Claudia am 27. April 2016 — 35 Kommentare

Mein erster Besuch in einem Pflegeheim

Um halb drei nachmittags betrete ich das Pflegeheim, das erste, das ich von innen sehe. Ich besuche Frau M., die Verwandte eines lieben Freundes, die hier seit einigen Wochen lebt, nachdem sie im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr zurück in ihre Wohnung konnte. Das Pflegeheim macht einen sauberen Eindruck, im Eingangsbereich tönt leise Musik aus einem Radio – und so sieht es da aus:

Pflegeheim

Das Haus wirkt von der Einrichtung und den Räumlichkeiten her wie ein Krankenhaus mit etwas mehr Deko. Und mehr Ruhe, trotz der Musik. Vor dem weiteren Vordringen in das ziemlich unbelebt wirkende Gebäude dsinfiziere ich mir die Hände am dafür vorgesehenen Spender. An der Wand ein Schild: „Wir freuen uns auf Ihre Meinung!“ und Formulare zum Ausfüllen.

Pflegeheim Eingangsbereich

Die Zimmer der Bewohner gehen von einem elend langen Gang ab, der den Krankenhaus-Eindruck verstärkt. Spärlich verteilte Bilder an den Wänden, ein Handlauf zum Aufstützen, kein Mensch ist zu sehen. Aber halt: als ich weiter gehen will, tritt mir eine resolut wirkende Pflegekraft entgegen und schaut mich fragend an. Ich erläutere kurz, wen ich besuchen will und darf weiter gehen. An einer der vielen Türen steht „Hier wohnt Frau M.“.

pflegeheim-flur

Ihr Zimmer ist größer als ich gedacht hätte, vermutlich um die 20 Quadratmeter. Es sieht ebenfalls aus wie ein Krankenhaus-Zimmer und ist nur spärlich möbliert. Wenig gemütlich, trotz der paar Bilder an den Wänden, die Verwandte aufgehangen haben. Das liegt nicht allein am Pflegeheim, wie ich weiß. Frau M. zeigt kein Interesse, sich den Aufenthalt angenehmer zu machen, denn eigentlich will sie gar nicht hier sein. Jede Verschönerung wäre ja gleichzeitig ein Akzeptieren dessen, was ist, doch Frau M. ist dazu nicht bereit.

Ein Lichtblick ist der große Balkon mit Ausblick auf eine große, jetzt schon grüne Kastanie. Ein Blumenstrauss, den Freunde mitbrachten, steht hier in einer Vase, auch im Zimmer selbst sind mehrere Blumentöpfe und Sträuße verteilt, liebevolle Mitbringsel, die Frau M. ja nicht ablehnen kann.

Die Leiden der Frau M.

Sie bietet mir Käsekuchen an, den es zum Nachmittagskaffee gegeben hat. Der schmeckt gar nicht mal schlecht, sogar Sahne ist drauf. Ich esse den Kuchen während Frau M. mir empört erzählt, wie schlimm es ihr hier ergehe. Man nehme ihr alles weg, nicht mal eine Tasse dürfe sie behalten. Es fehlten Kleidungsstücke, die einfach verschwunden seien, vermutlich geklaut. Sie habe schmerzende Wunden, doch kein Arzt kümmere sich darum. Pfleger, die Verbände wechseln, gingen nicht achtsam, sondern rüde mit ihr um. Auch helfe ihr niemand beim anstrengenden Umziehen, was aus Gründen manchmal mehrfach nötig sei. Wenn sie um etwas bitte, werde genickt oder versprochen, es irgendwelchen Zuständigen weiter zu sagen, aber es ändere sich nichts, niemand kümmere sich.

Und die Mitbewohner? Die lästerten hinter ihrem Rücken über sie, nur mit ganz ganz wenigen könne sie mal reden. Viele säßen einzeln herum und starrten nur missgelaunt vor sich hin.

Ich empfinde Mitgefühl angesichts von soviel Elend, doch vermute ich auch, dass Frau M. selbst nicht gerade zur guten Laune beiträgt, vorsichtig gesagt. Sie meidet Gruppen und Freundeskreise, die es in diesem Heim doch auch zu geben scheint, denkt von allen Anderen nur schlecht und grenzt sich damit selber aus.

Die Resolute vom Eingang betritt auf einmal das Zimmer, grüßt kurz und schaut suchend um sich. In der Ablage des Tischchens neben dem Bett entdeckt sie eine Tasse, sammelt diese ein und will sie mitmehmen. Frau M. protestiert, sie brauche den Rest Milch wegen ihrer Schluckbeschwerden, doch die Pflegekraft weißt darauf hin, dass der Inhalt der Tasse doch schon alt und vergammelt sei. Sie lässt sich nicht erweichen und nimmt die Tasse mit. Meine Bitte, doch ersatzweise ein Glas Milch zu bringen, wird ignoriert. Ich nehme mir vor, das nächste Mal Milchfläschchen mit Drehverschluss mitzubringen, denn das mit den Schluckbeschwerden ist echt: Es kommen ihr zwischenzeitlich die Tränen vor Schmerzen. Allerdings muss ich dann auch einen Öffner besorgen, mit dem man den Drehveschluss ohne Krafteinsatz aufbekommt, denn Frau M. schafft das auch bei einer Wasserflasche nicht mehr alleine.

Vier Kaninchen und ein Park

Nach etwa zwei Stunden verabschiede ich mich. Im Aufzug treffe ich auf rollstuhlfahrende Mitbewohnerinnen, die freundlich und heiter grüßen und scherzen. Jedes Stockwerk hat einen Straßennamen aus der Umgebung, der sofort ins Auge fällt, wenn man den Aufzug verlässt. Eine gute Idee für die bessere Orientierung von Menschen, die sich nicht mehr viel merken können.

Auch sonst hält die Ausstattung des Heims einige Annehmlichkeiten bereit. Ein ganzes Zimmer, das von einem der Flure abgeht, wird von vier Kaninchen bewohnt, die in einem Stall mit zwei großen Nesthäuschen und Freilaufstall leben. Der Streichelzoo des Pflegeheims!

Pflegeheim  Kaninchenstall

Hinter dem Gebäude liegt zudem ein kleiner Park, groß genug, um ihn langsamen Schrittes in einer halben Stunde zu durchwandern. Große Bäume, Bänke, Sitzgruppen – die Grünbereiche sind gärtnerisch gepflegt und abwechslungsreich bepflanzt. Da gibt es nichts zu meckern, ich wäre froh, ich hätte sowas im Hinterhof meines Mietshauses!

