Thema: Weltgeschehen

Claudia am 29. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Verstummen oder anecken

Verstummen oder anecken

Ilona Duerkop schreibt in ihrem *Kriegstagebuch davon, wie es sie erschüttert, die Menschen zu erleben, die in den Internet-Cafes sitzen und ihre Urlaubsberichte nach Hause mailen – als wäre nichts, als gehe alles seinen normalen Gang.

So ist Krieg. Jede Lebensäußerung wird zum Statement, ganz egal, ob derjenige davon weiß oder es so meint. Wenn die Zugriffszahlen in Kriegszeiten steigen, dann weiß ich: jetzt wollen einige wissen, was Claudia DAZU sagt. Und schon ist sie da, die Schreibblockade: Muss ich jetzt? Soll ich? Und was? Was ganz besonders „Ausgewogenes“, das in dieser emotional aufgeladenen Situation gewiss nicht aneckt?

Solange es so ist, schreib ich dann lieber gar nicht. Bis es von selber kommt, bis ich nach etlichen Tagen der inneren Verarbeitung einen Beitrag zum Krieg schreiben kann, weil er jetzt eben da ist und überall wahrnehmbar. Eindrücke, die zum Ausdruck drängen, einschließlich der durch sie angestoßenen Gedanken – mehr nicht.

Und dann? Ich surfe zur Tagesschau: Wieder 50 Menschen auf einem Marktplatz zerbombt – kann ich da noch davon schreiben, wie ich 7 Kilo abgenommen habe? Über Konsum-Hemmungen, Allein-Leben oder Rauchen? Absurd! Alle Themen, die keinen Kriegsbezug haben, sind tot.

So greift das Verstummen um sich. In einigen Mailinglisten ist die Frequenz der Beiträge schon gegen Null gesunken. Dafür wächst die Zahl der Webseiten zum Krieg: Infos, Links, sorgfältig ausformulierte politische Stellungnahmen. Und Gedichte, Kriegsprosa. Die Personen verschwinden hinter dem Krieg, haben Rüstungen angelegt und zeigen metallisch-glänzende Oberflächen – oder tragen Trauergewänder, durch die kein Licht mehr dringt.

Ich kann das nicht. Will es auch nicht und halte deshalb möglichst Abstand zu den Medien. Die Menschen, die ich in meinem Alltag treffe – hier im „Real Life“ – sind zum Glück ganz ähnlich verfasst: der Krieg ist durchaus Thema, aber nicht das einzige. Auf meine Frage, was es Neues gebe von der Front, berichtete mir ein alter Freund gestern von seinen Problemen mit gewissen Auftraggebern. Ich war ein wenig irritiert – es zeigte mir aber beispielhaft, welch anderes Bild von „den Anderen“ die geschriebene Netzkommunikation vermittelt, verglichen zu den Alltagsbegegnungen offline.

Heute Abend treff‘ ich ein paar Leute aus der seit 1996 bestehenden Netzliteratur-Szene. In einem wunderschönen Thai-Restaurant in Berlin Mitte, wo sich „essbare Skulpturen“ auf den Tellern finden sollen, werden wir vermutlich über den Krieg und seine Wahrnehmung über das Netz sprechen – aber auch von neuen Projekten, von den Technologien, die wir dafür brauchen und von den Schwierigkeiten, im Mainstream der 0815-Portale und Shops nicht unterzugehen. Ich freu mich drauf!

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Claudia am 27. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Im Krieg

Im Krieg

Eher zufällig fällt der IRAK-Krieg in die Zeit meiner fast totalen Medienabstinenz. Das Radio, dass ich mir auf dem Flohmarkt dann doch noch gekauft hatte, hat beim zweiten Anschalten den Geist aufgegeben. Der Minifernseher, den ich schon vor einem Monat mehr aus Jux mitgehen ließ, war ebenfalls ein Flop. Die tägliche Berliner Zeitung schaffe ich nicht jeden Tag. Ungelesen stapeln sie sich vor der Tür. Um nicht völlig auf dem Schlauch zu stehen, surfe ich einmal täglich zur Tagesschau, frag auch mal einen Freund, was es Neues gibt „von der Front“.

Soviel Neues ist da nicht. Mir entgeht nichts Wichtiges, mir entgeht nur das Eintauchen in die kollektiven Gefühlsozeane, die sich durch die fortlaufende Kriegsberichterstattung jedem mitteilen, der sich dem aussetzt.

Um die Ecke hängt ein Transparent von einem Balkon, auf dem steht: „Fickt mal richtig, damit Ihr nicht so zornig/deprimiert seid, dass Ihr morden müsst!“. Erinnert irgendwie an: „Make love, not war!“. (Möge die Leserin und der Leser entscheiden, welche Generation die besseren Slogans für sich verbuchen kann.).

Erschüttert…

Ich erlebe Mailinglisten, in denen ist die fortdauernde Klage über den Krieg dominierender Inhalt geworden. Viele zeigen große Wut, Trauer und Betroffenheit, sind sich einig gegen den Krieg (die Frage nach den Saddam-Opfern ist mancherorts schon „not-PC“, von meinem Gefühl her)…

Es geht ihnen schlecht, sie können aber auch nichts machen. Nützt es, tagelang vor der Glotze zu stehen und erschüttert zu sein?

