Claudia am 09. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Sag niemals nie!

Sag niemals nie!

Seit Anfang September geh‘ ich in ein Fitness-Center, ich glaub es kaum!. „Sport ist Mord“ war schließlich jahrzehntelang mein Wahlspruch: Verschwitzte Jogger mit modischem Stirnband, muskelbepackte Bodybuilder an martialischen Geräten, Mädels im Aerobic-Wahn, alles Mitglieder einer verirrten Sekte, die „Fit for fun“ und einen gestylten Body als oberste Werte zelebriert. Geistflüchtlinge, Renegaten, bedauernswerte Gestalten, die ihre Orientierungslosigkeit im Physischen zu überwinden suchen: Gewicht, Puls, Kraft, alles immerhin verlässlich messbare Größen, da weiß man, was man ist!

Fitnesscompany BerlinUnd jetzt lauf‘ ich selber übers Band. Glücklicherweise ist Joggen heute out und „walken“ angesagt, sonst‘ hätt‘ ich den Einstieg vermutlich nie geschafft. Bei 6,2 km/h bring ich in zehn Minuten einen virtuellen Kilometer hinter mich, verbrauche dabei 75 Kalorien, gerate leicht ins Schwitzen und fühl‘ mich so wohl dabei, daß ich oft noch zehn Minuten „rudern“ dranhänge, oder gar‘ weiterlaufe zum wöchentlich angesagten „Cardio-Training“: 40 Minuten auf der Stelle treten, mein Gott, wo bin ich gelandet?

Im September hatte ich die Einladung zum (fast) kostenlosen Probemonat im Briefkasten gefunden, ein Center in meiner Nähe, dass ich auch zu fuß erreichen kann. „Jetzt probierst du’s einfach mal aus“, dacht‘ ich mir. Gerade war ich nämlich dabei, wieder in eine verschärfte „Gesund-Leben-Phase“ einzuschwenken, fettarm essen, viel Rohkost, nicht rauchen, abnehmen – selber orientierungslos geworden, ödete mich alles an, was nur über einen Monitor zu erleben ist, von der Brotarbeit über die vielfältigen Kommunikationsformen bis hin zum künstlerischen Selbstausdruck und politischen Engagement. Immer nur Tasten drücken, Maus-klicken und denken? Nein danke, das kann doch nicht alles sein! Die Sauna als wunderbare Abwechslung in einem Bildschirmleben hatte ich ja schon kennen gelernt – nun war es vom passiv Schwitzen zum aktiven Anstrengen gar kein so großer Schritt. Und eine Sauna gibt’s im Center ja auch, da spart man richtig Geld!

Yoga

Yoga-AsanaGanz unbedarft in Bezug auf die körperliche Ebene war ich nicht, als ich mein „Probetraining“ absolvierte. Über zehn Jahre ZEN-Yoga liegen hinter mir und ich bin nicht so verrückt, das eine durch das andere ersetzen zu wollen, bewahre! Obwohl eine Yogastunde von außen betrachtet vornehmlich aus körperlichen Übungen und Haltungen besteht, liegt der Schwerpunkt doch auf der psychisch-geistigen Ebene: Sich selbst kennen lernen, indem man das Zusammenspiel von Körper, Gefühl und Denken bemerkt, dazu die Schwingungen aus der Umgebung, die Veränderungen im Lauf der Jahreszeiten, Momente der Stille, Entspannung, Nicht-Denken… – wer bis dahin hauptsächlich auf der mental-intellektuellen Ebene lebt, lernt die Welt auf ganz neue Art kennen, die vordergründige Abgetrenntheit des „Ich denke“ entpuppt sich als Illusion, aber auch das völlige Ausgeliefertsein an Emotionen – Wut, Ärger, Panik, Euphorie – nimmt deutlich ab. Man erkennt: Eindrücke von außen (und auch innere Grübeleien) erzeugen üblicherweise automatenhafte Gefühlsreaktionen, die wiederum das Denken bestimmen. Aber diese „Gefühle“ sind samt und sonders im Grunde körperliche Reaktionen – im Bauch, im Brustbereich, um den Solarplexus, im Becken -, gepaart mit Veränderungen der Atmung.

Je mehr ich mir dieses Geschehens übend und beobachtend bewußt werde, desto weniger kann ich dieser Ebenen-Verkettung verfallen. Wenn der Körper einmal gelernt hat, auf eine plötzliche Verspannung (Angst, Angriff…) mit Tiefer-in-den-Bauch-atmen zu antworten und sie so augenblicklich wieder zu lösen, dann bedeutet das einen ungeheuren Freiheitsgewinn im Psychisch-Geistigen, im Realen Leben mit all seinen Schrecken und Freuden. Voraussetzung ist eine Flexibilisierung des Körpers, damit er seine Zustände überhaupt von Augenblick zu Augenblick verändern kann und nicht in jahrzehntelang entwickelten Dauerverspannungen festhält, die nicht nur zum Muskel- , sondern auch zum Charakterpanzer geworden sind, wie man ihn überall beobachten kann, wo man Menschen trifft.

Obwohl nun Yoga, wie ihn mein Lehrer Hans-Peter Hempel lehrt, dazu herausfordert, sich vollständig kennen zu lernen, alle unberührten Räume und Gerümpelecken des eigenen Daseins zu betreten und zu „belichten“, ist es mir doch in all diesen Jahren gelungen, ganz unbemerkt eine bestimmte Ebene weitgehend zu vermeiden, die mir schon als Kind als der Horror schlechthin erschien: alles, was richtig anstrengt und Kraft kostet, wobei man heftig ins Schwitzen gerät, wo die Muskeln nicht nur gedehnt werden, sondern auch Krafteinsatz bringen müssen. Es gibt solche Übungen, auch im Yoga, aber sie machen eher einen kleinen Teil aus und den konnte ich durchaus „halblang“ angehen, ganz unauffällig, lange Zeit sogar, ohne dass es mir bewusst geworden wäre.

