Claudia am 11. Juli 2007 — 8 Kommentare

Mein Juli – ein Arbeitsabenteuer

Rückblicke und Ausblicke auf ein kreatives Altern

Nun bekomme ich schon Nachfragen, wo ich denn abgeblieben bin seit meiner Reise nach Wiesbaden. Kein Eintrag seitdem, kein „Hallo, bin wieder da!“ – aber es gibt mich noch, keine Sorge! Einerseits war ich erschöpft von diesem so intensiven Wochenende: Das Klassentreffen nach 34 Jahren, der Besuch bei meiner sterbenden Mutter, die Non-Stop-Kommunikation von Donnerstag bis Sonntag, die vielstündige Fahrt mit einem alten Schulfreund, mit dem es viel zu reden gab.

Als ich dann Montag wieder am PC saß, stürzten die in vier Tagen „offline“ aufgelaufenen Dinge über mich herein, als gäbe es auf der Welt keine Wochenenden und erst recht keine Sommerflaute. Und fürs folgende Wochenende hatte sich schon meine Schwester angesagt! Ihr Besuch bei mir war wundervoll, doch fiel damit erneut „das Übliche“ aus, die gewohnte Pause am Samstag und Sonntag, darunter auch die Muße zum schreiben.

Was ich beim Klassentreffen und mit meiner Mutter erlebt habe, werde ich gefragt. Ersteres war besser als gedacht. Schon im Gymnasiums waren wir mehr ein verrückter Haufen verschiedener Individualisten als eine normale Klasse: Musischer Zweig, Hauptfach Kunst, bzw. Musik, dazu die experimentelle und kulturrevolutionäre Stimmung der Jahre 1968 bis ’73 – sogar ein alter Klassenlehrer war gekommen und erzählte uns, dass wir damals „seine erste große Herausforderung“ waren, nachdem wir die vorherige Klassenlehrerin gerade auf äußerst skandalöse Art weggemobbt hatten.

Das Treffen war dann auch erfreulich frei von den oft berichteten Angebergesten (seht her: mein Haus, mein Auto, mein toller Beruf!). Wir erzählten uns, wie wir die Zeit und die Klasse damals erlebt hatten und staunten nicht schlecht, wie wenig wir damals eigentlich voneinander wussten. Ich hatte zum Beispiel heftige häusliche Konflikte und Angst, vor Gruppen zu sprechen, doch davon hat niemand etwas mitbekommen. Man empfand mich eher als mutig und sehr lebendig: jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sich einiges traut. Ich konnte mich nur wundern, denn innerlich sah es ganz anders aus!

Meine Mutter erlebte ich auf dieser Reise ja nicht das erste Mal in ihrer jetzigen Situation, deshalb war ich auch nicht erschüttert über ihre 38 Kilo und alles, was ihre letzte Phase problematisch macht. Ich weiß aber eines: ein langes Siechtum in pflegebedürftigem Zustand ist das Letzte, was ich mir fürs eigene Ableben wünsche! Das Nötigste nicht mehr selber tun können, aber dennoch in Stein gemeiselte Vorstellungen hegen, wie und von wem die Pflege zu leisten ist, davor will ich bewahrt werden, bzw. mich selbst bewahren.

Wie werde ich im Alter leben?

Soviel Tod und Sterben in der Umgebung (auch mehrere ehemalige Mitschüler hat es schon erwischt) motiviert mich, mehr übers eigene Altern nachzudenken: nicht nur philosophisch, sondern auch mal ganz praktisch. Eine Rente, die den Namen verdient, habe ich mit meinem abwechslungsreichen Lebenslauf nicht zu erwarten. Auch sind da keine Kinder, die sich verpflichtet fühlen könnten, sich meiner anzunehmen. Gleichzeitig kann ich mir gar nicht vorstellen, freiwillig mit dem Arbeiten aufzuhören, einfach nur deshalb, weil ich ein bestimmtes Alter erreicht habe. Schließlich tue ich das, was mir Freude macht, wieso sollte ich damit aufhören, solange ich noch mit der Maus klicken kann?

So lange ich noch fit bin, besteht das „Problem“ also darin, meine Aktivitäten und Dienste so zu entwickeln, dass ich auch weiterhin gebraucht und nachgefragt werde. Das ist keine Frage, die wesentlich von außen bestimmt wird, sondern es hängt davon ab, wie gut ich es vermeiden kann, geistig und psychisch zu verknöchern und zu vergreisen.

