Claudia am 10. November 2019 — 3 Kommentare

Tante Adele – zwiespältige Erinnerung an meine Großtante

„Die Tante ist eine Rolle, die die heutige Gesellschaft gerade noch zulässt. In der nachfolgenden Generation – als Großtante – bleibt keine Rolle übrig.“

Der eindrückliche Satz stammt von Claudia Kilian, die auf „beziehungsweise weiterdenken“ über das Leben als kinderlose Großtante nachdenkt.

Ich musste sofort an meine Tante Adele denken. Sie war die Tante meines Vaters und spielte in unserer Familie eine bedeutende Rolle. Nicht weil sie so sympathisch gewesen wäre, oh nein! Sondern weil sie viel zu geben hatte: Durch ihre Unterstützung konnte meine Familie 1959 den großelterlichen Haushalt in Schwaben verlassen und nach Wiesbaden ins liberalere Hessen ziehen. Vorübergehend kamen wir in der Wohnung der Tante unter: eine geräumige 1-Zimmer-Wohnung mit einer kleinen fensterlosen Küche, die durch einen Vorhang vom Wohn-/Schlafzimmer (immerhin mit Balkon!) getrennt war.

Ich war grade mal fünf Jahre alt und erinnere mich nur an den grünen Hof dieser 50ger-Jahre-Siedlung, in dem ich mich oft aufhielt. Mehr Flucht aus der Enge und familiären Nähe war nicht möglich. Zum Glück fand sich bald eine eigene Wohnung, etwa 15 Gehminuten von Tante Adele entfernt. Ihr entkam ich damit allerdings nicht, denn in den 60gern besuchten wir sie regelmäßig an den Wochenenden. Wiederum nicht aus Anhänglichkeit, sondern weil sie etwas damals noch Seltenes besaß: einen Fernseher! Also verbrachten wir die Samstage und Sonntage wieder in ihrem Wohnzimmer und schauten fern.

Weil die Sitzgelegenheiten nicht reichten, wurden Gartenliegestühle aufgeklappt, dann fing die Langeweile an: Das ganze Erwachsenenprogramm ansehen, von mittags bis zum Sendeschluss! Nur wenn etwas über den Holocaust kam, wurden wir Kinder schon mal in den Flur gesperrt. Vor der Milchglasscheibe der Tür zum Wohnzimmer stellten sie sogar ein Feldbett hochkant, damit wir auch wirklich nichts mitbekamen.

Damals im Krieg…

Bei Tante Adele gab es immer dasselbe zu essen: Nachmittags einen geschmacklosen, trockenen Hefezopf (ohne Rosinen!), abends Brote mit Schmalz und Teewurst. Letztere hasste ich so sehr, dass ich große Brotportionen im Mund behielt, so zur Toilette ging und sie dort ins Klo entsorgte. Natürlich nicht immer, es ist nur das Drastischste, woran ich mich erinnere! Proteste und Verweigerungen waren unzulässig. „Damals im Krieg wären wir froh gewesen!“, sagte Tante Adele. Meinen Einwand, dass wir jetzt doch nicht mehr „im Krieg“ seien, ließ sie nicht gelten.

Dabei war Adele nicht etwa arm! Auch nicht reich, sie war pensionierte Lehrerin und hatte eine für damalige Zeiten auskömmliche Pension. Nach dem Krieg hatte sie Klassen mit 100 Schülern zu meistern, was sie im ihr eigenen Kommandoton, der keinen Widerspruch duldete, auch schaffte. Sie war klein und zierlich, ihre Autorität basierte auf nichts Körperlichem. Mit Männern hatte sie nichts am Hut, sondern gab die typische „alte Jungfer“, damals ein gängiges Role Model. Es war ihr sehr wichtig, mit „Fräulein Adele…“ angesprochen zu werden!

Es soll wohl einen Verlobten gegeben haben, der aus dem Krieg nicht zurück kam. Genaues weiß ich nicht, doch war sonnenklar, dass Adele einem Mann niemals wirklich nahe gekommen war. Wenn im Fernsehen Ballett mit männlichen Tänzern gezeigt wurde, errötete sie beim Anblick der eng anliegenden Tritkots, sah diese Sendungen aber gerne. Und als mal ein in Wiesbaden stationierter GI / Afroamerikaner in den Bus einstieg, in dem sie saß, erzählte sie später allen, sie habe „so einen schönen N…(nein, ich schreib das Wort nicht!) gesehen“ und wurde auch dabei ganz rot im Gesicht.

