Claudia am 26. Juni 2002 — 0 Kommentare

Vom goldenen Zeitalter, von Chaos und Beständigkeit

Kleine Rede gegen alles, was nervt:

Dereinst, als ich mit meiner ersten Webveröffentlichung „Human Voices“ schwanger ging, durchwanderte ich die Netze auf der Suche nach lehrreichen Seiten. Die Einfachheit des neuen Kommunikationsmediums faszinierte uns damals alle, die wir mit wild quietschenden Modems täglich in die neuen Datenwelten aufbrachen und uns daran machten, eine „Heimseite“ zu errichten: der Windows-Editor und ein paar Stunden RauslinkSELFHTML-Studium reichten dafür völlig aus. Mittels weniger Mausklicks traten wir mit unseren schlichten Erstlingswerken ein in die unendlichen Weiten und waren Teil des „globalen Dorfs“ – wow! Eine Art Pfingstwunder begab sich: Auf all den neuen Homepages meldeten sich echte Menschen zu Wort, Leute, die man „einfach so“ ansprechen konnte, ohne einen Grund vorschützen zu müssen. Und nicht nur das, sie waren auch alle ungeheuer nett zueinander, freundlich und jederzeit bereit, zu teilen, was sie hatten. Der „Cyberspace“ hatte seinen kurzen Sommer der Anarchie und erschien als Land der Freiheit und Brüderlichkeit. Und die Sprache des Web, das damals noch so schlichte HTML, tat das ihre dazu und machte erst einmal alle GLEICH.

Ich verschlang die hauptsächlich englischsprachigen Berichte und Erlebnisse anderer Web-Autoren, um mich in diesem unvermittelt vorgefundenen Paradies zu orientieren – Himmel, war denn „Autor“ hier überhaupt noch ein passendes Wort? Eher nicht, schließlich kamen die wenigsten Aktiven vom Schreiben her. Was statt fand, war eher ein „miteinander sprechen“, man stellte zwar auch Texte und Bilder aus, aber für die meisten war das nicht der Kick bei der Sache, sondern die neuartige Kommunikation mit „schweifenden Netzgeistern“ von irgendwo, die binnen kurzem ungeheuer anschwoll. Und die Freunde der Theorie redeten sowieso lange schon mit glänzenden Augen vom „Verschwinden des Autors“, von „Autopoetischen Prozessen“ und von den neuen Lesern, die sich ihre Texte selbst zusammen setzten.

Letzteres, das merkten wir schnell, war schon mal falsch! Oder hättest DU, lieber Leser, jetzt Lust, dir die Fortsetzung dieses Artikels aus achtzehn Varianten selber zusammen zu stückeln? Aus heutiger Sicht wirkt es fast kurios, dass so etwas tatsächlich gedacht, geglaubt und in vielen gelehrten Artikeln nieder geschrieben wurde. Widersprüchlich auch: Einerseits war man über die Maßen begeistert, dass sich hier ein Raum ohne Zensur und ohne redaktionelle Vorauswahl eröffnete, sich also einem jeden die Gelegenheit bot, zu sprechen und „die eigenen 2%“ zum großen Gespräch beizutragen. Andrerseits negierte man diese Möglichkeit auf weit radikalere Art, als das ein Zensor oder ein Markt vermocht hätte: Wenn nämlich der Leser seinen Text selber zusammenklickt, ist das Ende aller Botschaften, das Ende allen Sprechens, Sagens und Mit-teilens erreicht. Manche – vor allem zynisch-verzweifelte Elfenbeinturm-Existenzen, die schon lange nicht mehr wussten, was es denn noch zu sagen gäbe – fanden das gerade gut. Ich nicht.

Dass das technisch Mögliche auch das Sinnvolle und Gewollte sei, ist einer der typischen Irrtümer unserer Zeit, ein seltsames Verfallen-Sein an die Gegenstände, Programme und Prozesse, die man doch selber – ursprünglich zu eigenen Zwecken und Wunscherfüllungen – geschaffen hat. Das ist die dunkle Seite der (menschlichen) Macht und es gilt, diese Tendenzen zu erkennen, wo immer sie sich zeigen, und sie im Licht eigener aktueller Wünsche und Bedürfnisse zu prüfen bzw. zu bewerten. WOLLEN wir denn, was wir (verwirklichen) können? Diese Frage hat an Bedeutsamkeit unmerklich die alte Frage übertroffen: ob wir denn KÖNNEN, was wir wollen – auch wenn das noch nicht jeder macht-verliebte Zaubertranksucher mitbekommen hat.

Kein Leben ohne Tod – Eindrücke aus der Datenwüste

Aber zurück zum Konkreten: Auf meinen ersten Forschungsreisen durch die Netze wunderte ich mich noch über die auffällig engagierten Veröffentlichungen zum Thema Nettiquette, die vielen Rat- und Vorschläge zum richtigen Mailen, und die gelegentlich übertrieben wirkenden Ausführungen zur „Rechten Pflege“ einer Website. Himmel, ich wollte doch nur eine Homepage veröffentlichen, ein kleines Cyberzine, eine Gedichte-Sammlung, ich suchte keine Lebensabend-füllende Beschäftigung von der hier geforderten Anspruchshöhe!

Und doch: heute erscheinen mir diese alten, weitgehend vergessenen Regelwerke wie heilige Weisheiten der Ahnen und Altvorderen, auf die man besser hätte hören sollen. Denn was zeigt sich dem Suchenden, der so leichtsinnig ist, ein bisschen durch das weite Web zu surfen? Zusammenhanglose Bestandteile veralteter Seiten, verschwundene Adressen, File-not-found-Fehlermeldungen, Artikel ohne Datum und Autorname, verödete Linklisten und E-Mail-Adressen, die längst kein Mensch mehr abruft. Hinzu kommen die Folgen allzu komplex gewordener Technologien in der Hand unfähiger oder böswilliger Kreativer: Webseiten, die nicht mehr für alle sicht- und navigierbar sind, Schnickschnack, der auf dem Gerät des Designers funktioniert haben mag, aber anders ausgestattete Surfer scheitern lässt. Seiten, auf denen man nur auf eine weiße Fläche starrt, und andere, die mit einem zeitfressendem Intro nerven, das allein dem Ego des Verfassers schmeichelt. Schließlich die verstörenden, urplötzlich einsetzenden Angriffe ganzer Armeen aufspringender Zusatzfenster, sowie seitengroße Werbung, die sich heimtückisch im Hintergrund aufbaut – oh, ich könnte noch lange fortfahren! Aber so ist es eben, das real existierende Web, so lebt es sich mit den Techniken, die wir „nach unserem Bilde“, nach unserer eigenen Vorstellung von GUT und SCHÖN und RICHTIG geschaffen haben.

Denn selbstverständlich haben wir den Tod, diesen Skandal der Existenz, nicht in unser großes Werk eingebaut: kein Verfallsdatum lässt eine Website, auf der Jahre nichts mehr geschehen ist, „von selber“ verschwinden. Keine Armada von Würmern, Käfern und gefälligen Fäulnisbakterien fällt über die nutzlos gewordenen Kadaver her und befreit uns und die ganze Welt von den leeren Hüllen, den Resten und Überbleibseln des Allzu vielen, an dem wir schier ersticken. Man mag gar nicht daran denken, wieviel Aufmerksamkeit und Lebenszeit, wieviel menschliche und technische Intelligenz darauf verwendet wird, den Datenschrott immer neu zu sortieren und in ihm zu rühren.

Beharrlichkeit bringt Gelingen

Was bleibt uns zu tun übrig? Verloren im selbst geschaffenen Absurdistan können wir Brandrede um Brandrede halten und die Müllberge noch ein wenig weiter wachsen lassen – oder aber wir werden unsere eigenen Terminatoren und ziehen andere Seiten auf – zumindest soweit der persönliche Einfluss reicht. Für mich bedeutet das schon länger, nicht mehr alles zu tun, was möglich ist, sondern nur noch das, was mir wichtig erscheint und was ich auch verlässlich leisten kann. Das gilt im Leben und genauso im Web: Auch in den vermeintlich „unendlichen Weiten“ muss ich den Müll entsorgen und darf ihn nicht einfach unter den Teppich kehren. Das Alte, das ich bewahren will, muss ich entsprechend pflegen und kann es nicht einfach vergessen, bzw. verkommen lassen.

Was bedeutet es noch? Ein einziges Projekt – wie zum Beispiel das Digital Diary – Jahr um Jahr immer weiter entwickeln, anstatt es ständig dem Fetisch „Neu“ zuliebe durch andere Verpackungen zu ersetzen: ihm dienen, es verbessern und in jeder Hinsicht perfektionieren. Dabei auf Kleinigkeiten wert legen, wie etwa Rechtschreibung und Grammatik, auch darauf, dass an den Rändern der Grafiken nicht diese hässlichen Ausfransungen zu sehen sind, die so manche Website verunzieren. Dass die Leser nicht von aufspringenden Werbefenstern genervt werden, weil mir meine eigenen Werke keine drei Euro mehr wert sind, versteht sich von selbst.

Regelmäßige Besucher sollen im übrigen verlässlich finden, was sie suchen, und nicht enttäuscht werden: die Seiten sind Tag für Tag und Jahr um Jahr noch immer vorhanden, es sieht alles aus „wie gehabt“. Wenn überhaupt, modernisiere ich das Outfit fast unmerklich, niemals „schockartig“, und immer ist auf einen Blick erkennbar, dass es aktuelle Einträge gibt. Selbstverständlich antworte ich auf Leser-Emails und auch im Forum überlasse ich meine Gäste nicht sich selbst. Warum nur wollen so viele Leute gleich mehrere Partys veranstalten, die sie dann selber nicht mal besuchen?

Alles verändert sich, auch wenn du nichts veränderst…

Und wenn ich schon beim Fragen bin: Warum erzähl‘ ich das alles? Tatsächlich glaube ich ja nicht daran, dass irgend jemand von solchen Reden motiviert wird, sein unaufgeräumtes Web-Chaos in eine einladende Ordnung zu verwandeln, auf der Surfers Auge wohlgefällig ruht. Nein, ich schreibe im Moment allein für mich, auch wenn Andere mitlesen. Satz für Satz Absatz für Absatz werde ich mir selbst darüber klarer, warum ich hier schreibe, warum ich dieses Projekt pflege und nicht vorhabe, damit aufzuhören, solange ich den Input physisch zustande kriege. Es ist – neben der Freude am Schreiben – meine ganz persönliche Verweigerung gegenüber der Beschleunigung sämtlicher Prozesse, gegen den Terror des unverlangt schon wieder neu daher kommenden Irgendwas, gegen das lebenslange Lernen von Dingen, die mich keinen Deut interessieren – ja, meine ganz private Demo gegen den Zustand der Welt.

Wandel macht nämlich einfach keinen Spaß mehr, wenn sich zu viel auf einmal ändert: nicht nur zur Postfiliale muss ich jetzt deutlich länger laufen, auch der Bäcker um die Ecke machte dicht, kaum dass ich mich an seine Öko-Brötchen gewöhnt hatte. Als ich dann gestern neue Akkus für die DigiCam kaufen wollte, finde ich auf einmal den Photo-Porst-Laden in der Boxhagener nicht mehr – verkalke ich etwa langsam und irre mich in der Straße? Nein, ich spinne noch nicht, in den Abendnachrichten wird die Insolvenz der Firma gemeldet – und tschüss ihr 1100 Arbeitsplätze, ihr seid heut Abend bestimmt nicht das letzte, was verschwindet. „Auf ist, wenn an ist“, schreibt der Inhaber des Volxladens auf einen Zettel in sein Schaufenster. Der mag sich gar nicht erst festlegen, sondern schaltet eine außerhalb angebrachte Neonröhre ein, wenn der Laden offen hat. Das ist die radikale Art, sich Veränderungen zu stellen.

Meine Bank droht mir: Wenn ich mich nicht bis zum 1.August in den jetzt noch informativer und kundenfreundlicher gestalteten Service-Bereich einlogge und dort den „neuen, übersichtlichen Online-Vermögensstatus“ beantrage, schicken sie mir zwar die Auszüge weiter per Post, berechnen aber zwei Euro pro Sendung – oder so, ich hab’s mir nicht gemerkt. Bisher hab ich mich schlicht geweigert, die jeweils neuen Service-Centren und wie sie das alles nennen, zu nutzen. Es gab da einen Link „zum traditionellen Online-Banking“ – ob der jetzt weg ist?

Ich weiß, alles Schimpfen und Klagen bringt nichts. Wegen mir wird die Welt sich nicht bremsen oder von ihren allermeist öden und inhaltsleeren „Innovationen“ ablassen. Es weiß ja auch keiner, wie eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren sollte, also sind wir dazu verdammt, uns laufend Neuerungen auszudenken, die eigentlich keiner braucht, und so zu tun, als sei „das neue TXC01 dsi“ lebenswichtig oder mache zumindest glücklich.

Mir bleibt nur, beharrlich die Beständigkeit im winzigen Klinger-Web zu pflegen. Macht mir ja auch richtig Freude, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Und solange mich hier noch Leser besuchen, die die alte Claudia wollen und nicht den neuen Hitzliputzli mit dem ergonomischem Antwortmodul zum Selber-Installieren ist doch alles im grünen Bereich! :-)

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