Und jetzt walke ich 40 Minuten, mach‘ Sonntags den Langhantel-Kurs, verausgabe mich an den Geräten und GENIESSE es auf einmal, ins Schwitzen zu geraten! Ich hab‘ keinen Ehrgeiz, schwere Gewichte zu stemmen, sondern stell‘ mir alles so ein, dass ich gerade mal eine gewisse Anstrengung verspüre – und in nur fünf Wochen mußte ich pro Gerät schon ein- bis zwei „Briketts“ nachlegen, damit das Gefühl das gleiche bleibt. Wow! Da ich den ganzen Tag am Computer sitze, fühle ich mich wie ein neuer Mensch, wenn ich mittags eineinhalb bis zwei Stunden Fitness plus Sauna einschiebe. Meine Freude an der Arbeit ist weit größer, die Laune besser und auch der Output ist MEHR geworden, obwohl ich geglaubt hätte, soviel Zeit könne ich doch der Sache nicht opfern.

Ach ja, bevor ich’s vergesse: Auch die Angst, mit einem nicht-perfekten Körper unter lauter jungen Halbgöttinen und Göttern zum Gespött zu werden, war völlig unbegründet: Solche sind – zumindest in meinem Center – eher eine kleine Minderheit. Das mittlere Alter ist stark vertreten und derzeit steigt der Anteil der Over60s gerade spürbar an!

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Claudia am 06. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Herbstspaziergang

Herbstspaziergang

Einfach mal durchs Kiez spatziert, über den Boxhagener Platz:

Boxi - Platz in Friedrichshain

Ein besetztes Haus: „Alle Macht geht vom Fernsehen aus“

Hausfassade

Baum im Herbst:

Baumgestalt

S-Bahn-Geleise, gesehen von der Modersohnbrücke aus:

Geleise

Nochmal ein Baum:

Gelbe Blätter

Ein gelbes Haus in der Holteistraße:

Gelbes Haus

Herbstgestrüpp:

Gestrüpp

***

Update: Das sind keine besonders schönen Fotos! Ursprünglich wurden sie auch ganz anders gezeigt:

Javascript-Galerie

Bevor das Digital Diary ein WordPress-Blog wurde, war es noch möglich, eine Art klickbare Javascript-Galerie einzufügen. Mit dem Mausklick auf die runden Bildchen poppte ein zweites Fenster in der Größe des jeweiligen Fotos auf. WordPress macht sowas nicht mit, schade!

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Claudia am 03. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Vom Krieg reden

Vom Krieg reden

Seit dem Anschlag auf das WTC hat es im Digidiary nur zwei Beiträge zum Thema gegeben: „Vom Glück mitten im Grauen„, etwa eine Woche danach, und „Der Feind: die eigene Frage“ am 12.Tag der Bombardierung Afghanistans. Das ist wenig, sehr wenig. Warum nur diese extreme Sparsamkeit angesichts von Ereignissen, die die Welt bewegen wie nichts sonst seit dem Fall der Mauer?

Auch in Mailinglisten diskutiere ich nicht, lese nicht einmal mehr mit, wenn diejenigen, die das Wort ergreifen, mit tödlicher Sicherheit aneinander geraten – egal, wie sehr sich der Einzelne bemühen mag, gerade das zu vermeiden. Zum Nachdenken über den Krieg bevorzuge ich wieder traditionelle Medien: die ZEIT, den SPIEGEL, die Berliner Zeitung, selten die TAZ, dazu ARTE und 3SAT – die panisch-hysterischen Brennpunkte in ARD und ZDF hab‘ ich mittlerweile abgewählt.

Ein Grund, mich weitgehend mit eigenen Meinungen zurückzuhalten, ist das, was ich den „inneren Mainstream“ nenne. Wenn ich ehrlich in mich hineinsehe, finde ich dort allermeist genau die Gefühle und Gedanken, die die Demoskopie gerade als „Mehrheitsmeinung“ oder als „wachsenden Trend“ ermittelt. Am Anfang das fassungslose Erschrecken, auf das schnell ein Bedürfnis nach dem wie auch immer zu leistenden „Strike back“ folgte – und dann die wachsende Unzufriedenheit mit dem Krieg, je länger er dauert und je mehr Bilder von zivilen Opfern präsentiert werden, verbunden mit einer immer kritischeren Haltung gegenüber den USA.

Dieses innere Mitschwingen mit dem, was MAN denkt, kann ich nicht mehr ganz ernst nehmen. Nicht, dass ich es im Einzelnen kritisieren könnte, das wäre Schizophrenie, aber in seiner automatenhaften Zwangsläufigkeit ist es mir ausreichend suspekt, um es zumindest nicht als „handlungsleitend“ anzusehen. Es wäre geradezu hirnrissig, für irgendeine aktuelle Position in den Ring zu treten, wenn ich doch weiß, dass diese in einer Woche schon wieder ganz anders aussehen kann, je nach Informationslage und medialem Input. Mehr noch: Es scheint mir ganz unmöglich, angesichts der Komplexität, die das ganze Thema mittlerweile angenommen hat, überhaupt irgend eine Position zu vertreten, von der ich noch glauben könnte, dass sie wahr und richtig, oder auch nur „erfolgversprechend“ sei.

