Claudia am 21. Januar 2004 — 1 Kommentar

Über das Wünschen

„Was wir uns wünschen“ – natürlich durfte dieser Schreibimpuls in einem „Kurs für Jahresendzeitmuffel“ nicht fehlen! Egal, wie skeptisch, kritisch, oder belustigt man auf den kalendarischen Start in ein neues Jahr schauen mag: Irgendwo kommen sie doch um die Ecke, kleine und große Wünsche, Unzufriedenheiten, Sehnsüchte nach Veränderung. Zum neuen Jahr gibt’s für kurze Zeit die kollektive „Lizenz zum Wünschen“, man darf in die Vollen gehen, auch Träume und Verrücktheiten aussprechen, ohne damit den Eindruck zu erwecken, mit dem eigenen Leben uneins zu sein, gar ein „Problemkind“, das seine Möglichkeiten nicht zu nutzen versteht und immer nur wünscht und jammert.

Mein eigenes Verhältnis zum Wünschen ist zwiespältig und schwankend. Lange Zeit meinte ich, keine Wünsche zu haben. Mit dem zufrieden zu sein, was ist, schien mir die einzig richtige Haltung. Dankbarkeit empfinden für das Glück, nicht zu hungern, eine angenehme Wohnung zu haben, eine Arbeit, die mir Freude macht. Mit zunehmendem Alter kommt auch die Dankbarkeit dazu, noch halbwegs gesund zu sein – ist es nicht geradezu unverschämt, noch spezielle, ganz persönliche Wünsche zu haben? Klar, den Weltfrieden kann man sich wünschen – aber sonst?

Manchmal dann der Sprung auf die andere Seite: „Was du nicht erfühlen kannst, das wirst du nicht erjagen!“. Schon Goethe sah das Wünschen, das auch ein Hineinfühlen in die Erfüllung umfasst, als Energie an, die uns zu Taten treibt. Was sollte mich bewegen, auch nur einen Handschlag zu tun, wenn ich rundum glücklich und zufrieden bin, wenn der Status Quo mir als die beste aller möglichen Welten erscheint? Ich kenne das aus Zeiten relativ gesicherter Existenz, alles ist eigentlich optimal, kein Drucktermin drückt, keine Gefahr droht – und prompt hänge ich herum und schlage die Zeit tot, während untergründig ein Gefühl der Unzufriedenheit wächst. Die große Langeweile zeigt ihr grau-schwarzes Gesicht, etwas fehlt und ich spüre kaum mehr, dass ich lebe. Ganz schön verrückt!

Die Ablehnung des Wünschens bedeutete für mich einen Weg zur Gelassenheit: Wenn ich nichts wünsche, sondern die Sonne dafür lobe, dass sie morgens aufgeht, kann ich auch nicht enttäuscht sein, wenn sich meine Wünsche nicht erfüllen. In der Auseinandersetzung mit dem Buddhismus verstärkte sich diese Sicht der Dinge noch einmal: Alles Leben ist Leiden, sagte Buddha, und meinte damit die Tatsache, dass sich alles Errungene wieder verflüchtigt und wir dann unausweichlich an den Verlusten leiden. Zeitweise unterfütterte diese Lehre meine ganz persönliche Wunschlosigkeit mit einem zitierfähigen Überbau, zeitweise spürte ich auch eine heftige Ablehnung gegenüber dieser und allen anderen spirituellen Lehren, die immer auch eine Art Weltüberwindung durch Entsagung vertreten. Wie lebensfeindlich! Etwas für Zahnlose, die auf Freuden und Lüste verzichten, um jeglicher Enttäuschung und jedem Schmerz auszuweichen – nicht mein Ding!

Nun bin ich selbst schon etliche Zähne los. Gerade neulich ist mir beim Salatessen einer abgebrochen, der war schon einige Zeit tot, obwohl erst kürzlich neu überkront. Und selbstverständlich wünsche ich mir jetzt irgendwoher eine Geldspritze, damit ich mir den Zahnersatz leisten kann. (Gottlob sieht man die Lücke nicht, wenn ich nicht sehr breit lache.) Und wenn ich schon mal grad dabei bin: Ein großer Flachbildschirm täte meinen Augen richtig gut. Der 19-Zöller, der vor mir steht, ist schon ziemlich betagt und kundige Freunde raten mir dringend, nicht länger so viele Stunden täglich in diese Strahlenkanone zu starren. Der Stuhl, auf dem ich sitze, war zwar vor sechs Jahren der letzte Schrei, da hab ich mal richtig Geld ausgegeben! Aber heute entspricht er nicht mehr den Erkenntnissen über ergonomisches Sitzen. Und das ist nicht nur Marketing, sondern richtig wahr: er kippt bei Bedarf überall hin und vieles lässt sich einstellen, nur kippt er eben leider nicht nach vorne, verhindert also das „dynamische Sitzen“. Mein Mausarm und mein Rücken lassen mich spüren, was damit gemeint ist.

Reine Abwehrwünsche bis hierher. Wünsche, die den natürlichen Verfall des Körpers und seine Abnutzungen und Leiden aufgrund zeittypischer Nutzungen abwehren und rückgängig machen wollen. Sie zu leugnen, ist fast unmöglich, aber auch sie lassen sich ablehnen: Warum nicht gegenüber dem Verfall Gelassenheit üben? Ist er doch letztlich unvermeidlich, warum also dagegen ankämpfen? Ein Freund von mir praktiziert lange schon diese Philosophie und ich bewundere ihn manchmal dafür. Allerdings kann ich ihm nicht folgen, müsste mich in einer Weise selbst verleugnen, die Schaden an meiner Seele bedeuten würde. Gesund und schmerzfrei will ich schon sein, mindestens!
Wieder jung?

Und sonst? Wie weit würde ich in diesem Wünschen gehen? Mal angenommen, die sprichwörtliche Fee erscheint und bietet mir an: „Du kannst den Körper wieder haben, den du mit fünfundzwanzig hattest – entscheide dich JETZT!“. Was würde ich tun?

DAS würde ich ablehnen. Zwar mit einer gewissen Wehmut, aber ohne Zögern und Zweifeln. Nicht, weil ich etwas dagegen hätte, gesund, schlank, schön und straff zu sein, ohne mich groß darum bemühen zu müssen. Sondern weil ich weiß, dass „ich“ in sehr weit gehendem Sinne dieser Körper BIN, dieser fast fünfzig-jährige, nicht mehr ganz so schlanke, nicht mehr ganz gesunde und deutlich weniger straffe Körper. Die Wissenschaft (und zwar die „herrschende“ UND die „alternative“) tut immer so großartig, wenn wieder einmal für irgend eine urmenschliche Qualität im Denken, Fühlen, Welt.wahrnehmen eine messbare „materielle Entsprechung“ gefunden wird, irgendwelche Botenstoffe, ein „Bauchgehirn“, Licht-Quanten, die aus den Zellen strahlen oder was immer. Ich brauche dazu keine Beweise, denn ich BIN es ja jeden Tag. Zwanzig Minuten Yoga-Üben versetzt mich in einen völlig anderen Zustand, Treppen-Steigen fühlt sich anders an, wenn ich dreimal die Woche ins Fitness-Center gehe, fünf Kilo Gewichtsunterschied ändern spürbar mein Lebensgefühl, genauso wie das Wetter, das Rauchen, die Ernährungsweise, die Jahreszeit und vieles vieles mehr. Und all das Viele in seinen tausend Qualitäten spüre ich heute anders, sehr viel intensiver in Leid UND Lust, als mit fünfundzwanzig. Deshalb sag ich zur Fee ganz ruhig: nein danke! Erbarme dich doch statt meiner der Leserschaft von Fit-for-Fun!

