Claudia am 15. Juli 2001 — 0 Kommentare

Vom Mangel

Markus schrieb mir ins Forum: „Lese mal wieder.. 16.7.99, angekommen, Gottesgabe Tag 2.“ Was will er mir damit sagen? Ich lese selber den Beitrag nochmal, eine fast euphorische Schilderung des Neuen, voller Freude an der Natur, an der Landschaft und der großen Wohnung mit Blick ins Grüne. Ich lese es ohne Wehmut, fühle kein „Heimweh“, erst recht keine Reue, diesen Ort nach zwei Jahren wieder verlassen zu haben. Es ist ausgelebt, war die Verwirklichung eines Traums, an dem ich für den Rest meines Lebens fest gehangen hätte, wäre ich nicht aufs Land gezogen. Es ist gut, dort gewesen zu sein und auch gut, den Absprung rechtzeitig wieder geschafft zu haben, bevor sich das Gefühl des Mangels zu äußeren Katastrophen verdichten konnte.

Heimat

Berlin ist kein Traum, Berlin ist meine Heimat. Viel mehr Heimat als zum Beispiel Wiesbaden, wo ich aufgewachsen bin. Das kommt sicher daher, daß ich mich in Berlin selbst erfinden mußte: Keine Family, keine zig alten Bekannten und Schulfreunde, keine festen Zusammenhänge, die ihren Druck in bestimmte Richtungen entfalten. Alles mußte ich selber wählen, wählen aus einer großen Vielfalt von Möglichkeiten, wie ich sie mir hätte vorher niemals träumen lassen. Unzählige Seinsweisen und Lebensentwürfe exisitieren in Berlin meist friedlich nebeneinander, ich berührte die unterschiedlichsten Szenen, lebte in manchen sehr intensiv, in anderen eher beiläufig – nirgends aber ist da dieses Feste, Vorgezeichnete, Unausweichliche, an dem man sich als junger Mensch reibt, wenn man in einer kleinen Stadt oder gar im Dorf lebt und auch da bleibt.

Gegenüber den anderen großen Städten hat Berlin dazu noch den Vorteil, selber „undefiniert“ zu sein, zerissen und zerklüftet, immer auf der Suche – es gibt zwar verschiedene bekannte Postkartenmotive, aber kein „Gesicht“ dieser Stadt, keine Selbstgewißheit, wie sie etwa München, Hamburg und Frankfurt ausstrahlen. Das „Undefinierte“ fasziniert und bereichert, denn es entspricht dem inneren Gefühl, wenn man in sich hinein schaut: nichts Festes, nur Masken, Schichten einer Zwiebel, in deren Mitte sich nichts findet.

Eigentlich wollte ich ja vom Mangel schreiben. Z.B. der Mangel, der mich nach Berlin zurück gebracht hat, weil es mir „da draußen“ auf Dauer doch zu öde war. (Zur Einsiedelei mit Hühnern und Salatbeet bin ich wohl noch nicht alt genug, werde es vermutlich auch nie mehr werden :-)). Doch jetzt sitze ich hier, genieße die lebendige Stadtumgebung – und wieder ist da ein Mangel. Keiner, der zu Ortswechseln treibt, sondern ein schmerzliches Fehlen der Antwort auf die Frage: Was tun?

Klar, da ist eine lange Latte von Alltagsangelegenheiten, dazu eine volle Liste mit Vorhaben und Projekten. Normal wäre, einfach loszulegen – warum nur fällt mir das derzeit so schwer? Ich fühl‘ mich nicht mal mehr irgendwie träge, wie in den ersten Wochen der Akklimatisierung, bin auch nicht deprimiert oder schlecht gelaunt. Kann eigentlich nur warten, bis es sich irgendwie auflöst, einfach so, oder durch etwas, das von außen kommt. Letzteres würde ich weniger schätzen, denn das ist meist nicht sehr angenehm.

Essen anstatt…

Heut‘ hab ich in „Mias Diary“ über das Essen gelesen. Essen, die einfachste Form, einem Mangelgefühl abzuhelfen. Immerhin hab‘ ich im Frühling sechs Kilo verloren, der „Wind of Change“ hatte mich erfaßt, das Interesse am Essen war auf einmal verschwunden, ich wachte aus der Winterstarre auf und begann, meine Koffer in Gottesgabe zu packen. Wieviele wohl regelmäßig irgend etwas Nettes essen, während eigentlich ganz andere Bedürfnisse unerfüllt sind? Auf den einschlägigen Webboards werden fast immer nur „technische“ Dinge diskutiert, Kalorien, Fett, Diäten, gesunde Ernährung, Sport, Motivationsprobleme beim Abnehmen. Warum aber Essen überhaupt diesen Stellenwert gewinnt, ist kaum jemandem einen Gedanken wert.

Wenn ich auf „meine eigenen Erfahrungen schaue, dann ist es mir nie gelungen, auf Dauer abzunehmen, indem ich mich bewußt mit „dem Problem“ befasst hätte. Es waren stets Impulse von ganz anderen Ebenen, die eine Veränderung bewirkten – zum Beispiel wurde ich mal von einem Mann, den ich recht erotisch fand, mehr als eine Stunde lang fotografiert. Drei Filme oder so, und das auf meinem Gipfelgewicht, das hat schon was ausgelöst :-). Dann kam gleich noch ein SPIEGEL-Fotograf hinterher, der mich für einen Cyber-dies-und-das-Artikel ablichtete – diese Phase hat mich auch binnen ein paar Wochen um 5 Kilo reduziert, ganz ohne Diät. ;-)

Wenn ich also jetzt in meiner komischen Motivationskrise gelegentlich auf den Gedanken komme: Essen gehen…. dann weiß ich immerhin: DAS ist es nicht! Ich klopf auf Holz, dass das auch so bleibt.

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