Dass ich bei dieser Erkenntnis stehen bleiben kann, sehe ich als Privileg. Ich darf den Mund halten und außer ein wenig Verwunderung beim einen oder anderen Leser droht mir deshalb nichts. Die Meinungsfreiheit in einem demokratischen Staat umfasst das Recht, zu schweigen, genau wie die Möglichkeit, jeden Schrott zu verzapfen, der einem gerade in den Sinn kommt – bis hin zu Verschwörungstheorien, die davon ausgehen, der CIA hätte das WTC selber in die Luft gejagt, um endlich gegen die Taliban in den Krieg ziehen zu können (=politische Bildung per „Akte X“).

Wir dürfen denken und schreiben, was wir wollen. Das ist gut so und davon wird ja auch weidlich Gebrauch gemacht. Mittlerweile ist der Schrecken und die erste Solidarisierung von der Volksseele gewichen und die meisten Denker & Schreiber kehren zu ihren immer schon geliebten Denkfiguren und Weltsichten zurück, ordnen die Ereignisse säuberlich entsprechend ein und widmen sich dem Geschäft der Meinungsbildung: dem Volk sagen, was gut und richtig ist, und denen da oben beibringen, was sie alles falsch machen. Das intellektuelle „Business as usual“ geht seinen Gang, was wäre auch anderes zu erwarten?

Was mich dabei immer wieder wütend macht, ist die Ignoranz bezüglich der eigenen Position und Privilegierung, die vom anerkannten „Experten“ bis hin zum schlichten Mailinglisten-Autor zu beobachten ist. Die Analysen, Meinungen und Forderungen mögen überdacht und gut gemeint sein, aber wer tut das denn im klaren Bewusstsein, dass dieses „Meinungen vertreten“ etwas ganz anderes ist als das „Handeln müssen“ der politischen Akteure?

Zum einen vermisse ich die Zurückhaltung im Urteilen und Verurteilen, die aus einem solchen Gewahrsein automatisch folgen würde, zum anderen sehe ich ein Bemühen, sich selber immer hübsch auf der sicheren, sauberen Seite zu halten und moralisch möglichst unangreifbare Positionen einzunehmen – wohl wissend, dass Moral alleine im politischen Geschäft nicht ausreicht. Für mich ist damit dann auch das Ende der intellektuellen Redlichkeit erreicht.

Es wird Zeit für ein Beispiel. Eine derzeit wieder gern genommene Simplifizierung allzu komplexer Sachverhalte ist die „Öl-Brille“: Es gehe den USA doch „nur ums Öl“ – der Krieg werde „in Wahrheit“ wegen einer durch Afghanistan zu verlegenden Pipeline geführt, bzw. um eine weitere USA-hörige Öl-Provinz zu errichten. Ich halte diese platte Sicht der Dinge für falsch, angesichts der beispiellosen Geschlagenheit der amerikanischen Bevölkerung, die eine kriegerische Antwort faktisch unausweichlich machte, auch für dumm. Aber das ist nur meine Meinung, darauf will ich jetzt nicht hinaus – sondern darauf, auf welchem Hintergrund dieser Vorwurf von denjenigen, die ihn im Gestus moralischer Empörung erheben, eigentlich formuliert wird.

Als hätten wir alle mit dem Öl nichts zu tun! Da sitzt der Autor in seinem ölzentralbeheizten Altbau in seinen kunststoffbeschichteten Designermöbeln und schreibt seinen Text, erhebt sich dann, fährt mit dem Mittelklassewagen zum Flughafen, steigt dort in den kerosinfressenden Flieger zur nächsten Tagung des Verbandes XY, wo er seine Thesen vorträgt: Der böse Westen, allen voran die USA, halten ihre Hände aufs Öl, unterstützen undemokratische Regime, solange sie nur den Nachschub sichern und leisten dadurch dem Terrorismus Vorschub, weil die aufstrebende Intelligentia in diesen Ländern keine legale Perspektive in der Opposition entwickeln kann.

Tja, daran ist mit Sicherheit viel Wahres! Danach geht’s dann zum Italiener, im kleinen Kreis wird weiter diskutiert, bei Parmaschinken, Chianti und Aqua Pellegrini, die es vor dem letzten Tunnel-Unfall auf ihren transalpinen Brummis gerade noch hergeschafft haben. Salute!

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Claudia am 02. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Identität und Gewohnheit

Identität und Gewohnheit

Derzeit rauche ich wieder. Nicht viel, nicht mehr so, daß das Zimmer total verqualmt ist, aber immerhin: Das „innere Gestell“ ist wieder da und stützt meinen Tag.
 
Die Summe der Laster (oder der Lasten?) bleibt immer gleich: Aus meiner Herbstdepression bin ich ‚raus, dafür aber wieder an der Kippe – bei bester Laune! Eine Zeit lang, mehrere Wochen, hab‘ ich gar nicht geraucht und es war tatsächlich ganz easy. Dann gelegentlich das Mitrauchen bei Freunden, draußen, bei Besuchen und in Kneipen. Schließlich der Entschluß, mich wieder zum Rauchen zu bekennen – Erleichterung!
 
Im Diary-Forum ist ein schönes Gespräch über Identität zu lesen, das hat mich zu diesem Eintrag inspiriert. Anders nämlich, als in anderen Nichtraucherphasen, hab‘ ich diesmal einen Identitätsverlust verspürt – deutlicher, als alle anderen Empfindungen, die auftreten, wenn ich meine abstinenten Zeiten durchlebe. Wie schon öfter beschrieben, erlebe ich die Wirkungen der Zigaretten als eine Art „inneres Gerüst“: die Wahrnehmung wird ein bißchen abgedichtet gegen körperliche Empfindungen, es wird leichter, ganz in Gespräche oder in die Welt hinter dem Monitor zu versinken. Mit Zigaretten kann ich „virtueller“ leben, mehr im Geist, weniger im Körper.
 
