Claudia am 15. Dezember 2016 — 3 Kommentare

Weisheiten des Google-Algos: 24 Beispiele

Im Artikel mit dem fetzigen Titel Wir waren’s nicht! Die Maschine war’s! hält Christian Stöcker eine kleine Brandrede gegen Google, Facebook & Co., die sich der Verantwortung für ihre „automatischen Systeme“ nicht stellten. Es reiche nicht, auf das autonome Werkeln der Algorithmen zu verweisen und nur bei Beschwerden einzugreifen: etwa in den Autovervollständigungs-Algorithmus, der uns mit Suchvorschlägen beglückt, sobald wir etwas ins Suchfeld tippen. Das müsse sich ändern – aber wie genau, sagt er nicht.

“ Die Autocomplete-Funktion basiert maßgeblich darauf, welche Suchanfragen Menschen tatsächlich häufig in Googles Suchfenster eingetippt haben, und vermutlich darauf, welche der vorgeschlagenen Varianten dann besonders häufig angeklickt werden. Da ist keine Redaktion am Werk, sondern ein Roboter, der 24 Stunden am Tag Milliarden von Suchanfragen beobachtet, auswertet, gruppiert, gewichtet. Ein Roboter, der keine Ahnung hat, was Rassismus oder Antisemitismus ist. Der deshalb einen unbedarften Nutzer, der „are jews“ in ein Suchfenster eintippt, mit genau zwei Klicks zu solchen und ähnlichen Einlassungen führt: „Die Juden hatten gesündigt, und Gott war zornig auf sie. Glaubt ihr, die Juden von heute sind besser? Sie sind hundertmal schlimmer!!!“

Zum Artikel motiviert fühlte ich Stöcker durch den GUARDIAN, der darüber berichtet hatte, dass Google der Autocomplete-Funktion im Fall der Suche nach „are Jewish evil“ wegen der ätzenden Ergebnisse händisch einen Maulkorb verpasst hatte. Ich hab‘ das auf deutsch ausprobiert und – na klar! – auf die Eingabe „Juden sind…“ wird nichts vervollständigt.

24 Suchworte quer durch den Garten

Weil ich nun schon dabei war und ganz gerne mit dem Algorithmus rumspiele, probierte ich gleich mal aus, was so zu den anderen Religionen vorgeschlagen wird. Los gehts mit den Muslimen:

Muslime sind... Googlevorschläge

Wundert nicht wirklich angesichts des von AFD, NPD und Identitären geschürten Islam-Hasses. Erstaunlich aber, dass offenbar noch keine Beschwerden muslimischer Institutionen zu einem Eingreifen geführt haben. Haben sie noch gar nicht daran gedacht – oder hat Google Beschwerden ignoriert?
Weiter mit dem Christentum:

Christen sind... Googlevorschläge

„Protestleute gegen den Tod“ ist ja mal ein witziges Ergebnis! Schließlich gibt es gute Gründe, gegen den Tod zu protestieren… Des weiteren bildet sich hier islamistischer Christenhass ab, auch das war zu erwarten. Jetzt aber mal weg von den drei abrahamitischen Religionen, ich nehme Zuflucht zu Buddha:

Buddhisten sind... Googlevorschläge

Wow, die Buddhisten haben vergleichsweise einen astreinen Ruf! Zu Teilen ungerechtfertigt, denn weder sind sie alle Vegetarier oder Veganer, noch wirklich immer friedlich!
Wie werden wohl jene beurteilt, die ganz ohne Religion auskommen?

Atheisten sind... Googlevorschläge

Atheisten sind also „Terroristen“ – ich staune, das wirft der Algo ja nicht mal den Muslimen vor! Immerhin auch drei positive Votings: „bessere Menschen“, „bessere Christen“ und „intelligenter“.

