Claudia am 17. August 2001 —

Nüchtern trunken: Adieu AA!

Mein Diary-Eintrag „Auf dem Meeting„, in dem ich in aller Kürze meine Geschichte mit dem Alkohol berichte, hat viel positive Resonanz erfahren – im Forum, aber mehr noch per Privatmail. Mich hat es entspannter und glücklicher gemacht, auch von dieser Seite meines Lebens hier zu sprechen, ohne die ich nicht das wäre, was ich geworden bin – und hier zitier‘ ich mal mutig das geflügelte Wort unseres offen schwulen Bürgermeisters: Das ist auch gut so!

Es gibt im Leben allerdings nur selten eine Plattform, auf der man sich ohne Schaden lange ausruhen kann, und es gibt auch keine Wege zurück! Das mußte ich auf den AA-Meetings erfahren, die ich – nach dem ersten – binnen weniger Tage noch besuchte, drei insgesamt. Es war ein Eintauchen in die Vergangenheit, anheimelnd, tröstlich, liebevoll, schöne Erinnerungen wach rufend, aber doch: vorbei! Fast wie ein friedlicher Besuch bei den alt gewordenen Eltern – es ist gemütlich, es wird einem warm ums Herz, aber mehr und mehr spürt man eine unaufhebbare Trennung: Über die HEUTE wichtigen Dinge kann man nicht mehr mit ihnen sprechen, nicht wirklich….

Die Anonymen Alkoholiker sind eine wahrhaft großartige Institution, für deren Existenz man nur dankbar sein kann. Eine der besonders erwähnenswerten Großartigkeiten ist die Tatsache, dass sie voll und ganz unabhängig von Personen existieren. Es gibt keine Gurus oder auch nur weithin bekannte Funktionäre und Leithammel, nichts dergleichen! Weit über ein halbes Jahrhundert schon nicht, in der AA über den Globus expandierte und unzähligen Alkoholikern ein „trockenes Leben“ ermöglichte.

Wenn nicht Personen, was dann? „Prinzipien über Personen stellen“ heisst es in den „12 Traditionen“ und den AA gelingt das auch! Denn AA ist ein aus Erfahrung erwachsenes Gedankengebäude, eine Einübung in eine Geisteshaltung, die in einem umfangreichen Schrifttum niedergelegt ist. Zusammen mit den Meetings, die jedem jederzeit ermöglichen, unter Menschen zu kommen, konkurrenzfreie Gemeinschaft zu erfahren und von sich zu sprechen, bietet AA so ein „inneres Haus“, in das man sich zurückziehen kann, wenn draußen die Wogen so hoch gehen, dass man unterzugehen droht.

Geht mir das heute so? Nein, schon lang nicht mehr! Wenn ich gefragt würde, was „mein Problem“ ist, würde ich nur antworten können: Der Hang zum Einschlafen, die immer wieder im Alltag hervorbrechende geistige Trägheit, die zu Bequemlichkeit, Sicherheitsdenken und Erstarrung führt. Wenn ich mich dem allzu lange hingebe, dann verkümmert meine Lebendigkeit und ich greife eben zu altgewohnten Mitteln, mich für ein paar Stunden aus der Langeweile auszuklinken – Chianti zum Beispiel.

Was mich daran, bzw. an einem so gelegentlich herbeigeführten „Abstürzen“ heute noch schreckt, ist zum einen das „innere Haus“ der AA selbst („einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker“, „Alkoholismus ist eine unheilbare Krankheit, nur 100%ige Trockenheit garantiert geistige Gesundheit“, etc.), das jedes Trinken als Rückfall in geistige Umnachtung einstuft. Zum andern – und das ist wirklich MEIN Thema – ist es die Diskrepanz zwischen der Person, die ich nüchtern und wachbewußt für mich und andere bin – und der anderen, die sich zeigt, wenn ich trinke. Ich nenne sie immer noch Mrs.Hide, obwohl sie längst nicht mehr so schrecklich ist wie noch vor 12 Jahren. Sie schreibt zum Beispiel extrem gefühlige Mails, wenn sie an die Tastatur kommt, weil ich vergaß, den PC rechtzeitig herunterzufahren. Gefühlig heißt: ungewöhnlich liebevoll, aber jederzeit ins Agressive umschlagend, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, kindlich-emotional, dazu gelegentlich erotisch sehr direkt – das sonst durch bewußte Kontrolle eigenen Seins ins Abseits gedrängte holt sich sein Stück vom Leben.

