Claudia am 03. April 2003 — Kommentare deaktiviert für Allein Sein

Allein Sein

Zwei Monate sind es jetzt schon seit dem Umzug an den Rudolfplatz. Zwei Monate alleine wohnen, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren. Ich wusste länger schon, dass es Zeit ist, aufzubrechen, doch als es im Sommer und Herbst 2002 angesichts völlig unterschiedlicher Wohn- und Lebenswünsche dann konkret wurde, hatte ich schon ein bisschen Bammel: Würde ich mich nicht einsam fühlen, wenn diese beiläufige Zweisamkeit Zimmer an Zimmer, das gemütliche Kochen und Essen, das Kaffee-Trinken, Fernsehen, Plaudern nicht mehr die Grundstruktur meines Real Life ausmachen würde? Würde ich vielleicht verwahrlosen, wenn „der Andere“ nicht mehr durch sein bloßes Dasein eine disziplinierende Wirkung ausübte?

Kein Tag in dieser Wohnung hat diese Ängste bestätigt. Es war richtig, mich endlich einmal in einen eigenen Raum zu begeben, wo es nur ganz allein mir selber überlassen ist, was ich darin anfange. Die Zweisamkeit, die hinter mir liegt, war voller gegenseitiger Achtung, Wertschätzung und liebevoller Rücksichtnahme. Nichts, wovor man mit Grauen wegrennt, im Gegenteil! Das Allein-Sein jetzt ist etwas gänzlich anderes, ermöglicht eine völlig neue Lebensweise: Keine Routinen, keine vermuteten Erwartungen, niemand ist da, der aufgrund langjähriger Erfahrung ganz genau weiß, WER ich bin. Also kann ich die Tatsache wieder zur Kenntnis nehmen, dass ICH das NICHT weiß. Und das ist wunderbar! In jedem Moment bemerke ich – wenn ich will – die offene Weite: Was tu ich jetzt? Welchem Impuls folge ich? Welches Dasein wähle ich als Nächstes, welche Rollen und Masken setze ich dazu auf?

Freiheit. Ich spüre große Freiheit. Ganz anders, als etwa Mitte zwanzig, als ich auch schon mal alleine wohnte, doch eigentlich nie allein sein konnte. Meine Wohnung war mir damals nur Absteige, Stauraum, Postadresse – und manchmal liebevoll geschmückte Empfangshalle für einen netten Gast. Mit mir alleine konnte ich nichts anfangen, ja, ich fühlte mich unruhig und getrieben. Es trieb mich zu Gleichaltrigen, man hing gemeinsam in Wohnungen und Kneipen herum, redete viel, hatte zu allem eine Meinung, diskutierte, bis die Köpfe rauchten – dazwischen fanden und zerstritten sich Paare, inszenierten Beziehungsstress, also noch mehr Gesprächsstoff – und dazu Drogen in 1000 Gestalten.

Wir wussten nichts mit uns anzufangen und taten alles, um das nicht zu spüren. Sich ständig unter Leuten aufzuhalten gab uns den Anschein von Halt, Sicherheit, „Jemand-Sein“. „Spontane“ Aktionen wie das nächtlich beschlossene „Komm, wir fahren jetzt nach Paris“ vermittelte den Anschein von Freiheit. Doch das Gefühl der Getriebenheit und Unruhe blieb, auch, wenn man dann in Paris angekommen war.

Heute stelle ich entzückt fest: Nur das Ankommen bei sich selbst ist ein wirkliches Ankommen. Kein naher oder ferner Ort, kein noch so liebevoller anderer Mensch, kein tolles Gedankengebäude und keine „Leistung in der Welt“ kann das Loch stopfen, die Leere füllen, die Getriebenheit beenden, die Suche stoppen. Nur eine Umwendung der Blickrichtung ist nötig: nach „innen“, statt nach „außen“ – die Anführungszeichen geben einen Hinweis darauf, was für eine riesige Abenteuerlandschaft des Unerforschlichen sich hier auftut.

Und wie im Märchen wandert man ganz alleine, trifft Zauberer, Feen, freundliche und feindliche Geister und Gottheiten. Lernt – wie im Märchen – die Macht kennen, die darin liegt, dem Unbekannten Namen zu geben. Oder – und das ist fast noch spannender in meinem Alter – die bekannten Namen von allem und jedem wieder weg zu nehmen. Die Zwiebel des „Life as we know it“ zu schälen, in der Ahnung, dass dieses Beginnen in ein grundstürzendes „Nichts“ führt, vor dem man unsäglich erschrecken würde, wenn es so weit ist. Das Nichts, aus dem die Fülle kommt, die Fülle all der Möglichkeiten, die wir durch unser Denken und Sagen, Tun und Nicht-Tun Wirklichkeit werden lassen.

In diesem Metier gibt es zwei Arten von Gurus, zwischen denen ich lange hin- und hergerissen war: Die einen weisen auf das Nichts hin und geben Tipps, die Zwiebel zu schälen, die anderen auf die Fülle der Möglichkeiten, die unsere Freiheit ausmachen – die Möglichkeit, etwas anderes zu wählen als das gemütliche Elend, in dem man so gerne klagend verharrt.

Damit bin ich durch. Es gibt da keine wahrere Wahrheit, kein richtigeres Verhalten, keine wirklichere Wirklichkeit. Es liegt an meiner Tagesform und Laune, meinen Impulsen im Augenblick, was mich gerade mehr fasziniert: das „schälen“ oder das „kreieren“.

Nichts und niemand auf der Welt hindert mich daran, das eine zu tun und das Andere nicht zu lassen.

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Claudia am 29. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Verstummen oder anecken

Verstummen oder anecken

Ilona Duerkop schreibt in ihrem *Kriegstagebuch davon, wie es sie erschüttert, die Menschen zu erleben, die in den Internet-Cafes sitzen und ihre Urlaubsberichte nach Hause mailen – als wäre nichts, als gehe alles seinen normalen Gang.

So ist Krieg. Jede Lebensäußerung wird zum Statement, ganz egal, ob derjenige davon weiß oder es so meint. Wenn die Zugriffszahlen in Kriegszeiten steigen, dann weiß ich: jetzt wollen einige wissen, was Claudia DAZU sagt. Und schon ist sie da, die Schreibblockade: Muss ich jetzt? Soll ich? Und was? Was ganz besonders „Ausgewogenes“, das in dieser emotional aufgeladenen Situation gewiss nicht aneckt?

