Claudia am 22. November 2011 — 12 Kommentare

Der Motor, der nicht stottern darf

Thinkabout schrieb gestern in seinem Blogposting „Wir graben uns in den Schlund der Erde“ über den aktuellen Run auf die letzten Energie-Ressourcen unseres Planeten. Z.B. will die Gas-Branche Gas unter dem Delaware-River-Becken abbauen, das 15 Millionen Menschen im Osten der USA mit Trinkwasser versorgt – ein riskantes, mit vielerlei Risiken und Umweltschäden verbundenes Vorhaben, das immerhin „vorerst gestoppt“ wurde. Aber Thinkabout glaubt nicht dran, dass das lange hält, denn:

„Wir sind ein gieriger Moloch, eine Horde von Heuschrecken. Und wir tun der Erde nicht gut. Wirklich nicht. Am Ende aber wird das die Natur nicht kümmern. Wir sind nur eine Episode für sie. Uns aber müsste es längst ganz anders kümmern, als dies der Fall ist. Dabei ist das Problem längst übermächtig, wenn es so weit voran geschritten ist. Wir müssten erst Ehrlichkeit lernen – und uns bewusst machen, was die Ressource “Energiekraft” uns tatsächlich kostet. „

und weiter:

…“Der Motor, der nicht stottern darf, heisst Wachstum. Und darum wächst uns die Erde über den Kopf, in dem sie unter uns, um uns und über uns ganz langsam aber sicher ihre Ressourcen knapper und ihre Reaktionen empfindlicher werden lässt.“

Das Tragische ist, dass es offenbar keine positive Vision für eine Welt (oder auch nur ein Land) ohne Wachstum gibt. Unser Problem ist tatsächlich der “freie Markt”, den wir im Grunde alle schätzen. Aber da ist halt strukturell inbegriffen, dass niemand den Konsumenten fragt: Willst du, dass wir für ein paar Amazon-Päckchen mehr in Naturschutzgebieten Ölschiefer abbauen?

Das Bemühen um eine Energie-Wende hierzulande geht ebenfalls wie selbstverständlich davon aus, dass künftig genauso viel Energie bzw. MEHR davon produziert werden soll – nicht etwa weniger (was auch mit “Erneuerbaren” nicht ohne massive Umweltschädigung geht). Und schon wegen prognostizierter 40 Euro mehr pro Jahr und Haushalt gibt es ein politisches Trara, als ginge es allen ans Eingemachte!

Verzicht ist ein Unwort, Wachstum ist Zwang – und das nennen dann manche noch immer FREIHEIT.

Diskussion

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12 Kommentare zu „Der Motor, der nicht stottern darf“.

  1. Liebe Claudia,
    Du stürzt Dich auf den Begriff „Wachstum“, aber Thinkabout hat das Problem, so wie ich es sehe („Wir sind ein gieriger Moloch, eine Horde von Heuschrecken…“) woanders geortet…in einer Art agressivem Vorwärtsdrang in der menschl. Natur an sich. Diese innere Beschaffenheit hat uns ja erst zum „Leader“ im Tierreich gemacht hat. Wolf Schneider hat das in „Karriere Mensch“ schön beschrieben.

  2. Hier noch etwas zum selben Thema auf ZENTAO – auch da hab ich kommentiert.

    http://zentao.wordpress.com/2011/11/21/mass-halten/

    und bin ziemlich ratlos…

  3. Der Leader im Tierreich ist gerade massiv dabei, zum Looser der Evolution zu werden. Er ist, um es mal ganz deutlich auszudrücken, primitiv. Er verwechselt Wirtschaftswachtum mit Größe. Er stellt Humanität hinter Profit. Er unterdrückt seine Armen, lässt seine Reichen das weiterhin tun, stoppt seine Despoten nicht, führt Kriege, hält an seiner Macht fest (besonders die männlichen Exemplare), verteilt die Ressourcen der Erde lächerlich ungerecht und zerstört seine eigene Umwelt. Gibt Unsummen für Kriegsmaschinerie aus. Was dagegen hilft? Ganz unpopuläre Werte. Anteilnahme. Empathie. Mitgefühl. Chancengleichheit. Engagement statt Gleichgültigkeit. Transparenz, besonders der Finanzen. Und er muss aufhören, sich gegen andere abzugrenzen. Muss anfangen, seine Mitmenschen, und leben sie noch so weit weg und seien sie noch so fremd, als seine Brüder zu betrachten und nicht als seine Feinde. Da liegt der Ansatz. Manche leben schon danach, oder fangen an, umzudenken. Der Widerstand wird groß sein. Ob wir es noch schaffen?

