Claudia am 15. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Worte, Taten – meditieren?

Worte, Taten – meditieren?

„Wissen, Wollen, Wagen, Schweigen“ – der uralte Merkspruch aus der abendländischen Magie kommt mir gelegentlich in den Sinn, wenn ich darüber nachdenke, wieviele Vorhaben und kreative Ideen einfach versacken, anstatt realisiert zu werden. Das liegt nicht allein an Trägheit, mangelnder Energie oder an den Schwierigkeiten, die plötzlich auftreten. Das letzte Stündlein einer angedachten Veränderung schlägt oft schon dann, wenn man darüber redet, gar darüber schreibt und das veröffentlicht.
Ich liebe Fernsehdokumentationen über naturnah lebende Völker, zum Beispiel über die Nomaden in Kasachstan und Sibirien. Der Kontrast zu unserem Leben könnte nicht größer sein, und immer wieder wundere ich mich, wie sie es aushalten, von morgens bis abends für das bloße überleben hart zu arbeiten – allenfalls noch für ein einziges großes Fest im Jahr. So etwas wie „Freizeit“ ist ihnen unbekannt und mir scheint, deshalb reden sie kaum darüber, was sie jetzt tun sollten, warum sie es tun und was daran anders vielleicht besser wäre. Veränderungen entstehen – wenn überhaupt – aus Notwendigkeit, nicht aus endlosen „Besprechungen“.

Freie Zeit – zwanghaft folgenlos?

Die „Freizeitkultur“ ist ein schwarzes Loch, ein als luxuriöse Errungenschaft gepflegtes Grab sämtlicher Veränderungsimpulse. Klar, in der Freizeit führt man zweckfreie Gespräche, erhält Anstöße für manches umdenken, es entstehen neue Wünsche und Meinungen – aber dann ist sie wieder ‚rum, die Freizeit, und der arbeitsalltag hat seine eigenen Gesetze. Es ist unendlich mühsam, eine erwünschte und rundum „besprochene“ Veränderung tatsächlich im Leben zu verwirklichen. Das geht mir immer wieder so, in kleinen und größeren Dingen. als ob ein Tabu über der freien Zeit läge: hier hat alles Platz, die Welt der Möglichkeiten kann sich schrankenlos entfalten, nur folgenlos muss es bleiben, sonst wär‘ es doch keine FREI-Zeit!
Ich treffe einen Bekannten, wir erzählen, was wir so machen und was wir von der Welt in diesem und jenem Punkt denken. Schon bald sind wir dabei angekommen, über Ideen, Vorhaben und „Probleme“ zu sprechen, die Gedanken fliegen, die Stimmung ist gut, ein Gefühl von aufbruch mag sich einstellen. Dann ist die Zeit vorbei, man verabschiedet sich und widmet sich wieder dem alltag, ganz wie gehabt. Wer kennt das nicht?

Oder ich hab‘ gerade ein Stück notwendige Arbeit hinter mich gebracht, nichts Zwingendes liegt an – was jetzt? Eine innere Stimme sagt: Jetzt hast du so anstrengend gearbeitet, du kannst doch nicht einfach so weiter machen! Abspannen ist angesagt – ich leg mich dann aufs Bett und lese einen literarischen Krimi, blättere in der ZEIT, guck mir Weltspiegel und Nachrichtensendungen an – und meine innere To-Do-Liste bleibt unabgearbeitet.

Die innere Liste

Diese To-Do-Liste füllt sich von ganz alleine und bildet sozusagen einen Arbeitsplan für die freie Zeit: Ich sollte 5 Kilo abnehmen, sollte öfter ins Fitness-Center gehen, endlich wieder aufhören zu rauchen und weit mehr trinken (Wasser!). Ich sollte mir ein Ehrenamt suchen und einen neuen Draht finden, aktiv am politischen Leben teil zu nehmen. Ich sollte meditieren, mir wieder mal ein anderes Sitzmöbel zulegen, mich mehr weiter bilden und meine diversen Projekt-Ideen konsequent umsetzen… ich sollte, ja. aber ich machs nicht, bzw. nur gelegentlich und mit Mühe, nicht „im Fluß“ des ganz normalen Lebens.

„Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen!“, wird gerade hier überall plakatiert. Mir scheint, nicht nur ich kämpfe mit seltsamen Formen von Stagnation. Ein Mehr an Kommunikation ist dabei vielleicht gerade kontraproduktiv. Wir können uns nicht von oben oder außen sagen lassen, wie wir „rucken“ sollen! Gerade diese innere Ausrichtung auf die Stimmungen eines „man“, seien es plakatierende Verbände, die Beschwörungen der Obrigkeit, die in den Medien veröffentlichten Meinungen oder die Bedenken und Interessen konkreter Gruppen und Individuen, mit denen wir interagieren: es lähmt eher. Es füllt vielleicht die innere To-Do-Liste weiter auf, doch die ist letztlich nur eine Bürde, die mich behindert, das zu tun, was NOT-wendig ist, und das zu sehen, was WIRKLICH ist.

