Claudia am 20. Februar 2010 — 13 Kommentare

Begeisterung und ihre Verknappung im zunehmenden Alter

„Die Vernunft erscheint im Leben zuletzt; je mehr sie erkennt, je reifer sie wird, umso mehr lassen Gefühl und Einbildungskraft nach, jene beiden Kräfte, denen jede nachhaltige Initiative und jede echte Begeisterung entstammt.“ – Francesco de Sanctis, Über die Wissenschaft und das Leben

„Begeisterung ist eine Jugendkrankheit; heilbar durch Reue in kleinen Dosen, verbunden mit äußerlicher Anwendung von Erfahrung.“ – Ambrose Bierce, The Devil’s Dictionary

Diese Zitate fand ich gestern bei wikiquote.org, als ich mal schauen wollte, was so alles zum Thema „Begeisterung“ gesagt wurde. Natürlich stehen dort auch noch andere Sprüche, die mit mehr Begeisterung von der Begeisterung handeln, doch diese beiden entsprechen ziemlich gut meiner aktuellen Stimmung.

Ist die Sache auswegslos? Ist mangelnde Begeisterung eine Alterserscheinung, der man nicht ausweichen kann? Ist sie etwas, das von äußeren Bedingungen abhängt, etwa dem Wetter, der physischen Verfassung, der Jahreszeit? Und: werden wir passiv von der Begeisterung erfasst oder können wir auch aktiv etwas tun, um uns zu be-geistern?

2006 und 2008 kehrte ich zu dieser Zeit dem deutschen Winter den Rücken und reiste für sechs Wochen nach Kambodscha. Das tropische Klima, eine ganz andere Kultur, bunte Farben, exotische Gerüche, spektakuläre Altertümer – um zu wenig Begeisterung musste ich mich da nicht sorgen. Dieses Jahr aber wird mir die Zeit lang: endloser Winter, dreckige Eis-Dünen auf den Gehwegen, anhaltende Kälte – als es vorgestern nacht auf einmal ganze fünf Grad warm war, fühlte ich einen richtigen Euphorie-Schub: Wow, was für eine Lebendigkeit!

Dass es mir derzeit an Begeisterung mangelt, erlebe ich täglich beim Surfen im Netz. Das allgemeine Streiten, Jammern und Schimpfen langweilt mich wie selten zuvor – ich mag jetzt nicht mal aufzählen, was ich damit alles meine, so öd ist mir zu Mute beim Blick auf die Schlagzeilen. Und obwohl ich kein Apple-Fan bin, stelle ich jetzt fest: Immerhin schafft es diese Firma immer wieder, mit ihren Produkten wahre Begeisterungs-Tsunamis zu erzeugen. Die werden zwar auch schnell wieder durch massenhafte Kritik nivelliert, aber immerhin.

Nun, für neue Geräte kann ich mich lange schon nicht mehr begeistern: allenfalls in der Phase der Auswahl stellt sich kurz ein Gefühl ein, als suche man nach dem heiligen Gral und hätte echte Chancen, ihn zu finden. Ist es dann gekauft, ist es auch nur ein Ding unter vielen, das nun zur Verfügung steht. „Besitz belastet“ ist mir heute als Erkenntnis viel näher als die Freude am Haben. Konsum ist also keine Lösung.

Ein Blick zurück: Was hat mich früher begeistert? Nun, eigentlich alles, was neu war und ein wenig neben dem lag, was ich als „das Normale“ ansah: bewusstseinserweiternde Drogen, alternative Lebensweisen, politische Utopien, erotische Ausschweifungen, spirituelle Systeme und auch mal recht esoterische Lebenskonzepte. Dann immer wieder Aufbrüche zu einer neuen Praxis: die andere Ernährung, das ganz gesunde Leben, die immer neue „Selbstfindung“ in 1000 Gestalten. Und im täglichen Leben natürlich auch der Erfolg: neue Projekte, neue Arbeit – die Freuden des Gelingens und der Bestätigung durch Andere.

Und heute? Gelegentlich ein guter Text, ein paar schöne Stunden mit dem Liebsten – und ab Frühling dann wieder der Garten!