Solange es so ist, schreib ich dann lieber gar nicht. Bis es von selber kommt, bis ich nach etlichen Tagen der inneren Verarbeitung einen Beitrag zum Krieg schreiben kann, weil er jetzt eben da ist und überall wahrnehmbar. Eindrücke, die zum Ausdruck drängen, einschließlich der durch sie angestoßenen Gedanken – mehr nicht.

Und dann? Ich surfe zur Tagesschau: Wieder 50 Menschen auf einem Marktplatz zerbombt – kann ich da noch davon schreiben, wie ich 7 Kilo abgenommen habe? Über Konsum-Hemmungen, Allein-Leben oder Rauchen? Absurd! Alle Themen, die keinen Kriegsbezug haben, sind tot.

So greift das Verstummen um sich. In einigen Mailinglisten ist die Frequenz der Beiträge schon gegen Null gesunken. Dafür wächst die Zahl der Webseiten zum Krieg: Infos, Links, sorgfältig ausformulierte politische Stellungnahmen. Und Gedichte, Kriegsprosa. Die Personen verschwinden hinter dem Krieg, haben Rüstungen angelegt und zeigen metallisch-glänzende Oberflächen – oder tragen Trauergewänder, durch die kein Licht mehr dringt.

Ich kann das nicht. Will es auch nicht und halte deshalb möglichst Abstand zu den Medien. Die Menschen, die ich in meinem Alltag treffe – hier im „Real Life“ – sind zum Glück ganz ähnlich verfasst: der Krieg ist durchaus Thema, aber nicht das einzige. Auf meine Frage, was es Neues gebe von der Front, berichtete mir ein alter Freund gestern von seinen Problemen mit gewissen Auftraggebern. Ich war ein wenig irritiert – es zeigte mir aber beispielhaft, welch anderes Bild von „den Anderen“ die geschriebene Netzkommunikation vermittelt, verglichen zu den Alltagsbegegnungen offline.

Heute Abend treff‘ ich ein paar Leute aus der seit 1996 bestehenden Netzliteratur-Szene. In einem wunderschönen Thai-Restaurant in Berlin Mitte, wo sich „essbare Skulpturen“ auf den Tellern finden sollen, werden wir vermutlich über den Krieg und seine Wahrnehmung über das Netz sprechen – aber auch von neuen Projekten, von den Technologien, die wir dafür brauchen und von den Schwierigkeiten, im Mainstream der 0815-Portale und Shops nicht unterzugehen. Ich freu mich drauf!

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Claudia am 27. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Im Krieg

Im Krieg

Eher zufällig fällt der IRAK-Krieg in die Zeit meiner fast totalen Medienabstinenz. Das Radio, dass ich mir auf dem Flohmarkt dann doch noch gekauft hatte, hat beim zweiten Anschalten den Geist aufgegeben. Der Minifernseher, den ich schon vor einem Monat mehr aus Jux mitgehen ließ, war ebenfalls ein Flop. Die tägliche Berliner Zeitung schaffe ich nicht jeden Tag. Ungelesen stapeln sie sich vor der Tür. Um nicht völlig auf dem Schlauch zu stehen, surfe ich einmal täglich zur Tagesschau, frag auch mal einen Freund, was es Neues gibt „von der Front“.

Soviel Neues ist da nicht. Mir entgeht nichts Wichtiges, mir entgeht nur das Eintauchen in die kollektiven Gefühlsozeane, die sich durch die fortlaufende Kriegsberichterstattung jedem mitteilen, der sich dem aussetzt.

Um die Ecke hängt ein Transparent von einem Balkon, auf dem steht: „Fickt mal richtig, damit Ihr nicht so zornig/deprimiert seid, dass Ihr morden müsst!“. Erinnert irgendwie an: „Make love, not war!“. (Möge die Leserin und der Leser entscheiden, welche Generation die besseren Slogans für sich verbuchen kann.).

Erschüttert…

Ich erlebe Mailinglisten, in denen ist die fortdauernde Klage über den Krieg dominierender Inhalt geworden. Viele zeigen große Wut, Trauer und Betroffenheit, sind sich einig gegen den Krieg (die Frage nach den Saddam-Opfern ist mancherorts schon „not-PC“, von meinem Gefühl her)…

Es geht ihnen schlecht, sie können aber auch nichts machen. Nützt es, tagelang vor der Glotze zu stehen und erschüttert zu sein?

Was fehlt – vielleicht kommt es später – ist eine Rückschau auf die ganze Geschichte: Bis nach dem 11. September, als die USA langsam anfingen, sich auf IRAK einzuschießen, hat niemanden groß interessiert, was dieser Saddam da macht. Auch die Europäer nicht.

Es genügte den Funktionären und Politikern, Sanktionen zu verhängen, die – und das hätte man weit früher thematisieren und ändern (!) müssen, nur das Volk trafen und die Saddam-Clique noch mächtiger machten. Hätte man den Irak wirtschaftlich nicht bis zur Perspektivlosigkeit ausgegrenzt, hätte ein Mittelstand sich entwickeln und stärker werden können, der letztlich zu einem Regimewechsel in der Lage gewesen wäre – meinetwegen auch mit Unterstützung von außen (aber unter eigener Regie).

So dagegen hat das kontraproduktive Vorgehen den Boden bereitet, auf dem die USA dann zu agieren begannen. (Die an der schwächsten Stelle ein Bein auf den Boden bekommen wollen, dort, wo der wesentlich von Saudi Arabien finanzierte Terrorismus herkommt, damit – neben dessen Eindämmung – der Zugang zu den ÖÖlquellen erhalten bleibt)

Was ich auch nicht ganz „stimmig“ finde ist der Hinweis darauf, dass man mit verlängerten Inspektoren-Aktivitäten noch mehr hätte erreichen können. Das kann gut sein, aber wer hat sich denn freiwillig gemeldet und bereit erklärt, den Aufbau und „verlängerten Verbleib“ der Droh-Streitmacht
MITZUBEZAHLEN. die es überhaupt erst ermöglichte, dass Saddam Zugeständnisse machte?

Womit ich keinesfalls die USA rechtfertigen will. Ich meine nur, alle Seiten haben Dreck am Stecken. Da gäbe es für die Zukunft manches zu lernen und zu ändern. Wenn man es ernst meint. Wenn man wirklich eine andere Weltordnung will als diejenige, die gerade aus Amerika aufgeherrscht wird.