Nationalitäten autovervollständigt

Als nächstes teste ich mal die Suche nach unseren Nachbarn: deutsch-französische Freundschaft, Rotwein-Weißbrot-und-Käse, tolles Essen, schöne Landschaften – das sollte sich doch positiv auswirken. Aber nicht doch:

Franzosen sind... Googlevorschläge

Grade noch auf Platz 10 konnten die Franzosen den Ruf als „beste Liebhaber“ verteidigen. Dass sie „schlechte Gamer“ sein sollen, glaub‘ ich nicht. Was die Frage aufwirft: Wer GLAUBT eigentlich, dass dieser Algorithmus irgendwelche Wahrheiten auswirft? Gibt es tatsächlich noch so Ahnungslose?

Amerikaner sind... Googlevorschläge

Dicken-Bashing also für die armen Amerikaner! Bei „prüde“ halte ich mit: immer wieder versuchen US-Amerikaner, mit Badehose in die Sauna zu gehen….

Österreicher sind...

Die Österreicher: Volk, das „aus Erfahrung dümmer“ wird? Da musste ich glatt mal schauen, was es damit auf sich hat. Und siehe da: eine Fake-News! Das Zitat wird in den „sozialen Medien“ Karl Krauss zugeschrieben, doch hat er das nie gesagt. Sondern:

„Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden, und besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist.“

Tja, das ist dann doch zu anspruchsvoll als „Mem“!

Wir Deutsche dürfen in so einem Test natürlich nicht fehlen:

Deutsche sind... Googlevorschläge

Seltsamerweise kommt „Nazis“ hier gar nicht vor. Dafür „keine Menschen“ – nun ja, Spinner halt! „Köterrasse“ wundert mich, schließlich posten wir unablässig Katzenbilder. Alles umsonst?

Ich belasse es dabei, denn es wird langweilig, bei allen Nationalitäten die üblichen Klischees plus fantasieloses Geschimpfe vorzufinden.

Ergänzungsvorschläge für Berufe

Gleich mal mit einem mega-umstrittenen Beruf angefangen:

Politiker sind... Googlevorschläge

War ja zu erwarten, was da alles kommt. Allgemeines Politiker-Bashing findet immer breiten Zuspruch (bei mir nicht). Das mit den „Reptilien“ hab ich neulich bei Domian mitbekommen, als jemand anrief, der allen Ernstes meinte, die Erde sei eine Scheibe. Und viele der „Herrschenden“ seien Reptiloiden, Hillary Clinton zum Beispiel: „man erkennt sie an den Augen!“. Na dann…

Weiter gehts mit Journalisten:

Journalisten sind ... Googlevorschläge

Tja, bei manchen Ergänzungen würde ich mir glatt wünschen, dass sie auch stimmen! Witzig die „Randfiguren der Holz-verarbeitenden Industrie“ – kannte ich noch nicht. Und wer für den Spruch verantwortlich ist, ist offensichtlich ziemlich Netz-fern.

Jetzt aber mal ein paar traditionell angesehenere Berufe, z.B. Wissenschaftler:

Wissenschaftler sind... Googlevorschläge

Ich staune, wie sexualisiert das Ergebnis hier aussieht. Im Vergleich können sich die Wissenschaftler freuen: niemand nennt sie dumm, sie werden als tolle Sex-Partner empfohlen und nebenbei wird die vernünftige Frage nach der Verantwortung gestellt. Wie steht es aber mit den Ärzten?

Ärzte sind... Googlevorschläge

Gar nicht gut! Vorbei das einstige Vertrauensverhältnis, der einst so gute Ruf scheint zum Teufel – trotz der netten Arzt-Serien im TV!

Zum Schluss die ewigen Aussenseiter:

Künstler sind... Googlevorschläge

Auch ein vergleichsweise positives Ergebnis: Künstler als „Wächter der Freiheit“, nicht überflüssig und „arm, aber glücklich“. Wie viele das wohl unterschreiben würden?