Die Liste zusammenstreichen

Vor etwa einem Jahr hab ich es gewagt, das „Du solltest meditieren!“ von meiner inneren Liste ersatzlos zu streichen. Natürlich hat mir das niemand aufzwingen wollen, die innere Liste ist ja eine Sammlung ureigenster Ansprüche, Vorstellungen und Wünsche. Wie viele meiner Generation las ich lebenslang immer wieder Bücher über Meditation, kam gelegentlich in Kontakt mit Gruppen, die Meditation üben, hatte faszinierte Phasen, in denen ich ernsthaft versuchte, täglich zu „sitzen“ – und nicht zuletzt gehört es untrennbar zum Yoga, den ich seit mehr als 10 Jahren praktiziere, in unterschiedlicher Intensität. Die letzen 20 Minuten einer Yogastunde sitzen wir still in der Runde – und das ist gut so, der Körper ist durch die übungen ruhig geworden, ein schönes Loslassen, kein Problem.

Anders das „engagierte Meditieren“, diese fruchtlosen Versuche, durch Selbstdisziplin im rituellen „Sitzen“ irgend etwas zu erreichen. Immer wieder andere Meditationsweisen: den Gedankenfluß beobachten, Bilder imaginieren, Worte, Sprüche, Töne, Empfindungen als Focus benutzen, es gibt ja so vieles! Sich dabei immer ein bißchen komisch vorkommen: Meditation ist das Gegenteil von „etwas erreichen wollen“ – warum um Himmels Willen mach‘ ich das also?

Genug davon, das liegt weit hinter mir. Nur stand es noch ziemlich lange auf der inneren To-Do-Liste: „Du sollst meditieren, vielleicht nicht jetzt, vielleicht später, aber irgendwann ganz bestimmt!“ Immer wollte ich jedoch andere Dinge lieber tun, und eines schönen Tages kam mir der Gedanke: Sitzen? Den Teufel werd‘ ich tun! Ich werde mich setzen, wenn alles getan ist, was ich lieber tue, keine Sekunde vorher!

Ich vergaß Meditation. Sogar wenn sie mir in einem Buch begegnete oder in einem Gespräch, kam der Ich-sollte-Gedanke nicht mehr auf. Schließlich denke ich auch sonst nicht bei allem, was ich sehe, dass ich das auch brauche.

Tatsächlich interessiere ich mich für ganz andere Dinge. Zum Beispiel ist es ungeheuer spannend, zu beobachten, wie während des Sitzens vor dem Monitor unzählige Impulse von außen und innen um meine Aufmerksamkeit kämpfen. Ich arbeite mit ca. acht offenen Programmen, zappe vom Schreiben eines Textes zum Bearbeiten eines Bildes hin zum Coding einer Website – alles immer wieder unterbrochen vom Lesen der hereinkommenden E-Mails. Ich „besuche“ 12 verschiedene Mailinglisten, zwar nur punktuell, aber wenn ich in eine „reinlese“, dann entführt das meinen Geist wieder in eine ganz neue Richtung. Im Laufe eines Tages bin ich bestimmt mit 50 verschiedenen Themen befaßt und arbeite an fünf bis zehn aufgaben, unterbrochen von unüberschaubar vielen freiwilligen und unfreiwilligen Ablenkungen. Die Zerstreuungsmaschinerie, der ich mich so fortlaufend aussetze, ist beispiellos, nie da gewesen und es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch irgend etwas zustande bringe.

Und wie das dann weiterläuft, wenn ich den Monitor mal verlasse! Viele Themen hallen nach, der Geist ist noch immer „im Summs“, aber es entspannt sich ein klein wenig, man spürt den Versuch, eine Ordnung hinein zu bringen, etwas will neue Prioritäten setzen. Wer? Was? Ich schau doch nur zu! Die innere To-Do-Liste bringt sich in Erinnerung, andrerseits ist da auch diese geistige Müdigkeit, die mich dazu veranlasst – einfach mal so zum abspannen – die Aufmerksamkeit auf eine Körperempfindung zu focussieren, den Atem zum Beispiel. auf dem Laufband im Fitnesscenter geht das recht gut, im Liegen ziehe ich das Strömen und Gribbeln in den Muskeln vor. Oh, wie entpannend! als würde man das Hirn in klares Quellwasser und reine Luft tauchen! Doch gleich sind sie wieder da, die planenden und berechnenden Gedanken, ein Stück weit folge ich ihnen, dann fällt mir wieder ein: Ich MUSS ja nicht, gönne mir ja gerade eine PAUSE, – kehre also zum Atem zurück, genieße die zunehmende Verlangsamung dieses hektischen Hin und Hers. Und plötzlich: ein Augenblick ohne Denken, ohne alles, ohne MICH. Eine Lücke in alledem – was war das? Wie könnte ich diese Lücke nochmal erzeugen, wieder erleben, genauer betrachten? Aber WER sollte da WAS betrachten, wenn da doch „gar nichts“ war???
Sehr seltsam, aber doch interessant. Was so alles vorkommt in einer kleinen Pause! Jetzt liege ich manchmal ein wenig länger, bevor ich zur Zeitung greife – und nach diesem Artikel geh ich aufs Laufband. Gottlob muß ich ja nicht „sitzen“, brauch‘ nicht zu meditieren…

Vielleicht wär‘ es eine gute Idee, auch den anderen Kram von der Liste zu streichen?

