Claudia am 26. August 2010 — 47 Kommentare

Bloß nicht pflegebedürftig werden!

Ich kenne niemanden, der diesen Wunsch nicht teilt: nicht mehr selbst für sich sorgen können, auf Hilfe Anderer angewiesen sein, sich womöglich nicht mal mehr selber waschen und eigenständig aufs Klo gehen können: das erscheint als der größtmögliche Horror, an den die meisten lieber gar nicht erst denken wollen.

Dann lieber rechtzeitig abtreten. Auch das ist ein verbreiteter Gedanke, aber mal ehrlich: wer ist denn wirklich so konsequent, sich die Mittel rechtzeitig zu besorgen (und wie?) und dem blassen Gedanken Taten folgen zu lassen? Z.B. beim typischen Oberschenkelhalsbruch, der für viele alte Menschen das Ende ihrer Selbständigkeit bedeutet. Wo wäre da überhaupt noch Gelegenheit dazu? Und: Will man das dann noch, wenn’s wirklich soweit ist?

Auch ist der Eintritt der Pflegebedürftigkeit oft ein schleichender Prozess: Man hofft vermutlich recht lange, die gerade aktuellen Einschränkungen würden sich wieder bessern, man klammert sich an ensprechende Beispiele und will nicht wahrhaben, dass eine Besserung nicht wahrscheinlich ist. Ist es nicht so?

Diejenigen, die Verwandte pflegen, sich ehrenamtlich engagieren oder gar einen Beruf in der Pflege ausüben, werden das besser wissen als ich. Ich weiß nur von meiner Mutter, die auf keinen Fall in ein Pflegeheim wollte. Sie lebte im Haushalt meiner Schwester und war noch nicht durchweg bettlägerig. Sie konnte noch aufstehen, litt aber sehr darunter, kaum mehr etwas im Haushalt tun zu können. Wollte ihre zunehmende Gebrechlichkeit nicht wahrhaben und war alles andere als dankbar oder auch nur freundlich im Umgang – ganz im Gegenteil! Ich hatte einfach „Glück“, vor vielen Jahren schon weit weg gezogen zu sein. So wurden von mir nur recht seltene Besuche erwartet, wobei die auch mehr meinem eigenen Gefühl geschuldet waren. Ich hatte nicht den Eindruck, dass meine Mutter mich gerne öfter gesehen hätte – ganz ohne dass wir beide einander irgendwie bös gewesen wären. Im Gegenteil, da war immer alles friedlich, wir hatten uns im Grunde lange schon nichts mehr zu sagen.

Sie starb sehr schnell zu dem Zeitpunkt, als ein Wechsel ins Pflegeheim unvermeidlich wurde. Auch meine Großtante, die mit 96 immer noch recht rüstig war, starb binnen zwei Tagen, als sie nach einer plötzlichen Einlieferung ins Krankenhaus („irgendwas mit dem Magen“) erfuhr, dass ihre ebenfalls alte Nachbarin die seit vielen Jahren freiwillig geleisteten Hilfen nicht mehr erbringen wollte. Das Pflegeheim wäre unausweichlich gewesen, für sie war das jedoch nach 60 Jahren (!) allein in ihrer Wohnung nicht vorstellbar.

Mein Vater fuhr noch mit Mitte 70 jeden Sommer mit dem Wohnmobil und seiner dritten Frau fröhlich quer durch Europa. Bis er sich eines Tages in Ungarn sehr schlecht fühlte, so dass er die Reise abbrach und nach hause ins Krankenhaus fuhr. Diagnose: Krebs mit Metastasen überall. Es dauerte noch sechs Wochen, dann war er tot.

Es scheint, man stirbt in meiner Familie lieber, als zum „richtigen“ Pflegefall zu werden. Und angesichts dessen, was man vom Leben und „dahin vegetieren“ in den Heimen hört, ist das sehr nachvollziehbar – ich würde mir das ganz genauso wünschen.

Je älter man wird, desto weniger mag man Veränderungen. Der Übergang in eine völlig fremde Umgebung, in einen klinisch durchorganisierten Massenbetrieb mit der wohnlichen Atmosphäre einer Vorhölle gibt vermutlich einer Menge bis dahin noch halbwegs „bei sich“ gewesener Menschen psychisch den Rest. Und was man von all diesen Einrichtungen immer mal wieder in der Presse liest, dient nicht gerade der Beruhigung: wund gelegene Körper, zwangsernährt durch die Magensonde (in manchen Heimen muss man schon bei Eintritt darin einwilligen!) – ich spar mir jetzt die Sammlung weiterer grusliger Details.

Wie denkt Ihr darüber, so ganz persönlich? Statistisch gesehen bin ich mit Mitte 50 noch lange nicht „dran“ – aber anders als früher denke ich schon öfter mal ans eigene Alter, an den möglichen Verlust meiner Selbständigkeit. Und damit auch an die JETZIGE Situation der Menschen, die nicht mehr eigenständig leben können.

Diskussion

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47 Kommentare zu „Bloß nicht pflegebedürftig werden!“.

  1. Ganz ehrlich? Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt so alt werde, dass sich diese Frage für mich so stellen wird aber da ich es natürlich nicht mit Sicherheit weiß, mache ich (Mitte 40) mir auch so meine Gedanken.

    Klar würde auch ich mir wünschen, dass ich am Ende nicht in einem Heim lande aber das lässt sich wohl kaum vermeiden, denn bei mir kommt hinzu, dass ich Single bin und wohl auch bleiben werde und auch von Seiten der übriggebliebenen Familie keine große Hilfe erwarten könnte. Meine finanzielle Situation ist auch nicht so gestaltet, dass ich es mir leisten könnte, mir einen einigermaßen vernünftigen Lebenskomfort oder wenigstens eine gesichert gute Pflege „kaufen“ zu können.

    Da ich aus verschiedenen Gründen Einblicke in diverse Alten- und Pflegeheime (unterschiedlicher Träger und Preisklassen) habe, ist für mich die Vorstellung eines Tages dort zu landen, wo ich aller Voraussicht nach vermutlich landen werde, ein absoluter Horror.

    Ich kann nur hoffen, dass ich – sollte ich ein gewisses Alter erreichen – plötzlich und schnell sterbe oder aber (real) so vereinsamt bin (Freunde gleichen Alters sind dann ja in derselben Situation oder sogar schon selber verstorben und jüngere sind viel zu beschäftigt bzw. in alle Welt verstreut, als dass sie helfen könnten), dass keiner mitbekommt, wenn es mir schlechter geht und ich dann irgendwann wenigstens in den „eigenen“ vier Wänden mein Leben beschließe (ich hoffe nur, es dauert dann nicht noch Jahrzehnte, bis jemand auffällt, dass da doch noch diese alte Dame im Haus wohnt, die man ewig nicht mehr gesehen hat).

    Alles natürlich theoretische Spekulation über „was wäre wenn …“ – was letztlich wirklich wird, ist noch mal ein ganz anderer Schuh und wie gesagt, ich bin irgendwie ziemlich sicher, dass ich so alt gar nicht werde.

  2. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es gerne so machen können, wie mein Vater:
    Ich traf ihn bei einem meiner Besuche im Altenheim an:
    Freistehend auf einer Holzstaffelei, Lautsprecher anbringend
    im Speisesaal. Auf meine Frage hin, erklärte er mir:
    Wir wollen nachmittags beim Kaffee Musik hören aus unserer Jugend. Ansonsten hätte er derzeit zu tun:
    Fernseher und Radios zu reparieren, weil er gerade viele Anfragen anderer Heimbewohner habe.
    Der Heimleiter drückte ein Auge zu und ließ wohl sämtliche
    Sturzprophylaxen außer acht.

  3. Ganz offen – ich bin ziemlich erschüttert!

    Könnt ihr euch Alter nur als das Unberührbare vorstellen, ergo kein Drittes außer ewiger Jugend oder schnellem, gnädigem Tod?

    Und was sagt ihr damit den Alten, die leben, statt zur rechten Zeit abgetreten zu sein?

    Daß sie hier und heute fehl am Platze sind?

    Sorry, vielleicht ist das wieder schnell aus der Hüfte geschossen, aber es wäre schon gut, mal zu hören, wie die Generation ‚forever young‘ tatsächlich zum Alter steht, wenn sie sich nicht mehr dank Jugend oder Rausch darüber hinweg träumen kann, sondern sich irgendwie wirklich zu Zerfall und Siechtum stellen muß, statt bloß in ‚Lina-Braake‘-Phantasien zu schwelgen oder den ‚Vorher hau ich in den Sack‘-Larry zu mimen!

  4. Meine Freundin und ich sitzen gerade im Büro und lächeln
    hinter unseren Aktenbergen. Wir werden später mal überlegen, ob wir im Rahmen der Fortschreibung der Qualitätssicherung einen Standard über Träume und Phantasien ausarbeiten sollten.
    Vielleicht kannst Du uns ja beraten Susanne?
    Es wird sicher noch Wochen dauern, bis wir mit dem dringendst zu erledigenden Schriftkram hier fertig sind.
    Gute Nacht

  5. @indy

    Das kann ich sicherlich nicht (i.e. euch beraten)!

    Jeder Mensch kann Themen (oder Details in ihnen) vermeiden, wenn sie ihr zu sehr unter den Nägeln brennen. Wogegen niemand ankommt, es sei denn mit einer Heckler&Koch, aber das liebe ich nicht. Nur ist das Altern viel hartnäckiger als jeder Peacemaker und treffsicherer obendrein. Und davor schützt kein Schriftkram. Leider.

    Falls dein Vater in einer Einrichtung der stationären Altenhilfe lebt und dort noch allein auf eine Leiter klettern kann (ohne vom Personal umgehend herunter gezerrt zu werden) wird er ein Selbstzahler sein. Was seine Lebensumstände in den Rang der oberen Zehntausend rückt, für die vieles, was zum Altern hier gesagt wird, gar nicht gilt. Für die unteren zehn Millionen wäre ein Sturz von der Leiter das Ende. Weswegen sie nur selten hinauf kletterten (so sie es überhaupt noch könnten).

  6. Susanne, ich kann jetzt einen Stock höher gehen zu den Leuten im Pflegeheim, damit ich mich nochmal hautnah informiere, wie das so ist, wenn ich mal dement bin.
    Ich hoffe, Du besuchst mich dann und haust mir meine Affirmationen solange um die Ohren bis ich
    tot bin!
    Das wäre dann ein Liebesdienst.
    Oder du erschießt mich tatsächlich davor noch!
    ich werde jetzt wirklich nichts mehr kommentieren, weil es hält mich von unserer Arbeit ab!
    Wir sind erst um 21:45 von der Ambulanten Pflegetour zurückgekommen. Soviel zu unserem Einblick in die Szene!
    Ich hoffe, es beruhigt Dich!

    Ich bin mir sicher, Du wirst alle kompetent beraten.
    Meine Freundin, die auch Gutachterin ist und im Verbandswesen tätig, schüttelt gerade den Kopf und fühlt sich völlig inkompetent im Vergleich zu Dir!
    Ich selbst musste gerade Galle spucken, weil ich mich wirklich konzentrieren sollte.

    Sorry, dass ich hier soviel Stress reingebracht habe mit
    meinen völlig illusorischen Meinungen.

    P.S.: Mein Vater starb damals friedlich, ich weiß schon,
    dass mir das eventuell nicht vergönnt sein kann!
    Wenn ich mal irgendwann Zeit habe, schaue ich bei
    meinen Freunden in Dänemark vorbei, die abends bis in
    die Puppen in Ihrer Alten-Wg mit den alten Menschen
    zusammensitzen und Rotwein trinken und informiere
    mich, wie die das machen. Ich werde es aber hier
    nicht mehr kommentieren!

  7. Ich mag es, wenn jemand Deutliches, Nachvollziehbares sagt, und versuche, das selbst zu schaffen – was sicherlich nicht immer gelingt.

    Das geschmeidig Ausweichende und niemals präzise Verortbare, plötzlich immer wieder neue Namen und (Pseudo-)Fakten herbei Holende verwirrt mich zu sehr.

    Der eben noch auf einer Leiter stehende Vater ist auf einmal friedlich gestorben. Eine Freundin ist Gutachterin (beim MDK?) und eigenartige Uhrzeiten (habt Ihr um ca. 21:30h noch zu Pflegende ins Bett gebracht?) werden minütlich protokolliert, obwohl beides wenig zur Sache tut, weil es nicht mit der geringsten substantiellen Aussage gefüllt wird, sondern nur als Leuchtreklame im Raum stehen bleibt, um damit irgendeine Wirkung zu erzielen.

    Sorry, aber damit kann ich wenig bis nichts anfangen.

    Vielleicht ist das alles ein großes Mißverständnis, ich weiß das nicht. Ist dem so, wäre es schade. Aber mir kommt, was ich hier von Dir lese, leider sehr spanisch vor (ein politisch absolut nicht korrekter Ausdruck dafür, daß ich nicht recht weiß, was ich davon zu halten habe).

  8. Ich glaube, dass man sich den (wohl ALLEN Menschen eigenen) Ängsten vor Alter, Krankheit, Schmerz und Hilflosigkeit, nicht konstruktiv zuwenden kann, wenn man sich gegenseitig mangelnde Einsicht oder ein falsches Bewusstsein vorwirft.

    Dadurch wird das kein bisschen besser oder anders. Im Gegenteil, man zerstreut sich und bleibt mit diesen Gedanken dann lieber alleine – weil man ja sieht, dass „es nichts bringt“, sondern nur Aggressivitäten aufkommen.

    Wenn wir also nicht mal drüber reden können: wie weit sind wir dann davon entfernt, etwas zu ändern? An dem zu ändern, was uns Angst macht?

    Dabei haben Susanne und Indy je eigene Erfahrungen und fortlaufende Praxis im „ändern wollen“. Susanne ist im Ehrenamt/Freiwilligen-Einsatz bereits recht frustriert und hofft auf nichts mehr, wogegen Indy es institutionell angeht und noch sehr motiviert ist im Aufbau von etwas Neuem. Aber anstatt sich auszutauschen, wird sich angekoffert und entsprechend verteidigt – schade eigentlich!

    Liisa (die ebenfall Einblick in reale Alters/Pflege-Situationen hat) formuliert ganz einfach die allgemeinen Ängste. Einen schnellen gnädigen Tod ohne großes Aufhebens und Nerverei für Andere haben sich schon viele gewünscht, junge, mittelalte und alte Menschen.
    Daran ist überhaupt nichts zu bekritteln: der Wunsch, gesund und munter ewig zu leben ist eingeborener Wille aller lebendigen Wesen. Blödsinnig, ihn zu leugnen!

    „Da ich aus verschiedenen Gründen Einblicke in diverse Alten- und Pflegeheime (unterschiedlicher Träger und Preisklassen) habe, ist für mich die Vorstellung eines Tages dort zu landen, wo ich aller Voraussicht nach vermutlich landen werde, ein absoluter Horror. „

    Genau DAS ist es doch auch, was Susanne vor Augen hat und immer wieder so empört ins Bewusstsein hebt.

    Gleichzeitig ist es auch das, was Indy und seine Freundin gerade im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein Stück weit ändern wollen.

    Und es ist das, was mich motiviert, solche Artikel zu schreiben!

    Wir sind uns also in den wichtigen Punkten sehr einig. Und da wir alle mit einiger Wahrscheinlichkeit vielleicht doch mal pflegebedürftig werden, könnten wir uns in der Zeit bis dahin ja damit befassen, wie ein Leben und Gepflegt-Werden im letzten Stadium sein muss, damit es nicht „dieser Horror“ ist.