Was fehlt – vielleicht kommt es später – ist eine Rückschau auf die ganze Geschichte: Bis nach dem 11. September, als die USA langsam anfingen, sich auf IRAK einzuschießen, hat niemanden groß interessiert, was dieser Saddam da macht. Auch die Europäer nicht.

Es genügte den Funktionären und Politikern, Sanktionen zu verhängen, die – und das hätte man weit früher thematisieren und ändern (!) müssen, nur das Volk trafen und die Saddam-Clique noch mächtiger machten. Hätte man den Irak wirtschaftlich nicht bis zur Perspektivlosigkeit ausgegrenzt, hätte ein Mittelstand sich entwickeln und stärker werden können, der letztlich zu einem Regimewechsel in der Lage gewesen wäre – meinetwegen auch mit Unterstützung von außen (aber unter eigener Regie).

So dagegen hat das kontraproduktive Vorgehen den Boden bereitet, auf dem die USA dann zu agieren begannen. (Die an der schwächsten Stelle ein Bein auf den Boden bekommen wollen, dort, wo der wesentlich von Saudi Arabien finanzierte Terrorismus herkommt, damit – neben dessen Eindämmung – der Zugang zu den ÖÖlquellen erhalten bleibt)

Was ich auch nicht ganz „stimmig“ finde ist der Hinweis darauf, dass man mit verlängerten Inspektoren-Aktivitäten noch mehr hätte erreichen können. Das kann gut sein, aber wer hat sich denn freiwillig gemeldet und bereit erklärt, den Aufbau und „verlängerten Verbleib“ der Droh-Streitmacht
MITZUBEZAHLEN. die es überhaupt erst ermöglichte, dass Saddam Zugeständnisse machte?

Womit ich keinesfalls die USA rechtfertigen will. Ich meine nur, alle Seiten haben Dreck am Stecken. Da gäbe es für die Zukunft manches zu lernen und zu ändern. Wenn man es ernst meint. Wenn man wirklich eine andere Weltordnung will als diejenige, die gerade aus Amerika aufgeherrscht wird.

Draußen auf dem Platz vor meinem Haus stehen Kreuze für die Toten des Irak-Kriegs – ja, das finde ich gut! Emotional aber stehe ich dem nicht anders gegenüber als all den anderen Toten: aus dem Sudan,
aus Sierra Leone, Tschetschenien und all den vergessenen Kriegen, die Jahrzehnte dauern und tausende Tote fordern, und kein Schwein interessiert sich.

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Claudia am 14. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Am Rudolfplatz – ein Blitzlicht

Am Rudolfplatz – ein Blitzlicht

Meine Vormieterin hat mir eine Mail mit der Frage geschickt, wie es mir denn nun am Rudolfplatz gefalle. Immerhin lebe ich jetzt schon eineinhalb Monate hier. So wenig? Es kommt mir länger vor, obwohl ich doch erst seit etwa einer Woche die Küche richtig nutzen kann. Ein Teil der Dielen wurde erneuert, das Ergebnis schreit mich täglich an: Nun mach aber auch den Rest, das sieht ja grausig aus!! Ohhhh, Dielen abschleifen, wann hab ich das zum letzten Mal gemacht? Sind zwar nur etwa drei Quadratmeter, aber man braucht diese brachiale Maschine, es staubt wie in der Wüste Gobi und das Versiegeln ist auch noch mal eine klebrige und stinkige Angelegenheit. So eine kleine Fläche zu beauftragen, würde sich andrerseits auch für den Handwerker nicht lohnen – also warte ich einfach ab, bis mich der große Frühlingselan packt und hoffe das beste.

Dies ist das erste Mal, dass ich meinen Wohnort ganz alleine aussuchte. Unbeeinflusst von einem Mitbewohner, mit dem ich mich einigen musste, unbeeinflusst auch von diesen alten Ängsten, die nahe legen, lieber dort zu wohnen, wo man sich auskennt., wo alte Freunde leben und alles bekannt ist. Bisher habe ich es keinen Tag bereut! Ich schaue aus dem Fenster und sehe über den Platz, über das (noch) ungenutze Gewerbegelände auf der anderen Seite bis hin zu den Bahngleisen und den Häuserblöcken dahinter. Züge fahren hin und her – ich sehe sie, höre sie aber nicht, dazu sind sie zu weit weg. Schön! Die Lage im dritten Stock bringt es außerdem mit sich, immer sehr viel Himmel im Blick zu haben, auch das tut meiner Seele gut, ich liebe die Weite, es macht mich auch innerlich weiter – bilde ich mir zumindest ein.

Zur U-Bahn gehe ich drei Minuten durch die Oberbaum-City, ein aus den alten Glühlampen-Fabriken herausrestauriertes und edel modernisiertes Geschäftsviertel, das abends und wochenends völlig tot ist. „Visionen leben“ steht auf großen Plakaten und Fahnen wehen, wer genauer hin sieht, bemerkt den hohen Leerstand: Büromieten um 30 Euro, wer zahlt das schon derzeit? In den toten Zeiten laufen Wachschutzleute in blauen Parkas mit Taschenlampen herum und erhöhen die „gefühlte Sicherheit“. Eine Münchnerin, die mich neulich besuchte, grauste es richtig beim nächtlichen Gang durch diese menschenleeren Straßen, aber ich versicherte ihr, „die Bösen“ seien eher im Kneipenviertel auf der anderen Seite der Geleise zu gange – wer läuft schon nachts durch die Oberbaumcity, da ist ja nichts!

