Claudia am 06. April 2014 — 37 Kommentare

Die Natur und ich – kleine autobiografische Geschichten

Das Gebüsch (unter 5)

Auf dem Weg in den Kindergarten gab es ein Gebüsch, auf das ich mich jedes Mal freute, wenn ich an Mutters oder Großvaters Hand dorthin geführt wurde. Es war groß genug, mich darin zu „verstecken“ – ein wilder Verhau aus Hollunder, Brombeeren und anderen Gewächsen, die ich noch nicht mit Namen kannte. Gerne lief ich ein wenig voraus, um die kurzen Momente im Gebüsch zu genießen bis meine Begleitung aufgeholt hatte und mich wieder an die Hand nahm. Das Gebüsch war die erste „Natur“, die ich als Stadtkind zu Gesicht bekam. Eines Tages war es weg – und ich unendlich traurig.

Das Gärtchen (6-11)

Umgezogen vom ordentlichen Schwabenländle nach Hessen gab es ab 1959/60 plötzlich einen großen Hinterhof mit Wiese und Weidenbaum mitten drauf. Auf schmalen Beeten am Innenrand des 50ger-Jahre-Häuserblocks wuchsen Stauden und kleine Büsche. Auch der Sandkasten war von Gebüsch umgeben, in dem man sich den Blicken der Mütter entziehen konnte, die gelegentlich aus den Fenstern schauten. Aus Steinen und einem Brett bastelte ich mir ein Bänkchen in diesem „großen Versteck“. Dort saß ich dann, lauschte den Vögeln und war für Momente glücklich in diesem kleinen, gefühlt „eigenem“ Refugium. In einer verborgenen Ecke hinter den Büschen bearbeitete ich den Boden und begann zu gärtnern. Ich verpflanzte Gänseblümchen von der Wiese in mein Gärtchen und steckte Erbsen in den Boden, die sich zügig entwickelten. Drei Erbsenschoten, die erste eigene Ernte – welch ein Wunder, welch ein Glück! Irgendwann zerstörte jemand aus der Kinderbande das Gärtchen. Trauer und Hass verbrannten mich fast.

Der „richtige Ort“ (7 – 14)

Sonntags dann Familienausflüge. Stundenlange Fahrten durch den Taunus oder das Rheintal auf der Suche nach dem „richtigen Ort“: Eine leicht zugängliche Wiese, am besten mit Bach, dazu ein Weg am Wald entlang, ein guter Parkplatz – und bitte keine anderen Ausflügler! Oft dauerte es gut zwei Stunden, bevor wir endlich eine Stelle fanden, die alle Kriterien erfüllte. Bis dahin war mir meist schon richtig übel, denn beide Eltern rauchten im Auto, eine ganz besondere Qual. Am Ort der familiären Sehnsüchte endlich angekommen, wurde groß ausgepackt: Decken, Picknick, ein aufblasbares rundes Planschbecken für meine kleinen Schwestern – gerne hätte ich mich in die Büsche geschlagen und den Wald erkundet, aber das war nicht erlaubt. Irgendwann spazierte man gemeinsam gemessenen Schrittes eine halbe Stunde den Waldweg entlang und zurück. Mit 14 hielt ich mit meiner Meinung über diese Zwangsveranstaltungen nicht mehr hinterm Berg und sagte Sachen wie „Ihhhh! Es stinkt nach Wald….“. Obwohl es wirklich nicht der Wald war, der mich so nervte.

Bella Italia (9 – 17)

Sommers ging es dann für mehrere Wochen nach Italien: mit dem VW-Bus und zwei Zelten, später mit Wohnwagen auf einem Campingplatz unter Pinien am tyrrhenischen Meer. Wow, was für ein Leben! Mit der Taschenlampe beobachtete ich nachts die Zikaden beim Ausschlüpfen, sah die erste Schlange meines Lebens, fing Eidechsen und schnorchelte im Meer. Ich grub nach Muscheln, sammelte glatt geschliffene Holzstücke im schwarzen Sand und wanderte eine Flussmündung hinauf – gerne allein inmitten dieser noch nicht vom Tourismus umgeformten, weitgehend unberührten Natur. Mit den Jahren ließ meine Freude daran jedoch nach, das andere Geschlecht war ja so viel spannender! Mein „richtiger Ort“ wurde die Strandbar, natürlich eine andere als die, in der mein Vater seine Tage verbrachte.

Kiezleben und Friedhöfe (26 – 35)

Mit 26 der große Umbruch: Ich zog nach Berlin, entdeckte dort „das Kiez“ und fühlte kaum je das Bedürfnis, mein Kreuzberger Viertel zu verlassen. Eine nie zuvor gekannte übersichtliche Dörflichkeit begeisterte mich. Endlich fühlte ich mich wirklich zuhause, kannte bald jede Ecke, jedes Haus, jeden Laden, jede Kneipe. Ich besetzte Häuser, verbrachte die Tage im Mieterladen, machte Sanierungspolitik und sah als Tag- und Nacht-Aktive „Natur“ nurmehr auf den drei Friedhöfen an der Bergmannstraße, durch die ich mit einem Liebsten wandelte, der ein Spaziergänger war. Umso wichtiger wurde jegliches GRÜN im politischen Raum: wir rissen den Gehsteig auf und pflanzten Bäume, erkämpften ein „Hofbegrünungsprogramm“ und stritten um jedes „Spontangrün“, das irgendwo einer Baumaßnahme zum Opfer fallen sollte. Die alternative Szene propagierte die Vollwertküche, Müsli wurde DAS WG-Frühstück und „Plastikklamotten“ waren ein NoGo. Währenddessen vertrockneten unsere Zimmerpflanzen, doch NATUR galt uns als das Summum Bonum, Hort des Guten, Wahren und Schönen, Ziel einer Sehnsucht, die weit mehr Attitüde denn reales Verlangen war. Nach „draußen“ schafften wir es nämlich fast nie…

Brüchige Idylle (33 – 40)

Heute würde man den Zustand, in den ich mich am Ende dieser überaktiven Jahre befand, als veritablen BurnOut bezeichnen. Zum Glück hatte mein „Spaziergänger“ sich mit seinem frühen Erbe ein altes Gehöft in der Toskana gekauft. Ich kam gerade rechtzeitig, um den Verkauf zu verhindern, den er aus persönlicher Enttäuschung in Sachen „naturnah leben“ bereits plante. Mir erschien dieses Refugium in der Ferne, inmitten sanfter Hügel und mediterraner Natur als wahres Paradies! Warum nicht ganz dorthin ziehen, alles hinter mir lassen, es mal mit ein bisschen Selbstversorgung versuchen? Endlich konnte ich gärtnern, wilde Katzen leisteten uns Gesellschaft, ein sardischer Schafhirte machte im Erdgeschoss Käse, die Luft duftete nach würzigen Kräutern – ich war hin und weg!