Was also wünsche ich mir noch, mal abgesehen von den „Erhaltungsbedürfnissen“? Wenn ich so überlege und mir dies und das vorstelle, merke ich, dass es schwer fällt, zu Wünschen jenseits solcher Verteidigungen eines Status Quo zu kommen. Allenfalls will ich dann noch mehr Sicherheit und Bequemlichkeit – also mehr Geld, ein regelmäßiges Einkommen, um das ich nicht immer neu kämpfen muss. Alles keine „richtigen“ Wünsche, sondern reine Rationalität, auf die Zukunft und den Erhalt der „Möglichkeiten“ gerichtet.

Richtiges Wünschen ist ein Fühlen. Der gedankliche Radar richtet sich spontan auf irgend etwas und ein warmes, sonniges Gefühl durchströmt mich, vom Herzen ausgehend. Im letzten Sommer hatte ich dieses Gefühl, als mich ein Freund für ein paar Wochen coachte und ich ernsthaft dazu kam, mir für das, was mir in der Arbeit am meisten Freude macht, auch richtig Zeit zu nehmen – und zwar inmitten der „Hauptarbeitszeit“ des Tages! Ich plante die Schreibimpulse-Kurse morgens zwischen zehn und zwölf, und erst dann widmete ich mich meinen Webdesign-Kunden. Heute hab‘ ich dasselbe Gefühl auch beim Gedanken daran, wieder gestalterisch zu arbeiten, „Bilder der Liebe“ herzustellen, die ich mir selber gern an die Wand hängen würde und sie als Grafik-Serien online zu verkaufen. Wenn ich soweit komme, das vormittags anzugehen, wird es sich realisieren – bis dahin nehme ich mir manchmal diese „wichtige Zeit“, um Diary zu schreiben. Nicht so oft, wie ich es mir wünsche, schließlich muss ich Geld verdienen, aber oft genug, um „am Ball“ zu bleiben, in Kontakt mit diesem warmen Gefühl, das vom Herzen kommt.

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Claudia am 15. Januar 2004 — Kommentare deaktiviert für Das menschliche Dilemma

Das menschliche Dilemma

Neuerdings sind Benimm-Kurse wieder angesagt, lese ich in der Zeitung. Junge Leute lernen freiwillig die Regeln gesellschaftlichen Umgangs, die Handhabung verschiedenster Essbestecke an kompliziert gedeckten Tafeln und die Reihenfolge, wer wen wem zuerst vorstellt. Meine Generation hatte diesen ganzen „unspontanen“ und „heuchlerischen“ Schmodder dereinst abgeschafft, total begeistert vom gänzlich Formlosen: ungezwungen und echt wollten wir sein, frei und ungebunden – eben „locker drauf“. Feste waren nur noch Ansammlungen einander fremder Menschen, die selber zusehen mussten, was sie miteinander anfangen – oder eben nicht. Unmengen Alkohol und laute Musik ersetzten Programm und Gastgeber, Nudelsalat wurde gern in Kinderbadewannen angerichtet, und wenn jemand zu Besuch kam, sagte man allenfalls: Da drüben ist der Kühlschrank!

Im persönlichen Umgang waren Offenheit und Ehrlichkeit oberste Werte, auch wenn die Wahrheit weh tat. Besitzansprüche in der Liebe galten als Sünde: wie könnte ein Mensch einen anderen besitzen? Mit welchem Recht sollte einer dem anderen vorschreiben dürfen, was er oder sie zu tun oder zu lassen hätte? Wir waren stolz auf unsere „offenen Beziehungen“, auch wenn die sich im Wesentlichen in „Beziehungsdiskussionen“ erschöpften: Nächtelange Gespräche über legitime oder illegitime Ansprüche, jeder auf der Suche nach Nähe, Zärtlichkeit und Verstehen, die so in immer weitere Ferne rückten.

Alles lange her. Diese Zeit hat mich geprägt, ihre Sichtweisen bilden den „historischen Hintergrund“ meiner Bewertungsskalen, und eigene Veränderungen spüre ich daran, wenn sie auf einmal nicht mehr stimmen. Mit zunehmendem Alter und wachsender Lebenserfahrung geschehen Umwertungen, die ich mir früher nie hätte träumen lassen. Dass ich mich mal nach Regeln und Konventionen, nach bloßer Höflichkeit sehne, ist zum Beispiel so eine Veränderung. Sowas galt uns als wertlose „Sekundärtugend“, die auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Warum Freundlichkeit heucheln, wenn es mir nicht danach ist? Warum ein Essen loben, dass mir nicht schmeckt? Das ist doch dann eine glatte Lüge! (empörtes Stirnrunzeln…).

Wahrheit in allen Situationen kann man solange ungebrochen fordern, wie man jung genug ist, von der Welt und vom Mitmenschen nur das Beste zu erwarten. Vielleicht nicht gleich, aber spätestens, wenn sie vom falschen Bewusstsein und anderen Großübeln endlich befreit ist. (Wir arbeiteten dran…) Damit einher geht ein Selbstverständnis, das sich immer im Recht, immer auf der Seite des Guten wähnt. Kein Grund also, mit dem ICH hinterm Berg zu halten: Ich will, ich denke, ich meine, ich brauche – ich, ich, ICH!

Mir scheint, mit zunehmendem Alter sortieren sich die Menschen dann in zwei Schubladen: die einen behalten diese Sicht der Dinge bei, koste es, was es wolle. Das eigene Handeln, Wollen und Meinen ist immer irgendwie zu rechtfertigen, und die Anderen sind entweder gut oder böse. Mit den Guten ist man befreundet, die anderen werden bekämpft. Und immer wieder – leider leider! -wird ein Freund als Böser erkannt und muss aussortiert werden. Am Ende wird so jemand zwangsläufig sehr einsam, verknöchert und verbittert, bleibt aber rechthaberisch bis zum letzten Atemzug, dem Pflegepersonal ein Graus.

Die Anderen schauen genauer hin, erkennen in den Augenblicken drastischen Scheiterns, dass das Böse, Widrige, Unfriedliche und Unverschämte nicht nur bei den Anderen zu finden ist. Sondern ebenso, und zwar nicht zu knapp, im eigenen Zentrum: Ich will, ich brauche, ich erwarte von dir, dass du… es mag harmlos anfangen, doch es führt mit staunenswerter Geschwindigkeit in vielerlei Abgründe: Unterdrückung, Streit, Wut, Hass, Krieg. Besonders deprimierend daran ist, dass es die ureigensten und an sich nicht kritisierbaren Lebensbedürfnisse sind, die sich als Wurzel des Übels erweisen, sobald ich sie als Anspruch und Erwartung dem Mitmenschen aufdrücke: der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität, nach Wahrgenommen-Werden und Resonanz, nach Nähe, Zärtlichkeit und Erotik, nach Geliebt- und Gebraucht-Werden. All diese wunderschönen Dinge werden gerade NICHT erreicht, wenn ich meine Bedürftigkeit an die erste Stelle setze und den Anderen als Mittel sehe, mir zu verschaffen, wonach es mich verlangt.