Reicht das nicht? Nein, es reicht nicht, jedenfalls jetzt nicht, am sich hinziehenden Ende des langen Winters. Und anders als es die Eingangs-Zitate nahe legen, meine ich nicht, dass Begeisterung allein Sache des Lebensalters ist. Eher verhält es sich so, dass man in vorgerücktem Alter etwas dafür tun muss und das „Begeisternde“ nicht mehr automatisch in den Schoß fällt. Es braucht Konzentration und Vertiefung, anstatt dieses Surfens auf den Oberflächen der 10.000 Dinge, das im Alltag so leicht fällt.

Draußen schmilzt der Schnee – vielleicht bin ich ja auch gerade dabei, aus dem Winterschlaf zu erwachen.

Diskussion

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13 Kommentare zu „Begeisterung und ihre Verknappung im zunehmenden Alter“.

  1. So fühle ich mich auch, Schwester! :) Winterdepri wegen Sonnenmangel. Dieser Winter war mal wieder lang, grau, kalt und dunkel, nachdem die letzten 3-4 Winter sich doch wesentlich angenehmer anfühlten. (Ich mag Klimawandel!)

    Schwindet die Begeisterung zwangsläufig mit dem Alter? Ja und Nein. Ja, weil die Träume, die einen motivieren und begeistern am Anfang zahlreich sind und später, wenn sie umgesetzt sind, weniger werden. Wenn man Glück hat, bleibt Zufriedenheit übrig. :)

    Nein, weil sich Leben immer wieder neu erschafft. Pflanzen wachsen neu und frisch aus Kompost. Neue Menschen entstehen, wachsen, erben Probleme, lösen sie und entwickeln sich und jeden Morgen geht die Sonne auf!

  2. wenn die begeisterungsfähigkeit schwindet, stirbt das Kind in uns. das innere Kind brauchen wir um zufriedenheit zu erleben. Dann ist alles in Einklang, Werte, Moral (Eltern-Ich), die Ration (Das Erwachenen-Ich) und das Kind-Ich das für Gefühle zuständig ist.

    Dein Kind hat Bock auf Neues, hat kein Bock auf Durchschnitt, würde vielleicht gerne hin und wieder einen Joint rauchen, will das Leben aktiv gestalten, will mitbestimmen dürfen, hat Bock auf Tantra, ist in der Lage sich der „positiven/nützlichen“ Aspekte spirituelle Systeme zu widmen und schöpft daraus immer noch neue Impulse ohne deren dogmen zu verfallen.

    „Dann immer wieder Aufbrüche zu einer neuen Praxis: die andere Ernährung, das ganz gesunde Leben, die immer neue “Selbstfindung” in 1000 Gestalten. Und im täglichen Leben natürlich auch der Erfolg: neue Projekte, neue Arbeit – die Freuden des Gelingens und der Bestätigung durch Andere.“
    Genau so geht´s… Creativ bleiben, soziale Kontakte Pflegen und viele freunde um sich herum versammeln…
    For a better World.
    64n3sh

  3. Also Claudia,
    ich erlebe das auch so wie Du. Wir dürften im gleichen Alter sein und bisher zumindest erlebe ich das Schrumpfen der Begeisterungsfähigkeit als eine Folge des Alterns.
    Was 64n3sh (welches Alter hat er/sie ?) schreibt über das innere Kind, das klingt allerdings gut. Klingt gut zunächst einmal.
    Ob das innere Kind schon lange nicht mehr gefüttert worden ist, weil wir uns „eingerichtet“ haben, wer weiß.
    Allerdings: Vor 20 Jahren hatte ich mich auch Streng (!?)“eingerichtet“, freute mich jedes Mal wie ein kleines Kind auf das Abendritual, das aus einer fast festgelegten Reihe an kreativen Dingen bestand. Tag für Tag war es dasselbe, aber ich empfand mich dabei als neugierig und begeisterungsfähig.

