Claudia am 02. Februar 2020 — 29 Kommentare

Vom Unbehagen am Gedenken

Letzte Woche hat sich die Befreiung von Ausschwitz zum 75. mal gejährt. Einer von vielen Zeitpunkten für das Gedenken an die dunkelste Vergangenheit. Ein Anlass, um auf Veranstaltungen und in vielen Medien auf die Verbrechen der Deutschen in jenen Jahren hinzuweisen, die die Welt ins Unglück stürzten.

Die in noch nie da gewesener großindustrieller Manier in extremster Menschenverachtung geplante und durchgeführte Vernichtung von Millionen Juden aus fast ganz Europa, von Sinthi und Roma, Schwulen, Kommunisten und anderen, die dem Regime als irgendwie widerständlerisch vorkamen, verdient es, wieder und wieder erzählt zu werden. Warum?

Damit es nicht noch einmal geschieht, nicht so und auch nicht in ähnlicher Form. Und aus Entsetzen über das, was da im Detail passiert ist und dem daraus wachsenden Respekt vor den Opfern, deren Leiden nicht vergessen werden sollen. Genauso wenig wie die Schandtaten aller Täter und jener, die Ausschwitz und die gesamte Vernichtungsmaschinerie zugelassen, sich oft sogar noch selbst dabei bereichert haben.

Warum fühlen sich manche vom Gedenken genervt?

Bei der Untersuchung dieser Frage lasse ich mal jene außen vor, die das „tausendjährige Reich“ und all die unsäglichen Verbrechen als „Fliegenschiss“ marginalisieren. Ich will mich in diesem Blogpost nicht mit stramm Rechtsradikalen auseinander setzen, nicht mit Holocaust-Leugnern und Relativierern. Es geht mir vielmehr um das Unbehagen am Gedenken, das von ganz normalen, ansonsten jeglicher Nazi-haften Gesinnung unverdächtigen Menschen gespürt wird.

Am besten fange ich da bei mir selber an, sprich: bei meinem jüngeren Ich.

Als in den 70gern Sozialisierte (Abi 1973) bewegte ich mich in kulturell linken Kreisen, ohne selbst besonders politisch zu sein. Der Zeitgeist war so, jedenfalls bei den Jungen: links im Sinne von „gegen alle Unterdrücker“ und für alle Unterdrückten. Man sammelte in den Kneipen per Spendendose „Waffen für Nicaragua“ und das Palästinensertuch war ein beliebtes modisches Accessoire – auch ich trug es gerne. Zwar hauptsächlich, weil es mir gefallen hat, aber dass es auch „irgendwie“ was mit dem Kampf der Palästinenser gegen das übermächtige Israel zu tun hatte, war mir durchaus recht.

Überhaupt Israel: Ich sah nicht ein, dass man die Politik Israels nicht kritisieren dürfen sollte, bzw. warum die  „Solidarität mit dem Kampf des palästinensischen Volkes“ etwas Falsches sein könnte. Die ganz besonders Israel-freundliche Haltung des offiziellen deutschen Staats und somit „der Herrschenden“, der Elterngeneration, der Alten und Gestrigen erschien mir als Heuchelei und so überflüssig wie ein Kropf!  Was hatten denn „wir Heutigen“ mit den Schandtaten unserer Vorfahren zu tun? Meine Eltern waren bei Kriegsende 18 und 20 Jahre alt, beide keine Ton-angebenden Nazis – und selbst wenn sie es gewesen wären: Warum sollten die deutschen Untaten der Vergangenheit uns Jungen jetzt vorschreiben, was wir zu denken und wie wir uns zu verhalten hätten?

Das phasenweise mal mehr mal weniger intensive „Gedenken“ erschien mir in gewisser Weise auch als Beleidigung: Glaubten die wirklich VON UNS, wir wären im Stande, auch nur im Ansatz vergleichbare Untaten zu begehen? Wir Jungen, die Bürger/innen von heute und morgen, die wir doch gegen Unterdrückung und Ausbeutung in aller Welt antraten (zumindest verbal) standen doch gar nicht in der Gefahr, per Gedenken von Wiederholungen abgehalten werden zu müssen. Neonazis waren damals noch eine marginale Erscheinung und rechte Parteien scheiterten regelmäßig. Es gab also aus meiner Sicht gefühlt keine sinnvollen Adressaten des ständigen „Gedenkens“.

Auf die Nerven gingen mir auch Erlebnisse beim Reisen. Während der Familienferien in Italien in den 60ger- und frühen 70ger-Jahren wurde ich von einheimischen Jugendlichen nicht selten mit „Germania? Ah, Iieetler“ und dem Hitler-Gruß begrüßt. Als wäre Deutschland immer noch Nazi-Deutschland – hatten die denn ein Rad ab? Intuitiv lastete ich dieses Verhalten und weitere, mir aufgedrängte Bezugnahmen aufs 3.Reich dem „ewigen Gedenken“ an und weniger dem kulturellen Nachhall der realen Verbrechen meiner Vorfahren.

Was hatte denn ICH damit zu tun?

Nichts, also war ich genervt. Noch etwas Anderes empfand ich als „irgendwie unangenehm“: Es gab spontane Singe-Runden am Strand, wenn jemand eine Gitarre dabei hatte. Die Jugendlichen aus Italien, Frankreich und England sangen immer auch irgendwelche nationalen Loblieder oder zumindest bekannte Volkslieder. Ich dagegen hatte nichts dergleichen im Gepäck, nur ein unangenehmes Gefühl rund um dieses Fehlen.

Nicht dass ich GERNE leichten Herzens die Nationalhymne gesungen hätte! Ganz im Gegenteil waren wir doch heftigst staatskritisch, antinationalistisch, antiimperialistisch und antikapitalistisch eingestellt -. ja was denn sonst? Jegliche nationale Selbstbeweihräucherung war uns ein Graus, ein NoGo, eine Sünde ewig Gestriger, die nicht aus der Geschichte gelernt hatten, dass es in den Untergang führt, „Deutschland“ zu rühmen. Es wurde nicht einmal benannt, wir lebten in der „BRD“.