    Ist ja nicht so, dass es da keine Ansätze gäbe. Und es liegt nicht alleine am Geld. Einen Vorhang aufhängen kann ein rüstiger Alter auch in einem Drei-Säulen-Heim (Minirente + Pflegevers. + Sozialhilfe) – und wenn das nicht überall der Fall sein sollte, kann man es dahin gehend ÄNDERN. Ganz ohne mehr Geld…

    Ist nur ein Beispiel. Ich kannte auch Menschen, die in sehr angenehme Hospize kamen, ohne vermögend zu sein. Und was es in der Zukunft für Institutionen und gesellschaftliches Engagement geben wird, liegt auch an uns.

    Wenn ich allerdings dann irgendwann zur Meinung komme, dass mir das Leben nichts mehr gibt, ich nur noch leide und nur noch Last für andere bin – dann möchte ich auch abtreten dürfen auf eigenen Wunsch!

    Auch das gehört m.E. zur Menschenwürde.

  9. @Susanne:
    wie in meinem Kommentar vom 25.08. im vorhergehenden Thread geschrieben, betreibt meine Freundin ein Pflegeheim und einen Ambulanten Pflegedienst als Unternehmerin.
    Wegen Personalmangels muss sie derzeit selbst Pflegetour fahren. Sie ist gleichzeitig freie Pflegegutachterin.
    Ihr Unternehmen wird vom MDK, Heimaufsicht u.a. kontrolliert.
    Das verursacht einen ungeheuren bürokratischen Aufwand
    (Qualitätsmangement, Dokumentation, Abrechnung, Schriftverkehr).
    Der angedachte Sinn, nämlich Sicherung der Pflegequalität,
    verkehrt sich unserer Meinung nach ins Gegenteil:
    Die Pflegekräfte müssen immer mehr Zeit aufwenden für
    Dokumentation und Qualitätszirkel und dergleichen. Diese Zeit fehlt dann bei der Pflege, bzw. setzt sie dort unter enormen Zeitdruck.
    Wir sind derzeit im Büro ihrer Einrichtung und versuchen
    liegengebliebenen „Schriftkram“ zu bewältigen.
    Meine Freundin sagt, ohne Lachen und Lächeln würde sie
    die Arbeit nicht machen können, weil das viele Leid und die übermäßige Bürokratie sie sonst zum Aufgeben zwingen würden.
    Was meinen Vater betrifft, er war in den 90er-Jahren im Altenheim und der damalige Heimleiter schätzte ihn deswegen, weil er noch rumwerkeln wollte. Er sah das
    als erwünscht an. Bei diesem Leiterauftritt, drückte er
    ein Auge zu und ließ meinen Vater kurzzeitig gewähren trotz aller Gefahren.
    Ausgehend von Claudias Frage, erzählte ich meinen „Traum“, der Dich dann zu Deinem Kommentar von 20:15 Uhr veranlasste.
    Ich reagierte mit Süffisanz (Standard über Träume und Fantasien), weil es im Pflegewesen eine Unzahl von Standards auszuarbeiten gilt, welche die Pflegekräfte einzuhalten haben.
    Sorry, dass ich wohl überreagiert habe, aber Träume erlaube ich mir eben und ich möchte sie dann nicht um die Ohren geschleudert haben.
    Meine Freundin und ich suchen seit geraumer Zeit nach möglichen Alternativen zu den klassischen Einrichtungen der Pflege, wie ich im vorhergehenden Thread angedeutet habe.
    Diese möglichen Alternativen sollen ein zusätzliches Angebot sein und hängen natürlich von Pflegestufen und anderen Umständen ab.
    Ambulant Betreute Wohngruppen gibt es bereits. Wir selbst sind gerade dabei eine entstehen zu lassen.
    Nochmals Sorry wegen meiner übertriebenen Reaktion.
    Ich wünsche Dir selbst viel Glück und werde mich wirklich endgültig hier zurückziehen, weil es mich befangen macht, wenn ich ständig Angst haben muss, von Dir „in der Luft zerrissen“ zu werden, wenn ich was kommentiere.
    Bei einem Brainstorming fühle ich mich nur wohl, wenn ich freiweg Gedanken äußern kann, ohne ständig angeschossen zu werden. Ich wollte eh‘ eine Kommentarpause einlegen, wie im anderen Thread angekündigt. Nun komme ich nicht mehr hier her zum Kommentieren.
    Sorry Claudia, das tut mir wirklich alles sehr leid!

  10. @indy:

    Sich öffentlich zu äußern birgt immer das Risiko, deswegen angegangen zu werden. Ich hatte nicht das Gefühl, jemanden ‚in der Luft‘ zu zerreißen, sondern suchte nach Punkten, an denen sich Aussagen berühren können, um sie zu vergleichen. Dazu müssen sie jedoch substantiell irgendwie erfahrbar sein, oder es bleibt bei einem ‚ich Tarzan – du Jane‘ und dann Blende aus.

    Schade, daß Du meine Einlassungen nicht so siehst. Jedoch kann ich beim besten Willen Deinen Aussagen nicht genug Substanz abgewinnen, um mit ihnen etwas anzufangen. So waren etwa in den 90er Jahren die Verhältnisse in Pflegeheimen noch recht paradiesisch, vergleicht man sie mit heutigen. Wenn Du sie also hier anführst, hättest Du sie auch so kenntlich machen sollen.

    Und schiere Träume miteinander zu vergleichen ist abstrus! Dort ist alles und nichts denkbar, und ohne einen geteilten Maßstab kannst du ebensogut Seifenblasen gegeneinander anrennen lassen.

    Brainstorming, by the way, hat immer auch den Moment der Kritik an den durchs Hirn rauschenden Winden, oder es wäre ein albernes Luftschlösser Bauen von irgend jemandes Gnaden, irgendwie so ins Blaue hinaus und ohne jede Konsequenz.

  11. Ups, dieser Kommenat stammt nicht von einem Anonymus, sondern von der gerade sehr streitsüchtig aufgelegten Susanne!

    @Claudia:

    Du fragst Dich, „wie ein Leben und Gepflegt-Werden im letzten Stadium sein muss, damit es nicht ‚dieser Horror‘ ist.“

    Das ist nichts anderes als die Frage, ob es ein Gutes im Schlechten geben kann, der gerade Deine Generation sich eben leider nie gestellt hat, weil ihr ein Auskommen im Unauskömmlichen reichte, um es sich als Gutes vorzustellen.

    Ich hoffe sehr, daß damit eine Diskussion beginn. Und halte gerne meinen Kopf (in Gestalt dieses Kommentares) dafür hin!

  12. Sorry, Susanne, du tust aus meiner Sicht grade in jedem einzelnen Statement ALLES dazu, dass KEINE konstruktive Diskussion entsteht – indem du diejenigen, die sich substanziell mit eigenen Erfahrungen einbringen, runter machst (und im Ergebnis einfach vertreibst, Glückwunsch!).

    Näher dran an der Praxis, die es zu ändern gilt, kann man wohl kaum dran sein als Indy und seine Freundin („…betreibt meine Freundin ein Pflegeheim und einen Ambulanten Pflegedienst). Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum du seinen Worten die „Substanz“ absprichst, bzw. ihn als Träumer darstellst! Wie anders als in Auseinandersetzung mit den „im System“ Aktiven und darunter Leidenden soll denn eine Veränderung bittschön stattfinden?

    Und auch meine Intentionen machst du nur einfach mies, indem du wolkig auf irgendwelche Gesamteigenschaften „meiner Generation“ hinweist, die dir offenbar nicht systemsprengend genug erscheinen. Ich meinerseits konnte mit denjenigen nie viel anfangen, die immer nur möglichst extreme Positionen vertraten, die letztlich darauf hinaus liefen, zu meinen: solange nicht die Weltrevolution statt findet, ist eh alles Mist! Gerade sie in ihren K-Grüppchen oder anarschistisch ausgerichteten Kontexten hatten an der Befassung mit konkreten Missständen in aller Regel gar kein Interesse. In ihrer schwarz gekleideten Miesepetrigkeit und dem stets alles konkrete Tun verachtenden „das-ist-doch-alles-nichts!-Gestus“ haben sie nicht viel beigetragen zur Veränderung der kritisierten Zustände. Und waren dennoch alle „meine Generation“, die definitiv Menschen quer durch alle Varianten möglichen Engagements umfasste.

    Es gibt nicht nur gut und schlecht, schwarz und weiß – und ich weigerte mich immer erfolgreich, so eine holzschnitt-artige Haltung zur Welt einzunehmen. Sie ERÖFFNET nämlich keine Handlungsmöglichkeiten, sondern verstellt sie gerade – indem immer nur auf ein großes, übermächtiges Übel oder ebenso übermächtige feindliche Mächte hingewiesen wird, gegen die eh niemand was machen kann.

    Die Frage, “wie ein Leben und Gepflegt-Werden im letzten Stadium sein muss, damit es nicht ‘dieser Horror’ ist.” steht im Raum und sie wird viele noch lange und ausführlich beschäftigen. Die nötige Diskussion darüber kann aber nicht stattfinden, wenn sich daran Interessierte nur gegenseitig nieder machen und ihre „Streitsucht“ pflegen.

  13. @Susanne:
    Zum besseren Verständnis ein letztes:
    Das, was Du aus Deiner eigenen Erfahrung schreibst, ist der Grund meines Rückzuges.
    Diese Diskussionen über das „richtige Bewusstsein“ machte ich vor 40 Jahren selbst, bis ich mich entschloss, meine Energien anderweitig einzubringen.
    Auch wenn mir nachgerufen wurde, ich würde die Verhältnisse nur „verschleiern“!
    Sollte ich meinen Kindern sagen, wir müssen erst auf die Revolution (wie auch immer?) warten, weil wir in Verhältnissen nicht leben dürfen, in denen wir nicht leben können?
    Ich habe mich damals anders entschlossen.
    Deswegen war ich gestern wohl auch gereizt, weil ich mich zum zweitenmal „angemacht“ fühlte und es für mich dann eben nix bringt, das jetzt noch bis zum Erbrechen durchzuziehen mit Susanne. Ich hatte eh‘ schon überreagiert.
    Dir selbst Alles Gute Claudia!
    Es geht einfach nicht mehr hier für mich mit meinen querdenkerischen Ansichten!

  14. Korrektur:
    Hatte versehentlich „@Susanne“ geschrieben, statt
    „@Claudia“. Ich bin gerade zu erregt bei diesem Thema!

  15. Ich weiß nicht, ob alle Wesen ewig leben wollen. Ewigkeit scheint mir eine Idee, die keine Berührung mit Lebendigem oder sonst etwas hat, das existiert. Müdigkeit hingegen erfährt man oft. Das Alter war eine schöne Sache, kein grausiger Verfall, als es noch selten war. ‘Gesundheit und ein hohes Alter’ wünschte man sich. Wir leben lange, weil wir zu essen haben, ein Dach überm Kopf, eine Heizung im Winter, Ärzte für Zipperlein. Wir leben auch lange, weil wir nichts wagen müssen, Kriege anderswo führen, die Gewalt meist nur in der Zeitung steht, wir Unternehmen zwingen, ihr Gift nicht in die Landschaft zu kippen. Wir streiten uns schriftlich und vor Gericht, fürchten Ärger und Aufregung. Nicht Ewigkeit kommt mir normal vor, sondern Tod. Der ist nun aus dem Leben gedrängt, weggesperrt und oft verkleidet. Früher gab es wilde Sprüche, die sagten, man müsse das Leben wagen, es zu gewinnen, heute heißt es, man soll es schonen, es zu erhalten, es zu strecken. Nicht im Pflegeheim fängt das Elend an, es beginnt auf der Säuglingsstation. Vom Kinderwagen sehen wir dem Leben auf der Straße zu, dann geht es weiter in Hort, Kindergarten, Schule, Lehre, Uni, Job und Wohnung, Urlaub, Heim bis nur noch eine Hoffnung bleibt: dass uns nichts zustößt, dass wir, verwahrt, verwaltet, alles richtig machen, dass man uns trägt, solang es nicht weh tut. Die Gründe, sich im Alter zu erschießen, treffen vielleicht schon mit zehn. Warum auch nicht? Wir werden, wenn wir tot sind, nichts vermissen. Programmrücktritt.

    Ich habe mich in Wahn geflüchtet, baute eine mir(!) kaum harmlose Welt, und vermute, Millionen andere halten es ebenso. Aber dann, wenn es darum geht, Letztleiden zu entgehen, denke ich, dass, wenn man sterben will, man doch was wagen kann. Wen der Tod nicht schreckt, kann viel bewirken, kann sich an Orte trauen, die Menschen selten sehen, kann Ängste fahren lassen und etwas andres tun, als auf ein angenehmes letztes Bett zu setzen. Beizeiten, nicht, wenn man schon nicht mehr steht. Eine Freundin meiner Mutter hat das so getan, hat mit 79 Jahren und bereits gebrechlich alles verkauft, ist nach Brasilien gefahren, wo ihre Tochter als Ärztin in einem Slum verschwunden war – und starb mit 82, als sie ein Kind beschützte, durch einen Schuss. Meine Mutter hat mir ein Foto gezeigt, darauf ihr Bild, auf eine Hauswand gemalt, darunter Blumen, und hat dazu gesagt: Sie ist verrückt geworden.

    Leider kann ich nichts Sinnvolles beitragen. Auf die Frage, ‘wie gehen wir mit den Alten um?’, fällt mir nur ein: ‘wer seid ihr denn?’ Meine Schwiegermutter ist schwer pflegebedürftig (und war auf den Tag davor eine im Alter noch weltreisende Frau), meine Mutter kann gerade noch gehen und wird es bald sein. (Die Väter sind schon gestorben.) Beide machen es ihren Kindern nicht leicht, verweigern sich Heim und allzu professioneller häuslicher Pflege, sind oft nicht klar, aber entschieden, dass sie bestimmen, auch wider das, das vernünftig scheint. Das kann sie, sagt der Arzt, wohl Jahre kosten, wir müssten zwingen. Zuerst kostet es ein Haus. Na und? Sie sollen ihren Willen haben. ‚Sie starb im Kreise ihrer Lieben‘ (‚lebenssatt‘), klingt auch nicht schlecht. – Wie gehe ich mit meinem Alter um? Ich bin längst depressiv, fürchte es nicht, und krank genug, vorher der Krankenpflege zu bedürfen. In meiner Jugend wollte ich mit dreißig sterben, jetzt bin ich fünfzig und viel zu alt. Ich habe ein Kind, für das will ich sorgen, solang es mich braucht. Ich merke aber, ich bin aus der Bahn gefallen, treibe irgendwo hin. Am liebsten flöge ich ins All, sehe die Erde von außen und sterbe dann. Am liebsten flöge ich in die Sonne, die liebe ich seit Kindertagen. Das kann ich nicht bezahlen, krieg es alleine nicht hin und meine Frau mag ohnehin nicht mit. Ich habe keine Angst, aber ich habe auch keinen Plan. Und ihr? Ich lese hier und staune. Nur leider hab ich kein Geschenk dabei.

  16. @Dirk: danke für deinen Beitrag – er ist Geschenk genug!

    Natürlich meint die Rede vom „ewig leben wollen“ nicht ein reflektiertes Sehnen nach realer Ewigkeit. Sondern die ungebrochene Präferenz des Votums fürs Weiterleben/Überleben in jedem Augenblick. Tut sich ein Abgrund vor dir auf, trittst du zurück – und springst nicht etwa fröhlich hinein!

    Und im „letzten Bett“ würden die allermeisten wohl auf das Angebot des Arztes, hierjetzt die finale Pille zu schlucken, eher sagen: „ach, heut noch nicht…aber legen Sie es bitte auf den Nachttisch!“

    Dass dem so ist, bzw. sein würde, weiß ich auch ganz aktuell von einem befreundeten Arzt, der Jahrzehntelang als Internist in der Klinik arbeitete. Er berichtete, dass ALLE Patienten am Ende ihre vorher anders gerichteten Meinungen bezüglich lebensverlängernder Maßnahmen revidierten, wenn es wirklich soweit war…

    „Beide machen es ihren Kindern nicht leicht, verweigern sich Heim und allzu professioneller häuslicher Pflege, sind oft nicht klar, aber entschieden, dass sie bestimmen, auch wider das, das vernünftig scheint. „

    Es ist auch meine Beobachtung, dass im hohem Alter bei vielen die Egozentrik massiv zunimmt und das Gespür für die Lasten, die man Anderen aufbürdet, krass abnimmt. Das ist etwas, dass sich vermutlich (wenn überhaupt) nur individuell durch eine entsprechende „Lebenskunst“ vermeiden lässt, die auch einen Rückzug und ein Abgeben der Macht zum Ende hin umfasst.