    Gruß
    Gerhard

  4. Ja, meine grauen Zellen unter meinen grauen Haaren und meine Gefühle in meinem Buddhabäuchlein können gut verstehen, nachvollziehen und mitempfinden, was Du meinst. Auch ich würde manchmal gerne wieder mehr von dieser Art Begeisterung verspüren, welche mich Feuer und Flamme für eine Sache oder ein Projekt werden lässt. Und in gleichem Masse bestürzt mich oft die Miesepeterei in Web-Auftritten, egal, welcher Provenienz. Aber jede öffentliche Wortmeldung ist auf Wirkung bedacht, und Kritik an Bestehendem ist nun mal schneller geäussert als eine konstruktive Idee, welche in einem Projekt fortgeführt werden müsste – denn dies bedeutete dann auch Arbeit.
    Ich versuche mich, wenn ich mich selbst so betrachte in meinem Alltag, an dem zu orientieren, was uns gerade buddhistische Leherer zu diesem Thema immer wieder sagen wollen:
    Jede Emotion ist immer auch ein Stück Anhaftung. Ja, wir wünschen sie uns, denn sie ist eine Form von Leben, von Lebendigkeit, die wir uns kindlich zurück wünschen, aus der Erinnerung in die konkrete Erfahrung: Vorbehaltlos Feuer und Flamme für etwas sein können. Stattdessen haben wir unsere Erfahrungen, die wir nur allzu schnell vorkehren und wie einen Schutzwall aufbauen, auf dass wir uns nicht aufrütteln lassen müssen. Das ist alles menschlich und gehört irgendwie zum Biorhythmus jedes einzelnen Lebens, denke ich. Gefragt bin ich aber jetzt genau so wie früher und in Zukunft nach meiner eigenen Haltung: Bin ich Mr. Miesepeter, der in allem Sachzwänge sieht und keine Neugier mehr kennt? Oder kann ich das, was ich früher in der Liebe mit meiner Libido gleichsetzte, heute in eine Form der Verbundenheit kleiden, welche mich eine ganz andere Körperlichkeit und seelische Verbundenheit erleben lässt, als dies früher je für mich fühlbar gewesen wäre? Was mache ich zum Beispiel mit meiner Ruhe? Empfinde ich sie tatsächlich als öde, sehe ich mich nur müde, oder benutze ich das angelernte neue leisere Tempo, um mir jene Dinge näher anzusehen, welche früher unbeachtet und verschenkt an mir vorbeiziehen konnten?
    Wäre es nicht an der Zeit, weniger Gedanken darauf zu verschwenden, wer meinen Weg mit mir gehen kann und mehr mich an meiner Erfahrung zu orientieren, dass eine vorgelebte Haltung anziehend genug sein kann, um nicht einsam zu bleiben, oder ausreichend provokativ, um durch Widerspruch und Widerstand lernen zu können und korrigiert zu werden?
    Wenn ich mich nicht so sehr unter saumässig Begeisterten bewähren muss, darf ich nach Schönheiten streben, die nicht scheinen, sondern wirklich leuchten.
    Es ist ein wenig wie Lieben statt verliebt Sein, wie staunend beobachten statt begeistert starren, und vielleicht ist mein Umgang mit Naivität ein Indiz dafür, ob ich zum Zyniker werde oder wirklich Weisheit gewinne:
    Die Naivität liegt jugendlichem Enthusiasmus oft zugrunde und wird ihm dann auch vorgehalten. Deswegen mag darin dennoch sehr wohl eine Wahrheit stecken, welche wir älteren mit dem Hinweis auf Sachzwänge abwürgen – im Wissen um die eigenen verpassten Chancen. Wir können aber auch anders: Wir können der Jugend, Anderen, Zugeneigten, Geliebten, Geschätzten ihre Naivität lassen, sie nicht zerschlagen mit einer Spur von Neid oder gar der Angst, es läge darin ein Potential, das wir selbst nicht genützt haben. Wir könnten sie begleiten, wohlmeinend, gespannt, was daraus wird, vorausblickend, und vor allem bereit, Enttäuschungen aufzufangen. Und bei alledem könnten wir jenseits der wilden Emotionen alle diese Haltungen leben, ohne durch zu viele und zu extreme Emotionen eine Kraft zu verpuffen, die andere zeigen – und auch verlieren werden.
    Unser Leben ist nun mal darauf angelegt, dass wir es erfüllen. Und dazu gehört, dass wir eine Art Frieden mit der eigenen Ruhe machen. Wir alle werden hoffentlich vom/von der Geliebten mehr zum Gesprächspartner, zum Begleiter. Die Enthusiasten stürmen derweil vor – aber auch ihr Weg kennt einen Gipfel, ein Ende, Müdigkeit, Erfüllung vielleicht, aber auch dann die Frage nach dem Danach.

