Claudia am 01. Februar 2005 — Kommentare deaktiviert für Blicke nach draußen

Blicke nach draußen

Heimatstadt

Ich war 26, als ich Wiesbaden verließ und nach Berlin zog. Seither ein Besuch pro Jahr, manchmal weniger. Nichts zieht mich hin außer Mutter, Schwestern, Schwesterkinder. Ich besuche sie im Januar oder Dezember, jedoch niemals punktgenau zu Weihnachten.

Wiesbaden – Landeshauptstadt, Kurstadt, Spielbank, heiße Quellen, schon bei den Römern als Badeort beliebt. Es war eine reiche Stadt, ruhig, gemütlich, schick heraus geputzt, im Krieg nicht zerstört, denn dort wollten die Amerikaner wohnen. Nun sind sie schon ein paar Jahre weg und mit Wiesbaden geht es bergab.

Als ich aus dem Bahnhof trete und durch die Unterführung muss, staune ich über die Verwahrlosung. Sämtliche Rolltreppen außer Betrieb, abgesperrt, beschmiert – und zwar so, dass man sieht, dass daran seit Jahren nichts geändert wurde. Auch die Straßen wirken schmuddliger, Läden stehen leer, wo sich früher ein edles Antiquitätengeschäft ans nächste reihte. Fast hätte meine Schwester einen tollen Job bekommen, weil sie sich als Elternvertreterin so kundig für die Umgestaltung eines Spielplatzes engagiert hatte. „Machen Sie das doch bei allen Plätzen, die ich umgestalte!“, bot ihr die Architektin an. Doch da wurde nichts draus: Roland Koch, der Kanzler-Aspirant mit dem Ohrfeigengesicht hat sämtliche Bauvorhaben gestrichen. Statt dessen ringen die Stadtväter um das Abholzen der großen Platanen vor dem Kurhaus: Sie seien krank, heißt es, und deshalb müssten sie weg – und im übrigen passten sie nicht in die Sichtachsen des historischen Bau-Ensembles aus Theaterkollonaden und Spielbank, der Bereich werde aufwändig umgestaltet. Ich denke an Berlin, an den Streit um die Linden „unter den Linden“. Vorzeigestraßen neu gestalten, letztes Hobby der Stadtgestalter in Zeiten leerer Kassen. „Touristen zuerst!“ – das gilt nicht nur für Tsunami-verwüstete Länder, sondern ganz allgemein.

Zeitgeist

Mehr Religion, mehr Sicherheit durch Überwachung, Kampf den Rauchern, sexuelle „Treue“ als oberster Beziehungswert: das Klima in der Gesellschaft verändert sich drastisch. Bald werde ich die verschrobene Alte mit den komischen Ansichten aus den 70gern sein, doch seltsamerweise ficht mich das nicht an. Nicht mehr so, dass ich mich aufgerufen fühlte, daran etwas zu ändern, indem ich meinen Senf zu allem und jedem dazugebe, um mich zumindest am „Meinung machen“ zu beteiligen. Es ist nicht wichtig, was jemand meint, sondern was einer tut – und darüber wird eher wenig gesprochen. Ich merke es immer wieder, wenn ich z.B. mal in einer Mailingliste ganz unzensiert aus dem eigenen Erleben berichte, ohne das Gesagte in ein Meinungskorsett einzubinden, über das sich trefflich streiten ließe. Die einzig passende Antwort wäre innere Resonanz: Das, was durch einen Text „in den Sinn kommt“ ebenso frei und unkommentiert zeigen – aber wer will sich schon zeigen? Alle fühlen sich offenbar von Feinden umgeben und bemühen sich allenfalls, eine glitzernde, unangreifbare, weltkompatible Oberfläche zu zeigen, die auf dem „Markt“ bestehen kann.