Pflegeheim Park

Rechts im Bild sieht man noch die Ecke eines Hochbeets, das ansatzweise mit Petersilie und Radieschen bepflanzt ist. Hier können Bewohner/innen offenbar gärtnern ohne sich bücken zu müssen. Der Park ist allerdings grade menschenleer, doch soll das bei besserem Wetter anders sein, wie mir Verwandte von Frau M. erzählten.

Was ich bei diesem Besuch im Pflegeheim lernte

Die Chance, einmal selbst in so einem Pflegeheim zu landen, ist ja gar nicht so klein, insbesondere für Menschen ohne eigene Familie. Der kurze Einblick hat mir immerhin ein paar Eindrücke vermittelt, wenn ich auch annehme, dass es da noch viele Unbekannte gibt, die ich so nicht mitbekomme. Wie berechtigt z.B. all die Klagen und Beschwerden von Frau M. sind, kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Sie ist deutlich über 90, nurmehr ein Strich in der Landschaft, und sie hat über die Jahre vielerlei ernste Krankheiten und weitere Zipperlein „angesammelt“, an denen sie nun leidet. Alter, Krankheit und Tod, die Skandale des Menschseins, sie treffen uns alle irgendwann und lassen sich einfach nicht vermeiden. Was wir aber beeinflussen können, ist die eigene Haltung zum Verfall und wie wir uns zur Außenwelt hin verhalten. Wer über 50 ist weiß bereits, dass es nicht mehr so einfach ist, neue Freunde zu finden. Das liegt daran, dass die Ansprüche steigen und die Schubladen im eigenen Geiste immer mehr werden: Es gibt immer mehr Gründe, andere Menschen dumm, blöde und unsympathisch zu finden, was dann bei vielen Hochbetagten dazu führen kann, dass sie irgendwann „nurmehr missgelaunt alleine herum sitzen und vor sich hin starren“.

Ich nehme aus dieser Erfahrung mit: so werde ich mich nicht verhalten! Ich werde, wenn ich eines Tages im Pflegeheim lande, ganz im Gegenteil mit XYZ die Oldies der 60ger, 70ger und 80ger trällern und gute Laune schieben, wo immer es geht. Hoffentlich ist bis dahin Cannabis legalisiert, denn das hilft nicht nur gegen Schmerzen, sondern auch gegen sozialphobische Anwandlungen: Am Morgen ein Joint und der Mitmensch ist dein Freund – im Pflegeheim wär das sicher hilfreich!

Diskussion

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35 Kommentare zu „Mein erster Besuch in einem Pflegeheim“.

  1. Als ich eine Zeitlang ehrenamtlich versucht hatte, im Altenheim gegenüber tätig zu sein, ist mir das Negativ-Verhalten einiger Bewohner aufgefallen. Alle meine Versuche, wie zB spazieren zu gehen, aus Tageszeitung vorzulesen, etwas zu spielen, was zu basteln usw. wurde unisono immer lethargisch abgelehnt.

    Irgendwann mochte ich dann auch nicht mehr, und hab das Handtuch geschmissen.

    Die Einrichtung, die Beschreibung (im Heim) kann ich mit dem, wo ich tätig war, bestätigen.

    Das mit dem Joint würde mir gefallen… ;-)

    …wie wir uns 10/20 Jahre später verhalten, steht allerdings in den Sternen…

  2. Auch ich kann dein Erlebnis nur 1:1 bestätigen, in allem, was du schreibst. Es ist gut zu wissen ( auch mit Peters Kommentar) dass es, bei aller Schelte in der Vergangenheit, doch ansprechende und gut geführte Einrichtungen für Ältere gibt.

    Auch mein Vater, den ich morgen zu seinem 96. Geburtstag besuchen werde, ist ein notorischer Nörgler. Hat er allerdings nach 1 Stunde erstmal ausreichend Dampf abgelassen (exakt wie oben vor dir beschrieben), wird die Unterhaltung angenehmer. In den nächsten 2 Stunden gleicht dann ein Besuch jedem Besuch. Die gleichen Fragen, Feststellungen, Erzählungen.

    Es hat eine Zeit gedauert bis ich nunmehr überwiegend akzeptieren kann, dass trotz des scheinbar gut funktionierenden Verstandes, die Welt für meinen Vater sehr, sehr klein geworden ist und sich der Blick nur noch auf ganz wenige, und auch immer wieder die gleichen Dinge, zu richten vermag. Auch wenn das hohe Alter überwiegend dafür sorgt, dass das einem selbst nicht mehr gänzlich bewusst wird und die Wirklichkeit entschwindet, macht es mich sehr traurig dem zuzusehen und sehr nachdenklich, wenn ich mir meine eigene Entwicklung !!! vorzustellen beginne.

  3. Ich habe in den letzten Monaten viele Heime besucht. Keine leeren Gänge irgend. Fast niemand allein. Das ist halt Vivantes. (Ich mied auch deren Krankenhäuser.) So gab es schnell einen Platz. Sonst ist das nicht so einfach. Man kann aber umziehen. Am besten gefallen hat mir ein Heim, das überall Türen zu Gärten hat (in denen man rauchen darf), und wo die Alten einander helfen. Die medizinische Versorgung lief immer über Hausärzte. Die kommen eben ins Haus. Klagen über die Heime hörte ich nie. Aber viele über den eigenen Verfall, die zunehmende Vergesslichkeit z.B. der Dementen. Manche wohnen gerne in Doppelzimmern. Die sind demnächst verboten. Deshalb machen hübsche kleine Heime zu und neue Silos mit vielen Kämmerchen schießen aus dem Boden. Die Renten sinken, der Pflegebedarf steigt. Wer keine 24-Stunden-Betreuung braucht (z.B. wegen Demenz oder weil man allein die Toilette nicht mehr erreicht) kommt mit ambulanter Pflege und Haushaltshilfe billiger. Dumm nur, wenn man sich nicht beizeiten kümmert. Meine Mutter hat immer davon gesprochen, wie sie im Alter leben will, wie sie das vorbereiten möchte – und nichts getan. Nun tu ich. Ein Vollzeitjob. Die Erfahrung zeigt: 2.000 Euro Rente reichen kaum. Und ich allein auch nicht. Ohne Hilfe meiner Schwester und von Franziska wäre ich schon am Ende. Nun will meine Mutter in ein Heim. Mit etwas Glück (und noch viel Arbeit) klappt das bis Herbst. Hat man keine Kinder oder gute Freunde, die noch fit sind, wird ein Betreuer bestellt. Für Cannabis bleiben ein paar Euro Taschengeld. Aber ich glaube nicht, dass die Alkoholkultur das legalisiert. Meiner Mutter ist alles egal. Sie ist zufrieden, liegt im Bett und lächelt. Am liebsten ist sie allein, mehr als zehn Minuten Gespräch sind ihr zu viel. Sie scheint fast glücklich. Aber mich gruselt und ich bin froh, dass ich dieses Alter nie erreichen werde. Übrigens: Von den Freunden hörte ich in den Heimen, dass sie fortblieben, wenn die Alten sie nicht mehr erkennen. Nur Verwandte kämen bis zum Schluss.

