Claudia am 08. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Die Guten gibt es nicht

Die Guten gibt es nicht

Je älter ich werde, desto mehr werden mir bestimmte Denkgewohnheiten bewusst, die meinem Leben eine Form geben. Es sind keine Wahrheiten, sondern geistige Filter, die aus „allem, was ist“ nur das in meine Wahrnehmung einlassen, was ich mir wünsche.

Zuvorderst – das fängt gleich bei der Geburt an – wünsche ich mir freundliche, liebevolle Mitmenschen, friedliche Lichtgestalten, die mich lieben und achten, die sich um mich kümmern, wenn es mir nicht gut geht und die mir ein Pflaster auf die Wunden kleben, die das Leben schlägt.

Sobald dann das Denken einsetzt, und die eigene Bedürftigkeit nicht mehr nur als Gefühl und Empfindung, sondern in Gedankengestalt zu Bewusstsein kommt, ist es mit dem Wünschen alleine nicht mehr getan. Wenn ich von anderen erwarte, edel, hilfreich und gut zu sein, muss ich davon ausgehen, dass ich auch selber so bin – wie könnte ich es sonst einfordern?

Ich bin ok

Damit entsteht der Filter gegenüber dem eigenen So-Sein: ich glaube fest an meine eigenes „Gut sein“ und bewerte nun Gedanken, Gefühle und Taten im Rahmen dieser Vorgabe. Meist gelingt es, insbesondere in jungen Jahren, sich selber völlig in Ordnung zu finden – aber ach, die böse Welt pfuscht ständig in dieses friedlich und freundlich gemeinte Dasein, so dass man sich doch gelegentlich verteidigen muss. An der durchweg positiven Selbsteinschätzung kann das lange nicht rütteln – bei mir hat es bis Mitte dreißig gedauert, bis ich realisieren konnte, was ich für eine Schreckschraube geworden war: immer nur den eigenen Vorstellungen vom richtigen Leben hinterher rennend, mit gegen Null tendierender Aufmerksamkeit für Andere. Dabei kaum in der Lage, jemandem richtig zuzuhören, geschweige denn, die Bedürfnisse anderer, ihre Standpunkte und Sichtweisen ernst zu nehmen.

Das Aufschlagen auf dem Boden der Wirklichkeit war hart aber hilfreich. Es war, als wiche ein inneres Terror-Regime von mir, das meine sämtlichen Lebensäußerungen bestimmt hatte. Meine ununterbrochenen Anstrengungen, selber über alle Zweifel erhaben zu sein, alles richtig zu machen, die besten Absichten zu pflegen und immer perfekt und unangreifbar zu wirken, hatten genau ins Gegenteil geführt und mich noch dazu blind dafür gemacht, es zu bemerken.

Als es schließlich vorbei war, begann eine paradiesische Phase. Endlich mal einfach nur leben, neugierig hinsehen, was ist, anstatt zwingen zu wollen, was sein soll – der ganze Verlauf hatte nichts mystisches und doch fühlte ich mich wahrhaftig erleuchtet! Das Licht hatte meine dunkle Seite ins Bewusstsein gehoben und in meinem Leben gab es tatsächlich niemanden mehr, dem gegenüber ich sie glaubte, verleugnen zu müssen. Was für eine Entspannung!

Paradoxerweise machte mich dieses neue Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit friedlicher und freundlicher. Ich lief ja nicht mehr in einer Rüstung herum, immer zum Kampf bereit, nach Feinden Ausschau haltend, die meinem Gut-Sein im Wege stehen könnten. Endlich interessierte ich mich wirklich für andere Menschen, jenseits des bloßen Nutzens, den sie für mich haben mochten.

Auf einmal war ich ein Nichts und hatte nichts dagegen. Ich konnte jetzt die anderen kämpfen sehen, konnte die Filter und Scheuklappen wahrnehmen, die sie – in der mir so gut bekannten Weise! – von der Wirklichkeit abtrennten. Zum ersten Mal hatte ich Mitgefühl, wissend um meine Ohnmacht, durch diese Mauern zu dringen. Denn niemand kann jemand anderen, der fest entschlossen ist, sein aktuelles Selbstbild aufrecht zu erhalten, irgendwie „aufwecken“. Das geschieht nur von innen her, wenn genug gelitten wurde. Bei manchen nie.

Ich lernte also eine neue Einsamkeit kennen – doch mit ihr kam zum ersten Mal die Fähigkeit, alleine zu sein, ohne das irgendwie falsch zu finden. Ohne daran zu leiden. Es gibt ja nicht nur die Menschen in ihren jeweiligen Verstrickungen, die Welt selber ist ein riesiges Wunder. Ein Vogel, eine Wolkenformation, Licht und Schatten, der Frühling, der Atem – ich nahm auf einmal das Leben war, in einer viel umfassenderen Weise als je zuvor.

In den Sand geschrieben

Es war die Zeit, als mir plötzlich auffiel, dass ich die verstreichende Zeit nicht mehr „seit“ rechnete (seit dem Abitur, seit dem Umzug nach Berlin, seit dem Studienabschluss…), sondern da auf einmal ein „bis..?“ vor mir stand. Das war neu! Ohne dass ich bewusst „umgedacht“ hätte, war mir das Gefühl der eigenen Endlichkeit zugewachsen. Ohne dass das irgend eine Art Stress ausgelöst hätte, im Gegenteil. Es war eine weitere Form noch tieferer Entspannung!

Denn früher hatte ich bei allem, was ich tat, immer mit der Ewigkeit gerechnet – unbewusst. Ich strebte in jeder Hinsicht nach „Endlösungen“ – sei es bei der Renovierung der eigenen Wohnung, beim Verhandeln über einen Vertrag, bei der Ausgestaltung einer Arbeitssituation – und natürlich auch in der Politik, soweit ich daran teil nahm: das Bemühen war auf das Absolute gerichtet: hier und jetzt etwas Perfektes schaffen, etwas, das allen Zweifeln und Unwägbarkeiten stand halten würde, egal, was kommt. Was für sinnlose Kraftakte, alles in allem!

Jetzt wusste ich: mein Leben schreibt sich in den Sand. Wie schön, mich dabei nicht mehr aufführen zu müssen, als würde immer alles in Marmor gemeißelt!

Es wundert nicht, dass seitdem alles viel leichter geht. Ohne den Automatismus von Kampf und Krampf, ohne feste Vorstellungen, wie die Dinge zu sein haben, ist es leicht, in den Fluss zu kommen: mitzuschwimmen mit eigenen und fremden Impulsen, sehen, was geschieht, nicht immer alles zwingen wollen. Dann ERGIBT sich auf einmal unglaublich viel – einfach so!

Die wirklich schlimmen Leiden sind nie mehr wieder gekommen: die Angst, zu versagen, zum Beispiel. Die heftigen Alpträume. Die Angst vor Einsamkeit und Verlassenheit. Das nächtliche Zähneknirschen und der Traum von der Prüfung, bei der man auf einmal alles vergessen hat. Auch der extreme Ehrgeiz, wie ich ihn von früher kenne, ist ohne Abstriche in die Reihe der schlimmen Leiden zu stellen – auch er ist weg. Mit ihm verging auch die Verachtung einfacher Menschen und körperlicher Arbeit, die ich mir im nachhinein als echte Sünde ankreide, bzw. als große Dummheit.

Und was ist jetzt? Welche alten oder neuen Leiden suchen mich heute heim?

Nun, auch ohne Illusionen über mich selbst zu hegen, wünsche ich mir unverdrossen freundliche, liebevolle Mitmenschen, friedliche Lichtgestalten, die mich lieben und achten, die sich um mich kümmern, wenn es mir nicht gut geht und die mir ein Pflaster auf die Wunden kleben, die das Leben schlägt.

Und bin dann enttäuscht, wenn mal das Licht auf ihre dunkle Seite fällt.

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Claudia am 02. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Digital Diary – wie geht es weiter? Auch DU bist gefragt.

Digital Diary – wie geht es weiter? Auch DU bist gefragt.

Demnächst möchte ich mal wieder was verändern. Ich lade Euch ein, an der Zukunft dieser Seiten mitzuspinnen und mich ein bisschen zu beraten.

Wer das Diary kennt, weiß, dass ich es nur sehr selten ändere, denn ich möchte ein winziges Gegengewicht zur Welt setzen, in der sich alles immer schneller und unvorhersehbarer verändert. Daher mute ich hier niemandem ohne guten Grund Neuerungen zu – so langsam aber gibt es sie, die guten Gründe.

Schon länger beobachte ich nämlich, dass mich der Aufwand schreckt, einen neuen Beitrag zu bringen: neben dem Artikel selbst (den ich mit ungebrochener Freude schreibe, keine Frage!) mache ich immerhin jeweils drei neue Webseiten (Index-Seite, Permanent-Seite, Druckversion) und ändere eine Menüdatei, hinzu kommt der Text selber, der separat als Textdatei vorliegt und in diese drei Seiten erst beim Aufruf eingebunden wird. Fünf Dateien also – und zum Monatswechsel sind es noch zwei kleine Pflichten mehr, die jeder Schreibanfall zwangsläufig nach sich zieht.

Einerseits denk ich also darüber nach, wie ich diese langweilig technoide Arbeit reduzieren könnte –
andrerseits hab ich auch wieder Lust, Themenseiten aufzubauen, also Texte unter je eigenen Projekt-Homepages mit spezifischer Optik zu versammeln – ZUSÄTZLICH zu ihrem Erscheinen im Diary. Und das bedeutet natürlich noch MEHR technoide Idiotenarbeit pro Beitrag. Was wiederum noch mehr abschreckt!