Dass ich heute am ganzen „Komplex Alkohol“ unendlich viel weniger „leide“ als zu Zeiten meiner Suff-Phase mitte dreissig, liegt u.a. darin begründet, dass die Fallhöhe im „Absturz“ weit geringer geworden ist. Im ganz normal-nüchternen Leben bin ich immer weniger bereit, mich in eine Form zu zwingen, die ich nicht auch genießen kann, sondern nur „um-zu“ annehmen zu müssen glaube. Es wird immer deutlicher: Indem ich lerne, auch nüchtern trunken zu sein, verliert der Alkohol seine verbliebene Anziehungskraft – und damit auch sein zerstörerisches Potenzial. (Das ist. jetzt z.B. ein Schritt, den man „mit AA“ im Denken nicht tun kann, obwohl das ganze „Umerziehungsprogramm“ genau darauf hinausläuft: Alles annehmen, was ist! Jedes Trinken muß jedoch absolut tabuisiert bleiben, sonst verlöre AA das eigene Zentrum: Die Kraft, hoffnungslos in den Alkohol verstrickten Menschen wieder zu einem normalen Leben zu verhelfen).

Für mich bedeutet „nüchterne Trunkenheit“ vor allem, die coole Rationalität zu überschreiten, die Dasein und Sprache gleichermaßen einengt. Und zwar in aller Wachheit, im „Normalfall“, nicht in einer stundenweisen Auszeit, die man sich „zum Ausgleich“ dann halt mal gönnt, die aber gleichzeitig möglichst bedeutungslos bleiben soll für die Frage „Wer bin ich?“ und mehr noch für „Wie will ich gesehen werden?“.

Das schreibt sich so locker hin! Wer aber in der Rationalität das erste rettende Zuhause im Leben gefunden hat (damals, Schule war für mich RETTUNG!), tut sich etwas schwerer damit, das „ganz Andere“ zuzulassen: als wirklich existent, als Teil des Lebens, als – sogar wichtigerer – Teil meiner selbst. Was ich sein will, hab‘ ich mir immer gern ausgedacht und dann versucht, dem bestmöglich zu entsprechen. Immer neu entsteht eine „Vorstellung“ vom Ich, eine, die ich auch immer wieder automatenhaft verteidige. Und indem sie entsteht und verteidigt wird, erneuert sich die Spaltung: Hier die gesellschaftsfähige Vorzeige-Person – und irgendwo im Dunkeln lauert Mrs. Hide.

Alkohol – und alle Drogen – sind einerseits Lehrer, die dieses Spannungsfeld eindrücklich bewußt machen können. Regelmäßig „zu Zwecken“ verwendet, sind es unlautere Mittel: Man holt sich etwas, vermeintlich schnell und billig, was man eigentlich erarbeiten müßte: wofür man Stück für Stück in dem sterben muß, was als Vorstellung von Persönlichkeit im eig’nen Kopf lebt und herrscht bis in die Muskulatur und die Atmung hinein. Dass man es über „Pulle oder Pille“ bekäme, ist zudem eine Täuschung, eine gefährliche Illusion. Man bekommt im besten Fall eine „Ansicht“ der Sache, um die es geht, noch dazu eine recht verzerrte. Wer sich entscheidet, nur immer wieder die „Ansicht“ abzurufen, anstatt sich der Sache selbst zuzuwenden, bezahlt mit dem Leben. So oder so.