Thema: Weltgeschehen

Claudia am 17. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Und plötzlich ist Herbst

Und plötzlich ist Herbst

Heut‘ mit Frau B. telefoniert, sie liegt im Krankenhaus, wo sie sich dringend wieder hingewünscht hatte. Zuhause, ans Bett gefesselt, allein den Pflegediensten ausgeliefert, sei es furchtbar, sagt Frau B. Nachts hätte sie oft geschrien so laut sie konnte, doch niemand wäre gekommen. Zuletzt hätte die Pflegerin ihr gar gedroht, man könne es ihr auch „reinstopfen“, wenn sie nicht bald schneller essen würde.

Daraufhin hat sie es ins Krankenhaus geschafft, irgendwie. Abgefüllt mit allem, was es so an passenden Medikamenten gibt, wartet sie dort auf die neue Behandlung. Bisher sei sie ganz falsch therapiert worden, sagt Frau B., das habe man ihr angedeutet. Was aber heisst hier falsch? Alle zehn Jahre Krebs, seit 50 Jahren – was ist da falsch? Was richtig? Morgen werde ich sie besuchen, am Telefon verstehe ich sie so schlecht.

Es ist der dritte Montagnachmittag beim Verein der Freunde alter Menschen. Ich bin im Telefondienst, wie alle, die hier anfangen. Und am Samstag werd‘ ich ein paar Alte kennen lernen. Sie werden abgeholt, der Verein hat sie zum Essen eingeladen. Es wird Tafelspitz geben, ich bin gespannt. Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal mit „richtig Alten“ zusammen war!

***

Eine neue Tastatur gekauft, diesmal wieder mit Kabel. Drahtlos ist kein Fortschritt, wie ich bemerkte. Man nutzt die Tastatur auch nicht anders, obwohl man sie hierhin und dahin mitnehmen könnte. Aber warum sollte ich? Soll ich etwa mit der Tastatur mobil sein, wenn doch der Bildschirm steht wie ein Stein? Natürlich nicht, sie lag die ganze Zeit an derselben Stelle, wie alle Tastaturen zuvor. Und ganz plötzlich setzte sie aus, mitten im Schreiben: nichts geht mehr. Wenn es dann NICHT die Batterie ist, kann man gar nichts machen.
Weg damit! Genau wie die zugehörige Funkmaus, die hab ich schon vor zwei Jahren auf dieselbe art verloren. Jetzt bin ich wieder am Draht.

Sie hatte aufgehört, zurück nach K. ziehen zu wollen. Eigentlich hatte sie nie zurück gewollt, sie wäre nur mitgegangen, wenn alles so geblieben wäre wie bisher. ZURüCK zu gehen war nicht ihre Sache, ja, es schreckte sie: Angst vor dem allzu Bekannten, Angst vor den sprechenden Wänden, den Straßen, in denen alte Geschichten hängen wie klebriger Dunst.

Also nicht nach K. Wohin dann? Bleiben? Alleine in einer neuen Wohnung in FH? Eine Freundin hatte ihr die Augen geöffnet, neu geöffnet für die Schönheit, das Bunte, das Wilde. Es gibt Schlimmeres, als unter jungen Menschen alt zu werden. aber bleiben? WAS wollte sie denn hier?

Sie hatte verlernt, etwas Eigenes, etwas Besonderes zu wollen. Vom Wohnen wußte sie auch nicht mehr viel. Solange das kühle Licht des Monitors ihre Tage begleitete, war Wohnen keine Frage, auf die sie antworten mußte. Meistens war sie ja doch unterwegs in den Zeichenwelten, die sie immer hungrig zurück ließen.

Was nun? Vielleicht das oberste Stockwerk einer WBS 70-Platte? Ein Stalinbau in der Karl-Marx-Allee mit diesem melancholischen Charme des untergehenden Roms? Eine Fabriketage mit Blick auf die Spree – was wäre denn für sie das GANZ ANDERE? Der Ort, an dem sie herausfinden könnte, wohin es sie zog. Oder würde einfach nie mehr etwas an ihr ziehen? Ratlos beendete sie das Nachdenken. Es musste sich er-geben, nicht er-grübeln. Draußen war es Herbst geworden und am liebsten würde sie jetzt einfach den Kopf unter die Bettdecke stecken.

– – –

arbeit. Niemals zuvor war soviel Arbeit. Zu viel Arbeit, um noch jemand anderen zu Hilfe zu holen, denn demjenigen müßte ich zuviel erklären. Zuviel Arbeit,um daneben noch anderes zu tun, kein Platz, um nach rechts oder links zu schauen. Wo im ersten Halbjahr die Flaute mich daran denken ließ, einen neuen Beruf zu suchen, erschlagen mich jetzt all die Aufträge. Und alle müssen sie spätestens im Oktober fertig sein. Schöne Projekte, wunderbare Auftraggeber, sinnvolle Webseiten – und ich geh‘ auf dem Zahnfleisch. Es möge mir niemand böse sein, wenn ich mich jetzt nicht melde, nicht mal „Guten Tag“ sage, wenn eine alte Bekannte in einer Mailingliste auftaucht, nicht verläßlich antworte, wenn mir einer schreibt: „Hey, da ist ein Link falsch gesetzt!“

Wird es ein „danach“ geben??? Im Moment kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn ich nichts zu tun habe. Wie lange tu ich eigentlich schon etwas, auch wenn ich nicht muss? Wielange schon gehört es zu meinem Selbstverständnis, gern zu arbeiten, viel zu arbeiten, niemals an ein „danach“, gar an so etwas exotisches wie „Urlaub“ zu denken?