Ein unlösbares Dilemma, nur vom menschlichen Geist wahrnehmbar. Entweder man unterdrückt Andere, beschränkt ihre Freiheit und Lebendigkeit – oder sich selbst.

(Stimmt nicht? Warum dann zum Beispiel dieses genervte Gefühl, wenn jemand redet und redet und gar nicht mehr aufhört? Er/sie lebt doch nur das urmenschliche Verlangen nach Beachtung aus – ist daran irgend etwas falsch?)

Weil wir das Dilemma als solches erkennen können und aus diesem Erkennen die Sehnsucht entsteht, den Schauplatz des gesamten Leiden-schaffenden Geschehens zu verlassen, sich zumindest irgendwie heraus zu halten, nannte Nietzsche den Geist „bio-negativ“. Denn wer vom Bazillus dieser „Sicht der Dinge“ angekränkelt ist, wird sich nicht mehr ungebrochen in den Kampf ums eigene Glück stürzen, es nicht mehr wollen und damit auch nicht mehr können. Also werden sich Andere erfolgreicher fortpflanzen und den weiteren Lauf der Welt bestimmen.

„Zivilisierte“ Gesellschaften, die mit all den bedürftigen, lebensgierigen und liebes-sehnsüchtigen Individuen irgendwie funktionieren müssen, haben zum Zweck halbwegs friedlichen Miteinanders die Sekundärtugenden entwickelt und Benimm-Regeln etabliert. (Höfliche Konversation verteilt die Redezeit gleichmäßig, egal, WAS gesagt wird und WER es sagt) Ritualisierter Umgang, feste Formen, Recht und Gesetz, Ehe und Familie, Tradition und Gewohnheit: All das bringt nichts Wahres ins Falsche, aber lässt die Karre irgendwie weiter laufen.

Immerhin! Das jugendliche „Hau weg den Scheiß“ ist mir jedenfalls vergangen.

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Claudia am 14. Januar 2004 — Kommentare deaktiviert für Schreiben hilft – aber wie?

Schreiben hilft – aber wie?

Eine Kursteilnehmerin stellte kürzlich die Frage nach dem Schreiben als einem „Sich auskotzen“. Alles mal rauslassen, was auf der Seele liegt und schmerzt, einfach mal hemmungslos jammern, klagen, schimpfen – ist das nicht befreiend und erleichternd? Reinigend wie ein Gewitter nach einer langen staubigen Dürre?

Wer noch kaum Schreibpraxis hat, wird vielleicht gerade diesen Zugang wählen. Für den Moment fühlt es sich womöglich auch gut an – aber dann? Ist damit etwas gewonnen, wenn ich irgendwelche Leiden und Schwierigkeiten, sowie alle negativen Gefühle, die damit zusammenhängen, in die Tasten fließen lasse? Ich spreche jetzt nicht vom Veröffentlichen, sondern einzig vom Aufschreiben, vom „heraus schreiben“ – ist es dann weg oder gebessert?

Gestern war mir das egal. Ich war bereit, zu jammern. Mein letzter Artikel begann ursprünglich mit der Überschrift „Ich will auf den Arm!“ und das entsprach genau meinem aktuellen Gefühl am Ende einer etwas depressiven Phase. Dann aber merkte ich, dass es nicht möglich war, einfach abzubilden, was in mir wühlte, nicht einmal „nur für mich“. Zu sehr ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, dass Worte und Sätze ein magisches Handeln sind. Mit allem, was ich niederschreibe, erschaffe oder verfestige ich eine Realität. Solange sich die Gedanken als frei fließender Strom im Kopf bewegen, ist alles plastisch, änderbar von Augenblick zu Augenblick. Wenn ich aber hinschreibe „X ist ein Eumel!“ oder „mein Chef macht mich krank!“ oder auch „ich fühl mich so beschissen und leide unter XYZ“, dann hab‘ ich mich fortan mit einer Realität auseinander zu setzen, die nach Konsequenzen verlangt: Was tu ich jetzt? Wie begegne ich in Zukunft diesen Eumeln? Was muss ich ändern, um mich vom Leiden zu befreien?

Vermutlich benutzen viele das Schreiben genau dafür: Realität fassbar machen, sich damit auseinander setzen und etwas ändern. Oft ist das aber genau der Weg, erst richtig ins Leiden hinein zu kommen. Bliebe es beim Gedankenstrom, würde dieser sich binnen kurzer Zeit mit großer Sicherheit von selber andere Themen suchen, er kann gar nicht anders. Stimmungen und Gefühle als „Schreibimpulse“ wechseln so schnell wie das Wetter in der Eifel. Besser, ich passe einen ab, der mich nach vorne bringt – und „vorne“ ist immer da, wo ich mich wieder besser fühle!

Also alles ignorieren, was nervt? Das nicht. Es geht einfach nicht – nicht, solange ich in den entsprechenden Gefühlen und Gedanken kreise, nicht im „Raum des Leidens“, der seine Schreibimpulse setzt wie alle anderen Lebensräume. Was raus will, muss raus – aber WAS ist DAS? Dieses „Etwas“ kann ich in bestimmten Grenzen frei wählen. Und stelle fest: der schlichte „tagebuchartige“ Bericht aus dem Leben wäre die schlechteste Wahl, würde nur meine miesen Empfindungen noch verstärken und mein Selbstmitleid vergrößern. Statt dessen können „Randaspekte“ wirklich gut tun – und diese erschließen sich mittels anderer „Textsorten“. Der Artikel „Schlimmer als Mundgeruch“ handelt zum Beispiel von Bedürftigkeit: Es hätte eine Aufzählung werden können von allem, was ich gerade entbehre, wonach es mich verlangt, was ich zu brauchen meine, um mich wieder besser zu fühlen (auch das lässt sich so abstrakt formulieren, dass keinerlei Intimitäten verletzt werden). Statt dessen ist es – und zwar ganz „von selber“ – eine kleine, selbstironisch-zynische „Brandrede“ geworden. Ein kurzer, dichter Text rund um den „Randaspekt“: Was mich hindert, einfach mal so zu jammern und zu klagen. Diese „Hinderungen“ werden durch den Kakao gezogen und zum Abschuss frei gegeben, dem großen Gelächter über menschliche Schwächen überantwortet. Als Negativbild dieser „Demontage“ wird das Leiden, das sie ausgelöst hat, sichtbar – jedoch ohne definiert und damit fest-geschrieben zu werden. Hinterher fühlte ich mich um Klassen besser! Konnte wieder über mich lachen, die Luft war wieder frisch und schon bald floss der Gedankenstrom weiter zu anderen, beglückenderen Themen.

Das ist nicht die einzige „Methode“. Es gibt andere, zum Beispiel die direkte, ins Extrem gesteigerte „Brandrede an das Böse“, oder, unauffällig aber wirksam, die Darstellung einer belastenden Angelegenheit in der dritten Person: als wäre ich lediglich Journalistin und berichtete über etwas, das mich selber gar nichts angeht.