    Im übrigen begrüße ich es, dass du noch unter uns weilst!

  17. Liebe Claudia, ich habe selbst, nicht nur in meiner Zeit in der Pflege, auch im Freundes- und Familienkreis erlebt, wie die Lebensverlängerung am Ende doch zurückgewiesen wurde. ‚ALLE‘ wundert mich sehr.

    Mit den wunderlichen Alten ist es wirklich oft schwer. Aber solange ich glaube, dass es ihr Wille ist, werde ich hinnehmen, mich fügen und meine Mutter weder zu ihrem noch zu meinem Glück drängen. Der Arzt nennt das ‚der Entscheidung ausweichen‘, ich nenne es Unzuständigkeit. Wenn sie nicht mehr entscheiden kann, ändert sich das. Dann muss ich mich in sie hineinversetzen. Schön wäre dann, ich verfügte über mehr Mittel und Möglichkeiten. Zumindest habe ich Zeit. Sie hat für mich so viele Jahre gegeben. Wenn ich auch für manches nicht dankbar bin.

  18. Schöner Text, Dirk! Das klingt ehrlich.

    Die Frage hieß doch: „Wie denkt Ihr darüber, so ganz persönlich?“ Ich kann nicht verstehen, wieso den einen stört, was der andere über etwas denkt.

    Ich denke so: Ganz persönlich mag ich Pflege nicht. Ich genieße es nicht, gepflegt zu werden, habe aber schon Menschen getroffen, die das durchaus zu genießen schienen, daß sich jemand um sie kümmern „muss“. ;) Ich aber möchte generell nicht hilflos sein und ich suche auch nicht nach Hilflosen, die ich pflegen könnte. Das Thema hat in mir keine Resonanz und es hat sich mir bislang nur ein Mal kurz aufgezwungen: Mein Vater war nach einer Hirnblutung ein halbes Jahr dement und pflegebedürftig. Nachdem er zuhause nichts mehr trinken wollte, wirr redete und Aktionen mit dem „Hackebeil“ ankündigte, kam er per Gerichtsbeschluss und Polizei in eine geschlossene Abteilung. Ein paarmal habe ich ihn dort besucht und dabei einige Erfahrungen gesammelt. Ich würde dort nicht so gerne sein aber ein Horror war es auch nicht.

    Es gibt Themen im Leben, die ziehen einen an. Es gibt auch Themen, die jagen einem Angst ein. Zu beiden Sorten Themen hat man offensichtlich eine gewisse Affinität. Es gibt auch Themen, die einen kalt lassen. Ich vermute, daß jemand es in seinem Leben hauptsächlich mit den Themen zu tun kriegt, zu denen er die größte Affinität in Form von großer Anziehung oder großer Angst hat.

  19. @ Susanne: Nein, das war nicht aus der Hüfte geschossen. Es wurde von mir dort verwendet, wo sich mir die Beweisführung nicht erschlossen hat und ich es als willkürlich provozierendes Statement angesehen habe.

    Jetzt findet ein Schlagabtausch statt, der für mich Okay ist, weil Positionen klar und deutlich vertreten werden. Es ist Pfeffer in der Debatte, welchen ich, von der Aussenlinie betrachtet, geniesse, sind doch als Folge der digital diary Gruppendynamik einige sehr gute Kommentare verfasst worden. Lob an alle.

    Finde keine Zeit für ausführliche Stellungsnahme, aber die folgende Aussage von Susanne finde ich schon zentral und über den dritten Weg habe ich hier zu wenig lesen können!!!

    „Könnt ihr euch Alter nur als das Unberührbare vorstellen, ergo kein Drittes außer ewiger Jugend oder schnellem, gnädigem Tod?

    Die Susanne Opinion mag provozieren! Sie darf es aber auch, weil da jemand sehr viel praktische Erfahrung hat, welche anderen Kommentatoren abgeht.

    Schön weiter streiten, neue Erkenntnisse und Lösungen entstehen durch Gedankenaustausch. Im übrigen im real life existiert nicht nur schwarz und weiss und wer nicht den freiwilligen Abgang plant, macht sich besser Gedanken über den dritten Weg und der ist nicht einfach als staatliche Versorgungsleistung einzufordern. Gott sei Dank.

  20. @Relax-Senf: offenbar hast du die Beiträge nicht gelesen, denn sonst könntest du nie und nimmer sagen

    „Die Susanne Opinion mag provozieren! Sie darf es aber auch, weil da jemand sehr viel praktische Erfahrung hat, welche anderen Kommentatoren abgeht. „

    Es ist unbenommen eine „praktische Erfahrung“, wenn man immer Freitags alte und demente Menschen in einem Heim besucht. Aber es ist auch eine ganze Menge Erfahrung, sich mit seiner Freundin (die ein Heim und einen Pflegedienst leitet) um den Aufbau einer Alten- und Dementen-WG zu bemühen – als Alternative zum Heim, dessen Rahmenbedingungen diesen beiden Menschen wohl äußerst vertraut sind.

    Auch Liisa schrieb, dass sie „aus verschiedenen Gründen Einblicke in diverse Alten- und Pflegeheime (unterschiedlicher Träger und Preisklassen)“ habe.

    Und warum soll jemand, der ein Altenheim schon öfter von innen gesehen hat, andere „mal eben so“ von der Seite anmachen dürfen?

    Dadurch hat das freimütige Teilen der eigenen Gedanken über eine mögliche eigene Pflegebedürftigkeit ein sofortiges Ende genommen! Ich hatte geschrieben, Liisa auch – und dann kam Susanne und begann mit „Schlagabtausch“. In dem ich im übrigen keinerlei greifbare inhaltliche POSITION erkenne, als den anderen eins drüber zu bügeln!

    Erst mit Dirks Beitrag wurde der Gedankenaustausch im Stil des „von sich sprechens“ wieder aufgenommen – danke Dirk.

    Es ist normal, Angst vor Pflegebedürftigkeit zu haben. Hilflosigkeit wünscht sich niemand und unzählige finden es furchtbar, anderen eine Last zu sein (auch wenn die von Verwandten im Einzelfall liebevoll getragen wird). Das heißt noch lange nicht, dass man sich „ewige Jugend“ wünscht. Schließlich ist nur eine Minderheit der Hochbetagten tatsächlich in Pflegeheimen – und der Trend geht weg von ihnen hin zur ambulanten Versorgung. Kein Wunder!

  21. @Uwe: auf psychiatrischen Anstalten ist die Atmosphäre gar nicht mal so übel – jedenfalls nicht da, wo ich mal Einblick hatte, weil eine Freundin widerholt dort war. Es erscheint den Patienten dort oft so angenehm (verglichen mit „draußen“), dass sie sogar sehr häufig gerne wieder kommen. Diese Menschen sind aber in der Regel nicht im klassischen Sinne pflegebedürftig.

    Dein letzter Satz ist mir in diesem Fall zu esoterisch: Ob man pflegebedürftig wird, hängt oft genug von Zufällen ab, wie dass man stürzt (und die Ostheoporose schon so weit ist, dass das krasse Folgen hat), dass man einen Hirnschlag bekommt etc. Und es passiert einer statistisch klar erfassbaren Menge Menschen, aus meiner Sicht einfach aus zunehmender Gebrechlichkeit.

    Dieser entgegen zu wirken, ist m.E. ein wichtiges Mittel, um die Wahrscheinlichkeit zu senken – und das tun heutige alte und mittelalte Menschen ja bereits in weit höherem Maße, als es früher üblich war.

  22. @all:

    gerade erst fand ich den gestrigen Beitrag von Susanne im letzten Thread, der mir ihre aktuellen Postings ein wenig mehr mit Inhalt unterfüttert.

    Deshalb hier mal gleich ein längeres Zitat:

    Mein Pessimismus nährt sich aus der in meinen Augen innerhalb einer am Profit orientierten Geldökonomie unumkehrbaren, zunehmenden Ablösung direkter, menschlicher Beziehungen (Familie, Freundschaft, Nachbarschaft) durch Tauschbeziehungen (gekaufte Dienstleistungen), deren Konsequenzen sich immer deutlicher bei den Schwachen (Kinder, Kranke, Alte, Arbeitslose) bemerkbar machen. Die Möglichkeit eines wenn auch nur partiellen roll-back auf diesem Gleis vermag ich nicht zu sehen. Prosperität würde ein wenig lindern, würde sie dem privaten Konsum zugute kommen. Worauf zu vertrauen angesichts der aktuellen Entwicklungen für mich der Hoffnung auf den Weihnachtsmann gleich käme.

    Soziale Systeme bauen auf mehr als nur der materiellen Reproduktion auf und kollabieren daher früher oder später, wenn dieser Teil ihres Ganzen ihre Struktur dominiert. Geld als Kapital tut das in unseren Gesellschaften immer umfassender, ist aber nicht in der Lage, andere Funktionen (Legitimation, Integration usw.) dauerhaft zu erfüllen. Diese werden heute noch halbwegs durch tradierte Teilsystem abgedeckt, die durch die Ökonomie des Geld aber offenbar nach und nach zerstört werden (siehe Familie als Pflegeinstanz, betriebliche Ausbildung, Garantie des Existenzminimums durch Wohlfahrt usw.)

    In der Altenpflege wird das durch ein Motto wie ‘Ein Lächeln ersetzt manches Medikament’ deutlich, wenn du dieses Motto einmal seiner romantischen Hülle entkleidest und es anders formuliert: ‘Ein Lächeln ist durch gekaufte Ware nur schlecht zu ersetzen’. Die Verknappung bis hin zum Verzicht auf Pflegedienstleistungen, die im Betriebsablauf nicht materiell bewertet werden können (Wieviel Lächeln braucht der Mensch? Wieviel mehr Lächeln bekomme ich für 20 Cent pro Stunde mehr? Und umgekehrt!!) verwandelt qua notwendiger Kostenreduktion (und da stehen wir heute wohl erst am Anfang) sukzessive die menschliche Zuwendung in der Pflege in eine Resttätigkeit, die von den Pflegekräften irgendwann komplett unentgeltlich zu erbringen wäre, was diese – gestresst, falsch ausgebildet oder angeleitet, verärgert und unterbezahlt – irgendwann verweigern werden.

    @Susanne:

    Schon gleich den Ansatz teile ich nicht so ganz, bzw. er ist mir zu ökonomistisch! Ökonomie kann dort nichts ausrichten, wo Menschen sich nichts kaufen wollen, bzw. etwas Angebotenes nicht nachfragen. Dass nicht mehr drei Generationen unter einem Dach leben, ist nicht bloß der Ökonomie zu verdanken bzw. anzulasten, sondern es wurde weithin auch von den Menschen SO GEWÜNSCHT.

    Die Befreiung aus der zwingenden Nähe von Familien und gegebenen (nicht gewählten) Nachbarschaftsverbänden mögen Romantiker beklagen, sie wurde aber allseits sehr begrüßt. Junge wollen aus- und wegziehen und ihr eigenes Ding machen – und Eltern sind nach einer Ablösungsphase auch oft sehr froh, dass das so ist und sie nun nochmal ein ganz eigenes Leben beginnen können. Das sie dann auch nur äußerst ungern wieder aufgeben wollen und womöglich zu ihren Kindern ziehen!

    Die fremden Dienstleister sind in vielen Familien sehr viel erwünschter als die notgedrungene Fortführung oder Wieder-Einrichtung einer Nähe, von der wir uns psychisch und was die Rahmenbedingungen angeht lange schon entfernt haben.

    Auch mit den zunehmenden Verschrobenheiten alter Menschen, die schon mal gegen diejenigen aggressiv werden, die sie pflegen, kann man in einem distanzierten Verhältnis besser umgehen als wenns der eigene Vater ist bzw. die eigene Mutter. Es gibt ja auch Gewalt gegen Alte in solch „Verwandschafts-Pflege“ – die schlimme Rückseite des vordergründig so „natürlich“ wirkenden Arrangements.

    Mir persönlich wäre für manchen Dienst sogar ein Pflegeroboter (da sind die Japaner dran!) noch lieber als ein fremder Mensch – um auch mal was Kantiges zu sagen! :-)

    Ich denke wie du, es wird da kein Rollback in wie ich meine gar nicht soooo gute alte Zeiten geben. Die menschlichen Kontakte, das Lächeln, das Soziale im Miteinander kann man tatsächlich nicht kaufen – allerdings sollten Pflegekräfte genug Zeit haben, um sich „normal menschlich“ verhalten zu können! All das so nötige MEHR muss gesellschaftlich geleistet werden – eben z.B. durch freiwillige Besuchsdienste, die wie ich lese, durchaus ein Wachstum verzeichnen. Lokal könnte man das noch viel wirksamer und offensiver organisieren, da bin ich überzeugt!

  23. Das Thema ‚Altern‘ und ‚Pflegebedürftigkeit‘ scheint die Gemüter heftigst anzuheizen, deswegen möchte ich versuchen, ein klein wenig Ordnung für mich (und vielleicht auch für andere) hinein zu bringen. Und gleichzeitig versichern, daß es mir nicht darum geht, jemanden anzugreifen oder zu vergraulen. Es tut mir Leid, daß dieser Eindruck entstanden ist.

    (@Claudia: Deinen letzten Kommentar habe ich gerade erst gelesen, daher geht dieser Kommentar nicht darauf ein, was ich vielleicht nachholen werde.)

    Ich höre leider von Menschen, die heute zwischen 45 und 65 sind, über ihre Vorstellungen zum Altern fast immer nur Variationen zweier Haltungen:
    – Ich werde gar nicht so alt, ich will das auch nicht, deswegen werde ich das nie erleben;
    – Ich werde so lange wie möglich aktiv und selbstbestimmt leben, wie es nur irgend geht.

    Über den Lebensabschnitt aber, in welchem du anderen zur Last fallen mußt, weil du deine grundlegenden Hygiene- und Ernährungstätigkeiten nicht mehr alleine ausführen kannst, macht sich kaum jemand ernsthafte und vernünftige Gedanken. Denn diese obigen Haltungen vermeiden genau das, indem sie simpel nur verdrängen, was später für die meisten Menschen vermutlich eintreten wird.

    Mode geworden und, wie ich finde, durchaus attraktiv ist die Idee der privat organisierten, gemischten Altenwohngemeinschaft. Falls sie nicht auf dem Mißverständnis aufbaut, zwei Blinde zusammen ergäben einen halben Sehenden, funktioniert das nur, wenn:

    – ausreichend lange genug Geld vorhanden ist, um relative junge Menschen dafür zu bezahlen (zu entschädigen!), mit den Alten zusammen zu leben und sich um sie zu kümmern;
    oder
    – familiäre oder freundschaftliche Bande zu jüngeren Menschen bestehen, auf die genug Verlaß ist, daß sie mindestens bis zum Tode der Alten bestehen bleiben;
    oder
    – man eine Art Stapelmodell fährt, in welchem das Anrecht auf Wohnen im Alter durch ein Phase des Wohnens als jüngerer Mensch erworben wird.

    Dabei muß aber gesehen werden, daß die Pflege eines alten Menschen nichts ist, was zwischen Tür und Angel geschehen kann (auch wenn die mobile Altenpflege so etwas suggeriert) und vor allem nicht von einer Person für 24 Stunden am Tag geleistet werden kann.