Der Rudolfplatz mit Kirche, Schule, Kita, Grünanlage und Gründerzeitbauten bietet dann die angenehme Wohnlichkeit, die ich nicht missen möchte. Und binnen weniger Minuten kann ich Stadtlandschaften erreichen, die spektakuläre Ausblicke bieten: keine Postkartenidyllen, sondern die Schründe und Widersprüche, das Unfertige und Kaputte zusammen mit dem Schicken und Größenwahnsinnigen – so gerne will ich dazu eine Bilderseite machen, wenn ich mal richtig Zeit finde!

Und im Haus? Kaum war ich eingezogen, fingen Bauarbeiten an: Über mir, unter mir, Wohnungen werden ausgebaut, immer mal wieder Gas und Wasser abgedreht, die Decken erzittern, Bohrer heulen auf, Staub rieselt im Bad auf das schöne Schlammgrau. Der Bauleiter hat mir eine Flasche Wein vorbei gebracht und gut Wetter gemacht: wir müssen mal eben ein Wasserrohr in Ihrer Toilette rausreißen… Ich verlangte, dass sie das neue dann wenigstens wieder streichen, doch bisher geschah nichts. Auch in der Decke blieb ein Loch, es soll wohl noch verputzt werden.

Dies alles mindert kaum je mein Wohlbefinden, schließlich bin ich Sanierungs-gestählt: in Kreuzberg zu Beginn der 80ger waren die Baustellen andere und der Umgang weit rauher, keine Weinflaschen sondern Drohungen, keinerlei Ankündigungen, aber plötzlich war das Klo weg – das hier ist dagegen ein Kinderspiel!

Vor zwei Wochen dann flatterten Flugblätter der Kiez-Initiative herein: mir gegenüber auf der anderen Seite des Platzes wird die BSR (Berliner Stadtreinigung) einen Recyclinghof errichten. Natürlich ist jeder dagegen, man befürchtet Lärm, Dreck und „Gelichter“ – auch ich bin dagegen und habe als gute Bürgerin eine Einwendung gegen die Änderung des Flächennutzungsplans abgegeben. Gewiss ohne Aussicht auf Erfolg, doch war ich selber lang genug in solchen Kiez-Initiativen und unterstütze sie im gleichen Geist, wie ich mich von Marktforschern befragen lasse, wenn Zeit ist (Den Job hab ich schließlich auch mal gemacht..).

Der Rudolfplatz, ein Paradies? Gewiss nicht, aber ich fühl mich sauwohl hier. Ein Wohlgefühl, das von innen kommt, klar, doch es bedeutet viel, in einem Umfeld zu wohnen, das dieses „Innen“ nicht ständig unter Stress setzt. Und bisher stören mich die Ereignisse nicht wirklich, es kommt mir alles so bekannt vor, keiner großen Aufregung wert.

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Claudia am 18. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachten III: Vom Weihnachts-Irresein

Weihnachten III: Vom Weihnachts-Irresein

„All‘ überall auf den Seelenspitzen sehe ich blinkende Bomben sitzen, und
innen, aus dem Herzenstor, schaut‘ mit großen Augen die Neurose
hervor…“

Diesen „Weihnachtsreim“ schrieb mir ein Freund, der als Arzt mit vielen Menschen regelmäßig in Kontakt kommt. In diesen allzu heiligen Tagen spitzen sich offenbar die Dinge zu: was lang ertragen wurde, wird jetzt unaushaltbar; das bisher locker Weggesteckte tötet den letzten Nerv. Der kleine Ärger wächst sich zum Großkonflikt aus, die Beziehung kriselt, der Lehrer entläßt entnervt die unbelehrbaren Schüler – der Mitmensch ist alles in allem eine richtige Katastrophe. Zwar sind viele damit beschäftigt, Geschenke einzukaufen, doch die Gedanken an „die Anderen“ werden nicht freundlicher, im Gegenteil. Und die Festtage selbst – so erzählen zumindest immer wieder die Polizeiberichte – beinhalten Dramen und ausagierte Feindseligkeiten, die den Rest des Jahres an Häufigkeit und Intensität deutlich übertreffen.

Was ist nur los an Weihnachten, dem „Fest der Liebe“? Vielleicht – ich spekuliere mal wild drauf los – ist es der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, der in diesen Tagen nicht mehr tolerierbare Ausmaße annimmt. Einerseits Friede, Freude, Lebkuchenduft und Lichterglanz, das Beschwören einer Harmonie, die auch mitten im vervielfältigten Konsumgeschehen Ziel bewußter oder unbewußter Wünsche ist; andrerseits der Blick auf die Realität, die in diesem Vergleich weit dunkler wirkt als üblicherweise: Niemand liebt. NIEMAND!

Was wir üblicherweise Liebe nennen ist ein ausgesprochen bedingtes und daher flüchtiges Erleben: Solange du meine Erwartungen zu einem gewissen Prozentsatz (der nach eigener Tagesform schwanken kann) bedienst, liebe ich dich – sobald das aufhört, erkenne ich Dich als Fremden: Himmel, was habe ich eigentlich mit dir zu tun? Und je nachdem, wie abrupt sich solche Bewußtwerdungen ereignen, umso unbehauster und verweifelter, einsamer und verlassener mag man sich dabei fühlen: ent-täuscht! Und dann?

