Claudia am 15. April 2020 — 16 Kommentare

Der Raum der Möglichkeiten

Am 10.März hatte ich im Blogbeitrag „Bald leben alle wie ich“ darüber gebloggt, dass sich für mich eigentlich nichts ändert. Die vielen Veranstaltungen in Berlin hab ich fast nie aufgesucht, sondern ein recht ruhiges Leben im Homebüro geführt. Als Abwechslung bewirtschafte ich mit dem Liebsten zusammen einen Garten – ein Hobby, das stark bindet, denn wenn man will, dass alles Gepflanzte auch gedeiht, kann man nicht einfach mal eine Woche wegbleiben. Also noch ein Grund mehr, keine großen Ausflüge, gar Reisen zu machen.

Den gewohnten Kurzurlaub in Sizilien (oder auch mal Spanien, Portugal) als Flucht vor dem langen Ende des Berliner Winters hatte ich dieses Jahr gecancelt. Aus „Flugscham“, denn ich wollte nicht einerseits für mehr Klimaschutz eintreten und dann wieder ungerührt in den Flieger steigen. Dass das in diesem Jahr eine schicksalshaft gute Entscheidung war, stellte sich mit „Corona“ heraus: Wir wären vielleicht gar nicht mehr weg gekommen!

Nichts geht mehr

Jetzt sind fünf Wochen ins Land gegangen, die alles verändert haben, hierzulande und weltweit. Es gibt keine Veranstaltungen mehr, die ich aufsuchen könnte, touristische Reisen sind verboten, sogar innerhalb Deutschlands. Ganz direkt berührt mich nur die Schließung meines Fitness-Centers: das hatte ich allerdings kaum mehr besucht, außer zur Sauna. Ein Verlust, der angesichts dessen, was andere verlieren, geradezu lächerlich marginal ist. Trotzdem tut es mir leid, dass es nun wohl „ewig“ dauern wird, bis ich wieder eine Sauna aufsuchen kann. Der Verlust hat eine symbolische Schwere bekommen, denn es gibt auch keine Alternativen, mal „was anderes“ zu erleben.

1999 bin ich mal aus Berlin weggezogen: Nach Mecklenburg in ein kleines Dorf nahe Schwerin. Freunde hatten dort nach der Wende ein marodes, leer stehendes Gutshaus mit dem schönen Namen „Schloss Gottesgabe“ saniert und meinem damaligen Lebensgefährten und mir angeboten, doch dort eine Wohnung zu mieten. Ganz toll, mit kleinem „Schlosspark“, rundherum „unendliche Weiten“, ganz das Gegenteil von Berlin, wo ich nur auf die nächste Gründerzeitfassade gucken konnte.

Nach nur zwei Jahren nahm ich allerdings schon Abschied und kehrte zurück. Warum? Obwohl ich auch dort im wesentlichen zuhause vor dem Monitor saß, spürte ich die Schrumpfung des „Raums der Möglichkeite“ immer drastischer. Zwei Berlinbesuche brauchte es, um mich zur Rückkehr zu bewegen. Beim ersten, ein Jahr nach dem Umzug, spürte ich noch die Luftverschmutzung und den Lärm und war froh, „raus“ zu sein. Beim zweiten Besuch fühlte ich mich schon durch einen Spaziergang in Kreuzberg so inspiriert wie in Gottesgabe nicht in einem halben Jahr! Die vielen Eindrücke, die Buntheit, die unterschiedlichen Menschen, die Läden und Cafés, das riesige kulturelle Angebot in Berlin – ich spürte drastisch, dass ich das alles sehr vermisste, völlig ungeachtet dessen, dass es meist nur „Möglichkeiten“ waren, die ich in Berlin kaum wahrgenommen hatte.

Tu es jetzt, schieb nichts auf!