Das Digital Diary ist historisch entstanden aus meinem einstigen Unwillen, mich immer weiter in selbst geschaffene Schubladen (magazinartige Webzines mit Rubriken, wie z.B. Missing Link) einzusortieren: wenn diese Schubladen veralteten, inhaltlich oder optisch, musste ich alles umarbeiten, neu sortieren und ins erneuerte Design „nachziehen“ – was für ein Aufwand! Die Lösung bestand in einem immer gleich bleibenden Umfeld und der Sortierung nach Datum: Problem abgehakt, das Digital Diary war geboren! Inhaltlich handelten meine Artikel unverändert von Gott und der Welt, waren also meist nicht besonders „Tagebuch-artig“. Immerhin gab mir das neue Arrangement mehr Freiheit, persönlicher zu werden. Ein Prozess, der sich stetig vertieft, bei dem ich aber nur ungern in bloßem Berichten aus dem Alltag enden würde. Ein Blick über den Tellerrand – nach innen, nach außen, nach oben oder ganz unten – soll schon dabei sein. Mal sehen, ob mein Daily Life ihn weiterhin hergibt, das kann man ja nicht auf Dauer inszenieren.

Heute finde ich es jedenfalls wieder schade, die Diary-Artikel nur chronologisch zu erschließen. Damit sind sie so gut wie weg, wenn das Menü den aktuellen Monat nicht mehr anzeigt und werden allenfalls zufällig über Google gefunden. Dieses baldige Versacken aller Inhalte im Nirgendwo reizt nicht dazu, Themen zu vertiefen. Mit jedem Betrag fange ich im Prinzip bei Null an, aus dem Nichts, ohne etwas voraus zu setzen oder auf ein MEHR hin zu führen – und das reicht mir nicht mehr. In mir „leben“ bereits Themenseiten zu meiner Umgebung, zu Berlin, zu Wellnetics bzw. zum „Guten Leben“, wie ich es verstehe – alle mit einer originären Optik aus eigenen Fotos und Collagen – ich hab ja wieder so Lust drauf! ABER ich will nicht mehr im Code versacken, sondern an den INHALTEN arbeiten.

Die Technik ist ja nun glücklicherweise so weit, dass das Einbinden gleicher Inhalte in mehreren Umfeldern an sich kein Problem mehr ist. Allerdings wären das dann NOCH MEHR Dateien, die ich anfassen muss, wenn ich was geschrieben habe – was wiederum den Abschreckungsfaktor erhöht! Und: Soviel Aufwand ums eigene Geschreibsel? Da vereinigen sich Faulheit und Reste anerzogener Bescheidenheid in entrüsteter Ablehnung: Kommt überhaupt nicht in die Tüte! Siehe oben.

Die Würze der Kürze: ein Blog?

Weiter: oft hab ich Lust, was deutlich Kürzeres zu schreiben als so einen Diary-Artikel. Die MÜSSEN aber von meinem Gefühl her so lang sein, um den erforderlichen AUFWAND zu rechtfertigen, den ich ja nun nicht wegen drei Absätzen machen will – obwohl ich mir durchaus drei unterhaltende Absätze zutraue, die einen Kurzbesuch wert sind!

Also: muss vielleicht ein Weblog her? Zusätzlich, daneben, darüber? Seit Jahren seh ich die rasante Entwicklung dieser schnellen Homepage-Nachfolger: eine Art „Diary Light“ mit Kommentarfunktion pro Beitrag, die ich bisher nicht zu brauchen glaubte. Schließlich KANN ich HTML, dacht‘ ich mir immer, nicht bedenkend, dass ich vielleicht auch mal genug davon gesehen habe!

Allerdings stimmt es mich immer bedenklich, Teile meiner Webseiten auszulagern. Vielleicht sind die Fremdanbieter mit dem Weblog-Server morgen pleite oder werden kostenpflichtig! Womöglich hab ich dann eine Lesercommunity um Seiten herum erzeugt, die plötzlich verschwinden oder zu Geiseln fremder Geldverdiener werden – Horror!!! Und DIE TEXTE selber könnten auch verschwinden, wenn ich das bei Kurztexten auch leichter verschmerzen könnte als bei mehrseitigen – trotzdem ist es eine unangenehme Vorstellung, so abhängig zu sein.

Sollte ich es vielleicht dabei bewenden lassen, ein Blog zu „simulieren“?? Das einzige, was dabei problematisch wäre, ist die Kommentarfunktion – und brauch ich die wirklich ??? Ich frag mich sowieso immer, wenn ich das anderwo sehe: Wie merken die Leute, dass jemand gerade uralte Beiträge kommentiert hat??? Vermutlich tut das ja sowieso niemand oder man bekommt vom Server eine Mail. Viel
Besser fand ich bisher ein richtiges Forum, weil es diesen gewissen Saloncharakter hat und die Leser auch miteinander reden. Na, mal sehen, ich bin durchaus offen für neue Erfahrungen und andere Bedürfnisse.

Hallo, es gibt was Neues!

Weil es zur Zukunft dazu gehört, erzähl ich der Vollständigkeit halber auch vom Newsletter. Den gab’s als „Info-Mail“ und „Claudia Klinger-News“ seit den Zeiten von Missing Link – und er wurde nur sehr sporadisch ausgesendet. Dies auch noch „händisch“, immer 150 Adressen im BCC pro „Mailpaket“, was nicht wenig Aufwand bedeutet, deshalb das seltene Erscheinen. Seit zwei Tagen hab ich ihn nun endlich ins Newslettertool meines Providers überführt, in Zukunft kommt er also öfter.

Früher dachte ich zum Thema Leser-Benachrichtigung: wenn ich alle zwei Tage einen Beitrag schreibe, kann ich nicht wirklich auch alle zwei Tage einen Rundbrief versenden, das nervt. Heut hat sich das entspannt, ich schreibe im Schnitt alle Woche einen richtigen Artikel und für einen Blog-Eintrag würd‘ ich natürlich keinen Newsletter versenden, sondern sowas Neu-Schickes wie RSS-Feeds anbieten (damit können Leser, die das wollen, neue überschriften auslesen, OHNE das Diary besuchen zu müssen).

Brauch ich die eierlegende Wollmilchsau?

Wie also weiter? Soll ich weiter „händisch“ meine Seiten stricken und umstricken? Wieder Rubriken/Themenseiten schaffen und zig Dateien anfassen müssen, um da irgendwo längere oder kürzere Texte unter verschiedenen Oberflächen mit verschiedenen Techniken an verschiedene Adressaten zu
verteilen? Eigentlich will ich ja SCHREIBEN und Bilder machen, und nicht mich mit der technischen Seite zu Tode langweilen.

„Ich weiß, was du brauchst!“, sagt an dieser Stelle nun fast jeder, der auch schon ein bisschen länger dabei ist. „Nimm Zope, Plone oder Webedition! Probier das Multi-Blog mit integriertem Newsletter. Vielleicht auch Moveable Type oder DingensBumens! Schau dir an, *was es alles gibt und teste es aus!

Publishing-Tools, Redaktionssysteme, Content-Management – ja, die Zauberworte fliegen mir seit längerem zu, doch bisher hab ich mich verweigert. Himmel, ich habe eine gewachsene Webseitenlandschaft, durchsetzt von Tools meines Providers, die ich mir jeweils an meine Bedürfnisse anpasse – und da soll ich jetzt eine fremde eierlegende Wollmilchsau drüber lassen? Deren Zähmung mich vermutlich Tage kostet – und das nur, um die zehn Minuten zu sparen, die ich pro Diary-Eintrag Dateien basteln und Code angucken muß? Lohnt sich das? Bisher war die Antwort NEIN. Aber vielleicht ändert sich das gerade. Denn ich bin am Ende der Geduld in Sachen Seiten-Pfriemeln und habe trotzdem Lust, wieder MEHR zu machen. Aber wie?

Der Traum: mein Mini-CMS

Vielleicht GIBT es ja schon ein Programm für meinen Bedarf, eines, das mich weder völlig entmündigt, noch mich arm macht und auch keinen Horrorcode in die Welt entläßt? ODER ist vielleicht der erforderliche Aufwand gar nicht so groß und ich könnte mir ein Mini-CMS für MEINE Anforderungen schreiben lassen?? Vielleicht hat’s einer der mitlesenden Programmierer zuhause in der Schublade und braucht nur eine Stunde, es soweit zu ergänzen, dass es genau das tut, was hier gebraucht wird?

Das Klinger-CMS sähe folgendermaßen aus:

Die Eingabe-Maske hätte die Felder Headline, Subheadline, Kurzbeschreibung, Text und Datum. Da schreib ich dann rein, wenn’s mir danach ist. Sofern das Tool auf dem Server läuft, könnte ich sogar von überall aus schreiben, nicht nur von zuhause aus! Nach der Eingabe kreuze ich eine oder mehrere Auswahlboxen für die verschiedenen Webseiten an, wo der Text erscheinen soll, z.B. auf den dann locker ins Werk gesetzen Web-Projekten:

Klinger-Blog [],
Digital Diary []
Vom Guten Leben []
über die Liebe zu Berlin []
Ergonomics []
Was ist neu? []…

Und nach dem Absenden bzw. Uploaden erscheint mein Text in den vorgesehenen Seiten (und in deren Menüs). Das Programm hat sich die jeweilige Vorlage gegriffen, hat die spätere Textseite erstellt, bindet dazu die jeweilige überschrift als Link ins je zugehörige Menü ein. (Das ließe sich auch als „Suchanfrage“ und deren Ergebnis realisieren). Und aus der so nebenbei fortlaufend aktualisierten Seite „Was ist neu?“ (wo natürlich NICHT jeder Volltext, sondern nur die Kurzbeschreibung erscheint), generiere ich dann alle zwei Wochen oder einmal monatlich den Newsletter.

Sehnsucht nach Ordnung und Klarheit

Das wär der TRAUM!!! Mein Problem ist nicht, dass ich 10.000 Features brauche, sondern nur ganz wenige, vielleicht drei bis fünf. Und für die Diary-Struktur inklusiv Blog braucht es (unter der Haube) eine andere Verlinkungsweise als für die geplanten Themenseiten. Dem Programm soll es dann aber egal sein, auf wieviel Themenseiten ich es NOCH anwende – ich möchte jederzeit zusätzliche Webprojekte einbinden können, auf die ich meine Texte ebenfalls auf diese praktische Art verteile.

