Claudia am 17. Januar 2007 — 16 Kommentare

Leben in der Altenrepublik: 2030 kommt bestimmt!

Der Blick in die Zukunft des eigenen Alters ist ein Thema, das bei jedem Satz, der mir dazu in den Sinn kommt, gleich Dimensionen annimmt, die mich im Schreiben behindern. 1000 Aspekte fallen mir dazu ein und jede Aussage erscheint sofort problematisch. Eigentlich wollte ich ja titeln

„Überleben in der Altenrepublik“ –

konnte es dann aber doch nicht so hinschreiben. Denn: bloßes Überleben reicht doch nicht – ich wäre schön blöd, mich in der Vorausschau gleich so zu beschränken! Und dann gleich der nächste irritierende Gedanke: Man muss auch gehen können, wenn es an der Zeit ist. Uralt werden um jeden Preis kann doch nicht oberster Wert sein…

Tja – schwierig! Wo anfangen??? Ein möglicher und jedenfalls sehr zeitgemäßer Titel wäre auch

„Die Altenrepublik und ICH“

denn anders als bei anderen brisanten Polit-Themen (Klimakatastrophe, Globalisierung, Arbeitslosigkeit) stellt sich die Frage mit großer Sicherheit ganz persönlich. Nur ein früher Tod oder ein ausreichendes Vermögen könnte mich retten, doch das eine kann ich nicht wünschen, über das andere verfüge ich nicht.

Lange schon weiß ich, dass ich weit weniger als den Sozialhilfesatz an Rente bekommen werde, wenn alles so weiter geht wie derzeit. Ich werde also maximal „grundversorgt“ sein, was immer das 2030 bedeuten mag, das Jahr, in dem ich 76 werde.

Wenn ich auch hoffe, dann immer noch geistig und körperlich beweglich zu sein, um selbständig leben zu können, so gibt es dafür doch keine Garantie. Unabhängig davon wird mir die Grundversorgung nicht reichen. Zwar ist mein Lebensstil eher bescheiden und genügsam, doch würde der Wegfall dessen, was ich über das Sozialhilfelevel hinaus erarbeite, doch drastische Verluste an Bewegungsfreiheit bedeuten.

Vor allem, wenn ich den Wegfall der Arbeit mit bedenke, womit ich ein weiteres Feld der Unsicherheit betrete: Werde ich immer so weiter arbeiten können? Werde ich es wollen? Braucht dann noch jemand das, was ich anzubieten habe? Was wird das sein? Als eine, die sich in der selbst gewählten Arbeit verwirklicht, kann ich mir nicht vorstellen, damit jemals aufzuhören. Allerdings arbeite ich schon jetzt deutlich weniger als noch vor zehn Jahren, gönne mir ein arbeitsfreies Wochenende ab Samstag mittag, einen Feierabend zwischen 18 und 19 Uhr und auch mal Mittagspausen von ein bis zwei Stunden. Es gibt ein Leben jenseits der Arbeit, und ich vermute, das will mit zunehmendem Alter mehr werden – jedenfalls dann, wenn es gut geht.

Was tun?

Dieses „gut gehen“ wird nicht von selber kommen, das erscheint angesichts der Prognosen und schwarz gemalten Szenarien zumindest wahrscheinlich. Filme wie „Aufstand der Alten“, der mich gestern zu diesem Beitrag inspiriert hat, regen dazu an, dem Thema ins kalte Auge zu schauen und sich ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen. Zum Beispiel die, ob ich eher nach der ganz persönlichen Problemlösung suchen soll (etwa: alles tun, um noch jede Menge Geld zu verdienen) oder doch eher „Politik machen“, um das Los der jeweiligen Alten zu verbessern und so auch fürs eigene Alter vorzusorgen.

Beide Möglichkeiten versprechen keine wirkliche Lösung. Schaue ich mein bisheriges Verhältnis zur Arbeit an, dann ist sonnenklar: Die Freude an der Arbeit ist mir ein sehr viel höherer Wert als das Geld, das ich mit ihr verdiene. Etwas nur deshalb tun, weil es lukrativ ist, kann ich über den Einzelfall hinaus nicht zur Linie des Handelns machen – ich lebe JETZT, nicht für ein besseres Leben irgendwann in der Zukunft. Das war immer schon so und wird sich auch nicht ändern, denn es ist die Basis meines Wohlbefindens. Und mit einem etwas höheren Sparbeitrag wäre es ja auch nicht getan. Zur „privaten Vorsorge“ bin ich mit 52 zu alt, als dass sich dadurch noch etwas am Zielstatus „grundversorgt“ ändern würde. Da ich auch kein Erbe zu erwarten habe, ist also abzusehen, dass es mir im Alter dreckig gehen wird, wenn ich auf mich alleine gestellt bin – und Kinder oder reiche Verwandte habe ich keine.