Was wir an den „richtig Alten“ oft nicht mögen, ist ja ihr Altersstarrsinn, ihre oft substanzlose Besserwisserei, ihre Ungeduld und Verbitterung. Bei den „Arrivierten“ nervt oft ein hohes Maß an Alterseitelkeit und autoritärem Dünkel, und allzu viele Alte sind in der alterstypischen Rückwärtsgewandtheit gefangen, die sie immer nur daran denken lässt, wie früher doch alles besser war und wie schlimm die böse Welt heute doch ist.

Die Nachkommenden haben mit dieser Welt jedoch ihre aktuellen Probleme und all diese Haltungen helfen ihnen dabei nicht, diese mutig anzugehen, sondern bedrücken sie noch zusätzlich. Ein alter Mensch mit solchen Einstellungen wird schnell zur reinen Belastung – und ich mag mir jetzt lieber nicht ausdenken, was man in der Zukunft so alles unternehmen wird, um diese Last (der dann sehr vielen Alten) nicht spüren zu müssen.

Für mich bedeutet das: geistig offen bleiben, die Liebe kultivieren und weiterhin nützlich sein. Die Tatsache, dass man (nach einem intensiv gelebten Leben) mit zunehmendem Alter erst richtig zum Individuum wird, innerlich unabhängig von den Meinungen und Vorstellungen der Welt da draußen, darf nicht Lizenz zur Eigenbrötelei und selbstgenügsamer Abschottung werden. Damit errichtet man nämlich selbst die Mauern, hinter die man letztlich abgeschoben wird, wenn alle (im weiten Sinne erotischen) Beziehungen zum lebendigen JETZT des sozialen Miteinanders gekappt sind. (Ein wunderbares Vorbild ist mir da im positiven Sinne Adrian, der mit 84 sogar noch ein Blog startet, um seine Lebenserfahrung den Jüngeren zur Verfügung zu stellen.).

Auf dem Klassentreffen fragte ich in die Runde der nun 53-Jährigen, wie es ihnen denn mit dem Altern ergehe und wie sie ihre Zukunft sehen. Hier und bei anderen Gesprächen mit Älteren fällt auf, dass alle – genau wie ich, siehe oben – das Alter meist nur im Modus „so lange ich noch fit bin“ voraus denken. Aber was kommt dann? Diejenigen, die ein Angestelltenleben hinter sich haben, rechnen mit einer schlecht und recht auskömmlichen Rente und funktionierenden sozialen Institutionen. Manche verlassen sich auf ihre Kinder, andere reden vom selbst bestimmten Abtreten – ja Himmel, so geht das doch nicht! Klar gehört zur Menschenwürde die Macht, das Leben zu beenden, wenn es mir nicht mehr gefällt – aber schon jetzt so etwas in Betracht zu ziehen, weil die ökonomischen Aussichten im Methusalem-Staat nicht rosig sind, ist doch keine Antwort!

Das Eigene aufbauen

Bis zum offiziellen Rentenalter mit 67 sind es bei mir noch 14 Jahre. Mal davon abgesehen, ob und wann ich „aussteigen“ werde, ist bis dahin doch ausreichend Zeit, noch etwas auf die Beine zu stellen, was mich ernährt (bzw. die Mini-Rente aufbessert), wenn ich selbst nicht mehr so viel arbeiten will oder kann. In den Zeiten des Internet geht alles viel schneller als früher, man kann Projekte aus dem virtuellen Boden stampfen, kann binnen kurzer Zeit erfolgreich sein, wenn man den Nerv einer Zielgruppe trifft. Warum sollte das mir als Netz-Urgestein NICHT gelingen? Das „Projekte machen“ gehört sowieso zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, also werde ich den unternehmerischen Aspekt des Klinger-Webs stärker entwickeln, was ich sogar richtig spannend finde.

Handeln und nicht nur reden

Fürs erste hab‘ ich mir einen „Arbeitsurlaub“ gegönnt: bis zum 9.August widme ich mich dem Neubau des Webwriting-Magazins: ein uraltes Projekt, das seit 2003 nur noch ein Dasein als Webleiche fristet, doch gleichwohl noch einen guten Stand in der Netzwelt hat, wenn man Besucherzahlen, Verlinkung und andere web-üblichen Bewertungsmaßstäbe betrachtet. Im WWMag 2.0 werde ich weitestmöglich Jargon-frei über das heutige Web (2.0, Blogosphäre etc.) schreiben und meiner eigenen Altersgruppe wie auch den Älteren die Möglichkeiten und das Knowhow vermitteln, es im Sinne der je eigenen Ziele und Interessen kreativ zu nutzen.

