Claudia am 08. Mai 2017 — 5 Kommentare

Bis dass der Tod uns scheidet

Vermutlich kennen die meisten diesen Satz als Eheversprechen. Derlei ist heute nicht mehr angesagt in Zeiten wechselnder Lebensabschnittspartner/innen. Die repressive religiös kolportierte Zwangsgemeinschaft Verheirateter ist vorbei, dem Befreiungsstreben meiner Generation zum Opfer gefallen. Zu Recht!

Worüber ich grade nachdenke, ist etwas anderes. Stellt euch vor, da gibt es wirklich Menschen, die über Jahre und Jahrzehnte wahre Freunde sind und bleiben. Ganz egal, ob ihr mit denen mal „Zweierbeziehung“ hattet oder noch habt, ob es eine „Freundschaft plus“ war, ob und wie lange ihr mit denen Sex hattet oder auch gar nicht.

Wenn du noch unter 50 bist, wirst du sagen: na und? Weil du noch immer in der persönlichen Imagination endlosen Lebens befangen bzw. beglückt bist. Aber irgendwann später wirst du genau diesen Aha-Momant spüren: im Umgang mit den geliebtesten Menschen, mit deinen „Nächsten“, bei denen du genau weißt, dass sie dich um deiner selbst willen lieben, lange schon. Nicht wegen deiner Schönheit, Sexiness oder wegen deiner Leistungen.

„Bis dass der Tod uns scheidet“ heißt dann nämlich: Ich werde beim Sterben des Freundes dabei sein – oder umgekehrt, er bei meinem. Da gibt es kein Sich-Entfernen mehr, kein aus den Augen Verlieren über die Jahre. Da sind wir wirklich ausschließlich persönlich gemeint, gefordert, unvermeidlich dabei.

Genau gegenüber diesen wichtisten Mitmenschen wird in einem AHA-Moment klar, was das bedeutet: „Bis dass der Tod uns scheidet…“.

Es bedeutet, dass wir – endlich mal – Beziehung als Ganzes erleben, und nicht als austauschbare Ware, Amusement, bloß psychotechnische Hilfe zum Besserleben.

Es tut weh, beunruhigt, und macht sensibel, nicht nur im Umgang mit den eigenen Nächsten. So wie heute die Alten entsorgt werden: das wollen wir eigentlich nicht für uns und unsere wahren Freunde. Was also tun?

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Inspiriert zu diesem Text hat mich der gestrige #Polizeiruf, der in einem Pflegeheim spielt. Das Erschrecken, das ich zu beschreiben versuche, kenne ich schon seit ein paar Jahren.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Bis dass der Tod uns scheidet“.

  1. Na ja. Ich weiß, dass Freiheit eine tolle Sache ist. Insofern: weg mit dem Ballast tradierter Zwänge.

    Vermutlich ist es eine Frage des Alters. Allerdings hat diese von dir so zutreffend beschriebene Erkenntnis bei mir nicht erst jenseits der 50 eingesetzt. Die meisten freundschaftlichen Beziehungen sind den Jahren zum Opfer gefallen. Die mir wichtigsten wurden durch den Tod beendet.

    Je älter man gemeinsam werden darf, desto schmerzlicher wuchs mein Bewusstsein dafür, was der Satz: „Bis dass der Tod uns scheidet“ vor allem für den, der da bleibt, bedeutet.

  2. Der, der da bleibt, fühlt sich oft betrogen: Die Ehefrau, die sich um die Kinder alleine kümmern muß.
    Das Kind, das ohne die Protektion des Vaters auskommen muß.
    Der Bruder, den eine manchmal unbewusste Bande mit dem anderen Bruder verband.
    Der Freund, mit dem man sich jahrelang austauschte. Ein Geheimnisträger manchmal, jemand, bei dem viel abgelegt worden ist an dem, was eigen und besonders an einem war.
    Ich denke, wenn man jemand zu verlieren droht, dann ist es nicht nur das Leid, das diese Person nun auszustehen hat, das einem zusetzt, sondern auch der drohende Verlust für einen selbst. Das kann dann manchmal dazu führen, daß man selbst depressiv erkrankt.

  3. […] So gern ich manch­mal über das Ange­bot von ZDF und ARD schimp­fe, in den letz­ten Tagen habe ich zwei Fil­me gese­hen, die mich län­ger beschäf­ti­gen wer­den. Ich betrach­te das als Qua­li­täts­merk­ma­le die­ser TV-Fil­me. Clau­dia ist es ja viel­leicht auch ein biss­chen so ergan­gen. […]

  4. Wenn ich mal sterbe, möchte ich nur den einen Menschen um mich herum haben, der mir am meisten bedeutet. Ich möchte mich da nicht mehr um alle möglichen Beziehungen kümmern müssen. Was ich schon gar nicht ertragen könnte, wäre ein Fremder an meinem Bett, wie es ja bei so manchen Hospizdiensten angeboten wird.

    Ich stelle mir Sterben eigentlich schön vor. Nicht, dass ich jetzt vorzeitig abtreten will, aber ich glaube nicht, dass man groß Angst zu haben braucht.

    Die meisten Menschen sterben im Krankenhaus. Auch viele, die aus einem Altenheim kommen. Ich würde auf jeden Fall ein Hospiz vorziehen, bloß kommt man da meistens leider erst hin, nachdem man einen Leidensweg im Krankenhaus durchlaufen hat und als austherapiert gilt.

  5. @Horst: „fielen den Jahren zum Opfer“… schade!
    @Gerhard: „betrogen“? Von wem?
    @Fingerphilosoph: Wenn aber der / die Nächste nicht mehr da ist, wäre mit eine fremde Person doch vielleicht lieber als niemand. Hab‘ mir selbst schon öfter überlegt, so einen Sterbehelfer/Hospiz-Kurs zu machen, fühle mich aber den zeitlichen Anforderungen eines realen Einsatzes nicht gewachsen. Das ist eher was für Rentner (die von ihrer Rente auch leben können).

    Sorry, dass ich so spät antworte – ich hatte wieder mal 1000 Dinge um die Ohren und endlich ist auch der Garten dran!

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