Wäre also „Politik machen“ die bessere Option?? Welche Politik? Für die Lebensbedingungen der heute Alten zu streiten ist ein ehrenwertes und nötiges Engagement, doch als solches keine Lösung der Frage: was wird aus MIR?

Zur Berufspolitikerin (die dann eine auskömmliche Rente bekäme) tauge ich nicht, das hab‘ ich in meinen aktiven Jahren gelernt. Der Wirkungsgrad im jeweiligen Problem ist mir einfach zu gering: es müssen lange Zeit dicke Bretter gebohrt werden und meist versinkt die ursprüngliche Intention in kaum überschaubarer Komplexität, im Widerstreit der Interessen, in halbseidenen Kompromissen, Machtlosigkeit und Zynismus.

Weit bessere Erfahrungen hatte ich mit Bürgerinitiativen und anderen selbst geschaffenen Strukturen. Genug Engagement und Mitstreiter voraus gesetzt, kann man so mittels geschickter Öffentlichkeitsarbeit durchaus Druck ausüben, der die Politiker in Bewegung versetzt. Allerdings müssen die geforderten „Bewegungen“ einigermaßen konkret und von konkreten Politikern umsetzbar sein – und da hapert es bei Großthemen wie „Verbesserung der Grundversorgung“, genau wie beim Thema Arbeitslosigkeit. Klar kann ich zusammen mit vielen anderen fordern: 1500 Euro Bürgergeld für alle – aber ob das irgend etwas bringt?? Schließlich müssen bald deutlich weniger Junge sehr viel mehr Alte erhalten und grundversorgen. Die Idee, da auch noch kostenträchtige Verbesserungen für alle zu erreichen, erscheint zumindest fraglich. Sich „in eigener Sache“ darauf zu verlassen, wäre eine idealistisch motivierte Verdrängung des Problems, kein Schritt hin zur Lösung.

Was also tun?? Es weiter einfach auf mich zukommen lassen und das Beste hoffen? Darauf vertrauen, dass ich bis zum Ende genug verdiene, um mich selbst zu erhalten? Sicherheitshalber wenigstens ein bisschen was sparen? Das müsste ich dann rechtzeitig in die Hände eines „Jungen“ geben, der es vor der „Anrechnung“ schützt und mir regelmäßig Bargeld vorbei bringt, das kleine Zubrot zur „Grundversorgung“? (Merke: Bargeldverkehr muss verteidigt werden!).

Dieser „Junge“ – wer sollte das sein und warum sollte er das für mich tun? Zum Glück könnte ich heute einen deutlich jüngeren Menschen benennen, der es JETZT machen würde, weil er mich als seine Geliebte mag. Wie es aussieht, wenn ich mal 70 und nur noch „eine Freundin“ bin, kann ich nicht voraus wissen. Sicher aber wird es davon abhängen, auf welche Weise ich von der Geliebten zur Freundin werde – und WAS ihm diese Freundin dann noch bedeutet.

Diese Spur lohnt es sich zu verfolgen. Ganz allgemein wird meine Situation im Alter davon abhängen, wie viele jüngere Menschen es gibt, die darauf Wert legen, dass es mir gut geht. Mit Altersgenossen versteht man sich am leichtesten, doch gerade sie sind nicht besonders hilfreich, wenn es darum geht, mit Bedürftigkeit und Schwäche im Alter zurecht zu kommen – sind sie doch vermutlich in ähnlicher Lage.

Freundschaft mit alten Menschen?

Als ich mich vor ein paar Jahren schon einmal mit der Frage nach dem Alter beschäftigte, war ich höchst empört über die teils desolate Lage vieler Alter. Berichte über den Pflegenotstand und menschenunwürdige Bedingungen in den Heimen, über vereinsamte Alte ohne jeden Kontakt hatten mich sehr berührt. Ich wollte etwas tun, mich nicht heraus halten und wenigstens ein bisschen helfen – außerdem hatte ich „Lust auf Alte“, die in meinem Leben praktisch nicht vorkommen, wenn man vom jährlichen Besuch bei meiner Mutter absieht.

Ich ging zum „Verein der Freunde alter Menschen“ und hatte dort die Wahl, entweder Seniorennachmittage mit Kaffee, Kuchen und „lustigen Bingo-Spielen“ mitzugestalten oder wöchentlich einige Stunden mit einsamen Alten zu telefonieren, die keine Besuche wünschten. „Besucher“ konnte man erst nach einiger Vorbereitungszeit werden, also entschied ich mich für den Telefondienst.