Als meine Familie längst einen eigenen Fernseher hatte, waren gelegentliche Besuche bei Tante Adele weiterhin Pflicht. Feiertage, natürlich ihr Geburtstag – und manches andere Mal verdonnerte mich meine Mutter, sie doch zu besuchen. Noch als Teeny leistete ich unwillig diese Besuche ab – unwillig, weil ich mit Adele im Grunde nichts zu besprechen hatte. Es gab regelmäßig Geld, so 20 oder auch mal 50 Mark – und dann regte sie sich bei jedem einzelnen Besuch darüber auf, dass wir doch „nur wegen Geld“ kämen. Ich fühlte mich beleidigt, jedes Mal, wollte ihr Geld nicht – aber sie bestand darauf. Völlig irre, wie ich fand.

Adeles Geheimnis des hohen Alters

Tante Adele wurde 94 Jahre alt. Wenn man dem folgen wollte, was sie dafür tat, um so alt zu werden, müsste man alle heutigen Ratschläge in die Tonne treten! Ihr Alltag war eine immer gleiche Routine. Sie kochte jede Woche mindestens einmal Salzkartoffeln mit einem Stück Huhn (ebenfalls gekocht), aß auch weiterhin ihre Stullen und Sonntags den langweiligen Hefezopf. Grünen Salat übergoss sie mit kochendem Wasser, „um ihn genießbar zu machen“. Sie rauchte bis an ihr Lebensende, allerdings in den letzten Jahren nur noch wenige Zigaretten pro Tag.

In Sachen Bewegung war auch nicht viel: Adele ging um die Ecke einkaufen, besuchte eine gleichaltrige Verwandte in der Nähe, machte manchmal ein Friedhofsbesuch – mehr erinnere ich nicht. Regelmäßig bestückte sie ihren Nordseitebalkon mit Fuchsien und anderen nicht winterharten Balkonpflanzen, die sie zur Überwinterung in den Keller schaffte. Dabei hat ihr dann wohl jemand geholfen. In ihren letzten Jahren kam auch täglich eine Nachbarin, die sie im Alltag unterstützte.

Krank war Adele nie, mal abgesehen von gelegentlichen Asthma-Anfällen, wenn sie sich über etwas aufregte. Mit 94 hatte sie es dann plötzlich „mit dem Magen“ und „kippte um“, wie mir berichtet wurde. Die Nachbarin rief den Notarzt, der die Einweisung ins Krankenhaus veranlasste. Nach der Untersuchung dort erfuhr sie, dass sie nicht wieder in ihre Wohnung würde zurück kehren können, weil die pflegende Nachbarin „aus Altersgründen“ nicht mehr helfen könnte. So zog sie es vor, lieber binnen weniger Stunden zu sterben.

Woran sie starb, blieb unklar, denn niemand wollte das wirklich wissen.

„Ich möchte ungern die skurrile Tante abgegeben“, schreibt Claudia im Artikel, der mich zu diesem autobiografischen Beitrag inspiriert hat. Genau das war Tante Adele, allerdings war ihre Skurrilität nicht von jener Art, die zum Schmunzeln Anlass gibt. Eher hat sie uns mit ihrer rechthaberischen Art und ihrem Asketismus genervt. Und doch: Sie hat auch ganz wesentlich geholfen in einer Zeit, in der es meine Eltern nicht leicht hatten. Ohne sie wäre meine Familie aus dem konservativen, schwäbischen Umfeld nie weggekommen – und ich wäre heute vielleicht ein ganz anderer Mensch.

Diskussion

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3 Kommentare zu „Tante Adele – zwiespältige Erinnerung an meine Großtante“.

  1. […] Ich muss schmunzeln, wenn ich diesen Beitrag lese. Er ist so weit weg von dem, was mir bei meinen Familienbilder durch den Kopf geht und doch so nah. Es ist schön, wie Claudia Klinger ihre Erinnerungen beschreibt. […]

  2. Ja, bei beiden Claudias gelesen, beide Texte sehr gerne. Und an meine Lektüre von kürzlich gedacht: Tante Martl, von Ursula März.
    Passt.
    Gruß von Sonja

  3. Schöner Lesetipp! Ich mache mich gleich auf die Suche nach dem Buch.

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