Werden die persönlichen Welten aus Selbstbetrug und krampfhaft aufrecht erhaltenen Illusionen in Frage gestellt, reagieren viele äußerst feindselig, Wut, Ärger und Agressionen aller Art suchen ein Ventil – und in der Weihnachtszeit explodiert so mancher ganz unvermittelt, von dem man derartiges gar nicht erwartet hätte – nicht jetzt, nicht so!

Nun, das ist das „Weihnachtsirresein“ – und keiner ist davor sicher. Es ist kein wirkliches „Irre sein“ im Sinne von „ver-rückt“- im Gegenteil, es entsteht duch das Hereinbrechen des Lichts, in diesem Fall des Lichts der Erkenntnis über das, was ist. Wir sehen: aha, ich liebe nicht! Aha, auch der Andere liebt mich nicht, er schätzt es nur, wenn ich dies oder jenes ´rüber reiche: Streicheleinheiten, Vergnügen, Schutz, Anerkennung, Ermunterung, Dankbarkeit und so manches, das ich mir offensichtlich alleine nicht verschaffen kann.

Geschäftsbeziehungen sind von allen Beziehungen die ehrlichsten, denn sie formulieren üblicherweise einen Vertrag über Geben und Nehmen, über die Bedingungen des Miteinander, die sonst so gern verborgen bleiben. Je unausgesprochener und unbewusster diese „Bedingungen“, desto größer das Konfliktpotenzial, wenn das Licht darauf fällt, wenn sichtbar wird, dass sie nicht bzw. nur unbefriedigend erfüllt werden: zwischen Lebenspartnern, unter Freunden, in Familien, bei Kollegen, im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler und selbst zwischen Autor und Publikum – wer schreibt schon gern für die Schublade?

Im christlichen Kontext des Weihnachtsfestes steht der kommende (lat: „ad-venit“) Jesus Christus für das In-die-Welt-Kommen einer bedingunglosen Liebe, einer Liebe, die nicht tauscht und berechnet: genau der Liebe eben, zu der wir nicht fähig und gewöhnlich auch nicht willens sind.

Diese große Erzählung ist von wunderbarer Symbolkraft! Jeder kann sich davon ergreifen lassen, zumindest in diesem potenziell Gemeinschaft-stiftenden Moment der Sehnsucht: Wir erkennen einander als Unzufriedene, als Sehnende nach einer Liebe, die außerhalb unseres allzu menschlichen Vermögens liegt.

Dazu muss ich nicht mal Christ sein. Religionen sind ja ganz allgemein Tröstungssysteme, Therapeutika gegen die Unbehaustheit des Menschen in einem unfassbaren Universum. Wer es schafft, die eine oder andere religiöse Tröstung zu verinnerlichen, ist im Grunde zu beneiden – wir anderen dürfen hoffen, dass der Preis nicht zu hoch ist, dass nicht gleich das Fanatische die Oberhand gewinnt, um die gewonnenen Gewißheiten gegen „Ungläubige“ durchzusetzen. „Innere Sicherheit“ der einen kann Krieg gegen die Anderen bedeuten, wie wir wissen.

Was ist aber jenseits religiöser Geisteswelten, die ja nicht mehr für alle begehbar sind, zu alledem zu sagen? Gibt es auch ohne Jesus Christus, ohne Buddha, Dharma und Sangha einen aufrechten Gang? Ein Dasein, das nicht auf Illusionen baut, aber doch auch den Bezug zu jener unbedingten Liebe – und sei sie noch so unnerreichbar – nicht einfach negiert?

Tja, jetzt steht sie da, diese Frage! Ich kann bis zu ihr vordringen, sie aber nicht beantworten. Sowieso bestünde eine Antwort nicht aus Worten, sondern das je eigene Leben von Augenblick zu Augenblick ist die Antwort – oder ein Versagen. Immerhin erkenne ich immer besser, dass ich die Antwort nicht üBERNEHMEN kann: nicht aus Büchern und auch nicht von lieben Freunden und Lehrern. Sie geben zwar Hinweise, machen mit ihren je eigenen Antworten VORSCHLÄGE – aber all diese Vorschläge, und seien sie noch so intelligent, großartig, gar eingebunden in große Traditionen, werden als „übernommene“ immer auch relativiert, nämlich durch das konkrete Leben ihrer Verbreiter, soweit es auch in seinen Abgründen und Verfehlungen sichtbar wird.

Von Lehre und Leben

Lothar Reschke hat unter dem Titel „Heilige“ hierzu einen interessanten Beitrag verfasst – aus der Sicht desjenigen, der die „Heiligkeit“ als eine Art Bringschuld verspürt: wer sich lebenslang mit sich selber auseinander setzt und hier und da auch von anderen als Lehrender wahrgenommen wird – hat so einer nicht die Pflicht, im Alltag mehr als nur „politisch korrekt“ zu agieren? Sprich: immer lächelnd, alles verstehend, unangreifbar, über den Dingen schwebend ??? Sich also niemals über den Lärm des Nachbarn aufregen, niemals streiten und aus der Haut fahren? Immer hübsch gelassen bleiben???