Ca. drei Jahre lang verbrachte ich in kurzen Abständen jeweils mehrere Monate dort, auch im milden Winter. Es dauerte nicht lange, bis die Idylle bröckelte. Niemand dort „versorgte sich selbst“, allenfalls mit Gemüse. Die ansässigen Auslandsdeutschen hielten nicht nur Hühner, Schafe und Ziegen, sondern vor allem Touristen. Ihnen zuliebe wurden die Bäder und Duschen ausgebaut, der Nachbar bohrte einen neuen Brunnen, wodurch unsere romantische, von einem Mini-Wäldchen umwachsene Quelle austrocknete. Nachts wachte ich auf und sah einen Skorpion an der Wand, zehn Zentimeter neben meinem Kopf. Abends kamen verirrte Hornissen aus dem offenen Kamin, die im Schornstein ein Nest gebaut hatten und erlegten sich früher oder später an der offenen Gaslampe, die von der Decke hing. Für mich ein Horror-Erlebnis, das ich oft genug von draußen mit ansah, während mein Liebster versuchte, mit einem Besen das riesige Insekt zu vertreiben.

Der Schafhirte hatte auch so seine Probleme, blieb manchmal Tage lang weg und ließ seine vielen Käse komplett verschimmeln. Auch die Schafe wurden zu meinem Erstaunen immer wieder krank, obwohl sie doch „in der freien Natur“ lebten, für mich ahnungslose Städterin der Ort der Gesundheit schlechthin. Die Ziegen des Nachbarn wilderten in unserem Garten, der dachte jedoch nicht im Traum daran, Zäune aufzustellen, wozu er als Tierhalter verpflichtet gewesen wäre. Die Freundlichkeit all der ansässigen Immigranten entpuppte sich als oberflächliche Fassade für die Besucher. Hinten herum waren sich viele spinnefeind, obgleich man sich bei Festen traf und nett übers Wände kalken und ähnlich spannende Themen plauderte. Echte Probleme, die sie alle hatten, waren tabu. Und so traf es mich wie ein Schock: ein deutsches Paar mit großem Anwesen hatte uns am Nachmittag noch alle Schönheiten ihres Landlebens vorgeführt, als wir tags drauf erfuhren, dass sich die Frau des Hauses in der Nacht mit einem Bolzenschussgerät umgebracht hatte.

Nicht nur die Menschen, auch die Natur abseits menschlicher Bezüge ent-täuschte mich. Im realen Kontakt beobachtete ich Phänomene, die meine naive Bewunderung drastisch konterkarierten. Zum Beispiel wurde mir erst jetzt klar, was „instinktgesteuert“ bedeutet. Nur etwa einen Meter verschob ich mal einen Zaunpfahl nach rechts, an dessen oberen Ende ein Wespennest hing. Prompt schwirrten die Wespen „am alten Ort“ in der Luft durcheinander. Es war ihnen unmöglich, das nur wenig entfernte Nest wieder zu finden. Für mich wurde das zur Metapher für automatenhaftes Verhalten, fürs Kreisen in eingefleischten Gewohnheiten, die längst überlebt und ohne jeden Sinn sind.

Richtig „gebrochen“ wurde meine naive Liebe zur Natur jedoch erst, als ich einer Schlupfwespe zuschaute. Diese „parasitoiden“ Hautflügler fangen kleine Grashüpfer, injizieren betäubendes Gift und legen ihre Eier in den Opfern ab. Irgendwann schlüpfen die Larven und fressen die Heuschrecken bei lebendigem Leib von innen auf. Ích hätte kotzen können vor Abscheu!

Heftige Wut auf diese „natürliche“ Grausamkeit des Fressens & Gefressen-Werdens erfasste mich. Ich zeigte der Göttin Natur den Stinkefinger, genau wie einst dem alten Christengott meiner Kindheit, der mir niemals, auch nicht im größten Elend, auf meine Hilfe-Ersuchen geantwortet hatte.

Heimelige Festplatten und unendliche Weiten (40 – 44)

Am Ende war ich einverstanden mit dem Hausverkauf, kehrte nach Berlin zurück und entdeckte den Computer. Ich lernte Programmieren und erschloss mir eine neue, durchweg künstliche Welt aus gehorsamen Algorithmen und Programmen, die nicht mit bösen Überraschungen aufwarten. Im kühlen Licht des Monitors vermisste ich die Sonne lange nicht mehr – und mit dem Internet der frühen Jahre taten sich mir Türen in eine neue Welt auf, die soviel friedlicher und freundlicher schien als alles, was ich als „naturnahes Leben“ hinter mir gelassen hatte. Als ich 1996 meine erste Webseite baute, war ich grade 42 (!) – und wieder einmal fühlte ich mich „angekommen“.

– wird (gelegentlich) fortgesetzt –

Done! Hier gehts zu Teil 2.

Diskussion

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37 Kommentare zu „Die Natur und ich – kleine autobiografische Geschichten“.

  1. Wirklich sehr sehr schön. Vielen Dank für’s Aufschreiben! ,-)

  2. „Gelegentlich“ – ist hoffe ich, BALD!

  3. Überrascht bin ich. So etwas hatten wir noch nicht von Dir, liebe Claudia! Habe erst drei Teile gelesen, will mir die anderen aufheben- und frage mich, warum nirgendwo mehr die Rede von den kleineren Schwestern war und ist.
    Meine kleinere Schwester wächst mir mehr und mehr ans Herz, vielleicht leben wir irgendwann wieder zusammen; ist ein gutes Projekt.
    Bin auch gespannt auf weitere Episoden!

