Schaufenstern, quirliger Leichtigkeit und vermuteter Bedeutungsarmut vorübergehender Erscheinungen?

    Wieso überhaupt werfe ich mir diesen Gegensatz auf? Und dann noch das Internet, ein (rein technischer) Weg, mich irgendwo wohlig warm anzukoppeln? Städtisches Leben, so möchte ich gerne behaupten, ist das Leben in Aufgabe, Kapitulation und Verinnerlichung von Abhängigkeit, das eben dieses verdrängen möchte.

    Ich sehe Städter eher als Menschen, die sich als Schafe zum Wolf hinauf hangeln wollen, indem sie sich Kraft aus der Vielheit heraus nehmen. Aber auch tausende von Menschen, eng aneinander gebunden, ertrinken jämmerlich, geht ihr Schiff unter. Ländliches gestattet das nicht so einfach. Je nach seiner Ausstattung, natürlich. Im Extrem (Walden etwa) suchst du danach, dich dem Nicht-Menschlichen auszuliefern und dennoch Du zu bleiben. In der Masse (der Stadt) dagegen suchst du dich zum primus-inter-pares zu erheben. Mit einem Gewitter kannst du nicht konkurrieren, mit einem Tanzschuppen voller Blender und Anmacher schon (auch wenn du dabei verlierst).

    Dieses ‚Eigentliche‘ (Primärerfahrung, Tod und Teufel und Triumph, die Gewalt der Natur, die Bewährung des Einzelnen vor den Urkräften und all dieses Zeugs) gehört zu uns wie Hunger und Sex. Jeder ist darauf ansprechbar. Vom alten Mann und dem Meer über das Stahlgewitter bis zur wild blühenden Sehnsucht eines Novalis nach der toten Geliebten oder dem Gesang eines Orpheus. Im Städter schlummert auch immer der Fellache, wie im Finanzprodukt-Akquisiteur der Schuster, Bäcker und Elektriker.

    Ich denke, Menschen sind eben nicht nur soziale, sondern immer auch a-soziale Wesen. Weil auch Gemeinschaft das Individuum, neben dem Miteinander, setzen muß als eine ihrer sie allererst konstituierenden Bedingungen. Vernachlässige oder leugne ich eines von beiden, rächt es sich irgendwann bitter.

    Aber. Stadt ist immer das Schwächere. Weil das Abhängigere. Stadt braucht Technik, Support, Tausch, Regeln und tausend Dinge mehr. Land ist auch da ohne all das. Der städtische Triumph ist der Sieg des Sohnes über den Vater, ist nicht Noah, sondern Kain und Abel, nicht Robinson, sondern Hobbes, nicht Nietzsche, sondern Weber. Und es kann gut sein, daß dieser Weg an seinem Ende sich als eine Sackgasse erweisen wird.

    Ich weiß das nicht und ich sehe niemanden, der das wissen könnte. Zu schön ist es, über die Klimaanlage zu debattieren, und zu häßlich, über das Klima. Hinter jedem Horizont geht es weiter, was ihn irgendwann zum Trugbild machen muß. Aber das Gewitter kriecht über den Horizont herbei, und nichts, was du tust, wird es daran hindern können. Nicht einmal, wenn emsig Blitzschlagschäden auf einer Umweltbörse anbieten zu können geglaubt und feilgeboten würde.

  19. @Susanne:

    So ganz trennbar ist das („Hier geht’s nicht um Stadt- vs. Landmenschen, sondern um Stadt- vs. Landleben“) aber nicht.

    Da hast Du auch wieder recht, denn unser Umfeld prägt uns. Das ist ja auch einer der wesentlichen Gründe, warum ich hier das Landleben so leidenschaftlich gegen die weltweit immer schneller fortschreitende Urbanisierung verteidige – nämlich damit auch zukünftig noch genügend Menschen auf dem Land aufwachsen, die es von Geburt an hautnah kennen und Ehrfurcht vor ihm haben. Doch das lässt sich imo nicht auf die schlichte Formel: Landmensch=gut, Stadtmensch=böse bringen. Denn (wie Du ja in Deinem Kommentar schon anschaulich beschrieben hast) in jedem Menschen schlummern viele Potentiale. Doch auch unser Lebensraum hat einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, welche davon stärker und welche schwächer hervortreten.

  20. Faszinierender Thread. Ich bin in Berlin geboren. Also in einer Großstadt. Meine Frau in Madrid. Also auch eine Großstadt. Seit etwa 20 Jahren leben wir im „Speckgürtel“ von Darmstadt. Und wir tragen uns mit dem Gedanken, noch weiter weg „auf’s Land“ zu ziehen.

