Claudia am 02. September 2010 — 4 Kommentare

Entspann dich gefälligst? Muße geht anders!

Es sind die einfachen Dinge, die richtig schwer fallen. Das vermeintlich allereinfachste, nämlich „gar nichts tun“ muss ich mir regelrecht erobern, erkämpfen, zumindest ganz bewusst erlauben. Geeignete Gelegenheiten wahrnehmen und dann aufpassen, dass ich nicht allzu schnell wieder ‚raus falle…

Das Problem mit der Muße

Die viel gelobte, aber wenig praktizierte Muße als „Pause des Geistes“ fällt mir schwer, weil ich mich durchweg in der Pflicht fühle, etwas zu tun. Das ist beileibe nicht immer bloß das Abarbeiten von ToDo-Listen im beruflichen Sektor: da sind auch Vorhaben und Zukunftsprojekte, die beplant werden wollen, allerlei Erledigungen für die „Behördenfront“, alle Arbeiten im Haushalt, waschen, aufräumen, einkaufen, Pflanzen gießen, mal wieder renovieren, Hausverwaltung kontakten etc. usw.

Klar, dass das alles niemals „fertig“ ist – und dann kommen ja noch die Bleib-Gesund-Übungen dazu (FitnessCenter, Yoga), sowie das weite Feld der Gartenarbeit. Zwar ist das ein „wilder“ naturnaher Garten, aber auch der will gestaltet und entwickelt werden, sonst könnte ich ja gleich eine beliebige Brache bewundern! (Mach ich auch, aber im Garten soll es schon anders aussehen…);

Nicht gestresst, aber beschäftigt

Mein Arbeitsleben hab‘ ich mir so eingerichtet, dass es nahezu nie in Stress ausartet. Es gibt nur wenige „Drucktermine“, bei den meisten Angelegenheiten kommt es nicht drauf an, ob sie heute oder übermorgen fertig werden. Vieles hat noch einen deutlich längeren flexiblen Horizont – es ist also alles Bestens!

Trotzdem bringe ich zuhause keine „echte Muße“ zustande. Zu verlockend steht da im Homebüro mein PC als „Fenster zur Welt“, im Wohnzimmer ist es das TV und ein Stapel Bücher. Und dazu noch ein Netbook, falls mir das nicht reicht – den setze ich aber nur selten ein, denn wirklich bequem ist das Surfen und Lesen im Liegen damit auch nicht.

Entspannungsübungen?

Natürlich kann ich mich „verdonnern“, das alles zu ignorieren und nun pflichtschuldigst 20 Minuten Entspannung oder 40 Minuten Yoga einzulegen. Als echte Muße empfinde ich das dann allerdings nicht – eher als weiteres ToDo, nur eben anders motiviert. Ich kenne nahezu ALLE Varianten von Entspannungsmethoden, nicht wenige hab‘ ich ausreichend lange ausprobiert, über andere im Rahmen von Honorarjobs jede Menge recherchiert und geschrieben. Und ja, wenn man so etwas praktiziert, dann lernt man Entspannung – aber das heißt noch lange nicht, dass man es dann auch wirklich gerne tut, dass es „von selber“ geschieht, gar als Freude und Lust erlebt wird.

Muße braucht Körper, Bewegung, Natur

Schon früher hab‘ ich festgestellt, dass dieses echte Nichtstun am ehesten gelingt, wenn der Imperativ des inneren „Du solltest jetzt eigentlich…“ durch physische Gegebenheiten zwingend außer Kraft gesetzt ist. So etwa während einer Zugfahrt oder als Beifahrer im Auto: da kann ich nicht weg und muss auch nichts machen, alles ist perfekt, wie es gerade ist. Zudem tritt keine geistige Langeweile ein, weil sich um mich her ja alles bewegt, der Anblick durchs Fenster sich ständig verändert. Ohne Eigenleistung bewege ich mich in Richtung meines Ziels – und kann endlich mal richtig abschalten!

