Claudia am 26. Dezember 2001 — 0 Kommentare

Weihnachten, ein Opferfest

Es ist still in Berlin Friedrichshain, nun schon den dritten Tag. Das „In-Viertel“ rund um die Simon-Dach-Straße ist wie ausgestorben, die meisten Kneipen bleiben zu und die Fassaden der Gründerzeit-Altbauten zeigen sich nächtens in gespenstischem Dunkel: alles leer, alles ausgeflogen. Die ungewöhnlich jugendliche Bewohnerstruktur – fast jeder ist hier unter 30 – führt an traditionellen Feiertagen zum Komplett-Ausfall der ansonsten so beliebten und gelobten kulturellen Eigenständigkeit. Man fährt halt heim zu den Eltern oder gleich ganz weit weg, in den Süden. Immerhin findet sich so endlich locker ein Parkplatz!

Da ich in keinerlei festive Aktivitäten eingesponnen bin, sind diese Tage einfach eine ruhige Insel im Getriebe. Das Gefühl, etwas (mehr!) tun zu müssen fürs „Fortkommen“, tritt in den Hintergrund. Wenn alle abschalten, darf ich ja wohl auch… Beiläufig beobachte ich die Medien im Christmas-Taumel, besonders das Fernsehen, und mit einem Mal wird mir klar, dass Weihnachten ein Opferfest ist.

Was wird geopfert? Zu welchem Zweck? Der Sinn des Opferns ist immer gleich: Man will einen übermächtigen Gott bestechen bzw. gnädig stimmen, damit die Dinge einmal nicht ihren „natürlichen“, also gottgewollten Lauf nehmen, sondern sich nach den Wünschen der Opferer entwickeln. Wird das Opfer akzeptiert, hat mensch kurzzeitig Ruhe vor der göttlichen Eigendynamik, der satte Gott hält sich ganz raus oder verhält sich dem Menschenwunsch gemäß – für kurze Zeit, ein Opfer reicht ja nie für immer.

Bis zum Abend des letzten verkaufsoffenen Tages vor Weihnachten berichten die Medien intensiv von der Konsumfront: Wieviel und was gekauft wird, ob mehr oder weniger als im letzten Jahr, was die Händler dazu sagen und ob das Volumen des Weihnachtsgeschäfts insgesamt ausreicht, der Wirtschaft zum Jahresende zu deutlichen Gewinnen zu verhelfen oder aufgelaufene Verluste zumindest spürbar zu mildern. Man beobachtet also die Opferzeremonien und versucht, zu beurteilen, ob das Opfer ausreicht und ob es angenommen wird.

Offensichtlich ist das dieses Jahr wieder der Fall, denn am Nachmittag des 24.Dezembers schließen nicht nur die Läden und Büros der Welt des Kaufens & Verkaufens, auch innerpsychisch verläßt man die erweiterte Kampfzone und legt erleichtert die Rüstung ab, checkt aus, um mal wieder „richtig Mensch“ zu sein – so zumindest ist es gemeint, gedacht, gewollt. Für ein paar Tage sind wir dann frei (gelassene..), haben uns frei gekauft und können nun Seiten zeigen und Aspekte leben, die im immer mehr Lebensbereiche umfassenden täglichen Kampf ums Fortkommen hinderlich bis peinlich sind: Weichheit, spontane Freundlichkeit, Mitgefühl, Sehnsucht nach Liebe jenseits von Leistung und Nützlichkeit, und die aus alledem folgende Großzügigkeit mit der Bereitschaft zum Helfen, Schenken und Teilen.