Tja, und da erlebte ich recht schnell meine Grenzen! Mit Ausnahme einer lustigen Witwe, die alles andere als vereinsamt war und den Dienst eigentlich nicht brauchte, waren es sehr gewöhnungsbedürftige Alte! Verschroben, egozentrisch, abgefahren in eigene Fantasiewelten, unfreundlich, fordernd, manchmal direkt unverschämt. Ihr Denken kreiste einzig um die je eigene Vergangenheit, sie klagten und schimpften auf die wenigen, mit denen sie noch Umgang hatten und auf die böse Welt – es war psychisch äußerst anstrengend, mit ihnen zu reden. Dass sie sich über den Kontakt irgendwie freuten, war nicht feststellbar. Ich erkannte, dass diesen Alten nicht zu „helfen“ war, sie waren festgefahren in ihrem So-Sein und nicht mehr im Stande, sich auf andere Menschen einzulassen, geschweige denn, ihnen irgend etwas zu geben. Meine Achtung vor Altenpflegern und einschlägig Engagierten wuchs, doch schon nach wenigen Wochen stieg ich aus diesem Ehrenamt einigermaßen ernüchtert wieder aus.

Geben und Nehmen

Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich nicht „nur geben“ kann, sondern von jeglichem sozialen Engagement auch etwas erwarte. Ich hatte mir – ohne mir dessen bewusst zu sein – „weise Alte“ erhofft: Menschen, die jenseits des Erwerbslebens mit seinem Stress und seinen Zwängen angekommen sind und nun mit offenem Geist und Humor auf das allgemeine Rattenrennen schauen; Männer und Frauen, deren heitere Gelassenheit und meditative Ruhe das Herz berührt und innere Distanz zur ständigen Geschäftigkeit weltlichen Handelns erleben lässt; Alte, die im Reich des Wesentlichen beheimatet sind und aus dieser Fülle heraus GEBEN können. Unter den verbitterten Egozentrikern, mit denen ich telefonierte, fand ich diese Menschen nicht, was eigentlich nicht wundert: WEISE ALTE brauchen keinen „Verein der Freunde alter Menschen“, denn sie haben Freunde, vermutlich mehr, als sie empfangen können.

Die beste Vorsorge (neben anderen Formen des Engagements) für’s eigene Alter wird also sein, die „weise Alte“ in mir wachsen zu lassen, meine Liebe nicht auf den Geliebten und gleichaltrige Freunde zu beschränken, sondern offen zu bleiben für Andere und ihre Sorgen. Der Hang zur Egozentrik und eine fordernde Anspruchshaltung gegenüber der Welt führt direkt in Alterseinsamkeit und Elend. Wer könnte es den Jüngeren denn verdenken, dass sie Schreckschrauben und Jammerlappen im persönlichen Leben eher meiden und den Umgang an Institutionen delegieren? Der Fluss des Nehmens UND Gebens darf nicht ins Stocken geraten, sonst landet man auf dem Abstellgleis – ein Ort, der bei knapper werdenden Ressourcen schnell zur Vorhölle gerät.

In der gesellschaftlichen Diskussion über das Thema „Altenrepublik“ ist viel die Rede von Gerechtigkeit, Menschenwürde, notwendigem bürgerlichen Engagement. Dass weniger Junge mehr Alte werden versorgen müssen, wird dabei ausschließlich als ökonomisches Problem verhandelt. Dabei ist der alles absichernde Sozialstaat längst Vergangenheit, jedenfalls für die, die ab 2020 „richtig alt“ sein werden – also für UNS! Wir tun also gut daran, zu überdenken, wie wir für die Welt nützlich bleiben, so dass die Jungen auch gute Gründe haben, uns nicht in Versorgungsanstalten mit miesester „Grundpflege“ endzulagern und einfach zu vergessen.

Daran zu arbeiten, ist eine individuelle Aufgabe – ich bleibe dran.

Diskussion

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16 Kommentare zu „Leben in der Altenrepublik: 2030 kommt bestimmt!“.