Als Nichtrauchende hatte ich mein Leben entsprechend verändert: Oft ins Fitnesscenter, viele Spazergänge, viel Bewegung – und immer weniger hatte ich Lust auf die Welt der Worte, Bilder, Ideen und Texte. Der Sommer ist sowieso eine Zeit, die das von sich aus nahelegt, wogegen der Herbst mit seinen kühlen Wettern und heftigen Winden eine Verinnerung bedeutet: Genau wie die Blätter vom Baum herunter wirbeln, fühle ich mich leichter, konzentrierter, dem Denken, Reden und Schreiben zugeneigter. Wie eine Art Heimkommen.
 
Und genau da liegt meine Identifizierung. Die Claudia im Fitnesscenter, in der Sauna, draußen am Strahlauer Strand, ist eine Spätentwicklung. Eine Art Update und Zusatzfeature: ganz wunderbar, fühlt sich toll an, solange sie neu ist. Aber dafür die alte, die „eigentliche Claudia“ verlieren? Die Frau, die seit Jahrzehnten Texte und Bilder, Ideen und Projekte generiert? Das ist das Zentrum meiner (relativen!) Identität und wenn ich bemerke, daß ich daran immer weniger Freude habe, ja, mich von allem, was nur auf dem Papier, im Kopf oder hinter dem Monitor stattfindet, geradezu genervt fühle – dann wird es wirklich ernst!
 
Ein interessantes Phänomen: Die Gründe, wieder mit dem Rauchen anzufangen, verlagern sich im Lauf des Lebens auf höhere Ebenen. Mitte zwanzig konnte ich keine 24 Stunden „ohne“ durchhalten, weil mein gesamtes Nervenkostüm, all meine psychophysischen Empfindungen derart durch den Wind waren, daß ich zwischen Schreien und Heulen schwankte: Agressivität und Wehleidigkeit wechselten sich ab und ich war schlicht nicht gesellschaftsfähig. Heute kann ich locker aufhören, verlebe Tage und Wochen eine angnehme Intensivierung körperlicher Empfindungen, fühle mich befreit vom inneren Gestell und bekomme Lust, zu tanzen und zu singen. Und zwar so nachhaltig, daß mir mein ganz persönliches Leben entgleitet, das, was ich über Jahrzehnte als „Ich“ entwickelt, kennen und schätzen gelernt habe: die Schreibende, die Kreative, die Computer-Frau… :-)
 
Für alles gibt es günstige und ungünstige Zeitpunkte: meine nächste Nichtrauch-Phase werde ich in den Frühlung legen, am besten in den Mai. Wenn die Zeit des Nach-außen-Gehens anfängt, wenn Texte und Monitore sowieso langweilig werden und die Energien des allgemeinen Erwachens und physischen (!) Wachsens das Innere nach Außen drängen. Dann hab‘ ich länger Zeit, mich mit einer neuen Identität auseinander zu setzen – auch jetzt schon behalte ich ja ein Stück „Claudia 2.0“ bei, gehe immerhin weiter ins Fitness-Center…
 

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Claudia am 28. Oktober 2001 — Kommentare deaktiviert für Freude am Herbst

Freude am Herbst

Gestern ein Spaziergang über die Friedhöfe bis zum Friedrichshain. Keine Sonne, sondern diesiges Herbstwetter. Gerade so verhangen und grau, daß die bunten Farben der Blätter aus sich selber leuchten, wie sie es nur tun können, wenn sie nicht vom Spiel mit Licht und Schatten überstrahlt werden.
 
Wenn ich so eine Beobachtung hinschreibe, wird sie mir gleich zur Metapher, zur verschlüsselten Botschaft der Welt, die uns etwas sagen will – aber was? Was wäre in unserem Leben „Licht & Schatten“ ? Zwar wunderschön, lebenswichtig und unverzichtbar – aber doch das je eigene Blühen einer jeden persönlichen Farbe herabmindernd?

Ahornbuddha

Mit einem Strauß bunter Blätter kam ich dann heim, fotografierte sie, legte sie auf den Scanner – und gab ihnen damit eine Art „ewiges Leben“ – das virtuelle nämlich: ein Datenleben im Cyberspace, ohne Zerfall und Tod solange die Festplatten existieren.
 
Es gibt tatsächlich Menschen, sogenannte „Transhumanisten“, die wollen das „mit sich selbst“ auch gern veranstalten: Das Bewußtsein auf die Platte downloaden und der Welt aus Fleisch und Blut adé sagen – naja, wem’s gefällt! Für mein Empfinden könnte der Irrtum kaum größer sein, in dem sie sich befinden, wenn sie meinen, ihr Bewußtsein bestünde aus mentalen Inhalten, die sich ganz easy als „Daten“ in Software abbilden lassen. Und selbst wenn es anders wäre: Was wäre denn ein Leben ohne Tod? Wie sollten wir je etwas wertschätzen, wenn kein Ende abzusehen wäre, an dem wir es ganz gewiß verlieren werden?
 
Meine Herbstdepression ist vorbei! Ich genieße es sehr, wieder Freude und Interesse an den Dingen zu fühlen. Ein langer Besuch bei einer Frau in meinem Alter, die ich gerade erst kennen lerne, hat den Ausschlag gegeben: ein ganz anderer Lebensstil, eine fliessende Kommunikation von Geist zu Geist – und viele Stunden ergötzliches Zusammensein, Essen gehen in Berlin Mitte, zuletzt eine ulkige Suche nach dem verlorenen Auto (WO nur haben wir es abgestellt?). Ein wunderbarer Tag mitten im REAL LIFE, neue Inspirationen – und angesichts eines fremden Menschen fühle ich mich deutlich stärker als Individuum, als wenn ich immer nur im Rahmen meines häuslichen Cocooning verharre, das ich in letzter Zeit ein wenig übertrieben hatte.
 
