Claudia am 28. Dezember 2021 — 6 Kommentare

Zukunft Web3: Die Dystopie der totalen Finanzialisierung

Das Web der Plattformen und weitgehend zentralisierter Konzerne ist noch nicht das Ende der Entwicklung. Vielen Kritikern und Akteuren reicht das Bemühen nicht, hier mehr zu regulieren, um die Macht dieser Strukturen zu beschneiden.Ein neues Konzept, das in den Anfängen bereits Realität ist, soll – wieder einmal – die Macht dezentralisieren und somit „demokratisieren“. Das sogenannte „Web3“ hat allerdings eine dunkle Seite, die grundstürzender sein könnte als alles, was wir bisher kennen, lieben und fürchten gelernt haben.

Aufmerksam geworden bin ich durch einen über Twitter geteilten FAZ-Artikel

Das Web3 als Anfang der Finanzialisierung von allem: – Nach dem Web 2.0 soll jetzt das Web3 wieder einmal die Ökonomie demokratisieren und Macht dezentralisieren. Doch das ist eine trügerische Hoffnung.

Weil der Text eine recht lange Anlaufzeit braucht, um zur befürchteten Dystopie zu kommen, fürchte ich, dass ihn kaum jemand bis zum Ende liest. Zunächst geht es um Bitcoin, die Kryptowährung, die wir alle kennen, die jedoch droht, sich auf Geldanlangen auszuweiten, wo wir sie nicht vermuten: In Staatsanleihen, Rentenfonds und andere als „sicher“ geltende Anlageformen.

Das allein würde viele von uns noch nicht groß tangieren, schon mangels Masse. Allerdings soll das System der unregulierten Kryptowährungen zu einer neuen Finanzierung von allem und jedem  ausgebaut werden und – so fürchte ich – am Ende in Form des „Web3“ die „Kultur des Kostenlosen“, wie wir sie kennen, ablösen. Betrieben wird das von Aktiven im Silicon Valley, für die bereits die jetzige Netzwelt eine Dystopie ist. Und so soll sich das ändern:

„Zur Überwindung der Dystopie des Web 2.0, so argumentieren die klügsten Köpfe des Silicon Valley, reicht eine Regulierung nicht aus: Wir bräuchten einen radikalen Wechsel hin zu einem anderen Modell – dem Web3. Im Web3 ist alles dezentralisiert und finanzialisiert, also der Logik des Finanzsektors unterworfen: Jede Gemeinschaft kann nicht nur ihre eigene Währung einführen und verwalten, sondern auch ihre Ressourcen eigenständig verteilen, indem sie Anteile, sogenannte Tokens, ausgibt und diese später mit der Außenwelt handelt. Tokens sind programmierbare und handelsfähige digitale Objekte, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Sind sie austauschbar („fungible“), kann man sie als Währung oder Miteigentumsanteil nutzen; sind sie einzigartig, können sie auch als Kunstwerke oder Sammelstücke dienen, wie die NFTs (Non-Fungible Tokens), von der die Kunstwelt erobert wurde.“

Das mit den „Tokens“ als handelbare Objekte hab ich schon mitbekommen und bisher für eine Spielerei für Gamer, Nerds, Fans und Spekulanten gehalten, die „irgendwie“ den Bitcoin-Erfolg im kleinsteln Maßstab nachbauen wollen – irrelevant für die Allgemeinheit. Laut FAZ haben zudem Studien gezeigt, dass die Hälfte der Tokens glatter Betrug sind – na viel Spass dabei, denk ich mal so.

Aber weiter:

„Das populistische Versprechen, das dem Web3 zugrunde liegt, besagt, dass, sobald die Kryptowährungen die Finanzkräfte vom korrumpierenden Einfluss der Wall Street, der Europäischen Zentralbank und anderer etablierter Institutionen gereinigt haben, die Politik selbst obsolet sein wird; dann werden wir in der Lage sein, die Menschen allein über finanzielle Anreize zu beeinflussen – eine dezentralisierte Version des chinesischen Sozialkreditsystems.“

In Kunst und Kultur sollen alle Kreativen wie ein StartUp agieren, die eigenen „Tokens/NTFs“ heraus geben und so den Markt über ihre Vorhaben entscheiden lassen.

