Claudia am 07. Februar 2008 — 11 Kommentare

Angst – nicht nur vorm Fliegen

Nur noch wenige Tage, dann steige ich in den Flieger und betrete eine komplett andere Ebene des Daseins – zumindest kommt es mir gerade so vor, obwohl die Erinnerung an die letzte Reise nach Kambodscha natürlich da ist. Ich weiß recht genau, was mich am Ziel erwartet, realistisch betrachtet gibt es keinen Grund für irgendwelche Ängste. Und doch…

Nun ja, ich kenne es ja schon: das FLIEGEN ist nicht mein Ding, das Ausgeliefertsein an neuzeitliche Technik, die mich von der Erde, auf der ich sicher stehe, in 10 Kilometer Höhe trägt (gruslig!!!), aktiviert die Grundangst ums Überleben. Ein Drittel der Flugreisenden spürt diese Angst beim Fliegen, wenn man den Umfragen glaubt. Bei mir lebt sich diese Angst hauptsächlich im Vorfeld der Reise aus, denn wenn ich dann einsteige, habe ich es ziemlich gut im Griff, fürchte also nicht direkt „Panikattacken“.

Als ich als Jugendliche mit dem Schach spielen anfing, merkte ich schon bald, wie ich mit den Angriffsmöglichkeiten meines Gegenübers umgehe: ich denke das Schlimmstmögliche voraus, sehe es als das an, was geschehen wird, finde mich damit ab und plane eine Reaktion für diesen „schlimmsten Fall“. Ich spielte schon bald recht engagiert, wurde Vereinsmitglied, spielte erst in der zweiten, dann in der ersten Mannschaft sonntägliche Turniere der „Hessenliga Süd“. Nach zwei, drei intensiven „Schach-Jahren“ war es dann vorbei: ich schaute auf das Brett und fragte mich, warum ich meine Zeit damit verbringe, tote Holzklötze hin und her zu schieben. Die Luft war raus, der Ehrgeiz weg, ich hörte auf mit dem Spiel, das mir so wichtig gewesen war und suchte mir fortan meine Herausforderungen im „richtigen Leben“.

Geblieben ist mir die Gewohnheit, mich beim Auftauchen von Angstgefühlen mit dem Gefürchteten abzufinden, es nicht zu negieren, sondern mich damit „anzufreunden“. Das funktioniert auch wunderbar bei allem, vor dem man so üblicherweise Angst haben kann:

  • Mein Liebster könnte mich verlassen: nun ja, ich bin ja immer bei mir und habe auch schon ohne ihn gut gelebt.
  • Ich verliere den „wilden Garten“: ja, dann suche ich mir eben einen neuen, bzw. lebe meine Lust auf Natur wieder auf Ausflügen ins Umland aus.
  • Meine Einkommenssäulen könnten wegbrechen: na, dann bin ich eben wieder „arm“, lebe mit ALG2 und gehe daran, neue Ideen umzusetzen
  • Ich könnte krank und pflegebedürftig werden: Hauptsache, ich habe Netzanschluss…
  • Ich verliere auch den Netzanschluss: na gut, dann ist es wohl an der Zeit, ernsthaft in Meditation zu gehen.

Klappt wunderbar, doch bezüglich der „finalen Angst“ vor dem Tod verlangt dieses Vorgehen ein Einverstanden-sein mit dem Sterben: Ja, alles hat ein Ende, warum nicht auch „ich“? Ist es nicht auf Dauer ein wenig öd, dass alles „immer so weiter“ geht? Erlebe ich nicht schon manchmal eine gewisse Sehnsucht nach dem Abtreten, dem Aussteigen aus der Wiederholung des Altbekannten? Immer dieselben menschlichen Bedürfnisse nach Bequemlichkeit, Sicherheit, Anerkennung und lustvollen Erregungszuständen – muss man deren Ende wirklich fürchten?