Wohlbefinden braucht alle Ebenen: Geist, Psyche, Körper – und für die Psyche sind neue Eindrücke unverzichtbar. Der Gedanke „ich hab‘ doch schon alles erlebt“ ist genauso falsch wie die Ideen der Transhumanisten – und führt, ernst genommen, einfach nur in die Depression.

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Claudia am 24. Oktober 2001 — Kommentare deaktiviert für Der Name der Dose

Der Name der Dose

Heut‘ Nacht konnte ich kaum schlafen und doch erinnere ich mich an einen langen Traum: Ich war amerikanischer Soldat und fürchtete mich vor anderen amerikanischen Soldaten, die mit dem Auftrag unterwegs waren, alle Kollegen einzufangen, die bereits am Milzbrand erkrankt waren. Wegen der Ansteckung. Milzbrand hatte ich nicht, aber Angst. Nicht ganz so schlimm, wie man das aus einem typischen Alptraum kennt, sondern eher so, als sähe ich einem Film zu, in dem ich die Angst spielte. Wie eigenartig! Im Wachzustand empfand ich bisher nämlich nicht den Schimmer einer Angst in dieser Sache, das Unbewußte macht mal wieder, was es will.
 
Offenbar geht es nicht nur mir gerade nicht besonders gut – ich nannte es gestern der Einfachheit halber „Herbstdepression„. Immer gut, der Sache einen Namen zu geben, noch dazu einen von der Jahreszeit oder dem Wetter abhängigen, da ist schon gleich mitgesagt, dass es ganz von selbst wieder vorüber geht. Eigentlich lehren uns das die alten Märchen: Wenn irgendwelche Bösewichter, Geister, Gnome, Teufel, feindliche Zwerge und dergleichen dem Held der Geschichte Angst einjagen, dann kann er sie nur dadurch loswerden oder freundlich stimmen, daß er ihren Namen findet. „Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß“ – aber die Königin hat es dann doch herausgefunden!
 
Das Namen-Vergeben ist eine sehr menschliche Macht: mit der Benennung distanzieren wir uns, grenzen das, worunter wir leiden, als Phänomen vom Ganzen ab und können dann damit umgehen: es ist zum Objekt geworden, das man ins Regal stellen oder an Spezialisten weiter reichen kann. Herbstdepression: damit könnte ich zum Arzt gehen und er wüßte ganz sicher ein Mittelchen dagegen. Aber solange ich nur aufs Papier starre und nicht in der Lage bin, zu schreiben, und meine Formulare angucke anstatt sie auszufüllen, solange ich grüble, was wohl der „reale“ Grund meiner diffusen Ängste ist und alles und jedes daraufhin abklopfe, ob es mir irgendwie schaden kann oder gar will, womöglich noch weiter grüble, was das alles für die Zukunft bedeuten mag, solange bin ich ganz drin in der Sache, hoffnungslos verstrickt ins eigene Kopfkino.
 
Zum Arzt werd‘ ich natürlich trotzdem nicht gehen, bewahre! Das hilfreiche Spiel mit der Etikettierung der Phänomene führt oft genug in die Irre, wenn man die Ebenen wechselt und versucht, materiell einzuwirken auf etwas, das man ja nur geistig abgegrenzt hat. Nur in meinem Denken, dem ich durch das Vergeben von Namen bestimmte Gestalten gebe, existiert die „Herbstdepression“ als „Sache“. Sobald ich ein Mittel, eine Droge, ein Psychopharmakon einwerfe, beraube ich mich aller Flexibilität, z.B. der, die Dinge wieder ganz anders zu sehen. Die Wirkungen müssen dann erstmal ausgestanden werden und bringen alles durcheinander: unmöglich, zu wissen, was jetzt alles Wirkung ist und was nicht. Ich werde zum Spielball unbekannter Stoffe, zum Objekt freundlicher Spezialisten, für die ich typischerweise als ganzer Mensch kaum existiere, sondern eben nur als „Depressive“.
 
Klar, wenn es so schlimm ist, daß man morgens nicht mehr aufstehen will, ist vermutlich eine Tablette besser, als wochenlang liegen zu bleiben! Ich hab‘ gut reden, halte ich mich doch mit meinen Betrachtungen im Reich von Stimmungen auf, die sich binnen Stunden oder maximal Tagen völlig verändern können. Mehr noch: gelegentlich geht mir die Welt, wie ich sie betrachte und dadurch ein Stück weit mit schaffe, derart auf die Nerven, daß ich mich selber gern mal in die verführerischen Arme einer Droge (z.B. Chianti) werfe, damit sich „auf die Schnelle“ ‚was ändert. Das ist dann wie Karusell-Fahren in einem kaputten Fahrgeschäft: am Anfang macht es Spaß, doch dann wird’s mir schlecht, weil es viel zu lange dauert; ich bin gefangen in den Wirkungen der Stoffe.
 
Wer die Macht der Worte gegenüber der banalen Wirkung der Stoffe rühmt, darf nicht enden, ohne auf die Rückseite der Medaille hinzuweisen: „Was für ein schöner Sonnenuntergang!“ – so ein Satz, mitten hineingesagt in eine wundersame Abendstimmung, die uns als ganzer Mensch ergreift, kann genau diese Stimmung zerstören. Benennen ist eben auch Töten, und meistens wollen wir das nicht. Niemand hat das schöner ausgedrückt als Rilke in einem Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“..
 