  1. Deutschland – Greisenland

    Alt werden macht nicht wirklich Spaß. Und seit gestern noch weniger. 2030- Aufstand der Alten zeichnet ein Zukunftsszenario, das betroffen macht, schockt und ängstigt. Topp oder Flop. Wellnessfarm bis zum letzten Atemzug, geliftet und gestylt oder Asyl im ehemaligen Theater der Stadt mit Almosenjob als Fensterputzer; dies auch nur vorausgesetzt, dass man noch selbstständig leben kann. Ansonsten bleibt das Dahinvegetieren in Aufbewahranstalten, Wundliegen inklusive, ärztliche und medikamentöse Versorgung ausgeschlossen, weil unbezahlbar. Die Zukunft ist nicht mehr weit entfernt. In gut zwanzig Jahren sind wir genau die, um die es im gestrigen Fernseh-Doku-Drama ging. Und jetzt? Ist dieses drohende Dilemma noch aufzuhalten, umzulenken? Herr Schirrmacher appellierte und Herr Biedenkopf tat kürzlich ähnliches. Aber wie? Die Notwendigkeit der privaten Vorsoge ist seit langem bekannt, denn dass sich Norbert Blüms fromme Rede von sicheren Renten doch noch bewahrheiten wird, kann nicht wirklich noch jemand glauben. Und: private Vorsorge ist teuer und für die breite Masse nicht ohne weiteres leistbar. Der dringend notwendige Kinderboom wird auch weiterhin ausbleiben, denn die Anreize tun es ebenfalls.
    Eine große Baustelle, schier unübersehbar, die ratlos macht und beinahe lähmt in der Gewissheit, dass Zeit und Material nicht ausreichen werden, um sie fertig zu stellen.

  2. Und wie siehst du deine Zukunft im Alter ganz persönlich?? Du formulierst das Thema ganz schmissig, aber ich spüre NICHTS von dir als Individuum, das diesem Problem ja SELBST begegnen wird. Wo ist die eigene Angst, der eigene Plan, die eigene Haltung zu dieser Zukunft?

  3. Hallo Frau Klinger,
    als „Zaungast“ und des öfteren hier „nur“ Mitlesender juckt es mich jetzt doch in den Fingern, denn: als 51-jähriger Jungspunt und Nichtfernsehgucker fällt mir dazu nur ein: Nutzt das Netz und man bekommt bessere Infos als von der Neoliberalen Einheitsfront. Man soll sich von solchen Werbefilmchen nicht Angstmachen lassen – denn genau das sollen sie bezwecken. Auch für die Macher solcher Streifen gilt noch immer: Wer lang leben will MUSS alt werden –
    Bitte mal hier nachlesen: http://www.nachdenkseiten.de/
    und man ist etwas schlauer und positiver gestimmt.

    grüsse nach Berlin
    Thomas

  4. Hallo Claudia,

    eine weitere Möglichkeit der Vorsorge: heirate einen Reichen!

    Gruß Hanskarl :-)

  5. dies ist ein ernsthafter Artikel, Hanskarl! :-)) Aus Versorgungsgründen heiraten? Nach einem langen Leben in Ablehnung der Ehe? Ich glaub, es hackt! Zudem heiraten Reiche untereinander, aus „paritätischen Gründen“, was auch sehr sinnvoll ist.

  6. Na ja, so ganz stimmt das mit den „paritätischen Gründen“ dann doch nicht. Wenn ich an Paul McCartney denke oder einige andere, die jüngere Frauen geheiratet haben und dann eine Menge Geld am Ende zahlten, hat Hanskarl ja vielleicht doch recht. Dieser Überlegung steht auch nicht entgegen, dass der Artikel in der Tat aktuell und ernsthaft ist. Zur Not täte es ja auch ein Beamter im höheren Dienst.

  7. Sagt mal, ist euch nicht gut? Ist der konservative Rollback schon so erfolgreich, dass allen Ernstes das „sich versorgen lassen“ den Frauen wieder anempfohlen wird??? Ich bin NICHT Staatsbeamtin geworden, weil ich das niemals erstrebenswert fand („Sie können bei uns gleich nach dem Examen mit BAT 2A anfangen“, sagte man im BKA zu mir, damals 1974, als ich da jobbte), also werde ich den Teufel tun und jetzt nach einem abgesicherten „Versorger“ Ausschau halten.

    Ich sehe durchaus den scherzhaft gemeinten Aspekt von Hanskarls Bemerkung und Jings hat das halt inhaltlich variiert. Aber es beeindruckt mich schon, dass hier SOLCHE Kommentare zum Thema kommen! Christine vermeidet den Blick aufs Persönliche dagegen lieber ganz, Thomas empfiehlt „Politik machen“, wogegen nichts einzuwenden ist – mir scheint, der Blick auf das ganz persönliche Altern und die eigene Haltung dazu ist nicht besonders beliebt. Macht nichts, ich schreib trotzdem weiter.. :-)