Daneben werde ich meine anderen Blogs konsequenter weiter entwickeln: regelmäßig schreiben, bekannt machen, und die Werbe-Einnahmen steigern, ohne die Leser damit über Gebühr zu nerven. Das Gartenblog ist schon ein gutes Beispiel, wie so etwas funktioniert – und es macht mir riesigen Spass!!

Im Digital Diary verabschiede ich mich vom selbst gesetzten Zwang, hier nur „Langartikel“ zu schreiben. Besser mal was Kürzeres als gar nichts, schließlich fällt mir oft etwas ein, was ich nur „hier“ schreiben kann, im persönlichen Diary, das keinem spezifischen Inhalt verpflichtet ist.

Wer also mag, schaut mal rein in nächster Zeit, es wird lebendiger hier. :-)

Diskussion

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8 Kommentare zu „Mein Juli – ein Arbeitsabenteuer“.

  1. Ein persönliches Blog zu haben ist wirklich eine ganz tolle Sache. Es gibt so viele Themen, die sonst nicht richtig passen und dann untergingen.
    Schön, dass du dich auch zum „kurzbloggen“ durchringen willst.

  2. @Claudia: mittlerweile ist es kein „durchringen“ mehr, es fließt durchaus locker in die Tasten! Nur hatte ich lange Zeit die Vorstellung, LANGE Texte als eine der beiden Konstanten dieses Diarys (neben dem Design) unter allen Umständen beibehalten zu sollen – aber warum eigentlich?? Das „Kurz-Format“ hat auch seine eigenen Qualitäten und belebt die Zeit zwischen den umfangreicheren Artikeln. Bin selber gespannt, was mir so alles einfallen wird!

  3. Ich hoffe, im „Rentenalter“ noch die Kraft aufzubringen, das zu tun, was mir gefällt. Ich bin zwar nicht selbständig, habe aber einen Beruf, in dem ich arbeite, was mir am meisten Spaß bereitet und bei dem stete Weiterbildung notwendig ist. In meiner Freizeit habe ich auch umfangreichere Projekte (Website, Computerprogramme), die mir das Leben (zu) kurzweilig erscheinen lassen. Insofern kann ich mir nur Krankheit als Ursache für ein „typisches“ Rentnerleben vorstellen. Ich habe noch etwa 25 Jahre bis dorthin und bei der aktuellen Bevölkerungsentwicklung wird das Rentenalter dann sicher weiter angehoben worden sein.

    Was die Länge der Artikel abelangt, finde ich jeglichen Zwang für kontraproduktiv. Mir sind kurze Artikel oft lieber, bei einigen Themen sollten sie so lange sein, wie nötig. Wie lange ich für wichtig halte hängt ab vom Informationsgehalt im Verhältnis zur Redundanz (nebst dem was ich wissen will oder was mich gut unterhält). Ein Negativbeispiel sind Publikationen, die nach Wortanzahl bezahlt werden und zu mehr als die Hälfte unnötige Redundanz erhalten (im Gegensatz zu verständnisfördender Redundanz). Kurz: Hier würde ich mich von meinem Gefühl leiten lassen, wie vollständig, in sich abgeschlossen ein Artikel ist.

    Was das Layout anbelangt: Ich sehe gerne stets neue (etwa 1/2 – 1 Jahr), optisch ansprechende Layouts.

  4. Es gibt viele Möglichkeiten, das Alter zu gestalten. Voraussetzung ist allerdings, dass man noch in der Lage ist, etwas zu gestalten. Einen Blog zu schreiben, halte ich persönlich für eine sehr schöne und sinnvolle Möglichkeit, teilt man doch hier seine Erfahrungen mit anderen. Man muss sich allerdings verdeutlichen, dass nur sehr wenige Menschen diese Möglichkeit nutzen, denn nicht jedem geht das Schreiben so leicht von der Hand, wie Claudia.
    Ich selbst bin auch schon in einem Alter, in dem ich meine Brötchen nicht mehr mit dem täglichen Gang zur Arbeitsstelle verdienen muss und habe Zeit, mich jetzt mit so modernen Dingen wie dem Internet zu beschäftigen. Ich glaube, man sollte beides im Alter tun: sich auf das Alte besinnen, aber auch in die Zukunft schauen, aufgeschlossen sein für „junge“ Sachen.
    Froh muss man nur sein, dass man noch die Gesundheit hat, überhaupt aktiv zu sein. Schlägt man die Zeitung auf, so liest man, dass es über 2 Millionen pflegebedürftige Menschen gibt – und es werden immer mehr. Also: auf ein Alter in Gesundheit und Frische!