    Diese Idee ist in meinen Augen nichts anderes als der Versuch, eben jene Vereinzelung und Reduktion auch der sozialen Kontakte auf Tauschbeziehungen in einem Reservat wieder rückgängig zu machen. Sie stößt daher auf eine recht unbarmherzige Umgebung. Um ein paar Probleme kurz zu nennen:
    – die finanzielle Belastung. Mindestens drei, eher vier leistungsfähigen Bewohnern (wegen der 24 Stunden Pflege jeden Tag) muß ein gesellschaftlich übliches Auskommen gewährleistet werden. Was sehr knapp wird. Ginge das so einfach mit den Leistungen der Pflegeversicherung, gäbe es die finanziellen Probleme der Träger von Pflegeheimen kaum, die ja nicht nur aus deren Profitsucht entstehen;
    – die Unstetigkeit der individuellen Lebensverläufe. Über Jahre bis Jahrzehnte hinweg an einem Ort mit den gleichen Menschen zusammen zu leben, ist sicherlich heute nicht die Regel für erwachsene Menschen, weder als Familie noch als Partner. Berufliche und persönlichen Ziele oder Notwendigkeiten stehen dem sehr entgegen;
    – das moderne Selbstverständnis junger, leistungsfähiger Erwachsener, das, so weit ich es beurteilen kann, eine dauerhafte Verpflichtung auf ein enges, wenig Anreize enthaltendes Leben in einem eher bescheidenen finanziellen Rahmen keineswegs favorisiert;

    Wenn ich mir all die Sinn-, Ich-, Spaß-, Heil- und Kicksucher in der oben umrissenen Altersgruppe (die ich in einem anderen Kommentar etwas boshaft als Generation ‚forever young‘ bezeichnet habe) anschaue, die ich kenne oder gekannt habe, und all ihre wechselnden Projekte und Ziele, Partnerschaften, Lebensumstände, Lebensorte und Interessen dazu Revue passieren lasse (das kann jeder Leser sicherlich für sich ebenso machen), dann bezweifele ich sehr, daß hier ein Reservoir von braven und bescheidenen Altenpflegern heran altert, aus dem die Bedürftigen voller Gewißheit später einmal ausreichend werden schöpfen können. Wie die jüngeren Kohorten einzuschätzen sind, will ich hier noch gar nicht einfließen lassen.

    Finanziell sieht es für Viele wohl auch eher mau aus. Wer mag, kann sich ja mal die Preise für barrierefreie Wohnungen anschauen. Und damit meine ich nicht Wohnungen für Ehepaare im betreuten Wohnen, obwohl auch deren Preisniveau (die keinerlei Pflege enthalten, welche dort Wohnende gesondert bezahlen müssen) die Augen öffnen sollte. Für eine Altenwohngemeinschaft braucht man eine wirklich große Wohnung und muß einen Haufen Auflagen wie z.B. solche an die Gänge, die Zugänge und die sanitären Einrichtungen erfüllen, die solche Wohnungen nicht gerade zur Ramschware auf dem Immobilienmarkt machen.

    Und endlich frage ich mich, ob solche Gemeinschaften tatsächlich stabil sind. Das Bild von ‚lieben‘ Alten und Jungen, das ein fröhliches Miteinander suggeriert, ein gegenseitiges Geben und Nehmen (jeder gibt, was er kann, und nimmt, was er braucht) ist viel zu schön, um wahr zu sein. Und ist auch nicht wahr. Der enge Kontakt mit einem pflegebedürftigen Alten kann seine interessanten Seiten haben – manchmal. In der Regel ist er etwas, das jeder jüngere Mensch früher oder später versucht, für sich zu minimieren, gleich wie edel, großherzig und altruistisch er auch sei.

    Eine patente Lösung habe ich nicht parat, wie wohl kaum jemand. Aber individuell kann sich jeder Mensch, der nicht genug Geld hat, um jede Dienstleistung, die er später einmal brauchen wird, sich zu kaufen, ein paar einfache Fragen stellen, wie etwa solche:

    – was kann ich an meiner Person ausbilden und fördern, das Menschen, auf die ich angewiesen sein werde (weswegen sie mich dann nicht besonders werden leiden können), das Auskommen mit mir wenigstens etwas erleichtert? Es macht z.B. sicher einen feschen Eindruck, seine eigenen Interessen stets dezidiert zu betonen und rigide zu verfolgen – wenn man jung ist. Ob man damit als Greisin oder Greis reüssieren wird, wage ich zu bezweifeln.

    – welche elementare Nützlichkeit kann ich für jüngere Menschen in mir entwickeln? Kann ich vielleicht meine Altersbezüge schon frühzeitig in einen finanziellen Rahmen (einer Familie, einer Wohn- oder Hausgemeinschaft) einbringen oder meinen Besitz (Haus oder Wohnung mit anderen teilen z.B.)?

    – wie sieht es denn eigentlich überhaupt mit meiner persönlichen Verläßlichkeit für andere aus? Ich kann schlecht solche von anderen erwarten, wenn ich mein Leben lang anderen keine gab und immer ziemlich flippig lebte. So denke zumindest ich.

    – welche gesundheitlichen Risiken kann ich jetzt schon durch mein Verhalten verringern? Es ist z.B. ein Unterschied, ob jemand später neben dem Alter auch noch Dialysepatient wird oder aufwendige Atemhilfen braucht. So sind etwa Risikosportler und solche, die Sport in einem Maß jenseits von Gut und Böse betreiben, im Alter keineswegs immer die gesünderen Alten!

    – wie kann ich mich etwa darum bemühen, den Umgang mit jüngeren Menschen zu lernen, zu pflegen und zu üben, bevor ich sie nur noch aus der liegenden Perspektive zu sehen bekomme, wenn sie mich waschen und füttern?

    Das nur einmal als kleine Anregung, in sich zu gehen und für sich zu prüfen, welche Attraktivität ich selbst später einmal für andere, jüngere Menschen überhaupt haben könnte. Und vor allem, welche Punkte ihr entgegen stehen könnten. Daß dieses Augen-auf-beim-Alters-Lauf die grundlegenden Probleme nicht aus der Welt schafft, ist klar. Aber es ist in meinen Augen auf jeden Fall besser, als die Augen zu verschließen (ich werde niemals so alt wie die Alten) oder sich Illusionen zu machen (ich tanze noch Tango im Heim, bis ich tot umfalle).

  24. Nur zur Klarstellung: Was ich in der Diskussion als „Alten-WG“ ansprach, war nicht das, was du hier beschreibst – sondern ich meinte diese neuen „Mini-Heime“ im WG-Format, die rund um die Uhr mit Pflegediensten arbeiten – das, was Indy & Freundin wohl gerade aufbauen.

    Das klappt, soviel ich lese, recht gut, sofern es engagierte Angehörige oder Freunde gibt, die sich um die Organisation mit kümmern (nicht um die direkte Pflege, wohl aber auch um die „Bespaßung“ der Bewohner).

    Je mehr Bedarf in dieser Richtung entsteht, desto mehr werden auch geeignete Wohnungen entstehen, denke ich mir. Und es müssen ja nicht immer Neubauten sein, man kann auch was entsprechend umbauen/ausbauen.

    Was die gemischten WGs bzw. „Mehr-Generationenhäuser“ angeht, so höre ich das oft als eine Idealvorstellung, doch in der Realität hapert es wohl eher. Schon gar nicht kann man von wildfremden Jüngeren erwarten, dass sie „so nebenbei“ mal eben Alte pflegen, die da wohnen.

    Ansonsten bin ich sehr damit einverstanden, dass es auf einen selbst und die Qualität der Beziehungen ankommt, die man so pflegt. Was kann ich tun, um keine Schreckschraube zu werden, sondern eine Bereicherung für Jüngere zu sein? Was kann ich geben und teilen?

    Im Verein „Freunde alter Menschen“ war das meine erste Erfahrung, als ich meine Liste fast Kontakt-loser Alter abtelefonierte: du lieber Himmel! Da wundert mich nicht, dass der / die verdammt einsam ist…

  25. Bloss nicht Pflege 2
    @ Claudia: Senf unsorgfältig platziert! Du hast einen Punkt erkannt, wo ich gestehe, Asche auf mein Haupt und zurück auf Feld eins. Willst du von mir vermisste Substanz! Hier kommt sie, mit Zeit- und Energieeinsatz. Deinen Startartikel unterteile ich in eingebrachte persönliche Erfahrungen und die eskalierenden Schreckensbilder übers Dahinsiechen, welche mittels Vermengen von Wissen, Annahmen, Interpretationen und Berichterstattung zu einem Bild führen, das Beschäftigung mit dem Thema auslösen soll. Wie üblich bei von dir gewählten und aufbereiteten Themen, ist dies voll gelungen, was eine engagierte und hitzige Debatte ausgelöst hat. Wofür dich andere Blogbetreiber beneiden, bin ich sicher.

    Bevor ich mich in möglichen Tiefen meiner persönlichen Sicht verliere, erwähne ich drei Punkte vorneweg:

    – Die Diskussion hier – inklusiv dem Kommentar von Susanne am 23.08.2010 um 20 Uhr 37 im vorausgegangenen Artikel „Engagement und Alter – eine persönliche Geschichte“ gehört für mich zum Besten was mir bisher betreffend Demenz und Pflege unter die Augen gekommen ist. Dies bezieht sich auf die Beschreibung vom Alltag im Umgang mit Pflegebedürftigen und die grosse Anzahl von Schwierigkeiten.

    – Den Kommentar von Susanne vom 26.08.2010 um 20.15 – dritter Kommentar nach Aufschaltung des Artikels, finde ich weiterhin korrekt geschrieben und absolut passend. Hoppla, da gibt es aber gar nichts zu Rütteln, für mich.

    – Meine nachfolgenden Ausführungen beschränken sich im Wesentlichen auf die Ausführungen bis zu Kommentar 3. Anderes habe ich z. T. auch gelesen, aber für gewisse Auseinandersetzungen habe ich keinen Schreibnerv und für Forderungen wonach Gesellschaft und Staat oder Staat und Gesellschaft – ist die Reihenfolge nicht egal – für alle Wünsche aufkommen sollen müssen, habe ich ohnehin kein Verständnis. Selbst wenn dies so wäre, werden nicht alle gleich alt und schon gar nicht gleich glücklich alt, denn ein rechter Teil der gesundheitlichen Probleme und Pflegebedürftigkeit ist – wider besseren Wissens – selbst verschuldet und der Kopf steuert wesentlich unseren Zustand und unsere Ansprüche..

    Mit meinem Senf abgeben, ist das so eine Sache. Im Gegensatz zu vielen anderen Blogger provoziere und kommentiere ich nur bei Themen, wo ich mir auch einen gewissen Sachverstand und Erfahrungsschatz zutraue. Dies ist bei diesem Thread durchaus der Fall, denn ich verfüge über persönliche Erfahrungen.

    Meinen Vater habe ich zwischen meinem 7. bis 29. Lebensjahr nur als kranken und immer kränker werdenden Vater erlebt. Mit der Rente eines Invaliden – er war krank und nicht invalid – wären wir verhungert, hätte meine Mutter nicht mit Schrupper und Eimer Büros geputzt. Bei einem Weltkonzern, wo man die Anstellung aus sozialer Einstellung tätigte, etwas das heute in der Wirtschaft auch nicht mehr praktiziert wird. Vom 7.-20. Lebensjahr habe ich die Leidensgeschichte der Eltern hautnah miterlebt. Das unaufhaltsame vergiften des Körpers durch die immer grösser werdende Anzahl von täglichen Pillen, der Zerfall von Organen bzw. das Nichtfunktionieren von Körperteilen. Siechtum das nie mehr besser wurde obwohl da immer wieder Krankenhausaufenthalte waren, die nichts brachten.

    Mit zwanzig zog ich nach Zürich, um dann so alle zwei Monate nachts mit 180 km über Land (ging damals noch) die gut 200 km nach Hause zu fahren, weil mal wieder der letzte Atemzug angekündigt war. Solange mein Vater leben wollte, lebte er mit allen Schmerzen Tag und Nacht. Meine Mutter hat alleine für ihren kranken Mann gesorgt, hat von 13.00 bis 22.00 einen vollen Arbeitstag hingelegt, hatte einen Haushalt und ja da war ja noch ich, so mit 7 in der ersten Schulklasse. Es tut verdammt zusehen zu müssen, wie die Pflegeperson selber immer schwächer wird und Ruhepausen fehlen. Dazu sind die Launen eines Kranken auszuhalten, welche, Schmerzen hin oder her, die Frau zum Folteropfer machen. Den Rest der Familie zwar auch, aber die mussten es ja immer nur Stunden aushalten bis der Alltag für herrliche Abwechslung sorgte. Wer dies Probleme hat, hat im Alltag erheblich weniger Probleme wie andere, weil man schlicht keine Zeit für Wohlfurzprobleme hat, welche die Leute heute ohne Hemmung ständig ausbreiten. Ferien blieben ein Fremdwort für die Eltern, bis ich mit ca. 25 die Eltern zu Ferien einladen konnte. Da waren die Eltern schon 59 und 64. Mit allen Schmerzen und ständigem Verlust an Körper-Kraft und – Beweglichkeit war da immer der eiserne Willen meines Vaters nicht sterben zu wollen und es hat ihn am Leben gehalten. Als der Tag kam, als er nicht erneut ins Spital wollte, weil er nicht mehr konnte, hat es dann ca. 50 Stunden gedauert, bis er sterben konnte. Er blieb am Leben bis er nochmals meine aus Amerika einfliegende Schwester gesehen hat, danach fiel er ins Koma. Das gewollte langsame und natürliche Sterben ging dann so vor sich, dass wer so seinen Hund sterben lässt, im Knast landet.

    Meine Mutter hat gut 14 Jahre länger gelebt. Sie war Lebenslang von Krankheit verschont. Dafür hat sie in den letzten ca. 18 Monaten alle Schrecken von Krankheit und Zerfall erleben müssen. Nach dem ersten Zusammenbruch und dem Auffinden in der Wohnung sowie nach Aufenthalt und Entlassung aus dem Krankenhaus, brauchte sie ein Pflegeheim. Obwohl die Plätze damals schon so rar waren wie heute, haben wir nicht den ersten verfügbaren Platz genommen, weil uns die Umgebung erschüttert hat. Bei einer bekannten Organisation. Während der folgenden sechsmonatigen Suche nach einem Pflegeheimplatz, bin ich jedes Wochenende 230 km zum Wohnort meiner Mutter gefahren, um meine Schwester abzulösen, welche von Montag bis Freitag die Mutter betreute. Als jemand der in Ohnmacht fällt, wenn er Blut sieht, der in Krankenhäusern unter Schweissausbrüchen leidet, habe ich 2 x meine Mutter von Kopf bis Fuss gesäubert und das Bett neu bezogen, als es die Umstände erforderten. Und trotz Blut- und Krankenhausphobie, war ich bei der Geburt unserer Kinder anwesend. Soll heissen, es geht viel, wenn einem die Umstände die Kraft schenken. Während der Vater seine Launen einsetzte, auch wenn es nur um Ziele und nicht um Schmerzen ging, habe ich meine Mutter ein ganz leben lang nie jammern hören und sie hätte viele gute Gründe gehabt. Womit aus einer Familie zwei völlig unterschiedliche Pflegeprofile dargestellt sind.

    Diese Ausführungen zum Thema persönliche Erfahrung im Umgang mit …..

    Zustimmen tue ich zu deinen Feststellungen, dass die Pflege durch Dritte durchaus Vorteile hat, u. a. auch weil es zur Begrenzung der „ausufernden“ Erwartungen führt, welche oft Ursache sind, dass die Pflegenden langsam kaputt gehen. Zustimmen tue ich auch, dass deine Beispiele für über Nacht eintretende Pflegebedürftigkeit über Nacht realistisch sind und die Menschen dafür keine zuordenbare Verantwortung trifft.

