Claudia am 29. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Wohnen & Wünschen

Wohnen & Wünschen

über die Frage nach dem richtigen Wohnen tut sich mir die Welt des Wünschens wieder auf. Es erscheint mir als ein kleines Wunder und fühlt sich völlig neu an. Ihr könnt ruhig darüber lachen, doch ich habe tatsächlich geglaubt, ich wäre da heraus gewachsen, geläutert, ein Stück weit heilig geworden, weil vermeintlich frei von materiellen MEHR-Bedürfnissen. Schließlich hegte ich Jahre lang keine konkreten Vorstellungen mehr, WIE und WAS ich im persönlichen Umfeld gerne anders gewollt hätte, als es war und noch ist.

Welch ein Irrtum! Ich war einfach erstarrt in einer lange Jahre eingeübten Haltung, die ein bestimmtes Leben zu zweit erst ermöglichte: eine Form, die ja in jedem Fall ein Konstrukt aus Kompromissen ist. Wenn man dann noch den Frieden über alles setzt und Auseinandersetzungen meidet, muss man sich nicht wundern, dass die Form sich nicht mit der eigenen Veränderung entwickelt, sondern nach und nach zum festen Gehäuse erstarrt, das nicht mehr allzu viel Leben beinhaltet.

Im Zuge des Umziehens entschwindet nun nicht nur DIESE, sondern – zumindest für den Moment – JEDE Form eines gewohnheitsgestützten Alltagslebens. Ich kann mich nicht mehr wirklich an ein „vorher“ erinnern, in das ich zurückfallen könnte – und stehe so vor dem Nichts, vor einer Leere.

Diese wirkt allerdings – wieder nur für den Moment gesprochen – nicht gefährlich, sondern als die Fülle, zumindest der Möglichkeit nach. Wobei diese Fülle noch nicht durch bestimmte Wunschbilder ausdefiniert ist, sondern da ist einfach nur offene Weite – freier Raum, noch ganz ohne Stress, ihn irgendwie füllen zu müssen.

Ausnahme: über die künftige Wohnung nachdenkend, die Basistation zur Erkundung dieser unbekannten Fülle, erlebe ich auf einmal wieder konkrete Vorstellungen und Wünsche! Es ist, als fließe eine neue Energie durch meine Nervenfasern und alles fällt an seinen Platz: Die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, das leibhaftige Erleben und spürende Erleiden der jeweiligen Umwelt, das mir – anders als früher – heute selbstverständlich ist, bekommt auf einmal den Sinn, der ihm für mein Empfinden lange fehlte: ich richte mich danach! Wenn mich Morgensonne froh stimmt, dann ist ein Ostzimmer morgens genau richtig. Wenn ein Blick in die Weite für meine Psyche ein Lebenselexier bedeutet, werde ich mich nicht in einen Stadtteil vergraben, in dem es nur Häuserschluchten gibt – und seien die Häuser und Menschen dort noch so interessant.

Spüren, fühlen, leben…

Es scheint auf einmal möglich, auf eine Weise zu leben, die ich bisher nur als Herangehensweise bei der Gestaltung von Webseiten kannte: wenn eine Proportion nicht stimmt, eine Farbe sich mit der anderen beisst, tut das richtig WEH – und ich ändere es. So entstehen meine Webwelten, von denen viele sagen, sie seien recht ansprechend. Warum nur ist es so unendlich schwer und langwierig, mit der Lebenswelt auf dieselbe Weise zu verfahren???

Was ich hier sagen will, klingt vermutlich für viele ganz banal: Wer richtet sich denn NICHT nach den eigenen Wünschen? Wer möchte NICHT die Dinge so gestalten, dass sie ihm behagen und Zustände vermeiden, die unangenehm wirken?

Ich kann den Unterschied, den ich meine, an mir selbst am besten erläutern: natürlich hatte ich von Kindheit an „Wünsche“, wollte dieses und jenes haben, strebte nach Bewegungsfreiheit, nach Anerkennung, und nach allem, was bei den Menschen, die mir wichtig waren, „angesagt“ schien. Später begann ich, gesellschaftliche Werte in dieses Motivationskorsett einzubauen: was dem (recht abstrakten!) „Gemeinschaftsgedanken“ nützt, ist auch gut und soll verwirklicht werden – ein Motiv, das bei entsprechender Gemütslage gern auch ins Gegenteil umkippt: alles, was der Selbstverwirklichung des Individuums nützt, ist gut!

So füllt sich das Pantheon der obersten Werte: nach Peergroup, Individum und allerlei Gemeinschaften folgen Friede und soziale Gerechtigkeit, Erhaltung der Natur, bis hin zur Gesundheit, die in vorgerücktem Alter ins Zentrum des Interesse rückt – eine Gesundheit, die man sich dann meist von Labors ertesten und vom Arzt bestätigen lassen muss, weil jeder direkte Zugang dazu verloren gegangen ist.

Damit ist angesprochen, was ich meine: alle diese Wertsetzungen hatten nichts mit mir zu tun, sondern wurden von wem auch immer übernommen bzw. aus abstraktem Denken hergeleitet. Dazu dient auch der irrsinnige Input aus Geschriebenen, die vielen Worte der Weisen und die Erkenntnisse der Wissenschaften bis hin zum ständigen Trommelfeuer der Werbung, die uns vor Augen führt, wie wir sein sollen und leider immer noch nicht sind.

Im Normalfall kommt mensch vielleicht gar nie auf die Idee, mal zu bemerken: all das hat ja gewiss seine Wahrheit und seinen Sinn – aber WAS BITTE hat das mit mir zu tun? Mit dem ganz konkreten Menschen, der ich über die Jahre geworden bin?

Und selbst wenn er aufkommt, dieser Gedanke, so ist doch nichts gewonnen, solange er allein bleibt, solang ihm kein Erleben, Leiden, Genießen, Verlangen, kein FüHLEN zur Seite steht. Als reiner Gedanke wird er gleich wieder vom nächsten verdrängt, der mit gleichem Recht sagt: Interessiert doch eh niemanden, wichtig ist jetzt der Ausgleich zwischen der ersten und der dritten Welt, die Rettung des Rentensystems, die Verhinderung des IRAK-Kriegs oder auch die Weiterentwicklung der „Grünen Meme“ in den gelben Bereich hinein. Im übrigen zeigt deine Körperfettmessung katastrophale Werte an, kümmer dich lieber mal darum!

Diese, so normal wirkende Art und Weise des „Lebens aus dem Denken“, gerät schnell zu einer Hetze, einem ewigen Pendeln zwischen Anstrengung und Scheitern, zwischen Euphorie und Zynismus, und echte Befriedigungen sind selten – was sollte das auch sein? Kurze Momente des Erfolgs, wenn etwas erreicht wurde, das von solchen Wertsetzungen bzw. Autoritäten gefordert ist? Nur Momente, nur Gedanken – üblicherweise gedacht in einem Körper, dessen Brust- und Zwischenrippenmuskulatur kaum mehr beweglich und zu echter Freude physisch gar nicht mehr fähig ist.

…atmen!