Gestern schrieb mir ein Leser, das Digital Diary könne ja nun nicht mehr mit „vom Leben auf dem Land“ untertitelt bleiben. Richtig, ich hatte zwar das ursprüngliche „Vom Leben auf dem Land und in den Netzen“ im Titel der Website verändert, aber noch nicht im Logo. Da steht jetzt erstmal „Vom Sinn des Lebens zum Buchstabenglück“. Mehr ist mir gestern nicht eingefallen, doch ist das eher ein Name mitten aus der Herbstdepression. Falls also jemandem von Euch ein passender Untertitel einfällt, schreibt mir bitte!
 
Und jetzt mach‘ ich mich an die Formulare…

Angler
Angler an der Spree, 20 Minuten Fußweg von meiner Wohnung

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Claudia am 23. Oktober 2001 — 1 Kommentar

Herbstdepression

Niemals jammern und klagen – diese unausgesprochene Vorgabe steht immer schon über diesem Webdiary. Und das nicht nur, weil ich mich natürlich gern von meiner besten, also STARKEN Seite zeige, sondern weil mir kaum je im Leben Texte begegneten, mit denen ein Autor oder eine Autorin es vermocht hätte, auf unterhaltsame Art zu jammern und zu klagen. (Und sag‘ mir jetzt keiner, Unterhaltung müsse ja nicht sein, wir hätten doch schon übergenug Spaßgesellschaft: So schnell, wie du wegklickst, wenn ich hier langweile, kommst du garnicht erst in die Lage, so einen Gedanken überhaupt zu fassen!)
 
Ein weiterer Grund, alles Lamentieren über das eigene Befinden lieber bei sich zu behalten, ist der sich sofort aufdrängende Vergleich: Die Kinder in Afghanistan, zum Beispiel. Und immer und zu jedem Zeitpunkt ist die Welt voll von solchen Beispielen, die mich zum Verstummen bringen oder gar meinen Schreibimpuls um 180 Grad drehen, so daß allenfalls eine Lobrede entstehen will, eine Hymne der Dankbarkeit auf den (unverdienten) paradiesischen Zustand, in dem wir alle leben – und auch das geht eigentlich nicht, verdammt nochmal!
 
Warum überhaupt schreiben? Warum nicht einfach schweigen, wenn die Inhalte in den Filtern hängen bleiben, die für dieses Diary gelten? Tu ich ja, tu ich oft genug, doch hat das seine Grenzen, will ich diese einmal geschaffene und jahrelang verfestigte Form der Selbstveröffentlichung nicht beschädigen. Und das werd‘ ich nicht, ist es doch eine der wenigen festen Strukturen, die mein ach-so-befreites und flexibles Leben begleiten und durch das bloße „immer-wieder-so“ stützen!
 
Im Lauf der Jahre hab‘ ich zu meinem Erstaunen festgestellt, daß Routinen etwas Hilfreiches, ja, Rettendes sind: Zum Beispiel ein Arbeitstag im Büro mit festen Uhrzeiten, wiederkehrende Pflichttermine am Abend aus irgendwelchen Mitgliedschaften. Auch simple Volkshochschulkurse und andere Just-for-Fun-Gewohnheiten – „immer Sonntags Tatort gucken“ – entfalten ihre stützende Kraft, sobald man sich mies fühlt, sobald ich mich der Frage „Was jetzt?“ einfach nicht mehr stellen will oder kann (und das ist im Grunde kein Unterschied, wenn man mal genau hinguckt!). Klar, auch in meinem Leben gibt es ein paar solcher Stützroutinen, aber die meisten davon sind „prekär“, sind freiwillig, können täglich wegfallen, um ihre Aufrechterhaltung muß ich mich bemühen. Dabei vermisse ich zunehmend „unfreiwillige“ zementierte Strukturen, solche, die es zumindest möglich machen, in stupide Bewußtlosigkeit zu versacken und einfach nur zu funktionieren. Also genau das, wovon ich mich die meiste Zeit meines Lebens befreien, bzw. gar nicht erst hinein verstricken wollte! Ist das nicht pervers?
 
Heute beneide ich in dunklen Stunden Menschen, die ein sogenanntes „normales Leben“ führen, bzw. das, was ich immer dafür gehalten habe und gemieden, wie der Teufel das Weihwasser: Um dreißig geheiratet, zwei Kinder, ordentlicher Beruf mit geregelten Arbeitszeiten und festem Einkommen, ein Haus und rundrum ein kleiner Garten, zum Nachbarn hin die blickdichte Hecke, in der Garage das Drittauto, die Bude vollgestellt mit materiellem Besitz, die Papier- und Behördenexistenz verplant und abgesichert bis zum Lebensende – und zweimal im Jahr die Fernreise ins große Anderwo bei garantiertem heimischen Standard.
 
Es ist nun aber nichts mehr übrig geblieben, wodurch ich die Tendenz zum Lästern, wie sie im letzten Absatz entgegen der Aussage durchschlägt, rechtfertigen könnte oder wollte. Heute kenne ich genug Menschen, die ein solches „normales Leben“ führen, um zu wissen, daß sie ebenso viel bzw. wenig Anlaß zum Unglücklichsein haben wie ich in meiner manchmal angst-machenden „Freiheit“. Und nichts von dem, was und wie ich geworden bin, indem ich mich gegen all das wehrte, kann ich mir irgendwie selber zuschreiben: War es doch nur eine Reaktion auf die Katastrophe des persönlichen familiären Lebens, wie sie mir als Kind begegnet und deshalb zum Point of Never-to-Do geworden ist.
 