Diesem Markt scheint es dennoch unrettbar schlecht zu gehen, die „Binnennachfrage“ springt nicht so richtig an, die Wirtschaft, an der unser immer noch vergleichsweise immenser Wohlstand hängt, lebt hauptsächlich vom Export. Doch inmitten der Kaufzurückhaltung leisten sich die Deutschen demonstrativ eine beispiellose Spendenwelle: endlich Geld ausgeben mit Sinn! Endlich etwas bewirken – und nicht immer nur verbrauchen!
Das stimmt mich milde: Zeitgeist hin oder her, so ganz lässt sich der Mensch doch nicht zum bloßen Rädchen im Getriebe degradieren, das nur noch Medien konsumiert und sich mit der kundig vergleichenden Auswahl von Produkten, Dienstleistungen und Tarifen befasst. Immer bleibt da ein Rest Unberechenbarkeit, eine wühlende Unzufriedenheit mit der eigenen gesellschaftlichen Stellung: im Produktionsprozess die letzte Instanz vor dem Mülleimer zu sein, reicht einfach nicht. Wir sind DOCH nicht ganz blöd!

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Claudia am 26. Januar 2005 — Kommentare deaktiviert für Neu: Das Lustgespinst

Neu: Das Lustgespinst

Nach längerer Pause stell ich Euch heute eine neue Website vor:

Lustgespinst – Szenen und Geschichten aus Lust und Leidenschaft

Es sind Texte aus dem Kurs „Erotisch schreiben“, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die Veröffentlichung frei gegeben wurden. Dabei muss es aber nicht bleiben: Wer mag, kann einen Beitrag einreichen – mehr dazu steht auf der Seite „Mitschreiben“.

Wer noch Fehler auf den Seiten findet: Ich bin immer für Hinweise dankbar!

Und jetzt bin ich erstmal bis Sonntag offline und besuche meine Mutter in Wiesbaden.

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Claudia am 25. Dezember 2004 — Kommentare deaktiviert für Lass dich weiterleiten!

Lass dich weiterleiten!

Nun sind sie da, die stillen Tage. An Weihnachten und Jahreswechselfesten nehme ich dieses Jahr in keiner Weise teil. Weder versammle ich „Jahresendzeitmuffel“ zum besinnlichen Schreiben, noch ist mir selbst danach zumute, weder öffentlich noch privat. Anstatt Texte über Sein und Selbst zu verfassen, genieße ich einfach diese Tage und Nächte, die so wunderbar „undefiniert“ sind, wenn man am allgemeinen Umtrieb keinen Anteil hat.

Da ihr aber nun schon mal gekommen seid, bereit, einen Text im Umfang von drei Din-A4-Seiten zu lesen (ja, sooooo LANG ist ein durchschnittlicher Diary-Eintrag!) und dafür fünf bis zehn Minuten Lebenszeit zu opfern, sollt ihr nicht ohne Alternativen bleiben.

Das wird jetzt aber NICHT die große, wohl sortierte Linkliste zu Freunden und Bekannten, sondern ich zeige hier nur ein paar Seiten, die ICH in diesen Tagen (mehr oder weniger zufällig) besuchte: Nachdenkliches, Unterhaltendes und Informatives, auch „bloß Nützliches“ kann vorkommen. Evtl. wächst die Liste noch bis Januar. Kommt drauf an, ob mich etwas anspricht und ob ich überhaupt Lust auf Surfen habe.

Warum Satsang cool ist – aus dem Tagebuch „Nicht“

Einträge „vom einfachen sprechen“ – Ulrikes Blog

Mit Firefox per Du – 11 Kapitel einer Browser-Freundschaft – (ich bin umgestiegen. Microsoft Explorer ade… )

Mit den Augen eines Freiers – Warum ich ins Bordell gehe

Männer und Sex(ualität) – Erotik im Geschlechterverhältnis – Dokumentation einer Tagung (75 Seiten PDF)

Ich wünsch‘ Euch allen das Beste! Nehmt’s mir nicht übel, dass ich keine Weihnachtsmails versende, ist nicht bös gemeint!

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Claudia am 17. November 2004 — Kommentare deaktiviert für Eis auf heißer Haut

Eis auf heißer Haut

Diesmal ist die Drehschranke ausgefallen und die Frau an der Kasse fordert dazu auf, das Plastikarmband trotzdem ans rote Lämpchen zu halten. Klar, der Saunagast muss ja einloggen ins System, das die Schrankschlösser und eventuell gespeichertes Geld verwaltet. Kleider sind hier nicht erlaubt, aber ohne Chip geht nichts.

Bei meinem ersten Besuch im Blub war gleich das ganze System ausgefallen. Die Leute saßen nackt auf den Bänkchen vor den Spinden und warteten. Mein Begleiter und ich setzten uns in voller Montur dazu, was sollten wir machen? Die Stimmung war erstaunlich gut, niemand ärgerte sich lautstark über die digital verriegelten Schränke, deren rotes Lämpchen nicht mehr zu grün wechseln wollte, Chip-Kontakt hin oder her. Ein Loch in der Zeit hatte sich aufgetan und alle nutzten es, um ein bisschen zu plaudern und miteinander zu scherzen. Sauna ist in manchen Momenten Utopia – echter Friede in Frottee-Handtüchern und Badelatschen.

Nach ca. zehn Minuten erschien ein nervöser junger Mann, der uns verkündete, der Server sei abgestürzt, aber der Admin sei nun gerade dabei, sich einzuloggen. Man werde sehen. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, aber nicht wegen der Raumtemperatur. Ein Fremdkörper in Verteidigungsbereitschaft, der nicht mitbekam, dass gerade kein Angriff drohte.

Nach dem Dampfbad, mit dem ich immer beginne, um der Lunge ein Reinigungserlebnis zu verschaffen, das sie dringend braucht, liege ich im verglasten Halbdunkel unter Palmen. Mein Körper arbeitet auf Hochtouren, um die lange nicht erlebten intensiven Reize zu verarbeiten. Überall angenehmes Prickeln, spürbar intensiver strömt das Blut durch kleinste, ansonsten wohl kaum mehr gekannte Äderchen. Den Atem fühle ich bis hinunter in den großen Zeh und wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich überall ein sanftes Pulsieren spüren – ah, wozu noch denken?

Um mit dem Mitmenschen in Kontakt zu bleiben. Mein Begleiter beantwortet die nicht gestellte Frage, indem er das Wort erhebt. Wir sind zwei voneinander getrennte Wesen und können das Pulsieren, das Atmen und Strömen nicht gemeinsam spüren. Wenn ich also mit meiner Aufmerksamkeit in mein Erleben hinein gehe, entferne ich mich von ihm, bin seiner nicht mehr gewahr – und das erscheint als Sünde gegen den Geist des Miteinanders.

Träge fließen meine Gedanken dahin, ich höre zu, nicke, verstehe, merke dann plötzlich, dass mir ein Stück fehlt, muss wohl abgedriftet sein, egal. Atmen ist so schön, es fällt mir schwer, daneben noch etwas zu veranstalten. Vielleicht wär‘ ja ein Leben als Pflanze auch nicht übel.

Bis Mitte dreißig glaubte ich, man könne die Getrenntheit überwinden, indem man sich zusammen aufs Bett legt und fest umarmt. Also ganz oft ausprobiert, mit den unterschiedlichsten Mitmenschen in ebenso verschiedenen Beziehungsformen, mit und ohne Sex. Es klappt aber nicht, man macht sich höchstens etwas vor. Was im glücklichsten Fall stattfindet, ist genau dasselbe wie ohne Berührung: Man driftet ab in die eigenen Bestandteile, wird zur Zelle, zum Blutstropfen, zum Luftstrom in der Nasenhöhle, zur Hautoberfläche, zur sich hebenden und senkenden Brust. Berührung, einmal angenommen, sie sei optimale Resonanz, ohne den Schimmer eines Missklangs, verschmilzt nur einfach mit jenem Orchester sinnlicher Empfindungen, in das hinein ich mich auflöse. Ich verschwinde – egal, ob in Richtung vegetabiler Trance oder in Richtung Orgasmus: je mehr ich die Aufmerksamkeit von der Welt der Bedeutungen abziehe und mich ins Spüren des Daseins vertiefe, desto weniger ist da jemand, der noch jemand anderen treffen könnte. Man mag zusammen KOMMEN, aber man kommt dennoch nicht zusammen.