Seit einigen Wochen assistiere ich Dienstags meinem Lehrer Hans-Peter Hempel im Kurs „Yoga für Anfänger“ an der Technischen Universität – es sind immer so zwischen 14 bis 24 Studentinnen und Studenten, junge Leute, bei denen eigentlich noch nicht so viel kaputt sein dürfte. Aber wie sie ATMEN, bzw. NICHT ATMEN! Es erschreckt mich – und doch erinnere ich mich, dass ich mit 36 ganz genauso war und alles ganz normal fand. (Dass es mir körperlich total beschissen ging, hatte ich zu ignorieren gelernt).

Es ist jedoch alles andere als „normal“, wenn man als Norm einen beweglichen und durchatmeten leibseelischen Gesamtorganismus setzt. Dieser würde nach einer Anstrengung, wie sie eine Yoga-übung darstellt, in einer Art Resonanz bzw. in einem Nachhall „automatisch“ ca. dreimal verstärkt einatmen. Und zwar deshalb, weil während der Anstrengungsphase üblicherweise eine gewisse Atemnot aufkommt (erst der weit fortgeschrittene Yogi hat gelernt, auch WÄHREND der Anspannung genügend einzuatmen und hat diese Reaktion nicht mehr nötig).

Statt dessen: Nichts! Bei bestimmt zwei Dritteln bewegt sich der Brustkorb praktisch gar nicht mehr. Sie sind auch allesamt sehr still: kein Stöhnen, kein hörbares Ausatmen – zu jeder eigentlich „natürlichen“ psychophysischen Lebensäußerung müssen sie erst langwierig ermuntert, gefordert, motiviert werden – und gelgentlich auch BERüHRT. Sonst wüßten sie vielleicht gar nicht, WO der Brustkorb ist, bzw. kennen ihn nur als Bild aus dem Spiegel, wenn sie kontrollieren, ob der eigene Body den Bildern aus den Medien ähnelt (…Waschbrettbauch? Bauch/Beine/Po? ).

Bin ich abgeschweift? Eigentlich nicht. Der Körper ist die Basis allen In-Der-Welt-Seins. Als Instrument der Wahrnehmung von Qualitäten kann er nur funktionieren, wenn alle seine Systeme frei funktionieren, in ständiger Interaktion mit der Welt und mit den eigenen Prozessen. Auf dieser Basis steht die Zwischenwelt der Empfindungen und Gefühle, die einerseits als körperliche Phänomene spürbar, andrerseits von der Welt des Denkens her beeinflussbar sind – Empfindungen („ahhhh, was für ein schöner Raum!“) eher weniger, Gefühle wie Zorn, Trauer, Sympahtie eher mehr.

Einem Menschen, der von Kind an in ein hypertrophiertes Denken hinein erzogen wird und dessen Körper- und Gefühlsebenen entsprechend verkümmert sind, dem bleibt nur das „rechnende Denken“, das Denken in Quantitäten und abstrakten Werten. Wobei für den, der im konkreten Einzelfall eigentlich nichts mehr spürt, abstrakte Werte nichtssagend und beliebig gegeneinander austauschbar sind. Ein diffuses Gefühl der Verweiflung ist das Ergebnis, gewisse Reste von Impulsen streben immer noch nach dem Guten/Wahren und Schönen, nach dem Angenehmen und Freudvollen, Nach Liebe, sonne, Wärme und Zärtlichkeit – aber ein übergroßer Teil des eigenen Wesens schneidet diese Impulse ab und sagt: Das gibt es nicht! Du träumst! Sei vernünftig! Und was dergleichen Teufelssprüche mehr sind.

Ich hör jetzt auf, denn die Arbeit ruft. Sollte ein lieber Leser jetzt meinen, mit dem, was ich hier schreibe, werde weder die Welt gerettet noch ein Staat gemacht, dann kann ich nur sagen: Wir haben ja schon eine Welt und einen Staat – von denen „gemacht“, die kaum mehr atmen und fast nichts spüren, die also hauptsächlich abstrahieren und berechnen anstatt mitzufühlen, zu sorgen und zu lieben. Zufrieden damit???

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Claudia am 21. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Fühlen, schlemmen, zu viel sitzen

Fühlen, schlemmen, zu viel sitzen

Die Wohnungssuche schreitet voran! Ich hab‘ etwas in Aussicht und recht gute Chancen, es auch zu bekommen. Mein erster Plan, die Wohnung direkt neben der jetzigen zu mieten, die seit längerem leer steht, war vor ein paar Wochen gescheitert, doch jetzt auf einmal bietet die Hausverwaltung sie mir DIREKT an – ohne Makler. Plötzlich hab ich freie Auswahl, aber mein Gefühl hat schon anders entschieden: nicht mehr der TOP-STANDARD eines grundsanierten Altbaus, sondern eine Wohnung als „Aufgabe“, zwar von der Mieterin modernisiert, aber doch so, dass für mich – SOFERN es überhaupt klappt – jede Menge zu tun bleibt. Einen wunderbaren Blick in die Weite bietet die Wohnung auch – ein echter Glücksfall.

Freu dich nicht zu früh, sagt mir ein lieber Freund. Wenn es sich dann zerschlägt, bist du enttäuscht! Was aber, das frag ich mich dann, sollen wir im Leben eigentlich fühlen, wenn wir uns dem Verlangen, der Sehnsucht, der Hoffnung verweigern, weil wir die Enttäuschung, die Traurigkeit, den Verlust scheuen?

Viel essen, gut essen und trotzdem abnehmen – wer wünscht sich das nicht? Und genau das erlebe ich seit etwa zwei Wochen! Seit ich im Mai mit dem Rauchen aufgehört hatte, war ich kontinuierlich schwerer geworden, so drei, vier Kilo, mit der Tendenz zum weiter wachsen. Das hat mir nicht mehr gefallen, bin also mal dem Hinweis aus einer Mailingliste gefolgt: Kohlsuppendiät! Das hört sich dermaßen absurd an, aber ich dachte: WENN ich schon sowas Irres mache wie eine Diät, dann kann es ruhig gleich was ganz Verrücktes sein! Natürlich hab‘ ich nicht „5 Kilo in einer Woche“ abgenommen, wie es der Umschlag des kleinen Buches „die magische Kohlsuppe“ versprochen hatte (sie meinten damit auch den Verlust an Wasser, der bei völliger Befolgung der Rezepte und weitgehendem Salzverzicht einsetzt). Aber ich hab‘ eine neue Weise des Essens kennen gelernt: warme Suppen am Mittag, richtig scharf statt besonders salzig, über den Tag dazu jede Menge Obst und/oder Gemüse, gelegentlich Fisch und Geflügel – also das ist wirklich eine Essweise, die mich zufrieden stellt. Und ich nehme täglich ab, tatsächlich, obwohl ich soviel esse wie sonst nie.

Was mir hauptsächlich in dieser Erfahrung aufgefallen ist: Wie sehr man doch gewisse Überzeugungen verinnerlicht hat, die gar nie im Bewußtsein stehen und deshalb auch nicht mehr hinterfragt werden! Man schleppt sie als Altlasten mit sich, sie bestimmen das Leben und man denkt, die Welt sei nun mal so – dabei schaffen diese überzeugungen ihre jeweilige Erfahrung!
So ist offensichtlich bei mir die Überzeugung sehr stark gewesen, eine „gesunde“ Ernährung, die auch noch zum Abspecken führt, sei in jedem Fall eine Form von Darben, von Sich-Zusammen-Reißen, von kontrolliertem Essen, das nie den tatsächlichen Appetit befriedigt. Vielleicht im schlimmsten Fall mal für ein paar Tage lebbar, aber gewiß nicht als Alltag! Für eine abstrakte Gesundheit und ein sowieso unerreichbares (ebenso ungesundes, bzw. verrücktes!) Hungerharken-Schönheitsideal ein viel zu hoher Preis.