Ja, das wär‘ wirklich wunderbar! Es würde meinem Schreiben einen Schub geben, denn endlich hätte ich dabei ein Gefühl von Ordnung und Klarheit, was das Veröffentlichen, also den Kanal zur Leserin und zum Leser angeht. Oh, ich könnte wieder neue Seiten entwerfen, richtig designen – träum…!!! Und sogar die CD-ROM, die ich gerne mal gemacht hätte, rückt dann in den Bereich des arbeitstechnisch möglichen!

Das Produzieren der Inhalte war für mich nie das Einzige – zwar im Vordergrund, aber wenn das Drumrum im Chaos versackt oder auch nur irgendwie mängelbehaftet wirkt, überträgt sich da eine Unzufriedenheit auch auf das Schreiben. Ähnliche Probleme seh‘ ich beim Surfen durch fremde Web-Labyrinthe, deren Eigner/innen evtl. viel Sorgfalt in die Texte fließen lassen, aber um diese zu finden, muss man in sechs verschiedenen Text-Konglomeraten unter unterschiedlichen überschriften Menüs durchwühlen, um das Neueste zu finden. Womöglich hat das eine Projekt ein Logfile, ein weiteres bietet einen Newsletter, irgendwo schreibt der Mensch vielleicht ein Blog – aber WO um Himmels Willen ist der aktuelle Artikel??? Tja – soooooviel Treue erwarte ich von kaum einem Leser!

Gib mir einen Tip..

…oder erzähl mir deine eigenen Erfahrungen mit deinem Weblog oder Content-Management-System – gerne auch im *Forum. Vielleicht schaff ich dann auch einen Artikel dazu im *Webwriting-Magazin, mal sehen. Natürlich erst, wenn das Problem für mich gelöst ist.

Bevor mich nun kommerzielle Angebote erreichen, sag ich gleich dazu: dies ist erstmal noch ein Gedankenspiel – und wenn ich vom „Selbstgestrickten“ wirklich wegkommen will, dann werde ich versuchen, eine Tauschlösung, also eine nützliche symbiotische Beziehung zum gegenseitigen Nutzen anzustreben. Meine Kunden brauchen solche Lösungen ja gelegentlich auch!

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Claudia am 26. Februar 2003 — Kommentare deaktiviert für Nach dem GAU

Nach dem GAU

Wer glaubt, ich sei vom Erdboden verschwunden, weil mir allzu langes Fasten nicht bekommen wäre, irrt: der gemeine Computer-Gau hat mich ereilt, und zwar am Dienstag, den 18.Februar. Ich schaltete morgens wie immer das Gerät an, nichts Böses vermutend, denn am Vorabend war ja noch alles ok gewesen. Doch ein längerer Blick auf den schwarzen Screen bringt das kalte Grausen: Schutzverletzung!!! Starten im „abgesicherten Modus“ wird empfohlen, und noch während ich überlegte, ob ich das Angebot annehmen soll, versuchte Windows, sich zu laden und brach erneut ab: Schutzverletzung am Modul GDI.EXE. Starten Sie neu!

Tja, der PC ließ sich aber gar nicht normal ausschalten, ich musste ihm echt den Strom abwürgen, um es aufs Neue zu versuchen. Wieder und wieder schaltete ich ihn ein, und ebenso gleichmäßig landete ich in derselben Katastrophe. Nur die Adressen der Schutzverletzungen, die angeblich irgendwie kaputten Dateien und Module, änderten sich ständig. Sah gar nicht gut aus!

Ich rief einen lieben Freund zu Hilfe, ein ausgesprochen kundiger Windows-Experte mit viel Erfahrung in Anwenderschulung, Diagnose und Betreuung ganzer Netzwerke. Zwar stand er gerade selber im Stress und musste EIGENTLICH einen eng terminierten Textauftrag abarbeiten, kam aber zu meiner großen Erleichterung trotzdem nachmittags vorbei, startete den PC, landete bei der Schutzverletzung, wählte „schrittweise Eingabe“ und erlebte selber, wie Windows sich beim Starten immer wieder aufhängte. Mehr noch: Er fand per DOS-Befehl (=alter Betriebssystemkern aus der Vor-Windows-Zeit) auch eine Festplatte mehr als vorher, es gab jetzt C, D UND F!

Aha! Mir war jetzt klar, dass es nicht nur um eine kurze, mit ein paar Mausklicks behebbare Störung ging, sondern um eine großkalibrige Nerverei. die sich zu Stunden und Tagen dehnen würde: in den Monitor starren, immer wieder „etwas Neues probieren“, mit CDs und Disketten herumfuhrwerken – natürlich ohne Netzanschluß, also darauf angewiesen, alles Nötige physisch am Ort zu haben: die Mega-Katastrophe!

Andrerseits: D. war wieder mal da und wir hatten uns viel zu erzählen. Als erstes berichtete er mir, dass er nur dann Zeit habe, diesen Schlamassel zu bereinigen, wenn ich dafür Teile seiner Text-Arbeit übernähme. Aber sicher doch, mal was anderes! Schließlich sollte er wegen mir keine Einkommensverluste erleiden, wenn er schon so lieb war, mein renitentes Gerät wieder befrieden zu wollen. Also textete ich in den nächsten drei Tagen unterhaltsame Quizfragen zum Thema „Männer & Frauen“, und zwar nicht mit Winword, sondern ich schrieb sie mit der Hand auf Papier. Eine echte Erholung vom Alltag, geistig und körperlich! Wen hat der Märchenprinz denn nun wach geküsst? Dornröschen, Rotkäppchen oder Rumpelstilzchen??? Wie entfernen sich die meisten Frauen überflüssige Haare? Wann gilt eine Ehe als zerrüttet? Was war das „Kranzgeld“ und das „Jus primae noctis?“ Und was trug SIE in den 50ern so Auffälliges unterm Rock? Das sind doch mal lebensnahe Fragen, ich hatte richtig Spaß dabei, außerdem musste ich nicht dauernd aufrecht vor einem Monitor sitzen – wie angenehm.

Starten Sie neu!

Drei Tage gingen ins Land und immer werkte D. einige Stunden am Gerät: prüfte und analysierte, scannte und kopierte, vereinigte die softwäremäßig zu mehreren Partitionen zerhackte Festplatte C: wieder zu einer einzigen Platte, rettete meine dort befindlichen Daten, deren Sicherung auf D: leider nicht mehr ganz frisch war; sicherte auch mein Mailprogramm mit sämtlichen Kundenkontakten der letzten Jahre, und mühte sich schließlich redlich, Windows neu zu installieren – leider nur mit geringem Erfolg. Am Abend des zweiten Tages war ich schon alleine geblieben, um den Rest noch selber drauf zu spielen, als der Bildschirm schon nach der zweiten Installation einfror, ohne dass ich irgend etwas „Schlimmes“ getan hätte. Ich startete neu, kam aber nicht mehr weit: „SCHUTZVERLETZUNG am Modul User.exe, starten Sie neu!“.

Aha. Ich vermutete jetzt einen Hardwarefehler. Glücklicherweise war diesmal die Festplatte nicht wieder zerlegt, doch gelang es nun auch meinem unermüdlichen Helfer nicht mehr, Windows zu installieren. Es wollte einfach nicht. Also noch mal ein Virensuchprogramm über die Platten gucken lassen, ob sich vielleicht im Boot-Sektor der Teufel selber verbirgt: kryptische Fehlermeldungen, Speicherprobleme – ich war ja schon zufrieden, dass meine Daten sicher auf D: lagen und schlug nun vor, das Teil jetzt im Laden abzugeben, wo die Hardwarebastler ihre Künste üben. Wenn mal so was ist, gehe ich immer schon zu *INDAT: morgens bringen, abends holen, manchmal geht’s sogar noch viel schneller.

Diesmal war es allerdings Freitagabend – ich könne ihn Samstag ja gern vorbei bringen, meinte der freundliche Servicemensch. aber da würden sie höchstens noch mal von außen drauf gucken, weil Samstags kein Techniker da sei. Es wurde also Montag, meine PC-freie Zeit begann, sich wie ein richtiger Urlaub anzufühlen, ich verzichtete sogar eineinhalb Tage auf den Besuch im Internet-Café, um in die Mailboxen zu sehen. Die drei Kunden, die aktuell etwas von mir wollen, hatten mir gottlob ihr Mitgefühl signalisiert und nicht etwa Stress gemacht – eigentlich war der Ausnahmezustand, in den mich dieser GAU versetzt hatte, gar nicht mal so schlecht.

Montag hatte ich ihn wieder – und mittlerweile verspürte ich sogar wieder LUST auf PC! Ich las freiwillig die letzten drei Nummern Internet World, was ich die letzen Monate kaum mehr getan hatte, amüsierte mich köstlich mit dem Buch von Thomas Wirth „Über gutes Webdesign“, ja, ich freute mich auf ein frisch aufgebautes und aufgeräumtes Equipment, von dem aller Ballast und aller überflüssiger Datenmüll verschwunden sein würde. Tatsache ist, ohne IHN bin ich unvollständig und regelrecht behindert. Wichtige Teile meines Gedächtnisses, und zwar die, die mir das Überleben in dieser Gesellschaft halbwegs angenehm ermöglichen, befinden sich auf Festplatte und nicht etwa in der Wetware meiner Gehirnwindungen. Was meine Kontakte zu Mitmenschen angeht, so falle ich erst mal voll aus dem eigenen Netz, wenn ich vom Internet-Zugang abgeschnitten bin – wer ist heut schon noch mit seinen physischen Nachbarn befreundet! Und arbeitslos bin ich ohne Gerät sowieso, das Schreiben mit der Hand ist ja nicht wirklich eine konkurrenz-fähige Lösung.

