Meine gefühlte Schreibblockade kommt nicht von ungefähr: Die Themen, die mich häufig umtreiben (z.B. die Geschehnisse in den USA, an den Märkten, sowie Geopolitik, Handelskrieg, Wirtschaft & Arbeit…) sind recht komplex. Bei all den Zusammenhängen komme ich gedanklich vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber selbst WENN mir etwas konkret genug vorkommt, um darüber zu bloggen, bremst mich der Gedanke aus: Wie viel von den Fakten und Vorgängen, auf die ich mich beziehe, kann ich als bekannt voraussetzen? Was muss ich erst noch zusammenfassend berichten?
Deine + meine ≠ unsere Welt
Wir leben in einer total zersplitterten Medienwelt: News-Aggregatoren, sog. Leit- und Alternativmedien, politische Blogs, Youtube-Kanäle, Mediatheken, Radio & TV mit ihren Sendungen, Podcasts und Videos, Influencer zu jedem Thema und jeder Richtung – und das ist noch immer nicht alles! Ich kann einfach nicht davon ausgehen, dass auch nur zwei meiner Stammleser/innen den gleichen „Blick in die Welt“ praktizieren wie ich. Das hat natürlich Folgen für die Ansprüche, die ich an eigene Blogtexte habe: Ich möchte verstanden und nicht missinterpretiert werden, also müsste ich oft „weit ausholen“, um eine gemeinsame (Fakten-)Basis zumindest wahrscheinlicher zu machen. Das würde dann wiederum leicht die Textlängen überschreiten, die noch gern gelesen werden – und es dürfte grade nicht „persönlich“ sein, wenn es mir doch um die Info-Basis geht.
Kurz das Wesentliche zusammenfassen: Das kann eine KI sehr gut! Kürzer und prägnanter, als ich es könnte, denn ich würde ausufern, um bloß keinen Aspekt zu vergessen, der im jeweiligen Kontext noch wichtig sein könnte. Es wundert also nicht, dass Blogger KI nutzen – es gibt nur noch keinen Konsens, WIE so eine „Kollaboration“ am besten umzusetzen ist.
Borist Stumpf erkennt KI-Nutzungen in immer mehr Blogs und kritisiert die Ergebnisse so:
„Leider beobachte und erkenne ich inzwischen auch in einigen Blogs die Verwendung von LLMs bei der Erzeugung von Blogbeiträgen – man kann das wirklich heraus-lesen, und vor allem dann besonders leicht, wenn man die Autoren aus der früheren KI-losen Zeit kennt.
Solchen Artikeln geht die persönliche Note flöten, sie lesen sich alle irgendwie wie sachdienliche Berichte zum Thema, denen meist noch eine klare (dann allerdings KI-freie) Bewertung respektive Meinungsäußerung nachgeschoben wird. Diese »Bruchstelle« sieht man dann recht leicht.
Am Ende geht dann den Blogs selbst der persönliche Charakter verloren, es bleiben sonderbar leere redaktionelle Seiten übrig, auf denen Autoren zu Themen berichten.“
(Quelle, letzter Absatz: „Das eigentliche Problem ist“)
Auf den Punkt! Und eben weil ich nicht ellenlang wie ein Nachrichtenmedium klingen will, blogge ich dann lieber garnicht – auch kein guter Zustand! Hilfsweise zitiere ich hier und da Perplexity ganz offiziell, stelle Frage und Antwort dar – oder verlinke auch mal ganze Dialoge. Aber noch gibt es keine Routine für den Bedarf „kurze Zusammenfassung“ in einem blog-kompatiblem Stil.
Du sollst belegen können!
Ein weiteres Motiv für die Nutzug von KI fürs Bloggen ist das Auffinden zitierfähiger Quellen. Früher gab es noch nicht diesen Anspruch, jeden Halbsatz irgendwie BELEGEN zu können bzw. zu sollen, aber mittlerweile ist der „Link zur Quelle“ Standard. Meinungen sollte man begründen können, will man ernst genommen werden. Die Fakten und Ereignisse, aus der sich Meinung erst entwickelt, sollten keine bloßen, „unbelegbaren“ Behauptungen sein. Für ein komplexeres Thema Quellen zu finden, die meinen Ansprüchen genügen, aber auch für die – vermuteten – Mitlesenden passen, macht allerdings richtig Arbeit. (Deshalb muss Journalimus bezahlt werden, ich blogge hier aber nur :-).
Perplexity schafft zum Glück jegliche Recherche zügig, wenn ich im Prompt sehr klare Anweisungen gebe. Wenn ich z.B. aus einem 35-minütigem US-Video etwas erfahre, über das ich bloggen möchte, dann weiß ich: Niemand will als Blogbesucher erst ein Video anschauen, um einem Blogartikel inhaltlich folgen zu können. Auch versteht nicht jede/r gut Englisch, schon garnicht so manch‘ schnellen US-Slang. Also lasse ich die KI nach Artikeln zum Thema suchen, wenn möglich nach deutschsprachigen, und verlinke sie als Belege. Das hat auch Vorteile für die Quellen, denn ich schaue mir die Artikel zuvor an, sie bekommen also Abrufe und vielleicht sogar einen Link.
Fazit: Es wird noch ein wenig dauern, bis die Fähigkeiten der diversen KIs zufriedenstellend „verdaut“ sind, idealerweise so, dass die Freude am Bloggen und Blogs lesen erhalten bleibt. Blogs sollten nicht zu „sonderbar leeren redaktionellen Seiten“ werden, sondern ganz im Gegenteil zum Kommentieren und Diskutieren anregen – zumindest wünsche ich mir das als eine, die gerne politisch bloggt.
Auch zum Thema (grade erst entdeckt!):
- Keiner braucht KI in privaten Blogs (Thomas Grigold)
- KI im Blog: Muss das so? (Henning Uhle)
- Schreiben mit ChatGPT – ehrlich gesagt … (Horst Schulte)
Sehenswert:
- Baudrillard: Die Welt als Simulation. (Salvatore Princi)
- The Reality Crisis: The Rise of AI Psychosis (The Functional Melancholic)
- How What I Do Is Threatened by AI (Ask Leo! Bringt die existenzille Krise aller Web-Publisher auf den Punkt)
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6 Kommentare zu „Warum KI beim politischen Bloggen helfen kann – vielleicht sogar muss“.