  4. Ja, manche leben schon danach, das ist gewiss. Es müssten 10 – 15 Prozent sein, habe ich mal gelesen. Das wäre notwendig.

  5. Wer ist „wir“?

  6. Gute Frage, Menachem!

  7. Gegenfrage: Wer kann denn eurer Meinung nach mit „wir“ gemeint sein?

  8. Ich weiß nicht, was Menachem konkret gemeint hat, ich verstehe die Frage aber als eine Aufforderung, zu bedenken, ob es denn überhaupt so ein klares „Sie“ (=die BÖSEN) und „Wir“ gibt – bzw. WER sich denn selber ganz frei von all den von Dir genannten Sünden sprechen kann?

  9. Hier musste ich einen pornografischen „Kommentar“ entfernen, nachdem mich zum Glück ein Freund darauf aufmerksam gemacht hat, dass hier eine „Sexgeschichte“ steht (innerhalb 24 Stunden schau ich ja hierher, aber so lange steht dann schon mal was da…)

    @Gerd, den Verfasser: was soll das? Es gibt unzählige Orte im Web, wo du Sex-Storys posten könntest! Hier passt das einfach gar nicht hin!

  10. @Claudia, ich habe nur von „wir“ geschrieben, nicht von „sie“, und auch habe ich nicht von Sünden gesprochen. Ich meinte meinen Kommentar weder gut noch böse, sondern als eine Beobachtung dessen, was ist. Und ja, ich meine mit „wir“ die ganze Menschheit, dich, mich, alle.
    Und zu dem gelöschten Kommentar: Diejenigen, die die Kommentare abonniert haben, sind jetzt alle mit einer Sexgeschichte beglückt worden ;-)

  11. Wenn ich „Wir“ schreibe, @Claudia, enthält das zwar meine Person, aber gemeint sind doch immer die Anderen. Und wenn jemand Anderes „Wir“ schreibt, dann enthält das auch (marginal) seine eigene Person, aber gemeint bin dann doch „Ich“, in der großen Menge der „Anderen“.

    Das kann ich jetzt mal nur so feststellen, ohne wirklich richtig was dazu im Detail zu schreiben – denn es trifft mich in einer anderen und ganz eigenen Befindlichkeit, in der ich mich zurzeit befinde. Und dazu will ich jetzt noch etwas schreiben, steht es unter der Überschrift: „Du musst selbst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst!“

    „Wir“ sind eine große Familie – das oft gebrauchte, geflügelte Wort. Und da ist es, das „WIR“.
    Wie erlebe ich das?
    Ich habe mich mit unserem kleinen Firmenteam in unserem neuen Büro, das jetzt in einer Leipziger Platten-Wohnung ist, zusammengesetzt und gefragt: Warum muss ich immer „Chef“ sein? Warum brauchen wir Ansage, Delegation, Hierarchien?
    Davon habe ich mittlerweile nach vielen Jahrzehnten die Schnauze endgültig voll!
    Hier in diesen Räumen müssen lediglich all die Dinge verrichtet werden, die jeder auch bei sich zu Hause machen muss. Nichts ist anders. Der Müll muss runter, die Post muss aufgemacht werden, wir müssen einkaufen, Strom und Rechnungen bezahlen.. alles, alles Dinge, wie im ganz normalen Leben. Dazu bedarf es doch keiner Führungsperson. Es muss nur jeder handeln und nicht warten, bis es ein „Anderer“ macht oder die „Leitungsperson“ die Aufgabe delegiert.

    Doch, wie ist es? Ich habe einen Karton mit dem Müll des Einzugs direkt vorne an die Eingangstüre gestellt, in welchem all das hingeworfen wurde, was nicht mehr gebraucht wurde. Nachdem er 3 Wochen da stand und jeder beim Nachhausegehen fast darüber gestolpert wäre, habe „ich“ ihn dann irgendwann genommen und zum Müll gebracht.

    In seinem direkten Umfeld achtet jeder darauf, dass seine Wohnung in Ordnung ist. Wie es aber um ein Gemeinschaftsgut geht, wird Verantwortung und persönlicher Energieeinsatz auf ein „Minimum“ reduziert. Der homo oeconomicus.