Gerade beginne ich damit, den Montag zu fürchten. Der Blick in den Monitor stimmt mich nicht freundlich und gestern ist die Tastatur ausgefallen, einfach so. Oh Ihr Göttinnen und Götter allen Tuns&Lassens: Lasst mich bitte bitte noch diese paar Aufträge zu Ende bringen! Dann, ja dann mag sich meinetwegen ein „Danach“ entfalten – jetzt ist Disziplin und Energie alles, was ich brauchen kann.

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Claudia am 11. September 2002 — Kommentare deaktiviert für September eleven

September eleven

September eleven

Es ist kurz nach zehn und ich fühl mich so wohlig weh. Traurig, angerührt, erschüttert und voller Sympathie für die Amerikaner. Der Feuerwehrmannfilm zum 11.September, der soeben in 145 Ländern gleichzeitig gezeigt wurde, hat mich gefühlsmäßig voll erwischt. (Ganz so, wie es wohl auch gedacht war). Selbst ein Jahr danach noch sind die einstürzenden Türme des World Trade Center und das, was da angerichtet wurde, weit furchtbarer, katastrophaler, grausiger als alles, was man sonst so mitbekommt: Überschwemmungen, große Flut, Sturmkatastrophen, Kriege hier und dort, das ganze Elend eben. all das berührt mich auch, das eine weniger, das andere mehr – aber über alledem gibt es ein ganz einzigartiges Gefühl des Grauens, ein ganz besonderes WTC-Entsetzen: diese aufschlagenden Körper der Menschen, die gesprungen sind! Die ganze Situation in den oberen Stockwerken, all die letzten Telefongespräche – mein Gott, wie kann man nur „danach“ noch ein Hochhaus bauen, planen, bewohnen oder darin arbeiten???

Es wird nichts mehr so sein, wie zuvor, sagten alle vor einem Jahr. Und es wird doch immer wieder ganz genau so. Nach jeder Katastrophe kehrt die Ignoranz zurück, die Herzen erkalten und jeder kümmert sich wieder nur um sich selbst. Zwischen Stress und Spaß das große Gähnen, sofern nicht die angst die Laune verdirbt: angst um den arbeitsplatz, angst vor armut, Krankheit und alter, angst, nicht mehr stark, gesund und reich genug zu sein, um uns auch weiterhin um uns selber kümmern zu können. Nicht zu vergessen die angst vor dem anderen, der immer erfolgreicher, besser, schneller und auch noch erotischer ist. Zu guter letzt die große angst vor dem Tod, weil wir nichts mehr wünschen, als dass dieses Leben immer so weiter geht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Einzig nach einer Katastrophe erwachen wir für kurze Zeit aus der gewöhnlichen Verblendung und schnuppern einen Hauch Wirklichkeit. Wie Leben sein kann, wenn man die Probleme gemeinsam anpackt, wenn jeder jedem hilft, „ohne Ansehung der Person“ – nur, weil es auch ein Mensch ist. Inmitten großer Gefahr wird auf einmal klar, wie schön das Leben ist, wie gut es ist, zu atmen und in die Sonne zu sehen. Alles, was man da durch Karriere, Erfolg oder Selbstinszenierung noch dazugewinnen und draufpacken kann, ist vergleichsweise Pipifax! also verblassen die kleinen und großen Unterschiede zu Fußnoten einer faszinierenden Geschichte – einer Geschichte, die immer von Helden handelt, obwohl sie „nichts besonderes“ taten – wie eben diese Feuerwehrmänner am 11.September. Nur das, was jeder Mensch in derselben Situation auch getan hätte – ja doch, wir kennen den Spruch!

aber, und das ist das Problem, wann sind wir schon mal Mensch?

Immerhin haben wir jetzt einen neuen Gedenktag: September Eleven, der erste globale Volkstrauertag. Nicht überall in der Welt wird er im gleichen Geiste begangen, aber auch nicht ignoriert. Da es in der Welt vor allem an gemeinsamen Erlebnissen mangelt, die ins Erleben von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft umschlagen können, ist der 11.September, wie er heute – und vermutlich auch in Zukunft – rund um den Globus multimedial zelebriert wird, vielleicht ganz gut. Gut zum Herz-Erweichen – und das hätten wir ja wirklich nötig!

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Claudia am 04. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Veränderungen tun weh, Veränderungen tun gut!

Veränderungen tun weh, Veränderungen tun gut!

In Berlin ist die Abstimmung über den neuen Bahnhof verlängert worden: „Zentralbahnhof“, „Berlin Mitte“ oder „Lehrter Bahnhof“ stehen zur Wahl. Der alte Bahnhof an gleicher Stelle hieß immer schon Lehrter Bahnhof – und soweit ich das beobachte, meint eine große Mehrzahl der Berliner, das solle auch so bleiben.. Die Lehrter natürlich auch. Das neue, durchaus attraktive Ungetüm aus Stahl und Glas soll allerdings nach dem Willen der Politiker einen „wichtigeren“ Namen bekommen – was ist schon Lehrte? Ein kleiner Ort in der Nähe von Hannover.

Es kann trotzdem gut sein, dass „Lehrter Bahnhof“ die Abstimmung gewinnt. Schließlich ist sie allein deshalb verlängert worden, weil dieser alte Name bisher in Führung liegt, zum Ärger des Stadtentwicklungssenators. Vielleicht mobilisieren jetzt beide Seiten mehr Postkartenschreiber – ich glaube, der „Lehrter“ wird bleiben, zumindest als Name.