Sexuelle Orientierung

Nun noch ein Blick auf Suchworte zur sexuellen Orientierung. Da ist ja vieles besser geworden, denken wir wenigstens. Leider bildet sich das in den Ergänzungsvorschlägen nicht ab:

Homosexuelle sind...Googlevorschläge

Immerhin sind vier Ergebnisse zu „Homosexuelle sind…“ als Frage formuliert. Diese Menschen haben also noch keine in Stein gemeiselte Meinung. Wie sieht es nun aus, wenn ich den umgangssprachlicheren Begriff nehme?

Schwule sind...Googlevorschläge

Wenigstens „süß“ und „cool“, der Rest ist Geschimpfe. Wobei „süß“ genau wie bei „süße Maus“ auch nicht grade eine tolle Aussage ist.
Nun aber weiter zu den Lesben:

Lesben sind... Googlevorschläge

Keine Vorschläge, aha! Hier hat Google also bereits eingegriffen, vermutlich auf massive Beschwerden hin. Denn die Seite 1 der Suchergebnisse enthält durchaus genug Sätze, die normalerweise als „Ergänzung“ erschienen wären:

Lesben sind - Ergebnisse von Seite 1

Was lernen wir daraus? Männer kümmern sich weniger darum, was Andere von ihnen halten. Oder Google reagiert nicht auf Proteste – genau weiß das nur Google.

Politik konkret

Schauen wir mal, was der Algo zu den verschiedenen politischen Richtungen auswirft, beginnend bei den GRÜNEN, der Partei meiner Generation:

GRÜNE sind... Googlevorschläge

Gegen alles? Wär das wahr, würde sie ja nirgends mitregieren. Ansonsten: erwartbares GRÜNEN-Bashing – und bei Parteien ist sowieso immer der Holzhammer zur Hand. Faschisten, Nazis, Kommunisten – alles drin!

Konservative sind... Googlevorschläge

Bei den Konservativen besteht Unsicherheit, ob sie „Nazis“ oder „keine Nazis“ sind. Interessant die Idee, Konservative seien „glücklicher“. Ob das so stimmt?

Sozialdemokraten sind... Googlevorschläge

Bei Sozialdemokraten führt der bekannte (und vielfach berechtigte) Vorwurf des Neoliberalismus, gefolgt von totaler Unsicherheit, was Sozialdemokraten denn wohl seien. Sieht man das als „Verdunkelung“ an, passt der letzte Vorschlag, die selbstkritische Bezeichnung als „Feinde des Lichts“ sogar ziemlich gut.

Nun noch die Linken:

Linke sind... Googlevorschläge

Alles erwartbar, langweilig. Allerdings seien Linke „unzufrieden“. Was die Frage nahe legt, warum  „Zufriedene“ eigentlich politisch aktiv werden sollten?

Die Wähler sind am Ende auch nicht viel besser, wie der Algorithmus „beweist“:

Wähler sind... Googlevorschläge

Weitere Parteien abzufragen hatte ich keine Lust. Aber was zu „Feministinnen“ kommt, wollte ich schon noch wissen:

Feministinnen sind... Googlevorschläge

Bekannte Beschimpfungen. Eher witzig finde ich „an allem schuld“!! Das unterstellt dem Feminismus ja eine gewaltige Macht. Ich staune!

Letzter Hort der Harmonie: die Familie

Nach so vielen Beschimpfungen wollte ich endlich mal mehr positive Urteile sehen. Wie steht es zum Beispiel in der Familie? Zuerst die Mütter:

Mütter sind... Googlevorschläge

Und ja, erstaundlich positiv! Zwar wie die Feministinnen auch „an allem schuld“, aber ansonsten geliebt und gelobt! Bekommen sogar Verständnis dafür, dass sie „keine Engel“ sind.
Wie sieht es zum Vergleich bei den Vätern aus?

