Claudia am 20. Juli 2010 — 9 Kommentare

Vom Druck der Machbarkeiten

Um den verstopften Abfluss der Spüle zu befreien, hatte ich mir „was Biologisches“ gekauft: Mikroben sollten alles auffressen, was dem Wasser den Weg versperrt. Doch auch nach drei Tagen Fresszeit und mehrfachem Nachschütten hatte sich nichts geändert. Das Produkt „Wenke Rohr- und Abflussfrei“ hat in meinem Fall komplett versagt.

Was tun? Nun, erster Gedanke eines Netz-Urgesteins ist es, den Flop zu kommunizieren: auf Ciao.de zum Beispiel, wo sich Erfahrungsberichte zu nahezu allem finden, was man so kaufen kann. Auch ich gucke dort oft hin, bevor ich mich entscheide, doch als ich mich anmelden wollte, verließ mich der Elan: Himmel, meine ToDo-List ist nicht gerade kurz. Muss das wirklich jetzt auch noch sein?

Weit stärker als der Abfluss-Flop berührte mich die Nachricht, dass zwei große alte Fichten neben meinem Garten gefällt werden sollen: wegen der „Gartenordnung“, die keine Waldbäume in Kleingartenanlagen vorsieht. Klar, dass dazu ein Blogbeitrag fällig war. Und zwei Artikel über Carolas Wohnungsbrand mit Spendenaufruf hab‘ ich ebenfalls gerne veröffentlicht – es begeistert mich, wenn sich konkrete Hilfe so erfolgreich übers Web organisiert.

Nun gut, aber da ist auch noch Maxi, das Kind, das einen Stammzellenspender sucht. Und von Regenwald.org bekomme ich Aufforderungen, mich gegen zerstörerischre Abholzungen da und dort einzusetzen. Die zur Zeit laufende Löschung vieler Inhalte in den Netzen der öffentlich-rechtlichen Sender empört mich – gerne würde ich darüber schreiben, protestieren und Abgeordnete belästigen. Ok, das Ding ist durch, Protest nützt jetzt nicht mehr viel, doch der Kampf gegen Lebensmittelpatente ist noch nicht verloren und könnte viele neue Unterstützer brauchen.

Schrecklich gerne würde ich mich auch an der Debatte um die CCC-Forderungen für ein lebenswertes Netz beteiligen. Und dass das Archiv der Jugendkulturen dringend Hilfe braucht, ist mir trotz vorgerücktem Alter nicht egal.

Ich lasse mir ein Glas Wasser einlaufen und gebe ein paar Tropfen Zitrone dazu. Verdammt, warum machen das nicht viel mehr Leute so? Alle regen sich über das Öl-Desaster auf, verzichten aber nicht mal da, wo es kaum weh tut, auf ressourcen-verbrauchende Sprudelwasser- und Limo-Flaschen. Ich sollte endlich ein Nachhaltiger-Leben-Blog aufmachen und lauter solche kleinen Tipps posten! Und Wasser mit Zitrone ist ja nicht das Ende der Fahnenstange: die Welt der kalten Aroma-Tees ist riesig. Was man sich da für tolle Kaltgetränke machen kann, ganz ohne Plastik (=Öl) und Liefer-Benzin zu verbrauchen!

Die Berliner Straßenbäume dürsten in der Hitze – verdammt, darüber hätt‘ ich in meinem Berlinblog auch mal was schreiben sollen! Aber gut, das macht auch ab und an die Presse und auf mich warten ja noch die gefühlten 100 Themen, die ich in Sachen „naturnah gärtnern“ mal recherchieren wollte. Wenn ich denn dazu komme.

Das hier ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem, was mir täglich als MACHBAR und WÜNSCHBAR und oft sogar DRINGLICH bzw. schwer angesagt begegnet. Die Möglichkeiten der Partizipation haben sich mit dem Internet exponentiell vervielfältigt, wobei mehr Medienkompentenz immer auch zu mehr Machbarkeits-Wissen führt. Kleine und große Dinge muss ich nicht mehr einfach hinnehmen, sondern kann mich übers Web an deren Veränderung beteiligen: Informieren, protestieren, Mitstreiter finden, Käufer beeinflussen, Trends verstärken, Hilfe organisieren, Meinung machen, kreative neue Ideen umsetzen, Projekte starten ohne Ende – aber wann? Auch mein Tag hat nur 24 Stunden, daran hat auch das Netz nichts ändern können.