    Andererseits gibt es aber viele positive Möglichkeiten, wie der Einzelne / die Einzelne vorsorgen können, um die Abhängigkeit von Pflege drastisch hinaus zu schieben. Reden wir nicht von Sport sondern von Bewegung, reden wir nicht von nichts Essen und Diät sondern von gesundem Essen und wer für jedes Wehweh eine Pille schluckt muss sich über nachlassende Wirkung sowie über Risiken und Nebenwirkungen auch nicht wundern. Es gibt auch viele Menschen die demonstrativ Pillencocktails zu sich nehmen um Mitleid, Zuwendung und „frühe“ Pflege zu erhalten. Dies ist verschwendete Lebenszeit und mit Blick in die Zukunft werden die Erwartungen dass sich die Gesellschaft darum kümmern muss , immer unrealistischer. In einer kürzlichen Talkshow hat es ein med. Professor (Name??) für mich verständlich auf den Punkt gebracht. Das Grundgesetz garantiert nicht die best mögliche Versorgung sondern nur die Versorgung aller Bürger im Rahmen der Möglichkeiten.

    Abschliessend möchte ich sagen, dass ich den Artikel als Weckruf verstehe, sich auch mal Gedanken über das Altersdasein zu machen, aber das gezeichnete Bild trifft so pauschal nicht zu. Noch nicht.

    Während ich die sich abzeichnende Entwicklung durchaus kritisch zur Kenntnis nehme, denke ich nicht ständig daran. Als Autofahrer setze ich mich auch nicht hinters Lenkrad und denke ständig darüber nach, ob ich wieder nach Hause komme. Das macht die persönliche Situation nicht besser sondern emotional viel schlechter. Selbstverständlich ist das Leben nicht unendlich, weshalb es sich lohnt das Leben wohlüberlegt zu geniessen. Dies zu tun und der nötige Ausgleich dazu, ist durchaus eine Kunst und dies finde ich auch richtig, denn ich kann nichts damit anfangen, dass zu viele meinen einen Anspruch zu haben ….. was ihnen die Gemeinschaft schuldet. Ich lasse kaum mal Spass und Genuss aus, aber ich sorge auch wieder für Ausgleich. Dies hat auch mit der Kopfhaltung zu tun. Und die ist in der Gesellschaft ein weit verbreitetes Grundübel. Ansprüche und Erwartungen die schlicht unerfüllbar sind. Nicht mal der 24 Stunden Einsatz vom lieben Gott konnte alle Wünsche befriedigen. Unerfüllte Wünsche produzieren aber ständigen Neid. Daraus resultiert auch Krankheit und verschiedene Stufen von Pflegebedürftigkeit.

  26. @Relax: sei herzlich bedankt für das umfassende Posting mit beeindruckenden eigenen Erfahrungen! (Was manche Menschen – wie deine Mutter – zu leisten vermögen, ist unglaublich!!)

    Natürlich denke ich nicht ständig daran, dass ich mal pflegebedürftig werden könnte. Aber wenn mir dieses Thema begegnet (meist in Gestalt von Horror-Storys), dann denke ich: wenns mich selber trifft, dann ist es zu spät, noch was zu ändern! Gerade meine Generation ist ja durchaus mit dem Hang zu drastischen Veränderungen auffällig geworden – es wäre falsch, damit nun bezüglich des Pflege-Sektors aufzuhören.
    Wobei das ja auch ein Verteilungskampf ist: mehr Geld in die Pflege müsste zu Lasten des Geschäfts mit den allzu vielen Pillen gehen, die alte Leute einnehmen (oft, ohne dass sich je ein Arzt um die Wechselwirkungen kümmert: kommen Nebenwirkungen, kommt halt noch eine Pille dazu…).

    UMVERTEILUNG innerhalb des Gesundheitssystems ist auf jeden Fall eine Sache von Staat und Gesellschaft – die Vorsorge im Sinne eines gesunden Lebens und einer entsprechenden „Lebenskunst“ muss das Individuum leisten.

    Ich sehe aber die Tendenz zur Entsolidarisierung, die mit dieser berechtigten Forderung einher geht, äußerst kritisch (Dicke sollen mehr zahlen etc.). Erstens führt das in den totalen Überwachungsstaat – und zweitens ist es ja nicht immer so, dass der total gesund Lebende auch gleichzeitig am „nützlichsten“ fürs große Ganze ist. Workaholics, die mit Alkohol und/oder Tabletten aufs Ungesündeste ihre Einseitigkeiten kompensieren, sind ja oft genug für ihre Firmen ein Segen – nur mal als Beispiel.

  27. @Claudia

    Ich stelle einmal Deine beiden Aussagen nebeneinander:

    “Schon gleich den Ansatz teile ich nicht so ganz, bzw. er ist mir zu ökonomistisch! Ökonomie kann dort nichts ausrichten, wo Menschen sich nichts kaufen wollen, bzw. etwas Angebotenes nicht nachfragen.

    “Die menschlichen Kontakte, das Lächeln, das Soziale im Miteinander kann man tatsächlich nicht kaufen – allerdings sollten Pflegekräfte genug Zeit haben, um sich “normal menschlich” verhalten zu können! „

    Und kommentiere sie so: daß Pflegekräfte keine Zeit/Kraft für ein Lächeln während des Pflegens haben, ist nur einem geschuldet – purer Ökonomie!. Als Menschen sind sie eher solche, die gerne lächeln würden, triebe man es ihnen nicht aus (mit Zeitdruck, Stress, Formalisierung, Zwängen wie den Regularien der Qualitätssicherung, der Pflicht zur Dokumentation, dem Vermeiden von vor Gericht gegen sie oder die Pflegedienstleitung verwertbaren Fehlern etc.)

    Es klingt sicherlich ‚weicher‘, eben ‚gut‘, an irgendeinen guten Willen, an das Ausschöpfen von Möglichkeiten und an die Phantasie usw. zu appellierten. Aber so etwas läuft stets Gefahr, illusorisch zu sein, wenn man die Knochen unter den Muskeln, die das Lächeln ins Gesicht zaubern, nicht betrachtet. Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

    Das morgendliche Waschen!

    (Ich hoffe, auf Deine Idee mit dem Pflegeroboter muß ich danach nicht mehr eingehen!)

    Wenn ich einen bettlägerigen Bewohner, der sich nicht mehr bewegen kann oder will, wasche, ist es das einfachste, ihn nackt im Bett liegend mit Waschlappen und Handtuch von Kopf bis Fuß zu waschen. Erst von der einen Seite, dann von der anderen. Das kannst du nach etwas Übung in wenigen Minuten schaffen. Mit Ent- und Ankleiden, Medikamentenverabreichung, Vor- plus Nachbereitung und Scannen des Körpers auf Anzeichen für Lagerungsschäden und des Zimmers auf andere Unregelmäßigkeiten hast du das in vielleicht 20 Minuten erledigt. Da ist jetzt aber kein Stuhlgang dabei und keine Frage, ob’s irgendwo weh tut und der Suche danach, wo und wieso. Unterhaltungen über das Wetter oder so etwas schon gar nicht. Jetzt nimm mal eine Wohngruppe (Station wäre die bessere Bezeichnung, aber auf schöne Namen legt man in den Heimen viel Wert) von 20 Bewohnern. Ich denke, das liegt nicht weit weg vom Üblichen. Macht als Zeitaufwand nur für das Waschen, verteilt auf 3 Pflegekräfte (eine durchaus optimistische Schätzung) am Morgen etwa 2,22 Stunden Arbeitszeit je Pflegekraft.

    Jetzt lernt aber jede Pflegekraft während der Ausbildung, daß man einen Menschen nicht wäscht, indem man ihn komplett auszieht und dann wie einen Gegenstand herum liegen läßt, während man ihn wäscht, trocknet und seine Oberfläche absucht. Sondern man bedeckt ihn dort, wo man gerade gesäubert hat, um seine Schamgrenzen zumindest ansatzweise zu beachten und ihm das Gefühl zu geben, er wäre ein Mensch und kein Ding. Und man wischt nicht über ihn hinweg, als würde man eine Badewanne oder den Küchenboden schruppen. Das macht also, wenn du noch ein wenig Gespräch dazu tust, aus den oben berechneten 15 Minuten schnell das Doppelte, weil eben alles viel langsamer geschieht. Womit wir bei 3,33 Stunden Waschen sind. (bei einer 8 Stunden Schicht, die noch eine Menge mehr als nur das morgendliche Waschen umfaßen wird!) In dieser Zeitkalkulation ist überhaupt nicht enthalten: ein komplettes Frischbeziehen des Bettes, weil es verdreckt ist, ein Säubern des Zimmers aus dem gleichen Grund, das Abwarten auf Wasserlassen oder Stuhlgang, das Erfüllen kleiner Wünsche (Durst, Licht, Luft usw.), die schriftliche Dokumentation der pflegerischen Verrichtungen, die medizinisch indizierten Behandlungen und vieles andere mehr. Nur um die Bewohner einer Wohngruppe bis zum Frühstück zu waschen, vergehen für 3 Kräfte also 3 1/3 Stunden. Erzwingt dann z.b. bei Frühstücksausgabe um 10 Uhr einen fetten Vorlauf für den ersten Bewohner, so daß dieser um 6:40Uhr geweckt werden muß, damit er dann, fertig gewaschen, ab 7:10 fast 2 Stunden auf sein Frühstück warten darf. Hierbei haben wir noch gar nicht daran gedacht, wer denn das Frühstück aus der Küche herauf bringt und auf die Tische verteilt und wie rasch die diversen Bewohner aus ihren Zimmern zum Essraum begleitet werden können. Und was in unvorhersehbaren Notfällen alles noch zu tun ist.

    Jeder BWL-Eleve im ersten Semester sieht die einzig möglichen Einsparungspotentiale. Waschen muß man die Bewohner, Essen müssen sie auch bekommen. Aufs Klo dito, und Medizin muß sein, sagt das Gesetz. Wo also ansetzen, wenn die dritte Pflegekraft je Schicht die Kostendeckung des Trägers sprengen würde (z.b. weil die Hotelkosten, d.h. der Aufwand für Räumlichkeiten, Heizung, Strom und Ernährung oder die Investitionskosten, d.h. zumeist die Kreditkosten für das eigentliche Haus und seine Umbauten bei ständig neuen, gesetzlichen Anforderungen, weglaufen, aber eben leider nicht vermieden werden können – wie zum Glück die Personalkosten!). Wieso muß man z.B. Menschen umständlich waschen, wenn’s denn auch einfacher und viel schneller geht? Wie jemand irgendwo sagte (ich hab jetzt keine Lust, nachzuschauen, wo): das Grundgesetz garantiert allen Bürgern das Leben, aber eben nicht das beste aller denkbaren Leben!

    Es ehrt Dich, daß Du nicht gerne “zu ökonomistisch“ denkst (das ist absolut nicht ironisch gemeint!). Als Verantwortliche in der Altenpflege jedoch würdest du mit dieser Einstellung nicht einmal in der Beschäftigungstherapie einen Blumentopf gewinnen können.

    Falls jemand an Verbesserungen (seien sie auch kosmetisch) für die jetzigen Alten und später für sich interessiert ist, wird sie/er nicht an solchen ökonomischen Überlegungen herum kommen. Die kleinen Pflegeheime z.B. sehe ich lediglich als Eintagsfliegen, wie auch die Träger, dir nur eines oder wenige Heime unterhalten. Denen wird qua Heimaufsicht und Konkurrenz durch Billiganbieter sowie durch die übliche Kreditklemme der Hals schnell wieder zugedreht. Auf dem Markt überleben werden überregionale Träger (für Heime und mobile Dienste), die zum Teil ihren Gewinn gar nicht nur unmittelbar aus den Einnahmen durch die Heimverträge machen, sondern durch andere, ausgelagerte Dienste. Wie lukrative Verträge mit Zulieferern oder Dienstleistern. Vielleicht erleben wir es noch, daß ein Kaffeeröster einen Haufen von Heimen besitzt, die seine Bohnen für 3€/Pfund exklusiv verfüttern müssen, woraus er mehr Gewinn ziehen kann als aus den 3.000€/Heimbewohner, die er berechnen darf.

    Das Aberwitzige ist in meinen Augen ja gerade, daß dieser Markt der Altenpflege Gewinn verspricht – weil hier eben noch menschliche Arbeitszeit in Massen vorkommt (hört man es klingeln: variables Kapital?) – während zugleich die Qualität des Produktes trotz (oder wegen? dumm gefragt) der Qualitätssicherung (deren Zwecke genauer zu beleuchten ein Kapitel für sich wäre) scheinbar doch immer mehr abnimmt oder doch zumnindest nicht gerade alle Nachfragenden sehr glücklich drein schauen läßt.

  28. Das, was da das Lächeln vertreibt, hat mit Ökonomie nichts zu tun. Zeitdruck, Stress, Formalisierung, Zwänge, usw. entstehen aus Angst. In diesem Falle aus der Angst der Pflegeunternehmer, nicht erfolgreich genug zu sein und aus der Angst des Pflegepersonals, den Job zu verlieren.

    Wurzel der Probleme ist nicht das Vorhandenseins des ökonomischen Prinzips sondern die ängstliche und lieblose Einstellung, mit der es praktiziert wird. Mit der Angst vor dem Untergang im Nacken funktionieren menschliche Beziehungen „rückwärts“, nicht mehr freiwillig, aus Hingezogenheit, sondern gepresst und getrieben von Druck und Zwang. Das ist eine Spirale, die sich selbst beschleunigt, wenn nicht genug Leute aus Selbst- und Nächstenliebe daraus aussteigen, um ihre Entspannung wiederzufinden.

  29. @Susanne:
    Mit Deinem letzten Kommentar kann ich viel anfangen.
    Er hilft mir, mit meiner Freundin über das Übernahme-Angebot einer bundesweit operierenden „Pflegekette“
    nachzudenken.
    @Uwe:
    Aus diesen Gründen bin ich hier ausgestiegen.
    Ich bin bereits im Alter und nicht „foreveryoung“ und muss aus Selbstfürsorge und Nächstenliebe darauf achten, mich nicht in sinnlosen Grabenkämpfen zu verzetteln aus Angst
    Fehler zu machen.
    @Claudia
    Im Grunde denke ich ziemlich ähnlich wie Du. Ich weiß, Du machst das hier durch Deine Moderation so, dass es aus meiner Sicht des Nur-noch-Mitlesenden fruchtbar ist.

    Liebe Grüße an alle, die sich den Kopf zerbrechen

  30. @Claudia: Stichworte Entsolidarisierung und Überwachungsstaat, dein Kommentar vom 28.08.2010 13:52

    Richtige und wichtige Beobachtung, deren langfristige Auswirkung von den Leuten unterschätzt wird. Beispiel Rauchverbot: War nie Zigarettenraucher und meine Zigarren rauche ich ohnehin schon seit langem in Momenten, wo ich allein übers Leben philosophiere. Soll heissen, ich bin vom öffentlichen Rauchverbot nicht betroffen und finde einen grossen Teil vom Rauchverbot gut. Aber die extreme Richtungsänderung von gesellschaftlich weithin praktiziert zu gesellschaftlicher Todsünde finde ich eine gedankenlose Übertreibung! Warum kann es nicht klar bezeichnete Raucherzonen geben, d. h. mit Warnung versehene Bierzelte und Restaurants, wo man sich freiwillig hinein begibt!

    Nochmals als praktisch Nichtraucher geht es mir nur darum ein Muster aufzuzeigen, dass es viele weitere Möglichkeiten der Abgrenzung gibt. Beispiele: Wintersportaktivitäten lösen riesige Krankheits-/Unfall-Kosten aus! Warum muss ich mit meiner Prämie dafür bezahlen. Wer Skifahren geht soll sich doch eine persönlich Versicherungsdeckung besorgen, für Tage, Wochen, Monate!

