Claudia am 25. Dezember 2002 —

Vom Mausarm – ein Leiden mit Sinn

Nach vier einschlägigen Texten ist es also wirklich Weihnachten geworden – jetzt aber will mir nichts „Weihnachtliches“ mehr in die Tasten fließen. Macht nichts, denk ich mir, wer jetzt durchs kühle Web surft, anstatt zuhause in Lichterglanz, Süßigkeiten und Geflügel zu versacken, sucht vermutlich sowieso nicht nach „mehr vom gleichen“. ;-)

Hey, das war ein Scherz! Ich MAG Weihnachten und meine Entenbrust mit Schwäbischen Breitband-Nudeln an Wintergemüse war großartig. Draußen ist es unendlich still, als hielte die Welt den Atem an, die Straßen sind leer und es gibt jede Menge Parkplätze, wo man sonst zwanzig Minuten um den Block kreisen muss. Die Studies sind daheim bei ihren Eltern, andere sind abgeflogen in den Süden, Berlin Friedrichshain wirkt ziemlich öd, erst recht, wenn weder Schnee noch Sonnenschein von den unzähligen Hundehaufen ablenken, die die Gehsteige zieren. Wie schön, ich zieh ja bald ein Stück weiter, in eine etwas Hunde-ärmere Gegend!

Auf der Suche nach Inspirationen hab ich gerade in der Vergangenheit „geblättert“ und den Beitrag vom 26. Dezember 2001 gelesen: „Weihnachten, ein Opferfest“. Wie seltsam! Zwar ist die Beschreibung des ausgestorbenen Stadtteils fast wörtlich identisch, doch ansonsten ist es ein Artikel, wie ich ihn jetzt ganz bestimmt nicht mehr schreiben würde. Was für eine deprimierende Stimmung: verhaltene Verbitterung, Klage und Anklage, weise Entsagung, unterschwellig agressiv, und dann doch wieder dieser in Melancholie auslaufende Sound gepflegter, um Haltung bemühter Hoffnungslosigkeit: „Tote Götter plastern unsern Weg“ – ach je! Dabei ist das gar kein schlechter Spruch, kommt nur drauf an, wie man ihn ausspricht – eher klagend oder als Erfolgsmeldung. Ich finde, Götter, die sich von Menschen zu Tode bringen lassen, sind doch nicht wirklich der Rede wert, oder?

Mit links

Seit über zehn Tagen liegt übrigens meine PC-Maus nun schon links von mir – und ich kann alles machen! Da ich extreme Rechtshänderin bin, bzw. war, ist das ein kleines Wunder. Eines von der Art, die einfach kommen MüSSEN, denn mit rechts verschärfte ich ständig meinen „Mausarm“ und konnte zeitweise nur noch unter großen Schmerzen arbeiten. Wenn ich nun schon auf letztes Jahr zurück blicke, fällt gleich auch der Beitrag Vom Elend des Sitzens ins Auge: dieses Leiden ist lang schon im Anmarsch, und die Idee, mit der Hand zu schreiben und hinterher abzutippen, war nicht wirklich ernst gemeint.

Es ist ein Leiden, das ich nicht einfach aussitzen kann, denn wie sich zeigt, wird es mit der Zeit schlimmer und nicht etwa besser. Trotz Yoga und Fitness-Training, trotz Entspannung in der Sauna und deutlicher Reduzierung der Arbeitszeit (ich sitz nicht mehr 12 bis 16 Stunden am Gerät!) ergreift mich dieses Konglomerat aus Symptomen, die sich um die Arbeit am PC entwickeln, immer heftiger. Falsches Sitzen, zu langes Sitzen – es hört sich einfach an, aber es zu verändern, ist eine sehr komplexe Bemühung, die auf mehreren Ebenen ansetzen muss: beim Gerät, bei den Möbeln, bei den Bewegungsabläufen, bei den Arbeitsrythmen, der Abfolge von Arbeitszeiten und Pausen, von Minipausen und größeren Pausen, bei der Einübung genau passender Dehn- und Entspannungsübungen – es ist fast eine Wissenschaft und ich muss alles selber erforschen. Zwar gibt es Erfahrungen, Tipps und Therapien – aber wie immer sind es zu viele, zu widersprüchliche auch, und jeder muss seinen Weg in die ganz persönliche Ergonomie letztlich doch selber ausexperimentieren.