Tatsache ist, ich hab noch selten so viel geschlemmt wie derzeit! Der trübe November macht echt Appetit, ich halte mich (mal versuchsweise) an keinerlei Mengen- und Zeit-Vorgaben, sondern esse, wann und wieviel ich Lust habe. Dabei erlebe ich wirklich jede Menge „Du sollst nicht-…“, die sich protestierend zu Wort melden, wenn ich etwa den dritten Teller Suppe verdrücke – ODER wenn ich schon eine Stunde später einen Obstsalat zubereite. Mein Askese-Über-Ich schlägt die Hände über dem Kopf zusammen – und ich nehme ab! Fühl mich dabei ganz wunderbar, denn schon zwei Kilo weniger ergeben ein Gefühl zunehmender Leichtigkeit. Mittlerweile hat auch dieses gesteigert Eßbedürfnis wieder deutlich nachgelassen.

Arbeiten und Sitzen

Immer noch bzw. schon wieder arbeite ich ungeheuer viel. Komme praktisch nicht mehr zu privaten Dingen, keine Mailinglisten mehr, kein Herumsurfen, lange schon kein Diary-Eintrag. Ein paar liebe Leute müßten Mail von mir bekommen, andere will ich eigentlich anrufen, die Gründung meiner Coaching-Gruppe zum hoffentlich nützlichen regelmäßigen Austausch (Freiberuflerinnen) schleppt sich auch so dahin und wartet auf meinen Einsatz – Himmel, es kann sich eigentlich nur noch um Stunden, wenige Tage handeln, bis sich der Dschungel lichtet!

Das sag ich mir und anderen schon ein paar Wochen lang, aber bisher hat es sich dann immer anders dargestellt. Nun ja, ich will ja umziehen, ich werde Geld brauchen, zudem sind meine Kunden allesamt wirklich angenehme Menschen, mit denen ich gern Kontakt habe – und trotzdem ist es manchmal heftig für mich. Im Grunde bin ich eine weniger „ausgelastete“ Gangart gewöhnt – vielleicht aber auch einfach mal urlaubsreif?

Manchmal macht der Körper nicht mehr mit. Das viele Sitzen auf dem tollen Grahl-Duo-Back-Bürostuhl, den ich mir für teueres Geld vor ein paar Jahren als letzte und beste Lösung zugelegt hatte, macht mich krank! Ich sitze offensichtlich so bequem, dass ich (erstmal) alles Physische vergesse – nur meine Wirbelsäule vergißt nicht. Über den Tag staucht ständiges Sitzen sie zusammen, was zunehmend unerträgliche Folgen zeitigt. Und ich MERKE es dann doch, es ist ja nicht so, dass es mir schlecht ginge und ich müßte mich fragen: Woher kommt das jetzt wohl? Nein, ich merke oft und oft über den Tag, dass es nun eigentlich reicht – und doch gibt es nun mal Zeiten, wo ich dieser Einsicht nicht folge. Bis es schlicht nicht mehr geht und es mich vom Stuhl weg treibt! Gestern hab ich den tollen Stuhl mal beiseite gestellt und einen schlichten Holzstuhl benutzt, es war eine Erholung. Da kann man nämlich gar nicht erst solange drauf sitzen.

Tja, die einfachen Dinge, die Basics, sind die interessanten Spielfelder, auf denen sich immer wieder etwas ändert, sich immer wieder Herausforderungen und Leiden zeigen, aber auch erstaunliche neue Erfahrungen machen lassen. Wohnen, essen, sitzen. Handeln, fühlen, das ganz Konkrete erleben – so komme ich zum Mittelpunkt der Welt.

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Claudia am 17. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Wohnen

Vom Wohnen

Vom Wohnen

Es ist Sonntag. Der Tag, für den ich mir extra angewöhnt habe, nichts „Richtiges“ zu arbeiten, ganz gewiss keine Arbeit für Geld. Seither gibt’s für mich (endlich!) ein stinknormales Wochenende, spät, aber doch noch. Und kaum ist das Normalität geworden, gehts schon nicht mehr anders: selbst wenn ich – wie jetzt – plötzlich arbeiten WILL. Den ganzen Tag schon sag ich zu mir: jetzt klotz erstmal zwei-, drei Stunden ran, mach diesen Entwurf zur Website, wie versprochen – und DANACH kannst du ja dann Diary schreiben, in die Sauna oder ins Fitness-Center gehen, einen Spaziergang machen, lesen oder einfach abliegen und den atem spüren. Es ist genug Zeit dafür – danach! aus alledem ist aber nichts geworden: Weil ich es nicht über mich bekomme, heute am Sonntag ernsthaft zu arbeiten, und seien es nur zwei Stunden, wie ich es mir ausnahmsweise verordnet hatte. (Derzeit schaffe ich nicht alles in der Woche). So kann es gehen mit der Selbsterziehung: Man hat Erfolg, und dann ist’s auch wieder nicht recht.

*

Das Wohnung-Suchen hat noch nicht sehr ernsthaft angefangen. Bis Ende Januar will ich umgezogen sein, da ist es noch lange hin! Wenn ich in den Wohnungsanzeigen wühle, merke ich, dass ich innerlich noch nicht so weit bin. Da ist einfach keine Vorstellung, WIE ich wohnen will. Nach zehn Jahren wieder alleine zu leben, erscheint mir als die größtmögliche Veränderung – darüber hinaus auch noch kreativ an die Wohnungsfrage selbst heran zu gehen, überfordert mich.

Doch empfinde ich eine starke Veränderung in Sachen „wohnen“ gegenüber früher. auf einmal ist mir nämlich wichtig, WIE ich wohne. Mit fünfundzwanzig und fünfunddreißig war allein die Miethöhe und die Lage wichtig, der richtige Stadtteil mit „Anschlüssen“ an die richtigen Kiez-Öffentlichkeiten. (In Berlin hatte ich Anfang der 80ger „das Dorf“ entdeckt.) Und dann noch ein paar selbstverständliche Basiseigenschaften: genug Licht, genug Platz – ansonsten war ich kompromissbereit, Hauptsache, die Lage und der Preis stimmten. Im Grunde konnte man mein „mieten“ auch kaum „wohnen“ nennen, denn ich war damals eher selten zuhause, eigentlich ständig unterwegs. Oder mit dem jeweiligen Liebsten zusammen, jedenfalls nie allein.

Heute bin ich über’s Netz an meine Öffentlichkeiten „angeschlossen“, der Stadtraum spielt eher eine ästhetische, denn eine kommunikative Rolle: ich möchte kurze Gänge machen können, ohne depressiv zu werden, ohne immer nur miesepetrige Menschen auf den Straßen zu begegnen. Und ich liebe es locker, leger und informell. Die bedeutungsgeile Gestelztheit, die vom kontinuierlichen Besser-Verdienen kommt, ist mir ein Graus. andrerseits finde ich dieses Friedrichshainer „Szene-Viertel“ um Simon-Dach-Straße und Boxhagener Platz auch selber einen Zacken ZU schmuddelig: relativ viel Müll, alles voller Graffiti, viele Kneipen, viele Penner und Besoffene zwischen all den Studenten und Lebenskünstlern – und nur wenige Ältere, kaum Alte. Naja. So ist’s halt im „sozialen Brennpunkt“, Sanierungsgebiete im Umbruch waren immer so.