    Das ist es ein echtes Spannungsfeld. Die Zukunft, die nicht wirklich greifbar und vorstellbar ist, steht zwischen dem „ich“ und dem „ wir“. Ich, der mit dem „wenigsten Einsatz den größten Nutzen“ haben möchte und dem wir. Wir – das sind dann die nächsten Generationen – die gucken müssen, wie sie da durch kommen.

    Und obwohl die meisten mittlerweile ahnen, das „Wachstum“ keine unendliche Wohlstandsgröße sein wird, ist „Wachstum“ der Motor, der die gesamte Maschinerie am laufen hält. Wird dieser Motor angehalten – gehen die Lichter sofort aus.

    Wie also wieder in die Balance finden?
    Ich denke, es wird nur gehen, wenn jeder seinen Teil der Verantwortung sieht und auch danach selbstständig handelt. Oder brauchen wir wirklich Delegation, Hierarchien oder „Führung“?

    Ich möchte jetzt nicht schreiben, wie ich meine eigene Schlussfrage zu beantworten meinen muss.

  12. @Menachem, dann übernehme ich das mal: Nein, wir brauchen weder Delegation noch Führung noch Hierarchien in der letzten Konsequenz.

    Vorausgesetzt: Die Menschen wachsen, und zwar nicht wirtschaftlich, sondern innerlich. Du schreibst es oben sehr schön: „Du musst selbst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst“.

    Ich habe schon wieder „wir“ geschrieben. Ich sehe in diesem „Wir“ wirklich alle, und nicht nur mich vereinzelt neben den anderen, sondern mittendrin, wie Bakterien in einer Pfütze oder Ionen in einer Salzlösung. Doch im Gegensatz zu den Bakterien oder Ionen nehmen wir uns gegenseitig wahr, sind wir uns selbst und der anderen bewusst.

    Oder?

    Was ein Merkmal dieser Zeit ist (doch lange nicht erst seit gestern), ist das, was du sehr schön beschreibst in deinem Büroalltag: Die Verantwortlichkeit in der Gemeinschaft füreinander ist stark degeneriert. Wie kommt das?

    Die Menschen sehen sich als vom anderen getrennt an. Du selbst beschreibst es ja in deinem Empfinden, siehst dich im Wir dennoch vereinzelt. So sieht sich jeder andere in der Gruppe auch. Und wenn dann noch eine Hierarchie da ist, trägt die Verantwortung eben der, der ganz oben steht. In diesem Falle „der Chef“.

    So wie die Menschen miteinander umgehen, so gehen auch die Nationen miteinander um. Jede will sich von der anderen abschotten. Es braucht Waffen, um die Grenzen zu sichern und zu verteidigen. Die mächtigsten Nationen sagen den kleinen, wo es langgeht und beuten sie aus. Der Chef sagt den Mitarbeitern, wo es langgeht, und beutet sie aus (bitte nicht persönlich nehmen). Sie haben gelernt, die Verantwortung für sich selbst „denen da oben“ zu überlassen. Es war auch lange Zeit nicht gewollt, dass einer von „denen da unten“ aufsteht, eigenverantwortlich handelt und das tut, was er für richtig hält.

    An vielen Stellen in der Welt jedoch lassen sich die Leute das nicht mehr gefallen, rebellieren gegen ihre Unterdrücker und Ausbeuter. Sie fangen an, eigenverantwortlich zu handeln. Wer setzt dem Widerstand entgegen? Natürlich der, der die Macht und das Geld hat. Denn weder das eine noch das andere will er weggeben. Daran klammert er sich, aus Angst, es ganz zu verlieren.

    Und weil Wachstum auf diesem Globus immer noch Profit heißt, kommen Mitgefühl, Anteilnahme, Eigenverantwortlichkeit, Menschlichkeit zu kurz. Das kann sich erst dann ändern, wenn Menschen andere Menschen nicht mehr als von sich getrennt betrachten, sondern sozusagen tatsächlich als „Familienmitglied“. In einer Familie braucht keiner Angst zu haben, dass das Geld wegkommt, denn es bleibt ja „in der Familie“. So kann es denen, die es haben, leichter fallen, denen, die keines haben, das zu geben, was sie zum Leben brauchen.

    Und so ist es doch auch. Wir sind eine Menschheit auf einem Planeten. Und nicht viele verschiedene Menschheiten, die alle nichts miteinander zu tun haben wollen, Hauptsache, ihr Wirtschaftswachstum boomt. Wie es mit den Armen und Chancenlosen im eigenen Land aussieht, ist wieder nur ein Spiegel der globalen Ausmaße.

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