Trotzdem war es eine blöde Situation, in diesen Runden aufgefordert zu werden, auch mal „was Deutsches“ zu singen – und dann einfach in einem Konglomerat wirrer Gefühle stecken zu bleiben, unfähig, eine sinnvolle Antwort oder ein unverfängliches „deutsches Lied“ zum Besten zu geben.

NICHT MEINE SCHULD, verdammt nochmal! Was habe ICH damit zu tun? Nichts! Das stand mir oft im Kopf, wenn es ums Gedenken ging. Egal ob es in ritueller, medialer, kulturell tradierter Form auftrat oder dadurch, dass Menschen aus anderen Weltgegenden mich auf die Nazi-Vergangenheit ansprachen.

Das erste Verständnis: Schuld versus Scham

Schuld von mir weisen, das war genau betrachtet der Hauptreflex, der meine Haltung zu „alledem“ kennzeichnete. Schuld waren meine Vorfahren, nicht ich. Damit hatte ich zwar Recht, doch stand diese im Grunde egozentrische Sicht der Dinge  wie eine Mauer zwischen mir und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Geschehnissen und ihren Folgen.

In den 80gern, an einem der vielen Abende, die ich damals in Kneipen zubrachte, kam ich im Gespräch mit meinem Freund (und Mitstreiter im sozialen und politischen Engagement) auf Auschwitz zu sprechen. Wir hatten schon einigen Alkohol intus, der ja bekannterweise das Emotionale verstärkt, und redeten uns in eine ungewohnte Ergriffenheit hinein. Wir stellten uns vor, es würde Ähnliches wieder geschehen und wir als aktuell politisch Unbequeme würden in die Fänge der Täter geraten.

Bierselig und entsprechend rührselig sahen wir uns tief in die Augen und versicherten uns gegenseitig: Nie, nie, niemals würden wir brav an einer Rampe oder vor einer Gaskammer anstehen und warten, bis wir dran kommen! Wir würden uns wehren, solange wir können und uns lieber erschießen lassen, als….

Bingo! Es war nicht gleich in jener Nacht, aber beim nüchternen Erinnern an dieses Gespräch fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Was wir als „Schuld“ im Gepäck haben, haben sie als „Scham“! Für sie, die Nachkommen der Opfer, musste „nie wieder!“ zwangsläufig etwas Anderes bedeuten als für die Nachkommen der Täter. Und eben auch, dass man lieber zum waffen-starrenden Staat wird, der mit seinen Gegnern und Nachbarn nicht immer zimperlich umgeht, anstatt auch nur den Schimmer eines Zweifels an der eigenen Wehrhaftigkeit – und Wehrwilligkeit aufkommen zu lassen!

Und auf einmal verstand ich auch die Berechtigung der Frage, ob ausgerechnet wir Deutschen die Richtigen sind, um Israels Politik zu bewerten…

Die wachsende Selbsterkenntnis im zunehmenden Alter rückte dann auch die jugendliche Selbstüberschätzung ins rechte Licht, die in den Beschwörungen jenes Kneipengesprächs zum Ausdruck kam. Die meisten Menschen sind  KEINE Helden (wir waren und sind es auch nicht) und würden alles tun, um noch ein bisschen länger zu leben, fast egal wie. Ignorant und ahnungslos waren wir auch, sonst hätten wir wissen können, wie perfide die Nazi-Schergen die Menschen bis zuletzt darüber täuschten, was man mit ihnen in Wirklichkeit vorhatte. Es war von „Umsiedeln“, „Arbeitslager“ die Rede, in den Gaskammern gab es Dusch-Attrappen, der Vorraum hatte nummerierte Kleiderhaken, „damit man seine Kleider wieder findet“- unfassbar schrecklich, das alles!
Die „Scham“ bei den Nachkommen der Opfer ist deshalb genauso irrational wie das verschwurbelte Verhältnis zur „Schuld“ bei den Nachkommen der Tätergeneration.

Einsicht: Verantwortung, keine Schuld

Seitdem ist meine Aversion gegen das Gedenken immer schwächer geworden bis sie endlich ganz verschwand. Seit den 90gern gibt es ein Wiedererstarken der Rechtsradikalen, das in verschiedenen Wellen kommt, jede größer als die vorherige. Es wird immer klarer, dass jene recht hatten, die wieder und wieder mahnten „der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“ und „wehret den Anfängen!“.

Das ist uns leider nicht gelungen, über die „Anfänge“ sind wir schon hinaus. Doch zeitgleich mit dem zunehmenden Nachdenken über die Gründe, warum das so ist, wird die Befassung mit den Anfängen, den Voraussetzungen und tieferen Gründen der Verbrechen im Nationalsozialismus interessanter und sehr viel selbstverständlicher. Jetzt geht es nicht mehr um MICH und ob und wie ich mich vom Gedenken gemeint fühle. Sondern darum, das gesamte grausige Geschehen vom Start bis zum schrecklichen Ende anzuschauen, zu verstehen, zu begreifen, wie es dazu kommen konnte – um die Parallelen der Anfänge zu erkennen und ihre Weiterungen bekämpfen zu können.

Zunehmendes Alter rückt übrigens auch die jugendliche Selbstüberschätzung jener Kneipennacht ins rechte Licht: Wie ahnungslos und größenwahnsinnig wir doch waren, indem wir ernsthaft glaubten, wir würden im Fall des Falles anders handeln! Die allermeisten Menschen sind keine Helden und tun alles, um noch ein wenig am Leben zu bleiben. Hinzu kommt, dass die Opfer bis zum Letzten darüber getäuscht wurden, was man mit ihnen vorhatte. Die „Scham“, die ich bei den Nachkommen der Opfer erkannte, ist genauso irrational wie das unausgegorene Verhältnis zur „Schuld“ bei uns Kindern und Enkeln der Tätergeneration.