  8. Hallo Claudia,
    hab Gänsehaut gekriegt, nicht über das, was du schreibst.
    Aber die Kommentare!
    Wollen wir doch mal alles locker, flockig halten.
    Es ist, als hättest du gegen eine gewaltige Mauer von Abwehr geschrieben.
    Bisher war wohl alles Schlaraffenland.
    Mich gruselt es, wenn ich nur an Pflegeheime, Wundliegen, egozentrische, verrückte Alte denke.
    Macht Angst.
    Ich sehe meine Eltern und die Schwiegermutter allerdings stark und wundersam aktiv im Alter!
    Die sind putzmunter und rasen durch Wälder und Auen, ackern in ihren Gärten, treffen sich permanent mit Freunden und frönen der Lebenslust.
    Wie geht es denn deiner alten Mutter- kannst du von ihr was für dich nehmen, symbolisch, meine ich!?
    Gruß von Lu- bzw. Sonia

  9. Liebe Claudia, zum Thema Alter fand ich vor langer Zeit ein Zitat in der Bibel, was mich sofort schmunzeln liess. Ich habe es aufgrund Deines Artikels eben wieder gesucht und gefunden. Mich erheitert bei dieser Beschreibung die Tatsache, dass schon vor 2000 Jahren fürsorgliche Altenpfleger genau wie heute in guter Absicht zuweilen an ihrer Zielgruppe „vorbeiagieren“. Vielleicht findest Du es ja auch zum Schmunzeln…

    „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“
    Johannes 21,18

  10. @Christiane

    was willst du denn damit sagen? Ich bin doch keine fürsorgliche Altenpflegerin und hab‘ im Artikel sogar SEHR deutlich gemacht, dass es ‚was anderes ist „Altenarbeit zu machen“ oder sich mit der Frage des eigenen Alters zu befassen. Alt sein heißt auch nicht zwangsläufig, geistig umnachtet zu sein – es ist also durchaus möglich, sich dahin „gürten und führen“ zu lassen, wo man selber hin will! Voraus gesetzt, man hat sich rechtzeitig damit befasst.

  11. Das Zitat ist einfach nur „locker-flockig“ gemeint (um mit den Worten von Ludovika zu sprechen). Erheitert hat mich vor allem diese Wortwahl in dem alten Buch bei der Beschreibung von Problemen, die wir auch heute kennen. Es steht ansonsten in keinem konkteten Zusammenhang zu Deinem Artikel oder Deinen Erfahrungen. Vielleicht muss ich dazu sagen, dass ich es entdeckt habe, als ich selber alte Menschen in der Hauskrankenpflege gepflegt habe. Eine schöne Arbeit, bei der ich sehr viel Persönliches, Berührendes, Tragisches und Komisches aus den Lebensgeschichten der Menschen mitbekommen habe.

  12. Liebe Claudia,
    ein schöner, zum eigenen Nachdenken anregender Artikel mal wieder. Mir geht es einerseits, soweit ich es zur Zeit abschätzen kann, in gewisser Weise besser, weil ich möglicherweise etwas Rente bekommen werde und zwei Kinder habe mit denen ich mich zur Zeit noch wunderbar verstehe. Andererseits sind diese Sicherheiten für das eigene Alter heute natürlich unsicher wie sonstwas. Darüber hinaus für das eigene Alter ökonomisch vorzusorgen ist mir auch überhaupt nicht möglich, es sei denn, ich würde mich heute gewaltig einschränken, damit ich es später mal angenehm hätte. Aber da geht es mir wie Dir: ich lebe jetzt. Und wer weiß, ob ich so etwas wie ein „Alter“ überhaupt erreiche.
    Diesen Abschnitt
    „Die beste Vorsorge (neben anderen Formen des Engagements) für’s eigene Alter wird also sein, die “weise Alte” in mir wachsen zu lassen, meine Liebe nicht auf den Geliebten und gleichaltrige Freunde zu beschränken, sondern offen zu bleiben für Andere und ihre Sorgen.“
    mit allem was Du darum herum geschrieben hast, fand ich irgendwie am allerschönsten. Da ist für mich viel Wahres dran. Und auch viel Ausprobiertes.
    Und was ich auch für mich ganz wichtig finde: die Ökonomisierung des gesamten gemeinschaftlich-gesellschaftlichen Aufgabenkomplexes macht die Probleme nur immer größer. Und ich versuche auch in der Diskussion all dieser Vorsorge-Fragen usw. eher die Fragen der Qualität in den Vordergrund zu stellen, egal ob Lebensqualität oder Qualität der Gesundheitsleistungen oder was auch immer. Weil es darauf schließlich ankommt und nicht auf das verbrauchte Geld. Und wirkliche Qualität ist letztlich auch kostensenkend. Glaube ich. Erprobe ich auch täglich in meiner Arbeit, die ja auch im Dienstleistungssektor stattfindet, wenn auch nicht im sozialen, sondern im kulturellen.
    Ansonsten gehöre ich wohl ohnehin, vielleicht weil es mir nicht anders möglich ist, vielleicht aber auch aus innerer Notwendigkeit zu den Leuten, die sich nicht allzu viele sorgenvolle Gedanken über die Zukunft machen. Ich glaube eigentlich, daß ich schon irgendwie immer einigermaßen gut zurechtkommen werde. Also auch wenn es mit den äußeren Bedingungen nicht so super klappen sollte, dann doch trotzdem innerlich, indem ich mich trotzdem wohlfühlen werde. Vermute ich mal so von heute aus. Denn bislang habe ich auch die härtesten Zeiten irgendwie immer mit einigermaßen frohem Mut überstanden. Da hoffe ich, auch später nicht zur Nörgel- und Meckerfraktion zu gehören.
    Was ich sonst noch spannend und konstruktiv in diesem Bereich finde, sind die ganzen Projekte zum altersgemischten Wohnen und Arbeiten usw. Da sehe ich noch einiges an Möglichkeiten, die die früheren altersgemischten Familienstrukturen vielleicht ganz gut und besser ersetzen können. So in Form von Zweck- und Wahlverwandtschaften.
    Damit aber erstmal genug zum Thema.
    Ach nein, zu den Kommentaren noch: „Ich glaub, es hackt!“ war irgendwie ein Satz, der mir so vollkommen aus der Seele sprach, daß er mich richtig gut aufgeheitert hat. Ich glaub das auch. Also ich kanns manchmal nicht glauben. Und hier könnte ich mich jetzt in ausufernden Wortspielen verlieren.
    Bis zum nächsten Artikel!
    Schönste Grüße – Ruth