  4. Freut mich, dass diese Textsorte Anklang findet! :-)

    @Sonja: von meinen Schwestern ist hier nie die Rede, weil ich unter Klarnamen blogge und sie beide unter den Lebenden weilen (im Gegensatz zu meinen Eltern). Ich würde ihre Privatsphäre und ihr informationelles Selbstbestimmungsrecht verletzen, würde ich hier über sie schreiben.

  5. Liebe Claudia,

    ganz toll geschrieben. Bei mir ging sofort das Kopfkino über mein eigenes Leben an. Wie natürlich unnatürlich war mein Leben bis jetzt? Da denke ich gerade drüber nach. Vielen Dank dafür.

    Was sich durch Dein, mein und jedermanns Leben zieht, sind die Widersprüche. Natur ist nicht automatisch gut, Moral nicht immer richtig und das Überleben nicht immer fair. Manchmal stinkt das Leben und manchmal ist nichts schöner, als eben dieses. Und dann gibt es noch die vielen Nuancen zwischendrin. Damit müssen wir klar kommen, da müssen wir durch. Und weißt Du was? Ich finde das gut. Alles andere wäre nur öder, langweiliger Mist, der dem Leben seinen Wert nähme.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen eine gute Nacht. Und hoffe sehr auf mehr solcher Texte und Gedanken von Dir.

    Olaf

  6. Du hast (mich) ergreifend geschrieben. Eine Erinnerungsbilderwelle ist hochgeschwappt nach dem Lesen deiner kleinen autobiographischen Geschichten.
    Fast gleiches Alter, ähnliche Kinderschrecknisse, statt thyrrenischem Meer die sandigen Strände der Adria…
    Ich freue mich auf eine Fortsetzung.
    Sonnigschöne Grüsse vom Schwarzen berg

  7. Ja, @Claudia, sehr ungewohnt, solche Erzählungen von Dir vorzufinden. Zwar hast Du ab und an bestimmte Phasen aus Deinem Leben hier Revue passieren lassen, aber das hier sind ja meist kleine Anekdoten, die mehr Atmosphärisches verbreiten denn Infos liefern.
    Das Gebüsch und das Gärtchen sind für mich dabei die schönsten Episoden und erinnern an eigene Entdeckerfreuden.

  8. @Claudia: Zum Schreiben muss ich nichts sagen, denn deine unbestrittene Qualität ist ja längst bekannt. Interessant finde ich die lesenswerte klare Detailerinnerung und das meine ich ernst. Beschäftige mich seit 1 Monaten mit dem Gedanken alte Erlebnisse aufzuschreiben, aber über die Absicht hinaus habe ich noch keinen Buchstaben geschafft.

    Unter 5 und 6-11 fällt mit für mich wenig ein was ich Erfassen und Hinterlassen könnte. Gut, wahrscheinlich habe ich es später kompensiert.

    Was mir besonders gut gefällt ist das Festhalten, dass du immer Claudia geblieben bist und doch Lebenserfahrung und Einsicht(en) nicht spurenlos geblieben sind.

  9. Nachtrag: soll heisse … beschäftige mich seit 18 Monaten ….

  10. @Realax: danke fürs Lob! Vielleicht solltest du einen Kreativ-Schreiben-Kurs besuchen, das bringt dich garantiert in den Fluss und ins autobiografische Schreiben. Planen ist da nichts, sondern JETZT LOSCHREIBEN. Und du glaubst es nicht: da kommen viele tolle Texte raus, auch bei Menschen, die von sich denken, sie könnten das nicht, schon gar nicht „auf Kommando“.

  11. chapeau, claudia ;-)

    in meiner kindheit gab es gegenüber einen bauernhof und ich fand nichts „wohlriechender“ als den „gestank“, der aus dem schweine & rinderstall auf die straße entwich, das töten von tieren vor meinen augen gehörte für mich ebenso selbstverständlich „dazu“ und ich habe nur den tod meines lieblingshasen nie wirklich verkraftet – ich würde niemals hasenbraten essen, aber naja, ich könnte sehr wohl ein tier aufschneiden und ausnehmen, ich habe es gelernt.

    die „hinterwald wald und wiesen cowboys“ hatten ihren ort über ein jahrzehnt im wald, wir waren _jeden_ tag am „sauwasen“, nie in einer kneipe, immer draussen, immer stoned, immer unter freiem himmel.

    einiges von dem, was du beschreibst (krankwerden von tieren obwohl doch in einer „natürlichen“ umgebung zb.) kann man anders interpretieren: natur ist nicht so, wie wir als mensch sie gerne hätten – töten und fressen ist sozusagen der grundbaustein, krankheit und tod sind „natürlich“.

    muss ich erzählen, daß ich hier gelegentlich eine kreuzspinne oder meine katzen mit fliegen füttere und mich über jeden erjagten und von ihnen angeschleppten vogel freue, sie ausführlich lobe?

    das ist nun mal ihre „natur“.

    nicht zu verwechseln mit dem, wie wir natur romantisieren.

    mich hat der moment, als faye sich unbedingt mit ca 5/6 ansehen wollte, wie im ort, wo wir da lebten, auf der anderen strassenseite (auch da ein bauernhof) ein schwein geschlachtet und anschliessend zum ausbluten an die front der scheune gehängt wurde, geradezu beglückt. daß sie nicht fortlief sondern neugierig bis zum ende durchhielt fanden wir alle sehr ergreifend. set & setting, alle waren darauf bedacht, sie die „natur“ des vorgangs so „normal“ wie möglich erleben zu lassen.

    ach ja, als kind habe ich übrigens selbst hühner geköpft und gerupft.

    wie gesagt, claudia, chapeau. das ist das, was ich hier suche: dich ;-)

  12. @Hardy, musst Du immer einen Kontrapunkt setzen?! ;-) Claudia erzählte von den Schlupfwespen und Du musst das Gegenstück rauskehren. Wozu? Welchem Ideal hängst Du nach?
    Ich kenne so manches Kind (mich eingeschlossen), daß für solche Belehrung wie geschildert NICHT empfänglich ist und sicher nichts Positives davon trägt.