All das nahm ich in dieser guten Woche Zwangsurlaub wahr, ohne es positiv oder negativ einzustufen. Bereit, den Ausnahmezustand zu genießen, ging ich in das nette, aber meistens leere Lokal gegenüber und ließ mir vom Macher seine Geschichte erzählen. Es gibt da Pasta und Suppen, Frühstück und Kuchen, Wein und klassische Musik – auf allen Tischen brennen Teelichte, es ist hell und freundlich und die Preise sind beeindruckend niedrig. Ich traute mich in den leeren Raum, denn ich hatte ja mit Peter schon eine Mail über *seine Website gewechselt, bestellte Pasta mit Pesto (3,60) und freute mich, dass sich nun auch andere herein wagten. „So voll ist es sonst nie“, meinte der Gastgeber. Ich wünsche ihm, dass sich das ändert, jedenfalls werd ich die Suppen alle mal probieren.
Aufhellungen

Und noch etwas ist mir aufgefallen: morgens im Treptower Hafen, an der Anlegestelle der weißen Flotte, gibt es ein Stück vermauertes Ufer, wo oft Eltern mit Kindern die Schwäne und Möwen füttern. Auch jetzt war da ein Vater mit einem kleinen Kind, sie packten einen Sack mit gesammelten Brotkrumen und Toast aus und warfen die Stückchen in die Luft und ins Wasser. Ich liebe es, diesem hektischen Treiben zuzusehen, die eher schwerfälligen Schwäne haben Mühe, überhaupt etwas abzubekommen, denn sie sind umgeben von schwarzen Teichhühnern, die ihnen alles wegschnappen und dazu schnalzende Laute ausstoßen. In der Luft wirbeln unzählige Möwen herum, richtige Ellenbogennaturen, die einander noch den letzten Fetzen abjagen, wenn sie können. Sie sind hübsch, aber irgendwie ausdruckslos und deshalb ein wenig gespenstisch. An diesem Morgen nun fielen mir die Stockenten auf, ganz gewöhnliche Stockenten, nur schillerten ihre Köpfe in der Morgensonne in einem nie zuvor gesehenen grellgrünen Neonschein, so dass ich sie nur anstaunen konnte. Es war mir bisher nie aufgefallen, obwohl ich die Enten oft sehe – aber eben nicht in der Morgensonne!

Der Morgen war eher nicht die Zeit der gemeinsamen Spaziergänge mit Manfred, doch jetzt lebe ich allein, war sogar ohne PC, warum also nicht? „Alles verändert sich, wenn du dich veränderst!“, sangen einst Ton, Steine, Scherben – auch die Stockenten, wie man sieht, mit denen es übrigens noch nicht vorbei ist. Nur wahre Dichterinnen und Dichter halten sich an einem besonderen Grün lange fest, und ich gehöre eher nicht zu ihnen. Vater und Tochter hatten mittlerweile ihr Brot weitgehend verteilt, ich trat den Rückweg an, war schon ein paar Meter gegangen, da sah ich die Stockenten im Sonnenlicht VIOLETT schimmern. Verdammt, dachte ich mir, wo sind denn jetzt die grünen hin? Ich blieb stehen und checkte sie alle durch: ihre Köpfe leuchteten eindeutig violett, nicht ein einziger noch grün. Ich ging zurück – und das Rätsel klärte sich auf: unter direktem Sonnelicht schimmern sie grün, auf der verschatteten Seite glänzen sie violett. Und das Ganze changiert ins farblos dunkle, leuchtet also nur sporadisch auf.

Das Wunder sind nicht eigentlich die Stockenten. Sondern dass ich echt 48 Jahre alt werden muss, um zu bemerken, wie sie aussehen. Offensichtlich hab‘ ich nie zuvor hingesehen, es gab immer WICHTIGERES. Meine Vorhaben zum Beispiel, meine Probleme und Befürchtungen, meine Wünsche und Träume – so langsam lichtet sich dieser öde Dschungel ein wenig und ich bin gespannt, was noch alles in Sicht kommt.

Ach ja, fast hätte ich’s vergessen: INDAT hat die Speichermodule gewechselt und das Netzteil. 129 Euro und die Kiste lief wieder. Im Prinzip – Aufbau und Neuinstallation aller Geräte und Programme hat noch bis heute gedauert. Und ab morgen mach ich eine VIEL bessere Datensicherung, ganz bestimmt!

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Claudia am 12. Februar 2003 — Kommentare deaktiviert für Alles neu. Fasten, Tag 13.

Alles neu. Fasten, Tag 13.

Die dritte Woche in der neuen Wohnung. Einerseits fühl‘ ich mich, als wohnte ich schon sehr viel länger hier, so vertraut sind mir diese typischen Berliner Altbauzimmer: der zigmal übermalte Stuck an den Decken, die immer etwas zugigen achtteiligen Kastendoppelfenster, die beim Renovieren so wahnsinnig Arbeit machen, die angenehm großzügige Raumhöhe, die es langjährigen Bewohnern praktisch verunmöglicht, je wieder in einen Neubau zu ziehen – wie konnte ich nur allen Ernstes daran denken, in ein Hochhaus zu ziehen!

Andrerseits gibt’s kein Wasser in der Küche! Im letzten Diary-Eintrag war ich noch begeistert von der Instandsetzungswilligkeit der Hausverwaltung, die doch tatsächlich daran denkt, fast durchgefaulte Bodendielen zu erneuern. Nun aber zieht sich das bereits in die dritte Woche und noch immer ist kein Handschlag getan. Gelegentlich erscheint ein Handwerker, schaut sich alles an, berät mit dem Hausmeister und will angeblich einen Kostenvoranschlag machen – und dann höre ich nichts mehr davon. Es könnte mich kalt lassen, doch kann ich, solange die Bodendielenreparatur ansteht, keine Spüle aufstellen. In den ersten Tagen hab ich trotzdem noch ein bisschen gekocht und eben im Bad gespült, doch ist das eine ausgesprochen sperrige und umständliche Prozedur, da lasse ich es lieber ganz.

Hab‘ ich dann auch gemacht und so ist heute mein 13.Fastentag: Wasser, Kräutertee, je ein halber Liter Obst- und Gemüsesaft, dazu täglich 30 Gramm Honig. Nennt sich „Buchinger-Fasten“ und braucht weder Herd noch Spüle! Schon lang hatte ich vor, mal wieder zu fasten, bin dann aber doch nie dazu gekommen, fand den Einstieg nicht, fühlte mich dem Essen in all seinen Bedeutungen auch viel zu fest verbunden, als dass ich es hätte loslassen wollen. Jetzt bin ich froh, dass es geklappt hat, es ist wunderbar, mal ganz ohne diesen vielfältigen Zauber rund ums Essen auszukommen und sich auch noch wohl zu fühlen.

Das war nicht die ganze Zeit so. Ich litt phasenweise unter starken Konzentrationsmängeln, fühlte mich in den 10.000 Angelegenheiten, mit denen ich mich befassen sollte, könnte, müßte, geradezu am Versacken. Meine To-Do-Listen vervielfältigten sich und waren nicht mehr zu bewältigen – bis ich es mir erlaubte: Ok, bist halt mal unkonzentriert! Die Welt wird deshalb nicht wirklich gleich einfallen… und wie durch Zauberhand verwandelte sich der Leidenszustand in wohlige Gelassenheit, gepaart mit einer gewissen Neugier auf die weitere Entwicklung. Ja, immer wieder beeindruckt mich dieses Wunder, dass durch ein „Ja“ zu dem, was ist, die „gefühlte Negativität“ verschwindet, wegschmilzt wie der letzte Schnee an einem sonnigen Tag.

Nun hab ich gestern sogar meine Umsatzsteuervoranmeldung geschafft! Etwas, was ich immer gerne vor mir herschiebe und üblicherweise nur unter innerem Fluchen und Schimpfen zustande bringe. Im Diary dagegen, das ich immer mit Freude weiter schreibe, ist eine ungewöhnlich lange Pause eingetreten – ich konnte mich definitiv nicht für ein Thema entscheiden, nichts fesselte mich länger als ein paar Augenblicke und dann stand mir auch wieder die To-Do-List im Wege. Fakt ist, dass mein ganzes Leben, wie es noch bis vor kurzem war, sich aufgelöst hat. Alles ist neu und will erstmal erfahren werden, bevor ich drüber schreiben kann. Ich fühle die erstaunliche Freiheit, aber auch die Dringlichkeit, eigene Strukturen in ein Nichts hinein zu erschaffen. Alle Routinen haben sich verabschiedet, einschließlich der Rythmen, die das Kochen & Essen dem Tag aufprägt. Nun ist es nicht mehr damit getan, den Schwerpunkt auf „Beobachten“ zu legen oder auf die Befindlichkeit beim Einfach-so-weiter-machen. Da ist im Moment kein „einfach so“ mehr. Ich muß mich wirklich fragen, was ich eigentlich will und wie – ein recht neuer Gedanke, aber auch irgendwie abenteuerlich! Alles scheint möglich….

…aber immerhin ruft noch die Arbeit! Deshalb war es das für jetzt – möge die Sonne auf Euch scheinen, wenn nicht von außen, dann eben von innen!

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Claudia am 30. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten

Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten

Tag 5 in der neuen Wohnung. Gleich kommt der Hausmeister mit einem Tischler, um in der Küche ein paar Dielen zu erneuern. Das machen die ganz ohne dass ich sie dazu aufgefordert hätte, einfach so, weil sie „durch“ sind! Ich bin positiv überrascht über soviel instandhalterisches Engagement von Seiten der Hausverwaltung, dabei ist es nicht einmal ein frisch saniertes Haus, wo verbliebene Mängel eher mal beseitigt werden, sondern ein ganz normaler Berliner Altbau.

Blick auf den Rudolfplatz

Das Einräumen und Einrichten ist jetzt erstmal geschafft, die (neun!) Umzugskísten sind ausgepackt, die wenigen Möbel verteilen sich gut in den beiden großen Räumen und der Küche. Das Gefühl von Weitläufigkeit bleibt glücklicherweise erhalten, passend zu diesem wunderbaren Blick aus dem dritten Stock raus auf den Rudolfplatz. Vorhänge braucht es eigentlich nicht, denn es gibt kein Gegenüber. Meine Vormieterin hatte auch keine, doch aus Gründen der Gemütlichkeit will ich von dieser Tradition abweichen. Der erste Versuch war allerdings ein Flop, in zwei Zentimeter Tiefe trifft der Bohrer auf Eisen. Na, mal sehen, es muß ja nicht alles in der ersten Woche passieren.