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Claudia am 10. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Neuer Code, neues Projekt, neue Mailingliste

Neuer Code, neues Projekt, neue Mailingliste

Ein recht lange Diary-Pause! Kein Wunder, mich hat ein Arbeitsanfall erwischt, wie ich ihn lange nicht erlebte. Gestern war es dann soweit: Die neue nach draußenMailingliste CSS-Design konnte starten – eine Initiative von Michael Charlier und mir im Rahmen des Webwriting-Magazins. Dort schrieben wir dereinst übers Inhaltsverzeichnis, dass TECHNIK nicht im Zentrum des Magazins stehen soll, sondern der Inhalt. Und doch hat sich in den letzen Monaten dort viel über Technisches angesammelt, denn der große Umbruch im Webdesign bzw. Webcoding, der zur Zeit statt findet, geht nicht spurlos an uns vorbei.

Also eine Art Befreiungsschlag! Dem neuen Thema ein eigener Schwerpunkt und eine extra Mailingliste. Das forderte erhebliche Vorarbeit, die jetzt auf nach draußenwww.css-design.de und auf der nach draußenListenhomepage zu besichtigen ist. Der Kick bei der ganzen Sache – hier mal für Nichtwebdesigner verständlich ausgedrückt – ist die vollständige Trennung von Form und Inhalt. Die Optik einer Seite – also Farben, Schriftgrößen, Spaltensatz, Platzierung der Bilder etc. – wird gänzlich in einer extra Datei mit einer speziellen Code-Sprache (CSS) ausgelagert und mit dem Hauptdokument (HTML) nur „verlinkt“. So ist es möglich, zur selben Seite die verschiedensten Layouts anzubieten, ohne das „eigentliche“ Dokument anfassen zu müssen.

Wer das in Action bewundern will, kann mal auf der Listenhomepage die unterschiedlichen Designs mit dem „Styleswitcher“ aufrufen. Über die Spielerei hinaus, hat diese Möglichkeit erhebliche praktische Bedeutung, denn das Web wird zunehmend mit anderen Geräten angesehen als mit „ordentlichen“ 17-Zöllern. Webseiten müssen sich vielfältigen Darstellungsweisen anpassen können, auf kleine und kleinste Bildschirme passen, ja sogar vorlesbar sein. Und das ist mit dem verschachtelten Tabellen-Design, wie es sich in den wilden ersten Netz-Jahren entwickelt hat, einfach nicht möglich, radikale Vereinfachung ist angesagt – das Komplexe wird in Zusatzdateien (CSS) ausgelagert und nach Bedarf und Ausgabegerät ausgewählt.

Neben der Freude am Neuen, die sich sowieso erst mit zunehmender Praxis einstellt, ist es für mich ein Abenteuer, mal wieder mit der Versammlung einer neuen Gruppe befaßt zu sein (neudeutsch: Community-Forming – hier aber nicht im kommerziellen Sinn gemeint). Individuen aus den verschiedensten Ecken der Welt treffen sich im virtuellen Raum, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Seit dem Listenstart gestern mittag sind bereits 145 Leute eingestiegen – und die Stimmung ist toll! Das Thema brennt ja auch vielen Webworker/innen derzeit auf den Nägeln. Man sieht die Zeichen an der Wand: Zwar sind die neuen Methoden im aktuellen Web noch etwas sperrig anzuwenden, aber irgendwie spürt man doch: Da gehts lang, das ist die Zukunft!

Ein bißchen komme ich mir vor wie in den ersten Netz-Jahren, als noch jeder seinen HTML-Code selber in die Tasten hackte, weil an Editoren, die das können, noch gar nicht zu denken war. Als Mensch war man den Programmen weit voraus – und so ist jetzt auch wieder. Erstmal müssen Menschen die neuen Techniken ausexperimentieren, ihre kreative Grenzen ausloten und Anwendungen für den Alltag festklopfen. Erst DANN kann man das alles in Software giessen und wieder so tun, als müsse ein Webdesigner vom Code nichts wissen, sondern brauche bloß auf der Oberfläche eines WYSIWYG-Editors Elemente hin- und her schieben wie in einem Grafikprogramm. (Was übrigens auch bezüglich des „alten Stils“ niemals stimmt, sonst würde man nicht überall auf Seiten treffen, die nicht korrekt funktionieren. Leider ist das Auftraggebern verdammt schlecht zu vermitteln!)

Für heute laß ich es hierbei bewenden, anstatt mir noch ein „richtiges Thema“ abzuringen. Es kommen auch wieder ruhigere Tage, wo mir weder wild kommunizierende Web-Versammlungen noch neueste Coding-Methoden etwas geben. Stille Stunden, Schreibmeditationen – alles hat offenbar seine Zeit.

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Claudia am 01. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Verwirrungen im Frühling – eine Bestandsaufnahme

Verwirrungen im Frühling – eine Bestandsaufnahme

Der Winter ist nun wirklich weg! Wärme, Sonne – Menschen flanieren wieder auf den Straßen. Ostern ist dieses Jahr genau das, was es sein soll: Ein auf allen Ebenen fühlbarer Einschnitt zwischen dem Alten, Abgelebten, und dem Neuen, von dem man noch nicht weiß, was es sein wird. Ein Gefühl positiver Spannung, ein Hauch von Wandel, Abenteuer, Aufbruch, dem ich am besten in größtmöglicher Wachheit begegne, sonst verliere ich mich leicht in den vielerlei Aktivitäten, die sich jetzt anbieten, und lande schon bald in verstärktem Chaos.