Die Medien begleiten bereitwillig die kurzfristige Richtungsänderung, Familienfilme handeln von harten Geschäftsleuten, die zu liebevollen Vätern mutieren, Lokalsender zeigen tatsächlich Menschen beim schenken, helfen und teilen – von der Feuerwehrgruppe, die ein Kinderheim beschert bis zum Viersternehotel, das in der heiligen Nacht fünfzig Obdachlose verköstigt und beherbergt. Geld ist nicht alles, das darf jetzt mal gesagt, geschrieben, gesendet und gesehen werden. Sind ja nur ein paar Tage, dann ist wieder das große kollektive „Speicher löschen“ per Silvesterfete angesagt, mit anschließender kraftvoller Neuprogrammierung auf neue Wünsche, Ziele und Vorhaben im neuen Jahr. Die kurze Auszeit muß rituell gebrochen werden, sonst könnten ja Spuren in den Psychen zurückbleiben, die Freude am Helfen, Schenken und Teilen könnte um sich greifen – mit unabsehbaren Folgen! (Man sieht ja, was diese „Tradition“ z.B. im Internet angerichtet hat, wo sie die ersten Jahre des neuen Mediums kulturell dominierte: kein Geschäft nirgends, E-Commerce ein Milliardengrab!)

Bald ist sie vorbei, die „freie“ Zeit, das Opfer ist aufgezehrt und hungrig erwacht der Gott unserer Tage zu neuem gefräßigen Leben. Wir werden das Visir herunterklappen, die Samthandschuhe ausziehen, das Herz wieder als bloße Pumpe ansehen und tun, was wir tun müssen. (Wem der Übergang zu hart ist, der wird vielleicht im Januar krank -> Zeit des höchsten Krankenstandes in diesem Land).

Ist das der Endzustand? Wird es immer so sein, solange diese Welt steht, dass wir unsere liebevolle, weiche und freundliche Seite verbergen, besser noch verdrängen und vergessen müssen, um „fort“ zu kommen? Ja wohin denn eigentlich ? Man kann sich lange an der eigenen Kreativität berauschen, am Wachsen des Bankkontos, am Aufsteigen auf neue Siegertreppchen – irgendwann mal meldet sich gerade auch bei den Erfolgreichen die Frage nach dem „Wozu?“. Macht mich das jetzt wirklich glücklich? Bringt es mir echte Freude? Gewinne ich Freunde und Freiräume, oder verheize ich nur meine Lebenszeit für Dinge, die ich nicht fühlen und nicht spüren, sondern nur wissen, bzw. mir „ausrechnen“ kann?

Wenn ich mir angucke, wie so mancher Werbespot zur KUNST gerät, so daß schon kaum mehr erkennbar ist, für welches Produkt hier um Sympathie geworben wird, sehe ich die Verzweiflung erfolgreicher Kreativer: Es ist schon hart, sein ganzes Herzblut ohne Pause für so hehre Ziele wie die bessere Vermarktung von Gummibärchen oder Schokoriegeln einsetzen zu müssen – und sowas geht heute nicht mehr „mit links“, schon gar nicht in einer gewerkschaftlich abgesicherten 35-Stunden-Woche.

Der Gott unserer Tage will uns GANZ, nicht nur werktags zwischen 9 und 17 Uhr. Er ist unbescheiden, allgewaltig und groß wie es sich für einen Gott immer schon gehört. Und er nutzt moderne Kommunikationsmittel, lichtschnell und frei von allem menschlichem (Wohl-)Wollen kreist das Kapital, sein farbenfernes Blut durch die vielfach vernetzten Adern unserer Welt – in endloser Suche nach Vermehrungsmöglichkeiten. Dieser Gott will vor allem eines: wachsen. Ist er – mal so als Wachstums-Junkie betrachtet – denn wirklich allmächtig und in dieser Allmacht ewig?

Wer von Sucht etwas weiß, weiß auch, daß Zusammenbruch, Tiefpunkt und Entzug schon im kleinen menschlichen Rahmen katastrophal sein können – an einen göttlichen Breakdown mag man da lieber gar nicht erst denken! Zudem ist eine solche Entwicklung planerisch sowieso nicht zu beeinflussen und auch alle Versuche, freundliche selbstgebastelte Gegen-Götter zu etablieren, sind gescheitert – auch der Gott DIESER Welt ist ja nicht etwa irgendwo „außen“, sondern lebt in uns selbst.

Und trotzdem: Tote Götter pflastern unsern Weg, daran könnten wir uns gelegentlich erinnern! Schließlich ist noch nicht aller Tage Abend…

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