Claudia am 28. Januar 2022 — 9 Kommentare

Drei Stunden zugehört: Die Zeugen des Holocaust

Gestern Nacht hab‘ ich auf ARD Alpha den 2-teiligen Film „Zeugen des Holocaust“ gesehen. Wer noch meint, „Schlussstrich“ sei angesagt oder andere Völkermorde wären vergleichbar, sollte die Zeugen hören! Zum Glück sind die beiden Filme in voller Länge auf Youtube: Teil 1 und Teil 2.  In den über 10 Jahren seit dem Upload haben nicht viele diese Filme abgerufen, grade mal 106.000 Teil 1 und gut 72.000 Teil 2. Sic!

Holocast Überlebende

Der Film von Karl Fruchtmann.entstand Anfang der 80ger, als viele Zeugen noch lebten. Er besteht ausschließlich aus ihren Berichten ohne weitere Kommentare. Die sind auch wirklich unnötig, denn was sie erzählen ist eindrücklich, hundertprozentig glaubwürdig – und grauenvoll! Überlebende aus vielen europäischen Ländern berichten, was sie erlebt, gesehen und erlitten haben, wie sie überlebten und wie es ihnen zur Zeit der Filmaufnahmen geht. Welche Wirkung das unfassbar grausame Geschehen auf ihr weiteres Leben hatte, ihre Träume, Gefühle und Resthoffnungen an die Menschheit. Falls noch vorhanden, was nicht bei allen der Fall ist.

Der Film ist in Themenblöcke aufgeteilt: Die Transporte in die Vernichtungslager, das Ankommen, die Selektionen an der Rampe, bei denen 80% direkt in die Gaskammern geschicht wurden. Dann die Vorgänge dort, das „Handling“, die anfängliche Täuschung der Opfer, das gewaltsame Hineintreiben, wenn sie früh etwas merkten, das Einfüllen des Zyklon B, das Sterben, das Ausräumen der Kammern und Verbrennen der Leichen, nachdem noch Haare und Goldzähne „der Verwertung zugeführt“ wurden. Erzählt von jenen, die diese „Arbeit“ verrichten mussten, Tag für Tag, Nacht für Nacht. In Hochzeiten wurden bis zu 20.000 Menschen pro Tag in der Mordmaschine vernichtet,

Es folgt ein weiterer Teil über die Ermordung hunderttausender Kinder, teils auf eine derart grausame Art und Weise, die ich hier nicht beschreiben will. Überhaupt wird klar, dass da wirklich viele Sadisten am Werk waren, die nicht einfach „ihre Arbeit machten“, sondern Spass daran hatte, die Opfer zu demütigen, auf viele verschiedene Arten zu quälen und zu morden. Nach den Kindern folgen Berichte über das Restleben jener Opfer, die als „arbeitsfähig“ in die Lager kamen. Jeden Tag erneut Selektionen, Erschießungen auf den Arbeitswegen, Quälereien, die man sich kaum vorstellen kann. Das Sterben war erwünscht, die Capos wurden sogar bedroht, wenn morgens nicht genug über Nacht Verstorbene aus den Lagerhallen geschafft wurden. Die Opfer berichten, wie sie ihren Glauben verloren – und manche auch davon, wie ihnen jeglicher Rest Menschlichkeit abhanden gekommen ist.

Wenigstens zuhören!

Der Film lief von 23.30 Uhr bis 2.30. Noch nie war ich so berührt, obwohl ich schon so manchen Bericht Überlebender gesehen hatte. Das waren jedoch meist Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, der Nachwelt zu berichten. Auftritte in Veranstaltungen vor einem größeren Publikum, nicht so ausführlich bis in die schauderhaften Details. Diese Berichte sind anders, entstanden in langen Einzelgesprächen, teilweise sehr emotional – es nimmt viel mehr mit, mich jedenfalls.

Natürlich WUSSTE ich schon viel über den Holocaust, sah unzählige Dokus, auch über die Lager, die schrecklichen Modalitäten des Mordens wie am Fließband. Und doch hat mich das alles vergleichsweise kalt gelassen. In jungen Jahren war mir das „Gedenken“ schon fast zuviel, denn: Was hab‘ ich damit zu tun? Es ist lange her, die Täter sind fast alle lange tot – reicht es nicht langsam?

Je älter ich werde, desto weiter entferne ich mich von dieser ignoranten Haltung. Mittlerweile weiß ich auch, was der bekannte Spruch „der Schoß ist fruchtbar noch…“ bedeutet. Und ich erkenne die  aktuellen Formen des Hasses, die jenen ähneln, die einst zum Massenmord an vielen Millionen Menschen aus ganz Europa führten.

Auch bin ich sensibler geworden. Während der langen drei Stunden mit den Erzählungen der Überlebenden hätte ich mehrfach am liebsten weggeschaltet, so grauenhaft waren die berichteten Greuel! Aber ich konnte nicht, hing gebannt vor dem Fernseher und wusste: Sie erzählen es für mich, für uns, für alle Nachgeborenen. Das mindeste, was ich tun kann, ist ihnen zuhören, es aushalten, egal wie ich mich dabei fühle, Mir drohen nur schlechte Träume, ein winziger Pipifax gegen das, was sie erlebt und durchgemacht haben.

Nach diesen drei Stunden schämte ich mich, das „Gedenken“ kürzlich so beiläufig in einem Absatz abgehandelt zu haben!

 

 

Diskussion

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9 Kommentare zu „Drei Stunden zugehört: Die Zeugen des Holocaust“.

  1. Ob die Dokumentationen ausreichen werden, die Erinnerungen so zu erhalten, dass die Nachwelt auch weiterhin die richtigen Lehren daraus zu ziehen vermag?

  2. @Juri: ich hoffe es! Kommt halt darauf an, ob man die Menschen dazu bewegen kann, solche Dokus auch anzusehen. Angesichts der Detailliertheit und Intensität der Berichte ist es m.E. nicht zwingend nötig, dass ein lebendiger Zeitzeuge vor einem sitzt, um von den Erzählungen berührt zu werden.
    Die Enthaltsamkeit unserer öffentlichrechtlichen Sender finde ich hier kritiwürdig! Zeitpunkt und Sendekanal der Filme zeugt nicht gerade vom Willen, diese Inhalte einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Auf ARD lief um 20.15 irgendwas Unterhaltendes – am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz!

  3. Es ließe sich viel dazu sagen.

    Ein Problem ist sicher, dass die letzten Überlebenden wie auch die Verbrecher aus dieser Zeit sterben und damit der direkte Draht abreißt.

    Dann kommt dazu, dass dieses Gedenken vor allem im Offiziellen immer mehr Ritus, Ritual und oft ungeliebte Pflichtübung wird und das auch deutlich spürbar so zur Schau kommt. Da schwingt im Hintergrund gerne dieser nicht mögliche Schlußstrich mit, der dem Erinnern am liebsten ein Ende setzte ganz ähnlich wie das kollektive Vergessen sofort nach Kriegsende.

    Ein weiteresalleine schon rhetorisches Problem dabei ist, dass bei der ganzen Sache das Wort Faschismus gemieden wird wie das sprichwörtliche Weihwasser vom Teufel. Denn der Gegenpol zum Faschismus ist der Antifaschismus und da schwingt dann wieder so Antifa mit, obwohl das zwei paar Schuhe sind. Aber das wäre im Hintergrund der Aspekt, dass es ja gesellschaftlichen Antifaschismus gibt, der nicht einmal irgendwie politisch oder ideologisch begründet sein muss, aber über den Begriff an sich eine Antifa positiv definieren müßte. Und das geht halt in diesem System nicht. Liber wirft man dem Antifaschismus Knüppel zwischen die Beine mit Radikalenerlässen, albernen Extremismusablässen oder dem Versuch, Vereinen wie dem VVN-BdA die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Sind doch in aller Regel solche Vereine im links konnotiert, obwohl das nicht zwingend so sein muß, sondern viele Faschismus einfach Schei.. finden, ohne explizit linken Idealen anzuhängen.

    So btw. wäre bei einem echten Gedenken mit allem Drum und Dran auch immer noch ein längst nicht abgeschlossenes Aufarbeiten fällig, welches nach den einzelnen Tätern die mit den Nazis verbandelten und vom Krieg profitierenden Unternehmen in die Pflicht nimmt und zumindest die überfallenen Staaten entschädigt. Und das geht ja nun mal gar nicht. Auch das hat Tradition und geht ja zurück bis in die Kolonialzeit, wo Honi´s Lampenladen weg mußte, um dieses alberne Schloßimitat in das Berliner Zentrum zu kotzen, während die ehemaligen Kolonien bis heute auf die Rückgabe geraubten Kulturguts nebst einem offiziellen Verzeihen für die damaligen Verbrechen warten.

    Die Sache hat man ja immerhin nach dem Zweiten Weltkrieg schon so lange ausgesessen, dass ein persönliches Entschädigen meist nicht mehr möglich ist.

    Und da greift dann auch der feine Unterschied zwischen Verzeihen und Entschuldigen, denn begrifflich schwingt im Entschuldigen das Entschulden mit und das ist beim Thema Holocaust nicht möglich. Und ein Bitten um Verzeihen verbietet sich aus Anstand im Grunde von selbst, zu vergeben sind diese Verbrechen ohnehin nicht mehr. Es bleibt tatsächlich nur die sehr schwache Hoffnung, dass so etwas wie dieser industriell geplante und ausgeführte Massenmord an mißliebigen Menschen nicht mehr geschieht!

    Primo Levi hat das allerdings bereits realistisch ausgedrückt mit seiner Aussage:

    „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben. Es kann geschehen, überall. Weder kann ich noch will ich behaupten, dass es geschehen wird.“

    Ein Artikel im Deutschlandfunk beschreibt dieses oftmals nur Pseudo-Gedenken auch recht gut, ganz ähnlich wie der mehr und mehr zum Gruseltourismus verkommende Besuch von Konzentrationslagern, der sich den Hintergründe dieses Grauens gar nicht mehr annähern will.

    Thomas

  4. Thomas beschreibt die Problematik, die wahrscheinlich viele auch sehen. Das Gedenken wirkt oft aufgesetzt oder gezwungen. Das mag allerdings daran liegen, dass wir unseren politischen Vertretern immer weniger trauen. Besser gesagt: viel von dem, was wir an Vertrauen noch zu unseren Politikern hatten, ist inzwischen verbraucht. Darunter leiden natürlich auch solche Anlässe. So wichtig sie gerade in diesen Zeiten sind. Gerade kursiert, dass 30 % der Deutschen antisemitische Vorbehalte pflegen. Wir wissen, dass die politische Rechte ihren Anteil an der Entwicklung hat. Allerdings war der „Bodensatz“ in unserer Bevölkerung, der antisemitische Ressentiments pflegt, noch nie unter 20 %. Das ist empirisch nachgewiesen. Jetzt hat sich diese Zustimmung zu solchen Vorurteilen vergrößert. Verstehen muss man das nicht, noch viel weniger akzeptieren. Es geht darum, dass wir ehrlich zu uns selbst sind. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr Distanz entsteht. Daran, dass die Zeitzeugen bald nicht mehr zur Verfügung stehen, um uns die schrecklichen Erlebnisse zu berichten, werden wir nichts ändern. Dass es zumindest anekdotische Überlieferungen der Geschehnisse dieser Zeit gibt, ist ein schwacher Trost. Deshalb sind solche Sammlungen von Aussagen der Zeitzeugen bzw. der noch persönlich betroffenen Menschen so wichtig. Aber wir dürfen uns nichts vormachen. Je mehr Zeit zwischen der Schoah und der Gegenwart vergeht, desto mehr verblasst die Erinnerung und je weniger fühlen Menschen (in Deutschland) sich verantwortlich.

    Claudia, Danke für die Links zu den YouTube-Videos.

  5. Für mich ist der Holocaust eine Art Erbschuld. Nicht in dem Sinne, dass meine Generation schuldig wäre, sondern in dem Sinne, das wir alles, wirklich alles daran setzen müssen, dass sich so ein verbrechen nicht wiederholt.

    Meine Großmutter, die im Krieg Schreckliches mitgemacht hat, hat mir immer wieder eingeschärft, dass wir, bzw. die jeweilige Genration verantwortlich dafür sind, bereits Ansätze nicht nur von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu bekämpfen. Mit Schrecken höre ich heute wieder von Funktionären und Politikern, die von „Entsorgungen von Menschen“ sprechen. Wer das Buch vom AFD-Chef Höcke gelesen hat, muss eigentlich unweigerlich zusammenzucken.