Väter sind... Googlevorschläge

Alles klar! Väter sind die besseren Mütter – und cooler noch dazu. Wussten wir doch schon immer…
Zum guten Schluss die Kinder. Da so viel von der kinderfeindlichen Gesellschaft die Rede ist, erwartete ich nichts Gutes. lag aber zum Glück falsch:

Kinder sind... Googlevorschläge

Wow! Zumindest bei den Kindern trübt kein mieser Spruch die Ergänzungen. Kinder sind wunderbar, sind Geschenke, Sterne, Schmetterlinge – und unsere Zukunft.

Wenn man allerdings betrachtet, was der Algorithmus alles „zur Ansicht bringt“, sieht diese Zukunft nicht so toll aus: soviel Hass, Wut und Verachtung gegen alle und jeden. Dem Algo das Abbilden zu verwehren, wird allerdings nicht reichen. Die Menschen, die all das schreiben, verschwinden dadurch ja nicht. Und stimmen wir nicht auch selbst immer mal wieder dem einen oder anderen Votum zu?

Was meint Ihr? Wie sollen Google & Co. denn „ihre Verantwortung wahrnehmen“??

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Diskussion

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3 Kommentare zu „Weisheiten des Google-Algos: 24 Beispiele“.

  1. Normalerweise müsste ein dezentrales soziales Netzwerk und Suchmaschine programmiert werden, denn in einem tabellarischen Lebenslauf kommt eben oben was zuerst war oder alphabetisch welches im Alphabet am Anfang kommt. Sobald dies zu sehr durch „Sandbox“ Google, Redaktion, Filter verfälscht wird – wird es politisch und hat nichts mehr mit Technik zu tun. Welche Verantwortung trägt denn die Telekom, wenn ich am Telefon mit meiner Verwandten streite – gar keine. Genau das ist der Sinn von Suchmaschinen und mit sozialen Netzwerken und Link setzen auch. Genausowenig hat jemand der einen Link setzt auf einen Blog mit Verstoß normalerweise damit Veranwortung, denn er verweist nur auf die URL mit der Kopie des Verstoßes.
    Manche müssen eben bei Kochsendungen und Gedrucktem mit Chefredakteur bleiben – es ist und bleibt eine Sache der Medienkompetenz und im Netz gilt einmal mehr – wer einmal lügt dem glaubt man nicht. Nix für ungut…

  2. @Vale: danke für deinen Kommentar! Den ersten Absatz kann ich nicht in Bezug zu meinem Artikel verstehen: was hat jetzt ein tabellarischer Lebenslauf mit meinen Algo-Tests oder auch Googles Sandbox zu tun? Ich VERMUTE mal, du meinst, dass Google in der Suche die Quellen in der Reihenfolge ihres Erscheinens anzeigen sollte? Damit wäre Google nie zur führenden SuMa aufgestiegen, denn ihre Neuerung war ja gerade: was am meisten verlinkt wird, kommt oben hin. Seitdem sind viele andere Kriterien hinzu gekommen, doch ist das immer noch ein wichtiger Faktor. Denkst du auch daran, wie lange man Ergebnislisten durchsehen müsste, wenn es anders wäre?

    Aber hey, hier ging es um etwas Anderes! Beim Telefon ist es ja auch nicht so, dass mir bei den ersten Worten auf dem Display angezeigt wird, was Andere in letzter Zeit so ins Telefon gesprochen haben. Es ist der Zugriff auf BigData bei der Autovervollständigung, der hier zur Debatte steht. Muss das wirklich sein, dass mir bei fast jeder Suche nach bekannten Begriffen gezeigt wird, was für ein Hass sich ins Netz ergießt?
    Für den Hass tragen die Netzwerke keine Verantwortung – für die aufdringliche Anzeige desselben (über das gewöhnliche Listing hinaus) aber schon!

  3. Ach war wären wir nur ohne Google. Jetzt wissen wir, Mütter sind auch Menschen….liebe Claudia, ein sehr unterhaltsamer Beitrag!

    Weiter so und viel Erfolg.
    Sasch

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