Claudia am 24. März 2010 — 13 Kommentare

Warum ich keinen virtuellen Chor brauche

Ja, das ist eine beeindruckende Sampling-Arbeit: Der Amerikaner Eric Whitacre hat aus rund 185 Sängern einen „virtuellen Chor“ erschaffen. Die beteiligten Sänger und Sängerinnen haben ihren jeweiligen Part alleine aufgenommen und in Gestalt eines Videos beigetragen, die dann von Whitacre „zusammen gebastelt“ wurden. Das gesungene Stück ist – wen wundert’s! – kein bekanntes Chorwerk, sondern von ihm selber nach einem Gedicht von Edward Esch komponiert. Lux Aurumque heißt es („goldenes Licht“, wenn mich mein Latein nicht im Stich lässt).

Interessant als Projekt, ja – aber musikalisch lässt das Ergebnis des Zusammenschnitts schwer zu wünschen übrig. Ungemein „verhallt“ nähert sich das doch ursprünglich aus menschlichen Stimmen bestehende Computat dem Eindruck sphärischer elektronischer Musik, so in Richtung wabernder mystischer Klangteppich. Und wer mal selber mit einer entsprechenden Software gespielt hat, weiß, wie einfach es ist, aus einer einzelnen Stimme ALLES zu machen, was man haben will! Nur verspielt man dabei eben die Besonderheit der menschlichen Stimme, die zu nichts als einem beliebig malträtierbaren Datenstrom degradiert wird.

Ein Chor ist mehr als das, was gesungen wird

Ganz zu schweigen vom sozialen und emotionalen Aspekt, der gemeinsames Chorsingen erst zu dem macht, was es ist. Dabei ist wohl definiertes verständliches Singen der Texte (!) das eine, das intuitive Mitgehen und Mitfühlen das Andere. Die große Freude, mit vielen zu einem „Klangkörper“ zu verschmelzen – und zwar hier und jetzt (neudeutsch „Echtzeit“), mit der Möglichkeit, in jedem Augenblick zu scheitern und das Ganze mit einer Dissonanz auseinander fallen zu lassen – das kann kein virtueller Chor auch nur ansatzweise vermitteln.

Ein Chor ist eine wunderbar aktive und kreative Art, zusammen zu kommen und Gemeinsamkeit zu erleben. Das musikalische Ergebnis ist dabei wichtig, doch ebenso wichtig ist das Erleben selbst – nämlich eines, in dem die aufeinander eingespielten Teilnehmer sich als nicht ohne weiteres ersetzbar erleben. Es hat schon was Bedrückendes, wieviel Herzblut und Hirnschmalz Menschen heute darauf verwenden, solche urmenschlichen sozialen Formate mittels Computer und Internet (vermeintlich) überflüssig zu machen.

Auch zum Thema:

Eric Whitacre und sein etwas anderer Chor;
Eric Whitacre dirigiert den Chor der Zukunft;
“Lux Aurumque”, ein virtueller Chor aus 185 Sänger/innen;

Diskussion

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13 Kommentare zu „Warum ich keinen virtuellen Chor brauche“.

  1. Deine ablehnende Reaktion auf dieses faszinierende Projekt überrascht mich jetzt aber. Es geht doch nicht darum, einen Chor in seiner ursprünglichen Zusammenkunft damit überflüssig zu machen.

  2. Lux Aurumque müsste eher „Licht und Gold” heissen. Die Endung „-que” bedeutet „und.”

  3. @Markus: warum titelst du dann „Eric Whitacre dirigiert den Chor der Zukunft“ ?? :-)

  4. Danke Claudia, ich kann dir da nur zustimmen, ein Chor ist mehr als die Summe der Solisten, schließlich ist auch nicht jeder Solist automatisch ein guter Chorsänger, da es ja gerade auch darum geht, sich im Sinne des Ganzen zurückzunehmen und eine echte Gemeinschaftsarbeit abzuliefern. Aber ich glaube auch nicht, dass so etwas echte Chöre oder Orchester ersetzen wird, dazu macht musizieren mit anderen doch viel zu viel Spaß, oder? Ich seh es eher als „Experiment“, ein Spiel, Neugier, über den Tellerrand schauen, die Möglichkeiten der Software testen, und so gesehen ist es sicher interessant.

