Claudia am 09. November 2016 — 2 Kommentare

Nicht geschockt

Heute Nacht bin ich so gegen vier Uhr aufgewacht. Hatte von Trumps Wahlsieg geträumt, den ich noch am Vorabend als unwahrscheinlich angesehen hatte. Im Traum war ich seltsamerweise nicht geschockt, es war mehr so ein „journalistischer Traum“ in ganz neutraler Stimmung.

Dennoch wollte ich es jetzt wissen und versuchte, das Samsung-TV nahe dem Bett zwecks Info zu nutzen. Erfolglos, denn gestern hatte ich die neue Firmware installiert, die den ganzen „Smart Hub“ geupdatet hat. „Smart-Hub wird gerade aktualisiert. Versuchen Sie es später noch einmal!“ – diese Meldung kommt nun öfter und auch die neue App von Zattoo hängt schnell fest, weil diverse Privatsender nicht mehr ladbar sind. Kurzum: ich hab’s aufgegeben, weiter gepennt.

Heute Morgen dann: Trump ist Präsident, entgegen allen Vorhersagen der Demoskopen. Auf Twitter spöttelte jemand: Was machen die eigentlich beruflich?

Da ich das im Traum bereits als Realität erlebt hatte, war ich gar nicht mehr geschockt. Wundert mich selbst. Gerade lese ich die ersten Analysen und Reaktionen, wobei mir ein Artikel von Jens Berger in den Nachdenkseiten als recht lesenswert aufgefallen ist. Darin heißt es:

Warum Trump?

Trump ist keine These. Er ist eine Antithese; die Reaktion auf eine politische Entwicklung, die von einem großen Teil der Bevölkerung als Fehlentwicklung angesehen wird. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und die Mittelschicht rutscht Stück für Stück nach unten ab? Produktive Jobs wandern mehr und mehr in Niedriglohnländer ab? Die Macht der Banken und großen Konzerne nimmt von Tag zu Tag zu? Die Politik schert sich nur noch um das eine Prozent ganz oben und hat die restlichen 99 Prozent aus dem Blick verloren? All dies sind Fragen, die man bei kritischer Analyse bejahen muss. All dies sind jedoch auch Fragen, auf die die traditionelle Politik keine Antworten liefert. Mehr noch: All dies sind Probleme, die von der traditionellen Politik direkt und indirekt verursacht wurden. Wen aber wählen, wenn die traditionelle Politik nicht die Antwort, sondern das Problem darstellt?“

Und weiter:

Die Menschen haben Trump nicht gewählt, weil er ein so kluges Programm hat, sondern weil sie das politische Establishment verachten und Trump der Mann ist, mit dem man nach einer amerikanischen Redensart einen Schraubenschlüssel ins Getriebe wirft, also größtmöglichen Schaden anrichtet. Die Wahl war auch eine Rache am politischen System, dem man nicht mehr zutraut, die Interessen der Mehrheit zu vertreten.

Wie werden all diese Menschen reagieren, wenn sie merken, dass auch Trump Teil des gehassten Establishments ist und weder den Willen noch die Macht hat, die Lage der Marginalisierten in den abgewirtschafteten alten Industriestaaten zu verbessern?

Und bei uns hier?

Nicht nur in den USA sondern auch bei uns steigern sich nicht ganz marginale gesellschaftliche Gruppen in Hass und Verachtung gegen „das System“ und gegen Andersdenkende hinein. Auch bei uns klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, wobei viele, die sich als „links“ verorten, nurmehr kulturelle Kämpfe führen: LQBT-Rechte, Sprachkonventionen (*, _, /), ein extrem verallgemeinerter Rassismus-Begriff, der schon das Tragen von Dreadlocks als „böse“ labelt – und immer öfter werden alle, die sich diesen Vorgaben nicht unterordnen, kurzerhand als rechtsextrem und „Nazi“ nieder gemacht. Mindestens aber wird deren Meinung als „Hass“ bezeichnet, mit dem man nicht diskutieren muss. Auch als „weißer CIS-Mann“ hat man die Arschkarte gezogen, wie überhaupt die Interessen von Männern und Jungs selbst dann nicht als „diskussionswürdig“ angesehen werden, wenn sie – gemessen an allgemeinen humanistischen Werten – durchaus berechtigt sind. Grade eben z.B. auf Twitter:

„In aller Welt werden Kinder zur Arbeit gezwungen. Spenden sie jetzt um Mädchen zu retten.“

„Jungen nicht?“ hab ich zurück gefragt. Keine Antwort, natürlich nicht. (Update: doch. Der Tweet sollte ein „Witz“ sein, der eine PLAN-Kampagne ausschließlich für Mädchen kritisiert).