Also: Inventur! Auf einen Zettel schreibe ich alles, was mir einfällt, alle Vorhaben, Pflichten, Wünsche, Pläne, Notwendigkeiten, die sonst immer nur punktuell „einfallen“, mich plötzlich überfallen und des öfteren aus dem Takt bringen. Querbeet wird alles gelistet, vom bisher verschleppten Brief ans Finanzamt über den anstehenden Relaunche des Webwriting-Magazins bis hin zum Einpflanzen der Ableger einer großen Dieffenbachia, die noch auf dem Küchenfenstersims in der Vase stehen. Mein Áuto will ich auch endlich los werden, ein alter, stellenweise leicht verbeulter Citröen AX, der mir noch aus der Zeit des Landlebens geblieben ist. Hier nutze ich ihn gerade mal, um ins Fitness-Center zu fahren, völlig irre!

Die Liste stimmt mich zufrieden, sie schafft Klarheit, indem sie sowohl die unangenehmen Dinge als auch die ganz verrückten Träume umfasst – ach, was heißt hier schon verrückt? Das sind einfach Vorhaben und Projekte, von denen ich normalerweise annehme, dass ich sie sowieso nie schaffen werde, rein zeitlich und energiemäßig betrachtet. Wenn ich aber mal bedenke, wie viel Zeit ich doch tatsächlich mit Lesen und Fernsehen verbringe, dann kann das so einfach nicht stimmen. Irgend etwas ist falsch an der Herangehensweise, wie ich meinen Alltag verlebe, wie ich mich täglich im Reich der Notwendigkeit verstricke, mich dann allzu gern ablenken lasse, in dieses & jenes hinein gerate, ohne da wirklich etwas Merkliches zu leisten, und dann entsprechend frustriert nach „Abschalten“ verlange.

Bei alledem ist es nicht besonders hilfreich, den Kopf schon jahrzehntelang mit unüberschaubar vielen Gedankengebäuden, Weltanschauungen, Philosophien und Ideologien belastet zu haben. Zu jedem Impuls, der mich von etwas ablenkt oder zu etwas Anderem hinzieht, fallen mir gleich unzählige Begründungen und Rechtfertigungen ein: Warum das, was ich gerade unterbreche, sowieso das Falsche ist, bzw. das, was ich statt dessen ins Auge fasse, mich näher ans „eigentliche Leben“ führt – oder auch umgekehrt. Zum Beispiel kann ich es locker als „Flucht vor der Wirklichkeit“ werten, wenn ich ins Fitness-Center aufbreche oder in die Sauna gehe, anstatt endlich die Website für meine Eigenwerbung zu konzipieren oder zur Meldestelle zu gehen, um Ersatz für den verlorenen Führerschein (wie sinnig!) zu beantragen. Andrerseits kann es als Gipfel der Seinsvergessenheit erscheinen, den Tag vor dem Monitor in einer Welt aus Zeichen zu verbringen, anstatt im Körper, in der physischen Umwelt mit der Natur, der Stadt und konkreten anderen Menschen „face to face“ zusammen zu kommen. Ein ständiges Ebenen-Zapping, wobei der aktuelle Aufenthalt tendenziell immer als das Falsche erscheint.

Alle Aktivitäten, die dem Geldverdienen dienen, sind besonders betroffen von diesem Oszillieren der Bewertungen: einerseits erscheint es als das einzig Reale, sich dieser Notwendigkeit mit aller Kraft und Kreativität zu stellen – und alles Andere wäre bloße Ablenkung und Flucht. Andrerseits ist der ökonomische Bereich am schärfsten in Verruf, das „falsche Leben“ rein kommerzieller Strebungen zu repräsentieren, wo der Mensch alles und jedes als Mittel zum Zweck benutzt, der Blick von Hunger und Gier verdunkelt ist und der Andere nur noch als Kunde oder Konkurrent wahrgenommen wird. Besser man macht Kunst, betätigt sich als Kulturschaffende, bedient das Reich des Kostenlosen, das ohne Sünde ist…. was für ein Quark, alles reines Kopfkino!

Komischerweise erlebe ich diese Gefährdung durch Verzettelung, Unentschlossenheit und schwankende Urteilskraft als ein Ergebnis persönlichen Fortschritts (mehr zugestoßen als erarbeitet, aber immerhin) auf dem Weg vom automatenhaften Reagieren hin zu mehr Freiheit der Wahl. Mit 20, 30, 35 wusste ich immer sehr genau, was gerade anliegt: was ich tun muss und was ich tun will, wann das zusammenfällt oder weit auseinander liegt. Angst und Ehrgeiz leiteten mich problemlos vom Gestern ins Morgen. So etwas wie eine offene Gegenwart kannte ich nicht, nicht mal beim Sex. Die Reiche des Denkens, der Gefühle und der Körperempfindungen waren fest miteinander verkettet: Sagte einer etwas vermeintlich Feindseliges, hielt ich den Atem an, krampfte den Bauch zusammen und spannte die Nackenmuskulatur mehr an als gewöhnlich an, ohne dass mir all diese Körperreaktionen bewusst geworden wären. Ich reagierte SOFORT mit Angst-, Ärger-, oder Hassgefühlen, die sich ohne Zögern in verteidigende oder angreifende Gedanken mit entsprechender Rede und den daraus folgenden Taten umsetzten. Freiheit bedeutete für mich, genau SO sein zu können. Reagieren, ohne an Grenzen zu stoßen, mit den Impulsen mitgehen, die mir begegnen, ohne deren Herkunft und Wesen je zu bedenken: Was ich fühle und wünsche, ist GUT, was mich hindert und einschränkt ist SCHLECHT, ist böse Welt und reine Unterdrückung.