  13. Die Ehe zum Mittel individueller Zwecke (finanzieller noch gar) zu machen, hat nichts mit „konservativem Rollback“ zu tun; ehedem war die Ehe ein Sakrament, ein sittliche Veranstaltung, die man eingegangen ist, weil es sich so gehörte, weil man außerhalb kein Mensch war, nicht weil es dem eigenen Konto oder den Lüsten und Neigungen gut getan hat. Wo die Ehe als bürgerlicher Vertrag, als do ut des aufgefasst, wird, da kann die Konsequenz letztlich nur die sein, den Vertrag ganz informell zu schließen, so wie jeden anderen auch, mit sofortiger Kündigungsfrist, bei Entfall der Geschäftsgrundlage. Und wo nichts als die undurchdringliche Wille der Rechtsperson gilt, da muss man, wenn man etwas haben will, eben mit den Pfunden wuchern, die man hat, und solange man sie hat. Es ist eher ein Zeichen von altbackenen Vorurteilen, zu meinen, es gäbe heutezutage noch etwas, das nicht dem Geldverhältnis unterliege.

    Im übrigen ist der „Aufstand der Alten“ eine Einbildung, die nie Wirklichkeit werden wird. Denn als durchschnittlicher Besser-Wessi hat man schließlich ca. 5 1/2 Altersrenten, die gesetztliche ist dabei die bedeutungsloseste, entschieden unrentabelste (weshalb ja auch nur die Unterschichten ein Interesse daran haben), alles weitgehend steuerfrei, warum sollten die einen Aufstand machen? Und dass die arme Oma mit 80 noch im Laden steht, ist in Kalkutta eine Selbstverständlichkeit, warum sollte es hier anders sein, wo wir doch global denken und frei von lokalen Vorurteilen sind? Und wenn gemurrt werden wird, Geld genug, um die sichtlich verpöbelnden Unterschichten ruhig zu stellen, für panem et circenses, ist allemal genug da.

    Eher noch wird es einen Aufstand der Jungen geben, weil die Alten sich an allem festkrallen werden und partout nicht aufs Altenteil wollen, schließlich ist man ja forever young. Meine Schwiegermutter z.B. ist Jg. 1919, Herrin über ein 200-qm-Haus, das sie allein bewohnt, mit Gott (d.h. der Kirche) und der Welt verfeindet, weil die partout nicht will wie sie, dabei wälzt sie noch Pläne ein weiteres Haus zu bauen; und wenn irgendwas altershalber nicht funzt, dann war es nur der böse Nachbar, der da die Finger im Spiel hatte. Oder meine Schwägerin, nachdem sie treudoof 3 Kinder aufgezogen hat, macht sie jetzt als Beamtenwitwe die Sause, heiraten will sie nicht, arbeiten auch nicht (mit 50), weil beides die (bescheidene) Pension kostet, so wackelt sie also von Aktionärsversammlung zu Aktionärsversammlung, weil man da ja die solventen Herren trifft, und grämt sich, dass ihre Kinder noch im Haus wohnen.

    So wird die massgebiche Zukunft der reichsten Erbengeneration dieses Landes aussehen, nur noch ein bisschen schärfer, wenn dann die nächste Stufe der Modernität ins Seniorenalter tritt. Das Szenario kann man natürlich noch beliebig erweitern um andere Varianten, z.B. die arbeits- oder karrieregeile, die stoisch-besitzverachtende, oder auch die skeptisch-resignative; und im übrigen: die Armen haben zwar nur die gesetzliche Rente, aber das Denken teilen sie mit den anderen durchaus. Der natürliche Altersstarrsinn verbunden mit dem gängigen Persönlichkeits-, Schaffens- und Freiheitswahn, das muss eine extrem harte, sklerotische Welt ergeben. An diesem Altern der Welt lässt sich wohl sowenig etwas ändern, wie am eigenen Altern – aber nebenan, in Klein-Instanbul, wo sich kaum mehr ein deutscher Laden in der Hauptstraße findet, da wächst die Zukunft heran, vielleicht auch irgendwo ganz anders, da wo man jung, gläubig, wagemutig, hingebungsvoll ist wie die alten Germanen, wo die Jungen die Alten ehren, statt dass die Alten die Jugend anbeten und vom Marathon oder von der Liebe schwadronieren als wären sie 17 und dabei die wirklich Jungen nach ihrer Pfeife tanzen lassen (wollen)…

  14. Hallo ihr Lieben,
    die Ihr Euch so berührt fühlt von diesem Thema…
    Hi Claudia,
    die Du dieses Angstthema nicht zum ersten Mal erörterst…

    auch mich berührt das Altern, der Verfall! Auch ich habe natürlich Ängste davor. – Liebe Leute, lasst Euch nicht kirre machen. Das sage ich deswegen, weil wir in einer extrem dynamischen Zeit leben, in der nicht im mindesten absehbar ist, was zum Beispiel im Jahre 2020 sein wird. Die nächsten Jahre haben gute Chancen, daß uns reichlich was um die Ohren fliegt – schon dieses Jahr ist die Zeitqualität dafür im grünen Bereich. Hintergrund dieser Aussage ist mein Faible für astrologische Betrachtungen, insofern für viele von Euch wahrscheinlich komplett irrelevant. Aber schaut Euch doch die Entwicklung an. Kollisionspotential, wo das Auge hinschaut. – Kollisionspotential ist mitnichten nur destruktiv, ganz im Gegenteil. Es lässt gern etwas völlig Neues entstehen, mit dem keiner gerechnet hat. Das ist mein Ansatz, wenn ich denn unbedingt an die Zukunft denken muß. Alles ist offen, bitte keine Planspiele! Jedes Planspiel sperrt Dich in eine Vorstellungskiste, schränkt Deinen Horizont ein. – Sehr entspannend ist ein Märchen, welches mein Papa mir einige Dutzend mal vorlesen musste, weil ich einfach nicht genug davon bekommen konnte, damals, vor knapp 50 Jährchen.

    Die Bremer Stadtmusikanten (über Google aufrufbar)

    Mit dieser Geisteshaltung lässt es sich ganz gut leben.

    liebe Grüße

    Hermann

  15. @hallo Ruth, Kassandra, Hermann,

    ich danke Euch für Eure ausführlichen und an verschiedenen Stellen tiefer schürfenden Beiträge!! Freue mich jedes Mal sehr, wenn jemand sich die Zeit nimmt, auf das Gesagte umfangreicher einzugehen und auch die eigene Haltung zum „Problem“ beisteuert.