Draußen auf dem Platz vor meinem Haus stehen Kreuze für die Toten des Irak-Kriegs – ja, das finde ich gut! Emotional aber stehe ich dem nicht anders gegenüber als all den anderen Toten: aus dem Sudan,
aus Sierra Leone, Tschetschenien und all den vergessenen Kriegen, die Jahrzehnte dauern und tausende Tote fordern, und kein Schwein interessiert sich.

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Claudia am 22. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Kleine Mitteilungen am Rande

Kleine Mitteilungen am Rande

Krieg

Eigentlich sind große Worte gefragt, ich weiß. Ein Leser mailte mir: „Du schweigst zum Irak-Krieg? Ich mag dich trotzdem!“ Sorry, mir ist nicht danach und ich werde mich jetzt auch nicht zu „Stellungnahmen“ aufraffen. Es reicht mir schon völlig, wieder zu erleben, wie der Geist des Krieges Mailinglisten und Webforen ergreift. Es verschlägt mir jede Lust, dazu etwas zu schreiben. Zumindest für jetzt.

Gespräch

Im Forum ist ein philosophisches Gespräch ausgebrochen. Eines von der Art, das jeden Bezug zum eigenen Leben, zum Hier & Jetzt in Windeseile hinter sich lässt. Im Beitrag „Achtung, Philosophen“ versuche ich, es ein wenig einzudämmen.

Go East

Im Diary wird es einen Gast-Autor geben: Danny Fundinger zieht für ein paar Monate nach Russland, um dort zu leben und zu arbeiten. Seine gelegentlichen Berichte, die er von einer Südamerika-Tour an Bekannte schickte, haben mir so gut gefallen, dass ich anlässlich der ersten aktuellen Mail „Der lange Weg nach Russland“ auf die Idee gekommen bin, die neue Serie im Diary zu bringen. Er ist einverstanden, also: demnächst an dieser Stelle!

Rauchen & Selbst

Seit fast zwei Wochen rauche ich wieder. Nach zehn Monaten „ohne“ wundert das, auch mich hat es verwundert, zu erleben, wie ich ohne Stress, ohne Konflikt, ohne „belastende Situation“ auf einmal Zigaretten kaufte. Da ich aber zur Zeit auf allen Ebenen meinen Impulsen folge, um mir anzugucken, was es mit ihnen auf sich hat, machte ich keinerlei Versuche, mich zu bezähmen. Und siehe da: es gibt immer noch etwas zu entdecken!

Rauchenderweise arbeite ich seither mit einer Leichtigkeit und Begeisterung, die ich gar nicht mehr von mir kannte. Ich tanze auf verschiedensten Hochzeiten, plane ein tolles neues Projekt, nehme lange vernachlässigte Fäden auf, mache mich an die Neugestaltung einiger Webwerke, die es nötig haben, schreibe viel und bediene mehrere Kunden gleichzeitig. Alles geht leicht von der Hand, strengt mich nicht mehr an, nichts zieht mich ständig „ab in die Sauna“ – ein ganz bestimmter „Elan Vital“, der mich lange verlassen hatte, ist zurück! Ich dachte schon, es sei das zunehmende ALTER und ich müsse mich halt damit abfinden, so langsam in die „innere Kündigung“ zu gehen. Jetzt weiß ich es besser! Es ist nicht das Alter, sondern DAS NIKOTIN, bzw. dessen Fehlen.

Wer bin ich? Mit einem gewissen Grausen stelle ich neu fest: Das, was ich im Leben hauptsächlich war und bin, das, womit ich mich am meisten identifiziere und auf das ich keinesfalls verzichten will: das bin gar nicht ICH! Bzw. das bin nur „ich mit Nikotin“.

Wie kann das sein? Ich will jetzt nicht darüber reflektieren, dass das „Ich“ nur ein Gedanke ist, davon gehe ich aus. Doch ist es schon erschütternd, zu bemerken, in welchem Maße das eigene innerste Wesen, bzw. das, was ich dafür gehalten habe, sich letztlich der steten Verfügbarkeit eines Stöffchens verdankt, das sich seit dem 15. Lebensjahr in meine psychophysische Leiblichkeit eingebaut hat. Und das – mit allen anderen Stoffen und Einflüssen zusammen – die Identität, die ich als „ich“ kenne, erst schafft und aufrecht erhält. Nimmt man den „Baustein Nikotin“ heraus, wie ich es erfolgreich getan habe, ist das, was bleibt, nicht mehr dasselbe!

Was tun? Auf die Dauer, das merke ich jetzt schon, halte ich Rauchen nicht mehr aus. Ich bekümmere mich gerade darum, heraus zu finden, ob Homöopathie vielleicht an der Lage etwas ändern kann. Wenn nicht, werde ich das Nikotin „in Reinform“ zu mir nehmen, mal sehen, auf welchem Wege.

Denn: ICH WILL diejenige sein, als die ich mich „mit Nikotin“ kenne! Das habe ich jetzt in aller Deutlichkeit bemerkt – das irgendwie nebenbei noch „falsch“ zu finden, bringt mir nichts, also schenk ich es mir.

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Claudia am 17. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Der Berber so fern – von Konsumwünschen und Hemmungen

Der Berber so fern – von Konsumwünschen und Hemmungen

Alle Welt spricht über die „Kaufzurückhaltung“ der Deutschen. Diese Haltung, die langsam aber sicher in den Geruch der Ruck-Feindlichkeit gerät, pflege ich nicht erst seit gestern, sondern schon recht lange, in manchen Bereichen immer schon. Man redet sich dabei gern ein, es geschehe aus Protest gegen irgend etwas, oder aus ökologischen Gründen, zumindest aus einem bewussten Sparwillen heraus – stimmt alles nicht. Es ergibt sich so, entlang an den Konditionierungen aus der Kindheit und entsprechend den Lebensgewohnheiten, die im Lauf der Zeit entstehen und sich verfestigen. Auch Konsumieren will gelernt sein!

Mode zum Beispiel. In der heißen Phase der Pubertät war es in meinen Peergroups rund um ein „fortschrittliches“ hessisches Gymnasium angesagt, in Jeans und T- oder Sweatshirts herum zu rennen. Klar, es musste eine bestimmte Marke, eine gewisse Farbe sein und manchmal kam es drauf an, wie tief die Hose auf der Hüfte hing oder wie breit die Beine in den Wind flatterten – dazu trug man tunlichst „Clarks“, wildlederne flache Treter mit dem Charme der Birkenstock-Zeit, die allerdings erst später kam. Manchmal stylten sich die Mädchen für die Disko, da das aber ein eher seltener Event war, lernte ich es nur in Ansätzen und vergaß es auch bald wieder. Sommers dann manchmal nur ein langes Shirt, das knapp über den Hintern reichte – der Mini-Rock war überall. Das war es dann auch schon.