Die andere Sicht

In einem Fernsehkrimi hat mich mal die Figur eines Gangsterbosses beeindruckt, der neben seinen kriminellen Machenschaften ein Faible für alles „Japanische“ hatte, insbesondere für die Samurai und ihre Traditionen. Als die Kugeln seiner Gegner ihn schließlich trafen, zitierte er noch auf japanisch die Sterbe-Formel:

„Wüsste ich nicht, dass ich immer schon tot bin, würde ich es bedauern, aus diesem Leben zu scheiden“.

Das „immer schon tot sein“ bezieht sich auf die Idee, dass ein „Ich“ ja nicht wirklich existiert. „Mich“ als separate Existenz gibt es gar nicht, es gibt mich nur in Bezug auf Andere: die Claudia für die Diary-Leser, für den Liebsten, für die Kursteilnehmer, für die Webwork-Kunden – jedes „Ich“ ist nichts als ein Knoten im Netz, Teil eines dynamischen Prozesses, der von Anbeginn des Lebens abläuft und immer neue Vernetzungen mit immer neuen „Knoten“ produziert – letztlich substanzlos und leer.

Ohne mich zu entscheiden, welche Sicht der Dinge ich bevorzuge, werd‘ ich jetzt an die Tagesarbeit gehen. Denn wenn ich genau hinschaue, sind es die kleinen Alltags-Ängste vor einer großen Reise, die diese „großen Ängste“ anstoßen: Ich könnte was Wichtiges vergessen, nicht alles schaffen, was ich vor der Abreise noch schaffen will – und so weiter und so fort. Handfeste Arbeit, konkretes Tun, „Holz hacken und Wasser holen“ bringt Gelingen. :-)


Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
11 Kommentare zu „Angst – nicht nur vorm Fliegen“.

  1. Claudia, ich wuenschte, ich koennte dir ein wenig von meiner Gelassenheit mitgeben. Hab selber geliebte Freundinnen verloren, sehr viel Geld und war schon mehr als einmal am Boden … es bleibt ein kleiner Samen und aus dem wird wieder eine neue Blume. Und auf welchem Boden das stattfindet, ist nicht mal so wichtig. Die Gesetze sind ueberall die gleichen: Menschen sehnen sich nach Lebensglueck und Harmonie in ihrer eigenen Umgebung. Und in der Ferne krank sein? Ja, dort sind die Leute ja auch krank. Sind jene denn anders krank? Haben sie nicht wie du das Beduerfnis gesund zu bleiben?

    Vielleicht hab ich in dieser Richtung eine kleine Gabe, indem ich mit den Menschen an anderen Orten total aufgehe. Nicht, dass ich versuchte, deren Lebensstil nachzuaeffen. Ich bin mir des Fremdenstatus in solchen Laendern bewusst. Aber ich bin eine hungrige Touristin mit vielen Fragen, wie und warum sie das tun. Essen die Leute dort Skorpione und Froschhaut, versuche ich davon. Schmecken muss es mir noch lange nicht. Nicht etwa in organisierten Shows, sondern bei den Menschen.

    Als ich das erste Mal nach Beijing kam, kaufte ich mir gleichentags noch ein Fahrrad. (die Fahrradstreifen waren damals noch breiter als heute) Und so begann meine Entdeckungsreise durch die Stadt. Fuhr mit dem Fahrrad zu Verabredungen. Verirrte mich privat in Strassen, wo du als Touristin nicht hinkommst. Setzte mich in Strassenrestaurants hin und ass mit. Benuetzte ausschliesslich die „gefaehrlichen“ gelben Taxis, bei welchen du hoffst, dass sie bei der dortigen Fahrweise keinen Unfall machen, ansonst du gebrochene Beinen haben wirst. Es machte grossen Spass … lernte Tai Chi und machte einfach mit. Das mache ich heute noch!