Warum sind die Berliner nur so sperrig? Ist es nicht einsehbar, dass für so ein völlig neu in die neue Mitte Berlins gesetzes neues Bahnhofsgebäude auch ein neuer Name her muß? Ich glaube, der Kampf für den „Lehrter Bahnhof“ ist eine Demonstration, Ausdruck einer Verärgerung, die ungefähr sagen will: Könnt Ihr nicht wenigstens diese paar Buchstaben so lassen, wie sie sind? Die ganze Mitte ist neu, in der Luisenstadt findet man sich nicht mehr durch, die jahrzehntelangen Baustellen werden als „Schaustelle“ ins Kulturleben integriert – es ist einfach verdammt anstrengend, wenn man hier wohnt. Warum zusätzlich noch neue Namen lernen?

Neues strengt an, Neues tut weh, aber ohne Veränderungen langweilen wir uns zu Tode. Leben ist alles andere als vernünftig und wenn ich heute eine Rede gegen die Kreativität halte, einen der antriebe für Veränderung, so fühl‘ ich mich wenige Tage später eher zu einem Loblied aufgelegt, ja, denke womöglich: es geht schon verdammt langsam und allzu gemütlich voran in deutschen Landen!

Ersticken wir nicht unter allzu vielen Vorschriften? Hat nicht jede Interessengruppe ihren Way of Life & Making Money abgesichert bis zum geht nicht mehr? Ist nicht die Krise, die die Arbeitslosenzahlen ins Astronomische treibt, in vieler Hinsicht eine Folge von Verweigerungshaltungen? Ich spreche nicht von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Arbeitslosen, die man für schlecht bezahlte Jobs künftig ans andere Ende der Republik hetzen will! – sondern von der Unbeweglichkeit derjenigen, denen es eigentlich ganz gut geht. Man denke nur als Beispiel an die Apotheker, wie sie gleich einen Aufstand inszenieren, weil in ihrem Sektor der Versandhandel zugelassen werden soll. Oder an die Tastsache, dass hierzulande einer, der eine Festplatte ersetzt, einen Meisterbrief braucht.

Im wilden F’Hain

Ich mach‘ lieber nicht weiter mit solchen Beispielen, das kann man schließlich alles in den Zeitungen lesen. Nicht dort zu lesen ist, dass die Lebendigkeit des Stadtteils, in dem ich lebe, zum großen Teil davon herrührt, dass sich Menschen kreativ über Vorschriften hinweg setzen – junge zumeist, aber auch ein paar Ältere, die extra „zugewandert“ sind. Neues macht Freude, Neues tut gut! Zwischen den Gründerzeitfassaden von Berlin Friedrichshain gibt es jede Menge Neues: selbst zusammen geschweißte Balkone, die die Welt noch nicht gesehen hat, Läden, die bis ein Uhr Nachts geöffnet haben, denn sie sind ja auch ein „Imbiß“, ein ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk, das jetzt als RAW-Tempel vielen Künstlern und Bastlern riesige Freiräume bietet: viel viel Platz, ungeregelt, ungestaltet, unbeaufsichtigt – und natürlich die Szene-Kiez-übliche Fassadengestaltung, meist recht öde Grafitti, die ich mich nicht scheue, Schmierereien zu nennen, aber auch wundervoll bemalte Fassaden, geheimnisvolle Schablonen-Sprühereien auf den Fußwegen, unglaublich verrückte Läden und auch die Leute selber sehen nicht unbedingt stromlinienförmig aus, manche sind echte Hingucker!

Abends sammeln sich Menschen wie Schwalben auf den Stahlkonstruktionen der noch im Bau befindlichen Modersohnbrücke (verboten!). Von da aus hat man einen weiten Blick über ein schier unendliches Gewirr aus S- und Fernbahn-Geleisen, dahinter die in dramatische Sonnenuntergangsbeleuchtung getauchte Skyline des neuen Berlins, Oberbaumbrücke, Funkturm, Alexander Platz. Wunderschön! Nach zwei Jahren Mecklenburg wäre es für mich schwer gewesen, in einem Häusermeer ohne Ausblick zu leben, immer nur an die Wand gegenüber starrend. Hier werde ich aufs Beste mit „offener Weite“ bedient, aber nicht genug: ein paar Schritte noch und bin ich an der Spree, muss also nicht mal Wasserlandschaften entbehren.

Erstarren ist so leicht

Jetzt bin ich ins Schwärmen gekommen und weg von meinem Thema, den Leiden und Freuden der Veränderung. Nochmal dahin zurück: Seit zwei Wochen mach‘ ich Telefondienst im Verein der Freunde alter Menschen, telefoniere Montags mit Menschen jenseits der Verfassung, in der man sie „rüstige Senioren“ nennt. Mir fällt dabei auf, wie unglaublich lang einige in ihren Wohnungen leben! Eine 75-Jährige erzählt mir, sie lebe in der „elterlichen Wohnung“, eine andere wohnt in einem „Neubau“ von 1961, wo sie zu den ersten Mietern gehörte. Unglaublich, dieses selbstverständliche Beharren auf dem, was man hat, was man kennt, wo man immer schon ist – ein Verhalten, das zur heutigen Zeit nicht mehr paßt und das auch vielen alten zum Verhängnis wird: sie leiden unendlich, wenn sie – warum auch immer – aus ihren gewohnten Umgebungen gerissen werden.

Viele können irgendwann nicht mehr laufen, für sie wird ihre Wohnung im Berliner Altbau zur Falle, die sie praktisch niemals mehr verlassen. Sie werden dort, solange es geht, gepflegt, und daneben steht jede zweite Erdgeschoßwohnung im selben Stadtteil leer. Würde man als alter Mensch rechtzeitig der Erde näher kommen, dafür auch Umzug und Veränderungen in Kauf nehmen, könnte man sich sehr viel besser die Restbeweglichkeit erhalten, sich länger selber versorgen und sogar noch am öffentlichen Leben teilnehmen. Warum ist das nicht so? Weil die, die HEUTE so alt sind, Veränderungen vermieden haben! Weil sie erstarrt sind, weil sie ganz selbstverständlich ihre Eigenheiten immer eigener haben werden lassen, sich selbst nicht in Frage stellend.

Recht haben – sofern es das überhaupt gibt – wird mit zunehmendem Alter unwichtiger, das ist mein Fazit. Denn auf Recht haben (zum Beispiel mit einer Klage, einer Kritik, einer Polemik etc., aber auch im Sinne „ein Recht haben auf…“) folgt SO-Bleiben, folgt Beharren und Erstarren, folgt der Verlust der Fähigkeit, mit Neuem innerlich zurecht zu kommen – und deshalb sehen viele Alte so verbittert aus. Und das bei einem Rentensystem, das diejenigen, die heute alt sind, doch noch ganz gut bedient!

WIR werden es weniger gut haben! Bleiben wir also biegsam, rasten wir besser nicht ein auf EINE Sicht der Dinge, üben wir Körper und Geist im kreativen Umgang mit Veränderung – wenn nicht’s anderes übrig bleibt, ist es immer besser, man hat Spaß an dem, was ist.

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Claudia am 14. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Das Wasser – ein Feind ?

Das Wasser – ein Feind ?

Es ist etwas anderes, jemandem zuzuhören, der „mitten im Wasser steht“, als nur im Fernsehen mit dem üblichen Katastrophen-Interesse die Sondersendungen anzugucken: Wow, und das bei uns! Nein, das Internet machts möglich, Freunde und Bekannte berichten von den steigenden Fluten, von voll gelaufenen Kellern und von der furchtbar gedrückten Stimmung der letzten Tagen. Gefühle der Ohnmacht, des ausgeliefert-Seins, immer mehr Opferbewußtsein – und dann die oft unausgesprochene, aber dennoch drängende Frage nach dem „Warum?“.

Die „große Bedrückung“ ist etwas, das mich innerlich herausfordert. Komischerweise wüsste ich gerne, wie ich angesichts so einer Sache reagieren würde. Ganz gewiss würde ich nicht „warum?“ fragen, ich wundere mich richtig über diese Frage! Es ist doch klar, warum: Die Klimaforscher haben das lange schon so oder so ähnlich angesagt. auch die mit der Theorie von den „natürlichen Schwankungen“ ändern an den Tatsachen nichts. Und wenn jetzt alle (völlig verständlich!) ihre Ventilatoren und Gebläse anwerfen, um das Feuchte so schnell wie möglich zu trocknen, wird erneut die Folge mit „Mehr von der Ursache“ bekämpft. Dass man nun mal nicht anders handeln kann, gemahnt an das Tragische im Leben, das schon seit den Griechen zu großen Kunstwerken motiviert.
Oder ist es ein anderes „Warum?“ – eine philosophische Sinn-Frage? Dann ist für mich klar, dass ich den Sinn selber geben muß: Das Wasser in seiner GEWALT hat das Potential, mir alles zu nehmen, was ich in meinen Besitz gebracht habe: Gegenstände, Verdienste, Wirkungsmächtigkeiten verschiedenster art. Was bin ich, jenseits von alledem? WER bin ich – zur Not in einer Turnhalle, nur mit dem Besitz, den ich als Klamotte am Leibe trage?

Würde ich über die materiellen Verluste klagen? Angst empfinden, weil ich jetzt meine Auftragstermine nicht einhalten kann, kein Geld mehr habe und nicht weiß, was kommt?
Ich weiß es nicht, habe aber in einer hinteren Ecke des Bewußtseins doch noch ein Selbstbild, dass das von sich nicht glaubt, nicht in der Tiefe! Fast bin ich neidisch auf diejenigen, die Gelegenheit haben, die Wirklichkeit zu erfahren (und dabei sich selbst) – obwohl es vermessen ist, so zu denken. In der Erfahrung sieht alles anders aus, als wenn man im Trockenen sitzt und philosophiert.

Die Freude am Mitmensch

Was aber immer wieder beeindruckend ist und zur Faszination einer Katastrophe gehört: auf einmal nehmen die Menschen einander wieder wahr, rennen nicht mehr völlig dicht eigenen Zielen, Plänen und Pflichten nach, sondern arbeiten zusammen, helfen einander! Die „Welle der Hilfsbereitschaft“ ist für mein Empfinden nicht nur dem augenblick der Katastrophe geschuldet, sondern auch der tiefen Unzufriedenheit mit dem, was unsere „Normalität“ ausmacht. Dieses ignorant-effektive aneinander-vorbei-Funktionieren wie Rädchen in einer großen Maschine – (noch dazu eine, die immer weniger Leute zum Weiterlaufen braucht.)

In den letzten Tagen lange Nachrichten geguckt: all die Berichte über die Zerstörungen, das ungeahnte ausmaß, fast ganz Sachsen ist betroffen, große Teile von Bayern, heut‘ Nacht noch die zweite Flutwelle aus Prag… dann die Spendenkonten, alle 10 Minuten eingeblendet, die ankündigungen der Hilfsmaßnahmen – der Städte, der Länder, des Bundes, ja, Europa wird angezapft!
Und ein komischer Gedanke schleicht sich ein: könnte DaS nicht die Wende sein? Die Rettung aus der Krise? Das Ende der „Kaufzurückhaltung?“ Wird nicht all das, was jetzt kaputt geht oder überschwenmmt wird, so schnell wie möglich geputzt, ausgeräumt, renoviert, repariert, neu gekauft und neu gebaut?