Mit meinem damaligen Liebsten teilte ich zudem die Meinung: Gehe nirgends hin, wofür du andre Kleider anziehen musst! Und dem entsprechend gestaltete sich mein Berufsleben – eigentlich bis heute.

Als ich später – einfach mal so – etwas anderes anziehen wollte, so ein bisschen meine Optik ändern, vielleicht um einem neuen Mann zu gefallen, klappte das nicht mehr. Den halben Tag durch Kaufhäuser rennen, in stickigen Kabinen seltsame Zelte anprobieren, unfähig, etwas zu finden, was mir steht – der reine Horror! Ich hatte meinen Stil, und der war eigentlich keiner. Mir reichen drei Hosen und drei Sweatshirts, mal eine Hemdbluse zum schwarzen Blazer, den ich später zu Geschäftszwecken über den Jeans trug. Schuhe, die die Zehen unangenehm zusammen drücken oder es verunmöglichen, mal eben loszurennen, kommen nicht in Frage und auch keine Stoffe, in denen man schwitzt oder die irgendwie kratzen. Wer in Baumwolle sozialisiert ist, packt das einfach nicht mehr. Alles in allem war und blieb ich modemäßig eine Versagerin, zum Schaden der Wirtschaft, ich seh es ein.

Hifi ? Foto? Reisen?

An ganzen Konsumgüterfeldern verlor ich nach anfänglichem Engagement das Interesse: ein-, zwei Hifi-Anlagen, dann war schon Schluss. In den besetzten Häusern zu Anfang der 80ger war nichts sicher, die Polizei trat bei Durchsuchungen gerne Lautsprecher ein und suchte da nach Marihuana. Also reichte die alte Anlage vom Flohmarkt, dann kam ein geschenkter Radiorekorder und schließlich verlor ich den Draht zur aktuellen Musik.

Ach ja, die Fotoausrüstung! Ein Jahr mit einem engagierten Fotografen in der Dunkelkammer zugebracht – aber schon bald verkaufte ich die Konika wieder (alles noch echt aus Metall!). Es dauerte mir einfach zu lange, bis ich die Bilder zu Gesicht bekam – und dann gefielen mir davon zu wenige, um die Investition zu rechtfertigen. Seit es Digicams gibt, bin ich wieder dabei, immerhin ein Lichtblick.

Reisen? Ein ganz trauriges Kapitel, unter Konsumaspekten betrachtet! Mit meinen Eltern hatte ich zwischen 9 und 17 immer denselben Sommerurlaub verbracht: vier bis sechs Wochen auf einem Campingplatz nördlich von Rom. Ohne Pinienduft war es für mich dann später kein richtiger Urlaub, und auch Hotels brachten nicht das richtige Feeling von Freiheit und Abenteuer rüber. Mehr noch beschlich mich nach dem dritten Urlaubsversuch in den Zwanzigern das Gefühl: Was soll ich denn da? Da kenn ich doch keinen und habe auch nichts zu tun! Da half auch die Reise in der Kleingruppe nichts, ich langweilte mich: immer rumlaufen und gucken? Von einem Ort zum andern fahren? Ja wohin denn und wozu? Schon bald war es vorbei damit, ich entdeckte die Freuden meines spannenden Arbeitslebens und wollte sowieso nicht mehr weg. Nur ins Toskana-Haus eines lieben Freundes – bella Italia! – Wochen und Monate lang immer an denselben Ort, das ging dann wieder. Und kostete mich fast nichts.

Möbel? Während der 80ger zog ich so oft um, dass es mir zuviel wurde, deshalb immer so einen Aufstand zu machen und so viele Leute zu brauchen. Ich reduzierte meine Habe auf das nötigste und verabschiedete jede Menge Bücher. Es wurde mir klar, dass Bücherwände immer weiter wachsen und immer schwerer umzuziehen sind. Dem gebot ich Einhalt. Etwa 200 dürfen sich seither auf 4 Regalbrettern sammeln, wenn es mehr werden, ist Ausmisten angesagt.

An den Rudolfplatz zog ich mit neun Umzugskisten und den wenigen Möbeln, die man eben braucht: Schreibtisch, Bett, zwei Regale, ein paar Stühle, Waschmaschine und Kühlschrank, ein Tisch – für die Klamotten reichte mir ein Sideboard und die Kleiderstange, immer hatte ich mich geweigert, einen Schrank anzuschaffen. Ich will sehen, was da ist. Es soll nicht in Schränken und Kästen versteckt sein, denn dann wird es leicht immer mehr.

Einkaufen verlernt

Und nun ist gerade die sechste Woche in der neuen Wohnung rum, es ist wunderschön hier, aber es fehlt mir was! Dies und das – ja, ich weiß langsam ganz genau, was mir alles fehlt. Auf einmal gibt es diese „innere Liste“ der Anschaffungen, die ich machen will. Ich bin bereit! Ich WILL einkaufen – und schleiche seit Wochen immer mal durch die Shoppingmalls, Möbelgeschäfte, Trödler und Flohmärkte. Himmel, es geht nicht „einfach so“. Ich habe das Einkaufen richtig verlernt!

Drei Wochen hab ich gebraucht, um einen simplen Staubsauer zu erstehen. Erst die Überlegung: Warum nicht ein Gebrauchter zu 10 Euro vom Trödel?? Lieber nicht, der Gedanke an fremden Dreck war mir dann doch unsymphatisch. Dann die neuen Geräte in den einschlägigen Geschäften: Warum kostet der eine 89,-, der andere 245 Euro? Muss ich jetzt etwa Informationen über Staubsauger sammeln? Um Himmels Willen, ich wendete mich mit Grausen – bis zum nächsten Versuch. Langsam sammelten sich die Staubschwaden unterm Bett, die Sache drängte.. Und wieder stand ich vor einem Sauger meiner Wahl, hob das Teil in der Verpackung kurz an: Zu Fuß nach hause tragen? Unmöglich, da brauch ich ein Auto. Vertagt! Die ganze Sache entwickelte sich zum Slapstick – aber na ja, jetzt hab ich einen AEG Vampir zu 79,- von Saturn, heimgefahren mit dem Taxi, Kurzsstrecke zu 3 Euro. Erfolg!