Ich glaube, in dieser Wohnung werde ich lange bleiben. Sie ist wie für mich gebaut und bietet (fast) alles, was ich im Laufe meiner bisherigen Wohn- und Umzugserfahrung als angenehm und schön erlebt habe: hohe Altbaudecken mit Stuck, Flügeltüren, abgezogene Dielen, ein großer Erker und ein Balkon. Dazu nach vorne und hinten jede Menge Aussicht, ich bin richtig entzückt! Im Frühling wird es in den großen verbundenen Höfen, die sich hinter dem Haus bis zur Spree erstrecken grünen soweit das Auge reicht. Ein Geschenk!

„Das ist deine erste eigene Wohnung, die ein bißchen Stil hat“, sagte mein liebster Freund, als er herumging und begutachtete, wie ich die Gegenstände in den Räumen verteilt hatte. Das ist ein großes Lob. Von uns beiden ist nämlich er immer derjenige, der es locker hinbekommt, aus nichts eine gute Atmosphäre zu schaffen – mir scheint, ein bisschen habe ich im Lauf der zehn Jahre des Zusammenwohnens doch von ihm gelernt.

Dabei hab‘ ich noch fast gar nichts GETAN, nichts angeschafft, Vorhänge und ein Teppich fehlen – aber zuwenig ist bei weitem besser als zuviel! Das ist eine der Maximen angenehmen Wohnens, hinter der ich jetzt voll stehe: Erstmal mit dem Nötigsten einziehen, nur alles benutzbar machen und sonst nichts weiter verändern. Indem ich mich dann in den Räumen aufhalte und den „Spirit of Place“ erlebe, ergeben sich die fehlenden, bzw. noch notwendigen Dinge wie von selbst: sie wenden eine Not, die erst einmal gespürt werden will! Wenn ich meine Habe dann in den vorhandenen Regalen, im Sideboard und auf den Kleiderhaken und Ständern verteilt habe, DANN erkenne und fühle (!) ich, ob mir noch ein Schrank oder ein anderes Behältnis FEHLT. Ich kaufe es nicht einfach so, weil es im Laden oder im Prospekt gut aussieht und irgendwo schon noch hinpasst.

zwei leere Zimmer

Wie anders bin ich früher an neue Räume heran gegangen! Einziehen bedeutete immer erstmal voll renovieren. Egal, in was für einem Zustand die Zimmer waren, „Rauhfaser weiß“ und „alles neu“ mußte sein, bedeutete eine Art Aneignung des Ambientes durch mühselige und anstrengende Bearbeitung der Oberflächen. Ohne mir viel Gedanken zu machen, hatte ich dieses Herangehen von meinem Vater übernommen, der ein großer Do-it-Yourselfer war.
Es beschränkte sich nicht aufs Streichen und Tapezieren, mein In-Besitz-Nehmen einer Wohnung war auch immer mit scharfem Gerät, Staub, Lärm und gewaltätigen Eingriffen verbunden: ich eroberte das Gelände sozusagen mit der Schlagbohrmaschine, brauchte überall Regale und Beleuchtungen, Verkleidungen und Podeste an, ohne je Rücksicht auf die Gegebenheiten zu nehmen: ich ERSCHUF die Wohnung, die ich bewohnen wollte, praktisch erst durch mein brachiales Vorgehen – das ja immer auch bedeutete, beim Auszug einen ähnlichen Aufstand machen zu müssen, um alles wieder zu verspachteln und in eine neutrale Ordnung zu bringen.

Wie anders jetzt! Die Wohnung, die wir gerade verlassen haben, erforderte nur ein paar wenige ausbessernde Pinselstriche, minimalste Füllarbeiten und ein bißchen putzen. Sieht nun genauso „topmodernisiert“ aus, wie beim Einzug. Das kommt, weil ich von meinem Lebensgefährten den inneren Ekel übernommen habe, Eingriffe in die Substanz vorzunehmen, die nicht unbedingt sein müssen. Ein Loch bohren? Mit einer Maschine? Gar so, dass man da etwas anbringen kann, was auch ein Gewicht trägt? Um Himmels Willen! Geht es nicht auch anders? Besser, man stellt etwas auf den Boden oder hängt Dinge an vorhandene Leisten, Träger, Rohre, Geländer – jede Alternative ist zu überdenken inklusive des Verzichts, bevor so etwas Heftiges, Lautes und Gewaltätiges wie eine Bohrmaschine zum Einsatz kommt.

Früher hab ich diese Haltung belächelt, oft hat sie mich auch geärgert, denn sie erschien mir als bloße Behinderung: ich hatte meine gestalterische Idee und wollte sie auf die Schnelle – mit allen Mitteln! – umsetzen. Da die Technik das Gerät zur Verfügung stellt und Materialien wie auch Energie erschwinglich sind, spricht doch nichts dagegen, sich seine Umwelt nach eigenem Willen zu gestalten. Warum sollte ich auf diese Möglichkeiten verzichten und mich den Verhältnissen anpassen, wie ich sie gerade vorfinde?

Wer jetzt glaubt, an der Stelle komm ich mit ÖÖko und Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, täuscht sich. Klar, das alles ist unbestritten lebenswichtig für die Zukunft der Menschheit, aber mal ehrlich: wie nachhaltig wirken diese guten (aber rein „vernünftigen“) Gründe in der eigenen Psyche, wenn es ums ureigene Wohlbefinden, um die Vorstellungen von Schönheit und Glück, vom guten Leben geht?

Lassen wir die Vernunft beiseite, es ist etwas Anderes, das mich dankbar sein läßt, heute nicht mehr immer und überall gleich „durchgreifen“ zu müssen: eben diese VORSTELLUNGEN vom Schönen sind nämlich der Knackpunkt, den es genauer zu betrachten gilt. Wenn ich meine Umgebung nur als zu gestaltendes Material ansehe und nicht als vorhandene Form mit eigener Geschichte und eigenem Recht, woher nehme ich dann eigentlich meine (Wunsch-)Vorstellungen, wie die Dinge aussehen sollen? Offensichtlich wachsen sie nicht in mir, denn mit Bestehendem halte ich mich ja gar nicht erst auf, gebe den Dingen so, wie sie sind, keine Chance, eine Zeit lang auf mich zu wirken. Wenn ich sofort umplane und umarbeite, umgehe ich das FÜHLEN dessen, was ist, kann also gar nicht erkunden, was mich wirklich stört, was mir gut tut und was mir in einer konkreten Umgebung fehlt. Ich bleibe dann im Reich des Denkens hängen: Denke, dass das, was da im Laden oder im Prospekt wunderbar aussieht, auch für mein Arbeitszimmer gut sein müßte; denke, dass die Farbkombination, die in der Ausstellungshalle bei Kunstlicht so exotisch wirkt, auch in meinem hellen dritten Stock gut kommt – und ich irre mich!

Oh, wie oft habe ich mich schon geirrt! Und immer war es mit Aufwand und Kosten verbunden, hat mich angestrengt, mir richtig Mühe gemacht und letztlich war es ein Nichts, ja schlimmer als ein Nichts, denn ich war ent-täucht, weil meine Erwartung, um mich herum etwas Schönes zu schaffen, wieder einmal frustriert wurde. Was wiederum die Aufgabe, ein neues Mal alles umzugestalten, nahe legte – es ist dann nur eine Frage des Geldes, wann es wieder soweit ist.

Natürlich ist das Anspringen auf schöne Dinge in Katalogen, in Läden, in fremden Wohnungen und in Schaufenstern auch ein GEFÜHL. Aber es ist unverbunden mit dem eigenen Raum, ihm wird keine Zeit gegeben, es taucht isoliert auf und entschwindet wieder, bietet jedenfalls keinen wirklichen Anhalt für das Wachsen eines echten Bedürfnisses. Es entsteht in der Regel durch reine Augenlust und bleibt auf den Sehsinn beschränkt – wogegen das Zimmer, in dem ich mich aufhalte, auf meinen ganzen Körper, ja, meine psychophysische Leiblichkeit einwirkt. Und zwar lang und stetig genug, dass ich das dann auch bemerken, in Gedanken und Worte fassen kann. Dann erst WEISS ich, was ich will.

Als nächstes rede ich mit jemandem darüber. Manchmal ist das gut, manchmal eher kontraproduktiv. (Wer die Intuition hat, der eigene Wunsch sei gewiß auch das Richtige, schweigt am besten!) Zum Glück hab‘ ich mit M. erstmal über meine Idee geredet, die hellgrauen Wände in der Küche doch lieber weiß zu streichen, am besten gleich. Die Farbe hab ich mir zwar schon mal gekauft, aber das Projekt „Küchenrenovierung“ ist jetzt ins Frühjahr vertagt. Eigentlich sieht das Hellgrau nämlich gar nicht so schlecht aus, es war einfach ein besonders trüber Tag gewesen, als ich es in der Abenddämmerung zum ersten Mal richtig wahrgenommen und innerlich abgelehnt hatte. Im Frühling kann ich dann auch gleich das Fenster mit streichen, so hab ich nur einmal Baustelle.

Blick aus der Küche

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Claudia am 24. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Noch hier – schon dort – im Nirgendwo

Noch hier – schon dort – im Nirgendwo

Das Zimmer ist nun fast ganz leer, alles ist abgebaut und steht zum Transport bereit. Diesen Text tippe ich nicht mehr am großen Schreibtisch auf dem bequemen Bürostuhl, sondern an einem kleinen runden Holztischchen, das gerade genug Platz für Monitor, Tastatur und Maus bietet. Nachher werde ich ein letztes Mal ins Netz gehen, nach Mail gucken und diesen Beitrag ins Diary stellen, bevor ich alles ausstöpsele und verpacke.