Es ist recht neu für mich, das eigene Schreiben so zu rationalisieren und zu analysieren. Schließlich habe ich mir diese „Methoden“ nicht ausgedacht. Sie sind mir zugewachsen, einfach aufgetaucht in all den Jahren, in denen mir das Schreiben zur selbstverständlichen Geste geworden ist: als Selbstausdruck, zur Gewinnung von Klarheit, zur Bearbeitung jeglicher Formen von Leiden, zur Lebensbewältigung ganz allgemein. Durch die Schreibimpulse-Kurse bin ich auf einmal gefragt: WIE und WARUM schreibst du eigentlich? Warum so und nicht anders? Zu Beginn kam ich mir dabei vor wie der Tausendfüßler, den man fragt, wie er denn seine vielen Beine beim Gehen ordnet. Dabei ist es zum Glück nicht geblieben: wo gefragt wird, entstehen auch Antworten, eine ständige Praxis lässt sich tatsächlich „von außen“ ansehen und in Worte fassen. Ob allerdings meine Antworten auch für Andere nützlich sein können, müssen diese Anderen für sich selber ausprobieren. Schreibend!

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Claudia am 12. Januar 2004 — Kommentare deaktiviert für Bedürftigkeit: Schlimmer als Mundgeruch

Bedürftigkeit: Schlimmer als Mundgeruch

Jahr um Jahr immer voll da, meistens kreativ und nie um einen Rat verlegen, wenn mich jemand fragt. Mit allen Behörden im Reinen, keine Leichen im Keller, keine Inkasso-Unternehmen auf den Fersen, keine Ratenkredite, und selbst das Finanzamt hat nichts zu meckern. Konto immer nur FAST, aber nie tatsächlich überzogen. Praktisch nie krank gewesen, die Paradontose rechtzeitig zum Stillstand gebracht, immer mal auftretendes Übergewicht locker wieder abgebaut. Optisch unauffällig, für an die 50 ganz gut erhalten. Beruflich selbständig, was denn sonst? Aktiv, ideenreich, meistens fröhlich und guter Dinge, selbstverständlich kommunikationsfähig auf allen Kanälen.

Nie verärgert. Erwartungen hegen schafft Leiden und Enttäuschung – abgewöhnt! Gelassenheit bringt Gelingen. Sieger ist, wer nicht erst kämpfen muss. Im Zweifel auf den Atem konzentriert lässt sich alles wegstecken. In der Ruhe liegt die Kraft. Lächelnd erschaffe ich meine gute Laune selbst, brauche dazu niemanden sonst. Unabhängig, selbständig, eigendynamisch, weitgehend kompatibel zu allem, was muss. Probleme sind schludriger Sprachgebrauch, kein Teil der Realität.

Was ich brauche? Gelegentlich einen Programmierer. Alles andere bietet die städtische Infrastruktur, der Markt, das Netz – Google. Ich blinzle in die kalte Wintersonne, dankbar für alles, was ist. Mehr wollen wäre von Übel. Bedürftigkeit ist schlimmer als Mundgeruch. Als Bewohnerin der Leere, die die Fülle ist, verschone ich Andere vor mir. Und wenn ich selber mal ausgelaugt und ausgesaugt bin, stecke ich einfach die Finger in die Steckdose und lade mich wieder auf.

Vor mir muss man sich also nicht fürchten. Ich bleibe bis zum Ende höflich, verfasse erbauliche Texte und langweile nicht.

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Claudia am 30. Dezember 2003 — Kommentare deaktiviert für Jahresendgedanken

Jahresendgedanken

Es gelingt mir im Moment nicht, den langweiligen Kram abzuarbeiten, der in keinem Arbeitsleben ganz vermeidbar ist. Der sich immer wieder zu eindrucksvollen Bergen aufstapelt und dann immer lauter „du solltest jetzt endlich!!!“ in die Seele schreit. Ich höre es, aber es berührt mich nicht. Jedenfalls nicht drastisch genug, um mich aus meiner Jahresendzeitstimmung zu reißen, die nach ganz Anderem verlangt.

Nach Ordnung zum Beispiel: Ballast abwerfen, alles Unnötige, Zerstreuende, Ablenkende aussortieren, mich ganz neu auf das Wesentliche konzentrieren. Was aber ist „das Wesentliche“? Ein für allemal lässt es sich gewiss nicht bestimmen – ja, es lässt sich überhaupt nicht BESTIMMEN! Es funktioniert jedenfalls nicht, die einzelnen Aktivitäten vors geistige Auge zu stellen und sie dann nach „vernünftigen“ Kriterien zu bewerten: Das hier hat keinen sichtbaren Nutzen für irgend jemanden, es bringt auch kein Geld, also wird es gestrichen. Dieses hier hat mir immer mehr Ärger als Freude gebracht, also weg damit! Und jenes sollte eigentlich ein bisschen Welt-retten, ich seh‘ aber keinen Erfolg: hau weg den Scheiß!

Nicht Funktionieren heißt: zwar denke ich so, zwar stelle ich immer wieder solche Überlegungen an, doch in der Praxis hat das wenig Folgen. Ich mag „dies und jenes“ streichen, und das bringt für den Moment auch Entlastung. Doch nur wenig später finde ich mich wieder in neue, ähnliche Aktivitäten verstrickt vor. Offensichtlich gehört es zu meinem „Wesen“, mich derart zu zerstreuen, gelegentlich zu verzetteln, Dinge ohne klar benennbaren Nutzen zu tun. SOLLTE ich das ändern? Könnte ich es, wenn ich wollte? Sollte ich es überhaupt wollen?

Jahresendfragen. Ihnen ihre Zeit geben, ihnen ganz entspannt mal wieder ihren großen Auftritt gönnen, tut gut. Texte ohne klare Botschaft schreiben, was mir immer mal wieder jemand freundlich oder unfreundlich vorwirft, tut auch gut. Wenn ich mir so manche „Kritik“ angucke, die mir gelegentlich ins Forum gerotzt wird, frag ich mich immer: Warum muss der das schreiben? Wozu der Aufwand? Wenn ich etwas blöde, voll daneben, ganz falsch oder schlicht mies finde, mach‘ ich es wie die meisten: Klick und weg! Jede Einlassung, jede Resonanz ist Zuwendung, kostet Zeit und Aufmerksamkeit, auch die schlimmste Beschimpfung. Und ich wende mich nur dem zu, der mir etwas bedeutet, dessen Denken, Fühlen, Handeln mir also nicht egal ist. Zumindest gilt das in den Räumen der Freiheit. In denen der Notwendigkeit, etwa in einem Arbeitsteam, muss ich mich natürlich einlassen, mich „auseinander setzen“. Aber auch dann nur so weit, wie es die gemeinsame Sache fordert, nicht etwa automatenhaft: Der hat was Saublödes oder gar Feindseliges gesagt, da spring ich jetzt drauf an…

Es gibt Freunde, die hätten mich gern ein bisschen militanter, kämpferischer. Sie empfinden „stellvertretend“ eine Betroffenheit, die ich so gar nicht fühle. Wollen mich womöglich verteidigen, manche tun es sogar, was ich dann natürlich lieb finde. Aber nicht nötig, nicht für mich. Um mich mit jemandem auseinander zu setzen, muss ich doch erst mal mit ihm zusammensitzen! Und seit ich drauf achte, neben wen ich mich setze, seit ich nämlich nicht mehr dringlich jemanden brauche, der neben mir sitzt, sondern gern alleine sitze, geht’s mir gut. Ich schaue auf Alles-was-ist und manchmal schreib ich auf, was ich sehe, fühle und denke. Es dann „hinaus zu stellen“, wo nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch beliebige XYZs es genießen, nutzen, ignorieren oder zerreißen können (wenn sie denn wollen…), gehört unverzichtbar dazu. Für mein Selbstgespräch alleine brauch ich keine Texte produzieren, da reichen mir die Gedankenströme im Kopf! Doch darüber hinaus möchte ich teilen, möchte mein Erleben, meine momentane Sicht-der-Dinge mit-teilen, auf dass diejenigen sich etwas davon nehmen, die es brauchen können.