    Noch immer, wenn ich irgendwo hinkomme, schau ich mir erst mal die Menschen an. Versuche zu erkunden, wie sie leben und mach mit. Vergesse meine Schweiz, die USA, Europa … ist ja auch kein Risiko, denn du hast ja eine Reisekrankenversicherung abgeschlossen, sogar mit der Moeglichkeit, dass du zurueckgeflogen wirst … Was hast du also Angst, anstatt Freude.

    Nicht anders beim Fliegen. Bist mal im Flugzeug, kannst ja sowieso nichts tun. Also warum auch dort Angst haben? Runter kommst immer … klar in der Hoffnung, dass es eine sanfte Landung wird. So nutze auch im Flugzeug die Zeit. Ist wie mit dem Leben: ein Anfang und ein Ende. Wie du die Zeit dazwischen verbringst, ist alleine deine Sache. Und die soll Angst sein?

    Gute Reise dir und herzlichst
    die (auf deine Reise eifersuechtige) Mohnblume

  2. Alles Gute dir auf der neuen Ebene….
    wünscht Sonia

  3. Danke, Ihr Lieben! Daran, in Kambodscha irgendwie zu „stranden“, denk ich noch gar nicht – erst will ja mal der Flug überlebt sein!! (Danach ist dann alles in Butter!) Aber was du schreibst, Mohnblume, ist wunderschön – toll, wie du in die Gegenwärtigkeit eintauchen kannst! Wie ich heute hörte, werde ich Gelegenheit haben, auf eine Hochzeit zu gehen, so eine mit 700 Gästen… vielleicht erinnere ich mich da mitten drin an deinen Beitrag.

  4. … und, isch sie scho waeg. Eifach esoo?

  5. Na, nicht doch!! Am Mittwoch abend gehts los, Freitag früh dürfte das erste Mal Zeit sein, wieder ins Netz zu schauen…

  6. Hallo Gladia ich hoffe mal du bist wieder gut gelandet. schau doch mal wieder rein.

  7. Und das fliegen gut überstanden???
    Meine Freundin hat auch immer riesige Angst vor dem fliegen was ich eigentlcih nicht verstehen kann aber naja lassen kann sie es trotzdem nicht da so wahnsinnig an fremden Kulturen interessiert und dehalb fast jeden

  8. Eigentlich gibt es keinen guten Grund für Flugangst. Das Flugzeig ist schließlich das sichrste Verkehrsmittel der Welt. Es wird nur durch die Medien aufgespielt weil alle darüber berichten.

    Dennoch sind Flugzeige ziemlich ungemütlich, da muss man dir recht geben ;)

  9. Hallo, ich habe auch Flugangst und bin so auf Deine Seite gestossen über Google. Mir hat diese Seite sehr geholfen: http://www.treffpunkt-flugangst.de (hat auch ein tolles Forum). Um es deutlich zu machen: Ich finde die Seite zu dem Thema einfach gut. Ich habe nichts mit dem Betreiben zu tun, finde nur das man auch mal das weiter geben kann was einem selbst geholfen hat.

  10. Ist schon sehr eigenartig: nach der großartigen Wende habe ich langsam vor allem Möglichen Angst bekommen, könnte man schon neurotisch nennen. Gehe höchstens mal für eine kurze Weile in meine Wohnung, bleibe da, schaue da, mache was und gehe in die Wohnung meines Freundes zurück, so als gäben seine Wände mehr Sicherheit. Auch Angst allein sein zu müssen – egal wann – kommt oft herbei und ich zwinge mich dann nein zu sagen, wenn was Gemeinsames unternommen werden soll, so als wolle ich verhindern, daß man sich durch zuvieles Beieinandersein über ist. Verkrieche mich sozusagen in mich selbst.. 

  11. @mesi: die „Wende“ (wenn wir dieselbe meinen) ist ja nun schon fast 20 Jahre her – wie ist es denn heute? Leidest du immer noch unter diesen Ängsten?

Was sagst Du dazu?

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht