Claudia am 28. Januar 2016 — 5 Kommentare

Betrunken – Burnout eines Helfers ?

Er wäre „leicht betrunken“ gewesen, sagte Dirk V., der Flüchtlingshelfer von „Moabit hilft“, der den Tod eines Syrers aufgrund der miesen Zustände vor dem LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) Berlin frei erfunden hatte.

Ich bin froh, dass niemand gestorben ist, aber auch froh, dass ich mich (grade noch!) zurück halten konnte, diese Meldung selbst weiter zu verbreiten. Es gab keinerlei Bestätigung für diesen Tod, einzig und alleine ein nächtliches Chat-Protokoll zwischen Dirk und einer Aktivistin von „Moabit hilft“. Dennoch ist praktisch die gesamte Presse auf die Meldung aufgesprungen, immer mit Schlagzeilen, die hoffen ließen, sie wüssten mehr – aber nix! Politiker forderten den Rücktritt des zuständigen Senators, am „LaGeSo“ wurden Trauerfahnen aufgehängt und Kerzen entzündet – und auf Twitter konnte man erleben, wie viele Mitlesende ganz selbstverständlich von der Wahrheit der Meldung ausgingen.

Warum? Zum einen, weil schlimme News ganz besonders gerne weiter gereicht werden, zum anderen aber auch, weil so ein Tod angesichts der wohl noch immer schlimmen Zustände vor dem LaGeSo erwartbar war – und immer noch ist. Sogar das Sozialgericht ist neuerdings überlastet, weil die Flüchtlinge mangels Alternativen Eilanträge wegen Untätigkeit stellen. Besonders krass: das LaGeSo hatte es auch nicht mehr geschafft, Flüchtlingen zustehende Gelder für Nahrungsmittel auszuzahlen (siehe ZEIT: Hunger in Berlin).

Burnout eines Helfers ?

Dass die Leute von „Moabit hilft“ ihrer Quelle lange vertraut haben, mag viele wundern. Doch ist Dirk V. eben nicht irgendjemand, der mal kurz beim Kleider sortieren geholfen hat, sondern ein Vollzeit-Aktivist, der mit vollem Einsatz an seine persönlichen Grenzen gegangen ist. Er wurde in der Presse gefeiert als „Der Mann, der 24 Flüchtlinge bei sich aufnahm“ (lesen!). Ein eigenes Leben abseits der Flüchtlingshilfe hatte er nicht mehr, weshalb er den im Artikel berichteten vernünftigen Vorsatz fasste, „sich mal eine Auszeit zu nehmen“. Offensichtlich ist ihm das nicht gelungen, was nicht wundert: Wer ständig verlässlich Sozialarbeit leistet, wird auch weiter nachgefragt – und müsste dann ja ablehnen, NEIN zu Bedürftigen sagen.

In einem (mittlerweile gelöschten, aber auf WEB.de in Teilen zitierten) Facebook-Eintrag hatte er zudem die Reaktionen beschrieben, die sein Engagement hervor rief:

„Die wahre Enttäuschung kommt für uns in Form von gemeinen SMS, über Morddrohungen auf der Straße oder über die beleidigenden Briefe an der Haustür. Oder auch einfach von Schulfreunden, die lieber die AfD zitieren, jammern und sich selbst bedauern.“

Sich rausziehen aus der ganzen Sache hätte – aus subjektiver Sicht, ich spekuliere! – vielleicht wie ein Nachgeben gegenüber diesen miesen Drohungen ausgelegt werden können. Kurzum: ich kann mir halbwegs vorstellen, wie Dirk V. sich vielleicht fühlte. Und zwar wegen diverser verstörender Erfahrungen in meiner eigenen Aktivistinnen-Zeit, sowohl mit mir selbst als auch mit Anderen, die ganz plötzlich schädliche, komplett irre Aktionen machten, die ihnen niemand zugetraut hätte!

Alkohol spielt in einem solchen Verlauf eine immer größere Rolle. Sich betrinken bringt (vermeintlich) die Entspannung, die man sich selbst auf andere Weise nicht mehr verschaffen kann. Schließlich ist „die Sache“ verdammt wichtig, persönliches Schwächeln wahrlich nicht angesagt. Man will ja auch nichts anderes mehr als möglichst effektiv weiter funktionieren, will kämpfen, helfen, vollen Einsatz bringen – und irgendwann endet es im persönlichen Desaster.