  13. gerhard,

    sorry, aber das ist nun mal so, daß natur nicht das ist, was wir gerne auf bildern mit röhrenden hirschen sehen würden.

    ich mache das auch nicht, um etwas rauszukehren, sondern um daran zu erinnern, daß wir hinterwäldler zur not auch noch eine kuh melken könnten oder eine huhn skrupellos köpfen – das ist eben auch „natur“ …

    irgendwas muss sich ja bei dieser ganzen evolutionsgeschichte etwas gedacht haben … nein keine angst, ich komme jetzt nicht mit dem rauschebart & konsorten … die nahrungskette und die explosive vielfalt der varianten, so grausam uns das auch erscheinen mag, es ist in wirklichkeit wunderschön und wir verstehen es nur nicht.

    wir sind nur die betrachter. je technisierter wir werden, um so mehr entfernen wir uns von dem, was nun mal um uns herum ist und … naja, wahrscheinlich sinn macht. da können wir noch so sehr versuchen, diesem sinn unsere interpretation aufzuzwingen: es ist die natur von miiich, meiner katze, aussterbende vogelarten zu töten. die guckt mich eher blöd an, wenn ich dann mit ihr schimpfe und denkt „pah, das nächste mal teile ich eben nicht mit dir! reicht schon, wenn du deinen jungschweinebraten mit mir teilst“

    die kriege ich nie vegan … ;-)

  14. Hi Ihr Lieben – ich erzähle, wie ich etwas erlebt habe, nicht das, was ich jeweils für insgesamt gut, richtig, klimafreundlich, spirituell-korrekt, evolutionär sinnvoll oder wissenschaftlich haltbar ansah oder heute ansehe (Manchmal fließt eine Bewertung aus der Rückschau ein – das ist dann aber erkennbar, wie wenn ich z.B. „die naive Städterin“ erwähnte, die ich war).

    Verhält sich das eigene Wesen (Denken, Fühlen, Handeln, Intuieren) mal komplett integriert angesichts der Werte und Vorstellungen, die wir hegen – tja, dann gäbe es kaum mehr etwas zu berichten. Und wenn doch, wäre es ziemlich langweilig für potenzielle Leser.

    Es sind die Widersprüche, die Brüche, die inneren Gespaltenheiten, das nicht-wie-es-sollte-Funktionierende, das Andere zu Reflexionen anregt.

    Zwei Geschichten vom Töten hab ich auch mal irgendwo erzählt – vielleicht find ich das wieder, wenn ich die alten Seiten ins Blog integriere. Ich war da alles andere als „eins mit mir“, obwohl mein Kopf es so beschlossen und gerechtfertigt hatte: ist ja in der Natur das Normale…

    Wenn ich an dem Punkt meinen menschlich-zivilisierten Abscheu Ernst nehme (und das Erschrecken über die extreme, euphorie-ähnliche Aufgeregtheit etwa mit einem Karpfen an der Angel…) dann applaudiere ich sogar Jesaia im alten Testament, dessen Jahwe verspricht, in seinem Reich würden einst

    „Wolf und Lamm .. weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge“.

    Das ist NATURKRITIK des Altertums – eine berechtigte, wie ich auch als Mensch im 21.Jahrhundert noch mitempfinden kann. Das meinte ich mit dem „Stinkefinger für die Göttin Natur“: Ja, es ist natürlich, aber es ist NICHT GUT SO!

  15. @Hardy: da haben wir wieder gleichzeitig geschrieben… :-)

  16. Ja, Claudia, da stimme ich mit Dir überein. Die Natur heroisieren, weil sie so kraftvoll fies ist.
    Ich erwähnte Die gegenüber, Hardy, eine Episode aus meiner frühen Kindheit, die ganz und gar nicht Beachtung fand: Das überaschende Eingeschlossensein im Sterbezimmer meiner Tante.
    Daß Du darauf nicht eingingst, lässt sich jetzt eher verstehen.
    ICH KENNE auch die kinski-artige Auffassung der Natur, ihr roher Charme sozusagen, doch, wie Claudia anmerkte: Wir sind zu mehr fähig. Das Grausame zu feiern als eine Art Couleur des Lebens…sicher möglich, aber nicht meine Wahl.

  17. Wie überhaupt: Da äussert man „unbedacht“ eine wichtige Episode und es ist für den Logus. Selber schuld! Wie unfasslich dumm.

  18. Hardy, ich schätze Deine „barocke“ Art durchaus. Ändern will ich Dich nicht – wie auch und warum. Nur ab und an ein Gegenlicht zünden, das darf wohl sein! Und auch mal feist Zustimmung ausschütten! Auch das!

  19. @Gerhard: das stimmt so nicht, ich hab über diese Episode gegrübelt, wie sie wohl gemeint sein könnte – es war nicht wirklich erkennbar, wie du das fandest, damals und/oder im nachhinein. Ich weiß auch noch, dass ich nachfragen wollte… aber dann hat mich irgendwas abgelenkt! Das tut mir jetzt leid und ich würde mich freuen, wenn du es – in diesem Kontext – erläutern könntest!

  20. Danke, Claudia, das werde ich hier an dieser Stelle aber nicht tun. Ich wollte in diesem Diskurs einfach nur mal einwerfen, daß Kinder so und auch ganz anders auf Grausamkeiten reagieren können.
    By the way: Meine Freundin erzählte von erlebten Geschichten auf dem Bauernhof, wo man Schweine lebendig ins kochende Wasser warf. Das war offenbar auch „Natur“.

  21. @Gerhard: ich merke, du teilst meine Empörung über die Gepflogenheiten der „Natur“! Wobei dein letzter Absatz dankenswerterweise die Frage nach den spezifisch menschlichen Werten unterstützt, die mich umtreibt.

    „Ich wollte in diesem Diskurs einfach nur mal einwerfen, daß Kinder so und auch ganz anders auf Grausamkeiten reagieren können.“

    Das ist nun wieder ein genauso abstrakter Satz wie das Info-Bit mit der toten Oma. Ein Satz, der es im Ungewissen lässt, wo du selber stehst, was dein Erleben ist, wie deine Bewertungen ausschauen.