Mit dem „Abschicken“, dem Übertragen der Dateien auf den Server und der anschließenden Endkorrektur ist der Akt dann aber vollzogen, ist zu Ende und in sich tief befriedigend. (Danach ist es z.B. leicht, den Geist von allem gerade „Betexteten“ leer zu machen und sich dem zuzuwenden, was anliegt.) Was dann noch kommt, falls etwas kommt, ist ein ganz anderes Spielfeld: Zu was etwa das nun Veröffentlichte von den Einzelnen gebraucht wird, ist ihr Ding, nicht meins. Selbst wenn ich wollte, könnte ich das nicht beeinflussen. Wie man einen Text versteht, ist nicht von daher bestimmt, wer die Autorin ist und was sie gemeint hat, sondern weitestgehend davon, wer und was man selber gerade ist. (Wer zweifelt, lese mal ein wichtiges Buch fünfzehn Jahre später wieder!). Ich lese sämtliche Reaktionen zuvorderst als Botschaft über den Verfasser, lese sie interessiert und bin manchmal fasziniert von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Reaktionen. Dem einen ist „mehr als ein sonntäglicher Kirchgang“, was dem anderen „überflüssig“ oder gar bekämpfenswert erscheint. Wieder ein Anderer schätzt den Unterhaltungsfaktor oder das fünfminütige Wegschalten vom eigenen, vielleicht gerade stressigen Kopfkino. Manche sind inspiriert, andere verärgert, was den einen berührt, lässt die andere kalt oder reizt zu fundiertem Widerspruch. Es ist, wie es ist. Kein Problem, kein Wunder.

Wunderbar aber, dass es mit dem Web nun eine Veröffentlichungsplattform gibt, die den Schreibenden von der Art der Resonanz ökonomisch unabhängig weiter schreiben lässt! (Ganz anders als etwa auf dem Buchmarkt, wo es darauf ankommt, wie viele das Buch kaufen, ob sie es gut finden und was die Rezensenten darüber schreiben). Das ist zwar „nur“ eine äußere Freiheit, aber sie ist unverzichtbar, um die innere Freiheit schreibend auszuloten, sie überhaupt wahrzunehmen, immer neu zu ergreifen und womöglich auszudehnen (und wieder zu teilen…).

Immer mehr Menschen scheinen dieses Potenzial des Netzes zu bemerken. Spät, aber doch! „Webtagebuch schreiben“ wird geradezu Mode, wenn das auch für sich genommen nichts heißen muss. Doch ich lerne jetzt deutlich mehr Menschen kennen als früher, die diese Art „freies Schreiben“ für sich nutzen wollen oder schon damit angefangen haben. Nicht mehr das einzelne glitzernde Wortwerk, die tolle Website, das bunte Blog und das ganze „netzige“ Drumrum steht für sie im Vordergrund, sondern das Wesentliche: die „Geste des Schreibens“ zum eigenen Wachstum nutzen.

Das Wesentliche – da ist es wieder! Und jetzt in einer Gestalt, die zu mir spricht, geeignet, mein Jahresendchaos zu ordnen: Weiterschreiben, hier und anderswo, und das, was mir dadurch zugewachsen und geschenkt ist, weiter geben. An die Leser, wie immer schon, und neuerdings in konzentrierter und verdichteter Form an diejenigen, die meine RauslinkSchreibimpulse-Kurse besuchen.

Wegen ihnen hör‘ ich hier jetzt auf. Wenn es dunkelt, ist es Zeit für „Transfer 2004 – wenn die Nacht am tiefsten ist“ (der Kurs für Jahresendzeitmuffel). Selten hat mich eine „Arbeit“ so glücklich gemacht, mich so intensiv und ganz persönlich gefordert. Also werde ich das weiter machen und so gut ich kann ausbauen. Aber nicht bis zum Punkt völliger ökonomischer Abhängigkeit. Ich werde weiter Webseiten bauen, pflegen und updaten, und als Drittes würd‘ ich gern mal etwas verkaufen: Dinge, die mir gefallen, die ich nur bewerben, verpacken und verschicken muss – und nicht immer neue zeitfressende Dienste leisten.

Im Jahr 2005 möge sich das verwirklichen!

*

Euch allen wünsch ich einen guten Rutsch, eine Jahresendstimmung, wie Ihr sie mögt, und für das nächste Jahr Glück und Erfolg! Vergesst die Liebe nicht!

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Claudia am 22. Dezember 2003 — Kommentare deaktiviert für Wert und Wertschätzung – über die Konsumkrise

Wert und Wertschätzung – über die Konsumkrise

Nun ist die Weihnachts-Einkaufsschlacht ja bald wieder vorbei. Wie ich höre, versucht der Handel noch in letzter Minute, mit neuen Rabatten Käufer zu locken, die immer noch in „Kaufzurückhaltung“ verharren. Schnäppchen jagen ist lange Volkssport Nummer Eins geworden, und es heißt, Geiz sei geil. In den Talkshows sitzen Politiker und grübeln darüber, was sie alles tun könnten, sollten oder müssten, damit das „Sparen“ als oberster Wert aus den Köpfen wieder verschwindet und die Wirtschaft endlich wiederbelebt würde. Hört man ihnen zu, erscheint das Konsumieren leicht als patriotische Pflicht eines jeden, der noch ein Minimum an Verantwortung für diesen Staat empfindet und das soziale Netz erhalten sehen will.

So kann man das betrachten, es ist allerdings eine rein äußerliche Sicht. Klar, die „unsicheren Verhältnisse“ stören die Bereitschaft, größere Anschaffungen zu machen oder gar auf Kredit zu kaufen. Doch warum jagen auch Leute nach Schnäppchen, die das nicht nötig haben? Warum kaufen Besserverdienende bei Lidl und Aldi ein? Warum geht alles nur noch mit immensen Rabatten? Rabatte, die, wie man sich denken kann, auf Preise eingeräumt werden, die es so nie gegeben hat – und deshalb geht der Schuss nach hinten los: jedes Vertrauen darauf, dass ein gutes Produkt auch seinen guten Preis hat, dass dieser Preis etwas mit dem Wert des Erworbenen zu tun hat, geht zum Teufel.