  5. Auch als Pflegebedürftige würde ich noch bloggen wollen, wenn es nur irgendwie geht und man mir nicht den Netzanschluss nimmt (das wäre ein weitgehender „sozialer Tod“). Wie z.B. manche schwer Behinderte ein neues Leben mit vielerlei Aktivitäten begonnen haben, als sie das Web entdeckten, hat mich schwer beeindruckt! Es braucht ja nicht viel Mobilität, ein Eingabegerät zu benutzen. Ich finde, gerade alte Menschen sollten sich die Netzwelt erschließen, um am sozialen Leben teil zu nehmen, was ja  kaum geht, indem man nur vor der Glotze sitzt!

  6. … na, altersmaessig bin ich dir, Claudia, ja schon etwas voraus. Hab – wie dumm von mir, nachdem ich allen anderen rate, solches nie zu tun – alles auf eine Karte gesetzt. Und verloren. Und fange wieder wie ein Teenager von ganz vorne an. Da hast gar keine Zeit, dir zu deinem Alter Gedanken zu machen. Schon mal besser ueber sich selber lachen, wie Alter doch vor Torheit nicht schuetzt. (Erfahrung ist, was du die letzten zehn Jahre vielleicht falsch gemacht hast!)

    So setzt du dein bestes Laecheln auf und beginnst einfach wieder. Ja, es geht. Alter, das zaehlt nur noch, wenn du einen Fragebogen ausfuellst, und dann die Frage nach deinen Jahren kommt. Persoenlich hab ich das Glueck „alterslos“ auszusehen. Und im Internet zaehlt das Alter erst recht nicht. Wie in meinem Fall auch das Geschlecht. Allein die Leistung zaehlt. Die angestammte Taetigkeit hab ich verlassen und mach heute was ganz anderes. Und sie macht sogar riesig Spass.

    Ich war neulich auch an einer Klassenzusammenkunft. Bin etwas erschrocken, denn da war ein Haufen, der auf die Rente wartete. Kein neues Leben in ihnen. Werde auch nicht mehr hingehen. Es wurde mir klar, wie sehr Menschen in Klischevorstellung haften bleiben. Neues ablehnen. Aus Angst, oder weil es ungewohnt ist? Als intersexueller Mensch bin ich es mir schon laengst gewohnt, alte Gesichter verloren zu haben. Hab damit nicht mal Probleme, denn mein Leben ist heute, morgen, und geht die naechsten Jahre weiter. Und nicht zurueck.

  7. „Allein die Leistung zählt“, schreibst du. Leider ist das hierzulande nicht so, es werden jede Menge Leute schon ab 50 aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden, zumindest als Angestellte. Die Wirtschaft befindet sich noch immer im Jugendwahn und wird erst umdenken (müssen), wenn der „Pillenknick“ alt genug ist, um tatsächlich Arbeitskräftemangel spürbar werden zu lassen. Dann bin ich mal gespannt, wie sich die Unternehmen entscheiden: Alte oder Immigranten? (ich sag natürlich: hoffentlich beide!)

    Solange du – abgesehen von solchen Trends – noch „Leistung bringen“ kannst, muss dich das Altern tatsächlich nicht groß kümmern. Aber was, wenn die Leistungsfähigkeit abnimmt?

    Na, eine Maus kann man noch recht lange schieben, denke ich mir – und bin guter Dinge! :-)

  8. Claudia, ich muss dir auch recht geben. Hierzulande finde ich manche alte Leute im Angestelltenverhaeltnis. Leider nicht ganz ohne Grund, denn ebenso manche arbeiten, um zu ueberleben, weil die Rente einfach nicht reicht. Der Staat hier ist recht schnell im „Betruegen“. So hat alles zwei Seiten. Einerseits sind unsere Versicherungen absolut ungenuegend, teils sogar unmenschlich. Auf der anderen Seite baut man Alten gegenueber keine Mauern. Klar ist, dass du vielleicht schonmit 50 eine andere Taetigkeit suchen musst. Aber du kannst sie finden. Vielleicht muessen wir im Alter haerter um unser Leben ringen, als in Europa. Auf der anderen Seite, ist jede Arbeit eben auch eine Herausforderung und haelt dich aktiv.

    Wirf eine Muenze, welche Situation die bessere ist.

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