Claudia am 15. Oktober 2002 — 0 Kommentare

Über Sex und Selbst

So langsam wird es besser mit dem „Maus-Arm“ – dabei hab‘ ich nur ein wenig die Stellung des Monitors verändert und sitze auch nicht weniger vor dem Bildschirm als bisher. Evtl. haben mir die homöopathischen Kügelchen geholfen, vielleicht ist es auch eine innere Haltungsänderung, die sich nach und nach in mein Leben schleicht und immer spürbarer wird. Warum nicht einfach sein, was ich bin, und tun, was ich möchte? Soll ich denn zehntausend Jahre Bücher lesen, in denen das empfohlen wird, und ansonsten vor allem darauf achten, niemandem auf die Füße zu treten und einen guten Eindruck zu machen? Immer stromlinienförmig, lieb und nett, gelassen und vernünftig: sei berechenbar, tu wenigstens so, als wäre das möglich!

Wer lebt eigentlich nicht „verhalten“, wer spürt um sich her keine „du sollst!“ und „du sollst nicht!“ ? Nicht nur, dass man meist in vorgezeichneten Bahnen lebt & arbeitet, man soll auch auf bestimmte Weise feiern, trauern, lieben, streiten, reisen und sogar meditieren. allein die Lehre vom richtigen Essen und Trinken ist derart komplex und in ständigem Wandel begriffen, dass deren Studium und Beachtung schon ganz allein alle freie Zeit fordern würde. Wir leben in der Info-Gesellschaft, und das bedeutet die Heraufkunft des Wissens, dass es unmöglich ist, sich vollständig von außen nach innen zu in-formieren, sich in Form zu bringen, so dass man passt – dass man in die Vorstellungen der anderen passt, denn diese sind eben auch nur Wunschwelten und angstwelten und keine gelebte Wirklichkeit.

Lothar hat einen rauswunderbaren Artikel über das Selbst-Sein geschrieben, verpackt in eine Geschichte von einem Theaterbesuch mit anschließender Diskussion. Es geht um das Coming Out eines Schwulen – aber eigentlich geht es damit um die Besonderheit, um das Außenseitertum und das Nicht-in-die-Welt-passen eines jeden. Um den Schmerz und die Verletzlichkeit, um das schwach und bedürftig-sein, um die große Diskrepanz zwischen dem üblichen Auftreten des großen welt-kompatiblen ICH verglichen mit dem „Kind“, das hinter den Masken und Schutzschilden lebt.

Dieses Kind zu verbergen ist in der Welt offensichtlich ein Muss – so scheint es zumindest. Nicht, weil wir uns etwa laufend motiviert fühlten, als dieses Kind etwas Besonderes anzustellen oder irgendwie gemeingefährlich oder „sozialschädlich“ zu werden: ich fühl mich schon ganz komisch, wenn ich mal einer Frau ein Kompliment über eine Klamotte mache, die ihr wunderbar steht und in mir die Begeisterung als Welle der Freude hochkommt! Ohne deshalb lesbisch zu sein, möchte ich sie umarmen, den Stoff anfassen, um sie herum gehen und sie ausschweifend bewundern – das ist doch nicht normal, oder?

Nächste Woche bin ich mit einer richtig alten (!) Frau aus dem Grunewald verabredet, wir gehen in ein Internet-Café am Ku’damm und ich zeig ihr die „unendlichen Weiten“, ich freu mich drauf! über den Verein der Freunde alter Menschen kam ich mit ihr in Kontakt. Vorher hab‘ ich jahrelang die Alten eher im Augenwinkel wahr genommen: unerreichbare, aus der Gesellschaft ausgegrenzte Gestalten, keine Ahnung, wie ich mich benehmen sollte, um mich ihnen zu nähern – ja, schon der Wunsch, gelegentlich mit Alten Menschen zusammen zu sein, scheint ein bisschen pervers, oder?

Und die Männer? Was ist mit der Sexualität? Ja, weiß denn noch irgend jemand, was im Kontakt zwischen den Geschlechtern „angesagt“ bzw. gut und wahr und richtig ist? Gerade las ich im „christlichen Blättchen“, das gelegentlich der ZEIT beiliegt, ein Gespräch zwischen Oswald Kolle (74) und Katja Kullmann (32) zum Thema „Ist die sexuelle Revolution überholt?“ (Für die Jüngeren: Kolle ist der große Aufklärer der Nation, der in den 60gern und 70gern den Sex unter der Decke hervor geholt und ins Licht des öffentlichen Bewußtseins gestellt hat).
Katja Kullman hat eines dieser immer gut laufenden Generationen-Bücher geschrieben: „Generation Ally“ zeigt die Überforderung der Um-30-Jährigen, die unter ihren eigenen Ansprüchen schier zusammen brechen. Rundum gefordert, sich überall erfolgreich selbst zu vermarkten und durchzusetzen, sind sie verständlicherweise kaum in der Lage, in der Sexualität Entspannung zu finden, hingebungsvoll zu sein, es einfach locker anzugehen. Und – so meint wenigstens Katja Kullmann – viele lassen es dann lieber ganz! Oder, und das ist nicht weniger irre, sie verfallen dem Romantizismus, sehnen sich nach der Sexualität als Mysterium: wenn schon alles so anstrengend ist, dann soll es wenigstens im Zwischengeschlechtlichen „einfach schnackeln“.

