Claudia am 12. Juli 2001 — 1 Kommentar

Was du nicht erfühlen kannst, das wirst du nicht erjagen

Vier Tage ohne Diary. Ohne mich zu verbiegen bzw. „zusammenzureißen“ hätte ich einfach keinen sinnvollen Satz hinschreiben können, also laß ich es lieber ganz. Eine Phase der Leere hat mich im Griff: Der große Umzug ist überstanden, die Stadt wieder ein Stück Normalität geworden – und was kommt jetzt?

Von alleine kommt nichts, allenfalls Verschlechterungen der Situation. Wer nicht vorwärts strebt, muß mit Rückschlägen rechnen, wer nicht expandiert, verliert Einflußgebiete, das Wachstumsgebot gilt in jeder Hinsicht, nicht nur in der Wirtschaft. Man kann diesen Prozeß vom Äußeren nach innen verlagern, doch auch hier gibt es kein Entkommen. Jedes Beharren auf einmal gewonnenen Einsichten und Positionen, jedes Festhalten an mühsam oder glücklich erreichten Geisteshaltungen erweist sich irgendwann als ungenügend und wird zum Problem, zum Klotz am Bein – wenn man mal davon ausgeht, dass das Bein immer weiß, wohin es will: vorwärts nämlich, wieder einen Schritt weiter.

Wo aber ist „weiter“? Das Loch, in dem ich mich schon einige Zeit aufhalte, kurzfristig überdeckt von ablenkenden Umzugsaktivitäten, besteht genau darin, daß ich das nicht sehen kann. Ganz deutlich ist der Unterschied zu früher, wo ich die richtige Richtung immer zu wissen glaubte: Getrieben von Ehrgeiz oder Angst, etwas zu verlieren, ergriff ich die nächstbeste Möglichkeit, mich oder meine äußere Situation (eh zwei Seiten derselben Medaille) zu verändern. Zwar ging ich dabei gelegentlich in die Irre und schrammte an die nächste Wand – aber immerhin war da Bewegung! Heute sind Angst und Ehrgeiz blasse Oberflächenphänomene, solange es nicht „ans Eingemachte“ geht, reichen sie einfach nicht mehr aus, um mich in Bewegung zu versetzen. Ich spüre sie nicht mehr tief in Herz und Bauch, sie sind eher wie Erinnerungen, mehr Gedanken als Gefühle: Wenn ich SO weiter mache, wird gewiss etwas Schlimmes passieren… aber noch FÜHLE ich es nicht, weder etwas Schlimmes, das mich bedroht, noch etwas Wunderbares, das mich unwiderstehlich locken könnte.

Bewegung, kontinuierliche Veränderung – das Leben ist ein Fluß und wenn wir es nicht schaffen, auf die je individuell angemessene Weise mitzuschwimmen, bilden wir ein Hindernis, das irgendwann vom Strom auseinandergerissen wird. Manche fahren einfach mit dem Auto herum, ganz jenseits irgendwelcher Ziele gibt das „In Bewegung sein“ ein gutes Gefühl – vielleicht ist deshalb der kollektive Unmut über steigende Benzinpreise immer so groß.

Das „Eingemachte“ ist für mich mittlerweile die körperliche Befindlichkeit: Gesundheit, Essen und Trinken, Kleidung, Wohnung. Wenn hier Angriffe drohen, geh‘ ich mit Sicherheit erstmal in eine engagierte Verteidigungshaltung – ob das nun Aussicht auf Erfolg hat oder nicht. Ich glaube nicht daran, diesen Grundautomatismus lebendiger Wesen überwinden zu können, sterben „als ob“ ist auf der körperlichen Ebene nicht möglich. Psychisch-geistig ist dagegen jedes Scheitern und jede Desillusionierung eine Art Tod, ein Stück Identität zerbricht unter mehr oder weniger Schmerzen und Verzweiflung. Immerhin wird im Lauf der Zeit erkenntlich, daß all diese Identifizierungen selbst geschaffen oder von anderen übernommen sind: Software sozusagen, alles halb so wild, es gibt ja „copy & paste“, wenn man die Leere nicht aushält.