Frau Meike schreibt in ihrem lesenswerten Blockpost zum Thema HASS:

„In vielen klugen Texten der letzten anderthalb Jahre wurde die Wichtigkeit einer Differenzierung betont, die Notwendigkeit, auch unliebsame Meinungen anzuhören, es wurde vor Radikalisierung und Extremisierung gewarnt, aber wenn man sich heute umschaut, führt immer noch jeder blöde Spruch, jede kritische Nachfrage, jede von der „guten“ Linie abweichende Äußerung zu der Beschimpfung des Urhebers als wieauchimmerphober XY-Hasser. Als hätten Differenzierung nur „die Bösen“ nötig.

Man mag es als Zivilcourage feiern, bestimmten kleingeistigen Meinungen keine Plattform geboten zu haben, aber auf gesellschaftlicher Ebene habe ich damit große Schwierigkeiten. Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flüchtlingshassende Nazis führt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird. Dort am Rande versinken die Meinungen nicht in der Bedeutungslosigkeit, wie wir Linke hartnäckig hoffen, sondern erst dort bekommen sie so etwas wie gesellschaftliche Macht. Denn im Sammelbecken der von den „Gutmenschen“ Ausgestoßenen finden sich verhängnisvolle Allianzen zusammen, deren Rache bei der nächsten Wahl auf dem Fuße folgt. In dem Klima wird womöglich aus einer ursprünglich nur kleinen Schnittmenge ein strategisches Bündnis, eine Verbrüderung über die gesellschaftlichen Unterschiede hinweg, von dem beide Beteiligten in gefährlicher Weise profitieren. Der Zuwachs der rechten Parteien geht nicht nur auf ideologische Überzeugung, sondern auch auf die Verdrängung aus der Mitte zurück, an der die Linke großen Anteil hat.“

Noch hat die AFD keinen Trump und noch können wir darauf hoffen, dass sich die Dinge hierzulande nicht so extrem aufschaukeln wie in den USA. Es liegt aber an uns allen, daran mitzuwirken, dass der Hass nicht noch anwächst. Oder mit den Worten von Frau Meike:

„Wenn Ihr Pluralismus wollt, dann haltet ihn auch aus. Wenn Ihr Respekt einfordert, gebt ihn auch selber. Wenn Ihr eine Mitte wollt, hört auf, jeden, der weniger links ist als Ihr, als extrem rechts zu bezeichnen. Erkennt endlich, dass Ihr, obwohl Ihr für eine gerechte und gute Welt eintretet, Gefahr lauft, rechtspopulistische Trends mit Eurem undifferenzierten Ausgrenzungswillen zu befördern. …. Wenn wir Linken nicht anfangen, vorsichtiger mit unseren Feuerzeugen umzugehen, dann werden künftige Generationen uns nicht nur fragen, warum wir die Explosion nicht verhindert haben, sondern warum wir die Lunte angezündet haben.“

***

Siehe dazu auch den Folge-Artikel:

Scheuklappen ablegen, zuhören – und dann?

Diskussion

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2 Kommentare zu „Nicht geschockt“.

  1. Tja, da waren gestern bzw. heute morgen aber deutlich mehr Leute geschockt als nicht geschockt. Von den Spassbildern auf Facebook mal abgesehen, merkt man in Deutschland vermutlich als erstes Signal, dass Trump am Drücker ist, dass der Dow-Jones die Biege nach unten gemacht hat. Aber ich bin sicher, es gibt noch einiges mehr, was in den nächsten Wochen und Monaten spürbar wird.

  2. Dem habe ich nix hinzuzufügen

    https://www.heise.de/tp/features/Donald-Trump-der-letzte-gewaehlte-US-Praesident-3464531.html

    …bis auf den Umstand, was Du bei mir kommentiert hattest: blockieren durch die Republikaner…

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