Es spart uns eine Menge Zeit, ja. Es eröffnet aber auch schier unendliche Möglichkeiten, die alle nur darauf warten, genutzt zu werden. Bin ich also faul und unfähig, weil ich sie nicht in gebotenem Maße ergreife? Auch acht oder zehn Stunden pro Tag „am Netz“ schützen nicht vor diesem Gefühl.

Doch nein, das hier ist keine Kulturkritik und schon gar kein Internet-Bashing. Nur mal ein Ausschnitt aus meinem von den immensen Möglichkeiten manchmal überforderten Alltag. Mittlerweile ist es auch schon wieder Mittag und mein Abfluss ist immer noch verstopft. Ich recherchiere jetzt mal, was es für Spiralen gibt, auf die chemische Keule hab‘ ich nämlich keinen Bock.

Diskussion

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9 Kommentare zu „Vom Druck der Machbarkeiten“.

  1. ich hab so eine spirale hier. also, sag bescheid, ich bring sie die tage nach dem kiesern vorbei. oder helfe auch, wenns genehm ist.

  2. Ich empfehle
    http://de.wikipedia.org/wiki/Saugglocke_%28Sanit%C3%A4rtechnik%29
    Oder einfach mal den Siphon aufmachen (Geht normalerweise ohne Werkzeug) und nachsehen. :)

    Ja, so vieles ist machbar und weil die Zeit begrenzt ist, heißt es auszuwählen. „Es gibt viel zu tun. – Lassen wir es sein!“ kann auch zufrieden machen, aber nicht jeden. ;)

  3. @engl: danke, ich werd dich anrufen!

    @Uwe: Saugglocke ist ausprobiert, kein Effekt. Auch im Siphon (das abschraubbare U-Rohr?) ist die Verstopfung nicht, sondern dahinter. Aber danke für die Tipps!

  4. trinke auch leitungswasser, sogar ohne zitrone – schon immer (war auch als ich klein war bei uns üblich). und biete es auch meinen gästen an und stelle fest, dass im lauf der jahre die akzteptanz sehr stark gewachsen ist. das lässt hoffen.

    (zum rest: ja, stimmt leider – alles.)

  5. für das dahinter ist definitiv die spirale zuständig. das ding ist so ca. 3 – 4 meter lang. für alles, was möglicherweise noch tiefer liegen sollte, braucht es dann sowieso den klempner. und da dürfte ja dann der hausbesitzer zuständig sein, denke ich.

  6. Hier in Solingen schmeckt das Leitungswasser sogar! Ganz weiches Talsperrenwasser. Echter Luxus.

  7. Oh ja, Thema Trinkwasser: unseres schmeckt überhaupt nicht! Es riecht sogar ziemlich nach Chlor! Okay, Chlor „verdampft“ nach einer Weile und auf Nachfrage bei der Stadt wurde mir versichert, dass ein muffiger Geruch am Morgen (da will ich nämlich nur meine Tasse heisses oder auch kaltes Wasser trinken) „normal“ sei, weil dass Wasser gestanden sei und ja, mit Chlor müsse man auch etwas nachhelfen, es sei aber in Dosen, die völlig unbedenklich seien. Und nun kaufe ich doch lieber wieder stilles Mineralwasser aus der (Glas)Flasche… Was ist das kleinere Übel??? Ich finde es eine Zumutung mit dem Trinkwasser, es ist ja auch nicht gerade billig (und wieso ist das Abwasser doppelt so teuer wie das Zuwasser?????) und so kalkhaltig, dass auch die ganzen Leitungen und Kochgefäße ziemlich schnell Schaden nehmen. Ärger…

  8. @Jeanette: würde das Wasser hier irgendwie komisch schmecken, würd ich es auch nicht trinken! Aber interessant: ich dachte, das chloren von Trinkwasser sei nicht mehr Usus…

  9. @ Claudia: schade ist es von Berlin bis ins Herzen der Schweiz zu weit um schnell einen Schlauch auszurollen. Würde dir gerne ab eigenem Brunnen von meinem Klosterquellwasser zur Verfügung stellen. Anstatt zu chloren gibt’s vor jedem Schluck ein Stossgebet. Es hilft, das Klosterwasser mundet, wie die Gläubigen vor dem Brunnen beim Trinken sagen; Wie wenn d’Engeli die Hals abbebrünzlet! Es schaltet auch neue Energie frei. Aber wie gesagt, nichts ist gratis. Beten muss man schon dabei, dass es wirkt. Ich erkenne, wer es tut und wer nicht. Entspannte und zufriedene Gesichter bei den Einen und missmutiges Murmeln – mein Berliner Bier ist mir lieber – bei den Anderen.

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