    Warum so verschlossen?

    Wo Hardy zu ausufernd ist, bist du zu kurz angebunden. Freut mich, hier die Mitte zu sein!

  22. weia, ich bin gerade furchtbar abgelenkt und bekomme nur die hälfte mit.

    @claudia

    [..] ich erzähle, wie ich etwas erlebt habe

    eben. wir können nicht alle das selbe erlebt haben und es sind die unterschiede dessen, was wir erzählen – gar nicht mal so sehr die wertungen – die es uns erlauben, das _andere_ im andern zu erkennen.

    deshalb erzähle ich meine „naturburschen“ geschichten, das ist die welt aus der ich komme und auch wenn ich heute computer programmiere, das hat mich zu jedem zeitpunkt so „gemacht“. so wie die dinge, die du erlebt hast, dich „gemacht“ haben.

    da gibt es kein richtig oder falsch, nur erfahrenes.

    [..] NATURKRITIK

    das sehen wir beide sehr konträr, claudia, ich finde, die natur hat allen grund, uns zu kritisieren ;-)

    das ist keine rede, die auf „das recht des stärkeren“ oder „so sind die dinge nun mal“ hinausläuft, eher der dezente hinweis, daß wir es uns anmaßen, dinge zu beurteilen, die wir schlicht nicht verstehen. wo wir zunächst mal lernen müssten – wir reden ja über „natur“ – das wesen der natur, das ja nicht unseres sein muss, wo kämen wir da hin, zu akzeptieren statt ein urteil zu fällen.

    [..] gleichzeitig

    ich war in der zwischenzeit bei klaus und habe da lustige stories erzählt, das hat ihn wohl komplett überrascht, hihi. der hinterwäldler als spacecowboy ;-)

    @gerhard

    [..] Die Natur heroisieren, weil sie so kraftvoll fies ist.

    neeiiiiiin, bloß nicht.

    aber einfach mal akzeptieren lernen, uns und unseren moralischen kontext extrapolieren, nicht urteilen, erst mal sehen lernen, das ist meine rede.

    [..] Episode aus meiner frühen Kindheit

    ich habe darauf nicht reagiert, weil das für mich nichts schockierendes hatte, wie gesagt, ich bin tote menschen im haus gewohnt, mich hat eher der verlust einer geliebten cousine mehr getroffen.

    das alles ist für ein kind ja eine frage, wie seine umwelt damit umgeht, und in meiner war das eben so „normal“ wie das gebetsbänkchen, daß in der fastenzeit einmal pro tag rausgeholt und die rosenkränze rauf und runter gebetet wurden, geschichten über den in stalingrad gefallenen onkel erzählt und ein anderer onkel fingerlos seine „abenteuer“ zum besten gab. das die welt meiner großeltern übrigens, nicht die meiner eltern.

    es ist diese normalität der erwachsenen, die uns lehrt, damit umzugehen. wenn ich faye von ihrer besichtigung des geschlachteten schweins abgehalten hätte, wäre ein geschlachtetes schwein eben etwas traumatisches.

    du verstehst, was ich sagen will: die dinge sind neutral. natur ist neutral. sie ist wie sie ist. wir geben ihr und unseren erfahrungen erst den sinn … und der kann konträr sein zu dem wie ein anderer sie sieht.

    das ist nicht „disharmonisch“. das ist das, was wir lernen müssen: daß es keine „wahrheit“ gibt ausser der, die uns die natur zeigt in ihrer unschuld, selbst wenn da gerade eine löwin ein gnu zerfleischt oder miiich eine viertel stunde mit einer maus „spielt“.

    so sind die dinge.

    nur wir sind in diesen dingen die anmassenden, die zwanghaft urteile fällen müssen.

    die wiederum der „natur“ schnurps sind ;-)

    [..] Nur ab und an ein Gegenlicht zünden,
    [..] das darf wohl sein!

    ich glaube, du bist viel zu ängstlich, gerhard.

    ist dir eigentlich aufgefallen, daß claudia und ich hier nicht miteinander herum-katzen? die hat ziemlich gegenlicht ausgehalten und ich kann das auch bei bedarf.

    du darfst alles. na gut, nicht beleidigen, aber für mich wäre jede position, die du im rahmen zivilisierter umgangsformen beziehen könntest, „okay“. ich würde dir ggfl. widersprechen, aber wieviele teelichte oder kerzen du hier anzündest, ist doch eher eine frage, wie mutig du bist oder ob du dir etwas verkneifst, um eine harmonie herzustellen, wo keine ist.

    es ist schön, wenn wir uns lieb haben. aber es kann auch schön sein, über etwas zu streiten. und jeder ist anders. wenn ich geschichten aus meiner kindheit erzähle, kann es – ist es – schon mal vor(ge)kommen, daß ich über „doktorchesspiele“ mit der nachbarstochter auspacke, wenn ich mich darüber ärgere, daß das wort „neger“ aus pipi langstrumpf verschwinden soll ;-)

    schönes bild von meiner mama übrigens in der post. die hat mich so gemacht wie ich bin: augenzwinkernd und gelegentlich „iwaazwersch“ (wie der saarländer sagt)

    [..] daß Kinder so und auch ganz anders
    [..] auf Grausamkeiten reagieren können

    glaub mir, das ist eine frage des kontextes, den die erwachsenen um sie herum spinnen. man sagt immer „kinder sind grausam“. nein, sind sie nicht, sie folgen ihrer natur und ihrem instinkt und tun dann dinge, die erwachsene dann „grausam“ finden. die kinder tun das in aller unschuld.

    wenn du in der situation traumatisiert reagiert hast, dann weil zuerst mal deine schwester dich gedemütigt hat, weil du zweitens nicht abschätzen konntest, wie die erwachsenen darauf reagieren und du drittens vielleicht vorher schon was das sterben betrifft, eine „falsche programmierung“ verpasst bekommen hast.

    ich habe eine „nachtwache“ am bett meiner toten cousine verbracht, allein. gebetet. ihr gesagt, wie lieb ich sie hatte. meinen frieden gemacht. diese dinge halt.