Ich bin keine „gute Konsumentin“. Wenn ich wenig Geld habe, und das ist die meiste Zeit so, dann kaufe ich lieber gar nichts, als dass ich lange nach etwas Billigem herumsuche. Noch immer stehen zwei Plastik-Gartenstühle hier herum, falls mal mehr Leute um den Tisch sitzen sollen. Das uralte Zweisitzersofa hat Risse im Bezugsstoff, es ist lange reif für den Müll. ABER: ich denk‘ nicht dran, mir ein billiges, unbequemes, hässliches und unsorgfältig zusammengeschustertes Möbel für 300 Euro zu kaufen, um es zu ersetzen. Ich weiß genau, was ich für ein Sofa will, und das kostet mindestens 1000 Euro. Bisher jedenfalls – würde ich es morgen irgendwo rabattiert für „nur noch 600 Euro“ sehen, wäre ich in meinem Kaufwunsch irritiert. Denn mein Wunschsofa IST wertvoll: ordentlich verarbeitet, gute Stoffe, groß und bequem, farblich harmonisch – wenn das auf einmal verramscht würde, muss ich mich fragen, ob es wirklich DAS ist, was ich meinte?
Ein kleiner Prozentsatz der Gesellschaft ist immerhin bereit, Fleisch nur noch aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen. Gut so! Aber warum ist es so weltfremd, beim Einkauf aller anderen Dinge auch auf die „artgerechte Menschenhaltung“ zu achten? Jeder Billigpreis, jeder (echte) Rabatt mindert den Gewinn der Hersteller und Verteiler, manchmal bis dahin, dass nichts übrig bleibt. Also „rationalisieren“ sie mehr und mehr, nehmen billigere Materialien, mindern die Verarbeitungsqualität, ersetzen Menschen durch Maschinen und quetschen ihre Zulieferer bis aufs Blut aus. Damit entfällt das Wertbewusstsein auf der Herstellungsebene: es macht keine Freude mehr, Dinge zu produzieren, die im Grunde schon Müll sind, bevor sie in die Läden kommen. Kreativität kann sich nicht mehr darin verwirklichen, schöne, gute, innovative Dinge herzustellen, sondern fließt in die Vermarktung und Verpackung, und eben ins Bemühen, immer schneller und billiger zu produzieren.

Die Liebe zum Gegenstand

Ein lieber Freund hat mir ein Regal geschenkt, das ich dringend brauchte. Ich durfte es selber aussuchen und wählte ein leichtes, helles Vollholzregal, einfach zusammen zu bauen. Ein schwedisches System (nicht Ikea!), das es seit 20 Jahren gibt, alles andere als billig. Beim Aufbauen bemerkte ich, dass das Regal nicht den „Sockel“ hat, der noch in der Gebrauchsanweisung eingezeichnet war, sondern statt dessen lediglich auf den beiden Längsseiten Latten angeschraubt werden mussten. Meine Nachfrage beim Verkäufer ergab: Eine „Sparmaßnahme“, der komplette Sockel wäre zu teuer und so ginge es ja auch. Mich hat das gewundert: ICH als Kundin wollte und musste ja NICHT sparen! Ich war bereit, ein teureres und in meiner Anmutung auch rundum perfektes Regal zu kaufen. Gut, man sieht den Unterschied von außen wirklich nicht. Auch die Standfestigkeit ist nicht gemindert, alles ok. Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn sich die Perfektion auch durchgängig auf die Bauweise erstreckt hätte.

Warum nur ist unsere Zeit so arm, sich das nicht mehr leisten zu wollen? Auch mein Vollholz-Sideboard hat leider innen furnierte Pressspanplatten als Einlegeböden – man sieht sie nicht, klar, aber man SPÜRT sie, wenn man das Ding mal verschiebt, gar tragen muss. Und man weiß außerdem, was Pressspan so alles ausdünstet. Die richtige Liebe zum Gegenstand will da einfach nicht mehr aufkommen.

Die Liebe zum Gegenstand – ist sie vielleicht überflüssig? Ein unmodernes Festhalten an traditionellen Erwartungen und Gepflogenheiten? Nicht das Besitzen und Benutzen soll offensichtlich im Vordergrund des Umgangs mit den Dingen stehen, sondern das Kaufen im Sinne des Erjagens. Und der Besitz ist dann nur noch „Bedeutung“: eine „Marke“ bringt Status, man zeigt, was man sich leisten kann. Wenn die Mode dann wieder wechselt, ab auf den Müll, das Nächste bitte! Dass dieser letztlich lustarme Prozess in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ins Stocken gerät, wundert nicht. Ich bedauere das auch nicht, obwohl mir alle leid tun, die sich verunsichert fühlen, um ihren Arbeitsplatz bangen oder ihn bereits verloren haben.

Vielleicht ändert sich ja etwas, indem diese Gesellschaft altert. Zwar besteht die Werbewirtschaft in ihrem Jugendwahn darauf, nur die 14 – 49-Jährigen als Zielgruppe ins Auge zu fassen, aber damit gräbt sie sich auf Dauer ihr eigenes Grab. Es gibt nun mal immer mehr Ältere und sie haben vergleichsweise viel Geld! Ältere Menschen sind allerdings stärker individualisiert, lassen sich weniger durch Mode und Meinung beeinflussen, wissen einfach schon genauer, was ihnen gut tut. Zum Beispiel ein Radiorecorder-CD-Player mit 50 Bedienelementen und einer 50-seitigen Gebrauchsanleitung tut nicht gut: das Teil kostet einfach zuviel Konzentration auf Technik und frisst kostbare Lebenszeit. Mein Gerät hat genau 15 Knöpfe und Tasten – wobei man mit DENSELBEN Knöpfen sowohl den Recorder, den Player, als auch das Radio steuern kann. Eine Anleitung gibt’s auch, aber die hab ich bisher nicht gebraucht. Genial!

Wert und Sinnlichkeit

„Man gönnt sich ja sonst nichts“, „weil ich es mir wert bin“ – mit solchen Sprüchen wird geworben, aber niemand nimmt das ernst. Allenfalls ist ein äußeres Statusdenken gemeint: Ja, ich leiste mir das, ich gehöre dazu! Wirkliche Wertschätzung benötigt zu ihrer Entstehung bewusste Sinnlichkeit: Farbe, Form, Verarbeitung, Bedienbarkeit, Material – all das macht etwas mit mir, wirkt auf mich, wenn ich mit einem Ding umgehe. Es sind Qualitäten, die ich ERFÜHLEN muss, nicht bloße Quantitäten, um die ich nur wissen kann. Wer die Dinge so erfühlt, ist Eigentümer, Besitzer, Benutzer, wer diese Aufmerksamkeit nicht aufbringen will, ist allenfalls Verbraucher. Ein wirklich passendes Wort, nur seltsam, dass kaum jemand den beleidigenden Gehalt wahrnimmt – es ist das gleiche „Ver-“ wie in „Verachtung“.