Rudolfplatz

Heut war ein anstrengender Tag, aber er hat mir trotzdem sehr gefallen. Ich war schon um halb neun in der neuen Wohnung, ging dort durch die Räume, die noch wunderbar leer waren, überlegte, wohin ich dies und jenes stellen werde, ging immer wieder zu den Fenstern, um die Aussicht zu genießen. Endlich mal mehr als nur die Hauswand gegenüber – nämlich der Rudolfplatz: ein bißchen Grünanlage, Wiese, Bänke, Gebüsch, ein großer Kinderspielplatz, daneben Kirche (außer Betrieb) und Schule – und gegenüber das Offene, Unbestimmte, Weite… es entzückt mich! Das ist das Erbe von Mecklenburg, ganz bestimmt. Früher hab ich mich für Ausblicke nämlich nicht interessiert. Meine erste berliner Wohnung (ab 1979) lag im Hinterhaus, einhalb Zimmer, Küche, Ofenheizung, Außentoilette – und man schaute auf eine fensterlose Brandwand, nur etwa drei Meter entfernt. Die billige Bleibe hatte ich von dem Regisseur Rudolph Thomè übernommen, der sich später an sie erinnerte und mich bat, für drei Wochen auszuziehen. Ich bekam 1000 Mark und das Filmteam die Wohnung, wo sie einige Szenen für „Berlin Chamissoplatz“ drehten. An der Mauer gegenüber stand dann rot hingesprüht: „Anna, ich liebe dich!“, und meine Wohnung war frisch gestrichen.

Es war ein langer Tag mit viel körperlicher Arbeit: geschleppt, gepackt, geputzt, herumgefahren, Auto einladen, Auto ausladen, runter vom zweiten, rauf in den dritten Stock – viele Male viele Treppen steigen. Das Denken ändert sich dabei, stelle ich fest. Ich plaudere einfach so daher, komme von diesem zu jenem, es hat weniger Schwere, weniger Reiz, weniger Wichtigkeit – ich kann ihm Raum geben und es plappert los, aber es ist angenehm zu wissen, dass es auch wieder aufhört, weil noch viel zu tun ist, morgen, übermorgen – ganz konkrete, anfaßbare Dinge, ausräumen, einräumen, Möbel herumschieben, einkaufen, basteln, ausmessen, Lampen aufhängen, die Küche streichen – das ist so vergleichsweise ruhig, ich kann es schlecht in Worte fassen, aber jetzt verstehe ich besser, warum Kontemplative und Mystiker aller Zeiten einen Hang zu einfachen körperlichen Arbeiten hatten. Das „Übertriebene“ des Denkens verschwindet, man fühlt sich im EINKLANG, wenn man zu dem, was körperlich gerade passiert, den passenden Gedanken hegt: Stelle ich den Herd mehr rechts, oder verschiebe ich ihn eher nach links? Und wenn solche Fragen nicht auftauchen, ist es wundervoll, einfach die Empfindungen zu beobachten. Ja, so ein kleiner Urlaub vom Sitzleben durch das Umziehen ist schon toll!

Mittags dann im T-Punkt: WARUM ist das Telefon noch nicht geschaltet? Das sollte doch am 23. in der neuen Wohnung schon funktionieren! „Tja,“ sagt die Dame und blickt bedauernd in ihren Monitor, „das hat leider nicht geklappt! Aber am 28. ist die Schaltung dann ganz sicher, der Termin steht!“. Sie will nicht, dass ich auch in den Monitor gucke, was für mich erstmal ganz selbstverständlich ist, wenn ich mit ihr zusammen an einem runden Stehtisch stehe, also kein Schreibtisch den Raum in „davor“ und „dahinter“ einteilt. Was sie wohl fürchtet? Dass ich ihrem Arbeits-Interface was weggucke??? Oder erscheinen vielleicht peinliche Meldungen wie „Kunde ist Nörgler und beschwert sich bis zum Vorstandsvorsitzenden“, die sie vor mir verstecken muß? Ich jedenfalls war immer brav, nur die Telekom hat niemals funktioniert, wie versprochen, wenn ich etwas brauchte. Wirklich nicht ein einziges Mal.

Rudolfplatz

Wunderbar geklappt hat heut morgen die Lieferung des Gasherds. Oh, wie hatte ich mir Sorgen gemacht, dass es nicht der richtige Anschluß sein könnte, dass der Schlauch vom Herd genau verkehrt herum sitzt, dass er womöglich nicht funktioniert oder man irgendwo etwas anwerfen muss und ich hab keine Schlüssel – eine Gasetagenheizung hatte ich ja noch nie und was das Kochen angeht, so liegen Jahrzehnte mit E-Herden hinter mir. Zum Glück waren die Sorgen umsonst, es lief alles ganz easy, die beiden gewichtigen Packer hatten sogar gute Laune, wir witzelten herum – ein netter Einstieg in den Tag.

Kaum waren sie weg, kam *Dirk, mein alter Freund aus der Netzliteratur-Szene, der neulich am Telefon unaufgefordert seine Umzugshilfe angeboten hatte. Fand ich klasse – immerhin sind wir aus dem Alter raus, wo man aus Umzügen versucht, eine Art Fest zu machen, viele Leute zusammen trommelt (von denen 80 Prozent auch wirklich kommen), gemeinsam ein paar Stunden schuftet und dann ins große Fressen & Trinken übergeht. Nein, Menschen meiner Altersklasse lassen üblicherweise umziehen, wir schleppen nicht mehr so gern selbst und viele haben auch soviel angesammelt, dass es freiwillige Helfer überfordern würde. Nun, die letzten beiden Male hab ich das auch so gehalten, der lange Weg nach Mecklenburg schreckte mich von der Selbstorganisation doch erfolgreich ab. Aber jetzt, etwa 500 Meter die Straße weiter bis zum Rudolplatz, und dann mit doch deutlich reduziertem Besitztum – Himmel, dafür will ich einfach keine 600 Euro ausgeben!

Also Eigeninitiative – alles, was in den Peugeot von Manfred passt, selber transportieren, für die größeren Sachen kommen morgen zwei Profis mit einem Kleintransporter. Wenn ich mich so umgucke, werden die höchstens zweimal fahren müssen – für zusammen 45 Euro die Stunde, das ist echt zivil. (Wenn man dagegen eine Obdachloseninitiative beauftragt, die in den hiesigen Kleinanzeigenblättern insererit, kostet es 50 Euro pro Helfer PLUS Auto!) Trotzdem war es wunderbar, dass Dirk mir heute geholfen hat. Die Umzugskisten hätten mich sonst überfordert – außerdem ist es netter zu zweit, die ganze Sache ist viel schneller rum. Hinterher waren wir noch gemütlich essen – DANKE DIRK!

Diesem Text mangelt es deutlich an philosophischer Dimension, sorry! Im Moment scheine ich mich am schreiben fest zuhalten, denn danach will ich ja den Stecker ziehen. Vom Netz gehen, das Telefon einpacken, den Kabelverhau auseinander nehmen – es ist mit eigenartigen Gefühlen verbunden, als täte ich etwas Verbotenes. Auch eine Art Verlustangst ist dabei: wenn ich mal draußen bin, werde ich denn wieder REIN kommen??? Rechtzeitig und ohne Verluste und ohne dass ich etwas Wichtiges verpasst hätte??? Das ist alles ganz irrational und nicht besonders ausgeprägt, nur eine „Unterstimmung“ unter den viel stärkeren Gefühlen, die im Rahmen des Umzugs aufkommen. Aber doch unüberhörbar: DER ANSCHLUSS ist das wichtigste! Um den Anschluss herum wird alles andere angeordnet. Egal, in welchem Zustand sich die neue Wohnung dann gerade befindet, sobald „der Anschluß steht“, ist alles in Butter, alles ok, die Sache gelaufen.

Am Dienstag also. Sagt zumindest die Telekom. Ich könnte das ja hier alles stehen lassen und erstmal abwarten, ob es auch klappt. Hab ich mir zuerst jedenfalls so überlegt, dann aber doch Lust auf den „vollen Umzug“ bekommen. Ich mag nicht in diese leere Wohnung zurück gehen und hier mailen und Webseiten pflegen – dann schon lieber ins Internet-Café, das passt viel besser zu diesem wunderbaren „Ausnahmezustand“.

Wer also was von mir braucht in den nächsten Tagen, kann davon ausgehen, dass ich einmal am Tag Mail abrufe. Viel mehr aber nicht.

Und jetzt zieh ich den Stecker. Macht’s gut!

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Claudia am 17. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen

Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen

Neben mir stehen jetzt sechs gepackte Umzugskisten, vier kleine, 40 mal 60 Zentimeter und zwei große, 80 lang. Daneben ein Rucksack und noch zwei Taschen, voll mit kleinen Dinge – meine Buddhastatuensammlung, zum Beispiel. Naja, Sammlung, es sind jetzt sieben. Daneben die Fotoausrüstung meines Vaters, eine bestimmt 30 oder gar 40 Jahre alte Rico-Spiegelreflex mit allerlei Zubehör, in Geld betrachtet fast wertlos – nie werde ich sie benutzen, doch ich will sie auch nicht entsorgen, noch nicht. Er hat mir auf vier Seiten eine Gebrauchsanweisung dazu geschrieben, es ist der einzige Brief, den ich noch von ihm habe. Er beschreibt nicht nur die Kamera, nein, es ist eine Anleitung zum Fotografieren überhaupt, auf vier Seiten, zügig durch alle Aspekte bis hin zum Umgang mit dem Verkäufer, wenn man die Papierabzüge reklamiert. Rechtschreibung und Grammatik war dabei weniger wichtig, die Tochter ist schließlich nicht die Behörde. Tja, so war er. Und ich hab‘ viel von ihm!

Unterm Bett liegt das 400-Mark-Keyboard, kaum benutzt und wieder originalverpackt. Hab mir überlegt, es zu spenden, wie den guten Meter Bücher, der nicht mehr ins Regal gepasst hat, mich dann aber doch dagegen entschieden. Könnt ja sein, dass ich nochmal Lust auf die 128 Midisounds habe, vielleicht schließe ich das Board in der neuen Wohnung wieder an. Zweimal zwei PC-Lautsprecher mit integriertem Verstärker stehen auch noch hier herum. Mindestens ein Paar muss ich behalten. Derzeit lebe ich ohne Sound, völlig still im Hier und Jetzt, nur gelegentlich das Quaken des Handys, wenn es Strom tanken will.