    Wenn Höcke vom „vollständigen Sieg“ der AFD daherfaselt, den Parteien “entartete Politik” vorwirft, wenn er an das „tausendjährige Deutschland“ erinnern möchte, von unterschiedlichen „Reproduktionsstrategien“ spricht, will er das als Weitblick eines Historikers verstanden wissen – allein ist ist die Sprache der Nationalsozialisten.

    Wenn ich lese, dass der erste Rechtsextremist auf einen Richterstuhl zurückkehren darf, wird mir – Verzeihung – schlecht.

    Wir sind weit gekommen in Deutschland, hoffen wir dass der Rechtsextremismus in der BRD nicht über die Zielmarke schlägt, die eine Demokratie noch aus – und gegen zu halten weiß.

  6. @Horst Das Vertrauen schwindet doch eher an anderer Stelle. Die beiden höchsten Staatsämter werden nicht von Vertrauenspersonen bekleidet!

    Der Eine tat sich hervor, indem er Staatsbürger von ausländischen Mächten foltern ließ und das massenhafte Ausspähen seitens „befreundeter“ Staaten als nichtig titulierte, der Andere glänzte im Inneren mit Folter, Polizeigewalt, Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Engagement für den Niedriglohnsektor. Und das sind nur die Offensichtlichkeiten.
    Ich erwarte da zwar auch keine moralische Instanz, dafür reicht Eugen Drewermann noch komplett aus, aber auch nicht den Paten.
    Was hat denn das für eine Signalwirkung nach außen?
    „Guck mal, auch in Deutschland wirst Du nur noch als Verbrecher was.“

    Es ist ein reines Wunder, dass es keine Pferdeköpfe regnet.

  7. @Juri Nello, das sagte ich ja – ohne freilich alle Namen aufzuzählen, die aus meiner Sicht für den Vertrauensverlust in erster Linie verantwortlich sind. Das ist nämlich leider nicht nur von objektiven Sachverhalten abhängig, sondern ebenso von der politischen Gesinnung der Kritiker. Liegen die Pferdeköpfe nicht unter der Bettdecke? Ach, ich hab keine Ahnung.

  8. Qualität, liebe Claudia, hat nichts mit Quantität zu tun. Du hast das Thema, wie auch @Horst, wieder auf den Bildschirm gebracht, und das zählt !!! Das zeigt sich auch in den nachdenkenswerten Kommentaren und ich bin davon überzeugt, das es viel mehr Leser umtreibt, als es sich in der Anzahl der Kommentare zu zeigen scheint. Es ist auch nicht einfach, sich in diesem hochkomplexen Thema auf einem blog auszutauschen. Danke an alle, die ihre Gedanken hier gelassen haben.

    Ich bin der Meinung, das Geschichte ihre Zeit braucht, bis eine Verarbeitung der Geschehnisse beginnen kann, besonders, wenn sie so furchtbares Leid erzeugt hat, wie es das 1000-jährige Reich hervorgebracht hat. Ich finde ebenfalls, im weltweiten Vergleich, dass sich in Deutschland viele mutig dieser Aufarbeitung stellen. Das erzeugt bei mir Respekt, vor allem durch meine Annahme, das es Zeit dazu braucht und dies nur in kleinen Schritten nach und nach erfolgen kann. Aber,- es geschieht.

    Was kann ich dazu beitragen?

    „Der Schoß ist fruchtbar noch…. „, schreibst du. Ja, das ist er. Und das zeigt sich. Verarbeitet habe ich diese Erkenntnis 2019. Gauland war der Initiator dazu, der Ehrenvorsitzende einer Partei, die 10,3 % der Wahlberechtigten 2021 gewählt haben.
    https://www.youtube.com/watch?v=I-bx9toS5Z0&ab_channel=MenachemWelcland

    „Der Schoß ist fruchtbar noch…“, und wird sichtbar in jeglicher Art von Diskriminierung und Ausgrenzung gesellschaftlicher Randgruppen, die nicht mit ideologischen Postulaten übereinstimmen. Auch und besonders in der derzeit aktuellen und unübersichtlichen Situation. Diese Zündschnur liegt immer. Wie damit umzugehen,- das ist es vielleicht, was wir üben müssen, um aus der Geschichte zu lernen.

  9. Menachem sagt es.
    Ich kann mich da weniger gut ausdrücken, stimme aber zu, auch dir, liebe Claudia.
    Und: Es treibt mich seit jeher um, und WIE!
    Gruß von Sonja

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