Claudia am 13. August 2009 — 6 Kommentare

Urlaubssehnsüchte eines Urlaubsmuffels

Die dritte Reise nach Kambodscha, die ich eigentlich vorgehabt hatte, wird nicht stattfinden. Das ist schon seit einigen Wochen klar: nicht nochmal an denselben Ort, der einfach zu weit weg liegt, um mit gutem Gewissen „just for fun“ ein drittes Mal Geld, Zeit und einen allzu langen Flug dafür aufzuwenden.

Manchmal ist mir da schon ein wenig wehmütig ums Herz, denn auch zweimal 6 Wochen haben gereicht, um mir heimelige Gefühle zu vermitteln: Das wundervolle Appartement mit Blick auf die Riverside von Phnom Penh, in dem ich bei meinem lieben, aber sehr fernen Freund P. zu Gast war; die bunten, sinnlichen, lauten und sehr sehr exotischen Märkte, der frühmorgendliche Singsang der buddhistischen Mönche, der Ruf des Muezzins fünfmal am Tag, pünktlich herüber schallend von der Moschee auf der anderen Seite des Tongle Sap – und alles eingetaucht ins helle Licht der Tropen, die schwüle Hitze, die alles verlangsamt und ein ganz anderes Lebensgefühl vermittelt: mehr im hier und jetzt, denn für mehr reicht die Energie einfach nicht. Angenehm!

Doch jetzt sitze ich hier am Monitor in Berlin-Friedrichshain bei wechselhaftem, gar nicht zu heißem Wetter. Das mediale Sommerloch ist trotz Wahlkampf spürbar, draußen gibt es viele Parkplätze, denn viele Berliner sind in Urlaub. Wüsste ich, dass ich im November wieder verreise, würde mir das kaum auffallen. So aber hab‘ ich nichts vor, was den Alltag zwischen Rudolfplatz und Kleingarten (immerhin!) unterbrechen wird – und zum ersten Mal spüre ich sowas wie „Urlaubsreife“.

Warum ich keine Touristin wurde

URLAUB war mir ein Leben lang suspekt: Bis 17 mit der Family immer am selben Ort in Bella Italia, verweigerte ich im folgenden dieses öde, immer gleiche Ferienritual, das mir nun äußerst spießig vorkam. Und doch hatte es mich, wie ich bei Gelegenheit einiger Reisen mit Freunden bemerkte, unabänderlich geprägt: Ich konnte mich nicht begeistern für diese flüchtige Herumreisen, heute hier, morgen dort, einfach mal gucken, essen gehen, vielleicht was besichtigen und schon bald wieder weiter. Was hatte ich mit diesen fernen Gegenden zu tun, wo ich weder jemanden kannte, noch irgend etwas vorhatte?

Ich LANGWEILTE mich und gab das urlauben einfach auf. Mein Leben sollte dort stattfinden, wo ich wohne, wo meine Freunde sind, wo ich arbeite und mich als Bürgerin berechtigterweise ins politische Geschehen einbringen kann. Ein angestrengtes, freudloses, von vielen Zwängen und einem Terminkorsett eingegrenztes Leben, das nur auf die vier Wochen Urlaub im Jahr schielt, wollte ich nie und nimmer führen! (So hatte ich das nämlich bei Kollegen mitbekommen während verschiedener Jobs meiner Studentenzeit: Kataloge wälzend, was man sich kaufen und wohin man reisen wird – für mich der Gipfel etablierter Leidenschaftslosigkeit!).

Auch Kambodscha war kein Urlaub mit „Erholungsabsicht“ gewesen: die Reisen hatten sich durch eine neue Freundschaft ergeben, durch die Einladung eines Menschen, der dort lebt und arbeitet. Der sich dann auch wundervoll um mich und meinen Begleiter kümmerte und uns Einblicke verschaffte, die man als Durchreise-Tourist (die im Schnitt 1,5 Tage für Kambodscha aufwenden) nie und nimmer gehabt hätte.

Mal raus aus dem Gewohnten…

Nun gut – vorbei! Aber was jetzt?  Auf einmal vermisse ich die Gelegenheit, mal „aus allem raus“ zu kommen, die gewohnte Umgebung zu verlassen und all die routinierten Abläufe durch einen Ortswechsel zu unterbrechen. Es muss ja nicht gleich wochenlang sein…

Seltsam, das nun doch auch mal zu erleben:  es geht eben NICHT darum, dass der eigene Alltag, das „normale Leben“ irgendwie nicht in Ordnung ist, um sich anderswohin zu wünschen.  Im Gegenteil: für mich gibt es nichts, was ich mir da ANDERS wünschen würde, es ist alles gut, wie es ist. Und doch: mal wieder eine Abwechslung mit neuen Eindrücken wäre schon nicht schlecht! :-)

Mal sehen, was sich ergibt. Ein Wunsch ist ja wie ein Vakuum, das schnell irgend etwas ansaugt, um es zu füllen.