Am Dienstag bekomm‘ ich den Schlüssel zur neuen Wohnung, dann kann ich mit dem Umziehen anfangen. Samstag kommt * Erkan-Transport (sehr empfehlensert!) und holt die großen Sachen, das andere mach‘ ich selbst. Es sind ja nur etwa 500 Meter, einmal rüber über die S-Bahn-Geleise, dort, wo man so wunderbar weit bis zum Funkturm sehen kann, dann noch ein paar Schritte bis zum Rudolfplatz, direkt im * Stralauer Kiez, praktisch eine Insellage.

Jedes Mal ein bisschen weniger ?

Seit ich Webtagebuch schreibe, ist dies mein dritter Umzug. Ich kann also nachlesen, wie es mir 2001 erging, als ich voller Freude in die Metropole zurück kehrte, die ich 1999 so völlig überdrüssig verlassen hatte. Da finde ich zum Beispiel den Eintrag Mal wieder: Materie, der davon handelt, wie man das Sammeln, Horten und Anhäufen vermeiden bzw. sich abgewöhnen kann – und wie ich mich im einzelnen mühe, immer weniger zurück zu behalten. Ein Endlos-Thema, denn auch schon beim Umzug aufs Land, im Juni 1999, wollte ich jede Menge Ballast abwerfen (wer nachliest merkt: hier geht’s auch zurück ins historisch gewachsene Diary).

Ist da in Sachen Besitz nun ein Fortschritt festzustellen? Hat das „weniger werden“ geklappt ??? Ich hab mich ja nicht selber vergewaltigt und sozusagen „programmatisch“ alles mögliche weggeworfen. Nein, Dinge wie etwa Papas Kamera schleppe ich ohne Ärger mit, was weh tun könnte, wird nicht entsorgt, mag das auch noch so irrational sein. (Ich BIN schließlich nur in einem winzigen Bereich rational, warum also sollte ich mich da bezähmen.)

Wenn ich mal kurz drüber lese, stelle ich fest: 1999 hab ich sogar noch mehrere Jahrgänge Internet World und andere Magazine nach Mecklenburg umgezogen – in großen Schubern, was für ein irres Gewicht! Die hab ich diesmal dem Obdachlosenbuchladen um die Ecke vorbei gebracht, zusammen mit den bestimmt sechs Tüten bzw. Rucksäcken voll Bücher. Die Andenken, Fotos und Geschenke aus der persönlichen Vergangenheit, die ich bisher nie los werden konnte, hab ich durchsortiert und auf ein Zwanzigstel geschrumpft! Alte Familienalben, alle Negativfilme aus der eigenen Fotografierzeit – alles weg. Auch besitze ich keinen einzigen Brief mehr, nur eine Art „Rollo am Holzstab“, das ein Mann, in den ich vor etlichen Jahren verliebt war, aus unseren Frühlingsbriefen zusammenkopiert und gebastelt hat. Ich hatte das Teil schon in der Hand, die über dem Müll schwebte -. kurz zögerte – dann hab ich mal kurz reingelesen. Das hätt ich nicht tun sollen, jetzt hab‘ ich das romantische Papp-Memorial einer Frühlingsliebe noch ein paar Jahre!

Fortschritt auch bei den am meisten Ego-besetzten Artefakten: alle „früheren Werke“ sind jetzt den Gang alles Irdischen gegangen, die einst herausgegebenen Zeitungen, die Broschüren und Prospekte, auch sämtliche Texte aus unterschiedlichen Schreibgruppen und Workshops. Diesen ganzen Schmodder leichten Herzens endlich los zu lassen, tut ganz besonders gut.

Was bleibt? Die sechs Kisten werden noch etwa acht werden – zum leichteren Tragen durcheinander gepackt mit Büchern, Akten, Kleider und Geschirr – dazu die sieben Buddhastatuen. Geschirr und Klamotten konnte ich in den letzten Tagen auf genau das reduzieren, was ich auch tatsächlich trage und benutze, der Rest ging in die Kleidersammlung.

Möbel ? Nicht viel: Ein Bett mit höllisch schwerer Latexmatratze, zwei Billy-Regale, der Schreibtisch mit Stuhl und Aktenschrank, ein Sideboard und ein Kleiderständer (statt Kleiderschrank, dem ich mich immer schon verweigere), zwei leichte Stoffsessel mit rundem Tischchen, ein kleines Sofa, der Küchentisch mit zwei Stühlen, – sodann die Waschmaschine und der Kühlschrank, ein kleines Stand- und ein Hängeregal für die Küche. Drei Zimmerpflanzen, drei Balkonkästen – war es das? Ach ja, zwei Balkonstühle, auch für Gäste benutzbar, und ein paar kleine Teppiche. Himmel, es bleibt doch immer noch eine ganze Menge übrig, was mensch so durchs Leben schleppen muss in der technischen Zivilisation. Und um in dieser zu navigieren, ist natürlich der PC und das zugehörige Equipment nicht zu vergessen – ja, er ist die „Haupt-Sache“, denn der ganze Umzug ist um „Abbauen des Arbeitsplatzes, Aufbauen drüben“ herum organisiert, das wichtigste DER ANSCHLUSS, möglichst nahtlos und ohne zwischenzeitliche Unterbrechung.

Was die materiellen Gegenstände angeht, hab ich es mit diesem Umzug also nun wirklich dahin gebracht, praktisch jedes Ding zu kennen, das ich besitze – von den Küchenmessern über den Räucherstäbchenhalter bis zum Aktenlocher. Ich könnte also damit beginnen, mir „die letzen Dinge“ zuzulegen: alle diese bisher nur zufällig und ohne besondere Liebe erworbenen oder behaltenen Gegenstände nach und nach durch bewußt gewählte, schöne Dinge ersetzen, zu jedem eine eigene Beziehung aufbauen, Gegenstände mit Gesicht und Geschichte! Anderen ist das in die Wiege gelegt – sollte es mir JETZT noch gelingen, die Liebe zur materiellen Ebene zu entwickeln? Spät ist besser als nie, sag ich mir.

Schön, sinnlich, farbig?

Morgen in einer Woche werde ich also am Rudolfplatz aufgebaut haben, werde angeschlossen sein (toi toi toi!) und aus dem Fenster in die Weite sehen: über den Platz mit Kirche, Schule und Kinderspielplatz, über den Grüngürtel bis hinüber zu den S-Bahn-Geleisen. Seit vorgestern hab‘ ich den Mietvertrag, ich kann’s noch kaum glauben! Es sind 72 Quadratmeter, zwei große, ineinander übergehende Altbauzimmer, eins mit Balkon, das andere mit großem Erker. Renovieren muss ich nicht, alles ist ok, Rauhfaser weiß, abgezogene Dielen, nichts irgendwie schmuddlig, aber auch nicht so gesichtslos „topmodernisiert“ wie in der Wohnung, die ich verlasse.

Wird das jetzt der letzte Umzug oder geht’s in zwei Jahren wieder weiter??? Die Miete immerhin ist bis ins Jahr 2013 im Mietvertrag festgelegt. Und die Wohnung ist recht genau meine Wunschwohnung: ähnlich viel Platz wie jetzt, sogar mehr, denn ich hab wieder zwei Zimmer. Weitblick nach allen Seiten, Balkon, im dritten Stock und also auch richtig hell. Drei Minuten zur U- und S-Bahn, 15 Minuten ins Fitness-Center, nicht viel länger zum anderen Ufer der Spree in den Treptower Park – und direkt daneben ein interessantes Geschäftsviertel, die * Oberbaum-City.

Wünsche? Ich möchte die Wohnung gemütlich haben, es soll schön sein, sinnlich, farbig. Das ist ein neues Bedürfnis, eine neueAufgabe: bisher waren meine Umgebungen immer sachlich-funktional (im besten Fall!), ja kühl.. Ich bin gespannt, ob sich da etwas verändert, bzw. verändert hat. Keinesfalls will ich auf die Schnelle irgend etwas kaufen oder gestalten, nur damit es nicht leer ist! Eigentlich gefallen mir ziemlich leere Wohnungen sogar am besten.

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Claudia am 12. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Richtungswechsel – eine Zwischenbilanz

Richtungswechsel – eine Zwischenbilanz

Seit einer knappen Woche lebe ich wieder allein – nach etwa zwölf Jahren Zweisamkeit! Nur noch ein paar wenige große Möbel meines liebsten Freundes stehen im Nebenzimmer, am Montag früh ist der Abtransport. Er hat eine Wohnung in Kreuzberg gefunden, ich bleibe in Friedrichshain, ziehe aber ein paar hundert Meter weiter: rüber über die S-Bahn-Geleise, näher an die Spree, direkt neben die Oberbaumcity. Alles verläuft ganz organisch, es geschieht, was geschehen muss und wir sind es beide zufrieden. Eine gute Erfahrung, daß nicht jede wichtige Veränderung unter Hauen & Stechen stattfinden muss.

Beim Verein der Freunde alter Menschen bin ich im November ausgestiegen: für ein paar wenige alte Menschen Kaffeenachmittage zu organisieren ändert nichts an der Situation in den Alten- und Pflegeheimen, auch nicht an der Isolation der Unzähligen die noch in ihren Wohnungen schlecht und recht versorgt werden. Und JA, ich will wieder etwas ändern, wenn ich mich schon engagiere, nicht nur einfach „irgendwas in dem Bereich“ machen und sehen, wie es mir bekommt.

Türen schlagend verließ ich kurz vor Weihnachten auch meinen langjährigen Yoga-Lehrer. Über die verschiedenen Anlässe will ich mich hier nicht verbreiten. Ich verdanke ihm viel und werde das nicht vergessen! Der Zeitpunkt war allerdings länger schon überschritten, an dem ich hätte gehen sollen: der ist immer dann, wenn ich nur noch das „Immerselbe“ erlebe und bereits mehrfach auf alle mir möglichen Weisen reagiert oder eben nicht reagiert habe. Da zu bleiben und das Bekannte endlos weiter zu „konsumieren“ ist dann kontraproduktiv, denn die Punkte, an denen es weiter gehen muss, sind durch diese Konstellation blockiert: bei ihm und durch ihn geht nichts mehr – aber auch nicht mit Hilfe eines Anderen, denn ER ist ja da! Und er macht natürlich SEINS, seinen Yoga, sein Leben, seine Philosophie und seine Weltanschauung – wenn ich wichtige Teile davon ablehne, aber trotzdem dran bleibe, ergibt das nur einfach zunehmende Ärgerlichkeit im zwangsläufigen Stillstand.