Wenn ich das noch mal lese, was ich da gerade hinschreibe, fällt mir auf: Wow, das ist ja der Geist der Jugend! „An sich“ ist dieser Geist nicht gut und nicht schlecht, sondern unverzichtbarer Teil des Ganzen. Ohne diesen Geist würde die Welt einfach stagnieren und langsam in Fäulnis übergehen. Die gewisse Verblendung, die darin liegt, alles Übel im Außen, im Althergebrachten und bei den Anderen zu sehen, zusammen mit der aus dieser Sicht zwangsläufig entstehenden Wut, ergibt die nötige Kraft für gesellschaftliche Veränderungen. Wie anders sollte man die harten Gebäude des Bestehenden zum Bröckeln bringen, als mittels der festen Überzeugung, selber reinen Herzens auf der richtigen Seite zu stehen und die Macht des „Bösen“ zu bekämpfen?

Im Lauf der Jahre verschwindet dieses „reine Herz“, das sich der Tatsache verdankt, dass man noch nicht viel hinter sich hat, weder im Guten noch im Schlechten. Je mehr gelingt, was man sich ersehnt, umso mehr der Niemand, der man war, sich zum Jemand wandelt, dessen eigene Praxis die reine Theorie ersetzt, desto mehr gewinnt man persönliche Kontur. Die Leere wird zur Form, verstrickt sich in Widersprüche und wird zunehmend in Frage gestellt. Ab 35 ist jeder für sein Gesicht selber verantwortlich, heißt es zu Recht – vielleicht der wahre Grund, warum heute da mehr und mehr die Chirurgen ran müssen.

Mir wurde etwa Mitte dreißig klar, dass ich sterblich bin. Sicher, man „weiß“ das immer schon, auch als junger Mensch, doch ist es lange ein rein mentales Wissen, Buchwissen sozusagen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie mir aufgefallen ist, dass sich etwas grundstürzend verändert hat. Bis zu einem bestimmten Augenblick hatte ich nämlich meine persönliche Geschichte und damit die Zeit ganz allgemein in Gedanken aufgerechnet, die mit „seit …“ begannen: Seit dem Abitur, seit dem Auszug von zu Hause, seit dem Umzug nach Berlin, seit dem Beginn meiner letzten Beziehung… – und auf einmal ertappte ich mich bei einem Denken „bis…“, ja, bis wohin?? Zur Rente? Zum statistischen Altersdurchschnitt rauchender Frauen? Ich konnte es nicht verlässlich „verdaten“, aber auf einmal war es DA, war in meinen alltäglichen (!) Gedanken angekommen: das Ende, mein ganz persönlicher Tod.

In der Krise, die sich in diesen Jahren verdichtete, verlor ich jeden Boden unter den Füßen, meine Welt wurde auf den Kopf gestellt und am Ende war ich eine andere geworden. Mein eigenes Ostern, könnte man sagen. (in anderen Beiträgen hab‘ ich darüber geschrieben, das wiederhole ich jetzt nicht). Seither schwingt mein Lebensgefühl – Glück, Zufriedenheit, Besorgnisse, Wünsche – rund um einen neuen Set-Point, der weit über allem liegt, was mir bis dahin zugänglich war. Und mit Yoga (gelobt sei mein lieber Lehrer Hans-Peter Hempel, ohne den das nicht geschehen wäre) konnte ich dieses gelassenere und entspanntere In-der-Welt-Sein sogar stabilisieren, beobachten und bewusster erleben.

Ach, immer wenn ich so ins Erzählen gerate, ist der Punkt der Lobreden schnell erreicht! Es gibt ja auch soviel Grund, das Leben zu preisen und dankbar zu sein – allein schon die Sonne, wie sie jeden Tag ein wenig länger scheint, die Blüten, die sich jetzt überall einfach so öffnen – und sogar ALDI-Tomaten (die kleinen!) haben auf einmal wieder einen wunderbaren Geschmack! Mein je aktueller Schreib-Impuls, der immer von einer Klage, einem Mangel, einer Kritik ausgeht, verliert sich vor der Fülle des Seins, wirkt auf einmal lächerlich und aufgesetzt: Navigationsprobleme im Freiraum? Leiden an der Abwesenheit „orientierender“ Ängste und Zwänge? – ich bin wohl nicht ganz dicht!

Und mit dieser befreienden Erkenntnis mach‘ ich für jetzt Schluss, MEHR ist von eigenen Texten kaum zu erwarten!

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Claudia am 26. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Was geht mich das an?

Was geht mich das an?

In Berlin wurde gestern ein Mann zu 16 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Er hatte seine Frau auf deren Verlangen erdrosselt, weil sie ihr Luxusleben nicht gegen ein Dasein in Armut tauschen wollte. Beide konnten den Niedergang ihres dereinst florierenden Textilgroßhandels nicht aufhalten und standen vor dem Nichts – so die Berliner Abendschau.

Das ist mal ein verständnisvolles Urteil, milde gesagt. Soviel Mitgefühl und Nachsicht wird dem gemeinen Ladendieb nicht entgegen gebracht. Ob das ein Hinweis sein soll, eine Art guter Rat, wie mensch mit dem sozialen Abstieg umgehen soll?