  5. Ich sehe das auch erst einmal als Experiment an, daß eben vielleicht genau das zeigen kann, soll, darf und hat, was Du als berechtigtes Fehlen herausgeschrieben hast. So wie „Eisessen-Simulation“ oder virtuelles Stempeln ;-)

    Daher einmalig erst mal spannend, auch bei den Kanten, wo es versagt. Oder gerade da!

    Musikalisch wiederum sehe ich es nicht so eng, wie Du es beschreibst, denn das ganze tönt ja doch arg Datenverringert aus relativ schlichtem Schreibtischböxlein heraus und ist daher nicht so aussagekräftigt. Ob diese wabbernde Musik einem dann auch gefällt oder nicht ändert an der Basis des Projektes ja auch nichts. AUch nicht der Umstand, ob man das hätte auch maschinell erzeugen können.

  6. Es muss ja nicht unbedingt ein ganzer Chor sein. Wie wär’s mit ein paar Straßenmusikern weltweit verstreut.
    Stand by me !

  7. Warum habe ich da eigentlich nicht mitgesungen? ;-)

  8. @Claudia: Ok, wenn man meinen Blogtitel als Aussage interpretierte, dass so die alleinige Form, in Zukunft einen Chor zusammenzustellen, aussähe, dann wäre mein obiger Kommentar hier bei Dir im Blog wenig konsequent. Ich meine halt mit dem Titel „Chor der Zukunft“ (und hoffe, so hast du es auch verstanden und Du hast ja immerhin deinen Kommentar mit einem Smilie abgeschlossen), dass dieser Chor eben sehr futuristisch anmutet.

  9. Besonders beeindruckt mich das nicht.
    So etwas ist schon lange gang und gäbe. Es werden CDs produziert, in denen die Sängerinnen nie mit dem Komponisten zusammengetroffen sind. Als Auftragsarbeit schickt der Komponist seine Vorstellung an die von ihm verehrte Sängerin, die ihm dann eine mp3-Aufnahme aus dem anderen Erdteil zukommenlässt.
    Unlängst las ich auch von einem (sicher nicht neuen projekt) nähe Frankfurt, in dem die Besucher eines Clubs informiert worden sind, daß aus dem ganz spezifischen Sound des Clubs eine CD produziert wird. Nenn man das „Noise“? Ich kenne die exakten Begriffe des Genres nicht. Ist jedenfalls geil, wenn es gut gemacht ist.

    Gerhard.

  10. @Markus, @alle: Hey, na sicher ist das ein tolles Experiment und als solches MAL ganz erstaunlich und spannend! Ich wollte nicht die Arbeits des Sampling-Künstlers mies machen, sondern nur anmerken, dass ein ECHTER Chor doch nie und nimmer durch sowas ersetzt werden kann.

    Ich war selbst mal ’ne Zeit in einem Chor, deshalb hat mich das so angesprochen.

    @Gerhard: mit 185 Tonspuren ist es aber schon gewaltig mehr Aufwand.

  11. Abgesehen vom künstlerischen Anspruch, mir passt diese Tendenz nicht. Auflösung des fehlerbehafteten Individuums mit Überführung in ein makelloses Kollektiv neuer Qualität. Perfekte Ökonomie und Kontrolle. Der Mensch wird quantisiert und zur austauschbaren Einzelkomponente.
    Nachtigall, ick hör‘ dir trapsen: „We are the Borg. Existence, as you know it, is over. We will add your biological and technological distinctiveness to our own.“
    Nieder mit IT! Besteht noch Hoffnung, daß die Maschinenwelt Fiktion bleibt? ;-)
    Matthias

  12. Eine lustige Idee – aber brauchen tuts wahrscheinlich keiner.
    Aber im Internet gibts ja viele Sachen die eigentlich keiner braucht… :) Ich find, dass es das beste Beispiel ist Twitter (meiner Meinung nach zumindest).

  13. Eine der besten Sachen, die man mit YouTube machen kann. Ein geglücktes Experiment … und ja, wir sind komplett, jederzeit und verlustfrei ersetzbar.

    Ich

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