Sich berühren lassen

Letzte Woche hab‘ ich mir viele Dokus angesehen. Auf einmal kam das alles viel näher an mich heran, berührte mich mental und emotional stärker als je zuvor. Das Hinschauen hat mich richtig mitgenommen – und gleichzeitig wunderte mich, warum das früher nicht auch schon so war! Vieles sah ich schließlich nicht zum ersten Mal.

Bin ich empfindlicher, sensibler geworden? Vielleicht ein wenig, aber nach wie vor halte ich die egozentrische Schuldabwehr von früher für den Haupt-Filter, der mir das Entsetzen, die Trauer, den Abscheu und das Mitgefühl vom Leib hielt.

In Folge dieser Revision der doch lange bekannten Tatsachen fühlte ich auf einmal, wie unangemessen und ignorant so manche „vom Gedenken Genervten“ daher reden. So wurde auf Twitter allen Ernstes Ausschwitz mit Gaza oder den chinesischen Uiguren-Lagern verglichen. So mit dem Vorwurf: „heute finden genauso schlimme Dinge (!) statt und ihr befasst euch mit „Gedenken“ an lang Vergangenes!“  Ich hatte gerade „Ein Tag in Ausschwitz“ gesehen, hatte den Überlebenden zugehört und mir kam die Galle hoch!

Zum Beispiel berichtet Maurice Kling, der Ausschwitz und einen Todesmarsch überlebt hat:

„Die SS war angehalten, nicht von „Menschen“ zu sprechen, sondern nur von „Stück“. Verstehen Sie: Sie sagten „Tausend Stück“, als ob wir Ziegelsteine oder Konservendosen wären.“

Für „Stück“ muss man auf Twitter nicht lange nach Parallelen suchen:

„Zu „Corona“ – Das wird schon nicht so furchtbar werden… wenn noch alle Grenzen, Flug- UND Seehäfen für unsere Goldstücke offenbleiben. Nachdenken wäre wünschenswert, denn die Fachkräfte sollen nun nicht an „Corona“ verrecken, nachdem sie so mühsam hergebracht wurden.“

oder:

„Grundrente: Unionspolitiker wollen Start notfalls verschieben, da sie das Geld für unsere Goldstücke braucht“

Mittlerweile kann man sich furchtbarerweise wieder vorstellen, wie es weiter gehen könnte mit den Anfängen und den Fortsetzungen. Ich mache hier aber mal einen Punkt, denn das ist ein anderes großes Thema. Und schließe mit den Worten von Maurice Cling:

„…ein äußerst wichtiger Aspekt: Wie die Nazis die Sprache manipulierten, um die Häftlinge zu entmenschlichen. Denn Dinge haben ja keine Würde und keine Gefühle. Solche Details sind meiner Meinung nach mindestens so wichtig, wie die Bilder von Leichenbergen. Die Welt muss ihre Lehre aus Auschwitz ziehen. Dazu gehört Analyse und das passende Gedenken.“

***
Auf Youtube:

Diskussion

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29 Kommentare zu „Vom Unbehagen am Gedenken“.

  1. Liebe Claudia, eigentlich kann man/ich gar keinen Kommentar zu deinem Text schreiben. Wenn man deine Worte und die Bilder, zu denen du verlinkst, auf sich wirken lässt, verstummt es in mir und es wird ganz, ganz still.

    Doch bin ich der Meinung, dass so ein Beitrag nicht stumm ohne Kommentar bleiben darf.

    Ich habe in jungen Jahren nichts verstanden und es war kein Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen wollte. Es war ein Trugschluss von mir anzunehmen, dass durch „schweigen“ alles Geschichte und in der Geschichte bleibt. Im Gegenteil. Es sitzt mir als erste Nachkriegsgeneration, viel, viel tiefer in den Knochen, als ich zulassen wollte. Im „nicht darüber reden können und wollen“ konnte ich nur erahnen und vermuten, was für furchtbare und unfassbaren Dimensionen diese Kriegsjahre hatten. Ich kann allerdings auch gut verstehen, dass es den Menschen nach 1945 unmöglich war, all dies wieder hervorzuholen.

    Heute bin ich der Meinung, dass ich „das Alles“ nie versehen werde. Ich verstehe noch nicht einmal das „wirkende“ in der Gegenwart, wie soll ich dann die Vergangenheit verstehen?

  2. @Menachem, dein letzter Absatz bzgl. des Verstehens spricht mir aus der Seele.
    Das Ungeheuerliche lässt sich schlecht fassen. Es ist nicht vorstellbar.

    Jeder Traumatisierte wird auch sein Trauma anderes erleben, anders damit umgehen (können).
    Zeigt man etwa einen Film, der das Grauen adäquat zeigt, dann erschüttert so ein Film für die Filmdauer und darüber hinaus vielleicht noch am nächsten Tag. Aber da das Grauen nicht zum jetzigen Alltag dazugehört, verliert es mit zunehmender Distanz vom Film. Es sei denn, es hat an irgendeine grausame , verschwommene Erfahrung in der Kindheit gestossen. (Alice Miller: Du sollst nicht merken).

  3. Ich danke Euch fürs Kommentieren bei diesem schweren Thema – es bedeutet mir viel, dass unter diesem Artikel nicht die Leere vor sich hin schweigt!

    Habe schon gestern den Artikel um einen wie ich finde nicht unwichtigen Passus erweitert, ihn dann aber offenbar nicht gespeichert. Also jetzt erneut einige Sätze am Ende des Absatzes zu „Schuld und Scham“ ergänzt, die diese jugendliche Selbstüberschätzung relativiert, in der ich einst befangen war.