Demnächst werden – egal, wer die Wahl gewinnt – etwa 250.000 Leute von der Arbeitslosenhilfe in die Sozialhilfe verschoben. „ALHI“ soll nämlich abgeschafft, bzw. „mit der Sozialhilfe zusammengelegt“ werden. Ein Thema, das derzeit kaum jemanden bewegt, lieber entrüstet sich die Welt über die „inszenierte Entrüstung“ der CDU im Bundesrat. Wenn es aber dem lieben Vieh an den Kragen geht, dann kocht der Volkszorn: der Berliner Finanzsenator hat angedacht, einen der beiden Zoos zu schließen, die Reaktionen sind heftig! Ich vermute mal, an der Stelle wird der Sparwille keinen Schritt weiter kommen, nicht, solange nicht mindestens eine der drei (!) hochsubventionierten Opern geschlossen wird.

Im Forum schreibt Wodile zum Thema „Sumpf“:

„Im Grunde genommen durchzieht unsere Gesellschaft inzwischen nur noch ein einiziges „hau jedem eins auf die Fresse, bevor er Dir eine reinhauen könnte“.

Das hat zwar ein paar individuelle Vorteile, bringt das Gesamtgebilde derzeit aber spürbar zum Einknicken. Ohne zumindest einen grundsätzlichen Solidargedanken funktioniert nämlich auf Dauer keine Gesellschaft. Es gibt dann keine wirkliche Entwicklung mehr, sondern nur noch Stagnation und läppische Verteidiung jedes noch so kleinen Status Quo. Bildlich ausgedrückt: es werden keine neuen Kuchen mehr gebacken, sondern nur noch die alten Kuchenstücke von gestern mit allen Mitteln verteidigt. Essen kann man die irgendwann aber auch nicht mehr.

Im Grunde genommen ist daher das derzeit fehlende „qualitative Wachstum“ gar nicht die Schuld der Politik, sondern der herrschenden Lebensphilosophie. Mit der kann es nämlich gar nicht mehr entstehen.“

Bin mal gespannt, ob der Appetit auf die „Kuchen von gestern“ nicht irgendwann in Übelkeit umschlägt. Aber vermutlich geschieht das eher nicht, Veränderungen kommen praktisch nie von denjenigen, denen es (noch) gut geht, sondern erst, wenn für relevante Minderheiten die Karre so richtig im Dreck steckt. Traurig, aber wahr. Trotzdem kann man sich das nicht etwa deshalb wünschen (der alte RAF-Standpunkt: Verschärfung der Widersprüche), denn aus Unglück, Wut und Angst entsteht nicht zwangsläufig kreatives Engagement und neues Miteinander, sondern vor allem Verzeiflung, Haß und Gewalt, mehr, nicht etwa weniger Hauen & Stechen.

Ich und die Anderen

So manchem ist in diesem Diary derzeit zuviel von Politik die Rede. Das langweilt, turnt ab, und überhaupt: Was soll denn ein Einzelner da machen! Schon der Gedanke, dass man hier persönlich gefragt wäre, ist irgendwie unangenehm, nicht? Ich wenigstens empfinde das so – im Moment, solange die Dinge noch so festgefahren wirken, daß man nur in uralte Schubladen (Parteipolitik z.B.) einsteigen und dort scheitern könnte (oder ein Teil des Problems werden).

Es ist allerdings eine Illusion, zu glauben, man könne seine Haltung zur Gesellschaft frei wählen, etwa einfach umsteigen vom zynisch-ignoranten „jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“ zur großen Anklage „der Kapitalismus ist an allem schuld“ – oder gar von diesen beiden Sichtweisen zur reinen „Selbstbeobachtung“ wechseln, für die eine Welt da draußen – sofern sie überhaupt existiert – ohne Bedeutung ist (…solange die Kohle reicht…). Die einen vergesellschaften ihr persönliches, selber angerichtetes Elend, indem sie es der Gesellschaft zurechnen und diese dann bekämpfen, anstatt mal in den Spiegel zu sehen. Die anderen beziehen ihre Sicht der Welt aus persönlichen Erfolgen, aus zufälligem Glück und freundlichen Umständen: Wenn es mir so gut geht, dann muß es doch an jedem einzelnen selber liegen, daß die nicht alle auf ähnlich grünen Zweigen hocken und den Tag loben! Ab ins Motivations-Seminar: Tschekkaaaaaaaaaahhhhh!

Nö, ich mach mich hier nicht über andere lustig. All diese Haltungen hab‘ ich schon mal ganz persönlich ausgelebt und für die einzige Wahrheit gehalten. Und das sagt mir vor allem eines: Ich bin nicht autonom, nicht die objektive Beobachterin dessen, was geschieht, sondern in hohem Maße ein Teil von allem, sowohl Ursache als auch Ergebnis, Opfer und Täterin – immer gleichzeitig.

Was der Einzelne machen kann? Eine falsche Frage, es muss heißen „was kann ich machen?“, bzw. besser noch „was will ich machen?“ Nicht aus einem „grundsätzlichen Solidargedanken“ heraus, der ist viel zu abstrakt und moralisch. Sondern aus dem Leiden heraus: Was stinkt mir wirklich? Was vermisse ich so sehr, dass es schmerzt?