  4. Je mehr Mühe sich die Betreiber geben, ein schönes Ambiente zu schaffen, um so erschütternder der Kontrast zu den Menschen, die darin hausen.
    Es ist, als würden all die Grünpflanzen und geschmackvollen Aquarelle an den in warmen Pastellfarben gehaltenen Wänden der lichtdurchfluteten Gänge das Elend der Menschen noch verspotten.
    Graue, kalte Korridore wären ehrlicher.

  5. Ich danke Euch für Eure ausführlichen Kommentare – freut mich, dass dieses leidvolle Thema Resonanz bekommt!

    @Peter:

    „…wie wir uns 10/20 Jahre später verhalten, steht allerdings in den Sternen…“

    Ein wenig unbekannt ist das gewiss, aber man hat ja auch Erfahrung mit sich selbst und dem Umgang mit Leiden und Ärgernissen. Vermutlich wird sich der aktuelle Trend verstärken, sich aber nicht total umdrehen. Bei mir wäre das viel Ignoranz, Ablenkung und Beschäftigung mit anderen Dingen, gerne aber auch Gespräche mit Freunden (allerdings nur, wenn es sie nicht nervt, bloß nicht zuviel über eigene Zipperlein quatschen!).

    @Menachem: Was das „nicht mehr merken“ angeht, hab ich mir schon überlegt, ob ich mir nicht sicherheitshalber in die Innenhand tätowieren lasse: „Einfach nett sein!“ – so als Mahnung für verwirrte Zustände, wenn ich niemanden mehr erkenne…

    @Dirk: Ich weiß nicht, ob der Träger am Verhalten der Bewohner soviel Anteil hat – ob die die Möglichkeiten nutzen oder gar nichts machen. Peter berichtet ja auch von der Ablehnung, die er erfahren hat, als er die Leute ein bisschen bespaßen wollte.
    Die Kosten ruhen ja auf bis zu 3 Säulen: Pflegeversicherung, Eigenanteil, wenns nicht reicht Sozialamt.
    Ich glaube schon, dass sich in Sachen Cannabis noch einiges bewegen wird – zuerst vermutlich als medizinische Anwendung. Da haben Gerichte ja bereits den Selberanbau im Einzelfall gestattet. Und weltweit sehen immer mehr Leute ein, dass der „War on Drugs“ verloren ist und man umdenken sollte.

    Sowieso ist das ein Skandal: Heftigste Phychopharmaka und sogar Opiate dürfen (und stellenweise SOLLEN) konsumiert werden, aber das harmlose Cannabis ist immer noch verboten.
    M.E. sollte man für 75plus ALLE Drogen frei geben – schließlich geht es dann nicht mehr darum, noch fit am Hardworking teilnehmen zu sollen. Warum also nicht? So mancher Trip könnte manche Alten aus der geistigen Lethargie reissen!
    Das mit den Freunden versus Verwandten ist interessant und bedenkenswert. Vermutlich denken die Leute: wer mich nicht mehr erkennt, erkennt mich ja auch nicht als Freund – warum also noch kommen? Die gemeinsame Geschichte ist verschwunden, das Gegenüber ist alles andere als attraktiv… da muss man wohl wirklich lieben, um dran zu bleiben und immer mal wieder zu schauen.
    Vielleicht gibt es aber auch ein Stadium, in dem man wirklich niemanden mehr sehen will – ich weiß es nicht!

  6. @Arnd: nun ja, ich wünsch mir allerdings nicht, eines Tages in solchem Ambiente zu enden! Da ist mir schon lieber, es sieht nett aus!

  7. Ob sie wohl fast alle ruhig gestellt sind?
    Eine Bekannte kam mal schockiert aus einem solchen Heim. Die Gerüche dort, noch viel mehr das Schreien der alten Menschen hatte sie verstört.
    Bei einem Krankenhausaufenthalt hörte ich eine sterbende, alte Frau unentwegt nach ihrer Mutter rufen. Die Schwestern meinten, da könne man nichts machen. Heutzutage kann man und macht man.
    Gruß von Sonja

  8. @Sonja: es war halb drei, als ich kam – also für viele Alte Mittagsruhezeit. Weder Schreie noch üble Gerüche – es roch ganz normal! Und Frau M. beklagte, dass sie nachts oft nicht schlafen könne und „herum geistere“ – sie bekommt also nicht mal Schlaftabletten aufgenötigt. Es gibt wohl so’ne und solche Heime…

  9. Naja, ich habe meinen Vater im Altersheim betreut. Er hatte an nichts mehr Interesse, war aber immer sehr gut gekleidet – dies vermutlich, weil er glaubte, daß man das von ihm wünsche und erwarte.
    Seine Demenz war sicher mit an seinem Desinteresse schuld. Er saß meist auf einem Stuhl im Zimmer und starrte vor sich hin.
    Alle Anzeichen deuten daraufhin, daß es uns auch so gehen wird.

  10. Das Innere von Altenpflegeheimen, insbesondere solche der großen Träger wie Vivantes, sieht heute wohl immer so aus wie auf Deinem Foto, oder doch so ähnlich: aufgeräumt, sauber, hell, freundlich und in Maßen dem gegenwärtigen Einrichtungsstil angepaßt.

    Dabei geht es natürlich vor allem darum, dem Geschmack der Angehörigen sowie der Mitarbeiter des Heimes sowie dem Management des Trägers entgegen zu kommen, um diesen eine Wohlfühlatmosphäre zu gewährleisten. Ein etwa anderslautender Geschmack von Bewohnern wird nur in engen Grenzen toleriert, etwa durch einzelne Möbel, die sie in ‚ihrem‘ Zimmer aufstellen ‚dürfen‘.

    Die körperliche Versorgung der Bewohner ist gleichermaßen standardisiert und dabei auf durchaus hohem Niveau, vergleichen wir sie etwa mit durch Laien wie Familienangehörige erledigte Pflege. Dafür sorgt ein engmaschiges Netz aus Überprüfungen durch verschiedene Stellen wie dem medizinischen Dienst der Krankenkassen oder Kontrollen der Pflegeversicherung, aber auch die zum Zweck der Außendarstellung und der Optimierung interner Prozesse heute fast selbstverständlichen Qualitätssicherungsmaßnahmen der Träger selbst.

    Das schlägt sich allerdings unter anderem darin nieder, daß bürokratische Dokumentationsarbeiten in der Pflege einen stark ansteigenden Teil der ohnehin knappen Arbeitszeit der Mitarbeiter pro Bewohner einnimmt. Insgesamt scheint mir dennoch, daß die überwältigende Mehrheit der in stationären Einrichtungen gepflegten Menschen eine medizinisch und hygienisch hervorragende Versorgung genießt. Das Problem ist natürlich die psycho-soziale Deprivation, die jedoch nicht allein dem Leben in einer solchen Einrichtung entspringt, sondern ebenso der simplen Tatsache des Alterns.

    Interessen und Neigungen nehmen ab, Freunde und Verwandte sterben weg, sofern sie überhaupt noch räumlich nah genug leben, um erreichbar zu sein, die Fähigkeit zur Interaktion geht verloren – und um gegen diese Prozesse anzuarbeiten bedarf es sehr viel Zeit und vor allem nicht im Handumdrehen zu erlernender Fähigkeiten auf Seiten der sozialen Umwelt der Alternden. Exakt das aber ist der eigentlich erschreckende Mangel.

    Mitarbeiter, die für solche Tätigkeiten kaum Zeit aufbringen können, welche nicht im primär auf die medizinisch-hygienische Versorgung abstellenden Kanon der gängigen Pflegestandards erfaßt sind, weil sie sonst die engen Vorgaben des Stellenschlüssels nicht erfüllen können, reduzieren ihre soziale Interaktion mit den zu Pflegenden ja nicht aus böser Absicht, sondern gezwungenermaßen, wegen Stress, Hetze und oft auch Unwissen. Auch Beschäftigungstherapeuten als werbewirksamer Ersatz handeln nach den Maßgaben eines auf die betriebswirtschaftliche Optimierung angelegten Budgets. Und selbst für basale soziale Aktionen wie die Nahrungsaufnahme, die Körperpflege oder das An- und Entkleiden sind darin nur wenige Minuten vorgesehen, die nicht leichtfertig mit ‚Extra-Zuwendungen‘ verplempert werden können.

    Dazu kommt, daß die Zahl der (billigeren) Pflegehelfer gegenüber den (teureren) qualifizierten Altenpflegekräften immer weiter zunimmt, obendrein müssen letztere, die ja eigentlich für den Umgang mit alten Menschen besonders ausgebildet wurden, einen immer größeren Anteil ihrer Arbeitszeit auf rein administrative Tätigkeiten wie Dokumentation und Anleitung von unqualifizierten Mitarbeitern verlegen, so daß den eigentlichen Kontakt mit den Bewohnern wesentlich solche Mitarbeiter tragen, die dazu weit weniger qualifiziert sind. Mit der Konsequenz, daß sie ob ihrer zum Dauerzustand gewordenen Überlastung statt auf ein wissensgeleitetes Handeln auf solche Formen des Umgangs mit Kranken und Alten zurück greifen, die auf ihrem privaten Vorwissen oder Vorurteilen basieren und die gerade im Falle von an Demenz erkrankten Menschen (die einen immer größeren Anteil der Bewohner ausmachen) meist kontra-produktiv sind.

    Freunde, Verwandte, kurz all jene Beziehungen, die ein zufriedenes Leben in sozialen Verbänden wie der Familie oder einem Stadtteil ausmachen, sind für die nicht mehr mobilen Bewohner eines Altenpflegeheimes im Alltag dagegen mehr oder weniger nicht existent. Ihre Lebenswelt ist auf Mahlzeiten und die wenigen Stunden der Beschäftigungstherapie sowie die Wartezeiten zwischen Ereignissen, welche für sie zu den üblichen Gelegenheiten organisiert werden, reduziert. Seltene Besuche aus der Außenwelt sind dabei leider oft keine willkommenen Highlights, sondern problematische Störungen der täglichen Routine, wie sie sich die Bewohner nach und nach und meist in einer von außen als eigenbrödlerisch wahrgenommenen Weise für sich selbst zusammen gebastelt haben. Auch der aufopferungsvollste Einsatz der Mitarbeiter im Ausrichten von lustigen Feiern und strahlenden Festen oder abwechslungsreichen Ausflügen in die Umgebung ändert daran so gut wie nichts.

    Bewohner von Altenpflegeheimen, sind sie zu krank, zu dement oder zu gebrechlich, um aus eigener Kraft auf andere Menschen zuzugehen und sich ihre zufriedenstellenden Erlebnisbereiche zu sichern oder sie gar neu zu schaffen, sind in der Regel einsam und sozial isoliert, aber zugleich hygienisch wie medizinisch einwandfrei, ja oft sogar erstklassig versorgt. Das zumindest ist der Zustand, den ich in den Heimen, die ich kenne, wahrnehme, und der, wie ich fürchte, auf all jene wartet, die in den kommenden Jahren das Pech habe, alt zu werden – wogegen meiner Meinung nach keine Tüte und auch keine launige Selbsttäuschung ankommen werden…

  11. @Susanne: herzlichen Dank für deinen ausführlichen und aussagekräftigen Bericht plus persönlicher Einschätzung. Es ist immerhin beruhigend zu wissen, dass es in der Mehrheit der Einrichtungen nicht an den Basics mangelt und man sogar bemüht ist, eine angenehme Umgebung mit gelegentlichen Events zu erschaffen.

    Zu krank, zu dement, zu gebrechlich, sagst du. Auf Frau M. trifft das nicht unbedingt zu, sie hat zwar „demente Anwandlungen“, das Gedächtnis setzt öfter mal aus, sie ist aber durchaus noch mobil, kann die Einrichtung sogar eigendynamisch verlassen. (Dabei ist von Vorteil, dass das Heim nahe ihrer früheren Wohnung liegt, sie sich also auskennt). Und dennoch ist sie sozial alles andere als aufgeschlossen – war es aber wohl auch vorher lange schon nicht.
    Des weiteren machten die wenigen Bewohner, die ich zufällig am Aufzug zu Gesicht bekam, einen fröhlichen Eindruck. Vielleicht gehe ich zu so einem Event mal hin, um meine Eindrücke zu vertiefen, demnächst ist so ein Muttertags-Café mit Gästen von außen.