    Mich berührt das alles derzeit wohl auch mehr, WEIL ich es mir mittlerweile vorstellen kann. Jetzt nicht das Leben/Erleiden als Betroffene/r in diesem Grauen, aber wie es zu den Taten gekommen ist, das schon! Darüber habe ich jetzt so viele Dokus gesehen und sehe andrerseits, wie HEUTE Menschen verróhen, wie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit um sich greift… wie auf einmal Meinungen und Sichtweisen wieder sagbar geworden sind, die man doch überwunden glaubte. Dass lässt sich leicht weiter denken… grusel!

    Grade gefunden:
    Leak: Nazis verraten, was sie tun werden, wenn sie an der Macht wären

  4. Ja, Claudia, unbedingte Zustimmung, wenn du sagst: „Die in noch nie da gewesener großindustrieller Manier in extremster Menschenverachtung geplante und durchgeführte Vernichtung von Millionen Juden aus fast ganz Europa, von Sinthi und Roma, Schwulen, Kommunisten und anderen, die dem Regime als irgendwie widerständlerisch vorkamen, verdient es, wieder und wieder erzählt zu werden. Warum?“
    Du antwortest in ähnlicher Weise wie Adorno: „….das Auschwitz nicht noch einmal sei….“ (Erziehung nach Auschwitz)

    Hier ein wichtiger Appell zum Mitzeichnen:
    “Auschwitz-Appell” von AnStiftern gestartet – „Wir könnten auch alles verfallen lassen und dann wird es zu Staub, …
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=58015#more-58015

  5. „Esther Bejarano, Überlebende der KZ Auschwitz und Ravensbrück zum 27. Januar 2020: Dass Auschwitz nie wieder sei – und dieses Land sich ändern muss.“

    https://www.auschwitz-komitee.de/offener-brief-an-die-regierenden-und-alle-menschen-die-aus-der-geschichte-lernen-wollen/

  6. Es ist vielleicht 4-5 Jahre her, da hatte ich das tiefe Bedürfnis, etwas „wider des vergessens“ tun zu müssen. Ich wollte die Nummer auf dem Arm meines Vaters auf meinen Arm übernehmen. In einem blog-beitrag machte mich jemand darauf aufmerksam, dass ich vielleicht vorher besser meinen Vater dazu frage.

    Ich fuhr nach Frankfurt und frage meinen Vater, ob er das für ihn Ordnung sei. Mein Vater, damals 95, antwortete mir:
    „Warst du in Ausschwitz?“
    ?
    ?
    ?
    Nein, war ich nicht. Und Adorno auch nicht. Er war zu dieser Zeit in Oxford und Greenwich Village.

  7. @Ute: und du? Hattest du denn immer schon ein ungebrochendes Verhältnis zum Gedenken? Das ist ja das Hauptthema dieses Artikels.

    @Menachem: ich erinnere mich an diesen Blogpost. Und kann deinen Vater verstehen – es wird immer ein ganz wichtiger Unterschied bleiben zwischen jenen, die Ausschwitz selbst erlebten, erlitten, überlebten – und jeder Form gut gemeinter, solidarischer „Aneignung“, die auch zur Verwirrung beitragen kann. Aber eine liebevolle Idee war es durchaus.
    Hast du eigentlich seine Geschichte irgendwo aufgeschrieben? Bzw. hat er sie erzählt?

    P.S. Und noch was: für dich als Nachkomme der Opfer muss es sehr anders gewesen sein – jedenfalls deutlich anders als das von mir berichtete.

  8. Hi, Claudia, mit deiner Frage erwischst du mich aber gerade in einem sensiblen und emotionalen Augenblick. Ja, gerade vor wenigen Wochen hat meine Schwester ein Video digitalisiert und mir geschickt, in welchem mein Vater seine Geschichte erzählt. Die eines Lodzer Juden, der nie die Chance hatte, zu emigrieren. Allerdings, das hat er mir erst sehr spät erzählt, hatte er in der ersten Zeit auch Glück, womit er auch nicht selten als einzigster Überlebender der Familie gehardert hat. Das Arbeitskommando, dem er zum Autobahnbau zugeteilt war, fehlte es an allem. An Material und Maschinen. Sie mussten in dieser Zeit nicht arbeiten und wurden gut behandelt. Das war also möglich!!! Aber es blieb nicht so.

    Das Original seiner Geschichte ist in Berlin hinterlegt, in der „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“, das Steven Spielberg anl. seines Films „Schindlers Liste“ gegründet hatte.

    Allerdings, bisher konnte ich mir das Video noch nicht anschauen. Dazu brauche ich noch etwas Zeit.

  9. @Menachem: wie gut, keine Erinnerung eines Überlebenden sollte verloren gehen, alles muss berichtet und erhalten werden!
    Dein letzter Satz verweist auf das von mit angesprochene vermutlich „ganz andere“ Empfinden gegenüber „alledem“, sprich: zum Erinnern an Ausschwitz. Ich kann mir z.B. wirklich nicht vorstellen, was dich hindert, seine Geschichte in Video-Form so schnell wie möglich anzuschauen.
    In meiner Familie wurde nur sehr selten über die Nazi-Zeit und erst recht selten bis nie über den Holocaust gesprochen. Tenor war: wir waren jung, wir wussten vieles wirklich nicht… etc.

    Erst im Nachhinein hat mich eine Bemerkung meines Vaters erschüttert, die er in betrunkendem Zustand machte – zu mir als Kind, ich war vermutlich so um die 10/11 und hatte wohl erstmalig „naiv nachgefragt“, genau erinnere ich das nicht. Er sagte jedenfalls zur Vernichtung der Juden:

    „Es wollte sie ja niemand nehmen! Sie wurden sogar in Schiffen herum gefahren, aber niemand wollte sie“.