Und darauf freue ich mich! Schon jetzt mach ich interessante Erfahrungen, denn nie nie nie hätt‘ ich gedacht, MIT LINKS arbeiten zu können! Das ist mir erst aufgefallen, als ich an einem anderen PC wieder auf Maus rechts umsteigen musste – die plötzliche Irritation, das Gefühl des etwas unbequem Ungewohnten machte mir klar: Das Umsteigen hat ja funktioniert! Und das bedeutet wiederum: Selbst drastische Veränderungen sind möglich, nicht nur in jungen Jahren.

Im Rahmen meiner Recherchen in dieser Sache bin ich auch auf ein Wundermöbel gestoßen: den Sitz-Stehtisch, automatisch per Knopfdruck höhenverstellbar. Fährt samt schwerem Monitor zu Stehhöhe `rauf, wo ich weiter arbeiten könnte, bis ich mich müde fühle und wieder sitzen will. Einfach toll! Gerade erforsche ich, wieviele Modelle welcher Hersteller es gibt – ich will nicht bloß so einen Tisch für mich und ganz allein gesunden, sondern verspüre Lust, ein Webprojekt in diesem Themenbereich zu machen, schließlich sind viele I-Worker krank vom falschen Sitzen oder gerade dabei, es zu werden.

Wer weiß, wohin mich die Auseinandersetzung mit diesem Leiden noch bringen wird. Falsch fände ich es, einfach sitzen zu bleiben und mir einzureden, der Widerstand gegen den Schmerz sei das eigentliche Problem. Ich leiste keinerlei Widerstand, betäube mich nicht, lenke mich nicht ab sondern wende mich der Sache zu, beobachte, forsche und nehme alles sehr ernst. Mein Suchen und mein Handeln hat Tiefe und ich fühle den Sinn. Das Leiden gibt mir Orientierung und dient als Schlüssel zu neuen Erfahrungen. Doch nicht, indem ich da sitze und JA, AMEN dazu sage, sondern indem ich Kraft und Sorgfalt darauf richte, es zu verändern

Ich führe das mal so genau aus, weil ich in den letzten Jahren mit dieser Unterscheidung echte Probleme hatte. Voller Angst, wieder in den alten Macherwahn und das zwanghafte Weltverbessern zu verfallen, an dem ich Mitte dreißig so drastisch gescheitert war, hatte ich eigentlich seither gegenüber jedem Tun, jedem Wollen, jedem Begehren und jedem Veränderungswunsch vor allem Bedenken, Einwände, Ja-Abers. Ein gebranntes Kind lernt eben nicht nur dazu, sondern scheut auch das Feuer.
 
Als Feuer-Luft-Temperament geht’s mir allerdings auf Dauer nicht gut, wenn ich mich allzu lange dem Leben verweigere und nur lamentierend auf dem Zaun sitze. Kann schon sein, dass ich mir immer wieder mal die Finger verbrenne oder gegen eine Wand laufe – na und? Ebenso wahrscheinlich ist, dass ich interessante Möglichkeiten zu wunderbaren Wirklichkeiten mache. Und wenn ich – anders als früher – vor allem das tue, was mir nicht erst im Erfolg, sondern im Tun selber Freude macht, kann sowieso nichts schief gehen.

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr…“ – ach ja ?
Im November hab‘ ich mit der Suche angefangen, Anfang Dezember meine Wunschwohnung gefunden und im Januar ziehe ich um!

Diesem Blog per E-Mail folgen…