Natürlich nicht. Wie Lothar das Ganze beschreibt, wird das Absurde gut spürbar, das in der Erwartung der „Heiligkeit“ liegt. Ganz erschöpft ist das Thema damit allerdings nicht: die angeführten Beispiele sind duchweg so, dass man sie unter „gerechter Zorn“ bzw. berechtigter Ärger subsumieren könnte – wie aber würde es sich bei echten Verfehlungen darstellen? Zum Beispiel beim Guru, der seine Schülerinnen sexuell ausbeutet? Oder beim Therapeuten, der Authentizität im Hier & Jetzt lehrt, aber die Trennung von seiner ahnungslosen Frau lang im voraus plant? Und was ist von „Lebensberatern“ zu halten, die bei eigenen Konflikten erstmal die Kommunikation abbrechen und sich in den Schmollwinkel zurück ziehen?
Können sie alle trotzdem Lehrer und Helfer sein?

Und ich frage weiter: Warum sollte ich eigentlich den kompromisslosen Ansichten eines Menschen folgen, mit dessen Leben in dieser Welt ich auf keinen Fall tauschen wollen würde? Kann denn ein katholischer Priester aus seinem Zölibat heraus Ratschläge bezüglich erotischer Vertrickungen geben? Ist liebendes Mitgefühl von jemandem zu lernen, dem andere Menschen in ihrer Beschränktheit so spürbar auf die Nerven gehen? Kann ich mein Leben besser ordnen mit Hilfe der Tipps eines Ratschlagenden, dessen Dasein an dieser oder jener Stelle ein Chaos ist?

Nein! Ganz spontan sage ich dazu nein. Aber stimmt das, auf’s Ganze gesehen? Man muss vorab unterscheiden, was mit „Lernen“ gemeint ist: Ich kann natürlich durch einen Choleriker, der laufend aufbraust und mich anschreit, Gelassenheit erlernen, genauso wie ich in südlichen Ländern lerne, mit sehr viel weniger Wasser auszukommen. Ich lerne hier DURCH eine Person oder ein Phänomen, also durch Lebenserfahrung, durch Praxis. Auf diese Weise kann ich von allem übel und jedem Schurken sehr viel lernen – und doch bleibt er ein Schurke!

Etwas Anderes ist das übende Erlernen einer Lehre, einer überlieferten oder neu propagierten Weisheit oder das übernehmen einer Theorie oder Weltanschauung: HIER ist das Spielfeld der oben gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Lehre und Leben. Kann ich jemandem folgen, der selber nicht verwirklicht, was er lehrt?

Ja und nein! Es kann genauso lange funktionieren, soweit meine EIGENE MOTIVATION trägt. Schließlich spricht nichts dagegen, dass einer in einem bestimmten begrenzten Bereich ein guter Lehrender sein kann, auch wenn er nicht alle Erwartungen, die ich (!) mit der Lehre verknüpfen mag, im eigenen Dasein verwirklicht. Diese je eigene Motivation speist sich aus zwei Quellen: aus Erleben und aus Glauben bzw. Hoffen. Um überhaupt etwas verändern zu wollen, muss es mir spürbar schlecht gehen. Ich greife zu einer Lehre, einer übung, einer anderen Praxis, Lebens- oder auch nur Denkweise, um mich bzw. meine Lage zu verbessern. Unzufriedenheit und Leiden können hier ganz subtile Formen annehmen, doch bilden sie IMMER den Motivationhintergrund. Der zweite Punkt ist die Einsicht, das Denken und Auf-die-neue-Praxis-Hoffen, gespeist durch Worte, Texte und Vorbilder (!), evtl. die Kraft einer Gruppe, allesamt eher virtuelle Aspekte, die solange tragen sollen, bis sich spürbare Ergebnisse in der Lebenswelt manifestieren.

Je nach persönlichem Temperament und kulturellem Kontext sind wir hier mehr oder weniger Warte-bereit: Christen warten seit über 2000 Jahren auf die Wiederkunft Christi, Jehovas Zeugen warten insbesondere auf das Gericht und die Rettung der 144000, Buddhisten werden eingestimmt auf unzählige Leben, die bis zum Erreichen des Nirvana oder gar der Erleuchtung aller fühlenden Wesen noch durchzuhalten sind – während ich das schreibe fällt mir auf, dass Religionen sich offensichtlich darum bemühen, unseren Erwartungshorizont ins schier Unnerreichbare zu verschieben. Warum eigentlich?

Wäre es nicht besser, wir vertrauten dem eigenen Urteil? Ich probiere etwas eine Zeit lang aus – entweder es tut mir gut und bringt mich weiter oder eben nicht. Je nachdem, wie es sich damit verhält, verwerfe ich es wieder und gehe weiter, oder baue es ganz oder in Teilen für immer in mein Leben ein. Ich könnte auch experimentieren, eigene Varianten erforschen, vielleicht selber lehren, oder ich mache kein weiteres Aufhebens, sondern sehe zu, dass MEIN Nutzen durch Tun & Handeln in dieser Welt auch zum Nutzen anderer wird. Und entdecke vielleicht über kurz oder lang wieder eine andere Art Leid, das mich motiviert, wieder nach etwas Ausschau zu halten, zu suchen – das Leben ist Bewegung, kein Verharren in Stille. Ich beschwer mich da nicht.

Der Vorbildcharakter eines Lehrers ist also alles in allem hilfreicher Aspekt, keine notwendige Bedingung. Ein Vorbild benötige ich nur, solange ich nicht selber spüre, wie gut „die Sache selbst“ ist, ein Zustand, in dem wir so kurz wie möglich verweilen sollten. Glauben und Hoffen kann Erleben nicht wirklich ersetzen – mittlerweile haben das sogar die Börsianer gemerkt und das läßt für diese Welt hoffen.