Irgendwie sind wir jetzt doch zusammen in die Blockhaussauna gekommen, fünf Minuten vor der vollen Stunde, dann beginnt nämlich der Aufguss. Wunderbar, mal wieder all diese vielfältig geformten Nackten zu sehen, echte Menschen, keine Werbeplakate. Gegenüber eine zierliche Asiatin mit so kleinen Brüsten, dass das Wort „Knospen“ mal wirklich passt. Neben ihr die schlanke Endzwanzigerin in vorgebeugter Haltung, auch ihre winzigen Erhebungen betrachte ich mit Staunen. Ich merke, warum ich hinschaue: wer weiß denn, wie lange so etwas noch zu sehen ist?! Mein Blick archiviert das Gesehene bereits für eine Zukunft gleichmäßig aufgeblasener Silikonbrüste, in der es wirklich Mut kostet, sich mit „abweichenden Formen“ überhaupt noch zu zeigen. Dabei werde ich das doch gar nicht mehr erleben – oder doch?

Ich hab‘ mir einen Schneeball aus zusammen gedrückten Eisbröckchen mitgebracht. Inmitten der glühenden Winde, die der Herr des Aufgusses mit einem großen Handtuch entfacht, nachdem er Wasser mit Melissen-Aroma auf die heißen Steine gekippt hat, kühle ich meine Haut mit Gefrorenem. Das ist zwar nicht Sauna-gerecht, denn nur trockene Haut kann richtig schwitzen, aber ich genieße es, will heute gar nicht die reine Lehre, das garantiert Gesunde und Förderliche, will nur spüren und genießen: Eis auf heißer Haut.

Der Mann vor dem Ofen gibt sich Mühe, gießt neu auf, wedelt durch die Luft, doch hält er das Tuch falsch, so dass ihm zwar die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht, aber kaum ein echter „Gluthauch“ entsteht. Ich vermisse Christian, den Meister der Elemente, der so unnachahmlich gelassen das Handtuch schwingt. Der es versteht, durch langsame Steigerung der Intensität die Anwesenden an ihre Grenze zu bringen, bis ein Aufstöhnen durch die Runde geht, wenn er kundig die Luft peitscht. Auf der dritten Etage, wo es sowieso am heißesten ist, glaubt man glatt, nun gleich zu verbrennen. Die Tür ist zu, das Schild „Achtung, Aufguss!“ verwehrt Neuen den Zutritt, und selbstverständlich wagt es niemand, inmitten des Rituals den Raum zu verlassen – ums verrecken nicht, denk ich mir manchmal, während ich mir das Handtuch über den Kopf ziehe, um mich ein wenig gegen das Schlimmste abzuschirmen. Warum tun wir uns das an, frag‘ ich mich, während ich zusammengeduckt den nächsten Gluthauch erwarte und Andere, die noch weit leidensbereiter sind, sogar aufstehen, um der heißen Luft eine größere Fläche zu bieten. Und warum bin ich jetzt mit dem Aufguss des „Ersatzmanns“ nicht zufrieden, wo doch alles so schön im locker erträglichen Wellness-Bereich bleibt?

Mein Eisball ist geschmolzen, den kleinen Rest lasse ich mir auf der Zunge zergehen. Ich genieße die konzentrierte Stille, die Abwesenheit jeglichen Geredes. Es genügt, zu fühlen, zu spüren, zu sehen. Jeder für sich, und doch alle zusammen, niemand will etwas vom Andern, denn das, was ist, reicht völlig aus – na ja fast! Wenn Christian das Handtuch geschwungen hätte….

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Claudia am 15. November 2004 — Kommentare deaktiviert für Mit dem Notebook im Bett

Mit dem Notebook im Bett

Zum ersten Mal bin ich mit dem Computer im Bett. Ein lieber Freund hat mir einen Notebook geschenkt, weil er meine Klagen über das Leiden am langen Sitzen nicht mehr hören mochte. Schon einmal hatte ich ernsthaft ins Auge gefasst, künftig liegend oder halbliegend zu arbeiten und mir dafür auch eine Möbelkonstruktion ausgedacht. Aber damals hörte ich letztlich auf den Rat eines Geliebten, der meinte, unzählige Menschen verbrächten täglich viele Stunden am Monitor, ohne deshalb krank, behindert oer missgelaunt zu werden. Es läge an mir, eine gesunde Herangehensweise zu entwickeln, anstatt die zeitgemäße Standardstellung zu vermeiden. Mehr Bewegung, öfter ins Fitness-Center, bessere Ernährung – ich weiß, ich weiß!

Aber ich tu’s nicht, bzw. nicht genug. Der Mausarm und die Druckschäden an gottlob nicht so wichtigen Nerven werden nicht etwa besser. Doch davon soll jetzt nicht die Rede sein, ich habe keine Lust mehr, mich öffentlich am Riemen zu reißen und Ermunterndes über die Zukunft zu sagen. Eine Zukunft, die sobald sie Gegenwart wird, mich doch wieder auf dem Stuhl vorfindet…

Hierjetzt aber liege ich im Bett, Kissen unter dem Rücken und unter den Knien eine Rolle, geformt aus der zweiten Bettdecke – toll! Ich habe darauf geachtet, keine eierlegende Wollmilchsau zu erstehen, sondern ein schlankes, leichtes Gerät, dessen Gewicht (nur 1,8 Kilo!) ich jetzt kaum spüre. Die Maus hab‘ ich gar nicht erst dran gesteckt, nur das Netzteil.

Zur Verwendung des Notebook kam mir schnell die Idee, ihn NICHT in meine Arbeitswelt einzubinden, KEINE zweite Fassung meines Tower-PCs zu erschaffen mit allem, was ich so brauche – und vor allem keinen Internet-Zugang! Dann könnte ich nämlich E-Mail lesen, wäre für alle erreichbar, hätte alle meine halb erledigten Aufgaben und Werke griffbereit – es wäre ein zweiter Arbeitsplatz und dessen Forderungen könnte ich mich nicht entziehen. Ich würde noch mehr arbeiten, halt jetzt in liegender Stellung.

Lieber nicht! Ich habe nicht vor, meine Arbeitszeit zu verlängern, das Reich der Pflichten und Ziele noch weiter wachsen zu lassen, sondern ich sehne mich nach Zeit für mich. Für mich am PC! Dazu komme ich kaum noch, denn wenn ich alles geschafft habe, was ich schaffen muss, bin ich üblicherweise viel zu malträtiert vom Sitzen, als dass ich da nun noch ein bisschen schreiben, bildbearbeiten oder eigene Webseiten entwerfen wollte (auch ein Grund für die Diary-Flaute). Und schon morgens mal eben drei Stunden in ein Thema versinken, bevor ich die Außenwelt an mich heran lasse, kann ich mir derzeit nicht leisten.

Mit dem Notebook steht mir nun auch außerhalb der „Sitzzeiten“ ein PC zur Verfügung – eine Zuflucht, die mir signalisiert: hier befindest du dich im nicht vernetzten Sektor. Tu, was du willst!

Oh nein, bitte nicht schon wieder! Überall muss ich tun, was ich will, muss mit den Gegebenheiten interagieren, um es zu erreichen, muss es pflegen und erhalten, wenn es dann da ist, muss immer Neues wollen und Neues schaffen – und weiter und weiter. Es ist ok, ich kann nicht klagen, im Gegenteil, meine Arbeit macht mir Freude. Und das ist keine Schönrederei, denn zum Beispiel der gerade laufende Kurs „Erotisch schreiben“ ist der spannendste, der bisher stattfand. Ich genieße die entstehenden Texte, das offene und friedlich-lustfreundliche Miteinander von Männern und Frauen, das gelegentliche erotische Knistern – kann Arbeit schöner sein? Auch im Webseiten-Sektor baue ich gerade an einem Projekt, das mir gefällt. Ok, alles könnte etwas einträglicher sein, aber daran arbeite ich ja, oder bilde mir das zumindest ein.