    Letztlich kommt es also auf jede und jeden selbst an, was man aus der Situation macht. Zumindest solange man noch nicht ans Bett gefesselt ist oder sich den ganzen Tag vor Übelkeit oder Schmerzen krümmt.
    Vielleicht sollten wir uns tatsächlich rechtzeitig Routinen der Selbstvergewisserung und Selbststeuerung angewöhnen: Kleine Rituale, Kurzmeditationen, bestimmte Affirmationen – es ist vermutlich das gewohnheitsmäßig „Eingefleischte“, was in unsicheren Umgebungen und Zuständen der Verwirrung noch ganz gut hilft – weil eben gewohnt, ohne Denken zu vollziehen.

  12. Nebenbei: gehört zwar nicht zum Thema, deshalb hab ich es im Artikel oben nicht gezeigt, aber das erste, was mir ins Auge fiel, war dieses affengeile Radio im Retro-Design, das in der Eingangshalle auf einem Schränkchen stand:

    Nennt es kitschig, aber mir gefällts! Hab es später recherchiert, es kostet gut 200 Euro, soll aber ziemlicher Schrott sein. Man zahlt für die Optik – mach ich natürlich nicht, aber es wirkte schon als ein ziemlich uriger „Akzent“ in dieser Umgebung! :-)
    Als ich ging, waren da zwei alte Damen im Raum, denen ich meine Begeisterung über das Radio zeigte. Sie nannten es „den Toaster“.

  13. Wenn ich mich recht aus deinen älteren Kommentaren erinnere, Susanne, warst du mal im Altenpflegebereich engagiert? Jedenfalls meine ich aus deiner obigen Beschreibung zu erkennen, dass du mehr als nur aus „einem Besuch“ diese sehr eigene Welt beschreibst.
    Und da ist dieses:
    „.. die Fähigkeit zur Interaktion geht verloren“.

    Das sehe ich auch so. Und das ist nach meiner Meinung ein biologischer Prozess, dem man wehrlos ausgesetzt ist. Und wenn ich auch gerne die These unterstützen würde,
    „………. Letztlich kommt es also auf jede und jeden selbst an…“, – auf dieses Pferd würde ich nicht setzen.

  14. @Menachem: auf welches denn?

  15. Die Interaktion Älterer geht m.E. dadurch verloren, dass, mit 85, 90 und älter, das Interesse, die Notwendigkeit, … und besonders die Kraft nicht mehr vorhanden ist, so zu sein, wie man sein möchte. Kern und Charakter des Menschen wird sichtbarer.
    Vielleicht rührt daher in letzter Zeit nach diesen Besuchen mein Wunsch, „Nee, so alt möcht`ich nicht werden“. So hilflos, entblößt, nackt … so möcht`ich nicht gesehen werden.

    Allerdings, und da weiß ich auch nicht ansatzweise wie ich darüber denken soll, sind wir ja am Ende der Strecke das Produkt aus vielen Jahrzehnten Leben. Und die heute 90, 95-jährigen wurden von einem Leben geprägt, dass Gottseidank Lichtjahre von dem entfernt liegt, was uns im Friedenseuropa der Nachkriegszeit geschenkt wurde. Und so wie du vielleicht die Hoffnung hegst, dass wir mit einem Innenhandtatoo immer wieder an Lebensfreude und Menschlichkeit erinnert werden, so hoffe ich, dass wir es ganz einfach in uns tragen, weil – erleben durften.

    Ich bin in diesem ganzen Thema auch immer sehr hin- und her gerissen.

    Andererseits gefällt mir der Gedanke, der sich durch deinen Beitrag auch mal wieder bei mir zurückmeldet, es einfach laufen zu lassen. Mir weniger Gedanken darüber zu machen, was ist (auch mit mir) in 10, 15, 20 Jahren.

    Niemand kennt den Plan. Darauf einen Dujard…… :)

  16. Ihre (der Alten, S.S.) weitgehende gesellschaftliche Isolation wie ihre bevorzugt fleischfarben verkleidete Einsamkeit nähren die Panik der nächsten Generation, genau dort zu landen, wohin sie die Alten getrieben haben.

    Stammt aus diesem Artikel auf Zeit-Online.

  17. Wieso irgendwo hingetrieben? Ab einem gewissen Punkt hat man doch keine Wahl.

  18. @Susanne: interessanter Artikel zur „Altersparanoia“.

    Der Vorwurf, die Alten irgendwohin „getrieben“ zu haben, erscheint mir als ein pauschalisierend zynisches Generationenbashing ohne viel Substanz. Noch immer werden die meisten Alten zuhause gepflegt:

    „Ende 2013 waren laut statistischem Bundesamt 2,6 Millionen Menschen pflegebedürftig. Das sind 100.000 mehr als ein Jahr zuvor.
    71 Prozent davon – also fast 1,9 Millionen – werden zu Hause gepflegt, die meisten von ihren Angehörigen. Nur 616.000 daheim Gepflegte nehmen professionelle Hilfe in Anspruch.
    764.000 Pflegebedürftige leben in Heimen.“

    (Quelle: WohinmitMutter).

    Aus demselben Blog eines Journalisten, der auf dieses Thema spezialisiert ist: 5 gute Grüne, die Altenpflege abzuschaffen – Zitat

    „Die mit der Einführung der Pflegeversicherung vor 20 Jahren entstandene Professionalisierung des Kümmerns ist insofern gescheitert, als sie nicht zu befriedigenden, den Wünschen der Menschen entsprechenden Versorgungsstrukturen geführt hat. Sondern zu unterversorgten Menschen, sehr vielen Heimen und einer ganzen Branche am Rande des Burnouts.
    Was fehlt, sind gut organisierbare und bezahlbare Möglichkeiten, die letzten Jahre daheim zu verbringen.Wenn es weniger Heime gibt, weil niemand dort arbeiten will (sondern lieber im Krankenhaus), dann entsteht vielleicht (auch dadurch) jener Druck, den die Gesellschaft braucht, um die dringend benötigten anderen Strukturen zu schaffen.“

    Wie die aussehen könnten? Es müssten gut zugängliche Wohnungen sein, ausgestattet mit Überwachungstechnik, die Alarm schlägt, wenn ein/e Bewohner/in hinfällt, sich nicht mehr rührt etc. Und es müsste dann auch jemand kommen… Ambulante Pflege ist wie ich immer wieder lese das Meistgewünschte. Verständlich, denn je älter man wird, umso ungerner mag man in fremde Umgebungen umsiedeln.
    Unauflöslich problematisch ist bei alledem der Widerpruch zwischen Selbstbestimmung und Vermögen, diese auch schadensfrei zu schaffen. Wer die Wohnung verlässt, sich dann aber verläuft und verwirrt auf der Straße steht – was will man da machen? Obwohl, auch da könnte ja Überwachungstechnik helfen…

  19. „…….die letzten Jahre daheim zu verbringen.“

    Nur durch ständige Proklamation eines verklärten romantischen Bildes aus vergangenen Jahrhunderten, werden weder die seelischen, organisatorischen, hilflosen Bedingungen, in denen viele Ältere alleine in hygienisch extrem bedenklichen Wohnungen teilweise gefährlich leben, besser.