Was mich wirklich in der Gegend hält, ist der Blick in die WEITE, den ich seit den zwei Jahren in Mecklenburg nicht mehr missen will. Ich gehe nur fünf Minuten bis zu den S-Bahn-Geleisen und hab‘ den Blick auf die Skyline von Berlin, toll. Und noch ein wenig weiter die Spree, die Rummelsburger Bucht, die Halbinsel Stralau – komisch, dass mir „Gegend“ plötzlich unverzichtbar ist – noch vor zehn Jahren war ich es zufrieden, wie ein Maulwurf immer nur die Wände vor mir zu sehen – ich hab‘ ja eh nicht hingeguckt, sondern war immer „in Gedanken“.

Gut, soviel zur Gegend. Das Wohnen hat ja noch viel mehr Aspekte: Es beginnt mit dem Körper, geht weiter mit der Kleidung, dann kommen die Zimmer und ihre Einrichtung, die Gegenstände, mit denen ich mich umgebe – dann das Haus: In welche Himmelsrichtung öffnen sich die Fenster oder der Balkon? Das ergibt gänzlich unterschiedliche Lebensgefühle, man kann es gar nicht wichtig genug nehmen: Was soll ein Spätaufsteher mit einem Ost-Zimmer? Für mich aber wär‘ es langsam genau das Richtige!

Dann die Straßen: wie ist es eigentlich möglich, dass so viele Menschen DIREKT an lauten Verkehrsstraßen wohnen? Wie halten die das aus? Den Lärm, den Staub, den Gestank – die ganze Palette schädlicher Einflüsse scheint Hunderttausenden nichts aus zu machen. Hier im Gebiet ist es gar nicht einfach, eine relativ ruhige Bleibe zu finden – komplizierter noch, wenn man nicht in einen Seitenflügel oder ein Hinterhaus will, zumindest dann nicht, wenn man da nur die Rückseite des Vorderhauses und die Mülltonnen im Hof sieht. ans Fenster treten und einen Blick in „die außenwelt“ werfen – Himmel noch mal, darauf mag ich nicht mehr verzichten!

*

Wenn ich so daher plaudere, merke ich, dass meine Wünsche bezüglich des Wohnens doch schon sehr spezifisch sind: ein großer Multifunktionsraum gefällt mir weit besser als drei kleine Zimmer, ich mag hohe Decken und liebe die Gemütlichkeit der typischen Gründerzeit-Altbauten – aber zum Selber-drin-wohnen sind sie mir heute modernisiert weit lieber als „naturbelassen“. (Schön, das in diesem Leben noch mitzubekommen, nachdem ich eine so wesentliche Zeit als junge Erwachsene im Kampf gegen die „Luxus-Modernisierung“ zubrachte! Man sollte immer beide Seiten der Barrikaden kennen lernen…:-)

Ob das aber ALLES gewesen sein muss? Jahr um Jahr in einem „top mod. AB, Blk, teils abgez. Dielen, teils Laminat, großes WB u. Wohnküche gefließt“ bis an mein Lebensende ??? Oder mal was ganz anderes? Das ganz gemütlich, ohne Zwang und Termindruck zu erforschen, versteh ich unter „kreatives Herangehen an die Wohnfrage“ – und dafür brauch ich Zeit. Zeit, um herum zu wandern und Straßen, Plätze, Stadtteile anzusehen, Zeit, um Menschen zu besuchen, die in den unterschiedlichsten Situationen leben: im 21. Stock eines Plattenbaus mit Weitblick über Berlin, in einem Wohnwagen als Teil einer halblegalen Wagenburg, in einer 50ger-Jahre-Siedlung mit großem grünen Innenhof, in einem Dachgeschoss, einem Loft, einer Datscha in der Gartenkolonie, einem umgenutzten Bahnwärterhäuschen, in einer Ladenwohnung im Erdgeschoss – gewiss ist das nicht alles, was möglich ist.

Heute finde ich so eine Suche interessanter als die „Suche nach dem Sinn des Lebens“, die viele auf diese Seiten führt. Das Wohnen in all seinen Aspekten bildet ja die Schalen bzw. Schichten unseres Da-Seins, unseres Mit-Seins und In-Der-Welt-Seins – wie spannend, es auch als ein Teil des Selbst-Seins ganz bewusst zu erfahren! Solange ich allerdings jeden Schritt, jede Handlung, jede Regung und Überlegung nur in Bezug auf die Welt „hinter dem Monitor“ erlebe, ist Wohnen tatsächlich kein Thema.

Oder doch? Die Webdesignerin in mir erhebt Widerspruch gegen die Philosophierende – na, das wird ein Thema für ein andermal.

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Claudia am 07. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Kleben am Problem

Vom Kleben am Problem

Da sagt Einer dem Anderen, wie es funktionieren kann. Was richtig und was wichtig ist, wie die wahre Wirklichkeit aussieht und wie man sich selbst, das Sein, das wahre Wesen findet. Dass das Suchen nichts bringt. Dass man im Grunde immer schon dort ist, dass es also keinen Weg gibt. Dass alle, die von Wegen sprechen, lügen und klammheimlich eigene Interessen verfolgen. Dass immer schon kein Mensch dem andern helfen kann, weil doch – eigentlich – gar kein Problem existiert. Weil das „Ich“ eine Illusion ist, dass da glaubt, ein Problem zu haben. Dass der Verstand das Problem selber erzeugt, um eine Haut zu retten, die keinen Besitzer hat. Dass das absurd ist, total verrückt, und dass alle, die einen Weg aus der Verrücktheit weisen, irgendwie lügen und eigene Interessen verfolgen.

Wenn ich jetzt mehr dazu sage, bin ich auch wieder „dort“. Reihe mich ein unter die Ratgeber und Problemlöser oder unter diejenigen, die die Ratgeber und Problemlöser kritisieren: weil es kein Problem gibt, und kein Rat möglich ist. Weil ja alles, was einer sagen kann, nur von denen verstanden wird, die es schon wissen.

Nun springt der logische Verstand an, mischt sich sogleich ein in das, was eher als ein Stück Literatur, als wortreiche Illustration eines Gefühls und nicht etwa als Analyse oder Kritik gemeint war. Und Seine Majestät merkt an:

„Selbst wenn alles Ratschlagen obsolet ist, weil immer nur derjenige versteht, der es schon begriffen hat, so liegt doch hier eine Ebenenverwechslung vor. Im Relativen haben Aktionen ihren beschränkten Sinn – auch Analyse, Suche, Weg und Rat. Dass wir in der Lage sind, denkend absolute Blickwinkel einzunehmen, sollte nicht dazu führen, die Welt des Relativen als nichtig abzutun – schließlich leben wir darinnen, Tag für Tag, es gibt kein Anderland, auch wenn man sich vorkommen mag wie vom andern Stern.“

Schöner Einwand, doch wie entsetzlich langweilig! Diese Abstrahierungen! Um sie allgemein verständlich zu machen, könnte man sich unter tätiger Hilfe anderer auf hunderten von Webseiten und Diskussionsforen damit beschäftigen, „Erkenntnisse“ auf Erlebnisse und Ereignisse anzuwenden, bzw. diese aus ihnen heraus zu lesen. Im konkreten Einzelnen würde man die Thesen untermauern, beweisen, rechtfertigen, als Wahrheit verteidigen oder als falsche Vorstellung entlarven. Jede Menge schreiben, diskutieren, argumentieren, sich dabei Freunde und Feinde machen, vielleicht ein Gefolge um sich scharen, dem man – Ökonomie ist immerhin Leben! – mit Glück demnächst etwas verkaufen könnte (zu Weihnachten wollte ich endlich mal eine „Digital-Diary-CD“ produzieren, fällt mir da wieder ein…).