So langsam hat sich auch ein Bedürfnis nach einem gemütlichen Zimmer eingestellt: Ich möchte meinen Ort verändern können, weg vom Arbeitsplatz, aber nicht gleich aufs Bett liegen. Das ist besonders schwierig, denn mein „gemütliches Zimmer“ war seit 15 Jahren das Zimmer meines Lebensgefährten. Wo immer er wohnt, seine Räume sind wohnlich und angenehm, sprechen die Gefühle positiv an, sind in rot-, ocker- und Brauntönen gehalten, strahlen Wärme aus. Wogegen meine Zimmer eher cool wirken, zweckmäßig, nichts, um so richtig auszuspannen. Ich brauchte das ja nicht, denn abends ging ich zu ihm rüber. Einen Fernseher gab’s da auch – bei mir natürlich nicht. Wenn man Wand an Wand wohnt, dringt der Sound immer durch, das haben wir lieber gelassen.

Mehr Druck, mehr Ruck

Nun sitze ich also da, sehne mich nach dieser wohnlichen Wärme und schreibe auf meine innere Liste: ein großer Teppich, mindestens 2.50 mal 3.50, ein Nepal-Teppich oder Tibeter, gern auch ein naturfarbener dicker (!) Berber. Auf den Holzdielen sähe er super aus, ohne dass ich mich durch ihn schon für eine Farbe entscheiden müsste. Mir fehlt der Mut zur Farbe, stelle ich fest. Ein paar kleinere farbige Teppiche sind da zwar schon, aber ich kann mich nicht entscheiden, ob das ganze Zimmer eher Richtung rot oder blau gehen soll.

So ein teurer Teppich bloß fürs Wohlbefinden? Kostet locker 500 bis 700 Euro – das ist die nächste Hürde! Bevor ich mir den leiste, müsste sich finanziell erst deutlich etwas ändern, klar. Immerhin ist es nicht schlecht, Konsumwünsche zu haben, dann ergibt das etwas mehr Druck, sich in Richtung Geld verdienen mal einen richtigen Ruck zu geben – ach Deutschland, lass rucken, für den Berber ruck ich mit!

Die Medien sind auch so ein Thema. Derzeit sitze ich in der Stille und lese täglich die Zeitung, das ist alles. Kein TV, kein Radio – meine Versuche, einen Radiorecorder mit CD-Player oder eine kleine Anlage anzuschaffen, waren eine Katastrophe. Wer das Musikgerät für Jahrzehnte keines Blickes gewürdigt hat, hat in so einer Abteilung Schwierigkeiten, überhaupt zu erkennen, was da so rumsteht. Sieht deutlich anders aus als früher – mir fehlen sämtliche Kritierien, um auch nur zu entscheiden, was für eine Größe das Teil haben soll (Mikro? Mini? Kompakt?), geschweige denn weiß ich noch was von den „Werten“, die man da üblicherweise vergleicht. Die Boxen sind kleiner geworden, das seh‘ ich. Es gibt ihn also doch, den Fortschritt.

Das Schnäppchen..

Ich werde wohl auf eine Begegnung auf dem Flohmarkt warten müssen – so eine, wie ich sie am Sonntag hatte mit dem Schrank (!) meiner Vorstellungen! Ja, ich bin auf den Schrank gekommen, das Sideboard und die Kleiderstange sollen dafür verschwinden. Aber bitte kein moderner Schrank!. Ich hasse Pressspan, diesen überschweren furnierten Müll, elend zu schleppen und beim zweiten Mal zusammen schrauben bricht alles auseinander. Ein alter Schrank sollte es sein, aus leichtem Holz, gern ganz schlicht, ohne viel Säulchen und Verzierungen. In den Trödelläden sah ich jede Menge: für 450 Euro aufwärts verbreiteten sie Gediegenheit, abgebeizt oder dunkel belassen, mit Säulen und Spiegeln. Na, ich bin kein Antiquitäten-Fan, meine Vorliebe ist ganz unromantisch, rein materialtechnisch begründet. Für Omas Kleiderschrank soviel Geld auszugeben, erschien mir einfach vermessen! Ich dachte nicht mehr ernsthaft an den Schrank, als ich ihn Sonntags auf dem Flohmarkt auf einmal da rumstehen sah. Der Junge, der davor Spielzeug verkaufte, sagte auf meine Frage nach dem Preis: „30 Euro“. Und als ich, etwas perplex, nicht gleich etwas erwiderte, meinte der Vater, der mein Zögern bemerkt hatte: „20 Euro. Ein echtes Schnäppchen“.

Womit er recht hatte. Weitere 20 Euro wurde ich bei einem Plattenhändler los, der sich bereit erklärte, mir den Schrank mit seinem Laster an den Rudolfplatz zu fahren. Wie leicht die Teile sich dann in den dritten Stock tragen ließen! Und wie problemlos das Zusammenstecken funktionierte: ohne jedes Werkzeug!

Na, so geht es also langsam doch voran. Wie lange ich noch bis zur Musik, bis zum Fernseher, dem besonders ersehnten Teppich und vielleicht gar einer großen Couch brauchen werde, weiß der Himmel. Aber ich bin guter Dinge, der Konsumstau löst sich langsam auf! (Ob das für den „Ruck“ reicht, ist eher ungewiss…)

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Claudia am 14. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Am Rudolfplatz – ein Blitzlicht

Am Rudolfplatz – ein Blitzlicht

Meine Vormieterin hat mir eine Mail mit der Frage geschickt, wie es mir denn nun am Rudolfplatz gefalle. Immerhin lebe ich jetzt schon eineinhalb Monate hier. So wenig? Es kommt mir länger vor, obwohl ich doch erst seit etwa einer Woche die Küche richtig nutzen kann. Ein Teil der Dielen wurde erneuert, das Ergebnis schreit mich täglich an: Nun mach aber auch den Rest, das sieht ja grausig aus!! Ohhhh, Dielen abschleifen, wann hab ich das zum letzten Mal gemacht? Sind zwar nur etwa drei Quadratmeter, aber man braucht diese brachiale Maschine, es staubt wie in der Wüste Gobi und das Versiegeln ist auch noch mal eine klebrige und stinkige Angelegenheit. So eine kleine Fläche zu beauftragen, würde sich andrerseits auch für den Handwerker nicht lohnen – also warte ich einfach ab, bis mich der große Frühlingselan packt und hoffe das beste.

Dies ist das erste Mal, dass ich meinen Wohnort ganz alleine aussuchte. Unbeeinflusst von einem Mitbewohner, mit dem ich mich einigen musste, unbeeinflusst auch von diesen alten Ängsten, die nahe legen, lieber dort zu wohnen, wo man sich auskennt., wo alte Freunde leben und alles bekannt ist. Bisher habe ich es keinen Tag bereut! Ich schaue aus dem Fenster und sehe über den Platz, über das (noch) ungenutze Gewerbegelände auf der anderen Seite bis hin zu den Bahngleisen und den Häuserblöcken dahinter. Züge fahren hin und her – ich sehe sie, höre sie aber nicht, dazu sind sie zu weit weg. Schön! Die Lage im dritten Stock bringt es außerdem mit sich, immer sehr viel Himmel im Blick zu haben, auch das tut meiner Seele gut, ich liebe die Weite, es macht mich auch innerlich weiter – bilde ich mir zumindest ein.

Zur U-Bahn gehe ich drei Minuten durch die Oberbaum-City, ein aus den alten Glühlampen-Fabriken herausrestauriertes und edel modernisiertes Geschäftsviertel, das abends und wochenends völlig tot ist. „Visionen leben“ steht auf großen Plakaten und Fahnen wehen, wer genauer hin sieht, bemerkt den hohen Leerstand: Büromieten um 30 Euro, wer zahlt das schon derzeit? In den toten Zeiten laufen Wachschutzleute in blauen Parkas mit Taschenlampen herum und erhöhen die „gefühlte Sicherheit“. Eine Münchnerin, die mich neulich besuchte, grauste es richtig beim nächtlichen Gang durch diese menschenleeren Straßen, aber ich versicherte ihr, „die Bösen“ seien eher im Kneipenviertel auf der anderen Seite der Geleise zu gange – wer läuft schon nachts durch die Oberbaumcity, da ist ja nichts!

Der Rudolfplatz mit Kirche, Schule, Kita, Grünanlage und Gründerzeitbauten bietet dann die angenehme Wohnlichkeit, die ich nicht missen möchte. Und binnen weniger Minuten kann ich Stadtlandschaften erreichen, die spektakuläre Ausblicke bieten: keine Postkartenidyllen, sondern die Schründe und Widersprüche, das Unfertige und Kaputte zusammen mit dem Schicken und Größenwahnsinnigen – so gerne will ich dazu eine Bilderseite machen, wenn ich mal richtig Zeit finde!

Und im Haus? Kaum war ich eingezogen, fingen Bauarbeiten an: Über mir, unter mir, Wohnungen werden ausgebaut, immer mal wieder Gas und Wasser abgedreht, die Decken erzittern, Bohrer heulen auf, Staub rieselt im Bad auf das schöne Schlammgrau. Der Bauleiter hat mir eine Flasche Wein vorbei gebracht und gut Wetter gemacht: wir müssen mal eben ein Wasserrohr in Ihrer Toilette rausreißen… Ich verlangte, dass sie das neue dann wenigstens wieder streichen, doch bisher geschah nichts. Auch in der Decke blieb ein Loch, es soll wohl noch verputzt werden.

Dies alles mindert kaum je mein Wohlbefinden, schließlich bin ich Sanierungs-gestählt: in Kreuzberg zu Beginn der 80ger waren die Baustellen andere und der Umgang weit rauher, keine Weinflaschen sondern Drohungen, keinerlei Ankündigungen, aber plötzlich war das Klo weg – das hier ist dagegen ein Kinderspiel!

Vor zwei Wochen dann flatterten Flugblätter der Kiez-Initiative herein: mir gegenüber auf der anderen Seite des Platzes wird die BSR (Berliner Stadtreinigung) einen Recyclinghof errichten. Natürlich ist jeder dagegen, man befürchtet Lärm, Dreck und „Gelichter“ – auch ich bin dagegen und habe als gute Bürgerin eine Einwendung gegen die Änderung des Flächennutzungsplans abgegeben. Gewiss ohne Aussicht auf Erfolg, doch war ich selber lang genug in solchen Kiez-Initiativen und unterstütze sie im gleichen Geist, wie ich mich von Marktforschern befragen lasse, wenn Zeit ist (Den Job hab ich schließlich auch mal gemacht..).

Der Rudolfplatz, ein Paradies? Gewiss nicht, aber ich fühl mich sauwohl hier. Ein Wohlgefühl, das von innen kommt, klar, doch es bedeutet viel, in einem Umfeld zu wohnen, das dieses „Innen“ nicht ständig unter Stress setzt. Und bisher stören mich die Ereignisse nicht wirklich, es kommt mir alles so bekannt vor, keiner großen Aufregung wert.

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Claudia am 13. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Vom Leiden frei?

Vom Leiden frei?

Es ist der dreizehnte März, 7.33 Uhr, und die Morgensonne scheint von rechts (Osten) auf meinen Balkon. Dies ist eine Nordseite-Wohnung, von der die Vormieterin erzählte, dass sich die Morgensonne immerhin im Juni zwischen sechs und acht Uhr früh kurz zeige – und nun kommt sie schon jetzt, wie schön.

Meine Welt und mein ganzes Leben verändert sich drastisch. Nicht unbedingt von heute auf morgen, aber seit ein paar Monaten zerlegt sich alles, was lange Bestand hatte. Kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Gewohnheit oder Errungenschaft bleibt, wie sie war. Wohnen, Arbeit, Beziehungen und Freundschaften verwandeln sich, ja sogar das Essen und Trinken bis hin zum Körpergefühl ist anders: Sieben Kilo weniger machen einen Unterschied, der in jeder Bewegung zu spüren ist.

Und alles geht wie von selbst. Nicht, dass ich etwas geplant oder konkret gewünscht hätte: der Entschluss vom letzten Herbst, in Zukunft alleine zu wohnen, der von außen so selbstbestimmt wirkt, war nur das Ja zu einer länger schon offenkundigen Not-Wendigkeit. Nicht ICH wende die Not, ich folge nur.

Wem? Da ist niemand mehr. Kein Mensch und auch keine „Lehre“, an der ich mich ausrichte und festhalte. Nicht, dass ich irgendwie dagegen wäre, das zu tun, es funktioniert einfach nicht mehr.

Wie fühl‘ ich mich dabei? Gelegentlich ist es geradezu euphorisch: Ich wandere in der Wohnung herum und empfinde Glück, frag mich verwundert, woher es kommt: Müsste da nicht etwas oder jemand sein, eine Ursache? Aber es findet sich nichts, nichts, was ich benennen könnte. Doch weil ich es gewohnt war, für alles Ursachen zu sehen, kann ich nur staunen.