Vom privaten Keller bis zur öffentlichen Infrastruktur ist jede Menge auf breiter Fläche dahin – werden nicht alle, die irgend etwas handwerken und bauen können, die nächste Zeit voll beschäftigt sein? Ja, sogar arbeitslose dazu nehmen, weil so viel zu tun ist? Irgend jemand wird ja bezahlen: Ersparnisse, staatliche Hilfen, neue Verschuldungen, Spendengelder –
aus dem Schlamm und unter den Dreckmassen hervor kommt wie Phönix aus der asche der Kreislauf aus Geld, Waren und Dienstleistungen wieder in Gang???
Könnte es nicht so sein????

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Claudia am 03. Juli 2002 — Kommentare deaktiviert für Die Bewegungsmeisterin

Die Bewegungsmeisterin

Eigentlich ein ganz normales Treffen. Gemütlich sitze ich mit zwei lieben, langjährig bekannten Kollegen auf der Veranda einer frisch angemieteten Idylle am Rande Berlins. Ich bestaune den freundlichen Garten, die waldreiche Umgebung: mitten im Grün zu wohnen ist doch wirklich wunderbar! Noch dazu sind es kaum fünfzehn Autominuten bis zum Kudamm, wenn man es versteht, die richtige Autobahnauffahrt zu finden. Auf dem Herweg ist mir das leider nicht gelungen.

Immerhin bin ich angekommen. Mein Orientierungsvermögen im realen Raum ist nämlich mehr als beschränkt, allenfalls für kleine Fußwege auf bekanntem Terrain ausreichend. Wenn ich wirklich einmal weitere Strecken fahre (also nicht nur bis zum Fitnesscenter, sondern auf die andere Seite der Stadt), quäle ich mich mit dem Stadtplan von Ampel zu Ampel, schaffe es niemals wirklich, mich in der kurzen Haltephase ausreichend zu orientieren, verärgere regelmäßig Autofahrer hinter mir, die mich hupend daran erinnern, dass jetzt grün ist. Mit dem quadratmetergroßen Plan über dem Lenkrad kämpfend, behindere ich andere Menschen in ihrem Recht auf ein schnelles Fortkommen, weil ich selber da einfach einen Knacks in der Birne habe! Selbst nach über 20 Jahren Berlin ist keine Besserung in Sicht – ätzend!

Was ich eigentlich erzählen wollte: Wir sitzen also auf der Veranda und plaudern gemütlich über unsere aktuellen und künftigen Projekte, während im Wohnzimmer, das sich zur Veranda hin öffnet, die 12jährige Tochter meines Kollegen auf eine kleine Trommel einschlägt. Erst haut sie eine Zeit lang auf den hölzernen Rand, dann auf das Trommelfell, dann auf ihre eigenen Oberschenkel und zur Abwechslung auf die Sitzfläche der Couch. Schließlich greift sie sich ein kleines Holzschränkchen und trommelt darauf weiter, ja, jetzt wird es richtig laut! Wir schauen ihr zu, ohne Ärger, wissen wir doch, dass sie nicht hören kann: Nicht den Ton, den sie der Trommel oder anderen Gegenständen entlockt, nicht unsere Stimmen, nicht das Radio, nicht das Rauschen der nahen Autobahn und auch nicht das Zwitschern der Vögel im Garten. Vera weiß nicht einmal, dass ich gekommen bin, dass eine Fremde mit ihrem Vater auf der Veranda sitzt, seit Stunden schon. Vera sieht nicht und hört nicht, Vera ist taubblind.

Was für ein Leben muss das sein, so ohne Licht, ohne Farben, ohne Töne? Oft hab‘ ich mich das gefragt und automatisch angenommen, es müsse leidvoll sein. Das wird mir jetzt erst richtig bewusst, wo ich Vera zusehe: ein Mädchen, das kein bisschen leidend wirkt, sondern fröhlich vor und zurück schaukelt, trommelt, alle erreichbaren Gegenstände betastet, auf den Boden schlägt – immer bleibt sie irgendwie in Bewegung, ruckelt hin und her, wippt auf und ab. Flexibel wie ein Schlangenmensch schlägt sie die Beine übereinander, knickt spielerisch in der Hüfte ab, wiegt nun liegend die verknoteten Beine auf- und nieder. Yoga-Übende kennen eine ähnliche Haltung: der mit dem Lotus-Sitz kombinierte „Fisch“. Nur dass es den meisten Yoga Übenden ziemliche Mühe macht, die Beine derart zu verschränken.

Anders als ich gedacht hatte, spielt das taubblinde Mädchen ganz für sich. Lange Zeit vergeht, ohne dass sie etwas oder jemanden braucht. Wir unterhalten uns und sie spielt und schaukelt dahinten, es ist kein Problem. Als wir später um den Kaffeetisch sitzen, verdrückt sie in Windeseile kleine, für sie zurecht geschnittene Käsebrote – dann sitzt sie rittlings auf Vaters Schoß, schaukelt wieder weiter, schlägt ihm mit beiden Händen auf den Rücken, kuschelt sich in seine Arme, stößt ihn mal eben heftig mit dem Kopf, weint sie jetzt etwa? Ich begegne ihr heute zum ersten Mal und kann nicht gleich alle Regungen und Bewegungen deuten. Immer seltsamer erscheint mir auch die Tatsache, dass sie nicht weiß, dass ich da bin. Andrerseits: Sie einfach so berühren geht nicht, das wäre vermutlich äußerst erschreckend. Also sehe ich den beiden nur zu, diesem ständigen Fluss der Bewegungen: schlagen, tätscheln, streicheln, massieren, schaukeln, umarmen, drehen, wiegen, klopfen – Kommunikation durch Berührung. Erst wirkt es ein wenig wunderlich, doch je länger man zusieht, desto selbstverständlicher wird es. Unser Gespräch über eine Datenbank für verschlüsselte Mailadressen wird dadurch jedenfalls nicht gestört.