Kein Draht zum Dasein

Warum macht man das alles? Warum verbringen unzählige Menschen freiwillig große Teile ihrer freien Zeit damit, ÜBER DAS LEBEN nachzudenken und diesem Nachdenken Gestalt zu geben, es zu verbreiten und sich mit anderen darüber auseinander zu setzen, anstatt einfach zu leben? (Mr.Logos mischt sich quengelnd ein: „Denken ist aber doch TEIL des Lebens…“ Shut Up!)
Nicht aus Sorge um sich selbst oder um die Welt. Nicht einmal aus einem konkreten Leiden heraus (obwohl praktisch jeder von sich glaubt, er wäre dabei, Missstände zu bedenken, zu besprechen und damit an ihrer Beseitigung zu arbeiten). Sondern weil gar nichts anderes möglich scheint als das „Leben im Modus des Denkens“, das Leben in Distanz zum Dasein. üblicherweise KENNEN wir nichts anderes und KÖNNEN es also auch nicht. Das ist das kleine schmutzige Geheimnis der „drüber stehenden und schreibenden Klasse“, heute die überwältigende Mehrheit. Eine art Impotenz.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor ein paar Jahren zu einem Freund, der viele Dinge gern allein macht, sagte:

„Es gibt mir nichts, einen schönen Sonnenuntergang alleine zu erleben. auch ein schönes Bild in einem Museum, ein Spaziergang durch den Wald: wenn ich dabei alleine bin, sehe ich zwar, dass es schön ist, aber es ist ein schmerzliches Gefühl damit verbunden, weil ich es mit niemandem teilen kann“.

Auf dieses hier offen aber ohne Gewahrsein ausgesprochene Unvermögen, etwas Schönes zu genießen, war ich sogar noch stolz! Dass ich den Anderen brauchte, um über den Umweg SEINER Freude und SEINER Lust wenigstens mittelbar etwas vom Leben mitzubekommen, sah ich nicht, sondern hielt mich für einen besseren, weil gemeinschafts-orientierten Menschen. Was für eine Ignoranz! Das „schmerzliche Gefühl“ war die Empfindung eines Mangels – als würde man Schokolade in den Mund stecken und überhaupt nichts schmecken.

Wer meint, ich übertreibe, möge doch mal sein eigenes Leben betrachten: WO ist der Platz und die Zeit für reine Lebensfreude, für das Erleben und Genießen, für das Fühlen, das Staunen, das spielerische Experimentieren ohne in die Zukunft weisende Zwecke? (Wenn dir jetzt ganz viel einfällt, wunder ich mich, dass du diesen Artikel bis hierhin mitgelesen hast!).
Klar, praktisch jeder kennt die drastischen Genüsse und vielversprechenden Glücksbringer: Essen & Trinken, Sex, mancherlei Drogen, die aus der Welt des Denkens kurz heraus führen. Doch all das ist entweder sozial problematisch oder hat seinen Preis. Der Kampf gegen das Übergewicht ist allgegenwärtig, von einer freien, liebevollen und unbelasteten Sexualität kann keine Rede sein (dieser Artikel wird wegen der bloßen Erwähnung des Wortes „Sex“ jetzt mancherorts schon ausgefiltert!). Legale und illegale Drogen bringen nur kurze Zeit Freude und Abenteuer, schon bald machen sie krank, irre oder süchtig.

Da wendet sich der Geistesmensch mit Grausen und wird Analytiker, wird Grübler, Denker und Kritiker. Steht künftig darüber und daneben, beurteilt, beschreibt und diskutiert, zeigt gar als Philosophin oder Lehrer Wege auf, auf denen die anderen fortschreiten mögen, nur selber bleibt man allzu gerne sitzen. Und wenn das dann nicht für alle Tage reicht, gibt’s ja noch das Reisen: Sich räumlich verändern, so oft wie möglich in Bewegung von hier nach dort versetzen und mit immer neuen EINDRÜCKEN versorgen. Das lässt vergessen, dass diese Eindrücke eben nur kurz, nur im Modus der Neuheit funktionieren – ansonsten ist es wieder nichts mit dem Genießen, selbst der Berg Kailasch wird langweilig, wenn man wieder und wieder um ihn herum laufen müsste.

Eindrücke, die nachhaltig wirken sollen, brauchen ein passendes Medium, in das sie sich einschreiben können: ein offenes, weiches, empfindliches Medium, dessen Oberfläche RUHIG und aufnahmebereit ist. Unstetig-nervöse Aufmerksamkeit, die ständig von diesem zu jenem zappt, ist kontraproduktiv. Es braucht Stille, braucht Leere, damit Form quer durch alle Wirklichkeitsbereiche zur Entfaltung kommen kann.

Doch kaum etwas in unsrer Welt unterstützt uns darin, leer zu werden. Wir sollen (wollen?) ja auch nicht genießen, sondern arbeiten – oder zumindest engagiert nach Arbeit suchen. arbeiten, um Geld zu verdienen und/oder um beim andern etwas zu gelten. Wir wollen immer etwas WERDEN, anstatt einfach so miteinander Spaß zu haben, wie wir gerade sind.
Für jetzt lasse ich es mal dabei bewenden, ich halte das Sitzen einfach nicht mehr aus. Draußen ist ein wunderbar blauer Himmel, die Sonne scheint, ich werde zum billigen Inder gehen und etwas zu Mittag essen. auf einen runden Schluss, einen Clou oder gar einen ordentlichen „Weg“ muss die Welt heut verzichten (und wird wenig von mir und meiner Schreibe halten…) – dafür genieße ich jetzt den Tag! :-)

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Claudia am 31. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Oktober-Nachrichten aus Klingers Welt: Wohnen, Yoga, Wahrnehmung

Oktober-Nachrichten aus Klingers Welt: Wohnen, Yoga, Wahrnehmung

Zum Beispiel das Wohnen: Die Wohnung in der Gärtnerstraße ist jetzt gekündigt, spätestens Ende Januar werde ich also anderswo wohnen, und zwar allein. Wieder allein nach zehn Jahren Zweisamkeit, das ist schon ein Abenteuer! Allerdings bin ich guten Mutes, dass ich mittlerweile über genug Routinen und zu meinem Leben passende Gewohnheiten verfüge, um nicht völlig aus der Form zu geraten, wenn ich es nicht selber will.

Da sich bei mir – mal abgesehen von der Auflösung der Wohngemeinschaft mit meinem liebsten Freund – kein bleibender Wunsch nach Ortsveränderung eingestellt hat und ich den Aufwand des Umzuges fürchte, neige ich dazu, eine leere Wohnung im selben Haus zu mieten: etwas kleiner und mit einem Zimmer nach hinten hinaus, und damit wesentlich ruhiger. Mal sehen, ob das klappt, morgen hab ich einen Besichtigungstermin.