    Unglaublich, was? So hat er ganz beiläufig und ohne groß nachzudenken die Judenvernichtung zu rechtfertigen versucht. Der Hammer!!! Und ich war zu klein, zu jung, noch weit davon entfernt, ihm ein sinnvolles Kontra geben zu können (wir hatten sowieso kein gutes Verhältnis, ich hatte als Kind meist Angst vor ihm).

    Üblicherweise berichtete er natürlich immer auch, sie (=seine Familie, Prager Deutsche, später vertrieben, seine Mutter in den Pogromen ermordet) „hätten nichts gegen Juden gehabt, hätten auch jüdische Freunde gehabt, hätten ihnen punktuell sogar geholfen“…

  10. @Claudia – Was genau ein ‚ungebrochenes Verhältnis zum Gedenken‘ ist,
    weiß ich nicht. ‚Unbehagen am Gedenken‘ verspüre ich lediglich, wenn das Opfer-Gedenken instrumentalisiert wird für machtpolitische Politik.

    Meine Sozialisation ist mit geprägt von familiärer Armut, sehr jungen bis überforderten Eltern (diese waren bei Kriegsende 14 / 15 Jahre alt) und dem Besuch einer ‚Volksschule‘ nach getrennten Konfessionen. Meine Konfession war katholisch und der Religionsunterricht entsprechend, also viel Schuld und Sühne für all die Sünden, für die der ‚liebe Herr Jesu sterben musste‘. Da ging es allerdings nicht um die Verbrechen im Nationalsozialismus, sondern um das, was in ‚Gedanken, Worten u. Werken‘ zu beichten war und dass es ‚ „ohne Kirche kein Heil“ geben kann. Meine Zweifel u. Widerständigkeit an all dem regten sich schon sehr früh, und dass ich mit Lust kirchl. Dogmen übertreten habe, zeigt sich u.a. auch daran, dass ich einen kath. Priester geheiratet habe. :-)
    Was mich als jugendlicher Mensch mit ’sozialisierte ist ganz sicher ‚Das Tagebuch der Anne Frank‘, später ‚Das denkende Herz‘ – Tagebücher der Etty Hillesum, Ruth Klügers ‚Weiter leben‘, Robert Antelme „Das Menschengeschlecht“ , Klemperers Tagebücher, Levi Primo, Imre Kertesz, Paul Celan und so vieles mehr von dem, was sog. „Holocaust-Literatur“
    genannt wird.
    Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“ , wie auch meine psychosozialen Tätigkeiten u. Beratungsarbeit waren mir Anstoss mehr zu wissen über Mechanismen, Strukturen, Manipulationen individueller Prägungen u. gesellschaftspolitischer Entwicklungen.

    All das erwähne ich, weil ich für mich sagen kann, dass ich keine Ärgerbefindlichkeiten, abgewehrte Schuldgefühle, sog. Schlussstrichgedanken in Bezug auf Erinnern und Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Barbarei kenne, sondern mich mit verantwortlich sehe dafür, „….die Verhältnisse so einzurichten , dass Auschwitz nicht noch einmal sei“.

    @Menachem – dein Bedürfnis, sich die Nr. deines Vaters eintätowieren zu lassen, um ‚wider das Vergessen‘ anzugehen, berührt mich sehr.
    Was ich nicht verstehe ist dein Hinweis auf Adorno?

    @Gerhard – du verweist auf Alice Miller und ihr „Du sollst nicht merken“.
    Die Analysen von Miller haben mir sehr geholfen zu verstehen, was Menschen erleiden, die Opfer von Missbrauch u. Gewalt geworden sind.
    Sehr wichtig wurde mir auch ihr Buch „Am Anfang war Erziehung“,
    welches vor Augen führt, dass wir nicht als Verbrecher-innen zur Welt kommen, sondern durch inhumane Erziehung und gesellschaftliche Verhältnisse dazu gemacht werden.

  11. Ich wollte dieses Jahr nirgends kommentieren, Nirgends! Aber das Thema…

    Weiter oben wurde von Ungeheuerlichkeit gesprochen und natürlich erschlägt einen ja schon die schiere Menge an Zahlen, wieviele ermordet wurden – es ist tatsächlich einfach ungeheuerlich.

    Ich persönlich habe ich mich in jungen Jahren erst damit beschäftigt, nachdem ich das Tagebuch der Anne Frank gelesen hatte. Da hatten die Opfer dann mal ein Gesicht. So jung! Was hätte aus ihr werden können!
    (Bei Amazon beschweren sich Leser, daß das Buch nicht „spannend“ wäre, das lasse ich jetzt mal unkommentiert…)

    In jüngeren Jahren dachte ich auch: müssen wir das echt für immer auf Butterbrot geschmiert kriegen. 1000 Jahre lang? (Man sprach ja vom tausendjährigen Reich…) Echt jetzt? Aber damals dachte ich auch, daß „nie wieder“ eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Auch dann, wenn man beispielsweise nicht alles an Israel gut findet.

    Inzwischen denke ich, daß man tatsächlich WIEDER gedenken MUSS. Wegen dem, was inzwischen WIEDER passiert.

  12. @Ute: hab Dank für deinen Bericht – und schön, mal was aus deinem Leben zu lesen! Die Kindheitserfahrungen mit religiösen Themen sind einen extra Artikel wert, da kann ich auch einiges erzählen – habe mich als Kind schon abgewendet, aber irgendwas nimmt man davon ja doch mit.

    @Holly: sei gegrüßt! Freut mich sehr, wenn mal eine kommentiert, die sich noch nie hier zu Wort gemeldet hat! Noch dazu wenn du sagst, du wolltest eigentlich gar nicht dieses Jahr. :-) Und ja, dass das „nie wieder“ eine Selbstverständlichkeit sei, dachte ich auch und dachten wohl viele. Und jetzt müssen wir wirklich aufpassen, dass die Anfänge sich nicht wieder auswachsen – schon krass!