Das ist nicht schwer heraus zu finden: Mir fehlen Zusammenhänge, in denen sich Menschen außerhalb des Marktes begegnen, gemeinsame Aktivitäten, die nicht so organisiert sind, daß einer der Anbieter und die anderen die Konsumenten sind. Ich will nicht mehr Eintritt bezahlen, um Gemeinschaft zu erleben, mich „weiter zu entwickeln“ oder gar, um meinen Seelenfrieden zu finden. (Deshalb zur Kirchgängerin zu werden, ist irgendwie nicht die richtige Lösung.) Vielleicht tun sich ja Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten auf, wenn der Staat jetzt seine Aktivitäten zurückfährt und große Lücken aufreißen, die nicht mehr mit Geld gestopft werden können. Wenn das „Soziale“ und Kulturelle nicht mehr nur mit Staat, sondern wieder mehr mit uns zu tun hat…

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Claudia am 15. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Technikthema: Altbrowser wegwerfen!

Technikthema: Altbrowser wegwerfen!

Am letzten Dienstag war es also soweit: zum ersten Mal hab ich eine Seite ins Web gestellt, die alte Browser in Sachen Design/hübsche Optik nicht mehr berücksichtigt. Statt dessen war ein Warnhinweis zu lesen, der das kurz erklärte. auf Inhalt mußte niemand verzichten. Zum Glück hielten sich die Beschwerden bis jetzt in engen Grenzen, obwohl – so seh‘ ich es in der Statistik – noch immer über 10% der Diary-Besucher vom Netscape 4.x nicht loskommen. Verglichen mit Webseiten für ein Massenpublikum ist das ein recht hoher Anteil, der sich von daher erklärt, dass die Gruppe der Webworker unter meinen Lesern höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung, ist ja kein Wunder!

Warum aber halten ausgerechnet sie, darunter viele Aktivisten der ersten Netzjahre, so krampfhaft an einem Schrottbrowser fest? Menschen, die es doch früher kaum erwarten konnten, alle drei Monate die neueste Browser-Beta zu installieren, um die allerletzten Gimmicks mitzubekommen? Wie kommt es, dass die „revolutionäre Avantgarde“ des Netzes in wenigen Jahren so stockkonservativ geworden ist, dass sie sich jetzt an Bestehendes klammert, wenn auch die Würmer schon dran nagen und die Fäulnis unaufhaltsam voranschreitet?

Ach ja, der gute alte 4.7…! Noch bis Anfang des Jahres hing ich selber an diesem Browser, ärgerte mich über die immer öfter vorkommenden abstürze, schrieb böse E-Mails an Webmaster, dass ihre Seiten Chaos zeigen oder auch mal gar nichts, hörte mir immer wieder die lapidaren Antworten an („Netscape 4.x berücksichtigen wir nicht mehr“) und hielt innerlich erboste Brandreden über die Schlechtigkeit der Welt. Irgendwann wurde es mir dann zu nervig und ich stieg auf den aktuelle Massenbrowser um: den MSIE 5.5. ab sofort gab es keine Absturze mehr und ich konnte mir auch sicher sein, das Web wieder so zu sehen, wie die „breite Masse“ es sieht. Für mich als Webdesignerin ist das nicht unwichtig, was aber nichts daran ändert, daß ich Microsoft nach wie vor nicht mag.
Als ich dann damit anfing, alles über zeitgemäßes XHTML/CSS-Design zu lernen und mich langsam damit anfreundete, dass standardgemäßes Codieren in Zukunft aus guten Gründen wichtig ist, installierte ich auch Netscape 6.2, Opera und Modzilla. Ich stellte dabei fest, dass Netscape 6.x weit standardnäher ist als der Explorer (wie könnte es anders sein!) und kann heute kaum mehr nachvollziehen, warum ich eigentlich an einem Uralt-Browser so festklebte.

Und jetzt wünsch‘ ich mir, dass alle ein Einsehen haben und auch umsteigen – man muß ja nicht gleich zum Explorer greifen, wenn man nicht mag! Es macht nicht viel Arbeit, ein zeitgemäßes CSS-Design so zu gestalten, daß es auf allen neueren Browsern gut aussieht – aber es macht einen elenden Mehraufwand, Seiten zu bauen, die auch noch auf dem 4.7 erträglich aussehen. Das liegt schlicht am alter dieses Browsers, der nun mal die aktuellen Standards (CSS2) nicht unterstützt und so richtig ins Chaos sackt, wenn man beginnt, auf die früher üblichen LayOut-Tabellen zu verzichten. Was eine tolle Sache ist! :-)

Fur den Moment und vermutlich noch ein paar Tage länger lass‘ ich hier alles, wie gehabt, der letzte Diary-Eintrag war eine Ausnahme. Nachdem ich nämlich all diese Bilder eingebunden hatte, zeigte der NS 4.7 nur Schrott an und ich hatte einfach keine Lust, da jetzt Zeit und Arbeit ‚rein zu stecken. Wer mit einem Altbrowser kommt, schreibt mir Andreas im Forum, dem ist die Optik eh nicht mehr so wichtig – na dann!

Was meint Ihr zu alledem? Warum benutzt Ihr noch den 4.7??? Schreibt mir was ins Forum, wenn Ihr Lust habt!

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Claudia am 12. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Spaziergang zur Spree

Spaziergang zur Spree

Vor ein paar Wochen hat mich kurz das „Heimweh“ überkommen: nicht die Sehnsucht nach Landleben, nach den mecklenburgischen Weiten, deren Leere mich nach zwei knappen Jahren allzu oft in die Supermärkte getrieben hatte, um mal wieder Menschen zu sehen. ach nein, es war die Sehnsucht nach der alten Heimat, nach dem in über 20 Jahren fertig sanierten Gebiet rund um den Chamissoplatz im Südwesten Kreuzbergs.