Diskussion

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6 Kommentare zu „Urlaubssehnsüchte eines Urlaubsmuffels“.

  1. Urlaubsmuffel grüßt anneren Urlaubsmuffel ;-))

    „Kataloge wälzend, was man sich kaufen und wohin man reisen wird – für mich der Gipfel etablierter Leidenschaftslosigkeit“

    Yeah, that’s it

    Gruß, Hermann

  2. Hallo Claudia, da fällt mir ein:“Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ – nach Johann Wolfgang von Goethe, Erinnerung; dort: „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ – ich meine damit Deinen Garten.
    .
    Aus einem Gedicht, das ich vor vielen Jahren für meine Frau schrieb:
    “ Ich denke mir, Du zielst vorbei –
    das Leben so mit Sinn zu füllen.
    Es wird das Touri-Einerlei –
    Dein Sehnen nur placebostillen.

    Das Reisen kannst Du Dir erwählen,
    mit klarem Blick zu sehen und Verstand,
    doch Gelassenheit der heiteren Seelen,
    ist nie gereift an einem Strand.“

    Gruß Hanskarl
    .

  3. Zum Thema Reisen fällt mir ganz spontan ein ganz anderes Zitat ein: Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon. (Aurelius Augustinus, Theologe und Philosoph) Ich finde, er hat Recht!!

  4. Obwohl ich zugegebener Maßen ein Reisemuffel bin – ich weiß warum, möchte Euch aber nicht damit langweilen – denke ich, die „allgemeinen Erwartungen und Motivationen zum Reisen“ sind es, welche vielen abgelutscht sein mögen. So hat sich daraufhin der sogenannte Individualtourismus etabliert. Is halt bisschen teurer und vielleicht auch schon bisschen abgenutzt und in Zeiten knappen Geldes oft schwer zu realisieren.

    Mir kam inzwischen ein anderer, weiterführender Gedanke. Eben höre ich nämlich ein altes Stück (ca. 25 Jahre alt) von einer Kapelle namens Fixx:

    „Less cities more moving people“

    Das vermittelt mir ein erstklassiges Lebensgefühl. Städte machen krank… irgendwie und sowieso – mich zumindest.
    Vielleicht ist ja die Zeit langsam reif, einfach mal improvisationsbereiter zu sein, was die eigene Bleibe betrifft. Wer weiß, vielleicht will uns unsere wunderbare Finanzkrise ja auch etwas anstubsen, damit wir unsere lähmende Sesshaftigkeit mal etwas aufzulockern.

    Aber werdet jetzt bitte nicht ätzend und verweist auf das Thema Tent-Cities. Das wäre schlimmstenfalls eine „Kinderkrankheit“ dieses potentiell neu erwachenden Lebensgefühls.

    Bin jetzt hoffentlich nicht zu sehr off topic gerutscht. Falls doch, tun Sie so, als hätten Sie es nicht bemerkt.

  5. @Hanskarl: ja klar, der Garten ist es Geschenk und abgesehen von ganz seltenen Stimmungen bin ich da total zufrieden! 20 Minuten von der Wohnung hab ich da immer „Urlaub“, wenn ich will – und ich will oft!

    @Hermann: meinen „Gang aufs Land“ habe ich schon zweimal hinter mir und dabei die Liebe zur Stadt, speziell zu Berlin wieder gefunden. Selbst die Tiere teilen das: die Artenvielfalt hier ist viel größer als in der Brandenburger Landschaft! In Berlin gibt es allerdings wirklich jede Art Wohn- und Lebensumfeld, das man sich wünschen kann: von der Bauwagensiedlung über Plattenbautürme zu Gründerzeitvierteln, postmodernen Reihenhäuser, Fabriketagen und umgebaute Knästen – einfach alles und viel mehr. Mal mit viel Grün, mal mit Blick auf die gegenüberliegende Wand – „die Stadt“ gibt es einfach nach mener Erfahrung nicht. Immerhin hab ich einst in Berlin das Dorf entdeckt, das Leben im Kiez, wo jeder jeden kennt – brauch ich heut nicht mehr und lebe wieder anonymer. Alles eine Sache der Wahl und der Bereitschaft, sich zu bewegen.
    Aber mach doch einfach mal! Zieh dahin, wo es dich lockt!

    @Brigitte: danke für das Zitat. Da muss ich noch drüber nachdenken…

  6. och eigentlich find ich Flüge immer cool. Bei langen habe ich immer zwei Optionen:

    A) ich habe Glück und kann quasi ca. die 10+ Stunden durchpennen

    B) ich habe Pech und schaffe es irgendwie nicht.. dann kann es echt übel werden – wobei ich mittlerweile von dem Unterhaltungsangebot bei Langstrecken ziemlich überrascht bin.. früher gabs in der Economy-Class nicht für jeden ein eigenes Bildschirm mit Filmauswahl ;)

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