Es ist schon Nachmittag, bald werde ich die Heimreise nach Friedrichshain antreten. Seit einiger Zeit schon bin ich aufgestanden, gehe plaudernd und gestikulierend vor dem Tisch auf und ab, Himmel, es ist wirklich öde, so lange reglos auf einem Stuhl zu sitzen! Ich verlagere das Gewicht vom rechten auf den linken Fuß, massiere ein bisschen den Oberarm, trete vor und zurück, stelle mich auf die Zehen und wippe auf und ab. Ich genieße den Kontakt der Fußsohlen mit dem Parkettboden – Zehen, Ballen, Ferse, und dann wieder umgekehrt. Mit den Fingern möchte ich eigentlich gern mal auf diesen schönen Holztisch trommeln – was ist nur los, hab‘ ich zuviel Kaffee getrunken?

Nein, ich merke erstaunt: es ist nicht der Kaffe, es ist Vera. Das Mädchen ist hochgradig ansteckend! Ihr Sich-Bewegen-wie-es-gerade-kommt macht Lust, es ihr nach zu tun. Für den Verstand wirkt dieses „Herumwuseln“ erst einmal völlig verrückt, der Körper aber weiß Bescheid und wird neidisch, möchte auch in diese Freiheit eintreten, sehnt sich geradezu danach, das ihm eigentlich zugehörige Universum des Spürens ebenso lebendig zu erforschen und zu beleben. Da ist nicht Verrücktheit, nicht Störung, nicht einmal Behinderung. Sondern einfach Bewegung, unbehinderte Bewegung, das, was da ist, wenn man mal vom Hören & Sehen absieht. Nicht nur bei Vera, sondern bei jedem, bei allen, auch bei mir: es ist der Rhythmus, wo ich mit muss!

„Stell mich doch mal vor!“, sag‘ ich zum Vater und strecke meine Hand aus, Handfläche nach oben. Ganz spontan kommt mir diese Bewegung richtig vor, eine Einladung zur Berührung. Aber leider – ich dachte es mir schon – ist es für heute zu spät für eine Kontaktaufnahme. Es wäre ja nicht nur ein kurzes Handschütteln, wie es uns Sehenden und Hörenden genügt, ja, wie wir es – zumindest im Westen – auch schon weitgehend abgeschafft haben.

Schade. Es hätte mir jetzt bestimmt großen Spaß gemacht, mich einfach in diese Spontaneität fallen zu lassen. Einfach tun, was der Körper tun will, nicht mehr ruhig und still und aufrecht und „konzentriert“ auf dem Stuhl sitzen, sondern „im Fluss sein“, das Gegenüber und die ganze Welt berührend erkunden – es ist wie Lust auf Tanzen.

Bestimmt werde ich einmal wiederkommen. Ich verabschiede mich, setze mich ins Auto, finde diesmal dank genauen Anleitungen unproblematisch den Weg in die City. Während ich durch Kreuzberg fahre, gehen mir vielerlei Gedanken durch den Kopf. Über „Behinderung“, bzw. das, was wir so nennen. Wie wir aus all diesen Abweichungen von der Norm so ein Riesenproblem machen: nicht nur ein organisatorisches, pflegerisches Problem, sondern vor allem ein Problem im Kopf und im Herzen. Wir sehen immer nur das Defizit, das, was den „Behinderten“ (im Moment find‘ ich das Wort irgendwie komisch) fehlt, aber niemals das, was sie uns – deshalb! – voraus haben. Und schon gar nicht das Potenzial, das sich aus diesen Andersartigkeiten, die auch Fähigkeiten sind, ergeben könnte.

In einer anderen, weniger verrückten Welt wäre Vera nicht Problemfall, sondern Therapeutin. Zu für Körperarbeit oder Massagen üblichen Stundensätzen von 30 bis 80 Euro würde sie Menschen empfangen und behandeln, indem sie einfach auf IHRE Weise mit ihnen kommuniziert. Ich denke an verspannte, neurotische Menschen, an alle, die steif wie ein Stock nur aus dem Kopf leben, an die auf vielfältige Weise von Ängsten geplagten, an alle, die man einfach mal heftig schütteln müsste, damit sie von ihrer persönlichen Macke herunter kommen. Aber eben auf eine Art, die nicht noch mehr angst macht.

Nicht zu vergessen die vielen, die – gesund aber unheilbar unzufrieden – gern allerlei Workshops, Übungssysteme und „Behandlungen“ ausprobieren und gut bezahlen. Vieles davon, wie etwa Yoga, Feldenkreis, Alexandertechnik, Shiatsu, etc., bedeutet das Ein- oder ausüben sehr kontrollierter Bewegungen. Es gibt aber auch Methoden, die das Gegenteil lehren bzw. ermöglichen sollen: Tanzen, intuitiv massieren, „dynamische“ Meditation, Körperbemalungen, vielerlei Übungsweisen, die das „Ki“ in spontanen Bewegungen erlebbar machen sollen – oh, man kann da jede Menge Geld los werden!