    Was in Deinem neuen nächsten Frühling wartet, liebe Claudia, ist jedes Jahr ein bisschen mehr als letztes Jahr. Nicht weniger. Gerade auch dank einer Form der Ruhe.
    Und wenn Du Resonanz auf Deine Aktivitäten vermisst:
    Gräme Dich nicht, kümmere Dich um das, was Du beeinflussen kannst: Sei Dich selbst. Und wenn Du müde bist, bist Du eben müde. Auch das kann man sein. Und dabei schreiben. Eine Stimme, welche Empfindungen übesetzt, die wir alle dann bei uns entdecken können, wirst Du immer sein.

  5. Hallo Claudia,
    daß so viele Schlagzeilen anöden, ganz zu schweigen von den folgenden Texten, könnte auch an zugewonnener Weisheit liegen.

    Du selektierst mehr und g e w i n n s t Zeit – ist doch nicht schlecht, oder?

    Ich meine aber auch, die „Schreiber“ werden schlechter !!!

    Gruß Hanskarl

  6. scheibenwischer gegen eingetrübte sinne!
    machen wir uns auf die suche.
    gruß von sonia

  7. Dazu fällt mir ein Songtext aus dem Musical „Elisabeth“ ein, der mir beim Hören schon mehr als einmal eine Gänsehaut bereitet hat:

    Alle Fragen sind gestellt
    und alle Phrasen eingeübt.
    Wir sind die letzten einer Welt,
    aus der es keinen Ausweg gibt.
    Denn alle Sünden sind gewagt.
    Die Tugenden sind einstudiert,
    und alle Flüche sind gesagt,
    und alle Segen revidiert.
    Die Hässlichkeit empört uns nicht.
    Die Schönheit scheint uns längst banal.
    Die gute Tat belehrt uns nicht.
    Die böse Tat ist uns egal.
    Denn alle Wunder sind geschehn
    und alle Grenzen sind zerstört.
    Wir haben jedes Bild gesehn,
    uns alle Klänge totgehört.
    Alle Fragen sind gestellt,
    und alle Chancen sind verschenkt.
    Wir sind die Letzten einer Welt,
    die stets an ihren Selbstmord denkt.
    Und alles, alles was passiert,
    hilft uns, die Zeit zu überstehn.
    Weil jedes Leid uns delektiert,
    sehn wir dich gerne untergehn
    Elisabeth…

    Dort ist das Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Gesellschaft, oder besser einer Gesellschaftsschicht, oder vielleicht auch einer Generation … jedenfalls hat es eine soziale Dimension.
    Aber beim einzelnen Menschen ist es natürlich genauso. Die Frage ist: muss erst der Tod kommen und die dabei ausgehauchte Energie in ein neues Leben einfließen, oder kann man auch zu Lebzeiten aus so einer Käseglocke noch herauskommen? Vielleicht kann man das, wenn man sich anstrengt. Aber ist das überhaupt sinnvoll und nicht vielleicht egoistisch, mehrere Leben in eines packen zu wollen? Da gibt es viele Fragen und viele Abgründe.

  8. Hallo Ihr Lieben,

    habt herzlichen Dank für die nachdenklichen, inspirirerenden, irritierenden und ermunternden Beiträge! Dass auf ein solches Posting auch wirklich substanzielle Resonanz kommt, freut mich sehr – und sie wirkt sogar für sich genommen auf die besprochenen Befindlichkeiten ein, ich staune immer wieder über die Macht menschlicher Kommunikation!

    @uwe: ja, die Pflanzen wachsen neu und jeden Morgen geht die Sonne auf. Es kommt bald die Zei, wo man letztere auch wieder mal sieht und in zwei Wochen (schätze ich) werd ich die ersten Frühblüher zu Gesicht bekommen – spät dieses Jahr, aber doch! Solche „Kleinigkeiten“ können AUCH begeistern – wenn man die Kunst, von sich (und dem nach MEHR ausgreifenden Verstand) abzusehen auch praktiziert und nicht nur drüber redet.