Liebe Helfende: Ihr MÜSST mehr auf Euch selbst und Eure Mitstreiter/innen achten!

Schickt auch mal jemanden nach hause, achtet auf Entlastung für jene, die sich ganz besonders einsetzen, denn oft sind das Menschen, für die „Selfcare“ ein Fremdwort ist. Geht an Eure Grenzen, aber nicht ständig darüber hinaus!

Lernt aus diesem Mega-Flop – und helft Dirk, wenn er sich wieder raus traut!

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Update, mittlerweile erschienen: Alkohol und Zusammenbruch – darum erfand der Helfer den Tod eines Flüchtlings

Diskussion

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5 Kommentare zu „Betrunken – Burnout eines Helfers ?“.

  1. Was ich ganz schnell bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit festgestellt habe ist, Grenzen zu ziehen. Die eigenen ganz besonders, sonst könnte es mich mit Haut und Haaren fressen.

    Aber auch Grenzen zeigen, ist wichtig und richtig. Viele der Betroffenen haben da andere Vorstellungen, oder es nie gelernt.

    Zum Alkohol: ne, die Sorgen schwimmen immer oben… ;-)

  2. Ältere schaffen das „Grenzen ziehen“ leichter, klar!
    In meiner Vollzeit-Aktivistinnen-Zeit (24/7, so zwischen 27 und 35) war ich davon weit entfernt. Man hätte mich geradezu festbinden müssen, um mich zur Ruhe und Besinnung zu bringen… Gestrandet bin ich dann als ausgebrannte Multifunktionärin im Alkohol!
    Und was die „irren Aktionen“ von Mitstreiterin anging: da ist mal ein verdienter Mit-Aktivist einfach mit der Kasse verschwunden, andere haben entgegen der Beschlusslage nachts die extra gedruckten T-Shirts zerstört, die zu einem bestimmten Anlass an Touris verkauft werden sollten – wir kamen erst spät darauf und waren völlig konsterniert! Na, und dergleichen mehr…nichts, was die ganz große Öffentlichkeit verstört hätte, das war aber nur Glück!

  3. Liebe Claudia,
    danke, für diese Gedanken, die ich sehr treffend und einfühlend finde. Ich war letzten Sommer ganz am Anfang öfters auf dem Gelände und habe Lebensmittek und Wasser verteilt und habe nach einiger Zeit festgestellt, dass ich es nicht nur finanziell nicht mehr schaffe, sondern vor Allem mental nicht! Ich hatte Albträume und musste ständig heulen.Deswegen habe ich mich dann total zurück gezogen.
    Ich habe die allerhöchste Hochachtung vor den Menschen die aktiv dort jeden Tag vor Ort sind, ich wohne quasi um die Ecke.
    Deshalb hätte es mich tatsächkich nicht gewundert wenn es wahr gewesen wäre.
    Ich hiffe nur der junge Mann,der das verursacht hat kommt aus der Erschöpfung wieder raus und passt in Zukunft besser auf sich auf!
    Lieben Gruß
    Angelika

  4. Liebe Angelika,
    danke für das Teilen dieser Erfahrung – und gut, dass du es rechtzeitig gemerkt und entsprechend gehandelt hast! Nicht jede und jeder ist innerlich so stabil, soviel Elend auszuhalten – und man kann ja auf verschiedene Weise nützlich sein!

  5. Ich habe großes Verständnis für Dirk, weil ich mir gut vorstellen kann, wie sehr die Situation in Berlin an der Psycho der HelferInnen dort zerrt. Man möchte unbedingt helfen und stößt dabei an die eigenen Grenzen der Leistungsfähigkeit. Und nicht nur das. Die großartige Leistung des ganzen Teams wird in der Öffentlichkeit nicht gewürdigt. Eher ist leider das Gegenteil der Fall. An den Äußerungen in den sozialen Netzwerken zu diesem Fall muss man einmal mehr erkennen, in welchen Sphären viele inzwischen geistig und emotional gestrandet sind.

    Ich drücke die Daumen, dass das Team diese Lage gut überstehen wird und es keinen Bruch gibt. Ich habe das Interview mit Diana Henniges gehört. Das muss ein schwerer Schlag gewesen sein.

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