Andrerseits gibt es Taubblinde, die nichts anderes KENNEN, als die Welt der Bewegung und Berührung, sie sind immer SO, immer Da, immer im Hier & Jetzt! Spontaneität in psychophysischer Hinsicht müssen sie sich nicht erst mühevoll erarbeiten. Diese Menschen sehen wir aber als Sozialfälle an, als von vornherein für die Gesellschaft nutzlosen Ballast, den man aus humanitären Gründen und christlicher Nächstenliebe (falls noch Restbestände vorhanden) bestmöglich versorgt. Nun ja, was heißt schon bestmöglich: Wer selber Menschen mit behinderten Kindern kennt, weiß, dass es jede Menge Schwierigkeiten bedeutet und einen ständigen Kampf um Unterstützung, um Geld, um Anerkennung, um vieles, was man sich als unbetroffener Ignorant einfach nicht träumen lassen würde. (Weil wir ja auch eher selten hingucken…).

So, es ist jetzt fast geschafft, die Oberbaumbrücke, einzige Verbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, liegt schon hinter mir. Kein Stau hat mich aufgehalten, jetzt noch ein bisschen Parkplatzsuche und die Heimat hat mich wieder. Es war ein guter Tag – einerseits wegen den Freunden und den interessanten Gesprächen. Aber auch wegen Vera, der Bewegungsmeisterin: Sie hat mir gezeigt, dass ich noch ein lebendiger Mensch bin und nicht nur eine vernünftige Stuhlbesitzerin. Im Moment fühl‘ ich mich so richtig nach tanzen & springen! Der Platz vor dem Monitor kann mich heut‘ abend jedenfalls nicht mehr locken!

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Claudia am 26. Juni 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom goldenen Zeitalter, von Chaos und Beständigkeit

Vom goldenen Zeitalter, von Chaos und Beständigkeit

Kleine Rede gegen alles, was nervt:

Dereinst, als ich mit meiner ersten Webveröffentlichung „Human Voices“ schwanger ging, durchwanderte ich die Netze auf der Suche nach lehrreichen Seiten. Die Einfachheit des neuen Kommunikationsmediums faszinierte uns damals alle, die wir mit wild quietschenden Modems täglich in die neuen Datenwelten aufbrachen und uns daran machten, eine „Heimseite“ zu errichten: der Windows-Editor und ein paar Stunden RauslinkSELFHTML-Studium reichten dafür völlig aus. Mittels weniger Mausklicks traten wir mit unseren schlichten Erstlingswerken ein in die unendlichen Weiten und waren Teil des „globalen Dorfs“ – wow! Eine Art Pfingstwunder begab sich: Auf all den neuen Homepages meldeten sich echte Menschen zu Wort, Leute, die man „einfach so“ ansprechen konnte, ohne einen Grund vorschützen zu müssen. Und nicht nur das, sie waren auch alle ungeheuer nett zueinander, freundlich und jederzeit bereit, zu teilen, was sie hatten. Der „Cyberspace“ hatte seinen kurzen Sommer der Anarchie und erschien als Land der Freiheit und Brüderlichkeit. Und die Sprache des Web, das damals noch so schlichte HTML, tat das ihre dazu und machte erst einmal alle GLEICH.

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Claudia am 18. Juni 2002 — Kommentare deaktiviert für Menschen, nicht Automaten!

Menschen, nicht Automaten!

Insgesamt sind es vielleicht so ein paar hundert Leute, die ich „aus den Anfängen“ kenne. Wie anders ihr Blick auf das Netz doch ist, verglichen mit der Sicht derjenigen, die erst in den letzten zwei Jahren eingestiegen sind! Und immer noch ist es ausgesprochen spannend, zu beobachten, wie das „soziale Neuland“ Unsicherheiten hervorruft, die im „Real Life“ lange schon unter irgendwelche Decken und Teppiche gekehrt wurden.

Missbrauche Menschen nicht als Dienstleistungsautomaten!

Wie kommt zum Beispiel einer, der mich nie zuvor angeschrieben hat, auf die Idee, mir eine Latte Fachfragen vorlegen zu dürfen, weil er offensichtlich zu faul ist, seine Klausur selber auszurecherchieren? (Was versteht man unter dem EVA-Prinzip? Wie viele Zeichen passen auf eine Diskette? Wieviel wäre das in Seiten ausgedrückt? Was versteht man unter Proprietär? usw. usf.). „Wäre nett, wenn Sie mir helfen können“, schreibt er immerhin dazu. Aber WARUM ich meine Zeit opfern sollte, um ihm unbekannterweise Lernarbeit zu ersparen, sagt er mir nicht. Frisch-fröhlich hab‘ ich ihm angeboten, seine Anfrage zu meinem üblichen Stundensatz zu bearbeiten – und dann natürlich nie mehr von ihm gehört!

Vielleicht hat er ja in einem alten Buch oder Artikel gelesen, man solle ruhig fragen. Wer eine Website habe, wolle auch angesprochen werden, die Netizens seien eine fröhliche Schar und ausgesprochen hilfsbereit. Tja, es war aber immer schon ein Missverständnis, dass das bedeutet, einfach andere Leute die eigene Arbeit machen zu lassen. Eigene Bemühungen dürfen dem Um-Hilfe-bitten schon voraus gehen – und DIESE Fragen hätten sich binnen Minuten von Google beantworten lassen.
Merke, Neuling: Missbrauche niemals Menschen als Automaten! Auch wenn beide im Netz ganz ähnlich ‚rüber kommen‘, nämlich durch Texte und Bilder, Zeichen und Symbole, so gibt es da doch noch riesige Unterschiede!