So, bevor ich nun hier ernsthaft zu langweilen beginne, indem ich meine Herbstdepression im Detaille ausbreite, schließe ich lieber mit ein paar Zitaten des großen Cioran, den an Negativität bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert keiner je übertreffen wird:

„Man kann die Fehler seiner Mitmenschen nicht vermeiden, ohne eben deswegen auch ihre Tugenden zu fliehen. So richtet man sich durch Weisheit zugrunde.“

„Mit zunehmendem Alter vermindern sich nicht so sehr unsere intellektuellen Fähigkeiten, als vielmehr jene Kraft zu verzweifeln, deren Charme und deren Lächerlichkeit wir in unserer Jugend nicht zu schätzen wußten.“

„Wie alle Bildstürmer habe ich meine Götzenbilder nur deshalb zerschlagen, um mich vor ihren Scherben hinzuknien.“

„Als entschlossener Wundertäter erhebt man sich, um seine Tage mit Mirakeln zu bevölkern, und dann sinkt man auf sein Bett, um bis zum Abend Liebeskummer und Geldsorgen wiederzukäuen…“

„Ein Mönch und ein Metzger streiten sich im Innern einer jeden Lust.“

„Die glanzvollen Taten sind das Vorrecht der Völker, denen das Vergnügen, lange bei Tisch zu sitzen, fremd und deshalb die Poesie der Nachspeise unbekannt ist.“

„Im selben Maße, wie wir unsere Schandflecken tilgen, werfen wir unsere Masken ab. Es kommt der Tag, da unser Spiel stehen bleibt. Keine Schandflecken mehr, also auch keine Masken mehr. Und kein Publikum mehr – wir haben unsere Geheimnisse, die Lebenskraft unserer Miseren, überschätzt.“

Alle Zitate aus: E.M.Cioran, Syllogismen der Bitterkeit

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Claudia am 18. Oktober 2001 — 1 Kommentar

Der Feind: die eigene Frage

Mit jedem Tag, den die Bombardierung in Afghanistan andauert, schwindet mein inneres „Ja“ zu diesen Kriegshandlungen. Dabei war ich zuerst ziemlich einverstanden: der WTC-Anschlag hat alles übertroffen, was wir je als Terrorakt für möglich hielten und lag auch weit außerhalb üblicher Aktionsfelder innerstaatlicher Polizei und Gerichtsbarkeit. Die Art, wie man medial „auf Linie“ gebracht und gehalten wurde, hat mich zwar zunehmend angekotzt, aber in der Sache hatte ich nichts gegen eine gut vorbereitete militärische Aktion gegen die Täter und Unterstützer. Die Taliban erschienen mir im übrigen schon immer als eine widerliche Bande verrückt gewordener Schafhirten, die vor den Augen der Welt Frauen wie Vieh behandeln und wunderbare Kulturgüter in Schutt und Asche legen dürfen – und niemand mischt sich ein! Ich erinnere mich an die Ketten-Mails, die dazu aufriefen, in Unterschriftenlisten und Protestmails führende Politiker aufzufordern, endlich „etwas zu tun“ – ja WAS denn eigentlich? Gegen Bittbriefe aus aller Welt scheinen die Taliban jedenfalls immun, und nicht nur deshalb, weil viele von ihnen nicht lesen können.

Zwölf Tage sind genug

Gezielte Bombardierungen der militärischen Stellungen, Ausbildungslager, Waffenarsenale – das erschien mir vertretbar, gerade auch im Rahmen einer umfangreichen Kommunikationsoffensive („Allianz gegen den Terror“), die auch zu den islamischen Ländern Kontakt sucht und um Verständnis und Hilfe bittet. Jetzt aber haben wir schon den zwölften Tag der Angriffe, immer mehr zivile Opfer, eine verschärfte Versorgungskrise für die Massen, die von den Hilfsorganisationen nicht erreicht werden – es wird höchste Zeit, dass es ein Ende hat, Himbeermarmelade, die päckchenweise vom Himmel regnet, ist keine Lösung.

Und überhaupt: Warum braucht das solange? Offenbar hab‘ ich eine völlig falsche Vorstellung von der Überlegenheit westlicher Waffensysteme und „Kampfkünste“. Sag‘ mir halt: Laß da zwanzig, hundert, zweihundert Ziele sein, ein paar Mal drüber fliegen und draufhalten müßte doch eigentlich reichen. Was machen die da bloß zwölf Tage lang?

Der innere Mainstream

Über meine eigene, mal mehr mal weniger martialische Neigung zu Agression und Gewalt wundere ich mich kaum noch. Früher ist das immer nur im Dunklen gewesen, überformt durch allerlei Rationalisierungen, auch verleugnet und ins Gegenteil gewendet durch zumindest verbal militantes Eintreten für den Frieden um jeden Preis („Krieg dem Krieg“). Ja, mehr noch: je friedensbewegter ich auftrat, redete, auf Demos ging und im privaten Umfeld Streitgespräche suchte, desto agressiver und implizit gewaltbereiter war mein Fühlen und oft auch mein Denken, nur merkte ich das nicht.