„So können die Käufer über die Lebensentscheidungen der Aussteller dieser Tokens abstimmen. Da wir ohnehin alle Humankapital sind, warum nicht die Märkte entscheiden lassen, welche Karrieren wir verfolgen und welche Jobs wir annehmen?“

Das erscheint mir noch nicht als „ganz neu“, denn viele gehen bereits diesen Weg, nutzen jedoch meist noch Geldsammlungen über Plattformen. Im neuen System wären die mit der Einzahlung verbundenen Berechtigungen (erste Produkte, evtl. dann auch Gewinn-Anteile) allgemein handelbar. Aber bei der Kunst soll es nicht bleiben:

„Ebenso können nun alle Organisationen des traditionellen Non-Profit-Sektors, von denen viele von staatlichen Subventionen und Steuern abhängig sind, durch spontan gebildete „Dezen­trale Autonome Organisationen“ ersetzt werden, die DAOs – eines der heißesten Themen in der Welt der Blockchains. Als solche können sie sich durch die Ausgabe von Tokens finanzieren, die von ihren Fans gekauft werden. Viele DAO-Enthusiasten verwenden eine bizarre Sprache, die Astrologie und Systemtheorie vermischt, und diskutieren darüber, was DAOs und andere Organisationen von Sekten lernen können.“

Weiter gedacht, könnte alles „tokenisiert“ werden, Wälder und Seen werden Anlageklassen, der Markt entscheidet über den Erhalt von Ressourcen, die den Klimawandel bremsen.

„Im Web3 gibt es für alles eine Mikrozahlung; jeder Prozess und jedes Objekt kann „tokenisiert“ werden; jeder wird ermutigt, sich als potentiell kommerzielle Marke zu betrachten. Wir alle sind nur einen Mausklick davon entfernt, unsere Familien und Haustiere als Tokens und damit als Investitionsobjekte an einer Kryptobörse anzumelden, in der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages an Wert gewinnen.“

Weil der Begriff „Krypto“ allerdings verbrannt ist, haben sie die Bezeichnung „Web3“ gefunden, um – wieder einmal – eine „schöne neue Welt“ zu installieren, die endlich alles nicht mehr braucht, was nervt: Regulierungen, politisch steuerbare Finanzierungen, am Ende könnte gleich auch das Sozialsystem zusammen gestrichen werden:  Geh doch an den Markt, wenn du Geld brauchst!

Was denkt Ihr? Hat das echte Chancen? Oder ist es eine Träumerei mittels totaler Übertreibung randständiger Phänomene?

Diskussion

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6 Kommentare zu „Zukunft Web3: Die Dystopie der totalen Finanzialisierung“.

  1. Das wird sich nicht durchsetzen. Bei dem Spiel geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Macht und Sex.
    Die eigens geschaffenen Märkte werden die Althergebrachten sich nicht von ein paar alten Nerds und ihren noch älteren, verteilten Datenbanken verhageln lassen. Solange das nutzt, um die Staaten zu derangieren, so dass schneller Profite für die Althergebrachten erwirtschaftet werden können, wird das als zus. Instrument genutzt. Da das bislang nicht ganz der Fall ist, dürfte man das in die Suppe spucken ziemlich schnell mit Stromausfall und brennenden Serverzentren beantworten. Die folgerichtigste Dystopie bleibt damit immer noch Incorporated [tm].
    Konzerne übernehmen Staaten. In ist wer drin ist. Der Rest kämpft in der Madmaxzone in einer andauernden Dürreperiode um sein Überleben.
    Die Vorstufe davon erleben wir bereits jetzt.

  2. @Juri: Danke! Allerdings sind es nicht „ein paar alte Nerds“, sondern:

    „Ein Teil der Tech-Industrie scheint nun ganz wild darauf zu sein, den anderen Teil zu zerschlagen. Angestachelt von chronisch hungrigen Risikokapitalgebern, attackiert die neue Generation von Start-ups das stark zentralisierte, werbebasierte Modell von Google und Facebook als unfair gegenüber den Nutzern. Die utopische Welt des Web 2.0 – mit ihren Versprechungen von kostenlosen oder zumindest subventionierten Diensten – erscheint plötzlich dystopisch. Auch Teile der alten Garde haben das Licht gesehen: Jack Dorsey, Mitbegründer und langjähriger Geschäftsführer von Twitter, hat seinen Job aufgegeben, um mehr Zeit damit zu verbringen, über Bitcoin und El Salvador zu twittern.“