Umso besser es gelingt, in selbst geschaffenen Feldern und Formen zu arbeiten, mich „zu verwirklichen“, wie man so sagt, umso sinnvoller erscheint die Frage, ob es eigentlich noch mehr gibt als DAS. Wenn ich es mal abstrahiere, besteht mein Leben daraus, Misstände zu bemerken und zu bereinigen, mich vom Gegebenen inspirieren zu lassen, Änderungen und Verbesserungen ins Werk zu setzen, die jedoch auch immer wieder verbesserungsbedürftig sind, zu weiterem Bearbeiten heraus fordern – und immer so weiter. Ein übergeodnetes Ziel gibt es – zum Glück! – nicht, ich bewerte meinen Erfolg oder Misserfolg anhand der Resonanz, die ich erfahre, und daran, ob das, was ich tue, nun auch das ist, was ich mir erträumt habe, als ich damit anfing. Ich bin die Maus in einem zu großen Teilen selbst gebauten Laufrad, das eingebunden ist ins große Räderwerk, das unsere Welt am laufen hält. Nichts dagegen, aber ist das schon alles?

Der Raum des Schreibens

Mir scheint, ich bin reif für die Insel. Doch nicht das entlegene Eiland im Pazifik, nicht der Urlaub, die Kur, die Ayurveda-Wellness-Woche locken mich, sondern ein immaterieller Ort des Innehaltens, den ich gelegentlich aufsuche, um frei von Zielen und Zwecken dem nachzuspüren, was Dasein sonst noch bedeutet. Einfach Ruhe, Beruhigung der bewegten Oberfläche, egal in welchen Formen das stattfindet – aber KEINE Sitzmeditation!!! (Wenn ich DARAN denke, fällt mir die ganze Absurdität auf, die darin liegt, Menschen, die in der Mehrzahl den ganzen Tag sitzen, zum Zweck der Besinnung dazu anzuhalten, noch mehr zu sitzen!)

Der „Raum des Schreibens“ jenseits eines „Um-Zu“ war mir im Zuge der mehr werdenden Arbeit entglitten. Gleichzeitig hatte ich in diesem Sommer damit aufgehört, „alles, was mich bewegt“ und doch nicht ins Diary passt, an jenen fernen Geliebten zu mailen: diese alte Geste des Mich-Mitteilens, die ich einst auch jahrelang gegenüber meinem Yogalehrer pflegte, passt nicht mehr. Besser gesagt, hat sie Nebeneffekte, die zunächst nicht auffallen, aber im Lauf der Zeit eine Art „Zweitrealität im Kopf“ erschaffen, die mit den real existierenden Beziehungen zwischen Sender und Empfänger kaum mehr etwas zu tun hat. Ich nenne es die „Internet-Verstrickung“: das Ausbluten der Realität zugunsten der Virtualität. Was „der Möglichkeit und Kraft nach vorhanden“ ist, ist dennoch nicht WIRKLICH vorhanden – aber das ist oft kaum mehr spürbar, bis das Reale sich zurück meldet und klar wird, was bloßer Gedanke ist und was Fakt.

Heute kommuniziere ich anders, beziehungszentrierter. Der Wunsch, schreibend etwas auszudrücken, was mich beeindruckt, hat im Web und anderen, an ein allgemeines Publikum gerichteten Medien den rechten Ort – nicht aber in der persönlichen Kommunikation, deren Charakter immer dialogisch bleibt, auch wenn man bis zum Abwinken und in beiderseitigem Einverständnis monologisiert. Denn was der Andere nicht sagt, denke ich mir dazu, lege ich in sein Schweigen hinein, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Ich öffne mich, zeige mich, ergründe die letzten Winkel meiner Seele – und das Schweigen des Gegenübers interpretiere ich als liebevolles Zuhören: Er versteht mich, wie niemand sonst.. und das ist nur die erste einer Reihe aufeinander aufbauender Annahmen, die zusammen ein Gebäude ergeben, das nicht auf Grund steht, sondern ein Luftschloss ist. Herrlich anzuschauen, aber nicht real!

In dieser Irrealität erlebte ich ein Gefühl der Geborgenheit, das mich inspirierte, die Selbstentblößungen auf ungekannte Gipfel zu treiben. Gleichzeitig dümpelte die „Außenseite“, nämlich dieses Webdiary in zunehmender Langweiligkeit vor sich hin. Ich habe ja kein Interesse daran, mein Denken und Erleben zu „diskutieren“: es ist, wie es ist, und je näher mir etwas geht, desto weniger möchte ich mich mit Lesern auseinander setzen müssen, bei denen ich vielleicht anecke. Wozu sollte das gut sein? Ich schreibe ja nicht, um mir Rat zu holen, jemanden zu meiner Sicht der Dinge zu bekehren, oder um zu streiten, sondern … ja WARUM DENN???

Hier stockt der Schreibfluss und mir fällt nichts ein. Ich schreibe, weil ich schreibe – ich projiziere meine Deutungen in die Leere und das tut mir gut.

Was ich an Nähe und Geborgenheit in einer „tief gehenden“ und schrankenlosen persönlichen Kommunikation erlebe, das bin ich selbst, das ist einfach das „bei mir sein in Wahrheit“. Es kommt nicht vom Anderen, wie man meinen könnte. Der Andere bietet lediglich einen „geschützen Raum“, vergleichbar dem, den ich in meinen Kursen und privaten Coachings errichte.

So ein „geschützter Raum“ ist wundervoll: er gibt Gelegenheit, sich selbst zu begegnen, ohne Angst haben zu müssen. Auf Dauer aber muss man ihn verlassen, genau wie man irgendwann den Sandkasten verlässt, um die Welt zu gewinnen.

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Claudia am 09. November 2004 — Kommentare deaktiviert für Diary-Flaute unterm Gerüst

Diary-Flaute unterm Gerüst

Die vierte Woche unterm blickdicht verhangenem Gerüst ist rum. Hab‘ ich mich dran gewöhnt? Der Bauarbeiter vor meinem Fenster wuchtet gerade eine Platte in den vierten Stock, ich sehe grobe, farbverkleckerte Schuhe und ebensolche Hosen, höre dumpfe Stimmen sich etwas Unverständliches zurufen. Die laute Geschäftigkeit hält erfahrungsgemäß etwa eine Stunde an, dann machen sie ihre erste Pause.

Gleich werde ich die Texte der Teilnehmer aus dem Kurs „Philosophieren in der ersten Person“ kommentieren. Die neuen Szenen der „Erotiker“, wie ich die Mitschreiber aus „Erotisch schreiben“ bei mir nenne, hab‘ ich gestern nacht noch geschafft. Auch die beiden Coaching-Klienten sind versorgt, warten jedoch auf neue Schreibimpulse, genau wie alle Anderen.

Vor einem guten Jahr hab‘ ich mit Schreibimpulse.de angefangen: das erste eigene Webprojekt im kommerziellen Sektor. Ein gänzlich neuer Versuch, dem, was ich gerne tue, die Form einer Dienstleistung zu geben, die zu meinem Einkommen beiträgt. Wenn gute Nachrichten auch langweilig sein mögen: es ist ein Erfolg! Zwar ist nicht jeder Kurs ausgebucht, denn meine Werbemöglichkeiten sind beschränkt, doch ist der Spaßfaktor in jeder neuen Runde hoch: Es ist wunderbar, dabei zu sein, wenn sich Menschen ihren „wesentlichen Themen“ öffnen, wenn sie schreibend Neues, gar Brisantes riskieren – auch wenn es mal schlaffe Phasen gibt, kommt immer wieder ein Text, der alle berührt, der MICH berührt und aus dem „Alltagsschlaf“ heraus reißt.