Jetzt im „Lockdown“ ist der Raum der Möglichkeiten faktisch auf den Supermarkt-Besuch zusammen geschrumpft. Klar, man kann spazieren gehen, aber wenn das Wetter es erlaubt, ist es in den nahe liegenden Grünbereichen vergleichsweise voll. Ein lieber Freund, der normalerweise auf dem Tempelhofer Feld spazieren geht, hat sich in die Friedhöfe zurück gezogen, doch neuerdings schränken auch sie ihre Öffnungszeiten ein, weil sie zunehmend überlaufen werden. Alle halten Abstand, was eine recht gleichmäßige aber großflächige „Überfüllung“ erzeugt

Unternehmungen, die ich vor Corona überlegt, aber dann aus Trägheit und wegen des üblichen Versackens im Alltag doch nicht umgesetzt hatte, erscheinen mir jetzt als „Verlust“ – einfach weil sie derzeit unmöglich sind. Mir scheint, ich entwickle gerade einen Nachholbedarf – schon seltsam!

So wird mir die Corona-Zeit eine Lehre sein: Öfter mal was Ungewohntes machen, nicht bis zum St.Nimmerleinstag verschieben. Die Lebenszeit ist nicht unendlich – ein gefühlter Irrtum, dem nicht nur ich immer wieder aufsitze.

Diskussion

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16 Kommentare zu „Der Raum der Möglichkeiten“.

  1. Die Leere eine Lehre sein lassen, nehme ich mir aus noch ganz anderen Gründen vor, aber durchaus auch wegen Corvid-19. Verblüffend finde ich das vielfach geäußerte Bedauern über fehlende körperliche Nähe (Umarmungen, Berührungen), welches ich mit meiner SPS nicht nachempfinden kann, weil ich den Unterschied nicht kenne. Körperlichkeit gab es in meinem Leben nicht, so daß ich nicht nachfühlen kann, was ich vermissen würde. Für die durch Corona mandatorischen Umstände = Ein/Beschränkungen bin ich infolge jahrzehntelang praktizierter Isolation bestens geübt.

  2. @Markus: danke für deinen Kommentar mit den sehr persönlichen Eindrücken!
    In meinem Umfeld waren diese Begrüßungen mit „halber Umarmung“ und „Küsschen, Küsschen“ am Ohr vorbei üblich. So wirklich wohl gefühlt habe ich mich dabei nicht – sehr gute Freunde umarme ich richtig, aber das sind eh wenige. Mittlerweile praktiziere ich das indische Namasté, ein schöner Gruß, der gerne bleiben dürfte!

  3. Begrüßungskontakte wie Umarmungen und die, bei der polnischen Verwandtschaft, komplexere 3-Küsse-Variante kenne ich freilich auch. Gemeint waren die in vielen Äußerungen geschilderten Berührungen zwischen Eltern und Kindern und natürlich Partnern.

    Was ich paradoxerweise zurzeit vermisse, sind technische Voraussetzungen für Videokonferenzen, vor allem das technische Verständnis dafür. Weder WebCam noch funktionstüchtige Smartphonekamera nenne ich mein eigen.

  4. @Markus: das ist relativ leicht zu beheben, sofern du eine teurere Webcam finanzieren kannst. Für die anderen muss man noch ein paar Wochen warten, wg. langer Lieferzeiten aus China. Viele haben integrierte Mikrophone, was es sehr einfach macht!

  5. Ich vermisse eigentlich nur meine Tandempartner, die ich nun nur noch online sehen/ hören kann. Zwar sprechen wir jetzt konzentrierter, fokussieren uns eher auf die Grammatik/ die inhaltlichen Probleme, aber das ist ja dann doch kein Sprachaustausch, oder nicht der, den man haben will/ warum man sich das antut. Die Situation ist irgendwie noch stärker gescriptet, noch unnatürlicher. Beim Treffen ist man z.B. nach der Arbeit müde, oder es kommt Lärm aus dem Nachbarzimmer der Bibliothek oder so: da ergeben sich neue Sprechanlässe. Das macht es interessant. Aber mit den Tandems ist eher wenig „anfassen“. Auf anfassen/ angefasst werden kann ich auch eher verzichten.
    Es nervt eher, dass für die große Masse der Bevölkerung home-office ungewohnt ist, entweder arbeiten sie ziellos/ gar nicht, oder aber sie arbeiten praktisch ständig, oder arbeiten genau dann, wenn man nicht mehr vor dem Rechner sitzen mag. Bzw. kommen mit Wehwehchen, wo ich heftig auf meine Uhr schauen muss und mich frage: ist denn schon wieder 1993?
    Ich selbst käme mit allem gut zurecht, das einmal pro Woche einkaufen/ sich beschränken, tut ganz gut…

  6. @Holger: Danke für deine Eindrücke! Aber sag: was sind „Tandempartner“?