Der sinnlich-bewusste Umgang mit den Gegenständen ist ein Akt der Selbstachtung und Selbstliebe. Doch das Selbst, das hier „Beachtung“ erfährt, ist nicht das denkende und rechnende „Ich“, sondern das Ganze, das ich wahrnehme, wenn ich mit einem Ding umgehe. Meine physischen Empfindungen und psychischen Reaktionen auf seine gegenständlichen Qualitäten gehören dazu, aber genauso auch die Bedingungen, unter denen es hergestellt wird. Es stört meinen Genuss, wenn die Menschen, die es produzieren und vermarkten, dabei auf unergonomischen Billigstühlen sitzen müssen, nur einen Hungerlohn bekommen und keine Zeit haben, um es wirklich gut zu machen. Auf (echtem) Rabatt zu bestehen heißt im Klartext: Ich gönne dir deinen Lohn nicht; du sollst dich krumm legen und darben, um mir möglichst billig, am liebsten ganz umsonst das Optimale zu bieten! Mit Wertschätzung geht das nicht zusammen, denn das „Selbst“ ist nicht teilbar: die Ebene, auf der ich Qualität wahrnehme, verbindet mich mit allen anderen Menschen. Wenn ich ihnen ihren Verdienst streitig mache, hat das tief in mir immer eine Entsprechung, die da heißt: Ich verdiene es nicht! Es wird mir nicht wirklich gehören, denn ich habe es nicht angemessen bezahlt. Allenfalls kann ich es „als Beute“ wahrnehmen und allen erzählen, wie trickreich ich es erworben habe. Genießen ist das nicht – und Schnäppchenjäger-Gespräche werden schnell langweilig.

So gesehen ist die derzeitige Konsumkrise vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht besinnen wir uns ja wieder darauf, was wir uns wert sind.

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Claudia am 10. Dezember 2003 — Kommentare deaktiviert für Nicht dies, nicht das – über Beziehungen

Nicht dies, nicht das – über Beziehungen

Beziehung, Beziehungen, eine Beziehung haben – ich vermeide diese Worte lange schon. Mag sie nicht, je älter ich werde, desto weniger. Allein schon der Wortklang: Be – ZIEHUNG. In mir zieht sich etwas zusammen, wenn ich es höre! Man will an mir ziehen, mich anderswohin haben als ich von mir aus gehen will. Mich abziehen vom Eigenen, wegziehen, einen festen Be-Zug zu mir herstellen, der mich bindet und eingemeindet in die Erwartungen anderer. Mich berechenbar machen, genau gesagt.

Das Streben nach Beziehung bedeutet im Fall des Erfolgs oft die Zerstörung dessen, was gesucht wurde: der Andere in seiner Andersheit. Wie faszinierend er doch sein kann: fremd, unabhängig, ungebunden, unberechenbar. Im Fall des Gefallens – und nur dann streben wir ja nach Beziehung – ist er Projektionsfläche für alles denkbare und undenkbare Gute, Wahre und Schöne, ist inkarnierte blaue Blume, menschlicher heiliger Gral, potenzieller Erlöser aus aller Einsamkeit. Mit ihm (oder ihr) sein, bedeutet Entlastung vom Bei-Mir-Sein und Befreiung aus langweiliger Alltäglichkeit – aber nur solange, bis „die Beziehung steht“ , bis ganz klar ist, in welchem Bezug zueinander man künftig lebt: Wünschen und Wollen wird ausverhandelt und in Geben und Nehmen gegossen, das Miteinander bekommt eine feste Form, ein Gewand aus Ansprüchen und Pflichten. Beziehung erreicht – nun können die Beziehungs-Probleme beginnen!

Ich hatte Beziehungen, klar: beginnend mit dem 15. Lebensjahr eine Aufeinanderfolge intensiver, langjähriger Zweierbeziehungen. Mit allen Hochs und Tiefs, mit Himmel und Hölle, mit großer Nähe im Alltag, bis hin zum Zusammenleben und Arbeiten: Je näher und dichter die Verstrickung, desto größer die Abhängigkeit, desto schrecklicher und folgenreicher die Auseinandersetzungen und Konflikte. Je größer die „Liebe“, desto intensiver der Hass – ich schreibe die Liebe in Anführungszeichen, weil sie an dieser Stelle ein Besitzen- und Beherrschen-Wollen einschließt. Beziehungskonflikt ist dann, wenn der Andere nicht agiert, wie ich es erwarte – oder umgekehrt. Und weil ja eine „feste Beziehung“ besteht, meine ich, ein Recht darauf zu haben, dass er so sei, wie ich ihn mir wünsche. Ich liebe ihn also nicht in seiner Freiheit, diene nicht seiner Ganzheit, sondern habe handfeste Interessen, die ich bittschön befriedigt sehen will. Dafür bin ich schließlich bereit, die eigene Freiheit zu opfern und mich erwartungsgemäß zu verhalten – die Gegenleistung soll dann gefälligst auch stimmen. Hier passt gut die Rede vom „Investieren in die Beziehung“, die meint, sich mal wieder ausgiebig dem Anderen zu widmen: erhöhte Aufmerksamkeit, Zuwendung, eventuell Neuverhandlungen über Teilaspekte des unausgesprochenen „Beziehungsvertrags“ – das verbeulte und angeschrammte Beziehungsfahrzeug bekommt eine Runderneuerung, auf dass es noch ein bisschen weiter läuft.

Klar, man braucht Beziehungen. Solange sie rund um einen konkreten Zweck bestehen, wie etwa die Geschäftsbeziehung, die nachbarschaftliche Beziehung oder auch die Familienbeziehung, die es fürs Kinder-Aufziehen braucht, solange sind sie nicht wirklich problematisch, ja, nützlich und unverzichtbar. Aber kann es wirklich eine „Liebesbeziehung“ geben? „Liebe“ verweist auf etwas Absolutes, an sich bedingungsloses – „Beziehung“ ist dem klar entgegen gesetzt, ist konkret und begrenzt. Das Drama vieler Familien ist das Absterben der ursprünglichen Liebesbeziehung, bzw. das Ende der Illusion in Bezug auf einen konkreten Menschen, in Verbindung mit der Unfähigkeit, in eine reale, versachlichte Elternbeziehung überzuwechseln – eine, die durchaus Freundschaft, ja, Liebe umfassen kann, aber eben nicht in Gestalt der ursprünglich erwarteten in jeder Hinsicht beglückenden (und ausschließlichen!) Zweisamkeit.

Ohne es mir ganz bewusst gemacht zu haben, war ich Mitte dreißig fertig mit „Beziehung“: alles erlebt, mehrfach und überdeutlich das gesamte absurde Theater durchlebt, auf Wolken geschwebt, gefallen, gelitten, gekämpft, „investiert“ – wieder und wieder. Dass diese Männer ohne Ausnahme die Frau „nach mir“ geheiratet und/oder mit ihr ein Kind bekommen haben, zeigt mir, was ich verweigert habe: den natürlichen Sinn dieses illusionären „Beziehungsgeschehens“ für mich zu verwirklichen und eine Familie zu gründen. Für diese „Konkretisierung“ bin ich nicht geschaffen. Ich sage das so „passivisch“, weil ich das nur vordergründig selber wählte – es war mir einfach unmöglich! Man kann im besten Fall tun (oder lassen), was man will, aber ich kann nicht beschließen, zu wollen, was ich nicht will.

Mein Austritt aus dem Beziehungsleben geschah dann in Gestalt einer neuen Beziehung. Ja, das klingt absurd, ist aber Tatsache. Ich näherte mich einem Mann, der, wie ich von ihm wusste, keinesfalls willens oder in Lage war, eine „Beziehung zu leben“. Schärfer noch als ich betonte er das Unmögliche an diesem Vorhaben. „Trost kommt nur von Fremden“, sagte er zum Beispiel – und ich setzte dennoch alles dran, aus diesem Fremden einen Bekannten zu machen, entfaltete ein letztes Mal meine ganze „Bindungskraft“. Wollte mich in festen Bezug zum „ganz Anderen“ setzen – ganz schön verrückt!