Nun ja, ich wünsch ihr viel Glück beim schnackeln, aber so einfach ist es nicht. Für mich zeigt sich mehr und mehr: Sexualität läßt sich nicht abtrennen vom Leben und in ganz bestimmte Container packen: der Beziehungscontainer, der One-Night-Stand, die kommerzielle Variante, die „Szenen“ – mit Grausen spricht Kullmann von den Swingerclubs als dem Gipfel der Spießigkeit („einen pinkfarbenen Stringtanga anziehen und in die Kneipe Swingerparadies 308 gehen“) und hat vermutlich ganz recht. Der Pornomarkt, der uns auch online als SPaM ständig mit seinen klebrig-langweiligen Inhalten überspült, ist eigentlich auch eher anlaß, die Lust auf Sex verblassen zu lassen – ich frag mich manchmal schon, wie es kommt, dass die Kundschaft mit so wenig zufrieden ist, mit derart „entschärfter Schärfe“! Hab‘ mir selber alles angesehen und muß sagen: ohne einen echten Menschen gegenüber ist das doch schnell öd! allenfalls erotische Geschichten les‘ ich ganz gern, aber die wirklich lesbaren sind tatsächlich dünn gesät: man muß nämlich auch bei Texten über „das eine“ vor allem eines können: schreiben!

Ich schweife ab, aber das Thema ist ja auch eher weitläufig und lädt auf Nebenschauplätze ein. Kurzum: ich sehe es heute eigentlich so, wie man es in den 70gern verkündet, aber nicht wirklich ernst gemeint hat: Sex ist wie essen & trinken, wie atmen und bewegen, – ja, aus entspanntem atmen entsteht ganz von selber eine Welle sexueller Empfindungen, gänzlich unabhängig von Personen, von sozialen Benefits oder sonstigen Verwertungs- und Verbannungsschubladen, in die wir Sex so gerne stecken.

In den Siebzigern hat es ziemlich radikale Gruppen gegeben, die versucht haben, der Erkennntnis „Sex ist etwas ganz normales“ eine soziale Gestalt zu geben: insbesondere Otto Mühls aa0 ist mir in denkwürdiger Erinnerung: eine Kommune mit täglichem Selbstdarstellungsritual und mit einem „Fickplan“. Da man wußte: „Jeder gesunde Mann kann mit jeder gesunden Frau und umgekehrt“, hatten sie einfach einen Terminplan, der festlegte, wer mit wem und wann. Dabei war jedes abgleiten ins Romantische und jedes Sich- Verlieben total verpönt: den Kleinfamilienvirus wollte man als Urgrund allen übels ja gerade austreiben!

Klar, dass das kein Modell für die Zukunft war, wie immer, wenn man aus neuen an- und Einsichten knallharte Rezepte schmiedet, ja Pflichten schafft. Im Grunde war es absurd: man wollte sich BEFREIEN und schuf doch nur neue, geradezu totalitäre Formen der Selbstvergewaltigung. Die sexuelle Bedürftigkeit wurde durch den Bumsstress abgelöst, man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre!

Nun ja, die aa0 gibt’s lange nicht mehr, aber was sie sagten, stimmt immer noch: Sexualität ist überall und jederzeit existent, schwingt immer mit, mal mehr, mal weniger. Und bis heute ist es unser aller Versäumnis und Versagen, dafür noch immer keine Kultur entwickelt zu haben, die Sex aus den vielfältigen Schmuddelecken und Schubladen heraus holt. Ein Miteinander, das den Pornomarkt auf den Müllhaufen der Geschichte verabschiedet, weil Frauen und Männer sich selber genug sind – ach, was heißt „genug“, ich meine mehr, viel mehr.
 
Genug für jetzt, die arbeit ruft mich immer lauter, ich muß mich dem Reich der Notwendigkeit zuwenden. Sowieso ist das Reich der Freiheit eher keine kollektive angelegenheit, keine Sache, die man an „die Gesellschaft“ delegieren kann. Zunächst und zumeist geht es darum, das Kind sein zu lassen, dass ich immer auch bin und nicht immer alles kontrollieren zu wollen. Wir haben uns selbst und die Welt, die anderen und das Dasein als Ganzes nicht im Griff – wenn wir das endlich einsehen und danach leben könnten, wäre es so viel leichter, einander zu berühren.

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