    Im Artikel werden auch Erfolge in Sachen Regulierung der Big Player aufgezählt, doch die Regulierung der Krypto-Märkte ist noch kaum angegangen.
    Dafür drohe laut dem Autor nicht weniger als die Abschaffung der Politik:

    „Die Logik der meisten ihrer Projekte ist in höchstem Maße antipolitisch. So wie Bitcoin das Zentralbankwesen überflüssig machen wollte und die Geldschöpfung Algorithmen überließ, wollen diese neuen „tokenisierten“ Instrumente die traditionelle Politik und jede demokratische Verhandlungsdynamik unnötig ma­chen und sie durch die Preis- und Verteilungsmechanismen des Marktes ersetzen.“

  3. Okeee, das könnte länglich werden. mein erster Impuls wäre: Darüber muss ich mal nen längeren Text schreiben und hier nen Link posten.

    Aber ich versuch es mal hier vorzustrukturieren.

    1. Web 3.0, Web 3D und Metaverse

    Das ist jetzt der x.te Versuch das Web 3 auszurufen: Der erste war das ‚Semantic Web‘ (entweder, das ist schiefgegangen oder dieses Web 3.0 ist unsichtbar in das Web x.0 integriert). der 2. versuch war das Web 3D, also Second Life. Ha, hm, das erlebt ja gerade als ‚Metaverse‘ ein Revival und ich glaube es wie damals erst, wenn es dann auch so wird. Gerade sehe ich eher den Trend zur Konsumption von Kurzschnipseln an Video oder stundenlangen Podcasts. Also so ziemlich das Gegenteil von ‚Immersion‘.

    D.h. hier wird wieder mal versucht einen Begriff (um)zu/prägen um dann sagen zu können ‚ich war’s‘ und (bisschen böse:) den Rest des Lebens auf Events Keynotes zu halten für 10k/Gig (oder mehr).

    Ach ja, ich hab die letzten Tage als mal bei SL vorbeigeschaut. An sich müssten da ja alle mal gucken gehen, was in 3D so an Konzepten existiert. Entweder ich bin untalentiert oder ich find na keinen zum Reden. Die Ländereien sind verlassen oder „privat“, an Loginpoints lungern die „Idler“ rum, die nicht reagieren.

    Ideen, eine Art offen vernetztes Second Life zu bauen (eine Art 3D-Fediverse) gab es schon damals, Demovideos hab ich damals gesehen, ich meine auch ich hätte da ‚in irgendwas rumgemacht‘ — wo ist das alles?

    2. Blockchain

    Warum jetzt das Metaverse nur mit Blockchain Sinn machen soll, erschließt sich mir nicht. Natürlich kann man da ‚Land kaufen‘ oder ‚Häuser mieten‘ wie damals in Second Life. Wer das damals als Invest begriffen hat … hm ;) Die Karawane zog schon immer weiter. Inzwischen ja gar von Google zu TikTok. (Als wenn das eine das andere irgendwie ersetzen würde. Wohl eher von Youtube und Insta zu Tiktok…)

    Auch hier scheint mir, müssen ein paar Leute die Keywords, in die sie investiert haben, hochjazzen. Um zumindest die Investoren happy zu halten — so lange es halt geht.

    3. Kommerzialisierung/Free

    Ja, hm. an sich war ja Netcontent noch nie wirklich ‚free‘, denn irgendwer hat immer den ‚Creator‘ bezahlt. anfangs die Hochschulen oder Forschungsinstitute, oder große Firmen wie IBM (BITNET) oder Nasa oder sonstwer. Oder man hat sich in der Freizeit selbst ausgebeutet — bis man einige Skills weiterverkaufen konnte.
    Inwiefern Grundeinkommensideen hier eine Rolle spielen: Interessant. ein BGE wird aber wohl nicht reichen um sich dicke Leitungen und Hardware für ein Web 3D/Metaverse (+Blockchain Mining) zu leisten.