Da ich aber nur selten Bahn oder Auto fahre, ist das nur eine Beobachtung, keine ständige Praxis. Die „richtige Muße“ hab‘ ich mittlerweile im Garten gefunden: irgendwann bin ich körperlich spürbar müde, dann lege ich mich in den Liegestuhl und döse vor mich hin. Klar fließt meine Yogapraxis insofern ein, als ich mich dann zunächst auf den Atem und die Entspanntheit des Körpers konzentriere – allerdings nicht mehr „mit Absicht“. Die Gedanken kommen und gehen, doch sobald ich merke, dass mich ein Thema emotional ergreifen will, fokussiere ich wieder die Bauchdecke, die sich bei solchen „Übergriffen“ sofort leicht anspannt – und entspanne wieder.

Mitten im Leben!

Manchmal nicke ich auch kurzzeitig ein, doch anders als in vergangenen Bemühungen um explizite Meditation stört mich das nicht. Ich liege einfach ab und genieße die Abwesenheit jeglichen Tuns und Sollens. Zwar bewege ich mich selber nicht, doch um mich her ist das volle Leben: Insekten summen, Vögel zwitschern, Grillen zirpen, in einiger Entfernung fahren Autos, ab und zu hört man auch eine Baumaschine, tobende Kinder, eine Kettensäge oder einen Rasenmäher. Am Himmel ziehen die Wolken und verändern mein Befinden immer wieder deutlich – am besten ist es, wenn die Sonne nicht zu heiß ist, ich unter Wolken aber auch nicht frösteln muss. Leichter Wind ist ok, zuviel davon stört.

Mittlerweile ist mir diese Muße-Stunde viel wert. Ich mummle mich sogar mit Decke und Pullover ein, um das auch bei nicht mehr sommerlichem Wetter zu genießen. Denn es klappt SO einfach nirgends anders. Vor allem nicht in geschlossenen Räumen, in denen mich die Abwesenheit der meisten Sinnesreize auf das innere „Nichts“ zurück wirft, bzw. in der Folge an zweckgerichteten Gedanken sehr viel mehr festhalten lässt.

Jetzt hab‘ ich also meine „rechte Muße“ gefunden: ein Geisteszustand, der wie ich deutlich spüre, der Verarbeitung der allzu vielen Eindrücke und Inhalte dient, denen ich mich täglich aussetze. Auf einmal werden Prioritäten klar, es kommen auch mal neue Einfälle, doch alles auf einem Grundton tiefer, wohliger Ruhe. Nichts müssen, nichts sollen, nichts wollen – wie wunderbar!

Und später?

Dabei fällt mir die letzte Diskussion über Altenheime und Pflegebedürftigkeit ein: Wieviele solcher Heime machen es wohl möglich, dass die Alten einfach mal „draußen“ mit Blick auf irgend ein nettes Grün auf Liegestühlen abliegen können? Also nicht auf Bänken aufrecht sitzen müssen oder „die halbe Stunde“ mit dem Rollator im Kreis laufen?

Für mich wäre DAS jedenfalls die schönste Form des Sterbens.

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Zum selben Thema gibts einen guten ZEIT-Artikel:

Die Wiederentdeckung der Muße

Diskussion

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4 Kommentare zu „Entspann dich gefälligst? Muße geht anders!“.

  1. Ich halte die Fähigkeit zur Muße für ein Geschenk, das scheinbar nicht jedem gegeben ist. Wer es entbehrt, der muss, braucht, soll, will, … rund um die Uhr – und wird doch nicht zufrieden. :)

  2. hat albert einstein schon gewusst: wer nicht am tag mindestens eine stunde nur für sich hat, ist kein mensch:-)
    habe in meinem blog kurz was zu einem diesbezüglichen kurs geschrieben!
    gruß von sonja

  3. Kenne das Probelm. Ein nettes Buch dazu: Die Mañana-Kompetenz von Gunter Frank und Maja Storch. Vielleicht einen Blick wert? Mir hat es gutgetan.
    Lg, Esther

  4. Hallo liebe Claudia, das „nichts tun“ ist so wichtig. Es bringt uns schöpferische Pausen. Mein Lieblingsspruch lautet in diesem Zusammenhang: Im nichts tun bleibt nichts ungetan.

    Kennst Du das Buch: Die 4 Stunden Woche? Es schafft viel Freiraum.
    LG Silvio

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