    Ich wette, von den Schreiberlingen da oben, hat noch niemand eine Person sehr aufwendig zu Hause, neben der Versorgung und des kümmerns um seine eigenen Familie neben einem zeit- und energiefressenden Job, ume pflegen müssen. Das würde sich dann anders lesen.

    Aber gut. Provokation darf und muss wohl sein.

  20. @Gerhard & Claudia: Ich verstehe Frau Fendel so, daß ‚getrieben‘ sich bei ihr weniger auf einen konkreten Ort (Pflegeheim oder Pflegebett im ehemaligen, elterlichen Schlafzimmer o.ä.) bezieht, zu dem hin ‚die Alten‘ dann quasi auf den Kopf gestellt ‚kinderlandverschickt‘ wurden, sondern eher auf einen Ort im Bewußtsein ‚der Jungen‘, daß also das ‚Treiben‘ hier vielleicht wie der psychische Vorgang des ‚Vermeidens‘ oder ‚Verdrängens‘ zu verstehen ist.

    Zur ambulanten Pflege so viel: die halte ich für einen Etikettenschwindel erster Provenienz.

    Was deren Kosten angeht, explodieren die ebenfalls, sobald mehr als morgens und abends eine halbe Stunde Waschen, Lagern und Füttern notwendig werden – und das ist die niedrigste der möglichen Pflegestufen, die im Heim wohl tatsächlich nicht kostendeckend ist.

    Was die soziale Isolation angeht, gilt hier nichts anderes. Die wenigen Minuten täglich zu den hellen Tagesstunden, die nicht oder kaum bei Bedarf abrufbar sind, die oft wechselnden Personen und ihre häufig knappen Zeitpläne, all das wirkt sich meiner Ansicht nach sogar noch weniger ’sozial‘ aus als das, was ein Heim, in dem laufend Menschen greifbar sind (z.B. Nachtwachen), zu bieten hat.

    Was den Einsatz von Technik angeht, empfehle ich jedem, sich einmal in ein Pflegeheim seiner Wahl zu begeben und Bewohnern beim Essen zu helfen, sofern das dort auf verträgliche Weise möglich ist. Dann sprechen wir gern noch einmal darüber, wie solche Technik aussehen müßte, damit sie problemlos auch ohne ständige menschliche Bedienhilfe auskommt.

    Dazu sollte man sich die Preise von Geräten herauszusuchen, die als medizinische Hilfen anerkannt sind und deren Kosten von der Pflegekasse (und deren Herstellung und Vertrieb von – na, wem wohl?) übernommen werden. Diese Technik ist für mich das teuerste und am wenigsten geeignete Werkzeug für alte Menschen, ihren Alltag ohne ständige Intervention durch zusätzliche menschliche Hilfskräfte zu meistern.

    Womit wir bei der altersgerechten (und pflegegerechten) Gestaltung von Wohnungen als menschliche Alternative zur unmenschlichen Pflege-Kaserne angelangt sind.

    Hier frage ich mich, woher dafür Mittel und politisch-gestalterischer Wille kommen sollen, welche nicht einmal für einen halbwegs sozialen Wohnungsbau dort, wo die Masse der Menschen lebt, also in den Städten, vorhanden sind?
    Und ich frage mich, woher all die freundlichen Nachbarn mit Zeit (und Lust) kommen sollen, um mal nach der Dame nebenan zu schauen oder für sie Einkaufen zu gehen?
    Oder wieso all die Zeit (und Lust) habenden Freunde aus einem früheren Leben frisch und gesund bleiben konnten, die immer mal wieder herein schneien, den Tag unseres gar nicht frischen und munteren Alten fröhlicher zu gestalten?
    Woher die Zeit (und Lust) habenden Kinder und Enkel herbei gerufen werden können, die gleich um die Ecke wohnen, statt 500km oder zumindest eine ganze Generation weiter weg?
    Und natürlich, wie ambulante Dienste wirtschaftlich überleben sollen, die in ihren Dienstplänen die langen Stunden der Nacht nicht elegant vergessen, jene ärgerliche Zeit, in der kein Mensch einfach off-line geschaltet werden kann, bis morgens die Frühschicht klingelt?

    Fragen, die mir bisher noch niemand schlüssig beantworten konnte. In diesem Sinne der folgende, nette Abschiedsgruß, welcher einer früheren Gesundheits-Ministerin in den Mund gelegt wurde, was ihn natürlich nicht falsch macht:

    Bleiben Sie gesund – denn anders wäre schlecht!

  21. @Susanne: Du pflegst offenbar nicht den „psychischen Vorgang des ‚Vermeidens‘ oder ‚Verdrängens“. Wie sieht es aber dennoch mit DEINEM Alter aus? Welches Bild hast Du davon?
    Bei mir kommt ein Gefühl von Hass auf, daß ausgerechnet unserer letzter Lebensabschnitt sehr wahrscheinlich von unsäglicher Qual geprägt sein wird. Die Alten sagen dann immer: Da geht es sich um so leichter, wenn alles nur noch eine Qual ist. Man möchte aber gerne in Ruhe auf sein Leben zurückblicken können, es werten, es nachfühlen und darüber meditieren.
    Ich kann mich an einen TV-Anruf einer lange bettlägerigen Frau erinnern, die nachts immer wieder fast körperlich von einem schönen Spaziergang, mit dem verstorbenen Mann, durch eine sonnendurchflutete Allee träumte. Zu schön um wahr zu sein.

  22. Gerhard, was für ein schöner Satz:
    „Man möchte aber gerne in Ruhe auf sein Leben zurückblicken können, es werten, es nachfühlen und darüber meditieren. “
    Ach, und dann dieser Anrufbericht vom erträumten Alleespaziergang…!
    Danke sehr!

  23. Sehr wahre Aussagen. Auch ich kann bestätigen, dass Menschen mit zunehmendem Alter immer mürrischer werden, auch wenn sie früher immer gesagt haben „So möchte ich nicht werden“. Es ist vor allem für nahe Verwandte und Freunde extrem schwer damit umzugehen, aber ich muss auch mal tiefen Respekt dem Pflegepersonal zollen (auch wenn nicht alle gleich sind), denn was die leisten, finde ich wirklich stark. Ich für mich persönlich könnte das nicht tagtäglich und wir wissen wie schlecht die Berufe oft bezahlt sind.
    Was mir auch aufgefallen ist, ist, dass vor allem Akademiker oder Menschen die mal eine hohe Position im Beruf hatten, noch weniger mit ihrer „hilflosen“ Situation klarkommen und deshalb so oft so unleidlich sind.
    Es ist wirklich schade und traurig, dass man oft so machtlos ist, obwohl man so gerne für Erheiterung und ein wenig Lebensfreude sorgen möchte.