    Eine Art alternative Währung zu bauen, fände ich gar nicht so doof. Es gibt ja die Idee des ‚Whoofie‘ aus dem SF-Buch ‚Down and out in the Magic Kingdom‘ (das gratis als PDF runterladbar ist, Autor Cory Doctorow.) Und es gibt das (bei mir angelesen rumliegende) Buch ‚The Whoofie Factor‘ von Tara Hunt. Ähnliche Ideen hat Mario Sixtus in dem TV-Film Hyperland (den ich phasenweise nicht verstehe) aufgenommen: https://www.zdf.de/filme/das-kleine-fernsehspiel/hyperland-100.html

    D.h. es ginge darum, wenn man so will, Reputation zu quantifizieren, NICHT darum, Geld zu ersetzen.

    Es gab sogar zeitweise ein Tool, mit dem man Whuffie via Twitter „überweisen“ konnte. Ging wohl irgendwann kaputt. Manche haben gar Dienstleistungen gegen Whuffie angeboten (keine Ahnung, was das Finanzamt dazu sagt – das ginge dann doch in die Geldrichtung).

    Hypothese dazu: während einigte es für Geld machen werden (ob Kunde oder Crowdfunding: beides erfordert Marketing), werden sich andere eben hobbymäßg damit beschäftigen und es bleibt entweder Hobby oder wird zum verkäuflichen Skill und sie ‚wechseln das Lager‘ (Mixformen davon auch schön zu beobachten bei vielen (ÖR/funk-)Youtubern…).

    Fazit:
    – Ich sehe am ehesten Keywordhype, um Investitionsversprechen einzulösen. Hauptindikator dafür: das ewige ‚3.0-Recycling.
    – Alternative Kompensationssysteme (Whuffie) fände ich interessant – und baue gern mit.
    – Das Metaverse (am vielversprechendsten IMO: der virtuelle Workspace oder Spiele) und die 200%-Tokenisierung incl. Cashflow — glaube ich, wenn ich es sehe. Ich denke: Hobbyisten wollen auch weiterhin ‚digital rumspielen‘ – mit welchem Hintergedanken auch immer.

  4. Apropos Zukunft: Cannabis wird nicht legalisiert. Grund: Corona. Da man seit 1976 allein schon der Grippe hinterher impft, kann man sich ausrechnen, wann da ein neues Zeitfenster für dieses Vorhaben bestehen könnte. :D

  5. Das Metaversum (englisch metaverse) ist ein kollektiver virtueller Raum, der durch die Konvergenz von virtuell erweiterter physischer Realität und physisch persistentem virtuellen Raum entsteht – einschließlich der Summe aller virtuellen Welten, der erweiterten Realität und des Internets. Das Wort Metaversum ist ein Kofferwort aus der Vorsilbe meta‑ (in der Bedeutung „jenseits“) und Universum; der Begriff wird üblicherweise verwendet, um das Konzept einer zukünftigen Iteration des Internets zu beschreiben, das aus persistenten, gemeinsam genutzten, virtuellen 3D-Räumen besteht, die zu einem wahrgenommenen virtuellen Universum verbunden sind.[1] In Abgrenzung dazu besteht ein Massively Multiplayer Online Role-Playing Game aus einer einzigen Welt. Im Metaversum können User die Welten mitgestalten und dort „leben, lernen, arbeiten und feiern“.

  6. Halle alle,
    herzlichen Dank für Eure substanziellen Kommentare! Und wünsche bei der Gelegenheit ein gutes neues 2020!
    Bezüglich des Web3 denke ich auch: da wird wieder „groß gedacht“, aber die Realität wird am Ende nicht so aussehen, sonder eher „klein-klein“ allerlei zersplitterte Aktivitäten hervor bringen, die nicht wirklich das Web „ganz anders“ machen werden.

    Das „Metaverse“ hab ich absichtlich nicht in den Artikel mit eingebaut, weil ich das gegenüber dem Web3 für noch unwahrscheinlicher halte. Erinnert mich an Second Life, etwas geupdatet mittels AR und VR. Schon jetzt, in den ganz normalen Social Media, finden viele es zunehmend unerträglich. Kann mir kaum vorstellen, wie das in virtuellen Welten abgehen könnte…. leben, lernen, arbeiten und feiern mit XYZ aus aller Welt? Da glaub ich nicht dran, aber wir werden ja sehen!

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