In der Pfeil nach draussenSelf-HTML-Louge diskutieren sie gerade den Stellenwert eines Webforums: ist es eher eine lockere Zusammenkunft, bei der man auch mal ganz wischi waschi ins Unreine plaudern kann? Oder haben diejenigen Recht, die so ein Forum mit preußischer Korrektheit bearbeiten, ihre jeweiligen Argumente wohl erwägen, jedes Wort sehr überlegt setzen und das auch von Anderen so erwarten?

Und hier, in meinem eigenen Board auf einmal die Frage: Kann man „hier“ über Tod & Sterben reden? So mit ganz unbekannten Leuten? Ich fand es anrührend, wie in diesem Fall derjenige, der eigentlich reden wollte, das Thema dann – sensibel für sich selbst – wieder „begraben“ hat: „Du musst ihnen in die Augen sehen .., Du musst ihnen vertrauen können, und sie dir. Sonst kannst du über so ein Thema nicht reden.“ Gefällt mir gut, es wird einfach viel zuviel daher gequatscht, meist „ohne Rücksicht auf Verluste“, man sieht ja nicht, wie es dem anderen gerade geht.

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Claudia am 23. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Am Puls der Zeit: Bush-Besuch

Am Puls der Zeit: Bush-Besuch

Vermutlich ist es das Alter: Herr Bush und alle, die in diesen Tagen einen solchen Wirbel um seinen Besuch veranstalten, langweilen mich. Heut‘ will er, so ist zu hören, eine HISTORISCHE Rede im Bundestag halten – ach, ich bin mir fast sicher, dass in dieser Rede kein halber Satz vorkommen wird, den man nicht schon kennt, nicht so oder ähnlich erwartet. Und alle Nachrichtensprecher, Kommentatoren und Reporter auf den Straßen tun ebenfalls ihr bestes, vorgestanzte Sätze und Statements auszutauschen. Demonstranten in karnevalesken Kostümierungen geben brav zu Protokoll, gegen was sie jetzt gerade demonstrieren und wenden sich dann wieder dem fröhlich-bunten Miteinander zu. Trommeln dröhnen, die Leute tanzen, einzelne führen akrobatische Kunststücke vor – man kann nicht unterscheiden, wer hier demonstriert und wer nur flaniert, sagt ein Reporter.

Mir reicht es, alles vom TV aus anzusehen, man sieht sehr viel mehr und wenn ich mich ärgere, kann ich es ausschalten. Schon der Karneval der Kulturen am Sonntag war medial betrachtet sehr viel angenehmer, denn es hat die ganze Zeit geschüttet.

Am Dienstagabend kam alles ein wenig näher – wie immer, wenn die Welt „gewalttätige Ausschreitungen befürchtet“, versammelten sich mehrere hundert junge Menschen auf dem Boxhagener Platz, viele mit Bierflaschen in den Händen. Bald war der Bär los, wieder erklangen die „Bush-Trommeln“, ab und an redete jemand Unverständliches in einen Lautsprecher, gelegentlich raffte man sich zu kurzen Sprechchören auf („Hoch die internationale Solidarität!“). Ich ging runter, wollte mal gucken, die Atmosphäre aus der Nähe schnuppern, aber da die Wannen/Einsatzfahrzeuge sich grad von allen Seiten um den Platz stauten, hab mich lieber wieder verzogen. Zwar werde ich normalerweise (altersbedingt..) von den Polizeibeamten nicht mehr als „Zielgruppe“ wahrgenommen, aber es war verdammt dunkel.

Vieles erinnert mich in diesen Tagen an die 80ger, ich war Ende zwanzig, voll begeistert und hoch engagiert „Häuserkampf“, Anti-Reagan-Demo, TUWAT-Festival – oh, wenn ich anfangen würde, davon zu erzählen, wär ich genau wie der Opa, der immer die Geschichten von „damals im Krieg“ zum besten gab, ob sie einer hören wollte oder nicht.

Anders als der nervende Opa bin ich mir nicht sicher, inwieweit ich überhaupt noch ein Geschehen „richtig“ beurteilen kann. Zwar sehe ich die Ähnlichkeit der äußeren Formen zu „früher“, gleichzeitig nehme ich auch Unterschiede wahr. Alles kommt mir ein wenig unecht vor, als zelebrierten die Menschen weitgehend bewusst hohle Rituale, ein Protest ohne Herz und ohne echte Wut, abgeleistet für die Medienwelt weil es nun mal sein muss, wenn ein amerikanischer Präsident kommt. Dass man versucht, dabei ein Maximum an Spaß und guter Unterhaltung mitzubekommen, versteht sich von selbst. Die Bush-Demo als Event der Spaß-Gesellschaft – von den Berlinern nur mit gebremstem Schaum mitgetragen. Zu komplex sind die Themen, nur wenige formulieren noch klare Feindbilder, der Schatten des 11.Septembers hindert viele daran, in ein schlichtes „Ami go home!“ einzustimmen. Auch die befragten Demonstranten äußern sehr differenzierte Meinungen, so dass praktisch jeder etwas anderes sagt.

Das sind meine Eindrücke – inwieweit sie etwas Objektives beschreiben oder mich nur selber spiegeln, kann ich nicht wissen. Berührt hat mich das Statement eines amerikanischen Journalisten, der sagte, er erlebe die Demos nicht als anti-amerikanisch, dieselben Proteste gäbe es weltweit und auch in den USA selbst. Im übrigen sei es gut, wenn in Deutschland demonstriert werde – erst wenn NICHT mehr demonstriert werde, bekäme er Angst.

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