    @64n3sh: Oh, wenn dem so wäre, wäre dieser Artikel nicht geschrieben worden! Denn dann bräuchte ich ja nur all das tun bzw. fortsetzen, was du aufzählst und wäre schwer begeistert. Doch der Text entstand mehr aus dem Mangel an derlei Vorschlägen von Seiten des „inneren Kinds“. Das sitzt während solcher Phasen eher in der Ecke und quengelt grantig: KENN ICH DOCH SCHON!! MAG ICH NICHT SCHON WIEDER! Ist doch LAAAAAANGWEILIG!!!
    Mit deinem Fazit liegst du natürlich richtig: Kreativ bleiben, soziale Kontakte pflegen und Freunde um sich herum versammeln – das klingt nicht spektakulär, ist aber genau das, was aus solchen Stimmungen immer wieder heraus hilft.

    @Gerhard: gerade versuche ich, meine „Morgenrituale“ um ein paar Runden „Gruß an die Sonne“ zu ergänzen – wenn das gelingt, freu ich mich!

    @Thinkabout: Wahre Worte der Weisheit – danke, danke, danke!! Mir fehlt oft der Kontakt zu Älteren, die ihr Altern nicht als bloßes Defizit wahrnehmen, sondern als ein weiter Wachsen in Richtung Qualität und Essenz. Schon was du über die massenhaft leicht hingeschriebene „Kritik am Bestehenden“ schreibst, spricht mir aus der Seele! Kürzlich las ich dazu auch eine interessante Ausführung, die darstellte, dass das Web2.0 einen sehr gleichmacherischen Drive hat: wer sagt, was alle denken/wollen/meinen, wird mehr wahrgenommen als jemand, der etwas davon Abweichendes schreibt – und so nivelliert sich schnell alles zur gefühlten kollektiven Miesepetrigkeit.
    Von allen spirituellen Lehren waren und sind mir die buddistischen Einsichten immer schon am nächsten, doch braucht es immer wieder Menschen, die sowas mal herunter brechen auf ein konkretes Erleben – und das hast du hier ganz wunderbar hinbekommen! Dass man auf die jugendliche Naivität nicht herab sehen, sondern sie wie eine Flamme oder Blüte bewundern kann, empfinde ich auch so: gäbe es das nicht, gäbe es keine Entwicklung, denn alle wüssten schon immer, wie die Dinge ausgehen und würden nichts mehr beginnen! Es ist nur nicht immer leicht, dazu eine kompatible Haltung zu zeigen, sie eben nicht „abzuwürgen“, sondern „wohlmeinend, gespannt, was daraus wird“ zu sein. Zum Glück begleitet mich kein Gefühl verpasster Chancen: ich hab wahrlich ALLES gemacht, wonach es mich je verlangte – bin jeder Begeisterung ausgiebig gefolgt bis sie nachgelassen hat (mal durch sanftes Entschwinden, durch Verwandlung in Alltags-Routine, mal auch in katastrophalem Scheitern an den selbst geschaffenen Umständen und Ansprüchen). Und nie folgte das Gefühl, etwas grundsätzlich falsch gemacht zu haben, einen falschen Weg gegangen zu sein – gerade auch das Scheitern brachte den größten „Weisheitsgewinn“ – und nicht nur im Kopf!

    Hach: und wie könnte ich Resonanz vermissen, solange hier solche Gespräche statt finden! Danke Euch allen – im Moment ist mir Begeisterung wieder viel näher!

  9. @Hanskarl: dass die Schreiber schlechter werden, glaube ich nicht – sie schreiben nur seltender bzw. gehe in der Menge des Geschriebenen tendenziell unter.
    @Wildgans: du meinst, es liegt an „eingetrübten Sinnen“? Ein interessanter Gedanke!
    @Stefan: ein wirklich grusliges Gedicht! Erinnert mich im Duktus ein wenig an „Eiszeit“ aus der neuen deutschen Welle. Und inhaltlich an Nietsches „letzten Menschen“ – nur ist es noch böser, da bei Nietzsche der letzte Mensch immerhin noch ziemlich gut drauf ist inmitten seiner Wellness-Welt. :-)

    Ich glaube nicht, dass der Draht zur Begeisterung erfordert, mehrere Leben in eines zu packen (also z.B. zu versuchen, sich Mitte 50 zu geben wie Mitte 30). Man muss Vertiefungen suchen, nicht einfach Oberflächen wechseln.