    @Kassandra: na, die Heirat aus „romantischer Liebe“ ist ja doch ein Fakt, eine Neuerung der neuesten Neuzeit. Gerade hier wird erwartet, dass das „Reich der Notwendigkeiten“ und erst recht das der Geldgeschäfte keine Rolle spielt, dass das GEFÜHL an Stelle der Tauschwerte tritt und das Zusammensein ein Gegengewicht zum Rattenrennen „da draußen“ bildet. Das ist natürlich eine Illusion, es stimmt aber doch insoweit, als wir nicht mehr aus wirtschaftlichen Gründen und Clan-Gesichtspunkten heiraten müssen. Frauen können selbst am Erwerbsleben teilnehmen, damit entfällt der „Versorgungsgesichtspunkt“. Familienbande wurden durch den Sozialstaat weniger zwingend und bestimmend – eine Entwicklung, die ich gut finde und für verteidigenswert halte. Ich sehe keinen Grund, die Verhältnisse bei den Immigranten zu glorifizieren, die sich im übrigen über mehrere Generationen durchaus an unsere Gepflogenheiten anpassen. Die Ausbrüche türkischstämmiger Mädchen und Frauen, die sich abseilen und ein eigenes Leben (oft auch Geschäft) führen, seien mal Beispiel.
    Deine Vorstellungen vom „Besserwessi“ in allen Ehren, aber SO VIELE gibt es davon nicht, die breite Masse rechnet durchaus mit der gesetzlichen Rente, die kannst du nicht sämtlich als „Unterschicht“ bezeichnen. Und das die lebenslange Anstellung lange schon nicht mehr der Standard ist, verschlechtert sich natürlich auch die allgemeine Rentenerwartung. (Im Film ging man zudem von der Einführung der Einheitsrente auf Sozialhilfeniveau aus).

    @Ruth

    deinen Beitrag kann ich voll unterschreiben. Es liegt auch an uns, nämlich daran, wie wir JETZT leben, wie wir uns im Alter und unter schlechteren äußeren Bedingungen fühlen werden. Es gab und gibt schon immer Menschen, die nicht besonders leiden, weil sie arbeitslos und arm sind. Sie wissen sich zu beschäftigen, pflegen Kontakte oder üben Ehrenämter aus, sie hadern nicht mit ihrem Schicksal, sondern gehen eigene Wege – warum sollte das also nicht möglich sein?? Defizite im Sozialstaat können durch Selbstorganisation und bürgerschaftliches Engagement gemildert werden, die tatsächlich pflegebedürftigen Alten sind ja zum Glück eine Minderheit. Der große Rest wird aktiver werden müssen, was ja nicht nur schlecht ist.

    @Hermann

    ein seltsamer, etwas zynisch wirkender Trost, den du da einbringst. Dass mir morgen der Dachziegel auf den Kopf fallen kann, ist eh immer eine Möglichkeit – aber soll ich deshalb nicht darüber nachdenken, wie es im Überlebensfall sein wird?? Ich habe große Chancen, früh an den Folgen des Rauchens zu versterben, trotzdem gibts genug Beispiele, die dennoch das Alter erreichen – was dann? Die Vorausschau in die Zukunft ist keine Zumutung bzw. kollektive Gehirnwäsche, der man sich emanzipativ entziehen sollte. Eher ist es ja so, dass die Einzelnen das Thema gerne verdrängen und dagegen schreibe ich an. Auch gegen das dazu gehörige Festhalten am „Jugendwahn“, der schon eher den Status einer Massenhypnose hat, aus der es zu erwachen gilt!

    Mein „Plan“, nämlich darauf zu achten, wie Mitmensch-kompatibel ich JETZT lebe, auf dass ich später nicht zur Schreckschraube und bloßen Belastung meiner Umwelt werde, ist nichts, was meinen Horizont einschränkt – im Gegenteil!

    Na, mal schauen, wie es wird – soweit es in meiner Macht steht, wird es dieses Diary jedenfalls geben, solange ich noch eine Maus bedienen kann. Man liest sich also… :-)

    Lieben Gruß

    Claudia

  16. Liebe Claudia,

    mit Deinem Eingangssatz auf meinen Kommentar…

    ein seltsamer, etwas zynisch wirkender Trost, den du da einbringst.

    …hast Du natürlich recht! Die von Dir gewählte Ausdrucksweise halte ich für sehr präzise – Danke.

    Was da zynisch wirkt, ist jedoch durchaus als ernst gemeinter Aufrüttler gedacht, der den geneigten Leser aber nur im besten Fall dorthin führen kann, wo er ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben, insbesondere in sein eigenes Leben finden kann. Mein Beitrag sollte ein kleiner Anstoß in die Richtung sein, sich nicht in intellektuellen Reflektionen zu verlieren. Es geht mir um das Maßhalten bei Überlegungen, welche sich mit dem eigenen Altern befassen. Es geht mir darum, nicht irgendetwas, was vielleicht einmal sein wird, vermeiden zu wollen, wie zum Beispiel ein Pflegefall zu werden, sondern seine Aufmerksamkeit und seine Tatkraft dorthin zu lenken, wo es sich individuell für den Einzelnen gut anfühlt. Eine Frage der Denk- bzw. Verhaltensstrategie.

    …vielleicht nicht mehr ganz so seltsam und zynisch jetzt?

    lieben Gruß von Hermann

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