    Für mich hat das im Wesentlichen zwei Aspekte. Der erste ist rein praktischer Natur. Wir haben 2 Pferde und 7 Katzen. Das ist unsere Familie. Stadtleben mit so einer Familie? Wohl eher nicht.

    Der zweite Aspekt ist die Hektik in der Stadt. Ich mag dieses schnell-schnell nicht. Jedenfalls nicht dauernd. Ich brauche öfter mal Zeit. Und Zeit scheint in der Stadt Mangelware zu sein.

    Eine bemerkenswerte Ausname gibt es. Wir haben 2 Jahre in Rio de Janeiro gelebt. Auch eine Großstadt. Aber da ließ sich erstaunlicherweise die Hektik der Großstadt problemlos mit ländlicher Zeit und Muße verbinden. Aber das habe ich noch in keiner anderen Großstadt gefunden. Auch nicht z.B. in São Paulo.

    Was den geistigen Horizont angeht, setze ich allerdings stark auf das Internet.

  21. Hi Siegfried, sei willkommen! Ja, ich bin auch insgesamt (positiv) überrascht, dass dieses Thema doch sehr die Gemüter bewegt. Wenn du weiter aufs Land ziehen könntest/willst, heißt das, du bist in Sachen Arbeit nicht auf Stadt angewiesen?

    Was mir hier sehr auffällt: es geht, wie Susanne beiläufig aber treffend schreibt, mehr um das eingebildete Landleben als das tatsächliche – und ebenso verhält es sich mit dem Stadtleben. Die Zuschreibungen zum einen wie zum anderen sind quasi idealisiert und entsprechen nicht den doch sehr unterschiedlichen tatsächlichen Verhältnissen allüberall in Stadt bzw. Land. Seit ich beides (gleichermaßen!) kenne und liebe, kann ich das nicht mehr vergessen. Deshalb bin ich da auch emotional nicht (mehr) so engagiert, zu loben oder zu verdammen: das war DAMALS, als ich die Stadt verließ noch anders, doch später nicht mehr, als ich zurück kehrte.

    Es kann sehr öd und hässlich sein auf dem Land. Wo z.B. auf weiter Strecke die Landschaft komplett zur Nutzlandschaft wurde, die im frühen Sommer von riesigen Erntemaschinen heulend befahren wird, da kann man sich vorkommen wie in einem Horrorfilm, in dem nächtliche Ufos landen. Wenn dann noch an jeder Ecke ein Mega-Schweinestall steht, dessen Betreiber die Gülle von tausenden Schweinen zu bestimmten Zeiten auf den Feldern ensorgen, ist das alles andere als „ländlich-idyllisch“ und vom Eindruck der unabhängigen Landschaft ist nur sehr sehr wenig übrig. Eigentlich grade mal das Wetter, das man deutlicher/näher spürt als in der Stadt.

    Ebenso verhält es sich mit der Stadt, die Susanne in gängigen Bildern beschreibt: Mauern, Häuser, Nachtleben, Schaufenster, Leichtigkeit, Bedeutungsarmut, Tanzschuppen, Blender und Anmacher – man kann (wie ich) mitten in der Stadt leben und davon wenig mitbekommen.

    Nicht alle Städter sind Gesellschaftslöwen und wenn ich hier aus dem Fenster sehe, blicke ich auf Grün bis zum Horizont. Natürlich ist das nicht „Landschaft“ im engeren Sinne, sondern ein Spielplatz mit Bäumen, Büschen, Liegewiese, dahinter das Grün rund um Kita und ein paar ungenutzte Brachen, dahinter die Bahn-Schneise, an deren Rand wiederum Bäume stehen. Doch aus dem dritten Stock gesehen ist es durchweg GRÜN und ich bekomme die Jahreszeiten wunderbar mit. Und nicht etwa in einem Randgebiet, sondern in Friedrichshain, wo ich bis 2001 bis 2003 im „In-Viertel“ lebte, das mir dann aber zu laut und umtriebig war. Jetzt, grade mal 700 Meter weiter ist alles ganz anders.

    @Susanne: die von dir wiederholt angesprochene Abhängigkeit der Stadt bzw. die Unabhängigkeit des Landes stimmt ja so auch nicht ganz, wenn man es auf das einzelne Leben herunter bricht. Wieviel Landbewohner sind denn heute noch Bauern und erzeugen selbst, was sie brauchen? Nicht mal für die verbliebenen Bauern ist das so, so spezialisiert und riesig wie sie heute wirtschaften. Und wenn es wirklich sein müsste, könnte ich mich aus den 450 Quadratmetern meines Kleingartens (+ ein weiterer Garten daneben, den mein liebster Freund gepachtet hat) zu hohem Anteil selbst versorgen. Machen wir natürlich nicht, bzw. nur in kleinem, Freude machenden Rahmen – es wär ja eine Heidenarbet, die niemand freiwillig auf sich nimmt, solange im Super- und Biomarkt alles zu haben ist, was man so braucht.