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Claudia am 07. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtszeit II: Geben wir’s weiter?

Weihnachtszeit II: Geben wir’s weiter?

Ob sie denn nur eine übriggebliebene Unverbesserliche sei, fragt Marianne in derselben Mail, in der sie mich auf die Aktion *„Gib es weiter“ aufmerksam macht. Offensichtlich haben wenige Stunden gereicht – die Website ist seit dem 4. Dezember online – um die verschiedensten freundlichen und unfreundlichen Kritiker herauszufordern: Das geht nicht, weil…, das kann doch nicht klappen, das ist doch total naiv! Deutschland im Stimmungstief ist nicht so easy in adventliche Nächstenliebe oder gar Weltverbesserungslust zu versetzen!

Worum geht’s? Ich surfe hin und lese:

Das Gib-es-weiter-Prinzip:

Du tust etwas für einen Menschen. Wenn möglich, einen großen Gefallen. Es sollte etwas sein, was diese Person alleine ohne Hilfe nicht bewältigen kann. Anstatt eine Gegenleistung oder Dank zu erwarten, erlegst du ihr auf, dass sie es an 3 andere Menschen weitergeben soll.

War da nicht mal so ein amerikanischer Film, in dem alle ständig gestrahlt und liebevoll gelächelt haben? Die Erinnerung an den Trailer untermalt den Ansturm meiner ganz persönlichen Niedermach-Gedanken: Das geht doch nicht! Das ist doch unendlich naiv! Wer will denn wissen, was für einen Anderen ein „großer Gefalle“ ist? Vielleicht reißt ihn ja genau die Wunscherfüllung, die ich ihm ermögliche, vollends in den Abgrund? Helfen ist doch nicht SO einfach, ja, praktisch ganz unmöglich…. und überhaupt: Tu ich nicht auch ohne Aktion etwas „für einen Menschen“? Bin ich nicht die Hilfsbereitschaft in Person? Soll ich denn jetzt auf die Straße rausgehen und rufen: Hallo, braucht jemand was???

Ich guck eine Zeit lang diesem inneren Theater zu und meine Sympathie für die Aktion steigt. Was solche Widerstände auf den Plan ruft, trifft auf jeden Fall ins Schwarze. Anstatt mit eigenen Argumenten über Sinn und Unsinn einer solchen Initiative zu streiten und so nur den graubraunen Sumpf der üblichen Scheiße einmal gut umzurühren, könnte man einfach der Empfehlung folgen und sehen, was passiert. Gewiß würde man etwas Neues erleben, denn etwas „Unmögliches“ wäre auf einmal möglich geworden – jenseits aller zweifelhaften Ideen vom Helfen-Wollen-Können-Sollen ist es DAS, worauf es ankommt!

Wer ist „man“? Die Widerstände wirken bis in die Wortwahl hinein: werde ICH denn der Empfehlung folgen? Oder möchte ich nur dem geneigten Surfer Ratschläge geben, deren Verwirklichung ich doch lieber bei Anderen beobachte als sie selber auszuprobieren?

Mal sehen, ehrlicherweise lasse ich das offen. Es kommt drauf an, wer bzw. was für eine Aktivität sich mir als Gelegenheit anbietet, „es weiter zu geben“. Dass da etwas kommen wird, ist gewiß, wenn ich mich für die Idee öffne – und zumindest dafür hat mir Mariannes Inititative den Anstoß gegeben.

übrigens: nicht nur, weil es weihnachtet, unterstütze ich diese Idee. Ich würde gerne für viel MEHR Initiativen, Ideen, konkrete Projekte und ungewöhnliche Vorgehensweisen den roten Teppich ausrollen, wenn sie nur EINES leisten: einen Kontrapunkt in dieses Jammertal Deutschland setzen, in dem zur Zeit alle in kollektiver Untergangslust an den Ästen sägen, auf denen sie sitzen und ihr je eigenes entrüstetes „So nicht!“ in die Welt hinaus rufen. Ich kann es nicht mehr hören: Wie hier jeder versucht, sich und die je eigene Interessengruppe mit großer Geste als das lange schon gemolkene Opfer darzustellen! Oder gar immer noch mehr rauszuholen, egal, ob die öffentlichen Haushalte den Bach runter gehen und dann eben noch ein bißchen mehr gestrichen und entlassen werden muss. Hauptsache, die Bediensteten mit den vergleichsweise sicheren Jobs bekommen ein paar Euro mehr – all das lässt eigentlich keine Weihnachtslaune aufkommen, im Gegenteil.

Wie kommt man aber von einem Bewusstsein, das immer nur die einstmals errungenen Besitzstände verteidigt, zu einem Denken & Fühlen, das immer zuerst fragt: Was kann ich beitragen? Was kann ich noch abgeben? Wie kann ich Neues schaffen, damit mehr zum Verteilen da ist? Was kann ich dazu tun, damit diese miese Stimmung sich bessert? Denn aus den Stimmungen entstehen die Gedanken, aus den Gedanken die Pläne und Vorhaben, und schließlich folgen die entsprechenden Handlungen.