Yoga: Ruhiger muss das Zimmer sein, weil ich mich entschlossen habe, nach 12 Jahren Praxis endlich selber Yoga zu lehren: diesen wunderbar diesseitigen ZEN-Yoga meines Lehrers Hans-Peter Hempel, der mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen ist. In der letzten Woche hab‘ ich ihn um die Erlaubnis gebeten, Anfänger anzuleiten, und er hat zugesagt, mich zu unterstützen. Das zweite Zimmer wird also ein Yoga-Zimmer, genau wie bei ihm! Genau wie er werde ich niemals anstreben, ausschließlich vom Yoga zu leben, und also in der Lage sein, mit ganz kleinen Gruppen von vier bis fünf Leuten zu arbeiten.

Gestern früh war ich dann zum ersten Mal in der TU, wo Hans-Peter in einer Sporthalle einen Anfängerkurs für die Studenten gibt. Es ist dort zwar eine recht große Gruppe, doch um zu lernen, wie die Stunden mit Anfängern ablaufen, ist es optimal. Lang war ich nicht mehr in einem solchen öffentlichen Gebäude und die fast militante Hässlichkeit der Umgebung, die absolute Lieblosigkeit, mit der die Räume ausgestattet bzw. mit dem Notwendigsten voll geknallt sind, hat mich schon erschüttert! Aber egal, als die 14 jungen Frauen und Männer vor uns auf ihren Matten lagen und Hans-Peter damit begann, übend, zeigend, redend und berührend die Grundlagen zu vermitteln, war es eine Yoga-Stunde wie jede andere: ruhig, konzentriert, lehrreich – das Buddha-Feld breitet sich überall aus, wo man es lässt.

Der physische Raum, das fällt mir immer mehr auf, ist in unserer Welt ein Problem-Bezirk. Das geht über öffentliche Straßen und Plätze mit ihren Verwahrlosungserscheinungen, betrifft sämtliche unter öffentlicher Verwaltung stehenden Einrichtungen (Behörden, Unis, Krankenhäuser…), betrifft aber auch viele ganz gewöhnliche, durchaus gepflegte Veranstaltungsräume: man sitzt unbequem, zu viele Menschen drängen sich auf zu engem Raum, es ist zu kalt, zu heiß, zu zugig, zu ungelüftet, zu verraucht, Kochgerüche durchwabern Orte, wo man sich eigentlich auf geistige Themen konzentrieren will – überall ist der Grund derselbe: die Menschen SPÜREN NICHTS mehr, sind völlig DICHT und in ihr Grübeln, Wollen, Fürchten, Meinen, Planen versponnen. Und die Räume sind nur die äußersten Hüllen, es geht weiter mit den Klamotten: wenn ich mir das ganze Programm der Billigklamotten in den Massen-Läden so angucke, vor allem ANFüHLE, dann ist das meiste aus Vollsynthetik oder Mischgewebe, unbequem kratzend, Allergien unterstützend, Schweiß treibend, Hautatmung verhindernd – aber weil es modisch aussieht und billig ist, ziehen die Leute freiwillig solche Folterklamottten an und gewöhnen sich schon früh daran, den virtuellen Schein („wie mich die anderen finden, wie ich wirke…“) über das Sinnlich-physische Sein zu stellen und Letzeres nach und nach ganz zu vergessen.

Dass dann auch der Körper selber langsam aus der Wahrnehmung gleitet und jeder Bezug zur eigenen Befindlichkeit abhanden kommt, bemerken viele erst dann, wenn es brennt, wenn eine richtige Krankheit daran erinnert: Hey, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als dein medialer Input dich täglich träumen läßt!

Aber darüber könnte man endlos Bücher schreiben, die dann ja auch wieder nur in voller Ignoranz des Körpers gelesen werden. Das ist nun mal nicht die Welt des Denkens, es bedarf einer Praxis, die alle Aspekte des Menschen – Gedanke, Gefühl, Körper – wieder ins natürliche Zusammenspiel bringt. Für mich ist das ZEN-Yoga, für dich kann es etwas anderes sein, Hauptsache, es gelingt, dran zu bleiben, damit die Wirkungen sich auch entfalten können.

Claudia Klinger, 30.10.2002

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Claudia am 30. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!

Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!

Die Freiwilligen-Arbeit mit alten Menschen hab‘ ich jetzt erstmal unterbrochen. Der „Verein der Freude alter Menschen“ hat mir einen guten Einblick gegeben und auch Kontakte zu alten ermöglicht: mehrere Wochen war ich im Telefondienst, plauderte immer montags mit den verschiedensten Alten, von der lustigen Grunewald-Wittwe, die sich vor Terminen kaum retten kann, bis hin zur völlig vereinsamten 89-Jährigen Sterbenden, die ich dann auch im Krankenhaus besuchte. Weiter → (Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!)

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Claudia am 20. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Herzgeist

Herzgeist

Zum letzten Eintrag „Über Sex und Selbst“ schreibt mir ein Leser:

„Kindsein – und entspannte Sexualität – heißt immer auch verantwortungslose Spontaneität, heißt Unbeständigkeit und Bestechlichkeit“.

Er gibt damit einer verbreiteten Furcht Ausdruck, die oft auch so formuliert wird: Wenn jeder machen würde, was er/sie will, würde doch das Chaos ausbrechen!

Ist das so? Beschreiben diese Befürchtungen eine (allen gemeinsame) Realität? Oder sagen sie allein etwas über denjenigen aus, der sie vorbringt? Das innere „Kind“, das hier gemeint ist, stand in meinem Artikel für das Gefühlswesen, das wir sind, für unsere Verletzlichkeit, Bedürftigkeit und Schwachheit, die wir im äußeren Leben so gerne hinter Masken verbergen – Masken, die sich bei manchen zu so festen Gefängnismauern verdichten, dass sie überhaupt nichts mehr spüren.

Die Verteidigungsanlagen, die wir gegen Angriffe von „außen“ errichten, machen uns fortlaufend einsamer, denn sie trennen uns von den anderen und vom Fluss des Lebens: wenn ich den Schwerpunkt meiner Bemühungen, meiner Energie und Aufmerksamkeit darauf verlege, völlig „cool“ und unangreifbar zu wirken, dann ist genau DAS die Barriere, die mich von menschlicher Gemeinschaft abspaltet.

Das ist allgemein verbreitet und doch völlig absurd: Jede und jeder kann bei sich selber ja leicht feststellen, dass es NICHT die coolen Typen, die unnahbaren Champions und Sieger-Figuren sind, die wir wirklich mögen. Wir bewundern und beneiden sie vielleicht, wollen ihnen nacheifern, sie evtl. besiegen und unterwerfen, wenn wir uns stark genug fühlen – aber fassen wir etwa Vertrauen? Können wir mit ihnen lachen, innerlich locker und fröhlich sein?