Heute schau‘ ich mir an, was für Gefühle aufsteigen und wieder verschwinden, kommentiere das nicht weiter, lasse es aber auch nicht unbedingt zu Handlung werden, oft nicht mal zu Text (wenn ich grad martialisch drauf bin, ist es besser, wenn meine Stimme fehlt!). Seit ich das so halte, ist eine Selbsteinschätzung meiner jungen Jahre ersatzlos gestorben: Daß ich eine ganz Andere, etwas ganz Besonders wäre, weit besser, intelligenter, friedlicher und edler als die „breite Masse“, allenfalls in interessanten Minderheiten zuhause, weitab vom sogenannten Mainstream. Keine Rede! Ich brauch‘ gar nicht erst fernsehen, muß nur in mich ‚reingucken, da FÜHLE ich den Mainstream….

Manchmal sehe ich da echt seltsame „Blüten“! Als z.B. in den ersten Tagen des Bombardements nach dem Ende der jeweiligen Angriffswelle immer gleich gemeldet wurde: „Usama bin Laden lebt und ist wohlauf“, spürte ich jedes Mal eine gewisse Erleichterung. Schau an, dachte ich mir dazu, du fängst schon an, den Feind zu lieben, aber nicht etwa so, wie Jesus das gemeint hat! Nein, bin Laden ist mittlerweile wer, mit Hilfe der Medien zum „großen Gegner“ stilisiert, zum Hoffnungsträger der Erniedrigten und Beleidigten, auf jeden Fall mit Image und Charisma ummantelt, dem man sich kaum zur Gänze entziehen kann. Und mal angenommen, er wäre weg: der Schrecken hätte kein Gesicht mehr, der Feind wäre tatsächlich überall… das wäre doch weit furchtbarer als dieser Rauschebart mit sanftem Lächeln und dem glasig-verträumten Blick.

Die eigene Frage

Wenn ich mich frage, worum es im Kern dieser schrecklichen Auseinandersetzung eigentlich geht, meine ich nicht die konkrete Motivation der Terroristen oder die je spezifischen Gründe einzelner Islamistengruppen, die gegen den Westen agitieren. Auch die Frage, inwiefern die Arroganz der Macht für den Terrorismus ursächlich ist, mit der die USA weltweit auftreten und entlegenen Ländern ihr Wirtschaftssystem aufzwingen, will ich nicht betrachten. All das kann nicht mein persönliches Diary-Thema sein, denn ich weiß darüber nicht mehr als das, was in den Medien steht. Viel näher sind mir da schon die spontanen Übergriffe gegen Kopftuchträgerinnen hier bei uns, die oft nur knapp unter der Oberfläche gehaltene Feindseligkeit gegen Muslime hierzulande, die Schwierigkeiten der muslimischen Gemeinden, eine Moschee zu bauen, die Auseinanderetzungen um den Islam-Unterricht und vieles mehr. All das hat seit dem Anschlag eine größere Brisanz bekommen und alle Besonnenen bemühen sich aus guten Gründen um Deeskalation und darum, einen „Kampf der Kulturen“ zu verhindern.

Welcher Kampf? Worum gehts? Können nicht alle in einer multikulturellen Gesellschaft friedlich zusammen leben – in Kreuzberg und weltweit? Die links-grüne Sicht der Dinge, die hier Probleme außerhalb rein sozialer Fragen lieber gar nicht wahrnehmen möchte, hat seit dem WTC-Anschlag auf jeden Fall einen gewaltigen Dämpfer erfahren. So langsam tritt ins öffentliche Bewußtsein, daß es sehr wohl etwas zu verhandeln gibt zwischen „uns“ und den Moslems. Aber was?

Von Carl Schmitt stammt der berühmte Satz: „Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt“. Welche Frage könnte es sein, die so schmerzt, daß wir uns ihr nicht stellen wollen, also lieber Feindseligkeiten gegen diejenigen hegen, die die Frage aufwerfen?

Was sehen wir, wenn wir Muslimen begegnen, was drängt sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit? Das Kopftuch zum Beispiel, um das geradezu pathologisch gestritten wurde, dann die Großfamilien beim Grillen im Park, Männer und Frauen oft in je eigene Gruppen getrennt, schließlich das Beten, wenn es auch erst noch wenige wagen, an öffentlichen Plätzen zu beten, so sehen wir es doch gelegentlich im Fernsehen, wie Gläubige mitten auf der Straße den Teppisch ausrollen und sich gen Mekka verneigen – kopfschüttel.

Was uns auffällt (und vielen mißfällt) sind die Zeichen gelebter Religiosität und Tradition, das gemeinschaftliche Zusammenstehen in Familien und Verwandschaftsclans, die ganze Ausrichtung an verbindlichen Werten, von denen wir uns im Lauf der Geschichte in vielen Kämpfen und Revolutionen weitestgehend befreit haben. Nun haben wir den Markt, mehr oder weniger frei, mehr oder weniger sozial, und die liberale Demokratie – und damit allein sind wir keinesfalls glücklich, wenn auch niemand das Rad gerne zurück drehen würde. Individuelle Freiheit ist uns sakrosankt – auch wenn man das Grausen bekommen kann angesichts dessen, was alles damit angefangen wird (und was nicht). Das reine Funktionieren, Wachstum und Fortschritt (wohin? wozu?), das Diktat der Ökonomie zu Lasten von Mensch und Umwelt, Konsum als einziger Lebensinhalt (Spaßgesellschaft) und ein in den letzten Jahren härter werdender Kampf um einen erträglichen Platz in der Arbeitswelt – soll das alles gewesen sein? Das Sinndefizit in westlichen Demokratien ist gewaltig, Hoffnungen haben wir keine, Utopien sind untergegangen. Gott ist lange tot und der letzte Mensch blinzelt, pflegt sein Lüstchen für den Tag, sein Lüstchen für die Nacht und denkt ansonsten an die Gesundheit.

Und läßt sich ungern von Muslimen daran erinnern, daß es daneben vielleicht noch etwas geben könnte….

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