  13. @Holly : „Inzwischen denke ich, daß man tatsächlich WIEDER gedenken MUSS. Wegen dem, was inzwischen WIEDER passiert.“

    Hat es denn jemals aufgehört das „was inzwischen WIEDER passiert“?

  14. „Hat es denn jemals aufgehört das „was inzwischen WIEDER passiert“?“

    Darüber habe ich noch nachgedacht, @Ute. Die Frage tut schon fast weh. Sie macht nachdenklich, sehr nachdenklich.

  15. Es sollte heißen:

    „Darüber habe ich noch nie gedacht, @Ute“

  16. Ja, @Menachem, die Frage kann nur wehtun, bei all dem Schmerz in der Welt. Doch ist es nicht so, dass dieser Schmerz um all das verlorene, zerstörte, geschädigte Leben uns alle mahnt, jedem Kind auf diesem Erdball
    Schutz und Trost zu geben?

  17. @Menachem: Die Antwort deines Vaters auf deine Absicht, seine Nr. zu übernehmen, kann ich (wohl) nachvollziehen. Er wollte ja auch zudem vermutlich nicht, daß Du auch nur einen Teil seines Schmerzes auf Dich ziehst.
    @alle:
    Ich denke auch, daß die Vermittlung von Grauen nur bedingt und temporär gelingen kann. In Wim Wenders Film über Salgados fotografische Arbeiten etwa gab es erschütternde Bilder menschlichen Leids, doch geht man aus dem Kino, flacht das Erlebte im Kino alsbald ab, man will und muß ja seinen Alltag weiter leben.
    Das INHUMANE, das als Grundlage all der Greuel zu sehen ist, das sollte m.E. betont und hervorgehoben werden. Die Gesinnung dahinter, das Achtlose, das allein hat schon eine starke Auswirkung.
    Vielleicht sollte es also darum gehen, ganz allgemein Inhumanes in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, immer wieder.
    Ich denke in diesem Zusammenhang auch etwa an die Neuauflage des Milgram-Experiments 2009 und einige Jahre später..

  18. Über deine weitere Frage, @Ute, „..jedem Kind auf diesem Erdball Schutz und Trost zu geben“ habe ich schon oft nachgedacht und beantworte sie mit „Ja“. Leider ist es nur ein theoretisches Ja, denn ich trage tief in mir meine Ressentiments. Gegenüber mir fremden und unbekannten. Das kann ich nicht mehr ändern, aber ich übe mich im Umgang damit. Was ich mir wünsche ist, dass für meine Kinder und deren Kinder diese immer mehr und mehr an Relevanz verlieren.

    Das Inhumane in uns, und den damit verbundenen möglichen Greueltaten, @Gerhard, das denke ich auch, sollte uns immer wieder vor Augen geführt werden. Wie auch nochmals das Milgram Experiment aufzeigt, wozu wir Menschen alles fähig sind. Nicht, dass wir uns noch voreilig in Sicherheit wiegen, das Tier in uns sei schon wegzivilisiert. Allerdings bin ich mir unsicher, ob ich dies als generelle Aussage so stehen lassen kann.

    Dabei ist mir schon unvorstellbar, wie es in Claudia`s verlinkter Doku „1 Tag in Ausschwitz“ gezeigt wird, das auf einer umgerechneten Wohnfläche von 90 qm über 600 Menschen hineingepfercht werden. Das sind mehr Menschen, als in einen vollen Jumbo-Jet Platz haben. Auf 90 qm!!! 600 Menschen. Und dabei die, die nahe der Einwurfschächte des Zyklon B standen, nicht den langen Todeskampf führen mussten, wie die, die nur wenige Meter davon entfernt standen und bis zu 30 Minuten vom Tod gewürgt wurden.

    Und bei alledem taucht ja auch immer wieder die Frage auf, was hat in dem fürsorglichen Familienvater das Tier erweckt, das zu diesen Greueltaten fähig war? Ich bin der Meinung, dass es dazu Menschen wie Goebbels braucht. Menschen, die wissen, wie sie diese Brände entfachen und schüren, bis es lichterloh brennt.

    Und damit komme ich zum Heute. Die wirkliche Gefahr für den sozialen Frieden sehe ich nicht in dem mitlaufenden Neo-Nazi, der erst in dieser Gemeinschaft das findet, was er sonst nicht bekommt. Für mich geht die Gefahr von den BRANDSTIFTER aus. BRANDSTIFTER wie ein Bernd Höcke, das sind für mich die BRANDgefährlichen. Und deshalb, sollte meine Schlußfolgerung stimmen, denke ich, das dort oben, am Kopf, von wo aus der Fisch am meisten stinkt, dort gilt es, besonders hinzuschauen achtzugeben.

  19. Hinschauen reicht nicht mehr:

    „Es ist ein westdeutscher Faschist (Höcke), der einen westdeutschen Opportunisten (Kemmerich) in Ostdeutschland zum Ministerpräsidenten wählt, dessen Partei in der Wahl auf 5,0 Prozent kam – 73 Stimmen über der Fünfprozenthürde. Ja, im Osten gibt es stärkere Wahlergebnisse für die AfD. Der heutige Tag jedoch zeigt: Das Problem ist nicht in erster Linie der Osten, sondern die moralische Verrohung seiner konservativen Eliten. „

    aus der ZEIT.