Die eigenen Gefühle zulassen – einschließlich Angst, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung – und nicht mehr unter den Vorbehalt zu erreichender Zwecke zu stellen, bedeutet, der reinen Zweckratonalität zu sterben. Ich werde mich nicht mehr „zusammenreissen“ und endlos selber vergewaltigen zugunsten einer Beförderung, wegen eines tollen Auftrags, oder um beim anderen Geschlecht besser anzukommen. Und das nicht etwa aus einer irgendwoher übernommenen Moral heraus, nicht wegen der weisen Worte eines Gurus, sondern weil ich im Lauf des Lebens feststellen konnte, dass NICHTS, aber auch gar nichts, was ich auf diese Weise erreichen und erringen kann, den Einsatz wert ist!

Freude empfinden, Liebe fühlen, Verbundenheit spüren – das sind „Vermögen“, die nicht durch ein Jagen, Raffen, Zupacken und Halten errungen werden, sondern durch ein los- und zulassen dessen, was ist. Wobei ich mit „dem, was ist“ nicht nur „die Welt da draußen“ meine, sondern ALLES, was ich spüre und wahrnehme: Die Traurigkeit genauso wie den Regen, die Wut genauso wie den Bäume-fällenden Orkan, die Schmerzen im Kopf, die Löcher in der Straßendecke, das Verlangen, berührt zu werden, den Milbenfraß auf den weiß blühenden Kastanien, Verspannungen in den Schultern, ausgetrocknete Blätter auf durstigen Bäumen – angst, Melancholie, abendrot, Sonnenschein.

Was mich trennt und wirklich einsam fühlen lässt, ist der „Erfolg“ des rechnenden Denkens. Wir sind von klein auf konditioniert, den Verstand einzusetzen, um uns vor dem Leben und seinen Veränderungen zu schützen, geradezu zu verbarrikadieren. Wir suchen Glück und Ekstase, weigern uns aber, den Schmerz zu spüren – doch es gibt immer nur die ganze Packung.

Es gibt und gibt und gibt, aber wir wollen nichts annehmen. Wir prüfen und sortieren aus, schalten allerlei Siebe dazwischen, bis fast nichts mehr durch die Filter kommt. Nach Sicherheit und Berechenbarkeit verlangend, bauen wir vermeintlich sichere Türme, hohe Zäune, feste Mauern, entwickeln für alles und jedes Vorschriften und DIN-Normen – bis wir die Welt zur Benutzeroberfläche, zur Negativ-Form des eigenen Zugriffs geformt haben, bar jeglichen Inhalts. Und dann erschrecken wir und verzweifeln an der Leere, am selbst gemachten Nichts.

Wieder durchlässig werden, das Zusammenspiel von Körper, Gefühl und Geist wahrnehmen, indem wir es einfach geschehen lassen. Den Atem nicht anhalten, sich dem hingeben, was ist – das bedeutet keinesfalls verantwortungslose „Spontanität“, wie manche es missverstehen. Krasser Egoismus ist geradezu das Gegenteil einer solchen Haltung bzw. Gelassenheit. Wenn ich nämlich nichts tue, um mich gegen schmerzhafte Gefühle abzuschotten, dann ist da keine Trennung zwischen „meinem“ Leid und dem Leiden des anderen. Gefühle sind wie Wogen von Energie, sie fluten durch uns hindurch ohne sich an Körpergrenzen aufzuhalten, wenn wir es zulassen: die angst des Kollegen vor der Kündigung lässt mich nicht unberührt, wenn er mir am Schreibtisch gegenüber sitzt. Die Enttäuschung und Einsamkeit der alten Frau, wenn ich zum versprochenen Besuch nicht erscheine, ist meine eigene Einsamkeit. Die Mutter, die auf der Straße ihr Kind schlägt – macht das nicht jeden wütend, der zusehen muss? Wobei WUT schon ein sekundäres Gefühl ist, eines, das ins Bewusstsein tritt, weil der ursprünglich mitgefühlte Schmerz abgeblockt wurde.

So geht eins ins andere über, nichts ist getrennt, nichts ist unabhängig. Allein unser (be-) rechnendes Denken substantiviert, errichtet eine Welt aus Gegenständen, die uns entgegen stehen, die wir dann lernen, als Bestand zu betrachten, als auszubeutende Ressource, als Mittel zum Zweck.

„Der Weg (das DaO) ist einfach, nur ohne Wahl“, heißt es in der „Meißelschrift vom Glauben an den Geist“, einer meiner Lieblings-ZEN-Texte. Wenn ich mich an der Tür stoße oder mir jemand einen Schlag versetzt, entsteht ein blauer Fleck, der sich dann gelb und grün färbt, bevor er wieder verschwindet. Das bedeutet „ohne Wahl“: mein arm, meine Muskeln, Zellen und Blutgefäße haben nicht die Wahl, diesem Verlauf etwas entgegen zu setzen. Wir aber glauben, wir könnten uns selbst und die Welt vollständig in den Griff bekommen, könnten das Leiden abschaffen und die Freuden behalten. Ein Irrtum, der uns in ein gestresstes freudloses Dasein stürzt – man schaue sich nur um, wie miesepetrig die meisten Leute vor sich hingucken!

Wenn du mir weh tust, weine ich. Wenn du nicht da bist, sehne ich mich nach dir. Wenn du lachst, lache ich mit und wenn du für immer gehst, werde ich lange trauern. So folge ich dem Herzgeist – nicht immer, aber immer öfter. ;-)

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Claudia am 15. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Über Sex und Selbst

Über Sex und Selbst

So langsam wird es besser mit dem „Maus-Arm“ – dabei hab‘ ich nur ein wenig die Stellung des Monitors verändert und sitze auch nicht weniger vor dem Bildschirm als bisher. Evtl. haben mir die homöopathischen Kügelchen geholfen, vielleicht ist es auch eine innere Haltungsänderung, die sich nach und nach in mein Leben schleicht und immer spürbarer wird. Warum nicht einfach sein, was ich bin, und tun, was ich möchte? Soll ich denn zehntausend Jahre Bücher lesen, in denen das empfohlen wird, und ansonsten vor allem darauf achten, niemandem auf die Füße zu treten und einen guten Eindruck zu machen? Immer stromlinienförmig, lieb und nett, gelassen und vernünftig: sei berechenbar, tu wenigstens so, als wäre das möglich!

Wer lebt eigentlich nicht „verhalten“, wer spürt um sich her keine „du sollst!“ und „du sollst nicht!“ ? Nicht nur, dass man meist in vorgezeichneten Bahnen lebt & arbeitet, man soll auch auf bestimmte Weise feiern, trauern, lieben, streiten, reisen und sogar meditieren. allein die Lehre vom richtigen Essen und Trinken ist derart komplex und in ständigem Wandel begriffen, dass deren Studium und Beachtung schon ganz allein alle freie Zeit fordern würde. Wir leben in der Info-Gesellschaft, und das bedeutet die Heraufkunft des Wissens, dass es unmöglich ist, sich vollständig von außen nach innen zu in-formieren, sich in Form zu bringen, so dass man passt – dass man in die Vorstellungen der anderen passt, denn diese sind eben auch nur Wunschwelten und angstwelten und keine gelebte Wirklichkeit.

Lothar hat einen rauswunderbaren Artikel über das Selbst-Sein geschrieben, verpackt in eine Geschichte von einem Theaterbesuch mit anschließender Diskussion. Es geht um das Coming Out eines Schwulen – aber eigentlich geht es damit um die Besonderheit, um das Außenseitertum und das Nicht-in-die-Welt-passen eines jeden. Um den Schmerz und die Verletzlichkeit, um das schwach und bedürftig-sein, um die große Diskrepanz zwischen dem üblichen Auftreten des großen welt-kompatiblen ICH verglichen mit dem „Kind“, das hinter den Masken und Schutzschilden lebt.