Natürlich gibt es auch Tiefs, Verunsicherung, Einsamkeitsgefühle – sie kommen und gehen und auch von ihnen kann ich nicht sagen, WARUM sie sich zeigen. Und vor allem nicht, warum sie wieder gehen. Ich bemerke sie, forsche nach möglichen Ursachen, hänge mich vielleicht mental für kurze Zeit an das, was mir dazu gerade einfällt, hege „Meinungen“, drücke sie aus – aber schon wenig später zerrinnt wieder alles. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor, einfach so.

Was folgt daraus? Müsste das nicht bedeuten, dass mich alles cool und gleichgültig lässt, unberührt über den Wassern schwebend, wohl wissend: die Zeit nimmt alles Übel mit sich weg, genau wie alles Gute, Wahre, Schöne? Sollte ich – zumindest in meiner Kommunikation – immer von diesem erlebten Wissen ausgehen und die konkreten Höhen und Tiefen nicht mehr Ernst nehmen? Sie nicht mehr ausdrücken vor allem, damit sich niemand betroffen fühlt und womöglich meint, ich sei NUR so – und daraus falsche Schlüsse zieht?

Geht nicht. Es gibt keinen Weg zurück ins berechnende Denken. Wenn sich in mir etwas aufstaut, muss ich es ausdrücken, um es gehen lassen zu können. Mag es den Gipfel der Unvernunft bedeuten, mag es falsch und unberechtigt sein, mag es mich als Idiotin erscheinen lassen (was ja ganz besonders schmerzt!) – was raus muss, muss raus. Eindruck und Ausdruck müssen im Fluss bleiben – und auch „Denken“ hat keine höhere Qualität, sondern ist etwas, was mir ganz genauso zustößt wie eine Empfindung oder ein Gefühl, ist also Teil des Eindrucks, der im jeweiligen Augenblick oder nach einer kleinen Zeit der Einwirkung zum Ausdruck drängt.

Sich diesem Fluss verweigern, ihn kanalisieren wollen, bedeutet Elend und Leiden. Das Gute und Schöne existiert dann nur noch in der Zukunft, also in der Vorstellung. Die Gegenwart ist zubetoniert durch berechnendes Handeln, von Wünschen und Ängsten gesteuert. Immer im Versuch, durch Wohlverhalten nirgends anzuecken oder positive Reaktionen anderer zu erleben, verfehle ich dann genau das, was ich eigentlich wünsche: die Freiheit vom Leiden.

Diese Freiheit verwirklicht sich nicht dadurch, dass ein Rezept, ein Verhaltenskanon gefunden wird, wodurch das Leiden ein für allemal in Schach gehalten werden kann, sondern allein durch das Akzeptieren dessen, was ist. Eben auch, wenn es leidvoll ist. So schnell, wie es sich wieder verändert, wenn ich nicht dran klebe, kann ich manchmal kaum gucken!

Ist das jetzt ein Rezept? Denken und Reden entlang dieses Themas endet immer im Paradox. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es unmöglich ist, so etwas einfach zu lesen und zu übernehmen. Ganze Bibliotheken weißer Worte begleiteten schließlich meinen Weg ins Elend, konnten mir nicht aus der Verstrickung ins rechnende Denken und berechnende Handeln heraus helfen. Es ist erst dann genug, wenn es eben genug ist. Jeder Versuch, etwas grundlegend zu ändern, ist ja genau wieder das beschriebene „Berechnen“, das nur immer tiefer in den Sumpf führt.

Die größte Behinderung bei alledem – nachdem Wünsche und Ängste ihre Macht bereits verloren haben! – ist jedenfalls das Bemühen, doch immer noch „ein gutes Bild abzugeben“. Ich möchte aus dem Augenblick leben, ja sicher, aber andererseits sollen doch alle sehen, dass ich nicht so eine unbewusste Idiotin bin, die vom „richtigen Leben“ nichts weiß.

Und DAS funktioniert nicht. Nie.

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Claudia am 12. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Die Wahrheit: ein Flop

Die Wahrheit: ein Flop

Es ist gelegentlich spannend, sich über Weltanschauungen auszutauschen – aber im Grunde sind das, zumindest bei mir, Momentaufnahmen. Auch die Philosophie folgt dem aktuellen Bedarf, will rechtfertigen und in einen größeren Zusammenhang einbetten, was ist, und öfter noch, was man sich wünscht. Von daher ist es interessant, auch mal zu fragen: Warum hat einer diese oder jene Philosophie? Welche Not lindert er damit?

Man glaubt, Weltanschauung sei Wahrheit, zumindest aus der Suche nach ihr geboren, wenn auch immer unvollkommen. Was aber ist Wahrheit?

Wahrheit, so die traditionelle Anschauung, ist die Übereinstimmung des Denkens mit den Sachen. Wenn aber auch das Denken eine „Sache“ ist, oder die Sache eine Anschauung – was dann?

Dies ist vielleicht DIE Erkenntnis des dritten Jahrtausends. Und das gesamtgesellschaftliche Initiationserlebnis ins Abdanken der Wahrheit war die New Economy, der Börsenhype. Nun verharren alle in der Depression und Stagnation, weil erkannt wurde, dass der Glaube die Werte erschafft – und ebenso schnell wieder vernichtet. Einen Weg zurück gibt es aber nicht, kein Zurück zu den „fundamentalen Werten“. Und Sparen allein ergibt keine florierende Wirtschaft.

Das Problem: dass man den Glauben nicht beliebig erschaffen kann. Ich weiß, manche denken anders, aber mir gelingt es nicht. Nicht „einfach so“, indem ich etwa beschließe, nun etwas anderes zu glauben als das, was mir bisher als wahr erschien.

Der Glaube muss aus den Herzen kommen. Und das bedeutet, dass verobjektiviertes, instrumentalisiertes, einzig der Rendite verpflichtetes Handeln keinen Glauben produzieren kann, der Werte schafft.

Das müsste eigentlich das Ende des Kapitalismus bedeuten, wie wir ihn kennen. Aber naja, das Jahrtausend hat ja erst angefangen.

Wie entsteht Glaube? Ich meine nicht den religiösen Glauben, sondern den, der uns z.B. ein neues Projekt starten lässt – mitten in der Depression. Den, der uns frei macht, heute Geld auszugeben, im Vertrauen darauf, dass morgen wieder etwas herein kommt.