  20. @Menachem – ganz wichtig, was du zur Wahrnehmung auch eigener Ressentiments sagst. Der biblische Satz: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ betrifft uns doch alle. Sich dessen bewusst zu bleiben, halte ich für ganz notwendig , weil das mit dazu beitragen dürfte, ‚Ressentiments oder sonstige Unzulänglichkeiten‘ nicht an anderen auszulassen. Selbstreflexion bleibt somit eine lebenslange Aufgabe.
    Wenn unsere ‚Volksvertreter_innen‘ das auch für sich beherzigten, gäbe es womöglich nicht diesen „Tabubruch in Thüringen“.
    Natürlich braucht es über die eigene Selbst-Bewußtseinsarbeit auch die Arbeit an den bestehenden Macht- u. Herrschaftsstrukturen, somit auch die von Parteien. Lohnend die Gedanken von Simone Weil darüber:
    „Denn sobald Parteien existieren, gesellt sich zu dem eigentlichen Zweck von Politik – das Streben nach Gerechtigkeit und dem Guten – noch ein zweiter Zweck hinzu oder setzt sich sogar ganz an dessen Stelle: das Wachstum der Partei.“
    https://antjeschrupp.com/2011/08/17/simone-weils-pladoyer-fur-die-abschaffung-der-politischen-parteien/

    Ich habe mir, angesichts der Kemmerich-Wahl ,nochmal dieses Gespräch aus dem Jahre 2018 mit Heitmeyer über ‚Deutsche Zustände‘ angeschaut
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziologe-wilhelm-heitmeyer-der-begriff-rechtspopulismus.990.de.html?dram:article_id=432919

    Sehr zu empfehlen sein Buch „Autoritäre Versuchungen – Signaturen der Bedrohung“.

  21. Das Gespräch mit Heitmeyer, @Ute, fand ich sehr interessant und ich kann mich in seiner Gedankenwelt wiederfinden. Der Mann hat m.E. nach Ahnung und kann seine Analysen auf reichhaltiges Zahlenmaterial stützen.

    In diesen Zusammenhang passt für mich die Serie „Babylon Berlin“, die ich mir ebenfalls diese Woche reingezogen habe und in der die Destabilisierungstaktik der NSDAP Ende der 30er Jahre beleuchtet wird, so, wie sie Heitmeyer auch bei der AfD benennt. Deshalb passt ebenso für mich dazu die Serie „Ministerwahl in Thüringen 2020“!. Oder ist das gar keine Serie? Das ist doch nicht real passiert, oder?

    Schwierig für mich zu ertragen ist, wie hier dem Husarenstück von Höcke applaudiert wird und mit welcher Schadenfreude dieser Dolchstoß gefeiert und bejubelt wird.

    Nun, das geflügelte Wort heißt ja: Geschichte wiederholt sich nicht. Vielleicht wird dabei das Wort „wiederholt“ nur zu eng ausgelegt. Um davon abzulenken, dass die gleichen Fehler immer wieder begangen werden.

    Ich denke dabei z.B. an Männer und Frauen, die vier- oder fünfmal geheiratet haben und sich immer wieder scheiden ließen. Sicher, die Geschichten darin werden immer andere sein, aber die RESULTATE, das sind immer dieselben.
    Und ist es nicht das, was am Ende des Tages zählt?

  22. @Menachem – Bezüglich der Wiederholung von Geschichte wird ja oft auf das Marx Zitat verwiesen: „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“
    Ist zu hoffen, dass sich die „(Thüringer) Farce“ nicht ein zweites Mal wiederholt.
    Eine AfD könnte allerdings weiter mit den vorgegebenen Regularien „Spielchen“ , betreiben, indem sie z.B. einen linken Kandidaten (mit)wählt. Klar, wird sie (jetzt) nicht tun, doch wer kann schon sagen, was die zukünftige Entwicklung noch mit sich bringen wird?
    Die Frage ist, wie das zu verhindern wäre?
    Aus diesem Grunde habe ich dieser Tage einen Historiker gefragt.

    Betreff: Vergleiche mit Weimarer Republik

    Sehr geehrter Prof. Dr. Pyta,
    habe das Gespräch mit Ihnen im Deutschlandfunk https://www.deutschlandfunk.de/vergleiche-mit-weimarer-republik-historiker-voelkische.1148.de.html?dram:article_id=469734
    mit Interesse verfolgt und hänge noch an Ihrer Aussage:

    “…. wenn die Wähler sich anders entschieden hätten, wären die Nationalsozialisten zu keiner ernst zu nehmenden politischen Kraft geworden und hätten keinen Anspruch auf Regierungsbeteiligung erheben können.”
    Verweist dies nicht auf einen Grundwiderspruch, dass Parteien auch heute noch zu Wahlen zugelassen werden, die Grund- u. Menschenrechte für ALLE ablehnt?

    Macht- u. Herrschaftsstrukturen von Parteien gehörten unbedingt auf den Prüfstand.

    Wichtige Gedanken dazu hatte bereits Simone Weil:

    “Denn sobald Parteien existieren, gesellt sich zu dem eigentlichen Zweck von Politik – das Streben nach Gerechtigkeit und dem Guten – noch ein zweiter Zweck hinzu oder setzt sich sogar ganz an dessen Stelle: das Wachstum der Partei.https://antjeschrupp.com/2011/08/17/simone-weils-pladoyer-fur-die-abschaffung-der-politischen-parteien/

    Welche Formen von Mitsprache, Mitgestaltung der Bevölkerung sind notwendig, damit Machtmissbrauch verhindert werden könnte?

    Sehr interessiert an Ihrer Antwort
    sende ich beste Grüße
    ……………………..

    Sent: Friday, February 7, 2020 3:08 PM
    Subject: AW: Vergleiche mit Weimarer Republik

    Sehr geehrte Frau Plass,
    Sie weisen auf ein wichtiges strukturelles Problem hin, unter welchen Umständen Parteinen von der politischen Willensbildung in einer Demokratie ausgeschlossen werden können. Die Weimarer Republik kannte keine Parteinverbote; die Bundesrepublik besitzt dieses Instrument und hat davon gelegntlich Gebrauch gemacht, wobei die verfassungsrechtlichen Hürden bewußt hoch gehalten sind.