    „Grümpelturniere“ nennt man in der Schweiz Fussballurniere, bei denen meistens spontan für den Anlass gebildete Teams – zusammengesetzt aus Nichtsportlern aus KMUs oder Grossfirmen-Abteilungen – übers Wochenende einen Turniersieger ermitteln. Die damit verbundenen Gesundheitskosten sind in der Summe fürs Land spürbar.

    Hallo ich spiele nicht mit und ich gehe es nicht ansehen. Warum bezahle ich trotzdem mit meiner Prämie die Kosten?

    Die Dicken verursachen Kosten und die Dünnen ebenfalls. Wer nie freiwillig lacht, ist garantiert auch ein verkappter Kostenverursacher! Warum nicht prophylaktisch in eine höhere Prämiengruppe einteilen?

    Claudia, ich befürchte die Entsolidarisierung hat als registrierte Welle noch nicht angefangen aber sie wird kommen.

  31. Da wo die Angst sitzt, da geht`s lang. Sich damit auseinanderzusetzen, bringt Licht in das dunkle Unbekannte. Dann werden Fragmente nach und nach sichtbar, zu denen ich eine Eintstellung finden kann, und die Angst verliert sich, wenn auch nicht ganz. Und ich glaube, das geschieht hier auf breiter Basis, aus persönlicher Sicht, für sich selbst und ohne Anspruch auf Gültigkeit für die gesamte Menschheit.

    Als erstes glaube ich, ob Raucher oder Bioverbraucher, das keiner von uns in der Lage ist, über die eigene körperliche und geistige Gesundheit selbstbestimmend zu entscheiden. Über das, was mir das Wertvollste sein sollte, habe ich keine Handlungsvollmacht. Jeden von uns kann es in jedem Moment treffen. Schlingensief, Hawking, Reeve. Was dann?

    Ich würde auch von mir sagen, das ich ein Problem habe, Hilfe anzunehmen. Was, und ich glaube dafür schreiben wir hier, evtl. zu der Erkenntnis führen könnte, das ich auch nicht gut Hilfe geben kann. Ob das stimmt oder nicht, vorerst egal, wenn alleine diese Diskussion hier dazu führt, sich weiterreichende Gedanken zu machen. So, wie ich mit mir umgehe, so gehe ich auch mit anderen um.

    Nichts ist planbar. Mit Hilfsbedürftigen denke ich auch, haben alle hier Schreibenden ihre persönlichen Erfahrungen gemacht und vielleicht kann der eine oder andere auch sagen, das der Tod des Leidenden sich als Erlösung für alle dargestellt hat.

    La vita passa. Mein Vater wollte nie in ein Altenheim. Als meine Mutter starb, hatte er 6 Monate später als 75-jähirger eine neue Wohn – und Lebensgefährtin, nur, um nur nicht in ein Altenheim gehen zu müssen. Was in den ersten Jahren noch o.k. war, wurde mit den weiteren Jahren zu einem psychologischen Krieg der beiden. Trotzdem – nur nicht ins Heim. Als vor zwei Jahren die Wohn-Lebensgefährtin einen Schlaganfall bekam, Pflegefall wurde, saß mein Vater auf einmal mit 88 allein in der Wohnung. Am Anfang wöchentlich, später fast täglich, konnten wir seinem Verfall zuschauen. Wenige Wochen noch, und er wäre dahingegangen.

    Ich habe es dann gewagt, ein Altenheim in Frankfurt für ihn auszufindig zu machen. Er ist mit mir dorthin, hat es sich mit mir angeschaut. Wir sind nicht mehr zurück in seine Wohnung, sondern haben in Frankfurt im Hotel gewartet, bis sein Zimmer im Altenheim fertig war. Er nennt es das „Hotel“, all inclusive. Im April hat er seinen 90sten gefeiert, körperlich und geistig absolut rüstig, er, der schon vor 40 Jahren mit seinen Krankheiten totgesagt wurde.
    Er war sein Leben lang einfacher Fabrikarbeiter, aber das alte Rentensystem mit Hinterbliebenen, Werks- und, und Renten fordert nur noch einen kleinen Sozialhilfebeitrag für die Unterkunft ein. Ein Traum – von dem ich weit entfernt bin. Ich freue mich immer für ihn, es scheint, eine Gerechtigkeit des Universums zu geben.

    Es gibt Fragen, die kann nur ich mir beantworten. Einige davon möchte ich mir auf einer breiten Basis überlegt haben, andere habe ich vielleicht schneller entschieden, als ein Augenzwinkern braucht.

  32. @Susanne: hab Dank für die detailreiche Schilderung der Situation! Hast du das ALLES im Zuge deiner Besuche mitbekommen??

    Ich denke, wenn man diese Gegebenheiten als gegeben hinnimmt, kann man gar nicht anders, als weiter einsparen, wie du es beschreibst! Aber sind die Dinge nicht auch wieder änderbar? Z.B. war es ja nicht immer so, dass es diese Konzentration schwer Pflegebedürftiger gab, sondern es war mal eine Mischung als rüstigen Alten und Pflegebedürftigen. Würde man diesen Trend umkehren und gleichzeitig Richtung kleinerer Wohngruppen entwickeln, gäbe es doch evtl. die Möglichkeit, dass die rüstigen Alten sich nützlich machen und den anderen helfen – oder ist das schon wieder zu idealistisch? Mir würde das besser gefallen… Hinzu kämen die Pflegekräfte (um deren „Schlüssel“ man gesellschaftlich/politisch kämpfen muss) und Freiwillige, sowie evt. die „Bürgerarbeiter“, die ja hier und da schon in Altenheimen beschäftigt werden. Und der eine oder andere hat evtl. auch noch Angehörige und/oder Freunde…

    @Uwe: die Angst basiert aber doch auf dem „ökonomischen Prinzip“ – oder etwa nicht? Und „Formalisierung“ bzw. bürokratische Prozesse entstehen durchaus aus dem Bedürfnis, bestimmte Standards in der Pflege zu gewährleisten – was wiederum die Folge vieler Horrorgeschichten ist, die man immer wieder liest. Da folgt dann dem Missstand eben irgendwann die Regelung von oben.. ist es nicht so?

    @Indy: schön, dass du noch mitliest! Ich hab dir eine Mail an deine Adresse geschrieben, es kam aber nichts zurück. Gerne hätte ich einen funktionierenden Kontakt zu dir: das Thema wird mich gewiss noch öfter beschäftigen!

    @Relax: ja, das alles kenn ich schon aus Kommentargesprächen anderswo. Niemand will mehr für die Defizite und Risiken anderer zahlen – offenbar glauben viele, sie selber seien perfekt! Völlig irre!

    @Menachem: danke auch dir für deine persönlichen Erfahrungen! Was meinst du mit „das alte System fordert nur noch einen kleinen Sozialhilfebeitrag ein“?? Ich verstehe das so, dass eben auch all die Renten nicht reichen und per Sozialhilfe aufgestockt werden, so dass das Heim bezahlt werden kann. Ist es nicht so? Und wäre das denn anders, wenn er nur die Hälfte der Renten hätte?

  33. Hallo alle,
    ich staune über die Menge an Rückmeldungen – es ist schier unmöglich, alles zur Kenntnis zu nehmen.
    Wie Menachem will ich auch ein wenig in die „Kiste“ meiner Erfahrungen mit alten Menschen und Heimen greifen.
    Mein Vater hat sich nie ins Heim integrieren lassen. Schon in den ersten Tagen nahm er nicht an mögliche „Erleichterungen“ teil, wie etwa ein Aufenthalt im spätsommerlichen Garten des Heims. Zunehmend zog er sich völlig in sein Zimmer zurück. Dazu kontrastierend war er erstaunlich perfekt angezogen, eine Energieleistung, die ja nicht zu der Lethargie (wenn ich sie so nennen darf) zu passen schien.
    Noch gut in Erinnerung sind mir drei Frauen, die mich meist auf dem Gang zu meines Vaters Zimmer, auf einer Bank sitzend, begrüssten. Sie schienen im Alter etwa je 10 Jahre auseinanderzuliegen. Die älteste war 90, die jüngste 70.

    Die 90-Jährige war viel vitaler als die 70-Jährige und klagte im Gegensatz zu dieser nie. Sie war lebendig und man merkte ihre Freude, sich mit mir eine Weile zu unterhalten.
    Es war also ganz einfach, einen schönen Beitrag zu ihrem Tag zu liefern und ich tat es immer gern, ja ich freute mich sogar immer auf diese „aufgereihten“ Frauen.

    Eine andere Erinnerung habe ich an einen Urlaub im Malta 2003. Da saß eine recht alte Frau auf einem Stuhl am Straßenrand vor dem Haus, in dem sie wohnte. Naturgemäß führte das zu zahlreichen Schwätzchen mit Vorbeikommenden. Diese Frau nahm ganz selbstverständlich und selbstbewusst am Leben teil, holte sich ihre Portion Glück. Ich fand das vorbildlich und auch kreativ.
    Einmal kam ich spät zurück und sie bat mich, ihren Stuhl in den Eingangsbereich des Hauses zurückzutragen. Das konnte sie nur schwer.
    Diese Erinnerung erwog mich mal, eine alte Frau in meiner Nachbarschaft etwas ähnliches, etwa ein Gartentischchen und 2 Stühle, anzutragen. Doch dieser einsame Frau fiel es schwer, solch einen Vorschlag umzusetzen. Dazu hätte es einen unbedingten Willen benötigt, sich das zu holen, was sie braucht, um sich gut zu fühlen. Da ihr Sohn sie jeden 2. Tag kurz besucht, hat sie es offenbar nicht nötig, sich so zu helfen.

    Gruß
    Gerhard

  34. @Claudia, da hatte ich nicht richtig nachgedacht. Am Monatsende bezahlt immer die soziale Gemeinschaft das Heim, egal, aus welcher Kasse es genommen wird. Die eigene Rente reicht nicht für die gesamten Unterbringungskosten, jedoch empfand ich den formalen Aufwand speziell in unserem Fall zur Aufstockung, einschl. Pfegestufe, als nicht belastend.

    Wir Kinder werden zur Zeit nur mit einem minimalen Betrag vom Sozialamt herangezogen.

  35. @Claudia

    Ich bin in Folge der Besuche mittlerweile mit einigen Pflegekräften befreundet. Das meiste, was ich zu diesem Thema an allgemeineren Informationen habe, stammt von diesen. Denn auch wenn etwa Uwe ihnen oben eine seltsame Einstellung unterstellt, haben sie diese mitnichten. Vielmehr sind die meisten Pflegekräfte auf eine Weise für ihren Beruf engagiert, interessiert und in seinem Umfeld involviert, von der sich manch anderer eine dicke Scheibe abschneiden könnte, der für seine Arbeit eine höhere finanzielle Vergütung bekommt. Wäre dem nicht so (das habe ich oben schon einmal anklingen lassen) würde das System der Altenpflege (wie vermutliche viele andere Systeme der Versorgung Schwacher) längst kollabiert sein.

    Mich regt genau dieser Punkt noch doppelt auf: daß die bis zur Erschöpfung (und das meine ich seelisch und körperlich) gezeigte Einsatzbereitschaft der Menschen innerhalb solcher Systemen wie dem der Pflege in den politisch gewollten Kalkülen (Pflegesätze, Personalschlüssel usw.) als unentgeltliche und scheinbar beliebig ausnutzbare Manövermasse eingerechnet wird, während zugleich otmals in der Öffentlichkeit das Bild der desinteressierten bis bösartigen ‚Verwahrer‘ unserer ach so geliebten Angehörigen lanciert wird.

    Du hast natürlich völlig Recht, daß die Verhältnisse in der Pflege politisch gewollt sind. Die angeblich rein ökonomischen Zwänge sind dieses nur, weil sie im Rahmen gesetzlicher Vorgaben die Handlungsmöglichkeiten privater Träger und Investoren darstellen. Und nicht alle dieser Leute sind raffgierige Profiteure und nicht alle sind auf Gewinn aus. Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Kommunen und gemeinnützige Vereine tragen Heime oder mobile Dienste ebenso wie private Konsortien.

    Änderbar (idealiter, natürlich!) sollten in meinen Augen eigentlich vor allem zwei ganz grundlegende Entscheidungen sein:

    a) Ist die Sorge um Schwache in dieser Gesellschaft eine Aufgabe, die sich ökonomischen Kalkülen unterzuordnen hat?
    Daß dieses nicht unbedingt mit Ja zu beantworten ist, zeigt die Aufgabe der Landesverteidigung. Ich glaube, die Menschen dieses Landes würden nicht schlecht staunen, verträte der Bundesminister der Verteidigung die Auffassung, daß einem Angriff eines feindlichen Staates nicht begegnet werden könne, weil das dafür notwendige Handeln wirtschaftlich keinen ausreichenden Gewinn abwerfe. In der Pflege aber wird dies als Argument von allen Seiten ohne Murren akzeptiert.

    b) Hat man die obige Frage jedoch mit Ja beantwortet, muß man sich der Frage stellen, welchen Grad der Regulation mit welchen inhaltlichen Zielen und gegen welche Widerstände man erreichen oder aufrecht erhalten will.
    In der Praxis gibt es (als ob ein institutionalisiertes schlechtes Gewissen herrsche) eine ungeheure Fülle an Vorschriften und gesetzlichen Regeln, die einander zum Teil widersprechen. Die Vorgaben der Heimaufsicht, gedacht, einen Mindeststandard an Pflegequalität zu sichern, stehen mit den Resultaten der Pflegesatzverhandlungen (in denen die Träger und Verbände aushandeln, was etwa ihre Heime für einen Tag Pflege je Pflegestufe berechnen dürfen) oftmals in Konflikt. De facto lavieren die meisten Heime (und vielleicht auch mobilen Dienste, aber das weiß ich nicht so gut) trotz bestem Willens aller Beteiligten an der Grenze zwischen so eben noch bezahlbarem Aufwand an Pflege und soeben nicht ungesetzlicher Verletzung der Standards der Pflege.
    Hier fragt sich, ob sich die Pflegestandards dem ökonomisch Möglichen anzupassen haben oder das ökonomisch Mögliche den Pflegestandards zu folgen habe.

    Ich denke, diese Zusammenhänge sind in den politisch für das Gesundheitssystem verantwortlichen Kreisen durchaus bekannt. Und es ist meines Wissens keine Frage von Parteizugehörigkeit oder impliziter Weltanschauung, welche Richtung für das System präferiert wird. Auch als beinharte Neoliberale verschrieene Politiker/innen vertreten zum Teil Vorstellungen, die in meinem Augen tatsächlich das Wohl der Schwachen oben an stellen, während sich explizit sozial Gebende oft sehr andere Interessen favorisieren, die diesem Wohl gar nicht dienen.

    Ein Problem ist etwa der Gegensatz zwischen Ökonomie und Ideologie. Auf der einen Seite sind die Mechanismen der Kostenerzeugung im Gesundheitssystem absolut verwirrend und kompliziert und vollkommen verdeckt. Dieses wird natürlich sehr gezielt aufrecht erhalten, weil etwa sehr starke Gruppen eben genau von dieser Verdeckung profitieren (jetzt darf jeder 3x raten, wer das wohl sein kann). Auf der anderen Seite orientieren sich die Vorstellungen über Pflege in der ggf. politisch Druck machen könnenden Öffentlichkeit nach wie vor an Bildern einer aufopferungsvollen Pflege aus Zeiten einer Florence Nightingale oder an der mehr aus Neigung denn wegen der Bezahlung pflegenden Krankenschwester/Diakonissin/Nonne. Gegen die dann ein z.B, in das Tarifrecht eingebundenes, alltägliches Arbeiten gestellt wird, wobei letzteres naturgemäß immer sehr schlecht weg kommt.