    [..] wo man Schweine lebendig ins kochende Wasser warf.

    aaaarggggs. also, man wirft _nachher_ das schwein in kochendes wasser, damit man die borsten besser abbekommt.

    was für eine vorstellung, ein schwein mit all der (sorry, mesdames) scheisse in seinen gedärmen, die dann platzen und deren inhalt sich ins innere ergiessen würde, in kochendes wasser zu werfen. lebendig. hast du mal ein schwein schreien gehört. hey, das würdest du sicher nicht aushalten, nicht mal ich …

    glaub‘ mir, sowas würde nur ein vollidiot machen, aber kein bauer, der ein ganzes jahr von jedem einzelnen fitzelchen, das er aus dem schwein raushaut, leben kann (naja, so war das bei uns, mein großvater war bergmann und hatte eben immer zwei tiere, die geschlachtet wurden und dann für ein jahr würste, schinken, fleisch, sülze etc etc hergaben …)

    da wird nichts weggeworfen, alles wird verwertet und … naja … wenn vorher die scheisse aus den gedärmen (prima wursthaut) alles verdorben hätte, hätte er das viech ein ganzes jahr umsonst gemästet.

    sorry, wie immer zu lang …

  23. äh, der link zu „doktorchesspiele“ ging flöten

    http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2013/01/das-vergessen-und-das-loschen.html

  24. @Claudia: danke für den gutgemeinten Ratschlag, der sicher vielen Leuten helfen kann. In meinem Fall ist es ein immer drückendes Zeitkorsett und eine übervolle to-do-Liste, bei der ich mühsam die wichtigen Punkte erledige. So gesehen ist eine Frage bis mich die Lust heimsucht. Die Chance ist aber intakt, dass es gelegentlich passiert. Ausserdem, ganz nach der „alten“ Bloggerphilosophie geht es mir dabei effektiv um Aufzeichnungen für mich, um Daten und Fakten rechtzeitig festzuhalten. Ob es gelesen wird und gefällt ist dabei kein Kriterium. Wird es gelesen ist es Okay, aber andererseits ist damit für mich die Grenze beim Inhalte nicht klar. Ich schreibe zwar unter Pseudonym, aber es gibt schon viele Leute die mich mit Klarnamen kennen und deshalb auch „Ereignisse und vorkommende Personen“ erkennen könnten. Schaun mer mal.

  25. Die Natur, das Natürliche und wir. Dieses Thema ist unerschöpflich, vor allem auch deshalb, weil es unzählige Wahrheiten gibt. Da wären die Wahrheiten jedes denkenden und fühlenden Individuums und natürlich die Wahrheit.

    Aber was ist die Natur? Darüber haben sich schon Generationen von Philosophen den Kopf zerbrochen – mit vielen Ergebnissen. Man hat die Qual der Wahl oder macht sich selbst einen Kopf. Für mich ist alles Natur was lebt. Aber auch geologische Formationen, Sonne, Mond und Sterne – alles Natur, auch wenn es nicht lebt. Was aber ist natürlich?

    Für mich ist natürlich, dass unsere Spezies tötet um zu leben. Nicht natürlich ist es für mich, dass unsere Spezies viel mehr tötet, als sie zum Leben braucht. Ist es natürlich, wenn ein Mensch eine Fliege fängt, um damit eine Kreuzspinne zu füttern? Oder müsste die Spinne das nicht selbst tun und, sofern sie das nicht kann, eben – ganz natürlich – sterben?

    Ist es natürlich, dass unsere Hauskatzen keine anderen „natürlichen“ Feinde haben, als unsere Haushunde und Autos? Ja, Katzen und Hunde sind Natur, natürlich sind sie aber nicht. Genauso wenig wie Bakterien, die Insulin herstellen. Die gibt es nicht in der Natur, Leben tun sie dennoch. Ich kann – wieder einmal – kein schwarz oder weiß erkennen. Nur ganz viel grau, neben dem Schwarzen und dem Weißen.

    Wie immer muss man differenzieren, aber leider gelingt das immer weniger. Es liegt wohl Zeitgeist, dass das Grau so furchtbar unmodern zu sein scheint.

  26. @Hardy: ich verstehe deine Position sehr gut – so gut, weil ich sie im Lauf des Lebens auch schon des Öfteren ziemlich genau so vertreten habe. (Die Natur-romantisierende Städterin bin ich ja nicht mehr – aber eben auch keine Bäuerin, die sich keinen Kopf macht ums „Unkraut“)

    @alle:

    Das Geschehen der Natur ist beeindruckend, faszinierend und für sich genommen wertfrei. Früher wurde sie vergöttert und gleichzeitig – natürlich! – zwecks Siedeln und für die Ernährung bekämpft. Seit der Neuzeit wird sie im wesentlichen GENUTZT, als bloßes Material fürs rechnende Denken und die egozentrischen Interessen der Menschen angesehen: das BEHERRSCHEN der Natur, eine Hybris, die in Gestalt vieler Umweltkatastrophen auf uns zurück fällt – ganz natürlich. (Daneben existierten einige Linien der Naturmystik dennoch weiter). Insbesondere dem „Geist des Lebendigen“ wird dieses Nutzungsverhalten nicht gerecht – es ist respektlos.

    Dass in unserer Gartenanlage sehr alte Bäume gefällt werden, weil sie nicht den Vorschriften entsprechen, ist ein Beispiel für den selbstverständlichen Wahnsinn, mit dem Menschen in Sachen Natur zu Gange sind – als wären das alles bloße Bauklötzchen, die man nach Bedarf schieben oder entfernen darf.

    Man könnte sagen, da folgen die Menschen eben auch nur ihrer Natur, die nicht besser ist als die anderer Spezies, die – wenn sie können und die Bedingungen stimmen – sich zu Lasten anderer ausbreiten, egal wie monoton das ist, was dann dabei heraus kommt.

    All das ist unbefriedigend, denn etwas in uns ist nicht einverstanden mit den Grausamkeiten des „Geschehens“. Siehe das Bibelzitat, es ist offensichtlich kein ganz neues Gefühl. Ein GEFÜHL bzw. ein Konglomerat von Gefühlen, die typisch menschlich sind:

    Mitgefühl, Gerechtigkeitsempfinden.

    Wenn ich sage: „es ist natürlich, aber nicht GUT so!“ gebe ich diesem Gefühl Ausdruck – es ist kein erdachtes, rein mentales urteilen!

    Neben Mitgefühl und Gerechtigkeitsempfinden haben wir auch noch ein ästhetisches Empfinden entwickelt, das uns in die Lage versetzt, Artenvielfalt und vielseitige Biotope SCHÖN zu finden – und eine Brache, auf der sich ausschließlich die ungemein starken kanadischen Goldruten durchsetzen, ziemlich öd, so schön die einzelne Pflanze auch ist.

    Hinzu kommt der Aspekt, den Olaf einbringt: es gibt nicht mehr viel „ursprüngliche“ Natur – die meisten „Naturlandschaften“ sind Ergebnis menschlicher Eingriffe (Lüneburger Heide). Selbst „Wildnis“ in Nationalparks bedarf des Managements, damit die Vielfalt erhalten bleibt.

    Wir können nicht „zurück zur Natur“ und wollen das in aller Regel auch nicht. Wir können auch nichts Grundsätzliches am Fressen & Gefressenwerden ändern, wenn es auch einigen Veganern gelingt, ihre Katzen und Hunde vegan zu ernähren (unter Verwendung von „Nahrungsergänzungsmitteln“).

    Wir können nicht austreten aus dem Geschehen, aber wir könnten wenn wir wollten GÄRTNER des Planeten sein! (Sind es ja an vielen Stellen schon, aber lange nicht genug.) Also darauf achten, dass eine maximale Anzahl an Spezies ihren Platz bekommt, sich aber nicht ohne Ende und zu Lasten anderer ausbreitet. (Statt dessen breiten wir GenSoja und GenMais aus…). Was im Großen aber voraussetzen würde, dass wir uns selber nicht so ausbreiten, das gar kein Platz mehr für „Natur“ bleibt. Und das wiederum geht nur, wenn es planetare Gerechtigkeit und ein soziales Netz für alle gäbe – in Utopia also, wie es derzeit aussieht.

  27. @Claudia, kann ich sehr zustimmen.
    Unlängst sah ich einen Film über den Regenwald, mit Bruno Ganz als Sprecher, in dem gesagt wurde, daß es 700 Jahre (!) dauert, bis ein Urwaldriese ausgeprägt ist, nachdem eine Nische für ihn im Wald neu entstanden war.
    Ein Biologe machte mich aber – für mich schockierend – damit vertraut, daß nach der Rodung eines solchen Walds selbst bei Belassen dieses Zustands KEIN Urwald nachwächst, denn all die Nährstoffe, das Biotop des Bodens, der wird ausgewaschen und was dann wächst, ist jedenfalls kein Urwald mehr, sondern wohl Gestrüpp und ähnliches.
    @Olaf: Ich möchte Dir danken für Deine Worte.
    @Hardy: Nur soviel: Daß Kinder zuweilen ängstlich sind und werden, hat mit vielerlei Faktoren zu tun. Wenn Erwachsene sie mit der Grausamkeit der Natur konfrontieren, um sie zu unerschrockenen Menschen zu erziehen, hat das nicht immer heilsame Wirkung.

  28. @Gerhard: ich schalte solche Sendungen mittlerweile weg, weil ich einfach nichts dagegen machen kann, außer Verzicht auf entsprechendes Holz, Gensoja und Vermeiden von Palmöl.

    Kinder und Grausamkeit – die kommt auch in der Geschichte vor, die ich in der Toskana schrieb, um meine Hornissenangst zu sublimieren (und dabei auch selbst Erlebtes aus der Kindheit gleich mit). Belletristik ist nicht so mein Ding (wie man am Text gut erkennt!), aber damals musste ich einfach schreiben…

    aus „Digital Diary, 11.10.2005“

    Das tiefe und gefährliche Brummen einer Hornisse erkenne ich aus allen anderen Insektenstimmen heraus. Ich weiß, ich weiß, so gefährlich sind sie nicht und meist auch nicht aggressiv – aber ich hab’ nun mal von Kindheit an eine Bienen-Wespen-Hornissen-Phobie, als deren Rest mir die Angst vor den Hornissen geblieben ist. Mein Begleiter macht gerne Scherze darüber, dass ich sie geradezu anziehe. In den Monaten, die ich einst in einem uralten italienischen Bauernhaus verbrachte, war ich ihnen sehr nahe: jeden Abend umschwirrte so ein Rieseninsekt in Alarmfarben die offene Gaslampe und erlegte sich irgendwann in der Flamme – schauderhaft! Ihr tiefer Ton geht mir durch Mark und Bein, doch hat mich diese Erfahrung, der ich nicht ausweichen konnte, auch inspiriert: meine einzige belletristische Story entstand unter direkter Einflüsterung der Hornissen. Schreibend versuchte ich, den Schrecken, den sie mir bedeuteten, in den Griff zu kriegen. Und wirklich, meine Angst ist seitdem deutlich geringer, doch wenn ich ihren Ton höre, spüre ich es immer noch tief im Bauch.

  29. @Claudia, schön daß Du das mit der Bienen-Wespen-Hornissen-Phobie schreibst! Natürlich fast und wie nicht anders zu erwarten: Die kenne ich auch!
    Es fing damit an, daß ich beiläufig am Elterntisch hörte, daß der Nachbarjunge in große Problem geraten war, weil er beim Trinken fast eine Wespe verschluckt hatte. Sie stach ihm wohl in den hinteren Rachen. Man sprach am Tisch solche Dinge wie Luftröhrenschnitte an.
    Seitdem hatte ich pure Angst vor Wespen. Es wurde zur regelrechten Manie – mehr brauche ich nicht zu erzählen.
    JETZT ist es so, daß mich einzelne Wespen beim Draussenessen nicht aus der Ruhe bringen.

  30. @claudia

    [..] “Unkraut”

    ich denke mal, das haben die (jüngeren) bauern mittlerweile ganz gut verstanden, aber da ist deren welt in die gespalten, die ein gutes produkt erzeugen und die, die möglichst viel heraushauen wollen. ich sehe jedenfalls wieder mehr büsche als vor jahren zb. aber das liegt wohl auch daran, daß die eifel zunehemend „aufgegeben“ wird.