  7. Vielleicht Sprachpartner?

  8. Interessant, dass sich hier bisher nur Stimmen finden, die recht gut mit der Situation zurechtkommen, ich nämlich auch. Wir haben vor über vier Wochen entschieden, niemanden mehr ins Haus zu lassen und es auch nicht mehr zu verlassen. Den Einkauf hat in der Hauptsache der Entlastungspfleger übernommen, der uns zusteht. Verwandte und ein Nachbar ergänzen, was fehlt. Meine sportlichen Betätigungen drei Mal in der Woche sind gecancelt, unser Konzertabo ebenfalls. So völlig terminlos ( wir sind beide Rentner ) ist es herrlich, zumal das Wetter schön ist und wir einen Garten haben. Mittels Kommunikationstechnik sind wir mehr denn je verbunden mit all unseren Lieben ( vor allem auch den Enkeln ) und auch mit den Nachbarn. Ich weiß besser Bescheid, was jeder fühlt und denkt und macht als vor der Krise.
    Einziger Wermutstropfen: Wir haben aus Umweltgründen vor 2 Jahren unser Auto aufgegeben und kommen so nicht in die einsamere Natur außerhalb der Großstadt. Öffentliche Verkehrsmittel fallen aus, da mein Mann ein dreifaches Risiko trägt.
    Wir genießen die Stille und die so viel bessere Luft und dass wir einander haben. Und das wollen wir durch unsere Isolation auch noch für ein paar Jährchen bewahren.Deshalb haben wir auch keine Eile…
    LG

  9. Hallo Asridka: auch dir danke für deinen persönliche Bericht! Schön, dass Euch bei aller physischen Isolation so gut geht. Ganz so „inhäusig“ könnte ich nicht aushalten, grade war ich mal wieder draußen, einen Rundgang an der Spree entlang machen – innerstädtisch, nicht etwa im Grünen.

    „Ich weiß besser Bescheid, was jeder fühlt und denkt und macht als vor der Krise.“

    Da hat die Krise also doch was Gutes! Und vielleicht könnt Ihr Euch ja mal ein Auto LEIHEN zum raus fahren…

    @Markus: stimmt! Da hätte ich auch drauf kommen können…

  10. Ja, Tandemlernen ist eine Art von Sprachlernen. Man arbeitet als Muttersprachler (Deutsch) mit einem anderen Muttersprachler (Sprache, die man lernen mag) zusammen. Man spricht 50% in der einen Sprache, 50% in der anderen Sprache (der Theorie nach). Es ergänzt den Sprachkurs, den Sprachunterricht in einer Klasse. Es kann aber auch der Einstieg in die Nutzung einer Sprache sein, die man sonst kaum vor Ort nutzen könnte (weil, wie bei mir, das Land zu weit weg ist).
    Ist allerdings auch problematisch, denn manche/ viele Muttersprachler können ihre Sprache nicht wirklich erklären. Da geht es meistens auch nur nach Gefühl und gefühlter Autorität. Am Ende haben sie etwas grammatisch Unhaltbares erzählt, dass man in den Grammatiken recht schnell widerlegt findet, aber sie beharren drauf. Bzw. man selbst muss sich auch als Lerner noch steuern, denn sonst wird es einfach nur ein Geschwatze ohne Lern-Fortschritt. Ist zwar auch schön, in den anderen Sprachen sprechen zu können, aber eine Verbesserung spürt man dann eher weniger/ oder gar nicht (um ehrlich zu sein)
    Ich lerne so seit einigen Jahren Koreanisch. Hilft mir, aber ich habe auch schon rund 20 Tandempartner gehabt/ gewechselt/ mich mit ihnen nicht verstanden/ angefreundet/ von ihnen ausgenutzt gefühlt/ sie vermutlich zu sehr ausgenutzt/ mich ungewollt verguckt (was man nicht machen sollte) usw usf.