Wer hier kreativ ist, tut uns allen einen Gefallen. Wer dazu Ideen hat und gar selber ein paar Finger rührt, gehört mit Orden bekränzt und mit Lob überhäuft . Und wenn DU, geneigte Leserin und lieber Leser, dich heute oder in den nächsten Tagen von einem lieben Mitmenschen oder einfach vom Leben beschenkt fühlst, dann behalt es nicht für dich, sondern gib es weiter!

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Claudia am 30. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!

Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!

Die Freiwilligen-Arbeit mit alten Menschen hab‘ ich jetzt erstmal unterbrochen. Der „Verein der Freude alter Menschen“ hat mir einen guten Einblick gegeben und auch Kontakte zu alten ermöglicht: mehrere Wochen war ich im Telefondienst, plauderte immer montags mit den verschiedensten Alten, von der lustigen Grunewald-Wittwe, die sich vor Terminen kaum retten kann, bis hin zur völlig vereinsamten 89-Jährigen Sterbenden, die ich dann auch im Krankenhaus besuchte. Weiter → (Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!)

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Claudia am 17. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Und plötzlich ist Herbst

Und plötzlich ist Herbst

Heut‘ mit Frau B. telefoniert, sie liegt im Krankenhaus, wo sie sich dringend wieder hingewünscht hatte. Zuhause, ans Bett gefesselt, allein den Pflegediensten ausgeliefert, sei es furchtbar, sagt Frau B. Nachts hätte sie oft geschrien so laut sie konnte, doch niemand wäre gekommen. Zuletzt hätte die Pflegerin ihr gar gedroht, man könne es ihr auch „reinstopfen“, wenn sie nicht bald schneller essen würde.

Daraufhin hat sie es ins Krankenhaus geschafft, irgendwie. Abgefüllt mit allem, was es so an passenden Medikamenten gibt, wartet sie dort auf die neue Behandlung. Bisher sei sie ganz falsch therapiert worden, sagt Frau B., das habe man ihr angedeutet. Was aber heisst hier falsch? Alle zehn Jahre Krebs, seit 50 Jahren – was ist da falsch? Was richtig? Morgen werde ich sie besuchen, am Telefon verstehe ich sie so schlecht.

Es ist der dritte Montagnachmittag beim Verein der Freunde alter Menschen. Ich bin im Telefondienst, wie alle, die hier anfangen. Und am Samstag werd‘ ich ein paar Alte kennen lernen. Sie werden abgeholt, der Verein hat sie zum Essen eingeladen. Es wird Tafelspitz geben, ich bin gespannt. Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal mit „richtig Alten“ zusammen war!

***

Eine neue Tastatur gekauft, diesmal wieder mit Kabel. Drahtlos ist kein Fortschritt, wie ich bemerkte. Man nutzt die Tastatur auch nicht anders, obwohl man sie hierhin und dahin mitnehmen könnte. Aber warum sollte ich? Soll ich etwa mit der Tastatur mobil sein, wenn doch der Bildschirm steht wie ein Stein? Natürlich nicht, sie lag die ganze Zeit an derselben Stelle, wie alle Tastaturen zuvor. Und ganz plötzlich setzte sie aus, mitten im Schreiben: nichts geht mehr. Wenn es dann NICHT die Batterie ist, kann man gar nichts machen.
Weg damit! Genau wie die zugehörige Funkmaus, die hab ich schon vor zwei Jahren auf dieselbe art verloren. Jetzt bin ich wieder am Draht.

Sie hatte aufgehört, zurück nach K. ziehen zu wollen. Eigentlich hatte sie nie zurück gewollt, sie wäre nur mitgegangen, wenn alles so geblieben wäre wie bisher. ZURüCK zu gehen war nicht ihre Sache, ja, es schreckte sie: Angst vor dem allzu Bekannten, Angst vor den sprechenden Wänden, den Straßen, in denen alte Geschichten hängen wie klebriger Dunst.

Also nicht nach K. Wohin dann? Bleiben? Alleine in einer neuen Wohnung in FH? Eine Freundin hatte ihr die Augen geöffnet, neu geöffnet für die Schönheit, das Bunte, das Wilde. Es gibt Schlimmeres, als unter jungen Menschen alt zu werden. aber bleiben? WAS wollte sie denn hier?

Sie hatte verlernt, etwas Eigenes, etwas Besonderes zu wollen. Vom Wohnen wußte sie auch nicht mehr viel. Solange das kühle Licht des Monitors ihre Tage begleitete, war Wohnen keine Frage, auf die sie antworten mußte. Meistens war sie ja doch unterwegs in den Zeichenwelten, die sie immer hungrig zurück ließen.

Was nun? Vielleicht das oberste Stockwerk einer WBS 70-Platte? Ein Stalinbau in der Karl-Marx-Allee mit diesem melancholischen Charme des untergehenden Roms? Eine Fabriketage mit Blick auf die Spree – was wäre denn für sie das GANZ ANDERE? Der Ort, an dem sie herausfinden könnte, wohin es sie zog. Oder würde einfach nie mehr etwas an ihr ziehen? Ratlos beendete sie das Nachdenken. Es musste sich er-geben, nicht er-grübeln. Draußen war es Herbst geworden und am liebsten würde sie jetzt einfach den Kopf unter die Bettdecke stecken.