    Überhaupt Gärten: sie kommen im „Bild der Stadt“ nicht vor, obwohl es 50.000 Hektar Kleingärten in den Städten gibt. Noch sind die Alten und Älteren die Hauptnutzer, doch nur, weil sie ihre Parzellen behalten. Bei Neuvergaben sind es meist Familien mit Kindern, die einen Garten dem Eigenheim im Speckgürtel oder auf dem Land vorziehen.

    @Iris: ich glaube nicht, dass die Gefahr besteht, dass niemand mehr auf dem Land wohnen will. Es wird immer wieder viele Städter geben, die die Nase voll von Stadt haben und sich ihren Traum vom Landleben erfüllen – auf die eine oder andere Art, mehr oder weniger mit der ländlichen Umwelt in Kontakt. Und wenn zu viele aufs Land wollen, ist das auch nicht gut: diese überall an den Rändern der alten Dörfer entstandenen Siedlungen aus Billig-Eigenheimen sind nicht immer der Gipfel ländlicher Ästhetik!

  22. Danke für das Willkommen.

    Nun ja, ich bin arbeitsmäßig mehr oder weniger auf Stadtnähe angewiesen. Noch jedenfalls. Meine Frau noch mehr. Deshalb sind wir auch noch nicht umgezogen. Es wäre wirklich eine elendiglich lange Fahrerei. Aber so wie bisher geht es auch nicht weiter. Uns sind schon etliche Katzen überfahren worden. Wir wollen das nicht mehr weiter ertragen. Aber es ist in der Tat keine leichte Entscheidung. Naja, in 15 Jahren gehe ich in Rente. Spätestens dann wird der Umzug fällig.

    Was das „eingebildete“ Stadt- resp. Landleben angeht: Da ist viel dran. Insbesondere ist es auch witzig, zu beobachten, dass die meisten Menschen genau das wollen, was sie nicht haben. Und wenn sie es dann haben, dann war’s das auch nicht, und sie wollen wieder was Anderes. Ich glaube, man bildet sich ein, sich selbst entfliehen zu können. Und dann stellt man fest, egal, wohin man geflohen ist, man ist schon da. Man kann sich eben selbst nicht entkommen.

    Im Grunde ist es eigentlich egal, wohin man zieht. Man muss nur sich selber gegenüber ehrlich sein, und definieren, was man will, und was nicht. Alles hat seine 2 Seiten, auch das Stadt- oder Landleben. Wo man besser lebt ist eine Frage der persönlichen Prioritäten.

  23. Hi Claudia,
    „Nicht alle Städter sind Gesellschaftslöwen“ – das stimmt wohl so. Gibt es eine nette Veranstaltung im den Musikkneipen der Stadt, dann bin ich Dorfmensch aus 40 km Entfernung eher dort als der Freund, der 500 m weit entfernt wohnt. So habe ich das Ganze zumindest „gelesen“ und eingespeichert.
    Insofern besteht eine gute Chnace, daß manch einer der auf dem Land wohnenden aufmerksamer ist für mögliche Sensationen in der Stadt als der in der Stadt wohnende.

    Gruß
    Gerhard

  24. @Claudia:

    Ach weißt Du, ich hab mich gestern Abend schon ein bisschen über mich selbst geärgert wegen meiner letzten Kommentare hier. Manchmal schreibe ich im Eifer des Gefechts schon einen ganz schönen Schmonzes zusammen. Natürlich wird sich höchstwahrscheinlich nicht ein Großstadtmensch, wegen dem, was ich hier schreibe oder nicht, dazu entschließen, seine Kinder auf dem Land aufwachsen zu lassen. Genausowenig glaube ich allerdings, dass es künftig viele geborene Metropolitans geben wird, die das Land so erleben können, wie ich es seit meiner Kindheit kenne und liebe, sondern sie werden es konsumieren wie sie es von ihrer städtischen Umgebung gewohnt sind – nach dem Motto: ICH brauche, ICH nehme, ICH mache. Ich weiß, das reizt Dich jetzt zum Widerspruch. Doch so habe ich Großstädter in der Masse wahrgenommen. Meine Folgerung daraus ist, dass das die Großstadt mehrheitlich aus Menschen macht: Egozentrische Konsumenten mit verkümmerten Sinnen, ohne Demut, ohne Ehrfurcht, permanent ihr Leben managend, sich aber nie wirklich lebendig fühlend. Und das ist nicht die Richtung, in die ich mir die Weiterentwicklung der Menschheit wünsche.
    Zimmerpflanzen oder botanische Gärten sind auch grün, haben mit Land aber auch nicht viel mehr gemein. Und auch ich liebe meinen Garten. Aber er ist nicht das Land, auch kein Ersatz dafür, es ist nur ein Garten. Land ist etwas Urprüngliches, etwas über das ich keine Macht habe, was mich immer wieder aufs Neue überwältigt, im Innersten erschüttert und sprachlos macht, wenn ich ihm gegenwärtig bin – der Strom, der mich mit sich reißen könnte wie ein Stück Holz, der Sturm gegen den ich nicht anrennen kann, riesige Felsbrocken in einem Bergbach, die mich über die Macht der Elemente staunen lassen, die kühle Geborgenheit des Waldes an einem heißen Sommertag, ein Himmel, dessen Schönheit so weit und unverstellt ist, dass man vor Freude heulen könnte… Alle Worte der Welt genügten nicht, um das Land, das ich meine, ausreichend zu beschreiben.

    Mit Unabhängigkeit des Landes hat Susanne glaub ich etwas anderes gemeint als die Selbstversorgung von Landbewohnern. Ich denke, sie wollte eher ausdrücken, dass das Land sehr wohl ohne Menschen leben kann, sie jedoch nicht ohne das Land. Und dass Mensch das erst merkt, wenn er sich ihm hautnah ausliefert. Städte verleiten Menschen seit jeher zu der Illusion, sicher vor den Naturgewalten und Herrscher über das Land und das Leben zu sein. Sind sie aber nicht, nicht mal über ihr eigenes kleines. Denn das Land könnte Babylon nach wie vor jederzeit dem Erdboden gleich machen. Stadt, das ist eitles Menschenwerk, vollkommen bedeutungslos angesichts des Landes, das schon Ewigkeiten vor uns existierte.

  25. @Iris: ich hab kein Problem mit deiner Leidenschaftlichkeit! :-) Und das Land, dass du mit so begeisterten Worte rühmst, liebe ich (mittlerweile) auch. Wogegen ich als Jugendliche auf mir elend langweiligen Familienausflügen litt wie ein Schwein (= viel Auto fahren bis an einen Ort, der alles bietet: Wiese, Bach, Wald, Aussicht… und dann da picknicken sowie einmal kurz rumlaufen). Provozierend sagte ich damals: „das stinkt hier so nach Wald“ – aber so richtig Ernst hab ich das nicht gemeint, denn eigentlich wehrte ich mich gegen die Fremdbestimmung.
    Richtig toll fand ich „Land“ dann in unseren Familienurlauben in Italien – da durfte ich meiner Wege gehen und erforschte mäandernde Flussmündungen, lange Strände, das damals noch unberührte Pinienwald-Hinterland. Es waren immer etwa sechs Wochen, das Highlight des Jahres. Und wichtig: immer derselbe Ort! Da ist vom Reise- und Sightseeing-Gefühl bald nix mehr übrig und es wird zu einer zweiten Heimat. Später hab ich das dann in langen, mehrmonatigen Toskana-Aufenthalten intensiviert – im alten Bauernhaus eines Freundes, der da dauer-wohnte.
    Und selbst an Mecklenburg mit seinen endlosen Feldern und Horizonten fand ich in den 90gern Gefallen – allerdings eben auch die Erlebnisse mit den Mähdreschern und Schweinemastanlagen.
    Die WILDE Natur, die du beschreibst, die muss man ja heute auch auf dem Land eher suchen – und wenn nicht die Ökobewegung (geboren in den Städten!) einigen Erfolg gehabt hätte, wäre noch viel mehr bis in den letzten Winkel vernutzt, abgeholzt, begradigt, geordnet und gezähmt worden!

    Es ist überhaupt eine Erfahrung, die ich häufig machte: Landmenschen haben oft kein Gespür für die Schönheiten von Landschaft und Natur. Da wird eher gesehen, dass der Baum mitten auf dem Feld das Ernten behindert und die Hecke daneben völlig nutzlos ist. Und alles alte und hübsch verwitterte gehört erneuert, ratzfatz modernisiert und verordentlicht. Und sieht dann aus wie überall, gesichtslos und nur noch nützlich.

  26. […] 26, 2010 von gemeinsamleben Die Diskussion, Stadt vs. Land bei Claudia, hat immerhin bewirkt, das ich mir die Stadt, in der ich lebe, einmal mit etwas anderen Augen […]

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