    Auch dir danke für die „Fragen und Abgründe“!!

  10. Vielleicht bin ich noch nicht alt genug (43 *hust*) – aber ich kann mich immer noch begeistern. Es sind nur, würde mein 17-jähriges Bild aus der Vergangenheit sagen, kleinere Dinge. Hm, nein, intimere? Naheliegendere? Egoistichere?

    Naja: ich kann mich immer noch an unserer Familie begeistern. Und ohne Scherz, mach das jeden Tag, daß mein Herz einfach aufzeufzt und ich das auch laut sage.

    Ich kann mich an unserem Hund begeistern, einmal am Tag ist das drin,d aß ich den verliebt anseh. Ich kann mich zur Zeit an diese Netz-social-Dinger begeistern. Selbst wenn ich meinen mp3-Player nutze, streichel ich nach dem ausschalten meist noch mal verliebt drüber. An jedem zweiten Buch, daß ich lese, begeistere ich mich und denke: Mist, das kann ich jetzt wieder keinem erzählen.

    An einer Spielefortsetzung, die ich gerade spiele, begeistere ich mich, ohne Scherz, derart, daß ich sie nach einer halben Stunde ausschalte, weil ich es a) strecken will und b) erst mal wieder durchatmen muß. (und alle Leute aus der Spieleecke meines sozialkreises damit nerve….)

    An meiner Kamera begeistere ich mich. An dem Grundschulprojekt mit den Kindern begeistere ich mich.

    Alles eitle selbstbezogene Punkte, wo ich laufend denke: bin ich froh, daß ich das alles um mich haben kann. Da bin ich echt begeistert.

    Weltbewegende Dinge hingegen nehme ich gelassener wahr. Et küt wie et küt.

  11. @Chräcker, ja, mit „43“ ist man noch recht jung.
    Mit 42 begeisterte ich mich an einem Buch „Meine Jugend hat spät begonnen“ von Henry Miller. Er meinte damit die Zeit, als er in Paris eintraf und das Leben eines Boheme führte. „Wendekreis des Krebses“ schrieb er mit 42 oder 43 Jahren.
    Die Idee, in diesem Alter nochmal sein Leben auf vollkommen neue Füsse zu stellen, begeisterte mich vehement. Ich verstand, daß er nur durch die radikale Umgestaltung seines Lebens zu der gewünschten schriftstellerischen Inspiration gelangte.
    Natürlich ist solch eine Umgestaltung, wie sie H.M. vollzog, auch mit 55 möglich, aber in jenem Alter von Anfang 40 scheint sie mir eher „natürlich“ und „möglich“ ;-).

    Ungeachtet dessen: Was Du schreibst, lieber Chräcker, erinnert mich jedenfalls an „Zustände“ , die mir bekannt sind, aber irgendwo nicht mehr (ganz) zu meinem Arsenal gehören.
    Vielleicht ist es dann doch das Alter oder eher das häufige Erleben von „Einschlägen“ um einen herum, die einem zeigen, daß man nicht (mehr) watteweich geborgen ist in der Zeit.

    Gruß
    Gerhard

  12. Hach, ich bin noch jung? Das begeistert mich jetzt auch. Ne, ernsthafter: da kann ich diese Seite ja nur in 10 und dann in 20 Jahren noch mal vor kramen und dann drunter setzen, wie es diesbezüglich mir dann geht. Wobei ich da (die Jugend des 40-jährigen ;-)) noch eitel optimistisch bin.

  13. also, die beigeisterungsfähigkeit geht im alter nicht verloren – bei weitem nicht. immer ist da noch etwas neues –
    ein neues thema fotografieren, ein buch herausgeben – gerade gestern ist es mir gelungen, mein neuer i-mac hat noch immer meine volle neugier, und mein fotoapparat mit den tausend möglichkeiten – d 7oo -.
    neugier und begeisterung kennen auch wallungen. nur begeistert zu sein ist anstrengend und nervt die anderen.

    und alle waren doch begeistert von dem satz, der eine welle eigener erfahrungen – wie sagt man – losgetreten hat…

    einen schönen gruss
    und lass dich neugierig machen, liebe claudia,
    rosadora

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