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß zunehmend besser, was hindert. Die „Wissensflut“ steht ganz vorne in der Reihe: diese Unmengen Konzepte, Ideengebäude, Vorschriften, Ge- und Verbote, Traditionen und Moden, Warnungen, Analysen, Szenarien, Handlungsanleitungen – alles, was ich mir von außerhalb zusammen klaube, weil ich grad nicht weiß, wo es lang geht. Oft bedeutet das die reine Zeitverschwendung, schlimmer noch: Verwirrung. Denn ich schaue auf unzählige „Infos“ und Ratschläge, aber nicht mehr auf das, was mich zur jeweiligen Ratsuche motiviert. Ein flüchtiges Unwohl-Sein, ein kleiner Frust, eine gewisse Unsicherheit – und schon wenden wir uns ab und beginnen, uns zu in-formieren: von fremden Inhalten innerlich ausrichten zu lassen.

Ein Konzept, ein Gedankengebäude ist eine Verallgemeinerung einer Lösung, die einmal oder auch öfter in einer bestimmten Situation richtig war. Davon auszugehen, dass dies nun immer stimmt, ja, dass dieses Rezept nun schon vorab in die Strukturierung des Lebens einfließen müsse, ist verrückt. Vor allem ist man dann nur noch am Konzepte abgleichen: oh, das war wohl doch das falsche, es hatte vielleicht einen Fehler, nehmen wir halt Version 1.2. Und auch das wird wieder Fehler haben, genau wie das nächste.

Reden oder Schweigen?

Was im Einzelfall jeweils „richtig“ ist, lässt sich nicht aus dem Denken allein entnehmen. Ein Beispiel aus dem Beziehungsleben: Was tun im Fall eines Konflikts? Die Harmonie ist zum Teufel, man hat ein „Problem“, die schöne Welt der Zweisamkeit droht zu zerschellen – wie verhalte ich mich? Jahrzehntelang war ich der festen Meinung, es sei auf jeden Fall angesagt, darüber zu reden: Sich auseinander setzen, die Dinge KLÄREN. Standpunkte austauschen, Verständnis für den Anderen gewinnen, verhandeln, Abstriche von Ansprüchen machen, möglichst gerechte Kompromisse schließen, auch mal streiten und sich wieder versöhnen – wir redeten und redeten, Tage und Nächte lang: Die „Beziehungsdiskussion“ war schon bald der weit größere Horror als das, was sie jeweils ausgelöst hatte.

Irgendwann, im Rahmen einer mehrere Wochen dauernden Kräfte zehrenden Auseinandersetzung, hatte ich meine „Erleuchtung“. Ein Frühlingstag, ich stand mit meinem Gefährten auf dem Chamissoplatz, wir hatten den Arbeitsplatz verlassen, um die Kollegen mit unserem schon Tage andauernden Streit zu verschonen. Ein Moment der Ruhe, die Sonne kam heraus. Jeder erwartete vom anderen den nächsten verbalen Angriff, eine Art Showdown – ich hatte jedoch ein totales Energie-Tief und fragte ihn erst mal nach einer Zigarette. Wir rauchten. Schwiegen. Schauten uns an. Er sagte: „Du meinst, es gäbe Besseres? Zum Beispiel, mit der Liebsten einen Spaziergang in der Sonne machen?“ Er reichte mir den Arm, ich hakte mich unter – wir lächelten uns an. Es war vorbei.

Für mich eine grundstürzende Erfahrung: Ohne Worte, ohne eine mühsam ausdiskutierte „Problembearbeitung“ war der Konflikt auf einmal verschwunden. Es war sogar schwierig, sich zu erinnern, was eigentlich los gewesen war: Nichtigkeiten!

Die Realität hatte mich belehrt, ich dachte also um. Machte die Erfahrung zu einem neuen Konzept: Nicht drüber reden, einfach leben. Ärger, Wut, Frustrationsgefühle, Leiden aller Art: nichts unternehmen, es verschwindet von selber, wenn ich keine Energie rein stecke. Und der nächste Mann, dem ich nahe kam, sagte es noch deutlicher: wenn erst geredet werden muss, ist eh schon alles zu spät.

Hatte ich jetzt die Wahrheit gefunden? Das RICHTIGE Leben? Immerhin lebte ich lange ohne Diskussion und ohne Streit. Es erschien mir weit angenehmer als in den Zeiten des Beziehungs-Clinchs. Kein Kämpfen mehr, wie schön! Unmerklich aber schlich sich das Elend wieder ein: auf einmal steckte ich in einem Miteinander, das fast nur noch ein stummes Nebeneinander war. Jeder nahm sich zurück, unterdrückte und ignorierte eigene Wünsche und Impulse, sah über alles hinweg, was die so hoch geschätzte Friedlichkeit und Freundlichkeit hätte gefährden können – bloß keine Auseinandersetzungen! Und irgendwo in einem Winkel der Seele baute sich ein Druck auf, der letztlich die Veränderung unausweichlich machte. Das neue Konzept war ebenso falsch wie das alte.

Böses weißes Mehl

In den kleinen Dingen praktiziere ich gerade versuchsweise die schrankenlose Konzeptlosigkeit. Es ist wunderbar! In Sachen Ernährung hat es mich bisher sogar vor dem angeblich unausweichlichen Jojo-Effekt nach dem Fasten gerettet. Tag um Tag hab‘ ich Lust auf diese ungesunden Bäcker-Stückchen: böses weißes Mehl mit viel Zucker und nicht wenig Fett. Und Tag um Tag kauf ich mir eins oder auch zwei, verzehre sie mit Genuss, putze allenfalls die armen Zähne hinterher und mach mir ansonsten keinen Kopf. Und siehe da: ich nehme nicht zu, hab sogar noch ein bisschen abgenommen. :-)))) Nun lässt der Zuckerstück-Hype auch langsam nach, was gewiss nicht der Fall wäre, würde ich mir die Teile versagen!

Wir sind umstellt von Vorschriften, die in ihrer Widersprüchlichkeit geradezu lächerlich sind – und alles WIRKT, gelegentlich, und ebenso oft auch nicht! Da kann ich doch gleich bei dem bleiben, was als Impuls aus mir kommt, das ist wenigstens Realität. Wenn ich sie nicht zum Rezept mache, zum Konzept abstrahiere, kommt alsbald wieder etwas anderes, was zumindest schlimme Schäden vermeidet. Wogegen so mancher Makrobiot oder Urköstler tatsächlich abwartet, bis ihm Haare und Zähne ausfallen, bevor er seine Ernährungsweise nicht mehr an der reinen Lehre ausrichtet.

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