    [..] Wir können nicht “zurück zur Natur”

    nein, ich weiss auch gar nicht, ob ich das wollte.

    mir ging es mehr um die von dir angesprochene hybris: wie komplex das netzwerk um uns herum ist, beginnen wir ja erst seit ein paar jahrzehnten zu verstehen. vorher waren wir in einem kampf gegen die natur verstrickt, wir haben versucht, sie zu zähmen und das schlägt jetzt auf uns zurück.

    mir ging es auch mehr um die projektion unserer menschlichen sicht auf die natur, die wertung, das „moralische“. da haben wir noch ne menge vor uns.

    @olaf

    ich hätte den namen renfield fallen lassen müssen, damit der kleine (selbstironische) joke aufgeht – der sitzt in einer zelle, füttert spinnen mit fliegen, einen vogel mit der spinne, die katze dann mit dem vogel und isst am ende die katze, während er auf seinen meister, einen herren mit langen zähnen aus transylvanien wartet ;-)

    da war einfach die assoziationskette in meinem kopf zu lang.

    [..] Es liegt wohl Zeitgeist, dass das
    [..] Grau so furchtbar unmodern zu sein scheint.

    ich befürchte, daß wir geradewegs in eine zunehmend manichäische welt hineinrasen, würde aber statt des grau ein „bunt“ bevorzugen.

    @gerhard

    zu der wespengeschichte und um das mißverständnis auszuräumen: ich bin in der gegenwart meiner kinder, wenn eine wespe anrückte, immer sehr gelassen geblieben, selbst wenn die auf mir landete. was die kinder ängstlich macht, ist ja eher die hysterische aufregung und das kreischen von erwachsenen. oder wir haben einer spinnenmama beim „ausbrüten“ (ich habe gerade kein besseres wort) ihrer babyspinnen und deren ausschlüpfen zugeguckt. es gab eine zeit, da haben die spinnen geliebt.

    du verstehst, worauf ich hinaus will: wir erwachsenen prägen durch unser verhalten die wahrnehmung unserer kinder. manchmal müssen wir nur einfach gelassen bleiben und zu erklären versuchen, wozu spinnen und wespen „gut“ sind.

    meine größte angst, btw., waren eher fischgräten, weil bei mir großes bohei um den „st. blasius segen“ zb. gemacht wurde. ich bin da heute noch ziemlich durch den wind. dabei hätte man mir nur techniken beibringen müssen, wie man die fachgerecht aus dem filet holt. aber wie das so ist, eltern und großeltern prägen einen gerne mit all den selbst gemachten (meist schlechten) erfahrungen und ich bin da sicher genau so mangelhaft wie andere auch.

    was ich gemacht habe, sieht im wesentlichen so aus: meine kinder hatten, als wir in einem großen haus gelebt haben, angst abends in den keller zu gehen. zu dunkel. also bin ich mit ihnen in die „waschküche“, hab sie an der hand genommen, habe bei eingeschaltetem licht mit ihnen den raum abgeschritten. dann habe ich das licht ausgemacht und bin noch mal mit ihnen an der hand überall durch.

    hat funktioniert.

    kinder zu schocken, meine eigenen zumal, war sicher nicht meine art, sie mit dem leben vertraut zu machen. bei uns war in den guten tagen eher sehr viel lachen und einander drücken an der tagesordnung.

  31. Renfield musste ich erstmal nachschlagen @ hardy, verstehe jetzt aber besser was Du meinst (und bin obendrein schon wieder ein Stückchen schlauer geworden ;o), danke dafür).

    Ich wollte erst bunt schreiben, habe es aber in der Kürze der Zeit nicht mit dem Schwarz und Weiß zusammengebracht. Bunt ist schöner und besser. Da hast Du so was von recht! ;o)

  32. @Gerhard: interessant! Als Kleinkind (unter 5) wurde mir auch die Geschichte vom Opa serviert, der beim Pflaumen-Ernten eine Biene verschluckte und mit Luftröhrenschnitt gerettet wurde…. scheint eine Geschichte zu sein, die man Kindern besser nicht erzählen sollte!

    Mittlerweile kann ich Hornissen sogar aus 40 cm Nähe fotografieren – aber sobald sie rumfliegen mach ich mich davon.. und ihr „tiefes Brummen“ kann ich nach wie vor nicht gelassen hören…

    Die Idee „Hornissen als Mordwaffe“ – aus eigener irrationaler Todesangst geboren – hat mich dann zu der Geschichte motiviert, an der ich 6 Wochen geschrieben hab: 3 Wochen in der Toskana, 3 Wochen dann zuhause. Seitdem ist mein Verhältnis deutlich entspannter.

  33. @ Claudia: Nicht zu vergessen, die verschluckten Kirschkerne, die Blinddarm verursachen und die elenden Bauchschmerzen, die sich unweigerlich einstellen, wenn man gleich nach dem Genuss von Kirschen, Aprikosen oder Pfirsichen kaltes Wasser trinkt. Diese Liste lässt sich wahrscheinlich vielfältig erweitern..
    Sonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  34. @Herr Ärmel: wobei die von dir zitierten Geschichen (hab ich auch alle mitbekommen) nicht mal stimmen!

  35. @ Claudia: Genau, die meisten dieser Androhungen taugen nicht mal. Wobei mich interessieren würde, woher die stammen und warum sie tradiert wurden.

  36. Die ZEIT hat eine Rubrik „Stimmts?“ – da wird solchen Fragen nachgegangen:

    Wassertrinken schadet nicht
    http://www.zeit.de/stimmts/1998/1998_30_stimmts1

    Kerne im Blinddarm
    http://www.zeit.de/stimmts/1998/1998_20_stimmts

    Auf der ZEIT ist das nicht sinnvoll durchsuchbar. Aber googeln mit den Worten „DIE ZEIT Stimmts? Stichwort“ (ohne Anführungsszeichen!) bringt meist ein Ergebnis. Nicht immer steht auch dabei, woher die Warnung kommt, vermutlich weil das manchmal niemand mehr weiß.

  37. Vielen Dank für den Hinweis – Klasse!

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