– – –

arbeit. Niemals zuvor war soviel Arbeit. Zu viel Arbeit, um noch jemand anderen zu Hilfe zu holen, denn demjenigen müßte ich zuviel erklären. Zuviel Arbeit,um daneben noch anderes zu tun, kein Platz, um nach rechts oder links zu schauen. Wo im ersten Halbjahr die Flaute mich daran denken ließ, einen neuen Beruf zu suchen, erschlagen mich jetzt all die Aufträge. Und alle müssen sie spätestens im Oktober fertig sein. Schöne Projekte, wunderbare Auftraggeber, sinnvolle Webseiten – und ich geh‘ auf dem Zahnfleisch. Es möge mir niemand böse sein, wenn ich mich jetzt nicht melde, nicht mal „Guten Tag“ sage, wenn eine alte Bekannte in einer Mailingliste auftaucht, nicht verläßlich antworte, wenn mir einer schreibt: „Hey, da ist ein Link falsch gesetzt!“

Wird es ein „danach“ geben??? Im Moment kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn ich nichts zu tun habe. Wie lange tu ich eigentlich schon etwas, auch wenn ich nicht muss? Wielange schon gehört es zu meinem Selbstverständnis, gern zu arbeiten, viel zu arbeiten, niemals an ein „danach“, gar an so etwas exotisches wie „Urlaub“ zu denken?

Gerade beginne ich damit, den Montag zu fürchten. Der Blick in den Monitor stimmt mich nicht freundlich und gestern ist die Tastatur ausgefallen, einfach so. Oh Ihr Göttinnen und Götter allen Tuns&Lassens: Lasst mich bitte bitte noch diese paar Aufträge zu Ende bringen! Dann, ja dann mag sich meinetwegen ein „Danach“ entfalten – jetzt ist Disziplin und Energie alles, was ich brauchen kann.

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Claudia am 11. September 2002 — Kommentare deaktiviert für September eleven

September eleven

September eleven

Es ist kurz nach zehn und ich fühl mich so wohlig weh. Traurig, angerührt, erschüttert und voller Sympathie für die Amerikaner. Der Feuerwehrmannfilm zum 11.September, der soeben in 145 Ländern gleichzeitig gezeigt wurde, hat mich gefühlsmäßig voll erwischt. (Ganz so, wie es wohl auch gedacht war). Selbst ein Jahr danach noch sind die einstürzenden Türme des World Trade Center und das, was da angerichtet wurde, weit furchtbarer, katastrophaler, grausiger als alles, was man sonst so mitbekommt: Überschwemmungen, große Flut, Sturmkatastrophen, Kriege hier und dort, das ganze Elend eben. all das berührt mich auch, das eine weniger, das andere mehr – aber über alledem gibt es ein ganz einzigartiges Gefühl des Grauens, ein ganz besonderes WTC-Entsetzen: diese aufschlagenden Körper der Menschen, die gesprungen sind! Die ganze Situation in den oberen Stockwerken, all die letzten Telefongespräche – mein Gott, wie kann man nur „danach“ noch ein Hochhaus bauen, planen, bewohnen oder darin arbeiten???

Es wird nichts mehr so sein, wie zuvor, sagten alle vor einem Jahr. Und es wird doch immer wieder ganz genau so. Nach jeder Katastrophe kehrt die Ignoranz zurück, die Herzen erkalten und jeder kümmert sich wieder nur um sich selbst. Zwischen Stress und Spaß das große Gähnen, sofern nicht die angst die Laune verdirbt: angst um den arbeitsplatz, angst vor armut, Krankheit und alter, angst, nicht mehr stark, gesund und reich genug zu sein, um uns auch weiterhin um uns selber kümmern zu können. Nicht zu vergessen die angst vor dem anderen, der immer erfolgreicher, besser, schneller und auch noch erotischer ist. Zu guter letzt die große angst vor dem Tod, weil wir nichts mehr wünschen, als dass dieses Leben immer so weiter geht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Einzig nach einer Katastrophe erwachen wir für kurze Zeit aus der gewöhnlichen Verblendung und schnuppern einen Hauch Wirklichkeit. Wie Leben sein kann, wenn man die Probleme gemeinsam anpackt, wenn jeder jedem hilft, „ohne Ansehung der Person“ – nur, weil es auch ein Mensch ist. Inmitten großer Gefahr wird auf einmal klar, wie schön das Leben ist, wie gut es ist, zu atmen und in die Sonne zu sehen. Alles, was man da durch Karriere, Erfolg oder Selbstinszenierung noch dazugewinnen und draufpacken kann, ist vergleichsweise Pipifax! also verblassen die kleinen und großen Unterschiede zu Fußnoten einer faszinierenden Geschichte – einer Geschichte, die immer von Helden handelt, obwohl sie „nichts besonderes“ taten – wie eben diese Feuerwehrmänner am 11.September. Nur das, was jeder Mensch in derselben Situation auch getan hätte – ja doch, wir kennen den Spruch!

aber, und das ist das Problem, wann sind wir schon mal Mensch?

Immerhin haben wir jetzt einen neuen Gedenktag: September Eleven, der erste globale Volkstrauertag. Nicht überall in der Welt wird er im gleichen Geiste begangen, aber auch nicht ignoriert. Da es in der Welt vor allem an gemeinsamen Erlebnissen mangelt, die ins Erleben von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft umschlagen können, ist der 11.September, wie er heute – und vermutlich auch in Zukunft – rund um den Globus multimedial zelebriert wird, vielleicht ganz gut. Gut zum Herz-Erweichen – und das hätten wir ja wirklich nötig!

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