Halte ich sie aus? Zur Zeit nicht besonders gut, doch will mir auch kein „Copy & Paste“ gelingen, nicht mal, wenn ich mich darum bemühe. Zu wissen, dass die Leere kein Vakuum ist, sondern eben dieser Fluß, die Gesamtheit aller veränderlichen Dinge, das Nichts, aus dem die Fülle kommt – hm, hört sich gut an, hilft mir aber auch nicht viel, wenn ich mich gefordert fühle, endlich eine oder mehrere Möglichkeiten von vielen zu wählen und mich zu engagieren. Das Wählen basiert auf einem Gefühl: DIESES will ich und nicht jenes. Rein rational das Leben planen, im Grunde „abwickeln“, ist mir noch nie gelungen. Aber zur Zeit fühle ich nichts, jedenfalls nichts, was mir eine Wahl leicht machen würde. „Und was du nicht erfühlen kannst, das wirst du nicht erjagen“ (Goethe).

Um handlungsleitende Gefühle zu aktivieren, gibt es die Möglichkeit, sich mit Wünschen zu befassen. Vor 15 Jahren war ich mal in einer Selbsthilfegruppe, die sich erfolgreich mit dieser Methode beschäftigte: Was wünschen wir uns? Stellen wir es uns doch plastisch vor, machen wir eine Liste, überprüfen wir die Wünsche anhand unserer Werte – und dann verwirklichen wir sie und helfen uns gegenseitig dabei. Das hat sogar oft geklappt, doch heute ist mir das ganze Vorgehen so fern wie ein Leben in der Antarktis. Was sollte ich auch wünschen? Genug Geld, um meine Tage in einem Wellness-Center mit Spitzen-Saunalandschaft zu verbringen? Das würde auch bald langweilen!

Wen langweilen? MICH. Das ist der Fehler, an dem ich festhänge. Dieses Ich ist genauso leer und substanzlos wie alles andere. Es hat nicht mal eine RELATIVE Perspektive wie etwa der Magen, der zur Verdauung da ist und sich darüber keine Gedanken macht. Trotzdem im Rahmen dieses substanzlosen Ichs zu verharren und von daher wählen zu wollen, funktioniert irgendwann einfach nicht mehr. Und was dann?

Die „Leistung“ großer Religionen im Unterschied zu unzähligen spirituellen Lehren sehe ich heute darin, daß ihr Dreh- und Angelpunkt nicht Erkenntnis, Erlösung oder Erleuchtung ist, sondern allumfassende Liebe. Den jeweiligen Religionsgründern und vielen ihrer Nachfolger ist es offenbar gelungen, den Rahmen des Ich nicht nur zu verlassen, sondern im Blick auf die vielen in den verschiedensten Laufrädern strampelnden Wesen echtes Mitgefühl zu entwickeln. Ein nicht mehr persönliches Gefühl, eher ein Zustand als ein Empfinden, aber unglaublich handlungsleitend.
Schön, dass es auf der Welt wenigstens ein paar Menschen gegeben hat, die über sich hinaus konnten – und von „dort“ auch etwas – das Allerwichtigste! – mitgebracht haben.

Na, ich glaub‘, ich mach‘ jetzt besser mal einen Spaziergang – immerhin bringt das Bewegung!

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Ein Kommentar zu „Was du nicht erfühlen kannst, das wirst du nicht erjagen“.

  1. […] und Lebensgefährten, aber schonungslos offen in Bezug auf eigene Abgründe, Miesepetrigkeiten, Stagnationen und Inspirationen. Viel Lebenskunst, spirituelle Einsichten, Lebensweisheiten waren auch immer […]

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