Es ist das erste Mal, dass ich zwei Kurse und einige Einzelpersonen gleichzeitig betreue. Liegt es daran, dass hier im Digital Diary wochenlange Flaute herrscht? Ja und nein. Ich empfinde ein Gefühl der Verpuppung, passend zum verhangenen Gerüst, das mir den Blick nach draußen versperrt, passend zum November, den ich spüre, aber kaum sehe. Jahrelang war ich mit der Form, die ich fürs eigene Schreiben in Gestalt des Digital Diary wählte, vollkommen zufrieden: es war nie ein Tagebuch, das vom Frisörbesuch am Morgen und vom Problem mit dem Lebensgefährten berichtet, auch kein Blog, das mit ein paar Sätzen mehrmals am Tag bekannt macht, dass es mich noch gibt, sondern im wesentlichen eine Plattform für meine „Gedanken über die Welt“: unsortiert, ohne Zwang, mich selbst in eine Schublade einzuordnen, weder, was die Textsorte angeht, noch von den Themen her.

Im Moment habe ich das Gefühl, aus der selbst geschaffenen Mega-Schublade heraus zu wachsen. Was ich über die Welt, das Leben, und mich selbst denke, reizt mich zur Zeit nicht zu Artikeln für die Allgemeinheit. Es wird vielleicht durch die Kurse und die damit einher gehenden Privatgespräche „dialogisch verbraucht“, bzw. sinnvoll genutzt. Zudem begegne ich im Erotik-Kurs der Faszination des belletristischen Schreibens. Schien mir das früher belanglos, bloßes „Werke schaffen“, dem ich mein mich tief befriedigendes „Philosophieren in der ersten Person“ entgegen setzte, so erkenne ich jetzt das Potenzial, das in solchem Schreiben steckt: nicht mehr am Faktischen, selbst Erlebten kleben und gedanklich um Einordnung und Bewertung ringen, sondern im freien Spiel der Worte dem Form geben, was man ausdrücken will: es ZEIGEN, nicht SAGEN!

Als ersten Schritt, diesem Schreiberleben Gestalt zu geben, werde ich auf Schreibimpulse.de ein erotisches Webzine eröffnen: mit Teilnehmertexten, eigenen Beiträgen und Einsendungen frei schweifender Autorinnen und Autoren. Der Plan bringt mich ein Stück „back to the Roots“: 1996 bis 1998 gab es die Cyberzines „Human Voices“ und „Missing Link“ mit Gedichten, philosophischen Prosa-Texten und einer aktiven Community rund ums Geschehen. Ich bin gespannt, wie das neue Projekt im Vergleich dazu werden wird! (Wer dazu Beiträge einsenden will, kann sie mir bereits schicken: ich wähle allerdings nach eigenen Kriterien aus, welche ins Webzine kommen).

Und das Digital Diary? Die Flaute wird vorüber gehen, wenn das Neue festere Konturen gewonnen hat. Es ist noch jedes Mal weiter gegangen, auch wenn ich immer mal wieder dachte: Was soll ich denn da noch schreiben? Ich hab‘ doch eigentlich alles gesagt!

Jetzt ruft mich die Arbeit: im Moment pflege ich einen wenig nachhaltigen Stil, esse unregelmäßig, ignoriere das Fitness-Center, gönn‘ mir nicht mal Sauna und war prompt über zwei Wochen schwer erkältet. „Mich-selbst-am-Riemen-reißen“ kommt derzeit allein den festen Pflichten zugute. Ansonsten überlasse ich alles seiner Eigendynamik, bemühe mich nicht ums „gesunde Leben“ oder andere Meta-Ziele: in der Verpuppung löst sich alles, was war, vollständig auf – zumindest ist das bei Raupen so, wie es bei mir ist, wird sich zeigen.

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Claudia am 12. Oktober 2004 — Kommentare deaktiviert für Porno für Frauen

Porno für Frauen

Seit das Internet die Welt vernetzt, schaue ich mir neugierig alles an, was es im Web so zu sehen gibt. Immer wieder mal surfe ich auch durch die „Schattenreiche“, betrachte die Bilderwelten der Sex-Seiten mit ihren unzähligen „Galerien“ und lese so manche „Erotic Story“. Es heißt, Frauen werden eher durch Geschichten angesprochen, Männer durch Bilder – und so „im Großen und Ganzen“ stimmt das vielleicht auch. Weiter → (Porno für Frauen)

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