  11. @Holger: danke für die Erklärung, damit bist du ja sehr erfahren!
    Dein Namenslink / Bloglink führt übrigens ins Leere. Und wenn ich nur den Domainnamen aufrufe, kommt Chinesisch o.ä. ohne die Möglichkeit einer Suche.

  12. Ja, das fiel mir nach Absenden auch auf.
    Hoffentlich funktioniert es jetzt!?

  13. http://blog.naver.com/holger_ebermann

    Sorry fürs Gespamme, ich sollte das mal auswendig lernen

  14. Nochmals zur Notwendigkeit von zwischenmenschlichen Kontakten. Unser Körper braucht Gemeinschaft, behauptet der Mikrobiologe Thomas Bosch. Zudem die Wörter „Mikrobiom“ und „Dysbiose“ gelernt.

  15. Ich komme mit der Situation auch gut zurecht, habe aber auch einen Mitbewohner, bin also nicht ganz alleine. Der Kontakt zu den wenigen Freunden geht mangels Smartphone über Mail, SMS oder Telefon. Raus in die Natur komme ich noch, da ich reite und zum Pferd muß bzw. darf. Das Tier will bewegt, bespaßt und betüddelt werden. Nur muß man alleine ausreiten.
    Mehr als die Kontaktsperren oder geschlossene Geschäfte nerven mich „Vorschriften“, die ich auch beim besten Willen nicht als logisch oder intelligent einstufen kann und die vermehrt dafür sorgen, daß ich eben nicht einkaufe, wenn es nicht sehr dringend ist. Wenn wir zu zweit einkaufen gehen und pro Person einen Einkaufswagen – also zwei Wagen – nehmen müssen, ist es bei mir inzwischen sofort vorbei und ich gehe wieder. Passierte mir gestern im DM und ich hab das Gefühl, bis Dezember sehen die mich nicht mehr.
    Und diejenigen, die immer jammern, weil sie nicht raus dürfen, sehe ich in der Regel irgendwo rumstehen oder -sitzen – mit der Nase auf dem Display. Was jammern die eigentlich? Grade heute sah ich wieder eine junge Frau, voll beschäftigt mit dem Smartphone und nur Augen fürs Display – aber an der Leine hatte sie einen jungen Hund, der gerne gespielt hätte! Wenn ich sowas schon sehe, geht mir der Blutdruck hoch.
    Die nun beschlossenen Lockerungen sehe ich kritisch bis nervös. Mit Maske shoppen – wohl nicht. Dann wird weiterhin nur das Nötigste gekauft – wenn ich in den Wochen eines gelernt habe, dann was man alles nicht braucht. Und die Smartphone-App (ich klammere Datenschutz mal aus) – immer wieder schön, wie angenommen wird, daß wirklich jeder so ein DIng hat. Ich hab keines, nur ein altes Handy. Und manche haben nicht mal das. Autohäuser dürfen öffnen – jemand, der momentan Kurzarbeit hat und nicht weiß, ob man den Job behält, kauft gerade jetzt bestimmt kein Auto. Die Arbeitgeber sollen dafür sorgen, daß die Abstände eingehalten werden – da lache ich. Ich sitze in einem Büro für vier Personen – zu sechst! Das funktioniert nur deshalb, weil wir uns gut vertragen.
    Und ich denke, daß die Ansteckungszahlen nach den Lockerungen wieder hochgehen werden.

  16. Wunderbar beschrieben. Du sprichst mir aus der Seele.
    Was die nicht genutzten Möglichkeiten betrifft, aber auch was das „Stadtfrau“ sein ausmacht.
    Viel Leben um einen, das man gerne an sich vorbeiplätschern lässt. Aber nach Corona – isch schwör – bin ich dabei ;-)
    Ruhiges Wochenende, Nicole

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