Allein die wunderschöne Marheineke-Markthalle mit dem Multi-Kulti-Gourmet-Angebot!…. Schon was ganz anderes als die eher karge Verköstigung im Boxhagener Kiez, wo lustlose Verküuferinnen in unrentabel kleinen SPAR-Läden immer noch gern sagen „Ham wa nich“, oder man sich beim einzigen Italiener stundenlang die Beine in den Bauch steht, weil die häufig wechselnde Belegschaft Tag für Tag die Langsamkeit neu entdeckt.

Aber halt, bevor ich jetzt anfange, ausgiebig über den Dreck auf den Straßen zu lästern oder gar die vielen Hundehaufen zähle, die den Fußgänger zwingen, gesenkten Kopfes vor sich auf den Boden zu starren, bevor ich mich über die (fast) durchweg unbequemen Stühle in den Lokalen oder das (meist) bar jeder Kochkunst zubereitete Essen aufrege (Ausnahme: Osteria, Gabriel Max Straße), erinnere ich mich gerade noch, daß ich heute eigentlich ein Loblied auf Friedrichshain anstimmen wollte, keinen Abgesang.

 

Simon-Dach-Straße in Friedrichshain – So sieht es hier ‚rundrum aus – ein typisches Gründerzeitviertel, anheimelnd, chaotisch, weitgehend unsaniert.

Na ja, auch keinen „Gesang“, ich zeig‘ Euch einfach ein paar Bilder vom Morgenspaziergang zur Spree und zurück, die man von hier aus in etwa zwanzig Minuten erreicht – ein Weg durch erstaunliche Stadtlandschaften, weit interessanter als der übernutzte Volkspark Hasenheide, der mir zwanzig Kreuzberger Jahre lang einziger „Auslauf“ war.

Die Halbinsel Stralau beeindruckt mich jedes Mal, besonders das alte Glaswerk im Norden – die verfallenden Gebäude stehen wie Mahnmale in der offenen Brache, Grafitti-geschmückt, nicht weit davon hyper-moderne Nachwende-Bauten.

Glaswerk auf Stralau
Altes Glaswerk Stralau – gerade für Techno-Partys in Betrieb genommen….

 

Durchgang Glaswerk
Durchgang Glaswerk

 

Nochmal Glaswerk – „coole Location“

Diese beiden Häuser – die sogenannten „Knabenhäuser“) stehen direkt gegenüber in der Rummelsburger Bucht und warten – wie so viele andere – auf einen Investor, ein Nutzungskonzept, auf Leute mit Ideen und Elan. Mich wundert es wirklich, dass sich da bis jetzt niemand gefunden hat – wäee ich reich, würd‘ ich mir die einfach als Berliner Wohnsitz zulegen ! :-)

Das ist jetzt nur ein kleiner Ausschnitt der vielfältigen Eindrücke und Anblicke auf dem Weg bis zur Spreee und zurück. Ich komme dabei auch über die Modersonbrücke, wo sich eine riesige Gleislandschaft der U-, Regional- und Fernbahn bis zum Horizont erstreckt. Und wenn ich über die Elsenbrücke nach Kreuzberg laufe, ergeben sich wieder ganz neue, nicht weniger exotische Perspektiven.

Ja, ich lebe wieder gerne in der Stadt! und glücklicherweise hab‘ ich ein Gebiet gefunden, wo „weite Horizonte“ in nächster Nähe zu besichtigen sind.

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Claudia am 06. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Der Mörder brauchte Froschblut!

Der Mörder brauchte Froschblut!

Morgens gleich die SPAM-Lawine: bei mir sind es immer so ca. 10 bis 20 Mails, glücklicherweise am Titel erkennbar, nacheinander lösche ich sie weg: Register to your dream vacation! New product mp3 clock! Low Cost Merchant Account! Fatnews.de Newsletter – ach, was deutschsprachiges, was ist denn wohl fatnews?? Tonnen von Nachrichten oder Nachrichten für Tonnenschwere? Ich klicke mal hin, aha, ersteres. Naja, Nachrichten ist vielleicht nicht das passende Wort: Mann beim Sex mit Ziege erwischt, Wurde Pornostar Lolo Ferrari ermordet? Essen für den Hund – In Singapur gibts das! Ein Schwammwesen siedelt sich im Hafenbecken an und zerstört alle Tiere und Pflanzen … Und das soll man also auch noch Freunden empfehlen, gleich beim ansurfen springt ein zweites Fenster auf, das um Mailadressen von Bekannten bettelt…. Weiter → (Der Mörder brauchte Froschblut!)

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Claudia am 28. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Menschen technisch verbessern?

Menschen technisch verbessern?

Die Gen-Debatte ärgert mich. Nicht weil da „Grenzen überschritten“ werden, die uns Gott, die Natur oder sonstwer auferlegt hätte, sondern wegen der verwirrten und verwirrenden Diskussionsweise. Man redet ohne Geschichte, bzw. benutzt die Geschichte allenfalls als Selbstbedienungsladen zur Untermauerung eigenen Wollens & Meinens. Ein gutes Beispiel ist die gerade wieder laufende Auseinandersetzung um die PID (=Selektieren der Embrionen vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter). England hat es jetzt in einem Fall erlaubt und alle schreien AUWEIA! Weiter → (Menschen technisch verbessern?)

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