    Ein wichtiger Hintergrund ist die Altersentwicklung, die allen Verantwortlichen seit gut und gerne 30 Jahren bekannt ist und ihnen von der politikberatenden Wissenschaft immer wieder genauesten erzählt wird. Bei gleichbleibender Art der Finanzierung von Pflege (per Umlage von den Beitragszahlern) ist diese nicht mehr bezahlbar. Ein Heimplatz kostet heute fast mehr, als der Heimbewohner, wäre er in Lohn und Brot, selbst im Durchschnitt verdienen könnte. Das würde nur bezahlbar bleiben, wenn die Alten früh genug sterben, was sie aber nicht tun, oder eine Unmenge an jungen Gutverdienenden nachwüchse, was sie auch nicht tun.

    Die Reformen, die also angeleiert wurden, hätten diese Verhältnisse ernsthaft bearbeiten müssen. Haben aber allesamt nur jeweils kurzfristige Lücken und alarmierende Zustände verstecken sollen und zugleich politische heilige Kühe wie z.B. die Beitragssätze nicht wirklich anrühren dürfen. Zudem war und ist der Horizont all dieser Reformen weniger eine nachhaltige Organisation des gesamten Systems, sondern eine Vertuschung von aktuell anstehenden, öffentlichen Alarmereignissen für ein bis höchstens zwei Legislaturperioden. Womit die wichtigsten Parameter des bestehenden Systems unangetastet blieben. Und dieses System kann durchaus (parallel zum militärisch-industriellen Komplex) als ein medizinisch-therapeutisch-pflegerischer Komplex bezeichnet werden, der bestimmten Gruppen (über die chemische und die medizinische Geräte herstellende Industrie bis zum Heer der Ärzte, Apotheker und Therapeuten und sicher noch einigen mehr) wirtschaftliche Vorteile aus der besonderen Struktur der Nachfrage nach ihren Leistungen sichert. Hier herrscht eben mitnichten das, was man gerne in der Öffentlichkeit als Kosten dämpfende Dynamik behauptet: irgend eine nennenswerte Konkurrenz der Anbieter bei freien Entscheidungsmöglichkeiten der Nachfrager.

    Ergo: was wir hier beklagen – eine befürchtete, drastische Verringerung der menschlichen Qualitäten des Lebens der Schwache in dieser Gesellschaft, hier der Alten – ist ein politisch und ökonomisch gewollter Zustand. Durch Einstellungsänderungen und vielfältige Initiativen dagegen anzugehen ist etwas, das die Handelnden menschlich auszeichnet. Aber im Zusammenhang betrachtet ist es, so fürchte ich, ein Handeln, das Regentropfen zurück in den Himmel wirft, um die Erde vor dem Durchnässen zu schützen.

    Vielleicht ist diese Sichtweise etwas sehr ‚ökonomistisch‘ und stinkt manchem. Ich glaube selbst auch, daß sie sich sehr bitter und düster und vielleicht ein wenig zu pessimistisch liest. Aber auch eine Verbitterte kann Händchen halten und eine Nase abputzen und ein Lächeln austauschen. Menschliche Zuwendung kann auch erfolgen, wo sie erfolglos sein wird oder sein muß. Der eigentlich Düstere ist für mich derjenige, der den Erfolg braucht, um menschlich zu sein, und sei es der nur eingebildete Erfolg. Und leider sind es oft gerade die jäh Desillusionierten, die von jetzt auf gleich alles hinschmeißen, haben sie keine Illusionen mehr im Köcher, um weiterzumachen.

  36. Es ist in der Tat sehr düster, was Du schreibst, Susanne, aber im Kern wohl richtig (so meine ich).
    Dennoch betrachte ich es nicht als ein „Regentropfen zurück in den Himmel werfen“, wenn man das Kümmern als Angehöriger selbst in die Hand nimmt.(verstand ich Dich da richtig??) Im Falle des uneinsichtigen Elternteils oder des bösen Alten fällt das natürlich schwer, aber letztlich führt doch auch keine finanziell auf weit besseren Füssen stehende Heim-Versorgung daran vorbei.

    Mag sein, daß dies naiv von mir ist. Ich weiß es nicht.
    Ich erinnere mich nur ganz privat daran, daß ich meinen Vater im Heim ganz gut mit Besuchen und Betreuung versorgte und daß es mir leichtfiel. Denn mir Nichtsnutz wurde durch die neue Rolle als „Betreuer“ endlich eine Achtung vom Vater zuteil, die ich sonst nicht kannte. Das motivierte und machte es mir leicht.

    Gruß
    Gerhard

  37. @Claudia
    Die Ökonomie ist unschuldig. Sie will lediglich bestimmte Ziele mit möglichst kleinem Aufwand (Minimalprinzip) oder mit gegebenen Mitteln, möglichst großen Nutzen erreichen (Maximalprinzip).

    Es können nun persönlich betroffene Menschen mit Liebe über Ziele und Nutzen entscheiden oder aber persönlich nicht betroffene Menschen, inspiriert von „Horrorgeschichten, die man immer wieder liest“, „Regelungen von oben“ treffen.

    Wenn es irgendwo heißt, es müsse gespart werden, es müsse mehr „geleistet“ werden und zwar in kürzerer Zeit aber für weniger Lohn und zusätzlich müssten unbedingt noch unproduktive Verwaltungs- und Dokumentationspflichten erfüllt werden, dann kann man dieser Aufforderung entweder Folge leisten oder man kann es ablehnen, so zu arbeiten. Vermutlich bringt es wenig, sich bei Anonymus darüber zu beschweren aber dann doch mitzumachen. :)

    Ja, es ist perfide, daß Menschen in Helferberufen unter Druck gesetzt werden und dabei nicht nur an ihrer Existenzangst sondern auch an ihrem Verantwortungsgefühl für die Bedürftigen gepackt werden. Wenn sie es aber mit sich geschehen lassen, dann wird der Druck einfach weiter zunehmen.

  38. @Gerhard, schön, das ihr noch eine Annäherung finden konntet. Mich bedrückt das immer sehr, wenn ich höre, das die Worte, die noch gesagt werden wollten, nicht mehr gesagt werden konnten.

    Ich glaube gut zu verstehen, @Uwe, was du meinst. Zu der Ablehnung, dem System zu dienen, gehört m.E. ein hohes Selbstbewusstsein, es auch anders zu schaffen, wie persönliche Prioritäten, die nicht verhandelbar sind. Diese Grundfestigkeit wird m.E. durch das Elternhaus angelegt, in deren Folge der eine nicht besser oder schlechter, sondern, der es nicht kann, vielleicht eher der Benachteiligtere ist. Erstmal angelegt, lässt sich das wohl nicht mehr ändern, wie so vieles, nicht veränderbar ist. So, wie man es selbst erhalten hat, wie du, und vielleicht auch ich, an die eigenen Kinder weiterzugeben, ist schon Herausforderung genug.

    Es ist so ähnlich, wie mit vielen, wie der Genforschung, dem clonen. Du kannst es verbieten, es findet sich immer jemand, der sich über alles hinwegzusetzen vermag.

    Und auch noch mal zum Thema. Ich, aus einer osteuropäischen Herkunftsfamilie, habe Alter und Pflege in einer rigrideren und liebloseren Form, rein vom Gefühl, vernommen, als sie die Familie meiner ersten Frau im katholischen pfälzer Land gelebt hat. Das hat mich tief und bleibend beeindruckt, wie meine Schwiegermutter bis zu Ihrem Tod in ihren eigenen 4 Wänden sein durfte. Ich habe dort sehr viel Neues für mich erfahren und gelernt.

    Damit meine ich, das die persönliche Einstellung zu Pflege und Alter schon sehr früh vermittelt wird. Nur für gute Wege zu finden, verändert sich alles so schnell, das wir gar keine Zeit und Möglichkeit finden, uns anzupassen. Heute leben doch die Kinder alle in anderen Städten oder Ländern, haben Berufe, Bedürfnisse, Verpflichtungen, Wünsche die eine Pflege zu Hause als unmöglich erscheinen lassen. Vielleicht erlegen wir uns auch die Zwänge auf, damit wir in ihnen bleiben können und nicht pflegen müssen. Dann dürfen wir später aber auch selbst nicht heulen, wenn es uns trifft.

  39. @alle:

    Ich glaube an die grundsätzliche Veränderbarkeit aller menschen-gemachten Zustände. Politik und Ökonomie folgen Werte-Entscheidungen von Einzelnen und Gruppen: es gibt stärkere und schwächere Gruppen, aufrechte und weniger aufrechte Einzelne – und jegliches System lässt sich ändern, wenn genug Leute das wollen.

    Da unsere Gesellschaften in Europa altern, ist es doch sicherlich nicht falsch, anzunehmen, dass die Modalitäten der letzten Phase dieses Alterns ein zunehmendes Interesse erfahren werden. (Mir fällt dazu z.B. auch ein, dass der Niedergang der FDP darin begründet liegt, dass sie „Steuern senken“ als einzige Forderung vortrug, während „das Volk“ doch lange eingesehen hatte, dass das grade gar nicht das Wichtigste war. Ebenso könnte es zu einer anderen Sicht auf die „heilige Kuh“ des Beitragssatzes kommen – nur mal als Beispiel). Nun, und wir haben auch schon ein ganzes System zusammenbrechen sehen….

    Ich versuche mal, zusammen zu fassen, was für „verändernde“ Schritte/Forderungen/Maßnahmen aus dieser Diskussionsrunde zu folgern wären:

    1) Mehr Geld in die Pflege: einmal durch Umschichtung weg von Big Pharma und Geräte-Medizin, zur Not auch durch Beitragserhöhung;

    2) Entlastung der Pflegenden von übertriebener Bürokratie (kann man da evtl. auch mittels mehr IT-Einsatz was verbessern? Nur noch schnell Multiple-Choice am Smarthandy, anstatt Formulare ausfüllen?)

    3) Mehr Widerstand/Protest von Seiten der Pflegenden, unterstützt von Angehörigen und anderen für das Thema Engagierten;

    4) Mehr Freiwilligen-Einsatz (wie z.B. Susanne) und bessere bzw. motivierendere Organisation solcher Engagements; (da kann ich mir bezüglich lokaler Communities noch einiges vorstellen…)

    5) Mehr Selbstverantwortung des Individuums, was die eigene Gesundheit angeht, ebenso mehr Bewusstsein für gelingende persönliche Beziehungen (möglichst keine psychische Last für andere werden, so lange man dazu etwas tun kann);

    6) Weiterentwicklung der vielerlei Experimente, die „neben dem System“ versuchen, neue Wege zu gehen. Ich führe da nochmal die Alten-WG an, die eben NICHT „Kleinstheim“ ist, sondern freier Zusammenschluss mehrerer Alter (unterstützt durch Freunde und Angehörige), die dann selbst ambulante Pflegedienste in Anspruch nehmen – sich aber auch im Rahmen des noch möglichen gegenseitig helfen.

    7) Mehr echte Konkurrenz der Anbieter und freie Wahl der Nachfrager im System; Speziell bezüglich der Gruppen, die jetzt von der „besonderen Struktur der Nachfrage“ wirtschaftliche Vorteile haben.

    8) Massive und nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit / Kommunikation über die derzeitigen Zustände und Intransparenzen. Offenlegung der beschwiegenen Widersprüche zwischen Anspruch und Bezahlung – und evtl. auch juristisches Vorgehen dagegen.

    Hab ich was vergessen?

  40. Wahrnehmbare Veränderungen lösen immer mal wieder falsche Impulse / falsche Interpretationen aus. Wie von mir bereits zuvor im digital diary erwähnt, hat Westerwelle und FDP den phänomenalen Stimmenzuwachs der Forderung nach Steuersenkungen zugeschrieben anstatt es als Protest- bzw. Leihstimmen zu erkennen.

    Gestern konnte ich lesen, dass im Kantonsrat Zürich ein neues Gesundheitsgesetz für die Pflegefinanzierung diskutiert wird. Vorgesehen ist, wer zu Hause gepflegt werden will, soll sich das auch leisten können, sprich selber bezahlen. Erreicht werden soll damit eine Entlastung der Krankenkassen. Wenn ich nur in Eile den Titel lese, tönt das für mich auf die Schnelle vernünftig, weil ich an störrische Alte denke, die egoistisch die Pflege zu sich kommen lassen. Doch bei näherem Betrachten bin ich doch recht irritiert. Auf BW-Kostenbasis ist mir als Pflegelaie sofort klar, dass die ambulante Pflege zu Hause, einen Bruchteil der Kosten auslöst – weil die Fixkosten wegfallen – welche die Pflege im Spital oder Heim auslösen.

    Es ist verzwickt, wie man es betrachtet. „Nur“ als Prämienzahler verzweifelt man über die ständig steigenden KK Kosten. Als Versicherter verzweifelt man, wie viel ständig extra bezahlt werden muss.
    Befürchte dieser Thread wird zu einem Dauerbrenner bei dd werden, denn hier können Leser in Zukunft ihre letzte persönliche Erfahrung hinterlassen und da wir alle noch lange leben wollen, sollte Claudia sich nicht über steigenden Speicherbedarf wundern.

  41. @claudia danke für deine einladung, deinen beitrag zu lesen und mich in die diskussion einzubringen.

    @all ich habe nun auch alle kommentare gelesen und bin zunächst reichlich angefüllt mit den verschiedenen eindrücken, erfahrungen, kritischen betrachtungen und ideen. daher werde ich nicht konkret auf einen kommentar eingehen. man möge mir auch verzeihen, dass ich nicht unbedingt direkt jedem seine sicht zuordnen kann.
    ich hab keine ahnung, wie lang der kommentar wird, aber mag mich nicht beschneiden, das thema ist so wichtig.

    claudia hat mir gemailt und zu recht durch meinen kommentar in einem anderen blog erkannt, dass mir das thema alt werden auch nahe geht.
    aus den kommentaren entnehme ich, dass ihr älter seid als ich, ich bin 32 und hab somit einfach noch nicht arg viel lebenszeit hinter mir, dafür aber lebenserfahrung, die auch nicht jeder hat, der älter ist als ich.

    meine persönlichen erfahrungen mit pflegebedürftigen menschen sind lange her, haben aber zu meinen vorstellungen beigetragen:

    1998 habe ich drei monate in paris mit behinderten menschen in einer wg zusammen gelebt und gearbeitet. vielleicht kennt jemand das? es gibt l’arche weltweit. der gründer ist jean vanier und es ist christlich/katholisch durchwirkt. das prinzip ist folgendes: freiwillige unterstützer unabhängig von religion/weltanschauung aus der ganzen welt engagieren sich im rahmen eines freiwilligen sozialen jahres in der arche. kost und logis sind gedeckt, taschengeld und etwas urlaub auch. finanziert wird das alles über die kosten für den wohnplatz. inwieweit der staat da mittrug, weiß ich nicht. ich wusste nur von zwei bewohnern, dass deren familien den platz zahlten und dass es teuer war.
    nach einer probezeit muss man bedenktage einlegen, um sich zu prüfen, ob man sich für den rest der zeit fest verpflichten will, ob man sich der psychischen belastung gewachsen fühlt (gerade, weil es meist sehr junde menschen sind, die das jahr machen).
    in unserer wg lebten fest sechs behinderte menschen und 4 assistenten. ein assistent macht den hausvorstand und verwaltet das finanzielle budget für ernährung, freizeitunternehmungen und haushalt. jeder assistent wird für das jahr feste bezugsperson für einen bewohner. wir hatten supervision und neben der praxis auch begleitend theorieunterweisungen. aus allen wohngruppen in paris wurde ein assistent für einen tag in der woche ins „atélier“ abbestellt, an dem die bewohner ihren tag verbrachten, die nicht in der lage waren, in einer wekstatt für behinderte menschen arbeiten zu gehen. dort habe ich zb. montags eine kochgruppe geleitet und musste inklusive einkauf ein essen für 30 personen ausrichten.
    nun war keiner der bewohner in unserer wg schwer pflegebedürftig. in anderen kam rasieren, unterstützen beim waschen, füttern und windel wechseln vor.
    ich selbst hatte nur erfahrungen sammeln können beim rasieren und geleiten beim laufen, beim zimmer putzen helfen . das einschneidenste war, p., der epileptiker war und ein riesiger, schwerer mann, bei anfällen vor schlimmen verletzungen zu bewahren und auch wieder aufzurichten.