Mit Erfolg? Ja. Zum wirklichen Allein-Sein war ich in diesem Lebensalter bei aller Beziehungskritik noch lange nicht fähig – ich lernte es in der „Nicht-Beziehung“, die zwischen uns entstand. Nicht das Erotische, nicht die Tiernatur bildete die Basis dieses Zusammenseins, sondern Bewusstsein. Konkretisiert in der Ablehnung des Üblichen, im Leiden an der Unmöglichkeit absoluter Liebe im Alltag. Er war nicht „mein Mann“ – aber doch war er mir „alles“, indem er in bewusster Weise „Nichts“ war: Nichts Bestimmtes, Berechenbares, niemand, den man „haben“ könnte – nicht weil er nicht wollte, sondern weil da nichts war und ist, was zu besitzen wäre. Das klingt jetzt mystisch und ist es auch! Ich habe es immer gespürt und nie gut genug in Worte fassen können. Noch heute ist es falsch und kommt falsch an, wenn ich ihn als meinen „Ex-Lebensgefährten“ bezeichne, nur weil wir zu Beginn des Jahres auseinander gezogen sind. Dass lässt im Zuhörer die Meinung entstehen, da wäre eine Zweierbeziehung gewesen und man hätte sich „getrennt“. Dem ist nicht so – WIE es aber ist, kann ich nicht erklären, konnte es nie.

Auch dieses Miteinander hatte Berührung mit den Niederungen. Das ist unvermeidlich, ganz besonders, wenn man zusammen wohnt, was wir nach ein paar Jahren dann doch taten. Es gab Konflikte, Agressionen, Projektionen – aber immer einen Bezug zum unaussprechlichen „Dahinter“. Wenn er inmitten einer schlimmen Phase das Wort von den „jugoslawischen Verhältnissen“ prägte, die zwischen uns ausgebrochen waren, wenn ich zum Beispiel mal eine erotische Liebschaft hatte, dann wusste ich: auch er lebt, bei aller aktueller Verstrickung, immer noch hauptsächlich in diesem „Dahinter“. Wo wir einig und eins sind, wo es nichts zu kämpfen gibt.

Eine „Beziehung“ aus dem Geist/Spirit, nicht aus dem Bauch, dem Kopf, dem Herzen. All diese Ebenen kommen vor, sind aber nicht der Grund, in dem wir wurzeln.

Und jetzt, das merke ich sehr intensiv, seit ich wieder alleine lebe und mir alle Formen möglichen Zusammenseins mit Anderen offen stehen, jetzt kann ich nicht mehr anders! Bin nicht mehr „in Beziehung“ zu meinem jeweiligen Gegenüber, sondern gestalte jedweden Kontakt aus dieser anderen Ebene heraus – in jedem Augenblick neu. Das bedeutet: ich bin und bleibe allein, ob ich nun mit Anderen zusammen bin oder nicht. Anders als früher fühle ich mich in diesem Alleinsein wohl und glücklich: mir mangelt nichts, was ich beim Anderen unbedingt suchen und finden müsste. Klar hab‘ ich Bedürfnisse nach Austausch, nach Erotik, nach menschlichem Miteinander, genau wie ich Appetit aufs Essen habe – und manchmal Lust, mich zu berauschen. Aber all das bindet mich nicht, korrumpiert mich nicht in der Tiefe, die üblichen „Bindekräfte“ und Druckmittel laufen ins Leere: ich bin nicht „wer“, fühle mich undefiniert und also durch Andere nicht definierbar. Mein Bild vom Selbst entsteht nicht mehr dadurch, dass jemand zu mir sagt: Du bist so oder so, bist die, die mir dies und das gibt und die dafür dies und jenes zurück gibt. Ich brauche nicht mehr zu verhandeln, sondern lebe einfach.

Gestern war ich dir nah, war anschmiegsam und ganz entzückend – heute bin ich auf einem andern Stern, ziehe meine Kreise in der Ferne. Was morgen ist, können wir nicht wissen.

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Claudia am 25. November 2003 — 1 Kommentar

Das Männerspielzeug

„Nun komm, du Tier!“, genießerisch, aber vorsichtig tritt der Mann aufs Gaspedal und der flache, rote Ferrari – mehr Geschoss als Auto – setzt sich in Bewegung. Der Sound, der unter der Motorhaube hervor dringt, erinnert an Dschungel: schwarzer Panther kurz vor dem Sprung. Verzückung malt sich ins Gesicht des gut erhaltenen Endfünfzigers, noch bleibt er achtsam, testet das Verhalten des ungewohnten Fahrzeugs, das er für einen Freund in die Werkstatt fahren soll. „380 PS – die wollen beherrscht sein!“, hat der ihm als Rat und Mahnung mit auf den Weg gegeben. Und ja, er findet Gefallen daran, dieses „Wildpferd“ zu beherrschen, spürt dessen Kraft bereits als die eigene, wird zunehmend mutiger, beschleunigt ein wenig – und dann, als ein Porsche routiniert an ihm vorbei zischt, ist es um ihn geschehen!

Erregt tritt er das Gas durch, fasst das Lenkrad fester. Die Landschaft beginnt, vorbei zu fliegen, alle Nerven vom Scheitel bis zum Zeh genießen die Vibrationen. Energie, Kraft und Geschwindigkeit, Mann und Maschine sind eins und fühlen sich wunderbar! Ab und zu muss er abrupt bremsen, klebt dann wie eine wütende Hornisse hinter einem Heuwagen oder einem Traktor, man spürt die Ungeduld, das physische Leiden des Ausgebremst-Werdens – und ahhh, wie gut es tut, endlich am Hindernis vorbei und wieder frei zu sein, frei und allein mit der silbrig glänzenden Straße, die so hingegeben und bereitwillig vor ihm liegt wie eine Geliebte, sein machtvolles Eindringen sehnlichst erwartend.

Die Dramaturgie des „heiteren Fernsehfilms am Montagabend“ erfordert es, dass er nun noch „Born to be wild“ auflegt – es hätte nicht wirklich sein müssen! Und natürlich landet er mit seinem „Geschoss“ letztlich in einem Dorfteich, versinkt blubbernd im schlammigen Wasser und kann sich nur mit Mühe aus dem engen Gefährt erretten. Der Film handelt vom Altern und vom Tod, nachdenklich-amüsant in Szene gesetzt.

Ich schaue einfach zu und empfinde mit. Kein Denken und Bewerten trennen mich mehr von dem Mann, der seine Spritztour mit dem Ferrari genießt. Ich verstehe, fühle, was er fühlt, ohne mich danach zu sehnen, es ihm gleich zu tun. Solche Autos sind Männerspielzeuge, eindeutig. Aber auf einmal kann ich den Mann als Spielenden sehen und einfach lieben, seine Lust, seine Freude genießen – kann mitempfinden, was er da tut: am Lack der Zivilisation ein bisschen kratzen, auf der Suche nach dem Wilden und Grenzenlosen. Auf seine Art.

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