Dieses Kind zu verbergen ist in der Welt offensichtlich ein Muss – so scheint es zumindest. Nicht, weil wir uns etwa laufend motiviert fühlten, als dieses Kind etwas Besonderes anzustellen oder irgendwie gemeingefährlich oder „sozialschädlich“ zu werden: ich fühl mich schon ganz komisch, wenn ich mal einer Frau ein Kompliment über eine Klamotte mache, die ihr wunderbar steht und in mir die Begeisterung als Welle der Freude hochkommt! Ohne deshalb lesbisch zu sein, möchte ich sie umarmen, den Stoff anfassen, um sie herum gehen und sie ausschweifend bewundern – das ist doch nicht normal, oder?

Nächste Woche bin ich mit einer richtig alten (!) Frau aus dem Grunewald verabredet, wir gehen in ein Internet-Café am Ku’damm und ich zeig ihr die „unendlichen Weiten“, ich freu mich drauf! über den Verein der Freunde alter Menschen kam ich mit ihr in Kontakt. Vorher hab‘ ich jahrelang die Alten eher im Augenwinkel wahr genommen: unerreichbare, aus der Gesellschaft ausgegrenzte Gestalten, keine Ahnung, wie ich mich benehmen sollte, um mich ihnen zu nähern – ja, schon der Wunsch, gelegentlich mit Alten Menschen zusammen zu sein, scheint ein bisschen pervers, oder?

Und die Männer? Was ist mit der Sexualität? Ja, weiß denn noch irgend jemand, was im Kontakt zwischen den Geschlechtern „angesagt“ bzw. gut und wahr und richtig ist? Gerade las ich im „christlichen Blättchen“, das gelegentlich der ZEIT beiliegt, ein Gespräch zwischen Oswald Kolle (74) und Katja Kullmann (32) zum Thema „Ist die sexuelle Revolution überholt?“ (Für die Jüngeren: Kolle ist der große Aufklärer der Nation, der in den 60gern und 70gern den Sex unter der Decke hervor geholt und ins Licht des öffentlichen Bewußtseins gestellt hat).
Katja Kullman hat eines dieser immer gut laufenden Generationen-Bücher geschrieben: „Generation Ally“ zeigt die Überforderung der Um-30-Jährigen, die unter ihren eigenen Ansprüchen schier zusammen brechen. Rundum gefordert, sich überall erfolgreich selbst zu vermarkten und durchzusetzen, sind sie verständlicherweise kaum in der Lage, in der Sexualität Entspannung zu finden, hingebungsvoll zu sein, es einfach locker anzugehen. Und – so meint wenigstens Katja Kullmann – viele lassen es dann lieber ganz! Oder, und das ist nicht weniger irre, sie verfallen dem Romantizismus, sehnen sich nach der Sexualität als Mysterium: wenn schon alles so anstrengend ist, dann soll es wenigstens im Zwischengeschlechtlichen „einfach schnackeln“.

Nun ja, ich wünsch ihr viel Glück beim schnackeln, aber so einfach ist es nicht. Für mich zeigt sich mehr und mehr: Sexualität läßt sich nicht abtrennen vom Leben und in ganz bestimmte Container packen: der Beziehungscontainer, der One-Night-Stand, die kommerzielle Variante, die „Szenen“ – mit Grausen spricht Kullmann von den Swingerclubs als dem Gipfel der Spießigkeit („einen pinkfarbenen Stringtanga anziehen und in die Kneipe Swingerparadies 308 gehen“) und hat vermutlich ganz recht. Der Pornomarkt, der uns auch online als SPaM ständig mit seinen klebrig-langweiligen Inhalten überspült, ist eigentlich auch eher anlaß, die Lust auf Sex verblassen zu lassen – ich frag mich manchmal schon, wie es kommt, dass die Kundschaft mit so wenig zufrieden ist, mit derart „entschärfter Schärfe“! Hab‘ mir selber alles angesehen und muß sagen: ohne einen echten Menschen gegenüber ist das doch schnell öd! allenfalls erotische Geschichten les‘ ich ganz gern, aber die wirklich lesbaren sind tatsächlich dünn gesät: man muß nämlich auch bei Texten über „das eine“ vor allem eines können: schreiben!

Ich schweife ab, aber das Thema ist ja auch eher weitläufig und lädt auf Nebenschauplätze ein. Kurzum: ich sehe es heute eigentlich so, wie man es in den 70gern verkündet, aber nicht wirklich ernst gemeint hat: Sex ist wie essen & trinken, wie atmen und bewegen, – ja, aus entspanntem atmen entsteht ganz von selber eine Welle sexueller Empfindungen, gänzlich unabhängig von Personen, von sozialen Benefits oder sonstigen Verwertungs- und Verbannungsschubladen, in die wir Sex so gerne stecken.

In den Siebzigern hat es ziemlich radikale Gruppen gegeben, die versucht haben, der Erkennntnis „Sex ist etwas ganz normales“ eine soziale Gestalt zu geben: insbesondere Otto Mühls aa0 ist mir in denkwürdiger Erinnerung: eine Kommune mit täglichem Selbstdarstellungsritual und mit einem „Fickplan“. Da man wußte: „Jeder gesunde Mann kann mit jeder gesunden Frau und umgekehrt“, hatten sie einfach einen Terminplan, der festlegte, wer mit wem und wann. Dabei war jedes abgleiten ins Romantische und jedes Sich- Verlieben total verpönt: den Kleinfamilienvirus wollte man als Urgrund allen übels ja gerade austreiben!

Klar, dass das kein Modell für die Zukunft war, wie immer, wenn man aus neuen an- und Einsichten knallharte Rezepte schmiedet, ja Pflichten schafft. Im Grunde war es absurd: man wollte sich BEFREIEN und schuf doch nur neue, geradezu totalitäre Formen der Selbstvergewaltigung. Die sexuelle Bedürftigkeit wurde durch den Bumsstress abgelöst, man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre!

Nun ja, die aa0 gibt’s lange nicht mehr, aber was sie sagten, stimmt immer noch: Sexualität ist überall und jederzeit existent, schwingt immer mit, mal mehr, mal weniger. Und bis heute ist es unser aller Versäumnis und Versagen, dafür noch immer keine Kultur entwickelt zu haben, die Sex aus den vielfältigen Schmuddelecken und Schubladen heraus holt. Ein Miteinander, das den Pornomarkt auf den Müllhaufen der Geschichte verabschiedet, weil Frauen und Männer sich selber genug sind – ach, was heißt „genug“, ich meine mehr, viel mehr.
 
Genug für jetzt, die arbeit ruft mich immer lauter, ich muß mich dem Reich der Notwendigkeit zuwenden. Sowieso ist das Reich der Freiheit eher keine kollektive angelegenheit, keine Sache, die man an „die Gesellschaft“ delegieren kann. Zunächst und zumeist geht es darum, das Kind sein zu lassen, dass ich immer auch bin und nicht immer alles kontrollieren zu wollen. Wir haben uns selbst und die Welt, die anderen und das Dasein als Ganzes nicht im Griff – wenn wir das endlich einsehen und danach leben könnten, wäre es so viel leichter, einander zu berühren.

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