  24. Tjaaa…. wie sieht es aus mit dem eigenen Alter? Eine nicht nur knifflig-peinliche, sondern auch eigenwillig-existentielle Frage.

    Räumen wir erst einmal den üblichen candy beiseite. Gesunde Ernährung, Kosmetik, Sport und Gehirnjogging, fernöstliche Praktiken im Faulenzen oder nahtoderfahrungsgestählte Überzeugungen über das Jenseits werden mich nicht dagegen schützen, eine grantige, besserwisserische, mürrische, häßliche alte Frau zu werden.

    Junge Menschen meiner Umgebung werden meine Gesellschaft nicht suchen, alte Menschen werden oft gar nicht in der Lage sein, sie zu erreichen, und je nach Krankheitsgeschichte wird ein nicht unerheblicher Teil meiner Revenue dafür drauf gehen, mir Arbeitskraft zu kaufen, um die notwendige Zufuhr und Abfuhr von Nahrung und Atemluft für meinen Körper sicherzustellen, wie ebenso für flankierende Maßnahmen zur Verhinderung nekrotischer Entwicklungen rund um denselben.

    Inhalte und Formen meiner Konversation werden egozentrischer, repetitive Momente werden sich in meine Äußerungen einschleichen, bis hin zum communication breakdown, wenn gar nicht mehr genau zu sagen ist, was ich eigentlich sagen will. Lesen und Hören werden schwieriger bis unmöglich, das Begreifen des wenigen noch Aufgeschnappten ebenfalls, meine immer seltener vorkommenden, halbwegs intellektuell gefärbten Äußerungen werden zunehmend läppischer und für Dritte irgendwann absolut uninteressant. Meine emotionalen Äußerungen reduzieren sich auf Unmutsbekundungen, die im besseren Fall kindisch, im schlechteren unappetitlich ausfallen.

    Ich werde meine Umwelt deutlich feindlicher betrachten, als ich das ohnehin schon tue, ich werde Menschen hemmungsloser vor den Kopf stoßen, als ich es mir heutzutage erlaube, und ich werde unangenehmer riechen und aussehen und mich anhören – alles Gründe, warum freundschaftliche Zuneigung mir gegenüber oder von mir anderen Menschen gegenüber ein sehr rares Gut werden wird.

    Ich werde meinen physischen Bewegungsradius als auf nur wenige Quadratmeter eingeschränkt erleben, mein psychischer Umkreis wird sich nach und nach dieser Einengung anpassen. Habe ich Pech, wird meine Welt auf das Rechteck eines Pflegebettes schrumpfen, habe ich Glück, kommen ein freundlich eingerichtetes Zimmer, gegen selbstverschuldete Unfälle optimal abgesicherte Flure, möglicherweise plus ebensolche Lifte, und helle, übersichtliche Aufenthaltsräume hinzu.

    Speisen und Getränke werden anders schmecken, als es meine Erinnerung mir vorgaukelt, ohne eine gehörige Portion Glück werde ich aber nicht einmal diese Sinnesreize auskosten dürfen. Im Körper wird es überall Schmerzherde geben, die ich akribisch verfolgen werde, vielleicht die bei weitem erregendste der mir verbliebenen Beschäftigungen, wenn wir einmal von den Meldungen, die ich über den Stand meiner diesbezüglichen Untersuchungen ungefragt der Umwelt mitteile, absehen wollen.

    Wenn es das Unglück will, werde ich hilflos vor einem durchgängig laufenden TV sitzen. Sollte es einen Gott geben, dem ich in meinem Leben zu sehr auf die Füße getreten bin, laufen darin nichts als politische Magazine und talk-shows, gibt es zwei solcher Götter, werden sie mich mit Nachbarn strafen, die das Programm eifrig unentwegt kommentieren.

    Sollte das Schicksal, gnädig mit mir verfahren wollen, wache ich eines Morgens nicht mehr auf. Falls nicht, bemühen sich Menschen in sauberen Kitteln übermüdet darum, das Unvermeidliche noch einmal für ein paar Tage aufzuschieben.

    So, das zu den höchst-wahrscheinlichen Begleitumständen meines Alters. Die naheliegende Frage ist natürlich, wie ich heute Einfluß darauf nehmen kann, welche Umstände eintreten werden und welche nicht.

    Ich sehe prinzipiell nur zwei Handlungsfelder, die einige Aussicht auf Erfolg bieten.

    Erstens: so viel Geld wie möglich zusammen raffen, um im Alter soviel Arbeitskraft wie möglich kaufen zu können.

    Zweitens: so vielen Menschen wie möglich das Gefühl zu vermitteln, ich wäre ein wichtiger und daher Fürsorge verdienender Bestandteil ihres Lebens.

    Wie man Geld in Massen zusammen rafft, will ich hier nicht verraten, um Claudias click-count nicht durch die Decke zu jagen. Wie man Menschen für sich einnimmt, ist ein spannendes Thema, fast so spannend wie die Wege zum Gegenteil. Hier, im Kontext ‚Altern‘ und um diesen Kommentar nicht ermüdend lang werden zu lassen, möchte ich mich auf ein einziges, aber womöglich wichtiges Detail beschränken, nämlich:

    vielleicht macht sich jede Fürsorge, die wir als (relativ) Jüngere für Ältere aufbrachten, irgendwann in dem Sinne ‚bezahlt‘, daß wir als (relativ) Ältere den dann Jüngeren nicht ganz so abstoßend und langweilig erscheinen, wie es der Fall wäre, wenn wir unser Leben lang so getan hätten, als wären wir forever young.

  25. @Gerhard, @Susanne.@Helga, @Sonja… tolle Kommentare mit interessanten Blickwinkel und Meinungen.

  26. @Susanne, dein 2. Punkt widerspricht ja deutlich der zuvor geäusserten Überzeugung, ein richtiges Scheusal im Alter zu werden :-)
    Wie wäre es denn, wenn Du jetzt schon üben würdest, liebreizend Deinen Mitmenschen zu begegnen? Dann wärest Du in betagtem Alter a) nicht hässlich b) strahlend, heiter und beispielgebend…du weißt was ich meine!
    Solche Menschen gibt es durchaus, wahrscheinlich weil sie schon immer liebevoll, herzlich und ohne Arg waren.
    Nun gut, das scheint keine Option, da sind wir beide schon mal drüber hinweg.