    In keinem Fall draf man den produktiven Anteil von Parteien an der politischen Willensbilkdung unterschätzen. Parteien sind Ausdruck der Legitimität gesellschaftlicher und politischer Unterschiedlichkeit. Wer – und solche Kräfte habe ich ja in meinem Interview benannt – hingegen von der Vorstellung eines HOMOGENEN politischen Willens ausgeht, wird Parteien verachten – und landet damit unweigerlich bei der Vorstellung, der Homogenität widerstreitende Meinungen aus dem politischen Prozeß auszuschließen. Auch dafür liefert die Zeit ab 1933 historischen Anschauungsunterricht.
    Beste Grüße
    Ihr
    W. Pyta

  23. Betreff: Re: Vergleiche mit Weimarer Republik

    Danke, Wolfram Pyta, für Ihre erhellende Rückmeldung, der ich mich anschließen kann.
    Sind aber nicht auch u. gerade Parteien ein (Herrschafts)Instrument zur Herstellung eines ‘homogenen politischen Willens’.
    Vielfalt, Heterogenität, Toleranz… das was Adorno mit “…ohne Angst verschieden sein können..” meint, das findet sich nicht unbedingt
    in Parteien widergespiegelt.

    Ich denke, dass es zu und über Parteien hinaus mehr u. direkter Mitsprache- u. Mitgestaltungsmöglichkeiten bedarf, da sonst
    Ohnmacht u. Resignationsbefindlichkeiten weiter um sich greifen, die sich besonders Parteien wie die AfD zunutze machen.

    Was halten Sie z.B. von Bürger_innenversammlungen/Räten durch Losverfahren und systemischem Konsensieren?
    Müßte nicht auch das Instrument des Parteien-Proporz überdacht u. reformiert werden?
    Und braucht es nicht so was wie “Wirtschaftsdemokratie” um das demokratische Versprechen für ein gutes Leber aller Menschen
    Glaubwürdigkeit zu verleihen?

    Würde das mit dazu beitragen , Nationalismus, Faschismus….. zu verhindern?

    Herzliche Grüße

    ……………..

    Sehr geehrte Frau Plass,
    es ist eine uralte Frage moderner Demokratien, wie man die politische Willensbildung des Volkes so gestalten kann, daß partizipatorische Mitwirkung gestärkt wird und zugleich die Handlungsfähigkeit einer demokratisch legitimierten Exekutive sichergestellt wird. Diue deutsche Geschichte hat hierzu vielfältige Formen erprobt – u.a. in der Novemberrevolution 1918/19.

    Der Historiker wird angesichts der historischen Erfahrungen eine gewisse Skesis nicht unterdrücken, ob sich alle Bestrebungen, dabei von Parteien als Form des Ausdrucks pluralistischer Interessenartiukulation Abstand zu nehmen, als Königsweg erwiesen haben. Die bewußte Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Parteien und den darin sich betätigenden „Eliten“ und dem „Volk“ ist ein klassischer Topos antiliberaler Demokratieverachtung der extremen Gruppen seit dem frühen 20. Jahrhundert. Insofern fallen gerade dem Experten für die Weimarer Zeit Parallelen zwischen der heutigen Verächtlichmachung angeblich dem Volke entfremdeter Eliten und der ähnlich argumentierenden Parteienkritik der 1920er und 1930er Jahre auf.

    Beste Grüße
    Ihr
    W. Pyta
    …………………..

    Um nicht missverstanden zu werden, lieber Wolfram Pyta. Ihre Skepsis ist für mich nachvollziehbar. Es geht mir hier jedoch nicht um Demokratieverachtung, sondern um ‘mehr Demokratie’ (denken Sie an Willi Brandt und sein ‘…mehr Demokratie wagen..’).https://www.mehr-demokratie.de/news/voll/mit-buergerraeten-politik-mit-den-menschen-gestalten/
    Halte es für sehr wichtig diesem ‘mehr’ Raum zu geben, damit Kräfte wie eine AfD diesen nicht besetzt zwecks weiterem eigenen Machtzuwachs.

    Meine Skepsis und Sorge ist die, dass wir, z.B. ohne Wirtschaftsdemokratie im Sinne eines gutes Lebens aller Menschen ,kaum repressive Systeme u. Regime verhindern können – oder?

    L.G.-

  24. Mich interessiert, welche Gedanken die Mitlesenden angesichts des
    „Thüringer Debakels“ beschäftigen und vor allem, wie eine Wiederholung
    einer solchen Farce zu verhindern wäre?

  25. @Ute: oh je, da denke ich eine ganze Menge und jeden Tag kommen Varianten zu Details dazu! Danke für dein interessantes Gespräch mit W.Pyta, das auch viele Anregungen zum Weiterdenken gibt.

    Mit dem „Gedenken“ hat das alles nurmehr sehr von Ferne zu tun, weshalb ich gewiss in den nächsten Tagen dazu ein Posting verfassen werden, das auch die Beiträge hier inhaltlich aufnimmt. Das mache ich aber mit ein wenig Abstand – bitte also um Geduld!

  26. @Claudia, bitte mich in deinen Verteiler mit aufzunehmen für neu gesetzte Themen. :-)

  27. @Ute: sowas gibts hier nicht, hab es schon öfter überlegt, aber immer festgestellt, dass die dafür erforderlichen Erweiterungen recht viel Ärger und Mega-Spam-Wellen mit sich bringen können.
    Aber dein Wunsch motiviert, wieder einmal zu forschen, wie das einfach und sicher möglich wäre.
    Vorläufig kündige ich den nächsten Beitrag hier an – wer Kommentare abonniert hat, bekommt ja dann eine Meldung.

  28. Übrigens, zu dem Thema: Es ist eine Schande, dass RSS kaputt gemacht wurde. Stehen natürlich Interessen dahinter.

  29. […] meint auch Ute Plass, die in den Kommentaren einen Mail-Dialog mit dem Historiker Prf.Dr.Pyta gepostet hat. Sie kritisiert insbesondere die Macht- und Herrschaftsstrukturen von Parteien, doch […]

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