    in der arche lebte es sich luxuriös. alle wg’s trafen sich regelmäßig. es gab förderer und wg-freunde, die wie besuchsdienst, regelmäßig vorbeikamen. es ging darum, mit unterstützung der assistenten den behinderten menschen ein weitgehend autonomes leben zu ermöglichen. wir waren big family.
    hätte alles toll sein können. doch auch in dieser luxuriösen praxis war es das nicht.
    mein tag war ein 17h-tag. das zusammenleben machte einen feierabend unmöglich. wie kann ich einem menschen, der meine hilfe braucht, diese verweigern, nur weil ich feierabend habe? expliziten nachtdienst gab es nicht. die supervision war nötig und wohltuend, da es bei einem zusammengewürfelten team auch kracht. spannungen mit dem menschen, dessen bezugs-assistent man war, konnten oft nicht direkt mit ihm geklärt werden und die supervisorin trug zur klärung bei.

    einige der bewohner waren schon recht alt, andere noch recht jung. nicht alles in der arche lief perfekt, aber ich habe für mich herausgezogen, was geschieht, wenn menschen mit liebe und hingabe und ohne sorge um verpflegung/unterkunft dienst am anderen leisten.
    ja, es raubt kraft. es war nicht möglich, eine sexuelle belästigung durch einen bewohner zu thematisieren. die bewohner leben schon jahre mit dem konzept der wechselnden assistenten und sehen keine notwendigkeit, danke zu sagen. an manchen tagen wollte ich nicht mehr. konnte den geruch eines alten mannes nicht mehr ertragen oder den sabber eines anderen. oder die macke einer frau, mich ständig zu umarmen.
    man kommt an und springt kopfüber ins kalte wasser. hat keine ahnung von pflege, zeitmanagement oder wie man für 30 personen kocht und 8 beeinträchtigte personen dazu kriegt, das gemüse rechtzeitig zu schnippeln. es gab noch viel viel mehr, das mir quer saß und mich unendlich erschöpfte.
    doch ich durfte auch erleben, wie diese erschöpfung schlagartig weichen konnte. weil eine autistin, die allen auswich, mir übers haar strich. weil j., der kaum sprach, mir die hand auf die wange legte, strahlte und „ma belle“ seufzte, wenn er mich sah. weil ich wusste, dass p. einen lachanfall bekommen würde, wenn ich diese oder jene faxen machen würde. weil er noch nie was aussortiert hatte und nach wochenlangen auseinandersetzungen mir einen spitznamen verpasste und für mich ein paar zentimeter seines regales aussortiert hatte. weil es wie familie war. nur eben nicht rosarot, sondern real, mit allen reibungen und konflikten. mit wut und zorn.

    ich dachte damals, so würd ich gern alt werden wollen. da wusste ich nicht, dass die arche eben nur so lange heim und heimat für ihre bewohner ist, bis sie zum schweren pflegefall werden. fakt bleibt auch, dass die arche sehr hohe kosten verursacht trotz der gering bezahlten assistenten und auch auf spenden angewiesen war.
    dennoch: die warmherzigkeit im miteinander hat mich sehr berührt.
    dennoch sehe ich es nicht so, dass alten-wgs mit jungen pflegekräften wirklich funktionieren, wenn die leute nicht gut ausgebildet sind. meine ausbildung war dürftig. das allermeiste in hauswirtschaftlicher, pflegerischer, pädagogischer und therapeutischer arbeit, die ich leistete, habe ich aus dem bauch heraus gemacht. das funktionierte oft ganz gut, zu oft empfand ich es als behelfsmäßig. das wiederum erzeugte frust.

    zurück in deutschland quittierte ich die ausbildung zur heilerziehungspflegerin, nachdem das qualitätsmanagement mir untersagte, „oma ä.“ den rücken unter der dusche 5 minuten einzuseifen und sie nach dem duschen einzucremen, was sie so gern hatte, weil ihr jeglicher körperkontakt fehlte. die zeit war nicht vorgesehen für so etwas. einem anderen bewohner durfte ich kein kinderspiel beibringen. der sei schon zu alt und zu weggetreten dafür. man bot mir an, mich zu fügen und ein bezahltes (!) studium qualitätsmanagement.
    ich sehe, dass alles geld kostet und man vor ökonomischen betrachtungen den kopf nicht in den sand stecken darf. aber ich wusste, ich kann mir nicht mehr in die augen sehen, wenn ich oma ä. nicht mehr den rücken verwöhne oder die werde, die anderen sagt, sie haben nur noch 30 sekunden, mit dem lappen über ihren rücken zu wischen.

    mein großvater war 6 jahre bettlägerig und dement in einem pflegeheim. es war ein gutes und trotz engagierter pflegekräfte war einfach nicht genug zeit und nicht genug personal da. da musste meine oma hinterher sein, dass er regelmäßig gelagert wurde und geprüft wurde, dass er genug gegessen und getrunken hat.
    meine oma ist mit 72 nach einer harmlosen op einfach abgetreten. ich sag mal nur so: sie war extrem vom leben gebeutelt, was gesundheit angeht. ich war froh, dass sie nicht auch im sterben noch leiden musste. mein großvater konnte ein knappes jahr später endlich auch loslassen und der vielleicht einzige moment, in dem meine familie zusammenhielt, war der, dass wir ihm keine lebensverlängernden maßnahmen aufbürden.

    was mich anbelangt, mach ich mir keine illusonen. ich werde unendlich froh sein, wenn nicht ich, sondern dritte meine eltern einst pflegen. menschen, zu denen ich seit jahren keinen kontakt habe. wo ich nicht an versöhnung und liebe in güte und altersmilde glauben kann. menschen, die mir genug lebenszeit geraubt haben und wegen derer ich um meine seelische und körperliche gesundheit mehr ringen muss als andere menschen.

    wenn ich schwarz sehe, denke ich, ich lande mal in einer verwahranstalt. weil es, wenns bei mir soweit ist, zu viele alte und zu wenige pflegende gibt. viel schlimmer, als jetzt. weil ich nicht weiß, ob ich die gelassenheit habe, von wechselnden fremden menschen mich intimst berühren zu lassen und dabei innren abstand zu wahren. grad seh ich das nicht, dass unsere gesellschaft sich auf einem positiven weg befindet, was zu mehr herzensmiteinander führt. ich mag die hoffnung nicht aufgeben, aber bei allen hier angesprochenen veränderungsvorschlägen fehlt mir der wichtigste. der, der meinen erfahrungen nach der motor ist: herzensbildung. für jung und für alt. wenn die nicht da ist, wenn die nicht angeregt und gefördert wird, bleibt alles nur zweckgemeinschaft oder eben grundversorgung. dazu gehört für mich auch, dass pflegende und zu pflegende menschen darin begleitet werden, über tabus zu sprechen, über scham, über trauer,wut und trotz, weil der alte baum verpflanzt wurde ins heim. über sexualität und wünsche. verbliebene träume und bedauern. darüber, was für den pfegenden schwierig ist.
    ich mag das einfach nicht akzeptieren, diese vorstellung davon, gefüttert, gepampert und gelagert zu werden, mit wirrem blick der vorlesetante zuzuhören und vor mich hinzusiechen.
    ich habe freunde. doch werden die dort leben, wo ich bin, wenn ich alt bin? was ist, wenn die weit fortziehen. bin ich bereit, ihnen hinterherzugehen? oder doch lieber rechtzeitig das tabletten sammeln anfangen und hoffen, man kann sie dann noch selbst runterschlucken? oder jemand nettes fährt einen in die schweiz?

    wenn ich träume, dann ahme ich das nach, was ich mal wo las, die quelle hab ich leider nicht mehr. in zentralfrankreich will keiner leben. ganze dörfer sind verlassen und einige alte haben so ein dorf gekauft oder einfach besetzt. unterstützen sich und haben sich welche dazugeholt, die sie pflegen. ich war nie ein wg-typ, aber ein wg-dorf kann ich mir sogar mit fremden alten, die ich nicht so super leiden kann, vorstellen.

    wer soll das bezahlen? ich weiß es nicht, ich bin arm und vermutlich wird sich das wegen meiner gesundheit auch nicht mehr ändern. aber ich habe so ein irres vertrauen darauf, dass ich alles ertragen kann. dass ich annehmen kann, wenn ich nicht einfach einschlafe wie meine oma, sondern vegetiere wie mein opa.
    vielleicht muss ich nur begreifen, dass ich auch ein unter umständen würdeloses altern und siechen im heim mit würde tragen kann. dass mir, sollte ich noch klar denken können, niemand nehmen kann, den menschen anzulächeln, der sich, egal wie motiviert oder nicht, mit meiner pflege beschäftigt. dass ich frei darin bin, ob ich jammern will oder meinen frieden finden.
    ich bete, dass ich das noch können werde. soll man mir doch den arsch abwischen, ich werde mich daran gewöhnen. die wirkliche angst habe ich davor, nicht mehr bei sinnen zu sein. zu vergessen, wer ich war, wer ich bin, wer ich sein will.

  42. Höchst beeindruckend, danke dafür!

  43. Liebe Poetin,

    hab Dank für deinen sehr berührenden Beitrag! Sehr bewundernswert, dein Einsatz als so junger Mensch in dieser Alten-WG!! Und auch, dass du danach noch weiter in dieser Richtung suchtest, trotz durchaus frustrierender Erfahrungen, finde ich klasse!

    Dass mit dem „Qualitätsmanagement“ ist mal wieder typisch auf den Punkt! Dass du nicht mal 5 Minuten eincremen durftest, zeigt den ganzen Wahnsinn der Pflege im Minutentakt. Und dass die Alten verlernt hatten, danke zu sagen, ist bedrückend, zeigt uns aber auch, worauf wir beim Alt werden jeder für sich mehr achten sollten: auf die Wertschätzung aller anderen Menschen, die uns begegnen.

    Herzensbildung – wie will man die lehren?

    (Bin grad auf dem Sprung, hätte gerne noch länger geschrieben – sei herzlich gegrüßt!)

  44. @claudia die beiden wgs in paris und deutschland waren wgs für geistig, körperlich und seelisch behinderte menschen. nicht vorrangig für alte, es gab aber eben ein paar alte bewohner und viele bereiche in der pflege überschneiden sich inhaltlich.
    in meinem fall haben also keine alten verlernt, danke zu sagen. es waren behinderte menschen, die im bewusstsein lebten, dass andere sie lieben und für sie sorgen, dass gott sie trägt. mal waren sie ruppig und übel gelaunt und wirklich undankbar. dann aber wieder war kein explizites danke nötig. ein danke hat so viele gesichter wie die liebe. für mich kann ein augenzwinkern ein danke sein. oder wenn sich jemand auf mich einlässt.

    wie man herzensbildung lehren will? puh. spannend ist z.b., dass ich nicht gerade ein angenehmes elternhaus hatte. dennoch wurde mir beigebracht, auch kleinste dinge wertzuschätzen. oder auch, mich an der natur zu erfreuen. anderen danke zu sagen. anderen gefallen zu erweisen. das war das gute in meiner kindheit und davon profitiere ich. aber ob das allein es war, was ich als meine herzensbildung betrachten würde?

    es wird nicht leicht, denn wie sollen menschen, die sich von ihrem herzen abtrennen, anderen herzensbildung vermitteln? mit irgendwelchen systemen und verordnungen ist das nicht möglich.
    sprich: die generation derer, die jetzt eltern und großeltern sind, ist zuerst in der pflicht. diejenigen darunter, die sich mehr herzenswärme untereinander wünschen, müssen den anfang machen und versuchen, die anderen wach zu rütteln. dass sie berührbarer werden.
    wieso nicht als eltern/großeltern mal das enkelkind mitnehmen auf einen ausflug ins altenheim? mit vor- und nachbereitung? wir brauchen mutige menschen, die tabus wie altwerden und sterben und tod nicht ausklammern. die nicht glauben, dass man das kindern nicht zumuten darf.
    eine kindheit ohne traumata gibt es nicht und ist m.e. auch nicht gesund. erlebnisse können schwer für ein kind/teenager zu verarbeiten sein, aber da sind die bezugspersonen angehalten, stark und verlässlich für das kind da zu sein.

    wieso ist es normal, seine 5-jährigen zum ballett oder fußball zu schicken, aber nicht genauso regelmäßig mit ihnen zusammen einem anderen menschen einen sozialen dienst zu erweisen? so könnten die, die heranwachsen, das alles viel natürlicher erleben und es würde ihnen nicht mehr so unheimlich sein.

    können nicht schulen ein soziales semester gestalten? in dem pflegende ihre erfahrungen teilen? in dem die jugendlichen in pflegeeinrichtungen gehen und kontakt aufnehmen zu bedürftigen menschen? könnte nicht opa xy, der noch fit im kopf ist, nachhilfe anbieten, die im heim stattfindet?

    ich glaube, wir müssen das thema in den fokus rücken. die heime können schlecht zu den menschen kommen, also brauchen wir wege, die potenziellen unterstützer in die heime zu holen. nur dort, nur in der konkreten erfahrung mit dem leben eines pflegebedürftigen menschen, lässt sich das herz nachhaltig berühren. ein fernsehbericht, ein zeitungsartikel, eine plakat-kampagne nutzt nicht langfristig etwas. wichtig wäre eben auch, tabus zu brechen. nicht nur die rüstigen niedlichen omis zeigen. nein, auch das vollgeschissene bett, den sabber, den unangenehm säuerlichen geruch manch alter haut.

    konfrontation kann auch abwehr auslösen. zunächst oder grundsätzlich. aber es geht nicht darum, den jugendlichen horrorbilder zu malen. es geht darum, ihnen zu zeigen: so ist es jetzt. nicht alles läuft gut. kannst du verstehen, dass es schlimm für einen alten menschen sein kann, so zu leben? kannst du verstehen, dass deine unterstützung kostbar ist? kannst du dir vorstellen, dass es dich stolz macht und glücklich, wenn du jemandem hilfst? auch dann, wenn der es dir nicht zeigen kann oder will?

    das alles gilt für erwachsene genauso, die ins boot geholt werden müssten. wichtig finde ich einfach, dass diese menschen dann nicht mit ihren erfahrungen allein gelassen werden.
    dass sie eltern, freunde, bekannte, lehrer, und ansprechpartner im heim haben, mit denen sie das verarbeiten können. bei letzteren auch, dass sie das gefühl haben, ihre ideen sind willkommen.

    nun,ich muss nicht ins nächste heim rennen und die welt retten, wenn ich mir das nicht zutraue. aber das bedeutet nicht, dass mir alles am arsch vorbei gehen sollte. ich kann ebenso einen beitrag leisten zu einer veränderung, wenn ich das tue, was letzlich das ding ins rollen bringen kann:
    lernen, liebevoll mit mir selbst umzugehen. zugleich so viele menschen aus meinem leben, wie ich vermag, respektvoll und liebevoll begegnen. so oft ich es kann. nicht über alles hinwegsehen, sondern themen ansprechen. diskussion anregen. ich kann einen menschen bewegen, sein herz zu öffnen, wenn er es zulässt. und vielleicht geht dieser mensch dann hin und zehrt von dieser erfahrung und ist nun auch in seiner kleinen welt liebevoller mit anderen.
    das zieht kreise und das braucht zeit. aber wenn man selbst nicht endlich bei sich beginnt, dauert es nur unnötig länger.

  45. ergänzung:
    ein freund von mir hat diese wundervolle kampagne ins leben gerufen. sie symbolisiert gut, was ich meine: mit ernsthafter fröhlichkeit lässt sich viel bewegen.
    http://www.konfetti-im-kopf.de

  46. […] einiger zeit schon hat claudia sich über das thema altenpflege gedanken gemacht. ich habe die rege diskussion verfolgt, wie immer ein wenig neidisch über die […]

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