Gut, dass es jetzt zu Ende ist, zehn Jahre sind vermutlich auch genug. Mit ihm zu streiten wäre müßig. Ganz abgesehen von der Frage, ob er Kritik und Auseinandersetzung auch einmal zulassen würde, bin ich ja nicht gekommen, um IHN, den zwanzig Jahre Älteren zu ändern, sondern um MICH mit seiner Hilfe ändern zu lassen. Wenn allerdings in mir keinerlei Verlangen mehr brennt, in dieser oder jener Hinsicht zu werden wie er, dann läuft da nichts mehr. Lange schon nicht!

Form wird Leere, Leere wird Form

Es gab auch noch ein paar weniger bedeutende Trennungen in letzter Zeit, die alle ein Grundmotiv gemeinsam haben: die Phase, in der ich nur beobachtetete, wie die Außenwelt mich formt, in der ich immer nur übte, möglichst ohne Widerstand ein Maximum an innerer Flexibilität zu realisieren, ist vorbei. Lange lebte ich aus der Mitte dreissig gewonnenen, damals ungeheuer befreienden Einsicht: Ich bin niemand, also bin ich (potenziell) alles. Kann daher zu allem JA sagen, denn nichts stellt mich in Frage. Weil da ja kein substanzielles Ich existiert , weil „ich“ nur eine Denkweise ist, definiert mich auch nichts außer mir selbst – ich kann es also gleich ganz lassen und einfach nur Beobachterin sein. Beobachterin auch eigener Gedanken, Gefühle und Aktionen, die einfach stattfinden weil ein Tag dem anderen folgt und immer irgend etwas geschieht.

Demut, Hingabe, Gelassenheit – diese Haltungen kamen in meinem ersten Lebensentwurf nicht vor: der zeigte mich als Macherin meiner Welt, als stets Betroffene und Verantwortliche, die mit vollem Einsatz kämpft und um Macht und Einfluß ringt; natürlich immer für die Menschheit und die Weltrettung und niemals für sich selbst – zumindest in der Selbsteinschätzung, also in fast völliger Blindheit.

Als diese Art des In-der-Welt-Seins dann auf selbstzerstörerische Weise zum Ende kam und vor nun fast dreizehn Jahren endlich zusammen brach, bewegte es mich wie in einer Pendelbewegung hin zum anderen Ende er Dualität: Nicht ICH mache, sondern ich werde gemacht – alles geschieht immer schon ganz ohne dass ich die Welt auf meinen Schultern trage. Etwas Konkretes wollen, etwas Bestimmtes meinen, ja, alles Meinen und Diskutieren, Argumentieren und Grübeln – all das sind nur Formen der Unfreiheit und Selbstfesselung. Nur nie mehr versuchen, eine Form zu verteidigen!

Ich kann kaum schildern, was das für eine Umwertung alle Werte bedeutete – und was für ein spektakulär anderes Lebensgefühl. Es war eine Art zweite Geburt. In der ersten Zeit schwebte ich denn auch wie auf Wolken, und auch später ging es mir durchgehend besser als je zuvor: anstrengungslos ergriff ich Möglichkeiten, die sich mir anboten. Menschen wollten etwas von mir, also tat ich das – das Leben wurde ungeheuer einfach und erstaunlicherweise lebte ich in jeder Hinsicht besser, auch was Arbeit und Einkommen angeht. Offensichtlich war ich in meiner Macher-Phase selbst der Urgrund all meines Unglücks und meiner Verzweiflungen gewesen.

Die „Entdeckung der Gelassenheit“ war allerdings nicht das Ende, wie ich heute merke. Das Pendel hält nicht etwa an, sondern schwingt weiter von einem Pol zum andern – vermutlich werden nur die Ausschläge kürzer und ein Leben ist (im niemals real existierenden Idealfall) dann vollendet, wenn es in der Mitte zur Ruhe kommt.

Weit entfernt von dieser mittigen Ruhe erlebe ich derzeit wieder den Richtungswechsel: von der Leere zur Form, vom Nichts zum Alles, vom Loslassen zum Zupacken, vom Forschen und Beobachten zum Erschaffen und Pflegen. Es fühlt sich an wie eine Häutung, alles Erleben ändert seinen Geschmack, alle Wahrnehmung ist anders, eben noch in einer alten Routine steckend merke ich ständig: hey, auch DAS ist ja nicht mehr so, wie gehabt! Auch hier ist etwas neu und ich muss es mir genauer ansehen, muss einen neuen Umgang damit finden.

Aus der Wüste zu den Sternen

Wie ist das gekommen? Was hat sich verändert? Der Umschlag hat sich schon lange Zeit angebahnt, so seh ich das zumindest jetzt. Einige Jahre fühlte ich mich schon wie in einer Art Wüste: keine Wünsche mehr, keine wirklich ernst gemeinten Projekte, keine Gedanken an Zukunft (weil die sowieso nicht existiert..) – und der verrückte Versuch, immer mehr zum Nichts zu werden, eine Art Nullstelle im Dasein, allenfalls ein paar vielleicht hilfreiche Beobachtungen absondernd, die aufgrund eigener Interesselosigkeit einen ganz besonderen Anspruch auf Wahrheit anzumelden hätten – wie absurd! Was für eine Selbtvergewaltigung!

Während mein Yogalehrer sein Buch über „Daseinsgefräßigkeit“ vorbereitete, verging mir so langsam aller Appetit aufs Leben. Und im Zusammenwohnen in einer um jeden Preis friedlichen Zweisamkeit scheiterte ich zeitgleich mit dem Bemühen, als Form, als Jemand, an dem der Andere anecken, sich irgendwie stören könnte, zu verschwinden. Mich immer weiter zurücknehmend konnte ich es locker bis zur konturlosen grauen Maus bringen, die in einem unauffälligen Loch sitzt und den Kopf einzieht, um nur nicht Stein irgend eines Anstoßes zu sein – nichts wollend, nichts meinend, nichts wünschend – und doch alles zwecklos! Der Andere stößt sich trotzdem, das kann gar nicht anders sein, wenn man sich so nahe ist.

Das eigene Verschwinden ist nun aber nicht wirklich machbar, selbst der Symbolisierung und Virtualisierung in einem Online-Leben sind natürliche Grenzen gesetzt. Wenn also die eigentlich „beziehungstypischen“ Auseinandersetzungen vermieden werden sollen, bleibt als einzige Möglichkeit, die alltägliche Zweisamkeit zu beenden und eine größere Distanz einzunehmen. (….jetzt freu ich mich schon wieder, wenn er zum Kaffee kommt!)

Seit dies beschlossen ist, also seit ein paar Monaten, zerbröckeln eine ganze Menge innere Mauern, die ich offensichtlich gegen Veränderungen errichtet hatte. Es ist machbar, ja sogar leicht, etwas Wesentliches zu verändern: Anstatt zugunsten Anderer wegzuschrumpfen, kann ich mir auch einfach mehr Raum nehmen. Ja, irgendwann bleibt einfach nichts anderes mehr übrig, selbst wenn ich „eigentlich“ nichts derartiges vorhatte, ja, sogar ängstlich davor zurück schreckte..

Es macht einen wichtigen Unterschied, dies an sich selber erneut zu erleben, anstatt es nur zu wissen bzw. zu erinnern. Wie Dominosteine purzelt nun alles in eine andere, eine neue Richtung: wenn ich an diesem allerwichtigsten Punkt meines Lebens nicht anders kann, als SO zu entscheiden, dann ist nicht mehr einzusehen, warum ich mich in weniger wichtigen Bereichen weiter um die eigene „Nichtung“ mühen sollte!

Als wäre die Sehne eines Bogens überspannt worden und letztlich gerissen, drehe ich mich um 180 Grad, schwinge mit dem Pendel wieder in die andere Richtung und fühle voller Freude: Ich bin völlig ok, meine individuelle „Form“ ist gut so! Sollen doch diejenigen, die immer gerne an mir herumkritisieren, erstmal dahin kommen, sich mit sich selbst so wohl zu fühlen wie ich. Mein Atem ist mir lang genug, warum zum Teufel soll ich ihn eigentlich NOCH weiter verlängern??? Wenn nicht gerade jemand an mir zieht und mir vermittelt, ich sei irgendwie falsch, geht’s mir super! Sogar unabhängig vom Stand des Bankkontos, vom Wetter und von kleinen Zipperlein wie Mausarm, Tietzesyndrom und Probleme mit dem Nerv aus L5/L6 ! Richtig krank bin ich nie, meistens sogar gut gelaunt, in meinem Kopf geben sich weder Ängste und Bedenken die Klinke in die Hand, noch füllen Klage und Anklage über Selbst und Welt alle Speicher, die doch für das Wunder der Wahrnehmung und ein freudvolles schöpferisches Handeln in der – tatsächlich verbesserungsbedürftigen! – Welt weit besser genutzt werden können.

Und das will ich nun auch tun. Es geht mir nicht darum, irgend eine Wahrheit zu demonstrieren oder gar zu verteidigen. Wesentlich wichtiger ist das Gefühl der inneren Ruhe und Klarheit, dieses Ganz-bei-sich-Sein, egal, was da für Turbulenzen im Äußeren toben mögen. Das Pendeln zwischen den Polen der Dualität – zwischen Form und Leere, Wille und Hingabe, zwischen Zeitlichkeit und ewigem Augenblick – ist die Bewegung des Lebens. Auf immer neuen Ebenen erlebe ich sie, vielleicht lerne ich ja doch, einfach freudig mit zu tanzen.

Dass im Scheitel des Pendels, im „Auge des Orkans“, absolute Stille herrscht, hat damit überhaupt nichts zu tun.

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