Claudia am 03. September 2015 — 1 Kommentar

Mobilität, Flexibilität, Risikobereitschaft: Bei Flüchtlingen und Migranten unerwünscht

Auf „Tichys Einblick“, einer im eigenen Verständnis „liberal-konservativen Meinungsseite“ schreibt Gerd Held, der auch Autor auf der sog. „Achse des Guten“ ist, über eine „Diktatur des Rettens“:

„Vorsicht, dies ist kein Artikel über „die Flüchtlinge“. Bei den massiven Bevölkerungsbewegungen, die sich jetzt auf Deutschland, Europa und andere Wohlstandsregionen der Welt richten, ist „Flucht“ nicht der angemessene Oberbegriff. Die Vorgeschichte dieser Welle ist keine allgemeine Verelendung, kein Weltkrieg, keine globale Naturkatastrophe. Gewiss gibt es Notlagen, Katastrophen und Kriege, doch generell ist die Versorgung mit Nahrung, Gesundheit, Information in den ärmeren Regionen in den vergangenen Jahrzehnten besser statt schlechter geworden.
Notlagen und neue Ansprüche
Deshalb sind es oft nicht extreme Notlagen, sondern neue Wünsche und Ansprüche, die die Menschen in Bewegung setzen, die Staaten auseinanderbrechen lassen und die dann im Gefolge tatsächlich auch zu Krieg, Gewalt, Hunger, Krankheit führen. Auch die Todesfälle auf den Migrationsrouten gehören zu diesen Folgen.“

Ich gehe jetzt mal auf sein Argument ein:

„Deshalb sind es oft nicht extreme Notlagen, sondern neue Wünsche und Ansprüche, die die Menschen in Bewegung setzen“

„Oft“ – er erkennt also immerhin noch ein paar Menschen als „Flüchtlinge“ an, nämlich jene, die vor konkreten Gefahren für Leib und Leben fliehen.
Alle anderen sollen seiner Ansicht nach in ihrem Elend verharren: im zerbombten Kobane zum Beispiel, in den vom IS „befriedeten“ Gebieten, wo man sich ja „nur“ an die krassen pseudoreligiösen Vorgaben halten muss, um nicht geköpft oder gekreuzigt zu werden. Das muss doch reichen, oder etwa nicht? Auch so ein Leben in einem „Failed State“ oder in den Massenlagern bettelarmer Nachbarländer der Krisengebiete ist doch gar keine „konkrete Notlage“ – was fällt den Leuten nur ein, sich auf den Weg zu machen?

Noch nie war es so gut möglich, Informationen über die Lebensverhältnisse in allen erdenklichen Ländern dieser Erde zu bekommen. Die „Wünsche und Ansprüche“ der global Marginalisierten sind nicht NEU, sondern ganz normale, allen gemeinsame Wünsche und Ansprüche nach Sicherheit, Teilhabe, persönlicher Perspektive. Es war zu erwarten, dass nicht alle brav das beschissene Leben an ihrem Herkunftsort aushalten, wenn sie doch wissen, dass es anderswo ein besseres Leben mit gewissen Mindeststandards gibt – und Frieden!
Die Globalisierung, die uns wirtschaftlich als Segen verkauft wird, ist für andere Länder ein Fluch – etwa weil Afrikas Märkte durch Importe aus der EG kaputt gemacht werden. Per Freihandelsabkommen sind viele Staaten gezwungen, ihre Märkte zu öffnen, die der Konkurrenz viel entwickelterer Industrien nicht gewachsen sind. Ihre Rohstoffe und Billigarbeiter werden von Konzernen ausgebeutet, was sich bei uns in sehr bezahlbaren Preisen für praktisch alle Güter, vom Handy bis zum T-Shirt zeigt.

Das alles ficht Gerd Held und seine „konservativ-liberalen“ Mitstreiter nicht an. Sie befürworten es mit einiger Sicherheit als segensreiches Wirken freier Märkte. Mobilität, Flexibilität und Risikobereitschaft, die ansonsten unter der neoliberalen Agenda von Seinesgleichen gebetsmühlenartig gefordert werden, sind im globalen Maßstab auf einmal unerwünscht, ja gefährlich.

Aber erinnern wir uns:

„“Kommt die DM bleiben wir, kommt sie nicht geh’n wir zu ihr!“ sagten die Menschen in Ostdeutschland zur Wendezeit. Und niemand lästerte da über „neue Wünsche und Ansprüche“.

Dasselbe haben wir jetzt global. Die „Weltgemeinschaft“ hat darin versagt, akzeptable Lebensverhältnisse überall herzustellen – also gibt es massenhafte Migration.
„Bremsen und Einhegen“ wird nicht helfen, denn auch ein Leben als Illegaler hierzulande erscheint vielen gewiss noch 1000 mal besser als das Leben im Herkunftsland.

Es werden also weiterhin viele kommen – ob es uns passt oder nicht.

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Auch dazu:

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Ein Kommentar zu „Mobilität, Flexibilität, Risikobereitschaft: Bei Flüchtlingen und Migranten unerwünscht“.

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