    Aber immer wenn ich über das Alter lese, kommt mir das als wie im falschen Film vor. Wieso ist es denn eigentlich so? Ist es in anderen Kulturen vielleicht besser gelöst? Wenn man auf alte SW-Bilder schaut, dann sieht man ganze Generationen zusammenstehen: Da war meine Mutter, meine Oma, meine Uroma Bale (so hieß sie m.E.), das war ein Geflecht, ein kleines Universum für sich, ein Nest. Man stand zusammen. Es war ja auch Zeit dafür da. – die Leute waren nicht in alle Herren Länder verstreut, sondern waren ortsgebunden und DA. So war wohl die alte Zeit! Daß jetzt der Alte im Grunde lästig ist, ein Unding, daß Altwerden quasi zu einem Unfall in der Biographie wird, das ist schon unglaublich.
    Was ich an diesem Leben auch so wirklich schlecht finde, ist, daß ich ständig Verdrängungsleistungen erbringen muß. Wieso ist dieses elende Verdrängen ein elementarer Bestandteil des Menschlichen? Ich verabscheue das!

  27. […] Mein erster Besuch in einem Pflegeheim › Digital Diary – Claudia Klinger | Klick […]

  28. @Gerhard: Solche Menschen gibt es durchaus, wahrscheinlich weil sie schon immer liebevoll, herzlich und ohne Arg waren, schreibst Du.

    Das legt mir nun die Frage nahe, ob nur solche engelsgleichen Wesen aus dem Rollenbaukasten des Melodrams ein Anrecht auf menschenwürdiges Altern besitzen (sollen)?

    btw: Mein mißtrauischer Geist erschwert mir zu glauben, es gebe Menschen, die immer liebevoll, herzlich und ohne Arg sind… mea culpa!

  29. So, jetzt mal was Positives: es gibt gar nicht mal schlechte Chancen, überhaupt nicht pflegebedürftig zu werden.
    Hier eine Statistik „Alter und Pflegequote

    Dass im Alter mehr Frauen pflegebedürftig werden als Männer, liegt vermutlich daran, dass sie alleine sind und es nötiger haben, einen Antrag zu stellen als Männer, die von ihren Frauen gepflegt werden (siehe dazu Aktuelle Pflegestatistik)

    Da wir keinen Krieg erlebt haben und auch sonst eher gute Bedingungen hatten, zudem vermutlich mehr fürs „gesunde Leben“ tun als frühere Generationen, kann es gut sein, dass künftig weniger Prozent eines Jahrgangs pflegebedürftig werden.
    Ich komme vermutlich gar nicht erst ins entsprechende Alter, da rein statistisch Raucher/innen 10 Jahre Lebenserwartung weniger haben.

  30. @Claudia: Ist es tatsächlich eine positive Aussage über einen möglichen Zustand des späteren Lebens, ihn als wahrscheinlich* nicht eintretend zu erachten?

    * mit einer (errechnet über den Daumen aus der recht dürftigen, da Fallzahlen und angelegte Kriterien für die Pflegebedürftigkeit nicht ausweisenden Statistik) Wahrscheinlichkeit von wenig unter 50 % – für ein Alter ab 80 Jahren, eine heute durchaus realistische Lebenserwartung!

  31. Ich glaube auch keinen Statistiken, glaube aber dennoch, daß es diese meine „Baukastengeschöpfe“ gibt. Man kann „dran klopfen“, es gibt sie.
    Wieso diese besser wegkommen dürfen als die anderen, das ist nunmal schreiende Ungerechtigkeit.
    Claudia, ich bin durchaus ein positiv gestimmter Charakter, aber ich kann doch nicht die Augen verschliessen vor dem Leid, das uns droht. Ich kann doch nicht verdrängen auf Teufel komm raus?! Daß Du im übrigen deinen Altersblog seinerzeit geschlossen hattest bzw. nicht mehr gefütterst hast, lag doch bestimmt daran, daß Dir dann doch nicht so viele positive Aspekte des Alterns einfielen…oder?! Du wolltest Dich auch nicht mit den Schattenseiten abgeben, zudem zu einem Zeitpunkt, an dem Du noch „jung“ warst.

    Ich denke durchaus, daß viele Frauen qua Erziehung die „besseren“ Lebewesen sind: Sie gehen häufiger zum Arzt, achten auf gesunde Lebensführung, treiben viel Sport (das glaube ich nun wiederum nicht) und kommen so sozusagen automatisch in diese Rolle des Gepflegtwerdens (ausser Haus). Als Mann bin ich da fein raus, was aber ist, wenn ich es beängstigend finde, meiner Partnerin meine Pflege aufhalsen zu müssen? Da dreht sich mir der Magen rum! Das ist keine schöne Perspektive.

    So, genug schwadroniert! Das Thema war jetzt wirklich unbotmässig lange im Visier und wurde Pflegeheimgänge rauf und runter gehetzt, to no avail, sei es drum!
    Schönen Gruß an alle. Nicht böse sein :-)

  32. @Susanne: hast ja recht, aber es hilft beim Verdrängen, wenn schon gar nichts WIRKLICH Positives einfällt!

    @Gerhard: ja, ich verstehe, dass man das Thema gerne wieder aus dem Kopf bekommt, da das Diskutieren ja auch keine positiven Visionen erzeugt.
    Kunst des Alterns hab ich nicht „geschlossen“, sondern einfach stehen lassen – und ab und an bekommt das Blog sogar einen Eintrag. :-)

  33. Liebe Claudia, ich bringe hier zum Frommen aller anderen Kommentierer mal den Link zu einem berührenden Beitrag über die Situation, wenn alle anderen wegsterben und man alleine zurück bleibt, unter.

    Ansonsten fand ich als Pfleger auf einer Geriatrie und Onkologie die Diskussion hier äußerst interessant. Den immer kleiner werdenden Aktionsradius bei Menschen in ihren letzten Lebensjahren konnte ich bereits bei meiner Oma erleben und muß ihn jetzt auch bei meinem Vater mitverfolgen. Das ist für Angehörige ein teilweise verblüffender Prozess, wenn einst so energiegeladene Menschen nunmehr offenbar gleichgültig und immer ruhiger werden.

  34. Danke Markus, dich hatte ich regelrecht vermisst bei diesem Thema!

  35. […] meint dieses „so“? Es war das Pflegeheim, gar nicht mal ein Schlechtes. Aber ich verstehe gut, dass Frau K. alles nur noch beschissen fand. […]

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